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Wie viele Rollen füllt eine Frau in ihrem Leben aus? In Szenen und Bildern von Begegnungen mit Mensch, Tier und Umwelt lässt uns die Autorin an der Beantwortung dieser Frage für ihr Leben teilhaben. Blitzlichtartig tauchen Erlebnisse aus dem Erinnerungsfilm ihres bewegten Lebens auf. Dankbar und liebevoll und zugleich kritisch und ironisch wird der Leser zum Miterleben und Mitdenken eingeladen.
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Und du wartest, erwartest das Eine,
das dein Leben unendlich vermehrt;
das Mächtige, Ungemeine,
das Erwachen der Steine,
Tiefen, dir zugekehrt.
Es dämmern im Bücherständer
die Bände in Gold und Braun;
und du denkst an durchfahrene Länder,
an Bilder, an die Gewänder
wiederverlorener Fraun.
Und da weißt du auf einmal: das war es.
Du erhebst dich, und vor dir steht
eines vergangenen Jahres
Angst und Gestalt und Gebet.
(Rainer Maria Rilke)
Unser Leben ist voller Geschichten, Anekdoten, Kurzfilmen, es ist voller Gerüche, Farben, Töne und Stimmungen. Es ist ein Buch, in dem ich blättern kann, ein Gemälde, in dem ich die Zusammenhänge erlebe, es ist mein Reich der Erinnerung, in das ich eintauche, wenn ich die Augen schließe oder wenn von außen ein Anstoß kommt. Das kann der Gang oder der Gesichtsausdruck eines Menschen sein, der unerwartete Ruf eines Vogels, das Vorbeihuschen von etwas, dem ich vorerst keinen Namen geben kann.
Ich fühle mich immer wieder aufgehoben in dem großen Paradoxon, dass ich nur ein winziger Punkt in einem unermesslichen Universum bin, nur einer unter Milliarden ebensolcher Punkte und dass ich doch so einmalig und wichtig bin, weil mein Bewusstsein alles zu umfassen sucht und von allem berührt wird. Leben ist für mich ein Wunder, das mir in vielen Einzelbegegnungen erfahrbar wird.
Das ist der Ausgangspunkt für meine Rückschau, die in Anekdoten und Portraits diese innere Welt der Erinnerung von 80 Jahren wiederzugeben sucht. Nichts ist daran vollständig, oft ist es nur ein kurzes Aufblitzen aus dem Dunkel des Vergangenen, doch alles ist unvergessen und ein Schatz, den ich nicht missen wollte.
Vorwort
Aus Kindheit und Jugend
A. Das siebente Geißlein – Kindheit
B. Das hässliche junge Entlein – Jugend
Menschen auf meinem Weg
Vorbemerkung
Vergänglichkeit
A. Sternstunden unserer Familie
Die kleine Friseurin
Befreiung
Die ungleichen Brüder
Das Indianerkanu
Das Ärgernis
Hoch hinaus
Die gute alte Zeit
Das ist Spitze
Das Leben beginnt erst
Paradox
Die heimatlose Generation
Das Recht des Stärkeren
Die endgültige Entscheidung
Gespräch am Krankenbett der Oma meiner Schwiegertochter
Abschied
Hut ab
Er und Sie
B. Begegnungen in Studium, Beruf und Nachbarschaft
We shall overcome one day
Apropos Männer
Me too
Das kapitalistische Getränk
Unfreiwillige Ironie
Sparschwein Auto
Politiker einmal anders
Das verlorene Selbst
Der alte Seebär
Die Sprache öffnet Türen
Das goldene Wiener Herz
Verhaltensgestört
Autorität
Die stumme Sprache
Ein Skript
Gewandt auf internationalem Parkett
Menschliches und allzu Menschliches
Das Ungesagte und das Unsagbare
Noli me tangere
Die unbekannte Nachbarin
Weiße Hortensien
Übergang
Mary
C. Vielerlei Begegnungen
Stumme Freunde
Bis zum Himmel – Bäume
Der Kreis schließt sich – Landschaften und Städte
Kaleidoskop von Sinneseindrücken
Tiere, unsere besten Freunde
Vorbemerkung
A. Was Tiere von uns erzählen
Lebenserinnerungen eines Familienhundes
Hier bin ich der Chef!
Klein, aber oho
Das Gastgeschenk
Standesunterschiede
Warum?
Dazu wären sie also fähig!
Unerwartetes Abenteuer
Verteidigung
Wer bin ich?
B. Was wir über unsere Tiere erzählen
Geora (Hase)
In memoriam (Hund Strasko)
Mimi (weiße Maus)
Unglaublich (Lipizzanerstute)
Wie eine Wildkatze (Daphne)
Wü net (Papagei)
Ein Nachruf (Gambit, Retriever)
Portrait einer Dame (Suki, Hauskatze)
Vorurteilsfrei? (Dobermann)
Kuhlimuh (Kühe)
Lebendige Antike (Gänse)
Schwein gehabt! (Hausschwein)
Begegnungen mit vielerlei Tieren
Schlusswort an meine Freunde
Abschied von meinen Lesern
Mein innerer Motor, der mich nie verlässt, ist mein Kinder-Ich. Es hat mich all die Jahre begleitet, beraten und beschützt. Heute soll es zu Wort kommen und erzählen, was es die ersten 12 Jahre meines Lebens an Schönem und Schrecklichem mitgemacht hat.
Ich bin schon groß, sagen die Erwachsenen, die für mich die »Großen« sind, weil ich auf den Topf gehen kann. Aber SIE machen das doch nicht. Bin ich wirklich groß? Doch – seit heute weiß ich, dass ich groß bin. Hör zu!
Der Tag ist irgendwie anders. Grazermama (Mutter meines Vaters) ist unruhig, keiner kümmert sich viel um mich. Also krame ich in meiner weißen Spielkiste. Ich mag das, wenn alles durcheinander fällt, vor allem die Bausteine klappern dann so schön. Also rühre ich gerne nur einfach in der Kiste um. Weil sich niemand um mich kümmert, mache ich das eben auch jetzt. Die Kiste steht vor der großen Flügeltür, von der aus du vom Wohnzimmer ins Schlafzimmer gehen kannst. Die Tür ist zu. Eine fremde Frau kommt, sie darf hinein, ich nicht, ärgerlich, warum nicht?
Bald dämmert es mir auch, warum. Ich höre Schreie drinnen. Was tut meiner Mutti denn so weh? Ich will ihr zur Hilfe kommen, aber ich reiche noch nicht bis zur Klinke hinauf, ich rufe nach Grazermama (=Mutter meines Vaters aus Graz). Sie nimmt mich hoch und erklärt mir, dass ich da jetzt nicht hinein kann. Ich sage, dass es Mutti schlecht geht. Sie tröstet mich, dass alles gut wird, ich soll nur schön weiterspielen. Aber so einfach geht das nicht, wenn Mutti schreit. Ich lausche, fürchte mich und warte. Endlich hört das Schreien auf. Alles ist still, dann ein ganz unbekanntes Geräusch, etwas ganz anderes, als ich bisher hörte.
Nach schrecklich langer Zeit geht die Flügeltür auf, und die fremde Frau kommt heraus, sagt, sie heißt Erna, und hat in ihren Armen eine Puppe, ja eine Puppe, aber die bewegt sich von selber!
Dann geschieht etwas Unglaubliches. Sie neigt sich zu mir herunter, zeigt mir diese Puppe und sagt: »Das ist dein Bruder Fritzi«. Wo kommt der jetzt her? Sie sagt irgendetwas auf meine Frage, ich weiß nicht genau, was ich denken soll. Aber eines weiß ich, diese Puppe, die sie Fritzi nennt, will ich anfassen und halten. Ich schaue die Frau ganz flehend an und bitte, so gut ich kann. Da geschieht es, sie legt das kleine Binkerl in meine Arme und hält schützend ihre darunter. Das kann ich dir gar nicht sagen, wie stolz ich in diesem Moment bin. Da begreife ich erst wirklich, dass das mehr als eine Puppe ist. Ich spüre, wie vorsichtig diese Erna ist, die sie Hebamme nennen. Das steckt mich an und wie ein Blitz geht mir auf, dass ich mich um dieses kleine Wesen, genannt Bruder, kümmern muss. Ich muss lieb zu ihm sein und noch dazu versprechen alle, dass ich auch mit ihm spielen werde können. Nur jetzt muss man sehr, sehr auf ihn aufpassen. Das stimmt auch, denn schon fängt er zu weinen an. Was will er nur? Aber das klingt ja so, wie ich es vorher hinter der Tür gehört habe.
Und ich werde lieb mit ihm sein, denn ich bin schon groß, und sie hat mir vertraut, die Erna, ich durfte ihn halten. Weiß nicht, was mich froher macht, dass ich das schon kann oder dass ich einen Fritzi bekommen habe. Und ich will glauben, was sie alle sagen, dass er größer wird und ich mit ihm dann spielen kann.
Heute machen Vati und ich einen Ausflug nach St. Gilgen, der kleine Fritzi bleibt zurück bei den Großeltern. Ich darf mitfahren, Mutti zu besuchen. Sie ist in einem Heim, wo Kranke gepflegt werden. Aber mir sagen die Großen, dass ich noch einen Bruder bekommen habe. Vom ersten weiß ich, wie so ein kleiner Kerl aussieht, denn ich hab ihn ja selbst halten dürfen. Ich freue mich darauf, wieder so ein Binkerl in die Arme gelegt zu bekommen. Am Weg dorthin interessiert mich rein gar nichts, ich bin so neugierig, ich will nur den Neuen sehen und in der Hand halten dürfen.
Endlich kommen wir in das große Haus. Lauter Gänge, lauter Türen, alles weiß. Es gibt auch Gänge mit Fenstern, die führen nicht ins Freie sondern in einen andern Gang oder in ein Zimmer. Da bleiben wir stehen. Ich bin so aufgeregt, dass ich nicht genau höre, was mein Vati sagt und was die Schwester antwortet. Dann geschieht das, was ich nicht erwartet habe: Vor so einem inneren Fenster erscheint eine Schwester mit einer weißen Schürze und einer Haube. Sie geht ganz nah ans Fenster und zeigt mir ein weißes Bündel, aus dem ein rosa Gesichtchen hervorschaut und blaue Augen. Die Haube ist so weit in die Stirn geschoben, dass ich nicht sehe, ob er Haare hat. Ich will meinen neuen Bruder in die Arme nehmen. Aber sie machen das Fenster nicht auf, er wird mir nur gezeigt, und ich soll mich freuen. Kurz ist dieser Moment, schon geht die Schwester wieder weg. Nicht einmal Mutti darf ich sehen. Was ist denn da los? Das passt ja überhaupt nicht. Warum darf ich nicht hinein? Sie sagen, das Putzerl ist noch zu klein, zu schwach, aber das war Fritzi doch auch nicht – damals... Sie sagen, Mutti ist krank, aber sie wird wieder gesund, sie sagen, ich muss jetzt tapfer sein. Das muss ich immer sein, wenn etwas weh tut oder wenn etwas für mich nicht zu haben ist. Tapfer? Nein, das ist mir ganz gleich, ich will gar nicht tapfer sein, ich will hinein, ich weine. Vati mischt sich jetzt ein, er sagt, wir können das jetzt nicht ändern, wir fahren wieder zu Fritzi heim. Mir kommt vor, ich bin um etwas gebracht worden, worauf ich mich so gefreut habe und das mir nie wieder geschenkt werden wird. Ich bin ganz traurig.
Vati will weiterfahren. An mir geht alles vorüber. Ich merke nur, dass auch er eine sehr schlechte Laune hat. Aber er sagt kein Wort, er tröstet mich auch nicht. Ich starre einfach vor mich hin. Erst als wir nach langer Zeit wieder durch das Gartentürl heim in unseren Garten kommen, werde ich von dieser Traurigkeit erlöst. Mein Bruder wackelt mir mit seinen windschiefen Beinen entgegen und lacht übers ganze Gesicht. Vielleicht war ihm langweilig, weil ich nicht da war. Er bringt es zustande, dass ich auftaue und endlich kann ich auch wieder lachen. Und einerlei: Die Sonne scheint, Fritzi lacht, wir werden spielen und ich muss halt glauben, dass Mutti wieder kommt und dass sie das rosa Gesichtchen mitbringt, das sie Walther nennen. Es wird schon wieder gut werden, weil Fritzi da ist und so lustig ist. Und hinter ihm kommt meine Salzburger »Mama« (Mutter meiner Mutter, von uns auch genannt »Salzermama«)- Sie nimmt mich endlich in die Arme und alles ist auch wirklich wieder gut.
Anmerkung: Als ich schon 40 Jahre alt war, erzählte mir mein Vater, dass er damals nahe am Selbstmord war, weil er zu begreifen begann, dass alles, was er für richtig gehalten hatte, in eine Katastrophe führen würde. Aber er musste auf mich aufpassen, er wusste nicht, wohin mit mir, so überlebte er. Ich habe alles ganz schrecklich in Erinnerung, aber den eigentlichen Schrecken habe ich damals nicht begriffen.
Der Radio geht schon den ganzen Tag. Was ist los, warum sind alle so aufgeregt, die Großen sagen »nervös«? Im Radio schreien sie auch viel herum. Was soll das? Aber schön still sein, nicht auch noch mit dummen Fragen die Großen aufregen, schön stillhalten – wie immer. Nur mein Bruder beginnt immer wieder zu schnattern, ihm fällt auch rein gar nichts auf. Und der noch kleinere kann grade mal anständig gehen, der hängt Mutti am Rockzipfel. Mama macht ein Essen für alle. Sie sagen, sie ist nicht meine Mama, sondern die von Mutti. Aber die zwei reagieren einfach auf Mutti und Mama. Mir soll es recht sein, aber ganz klar ist mir das nicht. Aber jedenfalls sagt Mutti auch Mama zur kleinen Frau, die immer arbeitet und die ich sehr mag.
Und nun rieche ich etwas. Sogar durch das geschlossene Fenster kann ich den Rauch riechen, den die »Vermöbler« – so nennen wir sie – machen. Sie kochen irgendetwas in einem großen Fass. Das steht außerhalb von unserem Zaun auf der Wiese. Da steigen jetzt Unmengen von Rauch auf, die sich überallhin verbreiten. Es schaut aus wie dichter Nebel. Kennst du Nebel im Herbst? Und es stinkt, sag ich dir! Aber ich kann mir ja nicht immer die Nase zuhalten. »SZSZSZZ« schreit die Sirene, alle rennen, schnell schnappen sie noch etwas – und dann ab in den Keller. Diesmal, sagen sie, war es sehr knapp, nur 10 Minuten. 10 Minuten was? Sie brauchen es nicht zu erklären. Ich höre es. Kaum sitzen wir im Obstkeller, geht es schon los. Es zischt, es brummt, es knallt, es wackelt, es braust wie eine Höllenmaschine, es rollt davon wie Donner.
Weißt du, ganz schrecklich fühle ich mich, wenn das Haus wackelt, ja es fühlt sich an, als würde das Haus um ein Stück nach vorn oder hinten, rechts oder links springen. Das ist wahrhaft schauerlich. Ich ziehe immer den Kopf ein bisserl ein, damit mir nichts drauf fallen kann, manchmal mache ich auch die Augen zu, dann kann mir nichts passieren – wirklich?. Mir kommt vor, die Mauern stürzen ein. Ich zittere. Ich schaue, was die andern machen. Meine Brüder schauen stumpfsinnig zu Mutti oder Mama. Mein Großvati macht ein bitterböses Gesicht. Mutti schaut mich an, als wollte sie mich bitten: »Sag jetzt nichts, sag einfach nichts, da gibt es nichts zu sagen, sonst wird es noch schlimmer!« Aber den letzten Teil vom Satz sagt sie schon gar nicht mehr laut. Den sehe ich in ihren Augen, große angstvolle Augen. Aber ich habe doch selber solche Angst, warum darf ich nicht sagen, dass ich mich sooo fürchte. Ich presse meine Lippen zusammen. Aber das Toben ist noch nicht aus. Ich weiß, anhalten nützt nichts, nicht an den Menschen und nicht an der Wand. Wenn es nur schon vorbei wäre!
Da bekommen wir, damit wir ruhig bleiben, die kleinen Märchenbücher, die Mutti immer im Keller versteckt hält. Die sind so klein, dass wir sie gut durchblättern können. Vorne ist ein Bild drauf und hinten ein riesiger Stempel. Manchmal liest ein »Erwachsener« etwas daraus vor. Du musst wissen, unsere Welt ist genau eingeteilt in Erwachsene und Kinder. Kinder dürfen nicht so viel wie Erwachsene und sie bekommen auch ganz selten ein Stück Wurst nicht so wie Großvati. Aber ich mag das Grießkoch, das wir stattdessen bekommen, überhaupt nicht. Naja, ist ja jetzt auch egal.
Ich habe das Märchenbuch in der Hand. Und weil es heute besonders schlimm kracht, liest auch keiner etwas vor, aber ich kann es mir selber vorlesen, hab es schon oft genug gehört. Das bringt mich wirklich auf andere Gedanken. Kennst du das Märchen von den sieben Geißlein? Die Mutter muss weggehen, der Wolf schleicht sich an und verstellt seine Stimme, die Geißlein machen die Türe auf und nur das kleinste, das siebente Geißlein kann sich retten – in den Uhrkasten. Ich bin mir ganz sicher, dass ich das 7. Geißlein bin, ich koste es aus, wie gescheit es ist, wie dumm der Wolf ist und wie sicher es im Uhrkasten ist. Ich werde gerettet, ganz sicher!
Anmerkung: Im Laufe der etwa 1 1/2 Jahre Luftangriffe entstanden direkt neben unserem Garten und Haus auf der Einflugschneise zum Bahnhof 5 große »Bombenkrichter« (= Bombentrichter). Wenn der Bombenalarm so kurz vor der Bombardierung ertönte, konnten wir nicht mehr die halbe Stunde zum Luftschutzkeller gehen. Aber wir wurden verschont, weil ich das 7. Geißlein war, kein Luftgeschwader hat uns getroffen. Ich habe das immer und bereits sehr früh als ein Zeichen ausgelegt, dass ich mich besonders anstrengen muss, weil es mir so gut geht.
Aber einmal ist das Toben aus. Großvati macht die Kellertür auf. Endlich kommt wieder frische Luft herein. Ich laufe als Erste hinaus. Da sehe ich eine kleine Puppe in der Nähe liegen. Ich wünsche mir doch so sehr eine Puppe. Die sieht auch ganz lieb aus. Ich greife schon danach, will sie hochnehmen, da lässt mich ein verzweifelter Schrei von meinem Großvati auf der Stelle starr werden. Ich bin wie eine Statue ohne Bewegung. Was in aller Welt ist denn los? Er schreit: »Hände weg! Rühr nichts an, das ist ein Sprengkörper. Diese Schweine, sie werfen einen Sprengkörper ab!« Welche Schweine und was ist ein Sprengkörper. Na, die blöden Amerikaner, diese Hunde, sie töten unsre Kinder, weil sie Spielzeug abwerfen. So eine Gemeinheit.
Die erste Probe hab ich also schon gut überstanden, die zeigt, dass ich mich verlassen kann, dass ich gerettet werde, weil ich das 7. Geißlein bin.
Die Tür wird gleich wieder zugemacht und Großvati bleibt draußen. Irgendwie schwant mir, was er da macht. Wo bringt er denn das Ding nur hin? Ich habe ein mulmiges Gefühl. Wenn es so gefährlich ist, dann ist es ja auch für ihn so gefährlich. Ich frage einfach: »Warum darf Großvati hinaus, was macht er da?« Antwort: »Er war ja ein Soldat, er weiß, wie man mit so einem Ding umgeht.« »Hm, ein Soldat, was ist das genau?« Weitere Fragen sind jedoch sinnlos, alle sind zu aufgeregt, der Magen zieht sich mir zusammen.
Der Radio geht wieder die ganze Zeit. Wir wollen grade unser Mittagessen essen. Mama deckt den Tisch. Da springt meine Mutti auf, ruft uns alle zusammen, schnappt sich ein paar Sachen, zieht uns an und ...? Mit meinem kleinen Bruder im Kinderwagen und Fritzi an Muttis Hand gehen wir weg. Es stimmt wieder alles überhaupt nicht. Ein dumpfer Druck breitet sich aus, ich gehe Schritt für Schritt, aber es ist so schwer. Mein Bruder Fritzi kann nicht mehr gehen, er darf auf einem Brett auf dem Kinderwagen sitzen. Er grinst leicht vor sich hin, weil es so viel bequemer ist. Ich stapfe mit Mühe weiter und denke mir, warum muss immer ich besonders brav und tüchtig sein. Mutti sagt: »Du bist ja schon groß, du kannst das.« Was? Die andern haben es immer besser. Da hab ich auch nichts davon, dass ich »schon groß« bin. Aber ich sage lieber nichts, Mutti schwitzt auch genug neben mir mit den zwei Buben und dem Wagerl. Sie sagt nichts, ich merke, wie sie immer schneller geht. Es wird anstrengend. Nur eins lässt mich nicht los, der Gedanke, warum mein Großvati und Mama zu Hause bleiben. Großvati ist sehr krank, sagt meine Mutti, und Mama muss bei ihm bleiben. Da bekomme ich Angst, weil Mutti sagt, dass wir nach Aigen zur Kirche gehen in den Luftschutzkeller. Denn bald kommen die Flieger. Großvati und Mama wird es gut gehen, aber wir müssen nun schneller gehen, es riecht schon irgendwie – wie – es wird schwer zu atmen, wenn wir so schnell gehen müssen und mir so viel im Kopf sitzt. »Sorgen« sagen die Großen, ich habe auch Sorgen. Ich spüre, dass es eilt, aber ich weiß NICHTS genau, kennst du das Gefühl, es ist sehr schlimm, nichts zu wissen, aber spüren, dass etwas kommt, sehr schlimm.
Endlich sind wir dort. Im großen Hügel vor der Kirche ist ein Eingang in den Berg, den du nur findest, wenn du weißt, wo er ist. Das weiß meine Mutti. Wir schieben uns vorsichtig durch die Tür. Da kommt ein Schwall von stinkigem Dunst über mich, es ist dämmrig mit wenigen Glühbirnen, die von der Decke hängen. Aber der Raum ist voller Menschen. Manche sitzen, manche stehen, alle reden durcheinander. Jeder sucht einen guten Platz zu finden. Uns drücken sie einfach auf die Seite. Meine Mutti schimpft, damit wir überhaupt ein bisschen Luft und Platz bekommen. Keiner hilft ihr, jeder schaut mit Ärger auf uns, als wollte er sagen, was wir denn eigentlich da auch noch machen. Dann vergeht die Zeit, aber es fühlt sich an, als wollte sie gar nicht vergehen. Ich schaue den andern zu, wie sie anfangen zu essen. Der hat sogar einen Apfel! Oh, ich möchte auch einen Apfel. Mutti kramt im Sackerl. Sie hat keinen Apfel mit, nur ein Stück Brot. Wir sind einfach zu schnell weggegangen. Irgendwie spüre ich es im Magen, dass ich nichts so Gutes bekomme wie diese andern Leute, die uns ja gar nicht mögen. Und es ist eine so dicke Luft, es stinkt, ja es stinkt. Es ist wie ein böser Traum. Aber wenn hin und wieder ein Neuer bei der Tür hereinkommt, hört man den Lärm von draußen. Und ich kenne diesen Lärm schon, wir sind in Sicherheit, sagen die Großen, aber was da draußen ist, nennen sie Luftangriff. Ich vergesse sicher nicht, wie sich so etwas anhört, wie es übel in die Nase kriecht, wie es rumort, wie es Angst macht, auch wenn wir hier sind – in Sicherheit. Aber was ist mit Großvati und Mama, wird das Haus einfallen, wenn es hin- und herspringt? Ich mache die Augen zu, damit die Angst kleiner wird. Meine Mutti sagt: »Ja, schlaf ein bisserl!« Weiß sie, was ich denke?
Jetzt sind wir nicht mehr in Salzburg, wir sind jetzt bei meiner Tante, die eigentlich die Tante von Mutti ist. Sie hat ein Gasthaus auf einem Berg. Wenn ich hinunter schaue, kann ich den Ort sehen. Wenn ich ganz genau hinhorche, kann ich sogar die Ache rauschen hören. Sie nennen den Ort Bad Gastein. Wir wohnen im Seitenteil des Gasthauses. Vor uns ist eine Terrasse, wo Gäste sitzen können. Aber jetzt sind fast keine da. Wir sind ja auch da, um uns zu verstecken. Jeden Tag, wenn es noch ruhig ist, gehen wir in die Hütte und setzen uns zwischen die Kartoffelsäcke. Mutti sagt, das schützt uns vor den Fliegern. Hier fliegen sie nur drüber, in Salzburg ist es jetzt zu gefährlich. Das habe ich ja schon gespürt. In der Hütte ist es aber langweilig. Da kann man nicht spielen. Da muss man einfach warten. Wir haben auch eine Jause mit. Das ist die einzige Abwechslung. Ich habe herausgefunden, dass es Ritzen zwischen manchen Brettern gibt. Da kann man durchschauen und wenigstens etwas von draußen mitkriegen. Heute Morgen wurde es mir aber zu dumm. Wir waren zu spät dran, um in die Hütte zu gehen. Wir mussten im Haus bleiben. Da dachte ich mir, das ist eine gute Gelegenheit, mal schnell raus zu rennen und die Flieger anschauen. Drei sind direkt über uns drüber geflogen. Aber ich konnte sie nicht lange beobachten. Ich war schon etwas von der Haustür weg, da schrie meine Tante »Zurück, sofort zurück!«, als würde sie erschlagen, so laut. Ich musste einfach umdrehen, um sie zu beruhigen. Sie schimpfte und predigte, dass schon manche Leute ihre Neugier umgebracht hat. Meine Mutti zitterte nur noch. Warum? Die sind ja eh drüber geflogen. »Ja, aber die hätten auch auf dich schießen können.« Irgendwie komme ich mir nicht so wichtig vor, als dass sie auf mich schießen. Und ich habe ihnen auch nichts getan!
Jetzt muss ich wieder in dem engen Zimmer sitzen, wo wir 3 Kinder und meine Mutti leben. Mein Bruder ist noch ein Baby und überall hängt die nasse Wäsche und riecht es nach Windeln. Es ist eng und feucht. Ich fühle mich gar nicht wohl, noch dazu ist ja meine Puppe kaputt. Ich möchte da wieder hinaus. Aber das ist jetzt streng verboten. Ich soll »tapfer« sein. Dieses Wort mag ich gar nicht, wie ich mal gesagt habe. Es ist sehr anstrengend und sehr traurig, tapfer zu sein.
Ganz kurz war nämlich Vati da. Dann hat er sich wieder verabschiedet und er sah mich so traurig an. Das kann ich dir nicht sagen, wie. Aber es ist mir wie ein schwerer Schlag auf die Brust gefallen. Was meint er denn, wenn er mich so ansieht. Dumm wie mein kleiner Bruder bin ich nicht mehr. Etwas ganz Schlimmes ist da los. Was nur, was nur, ich bin sooo traurig. Er hat mich so traurig angeschaut.
Anmerkung: Die Atmosphäre nehmen Kinder voll auf. Es ist dann verstörend, wenn sie nicht herausfinden, was los ist. Meine Mutter hat es später nicht einmal mir erzählt, sondern nur meinem Bruder. Damals gab ihr mein Vater eine Pistole, um uns alle zu erschießen, weil der Krieg mit der bekannten Niederlage zu Ende zu gehen schien. Meine Mutter zerlegte die Pistole in kleine Teile, die sie in die Gasteiner Ache warf. Ich erinnere mich noch genau, dass wir um diese Zeit in der Kirche von Bad Gastein getauft wurden. Anwesend war meine Tante. Ich glaube, sie war wirklich eine Stütze meiner Mutter.
Mein Bruder hat den Le-Le, eine Stoffpuppe, und ich habe auch eine Puppe aus Stoff mit einem Kleid und einem Gesicht, das aufgemalt ist. Sie ist nicht echt, ich mag sie eigentlich nicht sehr. Meine Mama hat sie genäht. Immer noch denke ich an meine schöne erste Puppe mit einem runden Kopf und blauen Augen und roten Lippen. Sie hatte auch Arme und Beine, die ich bewegen konnte und natürlich ein Kleid mit Blumen drauf. Das hatte sie von meiner Tante. Ich hab sie immer weich gebettet und in frisch gewaschene Windeln von meinem Bruder eingewickelt. Ich habe sie gestreichelt und versucht sie zu kämmen. Aber einmal habe ich ihr Gesicht gewaschen und auch ihre Augen. Da habe ich zu stark gedrückt und ihre Augen hineingedrückt, so dass das Gesicht meiner Puppe schlimm aussah. Ich wollte die Puppe zum Doktor bringen lassen. Aber meine Tante und meine Mutti sagten, das geht jetzt gar nicht. Es kommen jeden Tag die Flieger. Wir können nicht hinausgehen. Ich habe sie mit einem Taschentuch verbunden, aber die Augen sind nie mehr geheilt. Die Großen haben ernst dreingeschaut und festgestellt, dass nun die Puppe kaputt ist. Was soll denn das heißen, kaputt, dann bin ich ja auch kaputt, wenn ich krank bin. Die Puppe ist nur krank. Aber weil sie doch kaputt war, ist sie eines Tages verschwunden und mir wurde gesagt, dass sie nicht mehr wiederkommt und eine andere können wir nicht kaufen. Kaufen? Ich hatte sie doch lieb. Ich war noch viel kleiner als heute, aber ich habe die Erwachsenen nicht verstanden und ich war sehr traurig. Meine Stoffpuppe, die mir Mama genäht hat, ist lang nicht so schön und ich hab sie einfach nicht so lieb.
Aber ich habe mir etwas ausgedacht. Da kommst du nicht drauf. Ich fange immer die Katze vom Nachbarn ein. Ich streichle sie ein bisschen, dann setze ich ihr die Haube von meiner Stoffpuppe auf und lege sie in das weiße Puppenwagerl und decke sie ordentlich zu. Und dann ... geht es an, sie lässt sich nur ganz kurz herumfahren, dann strampelt sie sich frei und ist mit einem Satz aus dem Wagerl draußen und für heute verschwunden. Ich wollte ihr doch noch ein Kleid anziehen. Ich rede ihr so gut zu, aber sie will einfach nicht im Wagerl bleiben, wo ich sie doch so gut behandle. Sie will nicht mein Putzi sein. Nur komisch, nächsten Tag traut sie sich doch wieder in unseren Garten. Ich versuche es wieder, und wieder endet alles wie vorher. Schwups ist sie weg. Aber am übernächsten Tag kommt sie wieder und wir spielen wieder miteinander. Ja, ich glaube, für sie ist das eben IHR Spiel, mir zu entwischen. Und für kurze Zeit habe ich auch ein schönes Spiel mit ihr. Doch irgendwie ärgert es mich schon, dass sie gar nicht nachgibt. Sie könnte doch auch einmal länger stillhalten, bis sie das Kleid anhat. Schade!
Warum dieser Stock bei uns so heißt, weiß ich nicht, aber mein kleinster Bruder weiß, wie er sich anfühlt, wenn Mama kommt, ihm eins damit »schnalzt« und ihn dann in die Ecke schickt. Ich kapiere nicht immer, was er eigentlich verbrochen hat, aber er tut mir jedes Mal leid. Doch lässt er sich nicht so leicht einschüchtern und ein anderes Mal fällt ihm wieder eine Dummheit ein, die meine Leute in Wut bringt, und er bekommt wieder dieselbe Strafe. Eigentlich bewundere ich ihn, mutig ist er schon. Ich traue mich das nicht.
Aber gestern hab ich mich auch etwas getraut. Horch zu: Du weißt ja, dass ich eine schöne, »echte« Puppe möchte, weil ich meine erste Puppe – wie sie sagen – kaputt gemacht habe und wir keine neue bekommen haben. Ich habe ein Puppenwagerl, aber keine richtige Puppe dafür. In unserem Keller wohnt Annie, sie geht schon in die Schule (ich auch bald). Ich plaudre oft mit ihr. Da sitze ich auf ihrem Fensterbrett, das grade so hoch wie ein Bankerl ist, und schaue in ihr Zimmer hinunter, eigentlich ist es die Küche. Hinuntergehen und mit ihr spielen darf ich nicht, weil ihr Vati sehr krank ist und wir auch krank werden könnten, »anstecken« nennen es die Großen. Aber wir reden auf diese Weise miteinander. Sie ist lieb.
Gestern war das Fester offen und sie war nicht da, sonst auch niemand. Weiß nicht, ob sie vergessen haben, es zumachen. Jedenfalls war die Versuchung für mich zu groß, ich sah die Puppe auf dem Sessel. Sie war so schön wie meine verschwundene. Ich wollte sie so gerne haben. Da stieg ich ins Zimmer runter. Zum Glück stand ein Tisch beim Fenster und ich schnappte mir die Puppe. Ich wollte mit ihr spielen. Aber ich habe wieder einmal nicht mit meiner Mama gerechnet. Sie fragt: »Woher hast du die Puppe?« Ich stottere herum. Sie: »Na, wart nur, das werde ich dir austreiben, in eine fremde Wohnung zu steigen und etwas zu stehlen. Was glaubst du denn, was Annemie denkt!« Während ich noch über das Wort »stehlen« nachdenke, zischt es schon um meine Wadeln, das berühmte spanische Röhrl. Ich sag dir, das tut gar nicht gut! Schrecklich weh! Und wie Mama zornig ist, das tut auch nicht gut. Was bin ich nur für eine schlimme Sünderin, ich bin ganz zerknirscht. Dann zwingt sie mich noch, die Puppe dorthin zurück zu legen, woher ich sie hergenommen habe. Heute bin ich noch immer traurig und irgendwie finde ich alles nicht richtig, nicht ...?
Anmerkung:
Ich fand damals das Wort nicht, aber ich spürte es. Etwas war nicht gerecht. Annemie hatte etwas, was ich nicht hatte, ich wollte es und wurde dafür bestraft, dass ich es mir holte. Mein erster sozialer Zwiespalt.
Ich habe euch doch erzählt, dass ich mich immer wie das 7. Geißlein fühle seit damals, als »Krieg« war, wie die Erwachsenen das Durcheinander nannten. Das habe ich jetzt wieder bewiesen. Ich habe es geschafft. Willst du wissen, wie?
Ich bin jetzt im Krankenhaus. Wie ich daher gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Aber was vorher war, weiß ich. Das war noch schlimmer als das mit den Fliegern. Auf einmal – ich weiß nicht, wie das gekommen ist – hab ich keine Luft mehr bekommen. Ich habe geatmet, aber nichts ging in mich hinein. Ich habe das Gefühl gehabt, dass gleich mein Kopf platzen wird vor Anstrengung, Luft zu holen, die nicht in mich hinein will. Mutti hat in der Küche nasse weiße Leintücher aufgehängt. Sie hat ihren Kopf über mich gebeugt und in einem fort gesagt: »Atme, Traudi, bitte atme, atme, du musst nur probieren zu atmen, bitte!« Sie war panisch und ich bekam auch Angst. Ich habe mich angestrengt und angestrengt, sie hat geredet und geredet. Und dann weiß ich nichts mehr.
Sonst wenn wir krank waren, hat uns Großvati immer mit dem Leiterwagerl zum Doktor gefahren. Aber heute erinnere ich mich an nichts. Sie sagen, das Rettungsauto hat mich hierher gebracht.
Nun bekomme ich wieder Luft, aber stell dir vor, ich muss die ganze Zeit am Balkon des Krankenhauses in einem Bett liegen. Die Schwester sagt, ich bin sehr krank und das muss so sein, ich darf nicht zu den andern Kindern ins Zimmer hinein. Aber da ist es so langweilig, einfach grau, regnerisch und traurig. Ich will zu den andern hinein.
Endlich darf ich wieder ins Zimmer hinein. Langsam wird es mir auch noch besser und ich denke an die Polsterschlachten mit meinem Fritzi in Graz und in Salzburg. Ich möchte schon wieder daheim sein. Aber meine Nachbarin ist auch recht nett. Wir tauschen aus Freundschaft die Polster aus. Da kommt grade die Schwester bei der Tür herein und schreit starr vor Schreck: »Die Polster dürft ihr nicht tauschen, nein, nie mehr, das ist streng, streng verboten.« Wir fragen natürlich »Warum«. Für uns ist das nichts Besonderes. Da sagt sie das Wort, das schwer auszusprechen ist, aber das ich mir sicher merken werde: »Du Unglückskind hast doch Pseudokrupp! Das ist ganz ansteckend.« Von wegen ansteckend. Das muss sie uns auch noch erklären. Ich darf jetzt nur im Zimmer bleiben, wenn ich schön brav bin und solche Sachen nicht mehr mache. Das ist auch fad. Wann darf ich heim?
Aber du verstehst, es ist alles gut ausgegangen, weil ich wie das 7. Geißlein bin. Im Herbst darf ich dann auch schon in die Schule gehen. Auch dann wird alles gut.
Diesen Tag vergesse ich sicher nie. Ich stehe in der Küchentür fertig zum Weggehen. Meine Mama pflanzt sich auf der einen Seite von mir auf und Mutti auf der andern Seite. Sie ziehen mir einen Schulranzen an, schön rot und blau. Sie stehen so ernsthaft und wichtig da, dass mir ganz feierlich zu Mute wird. Dann sagen sie: »Das ist ein ganz besonderer Tag heute für dich. Du gehst zum ersten Mal in die Schule. Du bist jetzt wirklich groß (meine Brüder sind nun erst recht die »Kleinen«). Du wirst uns dort Ehre (!) machen. Du wirst brav und fleißig sein. Es wird ganz viel Neues geben und du wirst auch viele neue Mädchen kennen lernen. Du wirst es sicher gut machen. Es ist ein ganz großartiger Tag!« Und so habe ich mich auch gefühlt. Ich war einfach nur stolz, dass ich nun so wichtig bin und dass es so viel Neues geben wird. Ich war mir ganz sicher, dass ich es gut machen werde. Ja, dieses Vertrauen meiner Leute in mich hat mich erst richtig groß gemacht. Alles war feierlich und voller Bedeutung. Ich war glücklich, warf meine Zöpfe nach hinten und stapfte aus dem Haus.
Nun bin ich da in einer Klasse mit lauter Mädchen. Es klappt nicht alles gleich so herrlich, wie ich es mir vorstelle. Es sind auch die Größeren mit uns in einem Klassenzimmer, es ist heiß und eng. Ein alter, dürrer Lehrer mit weißen Haaren unterrichtet uns. Wir lernen schreiben und sind immer beschäftigt. Er geht durch die Reihen und schaut, ob wir auch schön arbeiten. Er sagt etwas zur einen, er klopft der andern auf die Schulter, er sagt etwas zu meiner Nachbarin. Er stellt Fragen und ruft die auf, die aufzeigen. Zu mir sagt er nie etwas, mich nimmt er nie dran, wenn ich aufzeige, mir klopft er nicht auf die Schultern. Ich bin einfach Luft für ihn, sieht er mich überhaupt? Langsam denke ich, ich habe nicht ein so schönes Leiberl wie meine Nachbarin, und mein Rock ist von meiner Mama genäht und nicht gekauft. Sehe ich schlechter aus als die andern? Ich habe doch auch Zöpfe wie sie, noch dazu längere. Und glaubst du wirklich, ich schreibe schlechter als die alle? Keinen Tag hat es bis jetzt geklappt, dass er mich beachtet.
Heute habe ich eine Idee gehabt. Ich habe beobachtet, wenn Kinder stören, dann ist er sofort bei ihnen. Egal was dann passiert, er beschäftigt sich mit ihnen. Das ist meist sehr unangenehm. Nach wütenden Worten kommt das lange Lineal. Die Armen müssen die Hände ausstrecken und ruhig halten und dann saust das Lineal darauf nieder. Sie bleiben aber mucks-mäuschen- still, wohl weil sie nicht noch mehr Schläge kassieren wollen.
Heute habe ich mir vorgenommen, auch auf diese Weise den Lehrer zu mir zu rufen. Ich rutsche lautstark mit dem Sessel nach hinten und lasse dann einen nicht allzu lauten Schrei los, so als habe ich mir weh getan. Es klappt, sofort ist er bei mir, rückt den Sessel zurecht und sagt mit Verachtung: »So, also auch du kannst keine Ruhe geben, Hände ausstrecken!« Mit einer Art von Vergnügen strecke ich meine Hände aus und das Lineal saust nieder, tut aber gar nicht so weh, weil mich »der alte Grantscherm« zum ersten Mal direkt angesprochen hat.
Aber ehrlich, vielleicht weiß er jetzt, dass es mich gibt und ich brauche mich nicht mehr auf diese Weise in Erinnerung bringen. Es ist ja wirklich nicht gerade angenehm! Wie machen das nur die andern, die nicht stören müssen? Was habe ich bloß ausgefressen, ich möchte nur dazu gehören. Wenn ich es meinen Leuten zu Hause erzähle, was in der Schule los ist, machen sie ein komisches Gesicht, sagen aber nichts. Wissen sie vielleicht, was der Lehrer an mir nicht mag?
