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Beschreibung

»Lange blieb er dort stehen, sah zu, wie das Nachtdunkel aus dem Tal stieg zum Himmel, wo im allerletzten Licht des Tages der Goldvogel seine erhabenen Kreise zog. Stellte sich vor, in dieses Tal einzudringen und durch die alten, feuchtbemoosten Straßen zu wandern, die greise Stadt langsam kennenzulernen, sie zu schmecken und zu riechen, sie zu ertasten und zu fühlen, in sie zu versinken, sich ihr hinzugeben, ihr die uralten Geheimnisse zu entreißen, die bei den ewig lichtlosen Fundamenten in feuchter Kälte ruhten und still darauf warteten, daß jemand sie aufweckte. Die Stadt, die sich ihm auf seiner Wanderschaft in den Weg stellte und die Bereitschaft hinausschrie, ihn zu empfangen.« (Hubert Katzmarz) Ein Wanderer ist auf der Suche, auf der Suche nach dem Ort, wo die Seelen aufbewahrt werden, bis ihre Zeit gekommen ist. So durchstreift er ruhelos seinen persönlichen, labyrinthischen Limbus, begegnet keiner Menschenseele, bis er endlich sein Ziel erreicht. Die Stationen seines Weges sind wie Bilder, die im Moment des Todes am inneren Auge vorbeiziehen. Hubert Katzmarz hat mit der letzten Geschichte, die er vor seinem frühen Ableben verfasste, den Grundstein gelegt, und Autorinnen und Autoren ließen sich von Bleiwenheim inspirieren und spinnen hier am Gewebe dieser Zwischenwelt weiter. Mit Geschichten von Gabriele Behrend, Uwe Durst, Andreas Fieberg, Barbara Hundgeburt, Jörg Isenberg, Hubert Katzmarz, Boris Koch, Thomas Le Blanc, Richard Lennek, Monika Niehaus, Ellen Norten, Rainer Schorm, Helga Schubert, Malte S. Sembten, Michael Siefener, Peter Stohl und Christian Thielscher. Titelbild & Illustrationen von Thomas Hofmann.

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Seitenzahl: 319

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Andreas Fieberg & Ellen Norten (Hrsg.)

Rückkehr nach Bleiwenheim

AndroSF 182

Andreas Fieberg & Ellen Norten (Hrsg.)

RÜCKKEHR NACH BLEIWENHEIM

AndroSF 182

Der Autor Hubert Katzmarz hat zu Lebzeiten die neue deutsche Rechtschreibung abgelehnt und verfügt, dass seine Werke auch nach seinem Tod nicht verändert werden dürfen. Die alte Rechtschreibung in seinen in diesem Werk veröffentlichten Texten ist Absicht, kein Fehler.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

©dieser Ausgabe: September 2023

p.machinery Michael Haitel

Titelbild & Illustrationen: Thomas Hofmann

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 348 2

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 756 5

Andreas Fieberg & Ellen Norten: Überall ist Bleiwenheim

Mit »Willkommen in Bleiwenheim« ist die kunstfertig entwickelte Geschichte überschrieben, die Hubert Katzmarz seinerzeit zu erzählen begann. Sie blieb Fragment, und so taten sich blinde Flecken auf, die unsere Autoren mit eigenen Assoziationen, Ideen und Interpretationen gefüllt haben.

Bleiwenheim – nomen est omen! Da ist der düstere Dreiklang aus »Blei«, »bleiben« und »Heim«. Zunächst das Blei – was ist es, das sinnbildlich oder konkret auf Besuchern und Bewohnern der Stadt lastet? Dann das Bleiben: Gibt es ein Entrinnen, oder ist man etwa als Gast für immer verloren, gefangen an diesem Ort? Und wenn wir von Heim sprechen, geht es dann nicht weniger um Heimeligkeit als vielmehr um Heimsuchung?

Mit dieser Anthologie kehren wir zurück nach Bleiwenheim, der Stadt mit Trauerrand, dem Ort der Rätsel, der Irrlichter und der Verhängnisse.

Wer ist der einsame Wanderer, den es nach Bleiwenheim verschlagen hat? Wir erfahren nicht seinen Namen, und auch das Ziel seiner Reise bleibt lange im Dunkeln. Wohin wäre er geraten, hätte ihn der Zufall in die andere Richtung an den Bahngleisen entlang geschickt? Vermutlich auch nach Bleiwenheim, denn es scheint, als könnte er seiner Bestimmung nicht entkommen. Doch seinen Weg muss er alleine finden, niemand in der scheinbar menschenleeren Stadt springt ihm zur Seite.

Nur Kulisse ist die Welt, durch die Hubert Katzmarz seinen moribunden Protagonisten streunen lässt. Alle Requisiten sind so arrangiert, dass sie Auskunft über sein Schicksal geben könnten. Doch lange bleibt das Ziel der Wanderschaft auch ihm selbst verborgen, wie absichtslos irrt er durch die Stadt.

Alles ist hier verschattet, lastet tonnenschwer, sogar die Wolken scheinen aus Blei zu sein. Das Stadtbild mag sich äußerlich harmlos geben, aber blickt man hinter die Fassaden, kommt es überall zum Vorschein: Blei. Er steckt auch Bewohnern und Besuchern in den Knochen, für die es keinen anderen Ort mehr gibt – nachdrücklich geschildert in Rainer Schorms »Die Schwere«.

In Hubert Katzmarz’ plastischen, von Resignation und Desillusionierung geprägten Schilderungen liegt ein stark gedämpftes Pathos, das sich als Beklemmung äußert, die man sich nicht erklären und der man sich doch nicht entziehen kann.

Auf der Bühne Bleiwenheims werden letzte Dinge verhandelt, es geht um Leben und Tod. Nur selten finden sich Antworten, aber immerhin werden Fragen gestellt. Fragen nach Sinn und Vergeblichkeit, Bestimmung und Willensfreiheit, Suche und Erfüllung. Es geht um falsche und richtige Entscheidungen, verpasste Gelegenheiten, Wunschdenken und Begierden, Hochmut und Hingabe, Selbstsucht und Aufopferung.

Am meisten erfahren wir noch von der Frau im Leben des Wanderers, der einzigen Figur, die namentlich genannt wird. Die Verbindung zu Julia scheint nicht unproblematisch, sie ist von Zerwürfnissen belastet. Der Konflikt mit ihr und seine gescheiterte Lösung sind es wohl auch, die den Wanderer schließlich nach Bleiwenheim geführt haben. Hier scheint ihre gemeinsame Vergangenheit zu liegen und sich auch ihre Zukunft zu erfüllen, wie Ellen Norten in »Die Glut« deutlich macht.

Auch Gabriele Behrend und Helga Schubert folgen dieser Spur und beleuchten in »Julias Erwachen« respektive »Silber wie Sternenstaub« zwischenmenschliche Kämpfe. Boris Koch greift in »Ketten« ein ähnliches Motiv auf, wenn sein Held zwischen Fernweh und Gefangensein zerrissen wird, während für Peter Stohls Helden in »Träume in dunklem Gewölbe« jede Hoffnung verloren ist. Ähnlich ergeht es dem Delinquenten, der bei Richard Lennek den »Besuch eines Landpfarrers« erwartet. In »Der obere Stock« von Uwe Durst gerät ein Mann in eine erotische Falle, die für ihn zum Grauen wird.

Es ist diese ungute Mischung aus Verlangen und Schuld, die die Menschen an diesen Ort bindet. Was ist es, das sie sich selbst, das sie einander angetan haben? Es sind rätselhafte, nur angedeutete Verstrickungen: Sie sind ineinander verfangen, aber auch in sich selbst und in die sich widerstrebenden Begierden und Ziele, ebenso in die Umstände, die man lieber nicht mit dem großen Wort »Schicksal« belegen möchte. Denn was sollte das schon sein? Das bleibt, wie beinahe alles andere, ein Geheimnis. Die Stationen der Wanderung geben Hinweise, bleiben eindeutige Antworten jedoch schuldig. Andererseits ziehen die Leerstellen wie magnetisch Interpretationen und Ausdeutungen an, und wie Puzzleteile fallen sie ins Bild.

Bleiwenheim ist durchtränkt mit Erinnerungen, wie ein öliger Film, der sich über alles legt, was dem Wanderer begegnet, mit Erinnerungen und ihren leeren Versprechungen. Immer wieder heraufbeschworen: Die Spuren und Zeichen sich kreuzender Schicksale, die doch jene, die mit ihnen geschlagen sind, einander verfehlen lassen, mal aus eigenem Versäumen und eigener Dünkelhaftigkeit, mal aus der Boshaftigkeit eines unsichtbaren Schachspielers, der die Protagonisten wie Figuren auf dem Spielplan des Lebens hierhin und dorthin verrückt. Letzten Endes schmieden die Menschen ihr Verhängnis selbst, schaufeln ihr eigenes Grab. Müssen aber selbst für ein Vergnügen bezahlen, das ihnen entging; ein Schuldenerlass ist dabei undenkbar, das Leben bleibt ohne Nachsicht.

Einmal in Bleiwenheim gefangen, muss es Bewohnern und Besuchern von Bleiwenheim als unvorstellbar erscheinen, dass es eine Welt jenseits der Stadtgrenzen gibt, und doch kann es nicht anders sein, denn die Spuren dieser Welt schleichen sich überall ein, ihre Zeichen sickern osmotisch in sein Reich. Die neue Gestalt, die sie dabei annehmen, ist verzerrt, befremdlich, fremdartig, ohne die ursprüngliche Anmutung indes ganz zu verlieren. Es gibt nur eine bedingt logische Abfolge der Ereignisse in Bleiwenheim, der Zusammenhang von Ursache und Wirkung scheint bedeutungslos. Auch die Zeit scheint an diesem Ort aufgehoben, alles fällt in eins – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft –, ereignet sich vielleicht in einem einzigen Moment, wie in der Erinnerung während des letzten Atemzugs, den ein Mensch tut, bevor er für immer verschwindet. Auch sich selber ist der Wanderer entrückt, von seiner eigenen Identität und seinen Taten hat er bestenfalls eine vage Ahnung. Rastlosigkeit treibt ihn weiter auf seinem vorgezeichneten Weg, als flöhe er vor sich selbst, beunruhigt von einer Sehnsucht nach einem unbekannten Ziel. Als es ihm schließlich begegnet, erkennt er es nicht einmal und ist dazu verdammt, die Lektion zu wiederholen. Wie oft? Bis sie gelernt ist? Vielleicht. Aber gibt es überhaupt etwas zu lernen, oder ist der Horizont um Bleiwenheim die unüberschreitbare Grenze? Hoffnung mag sich aus Wiederholung speisen, aus dem Immer-wieder und dem Unentwegt, Hoffnung auf einen irgendwann doch anderen Ausgang. Deshalb müssen wir uns den »Bleimann« als glücklichen Menschen vorstellen, wie Monika Niehaus in Rückgriff auf Camus’ Sisyphos konstatiert. Erstaunlicherweise findet sich in etlichen Geschichten, die unsere Autoren zu Bleiwenheim beigetragen haben, die Zuversicht. Tatsächlich gibt es Angebote für einen Ausweg. Bereits Malte S. Sembten hat seinerzeit in einer der ersten Bleiwenheim-Geschichten eine Lösung, ja: Erlösung vorweggenommen. Seine Erzählung »Abschied von Bleiwenheim« darf in der Fortsetzung des Bleiwenheim-Zyklus nicht fehlen, weshalb wir sie dem Leser erneut ans Herz legen.

Versöhnlich sind auch die Entwicklungen bei Jörg Isenberg, der in der labyrinthischen Erzählung »Mein Anteil Blut« einen weiten Bogen über Generationen hinweg spannt. Barbara Hundgeburt lässt eine Müßiggängerin »Neue Welten« entdecken, während die Figur in Thomas Le Blancs »Und immer wieder« aus ihrer Selbstverlorenheit in den Alltag zurückfindet. Als intellektueller Punk tritt der »Versuch über die Blackbox« auf, den Hubert Katzmarz und Christian Thielscher vor Langem gemeinsam als Collage aus Versatzstücken der Weltliteratur unternommen haben.

Eingekapselt in ein bleiernes Schicksal, finden sich Momente des Trostes, wie ein Sonnenstrahl, der die Wolken durchbricht – oder Hände, die die ins Grab geworfene Erde durchstoßen und nach welken Blumen greifen.

Einmal Bleiwenheim, immer Bleiwenheim. Die Stadt ohne Ausflüchte, ohne Ausweg, ein ewiges Gehen im Kreis. So auch in Michael Siefeners »Der Weg nach Bleiwenheim«: Hat man ihn einmal gefunden, gibt es kein Entkommen mehr. Mit der »Rückkehr nach Bleiwenheim« schließlich wird die Geschichte, die Inspiration gewesen ist für weitere Begebenheiten, von Andreas Fieberg zu Ende erzählt.

Bleiwenheim ist überall, denn selbst Geschichten, die nicht den Namen der Stadt nennen, beschwören ihren Geist, sind sie auch nur in ihren Vororten und Randbezirken angesiedelt. Sie mögen Bleiwenheim verschweigen, aber was ihnen nachstellt und sie bedroht, können sie nicht leugnen. Hinter den Ruinen derStadt lauern Geschichten, die unsere Autoren zur Sprache bringen und damit das Vermächtnis von Bleiwenheim feiern. Sie rufen Geister herbei, die man nicht mehr los wird. Der Spuk will nicht aufhören, durch Bleiwenheim zu geistern. Es ist eine Heimsuchung, die sich wohl ewig fortsetzen wird. Und egal, wohin man sich wendet, am Ende landet man immer an diesem Ort, der oftmals Fluch und manchmal Segen ist. Schlimm ist Bleiwenheim nur für jene, die nicht dorthin gehören, lässt Ellen Norten ihre Erzählerin erkennen – ein weiterer Hoffnungsschimmer, der aufblitzt.

Willkommen in Bleiwenheim!

Die Herausgeber

Bonn/Halle, im November 2022

Hubert Katzmarz: Willkommen in Bleiwenheim

Sein kleines Bündel unterm Arm, marschierte er die Eisenbahnschienen entlang. Er versuchte die Schwellen mit dem Fuß zu treffen, was nur manchmal klappte. Statt dessen trat er immer wieder in den Schotter und ärgerte sich darüber, daß die Gleisbauer die Schrittlänge von so einem wie ihm nicht vorausbedacht hatten. Um ihnen einen Streich zu spielen, sprang er von Schwelle zu Schwelle. Bis er sich vorstellte, wie es wohl aussähe für jemanden, der ihn vom Rande des Bahndamms her beobachtete. Da ließ er das Hüpfen bleiben. Auch weil er dabei zu schnell außer Atem kam. Er sah auf die Armbanduhr und schüttelte den Kopf. Sie zeigte schon lange die gleiche unmögliche Zeit an. Und er konnte nicht einmal schätzen, seit wann das der Fall war.

Mit jeder Minute stieg die Wahrscheinlichkeit, daß ein Zug sich näherte. Die Strecke mußte noch in Betrieb sein, wie ihm die blanken Schienen verrieten. Sie führte ziemlich gerade über eine kaum gewellte Ebene ohne größere Baumbestände, den Bahndamm säumten nur gelegentliche dürre Sträucher, deren Blätter hell und matt, wie von einer dicken Staubschicht bedeckt, in dieser Art polarisiertem Zwielicht schimmerten. Einen entgegenkommenden Zug würde er schon von weitem sehen, dem Drang sich umzuschauen gab er indes nicht nach, wenngleich er hin und wieder verharrte, um zu lauschen und sich mit dieser Mischung aus Bangheit und Trotz und Erwartung und Todesmut zu fragen, ob so ein massiges Gefährt sich eher durch Brummen oder Rauschen ankündigte und wie lange Zeit ihm nach Entdeckung dieses Rätsels wohl bliebe, den Rettungssprung die Böschung hinab zu tun. Und ob er noch Klarheit darüber bekäme, wenn er mißlänge. Und ob das überhaupt eine Rolle spielte.

Auf eigenartige Weise hatte die Dämmerung schon vor dem Sonnenuntergang eingesetzt. Hier glutflüssige Lichtstrahlen wie von einem Spotlight, dort Schwärze, in die das Licht strömte, je nach Blickrichtung. Wolkenlos der Himmel. Eine grobgeschnitzte Fläche über einer still daliegenden, ebenso grobgeschnitzten Landschaft. Sterne standen in den Schattenpfützen wie zum Hohn der Sonne, die fern auf einem Hügel festsaß und ihr Blut vergoß. Zum Glück war es nicht mehr so heiß wie des Tags über. Weit vor ihm etwas unförmig Buntes, die einzige Abwechslung in dieser Ödnis sanft geschwungener Hügel mit messerscharfen Schattenkanten, gelben und bleiernen Kornfeldern und hell bestäubten dunklen Hecken. Ein goldener Vogel stand reglos in der Luft. War er ein Späher, seine Ankunft zu melden?

Rechterhand schon seit geraumer Zeit die Straße. Ein stilles Band unter dem Zwielicht, sozusagen ein Strom in gespannter Wartestellung. Wie zur Bekräftigung, daß er Vertrauen in die Existenz eines Ziels haben sollte. So weit er schauen konnte, liefen sie nebeneinander her, Bahnlinie und Straße, passierten den bunten Fleck, bevor sie in einer Mulde verschwanden. Er schloß eine Wette mit sich selbst ab, um was es sich bei dem bunten Fleck handeln mochte. Wer verlöre, sollte eine halbe Stunde am Stück das Päckchen tragen. Rechts sagte: ein kleines Gebäude. Links sagte: ein großes Schild.

Woher kommen wir? Wohin gehen wir?

Es mußte eine Nebenstrecke sein. Vergebliches Lauschen. Nur der Wind, der über die Äcker reibt und sich in den Hecken verfängt. Immer mal wieder einen Punkt vor Augen, ein Signal, ein Brückengeländer, einen markant ausladenden Busch, zunächst nur eine Irritation in der Landschaft, später Form annehmend, Beweis für Leben, Beweis für menschliches Tun, Beweis fürs Vorwärtskommen, aber auch Versprechen auf das Ziel dahinter, das ein nächstes Ziel verspricht und so weiter. Und jetzt der bunte Fleck in der Ferne.

Vielleicht ist tatsächlich der Weg das Ziel.

Er sprang über den Graben neben den Gleisen. Mit ein paar Schritten war er bei der Straße. Der Asphalt atmete die Wärme des Tages aus. Er setzte sich an den Rand ins Gras. Sollte er den Bahndamm verraten, der ihn so lange geleitet hatte, und versuchen, per Anhalter weiterzukommen? Nicht einmal das Zwitschern eines Vogels, das Wiehern eines Pferdes, das Klappern eines Eimers antwortete ihm.

Heilige Stille?

Böse Stille?

Heiliges stört man nicht.

Böses weckt man nicht auf.

Einfach Stille.

Manche Menschen können verstehen, was die Stille ihnen sagt. Er verstand nicht. Schrie seinen Namen so laut er konnte über das Land. Wo er einfach verwehte. Ohne Echo. Ohne jeden Nachhall. Er ging einmal quer über die Straße und wieder zurück, hielt die Augen geschlossen, wurde ganz Hören.

Taubes Hören.

Marschierte die Mittelmarkierung entlang seinem bunten Ziel entgegen, wich Bremsspuren aus, wer rastet der rostet, doch ein eifriger Wanderer wie er sollte mit seinen Kräften haushalten. Er ließ sich nieder, legte sich auf den Rücken, quer zur Markierung, das Bündel unter dem Nacken, schloß die Augen, träumte von Sternen, die in dunklen Himmelspfützen hockten und der Sonne das Blut aussogen, Kameraden der Nacht, der milden Nacht, die ihre Geschöpfe verbirgt vor den lauernden Augen, oder auch den angstvoll aufgerissenen Augen, oder den träumenden Augen, die geschlossen sind und nichts verraten, rein gar nichts von den Abgründen oder Seligkeiten des Schlafes, die Augen, die sich sattgetrunken haben an dem blutenden Licht. Öffnete die Augen. Schaute in den Himmel mit dem goldenen Vogel. Herr der Lüfte, trag mich hinfort! – Wohin? – Ins dunkle Licht. – Sieh nicht zurück! Was geschehen ist, ist geschehen. Vergeblich die Zeit zu wenden. Das panta rhei des Heraklit: soll es dir hier und jetzt zur Nemesis werden? – Weshalb sagt man, daß die Sterne funkeln und blinken? Starre Augen sind sie. Löcher in der strahlenden Düsternis. Augen, die dir die Seele entreißen. Man müßte nah heranfliegen und einen Blick hindurchwerfen. Würde man den Ort entdecken, wo die Seelen aufbewahrt werden, bis ihre Zeit gekommen ist?

Die Alten erzählen, daß die Himmelsgewölbe von mehreren Sphären umspannt seien, an denen die Sonne, der Mond, die Planeten, Sterne und Kometen hängen. In verschiedenen Geschwindigkeiten und Bahnen drehen sie sich, und dort wo die Sphären aneinanderreiben, erzeugen sie eine feine Harmonie, eine himmlische Musik, nur hörbar für den, der bereit ist. Und wer sich auch nur einmal von ihr hat betören lassen, der komme niemals mehr los davon. Der sei ihr verfallen auf ewige Zeiten, rettungslos, kein Engel, kein Gott, der ihn befreite. Er lauschte und lauschte. Und hörte doch nur den Wind durch die Ähren streichen. Ihn fröstelte.

War er noch nicht bereit?

Gab es also Rettung für ihn?

Wie wird man das: bereit?

Er hätte alles drum gegeben.

Straße oder Schiene? Eine Münze wollte er werfen, wollte gerecht sein. Fand sein Portemonnaie aber völlig leer. Wann hatte er zuletzt Geld ausgegeben? War es an der Tankstelle Stunden, Tage, Wochen zuvor gewesen? Er entsann sich nicht mehr. Ahnte indes auf einmal, daß man am Ziel seines Weges in einer anderen Währung als Geld zu zahlen hatte.

Weit schritt er aus, in Schlangenlinien die Straße entlang, als könnte er sich nicht recht entscheiden zwischen Eifer und Zaudern. Er zählte die Schritte, weil das die Strecke überschaubar, berechenbar machte und Vergleiche zwischen Teilstücken und ihrer Schätzung zuließ. Verdammt, war das nun der tausendvierhundertachtzehnte oder der tausendachthundertvierzehnte Schritt? Jedenfalls konnte er nun erkennen, daß es sich bei dem bunten Etwas um ein beleuchtetes Schild handelte. Mit einer gewissen Schadenfreude reichte die linke Hand das Bündel an die rechte.

WILLKOMMEN IN BLEIWENHEIM las er schon von weitem. Die Informationstafel für Touristen stand am Rande eines großzügig bemessenen, völlig leeren Parkplatzes. Die übliche Werbung für Museen, Hotels, Sehenswürdigkeiten und Geschäfte. Darunter ein Straßenplan. Besonders herausgestellt in kleinerem Maßstab war der Friedhof auf der anderen Seite des Flusses. Ob man hierzulande auf viele Berühmtheiten der Menschheitsgeschichte stolz sein durfte? Er würde die Gelegenheit nutzen und ihnen seine Reverenz erweisen. Aufs genaueste studierte er die Karte, vertiefte sich in das Gewirr von Häuserrot, Industrieschwarz, Straßenweiß, Parkgrün, Flußblau und Brachenbeige, prägte sich deren Struktur ein, suchte einen guten Weg aus, der ihn zu den Ruhestätten der längst verblichenen Honoratioren führen sollte. Sie warteten. Warteten gerade auf ihn. Weil es sonst niemanden gab, den es dürstete, ihre Geschichten erzählt zu bekommen.

Offenbar hatte er noch längst nicht die eigentliche Stadt erreicht, es fehlten ja auch Supermarkt und Kirche, wie er mit leisem Spott dachte. Dafür befand sich in einer Senke – und war deshalb von weitem nicht zu sehen gewesen – der Bahnhof, für den man den Parkplatz gebaut haben dürfte.

Die Lampen in dem kleinen Gebäude brannten, niemand im Wartesaal, eine vergilbte Zeitung lag herum. Am Kiosk die Auslagen unbeaufsichtigt. Man rechnete anscheinend nicht mit Besuchern. Er wollte sich keinem Verdacht aussetzen, wenn der Kioskbesitzer zurückkäme. Deshalb ging er zum einzigen Bahnsteig, der bis auf die matten Lichtrauten unter den Fenstern im Dunkeln lag. Er suchte die Fahrpläne, jedoch vergeblich, fand nur angeschimmelte Fetzen feuchtgewellten Papiers hinter zerbrochenen Scheiben. Schließlich setzte er sich vorsichtig auf eine halb verrottete Holzbank. Die mechanische Anzeige war verklemmt und ließ vor Dreck nicht einmal mehr erahnen, wohin der Zug, den sie als letztes angekündigt hatte, gefahren war.

Er malte sich aus, wie es zu anderen Zeiten auf dem Bahnsteig vor Menschen nur so wimmelte. Vielleicht träte ein Mädchen aus dem Schatten auf ihn zu und fragte mit wärmendem Lächeln nach dem nächsten Zug. Und er antwortete, sie solle nur an seiner Seite bleiben, er wisse Bescheid, und er hielte ihr die Waggontür auf, böte ihr einen Platz an, sie verbrächten die Fahrt in einem angenehmen Gespräch, viel zu kurz wäre sie gewesen, ein fröhlicher Abschied für einen Tag, an dem jeder seiner Wege ginge, und schließlich für eine Nacht voller Erwartung und Freude auf den nächsten Morgen. Er schlug den Kragen seiner Jacke hoch, stemmte die Hände in die Taschen. Vom Boden kroch Todesfrost herauf und ließ die Träume gefrieren, hinter denen schändliche Erinnerungen lauerten, Erinnerungen an Julia. Er hatte sie zurückgelassen, dort hinten in der Ferne, aus der er gekommen war.

Groß und breit klemmt der Mond zwischen Gleisen und Straße. Ein kupferroter Stahlstich ist er. Ein Torwächter, der immer nur in eine Richtung passieren läßt. Aber du kannst nicht auf ewig dort verharren an deiner strategisch so günstigen Position. Wandern mußt du, im Kreis und immer im Kreis, und wenn du morgen abend wiederkommst, bin ich dir längst entschlüpft!

Wenn ich es nur wollte.

Huschende Schatten erstanden unter dem Licht von Gaslaternen, die eine nach der anderen aufflammten den ganzen brachliegenden Bahnsteig entlang. Ihr Schein drängte die Wahrnehmung von Zerfall ins Dunkel. Raunen wie von zahllosen Stimmen und ungeduldiges Füßescharren wehten vorüber. Wenn der Zug hielte, ein licht- und lauterfüllter Kokon inmitten des Halbdunkels in der Dunkelheit. Der Spalt zwischen dem Steiggitter und der Bahnsteigkante erinnert an Vergänglichkeit. Doch noch – noch ist er die Welt, und du fühlst Geborgenheit, weil die Aussicht auf Reise nur wohliges Erschrecken ist, das deine Neugier lockt, solange du hier und jetzt bist. Mit den Armen möchtest du den Bahnsteig umfassen. Die Gleise. Aus der Unendlichkeit von links in die Unendlichkeit nach rechts. Alles, was du nicht überschauen kannst, ist unendlich. Es ist die Unendlichkeit der Möglichkeiten. Erst wenn du hingehst und nachsiehst, ist es, als ob du aus dem Korb aller Möglichkeiten dir dein Hier und Jetzt klaubst. Dein Leben: ein Sammeln, ein einziges Sammeln. In der Sekunde deines Todes erst zahlst du alles auf einen Schlag zurück. Solange der Korb sich nicht leert, wirst du leben. Wie oft schon hast du lauschend gestanden an der Bahnsteigkante, bist kleiner und kleiner geworden, so daß die Zeit sich dehnte und der Spalt zu einer unüberwindbaren Schlucht geworden ist. Langsam, lautlos zuerst, setzt sich der Zug in Bewegung, später klirrend und kreischend rollt er aus dem Bahnhof, um aus Möglichkeiten Wirklichkeiten zu machen. So viele, wie Menschen im Zug sitzen, so viele, wie du sie dir in deinen Träumen ausdenken kannst.

Mit steifen Gliedern erhob er sich, da er vermeinte, vom Kiosk her ein Geräusch gehört zu haben. Im Bahnhofsfoyer noch immer die Festbeleuchtung für eine vergeblich erwartete Gesellschaft, als gälte es, niemals aufzugeben und von diesem Ort hier die Traumgespinste fernzuhalten wie im nächtlichen Dschungel mit einem Feuer die Raubtiere. Er nahm die eine oder andere Illustrierte aus dem Ständer, besah sich die Photoreportagen über Flugzeugkatastrophen, Massaker und Hinrichtungen. Es lag etwas Faszinierendes in diesen gequälten oder entspannten Gesichtern, soweit man überhaupt noch Gesichter erkennen konnte. Hier der Mörder, wie er festgeschnallt wird auf dem elektrischen Stuhl, ein brüllendes Tier vor Angst; und ein Bild weiter der Moment, wo Strom seinen Körper durchtobt, eine das Leben ausröchelnde Grimasse mit vorquellenden Augen und Schaum vor dem Mund; zuletzt der Tote, die Augen leblos in unbekannte Fernen starrend, der Kampf nur noch eine verblaßte Spiegelung in den fast friedlichen Zügen. Wie viele Sekunden mochten es gewesen sein, die zwischen diesen beiden Aufnahmen lagen? Wie erlebt jemand den Augenblick, da er die Schwelle überschreitet? Wieder das Geräusch. Er hatte vergessen, die Türen zu schließen, der Wind griff in einen Stapel Tageszeitungen, blätterte darin herum, fast war es, als wollte er ihm daraus vorlesen. Er nahm das oberste Exemplar, sah aufs Datum. Dort befand sich nur eine unbedruckte Fläche. Daneben aber die Bedienungsanleitung: »Bitte den Einmalstift an der bezeichneten Stelle vorsichtig ablösen und Datum hier eintragen. Überlegen Sie wohl! Falsche Angaben werden hart geahndet.« Er sah sich um, ob jemand ihn beobachtete, dann schrieb er grinsend den Tag hin, an dem er Julia zum letzten Mal gesehen hatte. Wenn sie wüßte! Wo er sich doch immer über ihre Hörigkeit den Wochenhoroskopen gegenüber lustig gemacht hatte! Gerade wollte er die Zeitung auf ihren Platz zurücklegen, da fuhr ein weiterer Windstoß durch das Foyer und warf die Tür ins Schloß. Die Zeitung entglitt seinen Händen und fiel zu Boden, wo sie mit den Todesanzeigen nach oben aufgeschlagen liegen blieb. Große und kleine schwarze Rahmen, mal mit einem Kreuz versehen, mal mit Trauerlaub oder beidem, die üblichen Floskeln: »… plötzlich und unerwartet …«, »… an den Folgen eines tragischen Unfalls …«, »… den letzten Kampf verloren …«, »… mit großer Geduld ertragenem Leid …«, »… stets im Andenken behalten …«, »… im kleinsten Familienkreis …«, und zuletzt auch: »… hat sich entschlossen, für immer von uns zu gehen …« Anstelle der Namen auch hier unbedruckte Flächen.

Der Einmalstift versagte nun seinen Dienst, als er in die größte und schönste Anzeige Julias Namen einzutragen versuchte. Er verspürte Trockenheit im Mund. Sah sich nach den Dosen im Kühlregal um, fein säuberlich aufgereiht wie eine zum Appell angetretene Kompanie standen sie dort. Er nahm ein Bier, prostete dem Drehständer mit den Taschenbüchern zu. Probierte, ob sich die Kasse öffnen ließe, sie bereitete nicht den geringsten Widerstand. Darinnen nichts als Plastikchips mit allerlei Dämonengesichtern aus der Kulturgeschichte der Menschheit und ein Zettel: »Lieber Kunde. Wir wären stets für Sie da gewesen. Doch Sie haben sich anders entschieden. Wir wünschen Ihnen Glück auf dem Weg, den Sie wählten. Leben Sie wohl!« Er nahm noch ein Bier und kippte es in einem Zug hinunter. Ignorierte das Gefühl des Bedauerns, wie weit es mit ihm schon gekommen war. Stopfte schließlich so viele Dosen in sein Bündel, wie er tragen konnte. Als er das Gebäude verließ, wartete der Abendwind bereits auf ihn. Mit tausend Stimmen tuschelten die Zeitungen etwas zum Abschied, das er nicht verstehen konnte.

Draußen noch immer dieser bleierne Zustand zwischen Hell und Dunkel, jedoch schien die Nacht etwas Überhand genommen zu haben. Vom Parkplatz her ein verklingendes Motorengeräusch. Das Bündel war schwer geworden. Er schnupperte nach der Abgasfahne und folgte ihr die Straße entlang. Dann war die Ebene zu Ende und fiel zum Flußtal hin steil ab, um sich auf der anderen Seite gleichförmig fortzusetzen. Eine Aussichtsplattform am Rande der Straße, rostige, nach außen verbogene Gitter, deren Betonfundamente von jahrelangem Regen halb freigewaschen waren. Er überlegte, wie es wohl wäre, sich einfach dagegen zu lehnen und völlig entspannt zu warten, was passierte. Statt dessen blickte er über Bleiwenheim hinweg, befand sich etwas über der Höhe der Kirchturmspitze, die Bierdose in der hochgereckten Hand, sah andächtig dem Wind zu, der den hervorquellenden Schaum weit hinaus in die Landschaftskerbe wehte, um ihn über die still harrenden Häuser und Straßen zu seinen Füßen auszustreuen. Unten Lichterschlangen und Lichterwürfel, wie sie die schmachtenden Mäuler der Dunkelheit umzäunten. So quetschte sich die Stadt zu beiden Ufern des Flusses und war im Laufe der Jahrhunderte die Hänge bis etwa zur Hälfte hochgewachsen und dort in moderner Architektur erstarrt. Der Informationstafel hatte man entnehmen können, daß es einen mittelalterlichen Kern gab. Er sah hinab auf die Silhouetten schiefer Türmchen, auf löchrige Dächer, brüchige Wände, dazwischen funzelige Fenster und die Ahnung von arglistig verwinkelten Gäßchen. Die jüngeren Randbezirke hell, dann je nach Alter dunkler werdend bis zum Fluß, die Hauptschlagader eines schlafenden Molochs, in der schwarzes Blut schwappt. Was würde geschehen, wenn es zu pulsieren begänne und die Welt überschwemmte?

Lange blieb er dort stehen, sah zu, wie das Nachtdunkel aus dem Tal stieg zum Himmel, wo im allerletzten Licht des Tages der Goldvogel seine erhabenen Kreise zog. Stellte sich vor, in dieses Tal einzudringen und durch die alten, feuchtbemoosten Straßen zu wandern, die greise Stadt langsam kennenzulernen, sie zu schmecken und zu riechen, sie zu ertasten und zu fühlen, in sie zu versinken, sich ihr hinzugeben, ihr die uralten Geheimnisse zu entreißen, die bei den ewig lichtlosen Fundamenten in feuchter Kälte ruhten und still darauf warteten, daß jemand sie aufweckte. Die Stadt, die sich ihm auf seiner Wanderschaft in den Weg stellte und die Bereitschaft hinausschrie, ihn zu empfangen.

In einigen Serpentinen ging es durch dichten Wald abwärts. Er knackte ein paar weitere Bierdosen, damit er nicht so schwer zu schleppen hatte. Querte manchmal die Straße aus reiner Lust, begann die Bahnlinie zu vermissen, die er am Bahnhof aus den Augen verloren hatte. Die leeren Dosen warf er in den Rinnstein, mit einer spielte er Fußball, bis ihm auffiel, daß ihr Geschepper die Wesen des Waldes im Schlaf aufstören könnte. Danach schlich er schuldbewußt weiter durchs insektenfreundliche Natriumlicht. Endlich die ersten Häuser der Stadt: Würdevolle Villen in Hanglage, thronten sie huldvoll inmitten ihrer vor Üppigkeit berstenden Gärten. Nur wenige erleuchtete Fenster; entweder war es schon spät oder die Gegend noch biederer, als sie aussah. Manchmal ein bewegter Schatten. Welten dort, eine Welt hier. Geschlossene Türen. Ein paar parkende Autos am Straßenrand, nur eines vor Wärme knisternd. Ob es das vom Parkplatz am Bahnhof war?

An der Bushaltestelle drängten die Insekten unter das Dach des grell erleuchteten Wartehäuschens. Wolkenströme schwärmenden Lebens, das am Licht zu Tode taumelt. Er setzte sich auf die rote Plastikbank, ließ die Beine baumeln, beobachtete das Gewimmel, leerte noch eine Dose Bier, nahm die Reklametafel in Augenschein, versuchte herauszubekommen, woran es lag, daß die blaue Schrift wie in den roten Hintergrund eingestanzt wirkte: »Verschenken Sie niemals Zeit. Denken Sie stets daran, daß es schon bald zu spät sein wird!« Eine Motte hatte sich mit zittrigen Flügeln auf seiner Hand niedergelassen. Er wollte sie streicheln, doch als er sich bewegte, flatterte sie davon, zurück zum pulsierenden Schwarm, wo er sie rasch aus den Augen verlor. Irgendwann würde ein Bus kommen. Er beschloß zu warten. Fühlte sich müde. Trank die letzte Dose Bier. Ließ sich umfangen vom Widerschein tanzenden Fernsehlichts auf der weißen Zimmerwand des gegenüberliegenden Hauses. Wünschte auf einmal, dem dort von Schlaflosigkeit getriebenen Menschen Gesellschaft zu leisten. Er stand auf, vermeinte ein Motorgeräusch zu hören, das sich entfernte, schlenderte achselzuckend hinüber zum Haus des Nachtschwärmers, rüttelte am abgeschlossenen Gartentor. Während er überlegte, ob er über den nicht allzu hohen Zaun in den von Büschen bewachten Vorgarten klettern sollte, um einen Blick durchs Fenster werfen zu können, hörte er wieder einen Motor, diesmal näher und noch näher kommend. Er wandte sich hastig um, sah den Bus in Richtung Innenstadt fahren ohne zu bremsen, nur ein Fahrgast wie auf einer erleuchteten Bühne darinnen, der vorbeischwebte und dabei den Kopf drehte, so weit es eben ging, um ihn, der da draußen in seinem Mantel aus Dunkelheit stand, begaffen zu können mit dem ewig drohenden Gelächter Julias im maskenstarren Gesicht, von dem er gedacht hatte, daß es ihr nun endgültig vergangen sei. Dann war der Bus mitsamt seinem abscheulichen Passagier hinter der nächsten Kurve verschwunden, seine Geräusche lösten sich auf in der stillen Nacht, und nichts blieb als Zeugnis dieser Begegnung zurück.

Von neuem machte er sich auf den Weg. Lahmen Schrittes. Kaum ernst gemeinter Versuch, dem Bus zu folgen. Hinter der Kurve eine gelb vor sich hinblinkende Ampel, als bettelte sie um Verkehr, den sie hätte regeln können. Er marschierte mitten auf der Straße an ihr vorbei, grüßte zackig, wie er es den Helden eines Kriegsfilms abgeguckt hatte. Abermals ging es ein Stückchen durch Wald, der ihn kalt und feucht umgab. Und endlich, schon fast auf der Talsohle, die eigentliche Stadt, den Wanderer begrüßend mit fein herausgeputztem Gründerzeitviertel: hohe, frisch renovierte Fassaden, schamvoll verdunkelte Fensterflächen, pedantisch layoutete Vorgärtchen aus spitzgefeiltem Zierwacholder und buchsbaumumzingelten Kiesrabatten, coupierte Bäumchen als kärglicher Versuch zur Straßenbegrünung, und eng stehende Reihen abgestellter Fahrzeuge, die kaum Platz zum Laufen ließen für einen mit ausladend schwankendem Gang. Wo helles Neonlicht die Gaslaternenbeleuchtung ersetzte, kreuzte er die zum Fluß parallel verlaufende Hauptverkehrsader, während der tiefen Nacht war sie in stiller Kontemplation versunken. Ordnungsgemäß hielt er vor der roten Ampel an, wartete auf Grün für Fußgänger, das nicht kam, betrat die Fahrbahn, stolperte wegen der tief eingefahrenen Spurrinnen, verneigte sich gestenreich vor dem wartenden Verkehr, den er sich trotzig erschuf, und tauchte auf der anderen Seite wieder in die Schummrigkeit der Gaslaternen ein. Doch hier ließen die Häuser jede renovierte Eleganz vermissen: bröckelnder Putz an den Fassaden, manche Fenster mit zerschlagenen Scheiben, aus denen seine Schritte hohl und böse höhnend widerhallten. Nur wenige Autos entlang den Bordsteinen, statt dessen immer wieder umgeworfene Mülltonnen, die ihren stinkenden Inhalt über die Straße gespuckt hatten.

Vor der nur dürftig erleuchteten Auslage eines kleinen Antiquariats machte er halt. Stand eine Zeitlang da in dem Lichtklecks, den das Schaufenster auf den Bürgersteig goß, und starrte hinein, ohne die kostbar aussehenden Bücher wirklich wahrzunehmen. Er träumte von Schattenwelten, die den Seiten entstiegen, wenn ein Leser sie nur öffnete. Vermächtnis von Menschen, deren Körper längst zerfressen sein mögen. Ihre Ideen, ihre Gefühle, ihre Sicht der Dinge: das einzige, was übrig geblieben ist von ihnen. Indes viel mehr als eine bloße Spur im Sand, die beim ersten leichten Wind verwehte. Unsterblichkeit in den Erinnerungen der Nachfahren. Wer dagegen allein mit sich ist, hinterläßt keine Erinnerungen; wenn er stirbt, wird es sein, als hätte es ihn nie gegeben. Das ist die Tragik der Einsamen. Dort in der schummrigen Auslage aber Hunderte, vielleicht Tausende von Wiedergängern, auf Opfer lauernd, die blindlings vor Lesehunger ihnen neues Leben zu spenden genötigt sind. Schwer stützte er sich gegen das altersfleckige Schaufensterglas. Bemerkte nicht, daß er still weinte. Stellte sich vor, wie er, mit einem Flammenwerfer bewaffnet, zurückkäme und all die grausam lockenden und ihn verhöhnenden Nebelreiche abfackelte zu einem Häufchen entbehrlicher Asche, in die streunende Katzen und Hunde ihre Notdurft verrichteten.

Ein kratzendes Geräusch ließ ihn herumfahren. Der goldene Vogel hatte sich auf einer der Mülltonnen niedergelassen, spreizte das metallisch schimmernde Gefieder, legte den Kopf schief und sah ihn mit schwarzen Vogelaugen ruhig an, bis er sich abwandte und hastig weiterging, das Rauschen kraftvoller Schwingen überhören wollte, das sich entfernte und schon verschwunden war, als er es endlich wagte, stehenzubleiben und aufzublicken.

Bei einem besonders elenden Gebäude fand er sich wieder, in dessen Vorgarten blattkarge, blasse Pflanzenstengel verbissen aus dem dort lagernden Unrat hervorspießten. Die Tür zum Hochparterre hing wacklig in den Angeln, sie durfte wohl kaum in der Lage sein, den Zugang wirklich zu versperren. Über ihr eine im Halbrund geschwungene grüne Leuchtschrift mit mehreren defekten Buchstaben. H-O-T-E-L – B-E-L-I-A-L konnte er entziffern. Stapfte sodann die Außentreppe hoch, verhielt einen Moment, horchte, drückte mühelos die Tür auf und betrat die Empfangshalle. Windschiefe Barockmöbel, abgetretene Teppiche, schmuddelige Vogeltapeten, zerbrochene Jugendstillampen und angenagte Goldleisten bei Spiegeln und Bildern. Niemand hinter dem Tresen. Ein Radio spielte leise die Muntermacher des Nachtprogramms. Im überfüllten Aschenbecher glomm eine Kippe. Mit aufgesperrtem Maul harrte ein Buch der Rückkunft seines Lesers. Er wartete. Er wartete länger. Er wartete ungeduldig. Er wartete noch länger. Er wartete. Nahm schließlich die kleine Glocke zur Hand und läutete vorsichtig, schrak bei dem silbrigen Klang zusammen, besah sich die Prospekte zu den Sehenswürdigkeiten und Festveranstaltungen der Stadt und ihrer Umgebung, das Faltblatt zum alten Friedhof studierte er genauer: Rundgang an den wichtigsten Stationen vorbei, Photos von Grabskulpturen, intensiv duftend nach Moos und feuchter Erde. Lautlos formten seine Lippen einige Verse von Heinrich Heine, die ihn schon als Schüler verzaubert hatten, obgleich sie Schulstoff waren:

Wie kannst du ruhig schlafen,

Und weißt, ich lebe noch?

Der alte Zorn kommt wieder,

Und dann zerbrech’ ich mein Joch.

Kennst du das alte Liedchen:

Wie einst ein toter Knab’,

Um Mitternacht die Geliebte

Zu sich geholt ins Grab?

Glaub’ nur, du wunderschönes,

Du wunderholdes Kind,

Ich lebe und bin noch stärker,

Als alle Toten sind!

Dabei hob er das ledergebundene Gästebuch von dem Tischchen auf und blätterte in ihm, erkannte keinen der dort verzeichneten Namen, blätterte weiter, und als hätte er es doch gewußt, stieß er ganz weit vorn tatsächlich auf die Kinderschrift Julias mit der korrekten Mädchenadresse von damals und der Zimmernummer des Hotels hier. Er läutete noch einmal, energischer und mit mehr Ausdauer, vermeinte von der anderen Straßenseite her gedämpften Protest zu hören, setzte sich in einen der roten Samtsessel, beobachtete den Zigarettenqualm, der sich emporkringelte und nach fahrigem Aufwallen versiegte, schloß die Augen, öffnete sie, hatte das Gefühl, wirr geträumt zu haben, sah daß die Tür nach draußen offenstand und es noch immer Nacht war, bemerkte den goldenen Vogel, wie er im grünen Schimmer auf der Schwelle hockte und sich das Gefieder putzte, wie er mit einem Male innehielt und den lungernden Hotelgast in einer so anzüglichen Weise beäugte, daß der aufstand und die Tür schließen wollte. Da hob der Vogel sich in die Lüfte und flog davon in Richtung des Flusses. Lange schaute er ihm nach. Und träumte, in der Luft zu schweben und zu kreisen über der Altstadt, über dem Fluß und darüber hinaus … Und wandte sich schließlich ab, um die mit schütteren Teppichen belegte Holztreppe schwer hinanzuschreiten, warf beim ersten Absatz einen mißfälligen Blick in den düsteren Flur, dessen Notbeleuchtung die Finsternis eher unterstrich denn beseitigte, folgte den Stufen höher zur zweiten Etage, auf der ein ebensolcher Schlund seiner harrte und ihm den üppigen Brodem gewaltiger menschlicher Ausdünstungen ins Gesicht warf, trat gleichwohl voller Erschöpfung hinein, wo er sich mit ausgestreckten Armen bis zu einer Tür vorantastete und einen Moment lang auf das Gemurmel des rastlos Schlafenden im Zimmer dahinter lauschte, bevor er an der zweiten Tür vorbeihuschte, durch die rohes Schnarchen kam. Die dritte passierte er so schnell er konnte, trotz der Gefahr, über ein im Dunkeln verborgenes Hindernis zu stolpern, denn das ferne Seufzen, das ihn dort streifte, weckte schwärende Erinnerungen. Hinter der vierten endlich war es ruhig und blieb es auch, als er bang verharrte und horchte und horchte und verharrte. Schließlich tat er die Tür einen Spalt auf, in dem grünlichen Licht, das von draußen hereinschwebte, war kaum etwas zu erkennen, nur die sanfte Bewegung des Vorhangs, der sich am weit geöffneten Fenster im Nachtwind fließend bauschte.

Er ging hinein, eilte quer durch den Raum, um nötigenfalls hinter dem Vorhang Deckung zu finden. Und mit einem Male, als er klopfenden Herzens beim Fenster stand und seinen Blick in das diffuse Dunkel des Zimmers zu bohren versuchte, wurde ihm bewußt, daß er sich genau dort befand, wo Julia lange vor ihrer gemeinsamen Zeit für mehrere Wochen logiert hatte. Alles kannte er bestens aus ihren Erzählungen: den wuchtigen Schrank in der Ecke, den kleinen Sekretär neben dem Fenster, den hochlehnigen Stuhl davor … Er spürte ihre Präsenz ihn mit luftigen Fingern streicheln, sog gierig das Aroma ihres liebeshungrigen Körpers ein, das den Raum erfüllte und dessen er schon so lange entbehren mußte, berauschte sich daran, als wäre es das erste Mal, und sprang, alle Vorsicht fahren lassend, ins bereits durchwühlte Bett, ließ seine Hände über die Wärme gleiten, die noch darinnen nistete, vielleicht wollte er sie so festhalten für immer, verkrallte die Finger in der Decke, achtete nicht auf den Schmerz, hörte vom Nachbarzimmer her wieder das Seufzen, fern und wesenlos, lag still und lauschte fiebrig auf dieses Seufzen, das ihn schaudern machte und verzückt zugleich, bis es wieder kam, eindringlich wurde und lauter und lauter und rhythmisch. Da riß er sich die Kleider vom Leib, um in der duftenden Wärme zu versinken, umarmte die Bettdecke voller Gier und Zärtlichkeit, drückte seine Lenden hinein, rieb sie an dem Stoff, stieß zu und wollte nicht mehr aufhören damit, wälzte sich, ohne loszulassen, hin und her in einem immer wilderen Rhythmus, das Knarren seines Bettes auf einmal vereint mit dem Knarren des Betts vom Zimmer nebenan, und nachdem seine Glut sich an dem Kissen ausgetobt hatte, ließ er völlig erschöpft davon ab und blieb auf dem Rücken liegen, die Augen zur Decke gewandt, wo sie sich in dem grünen Schimmer verloren, den das Licht von draußen dorthin malte, und lauschte angstvoll auf das nunmehr friedliche und seltene Quietschen des Bettes nebenan.

Er schlief nicht und wachte nicht. Wartete auf den Morgen. Dachte nicht. Dachte an Julia. Bedauerte nichts. Bedauerte, keine Zigaretten zu haben. Erhob sich, rückte den einzigen Stuhl ans Fenster, blickte hinaus, die Arme verschränkt und auf die Fensterbank gestützt, blickte die altersschwarzen Backsteinmauern von der gegenüberliegenden Straßenseite hinab in die dunkle Schlucht, die sich hinter dem luftigen Schleier grünen Lichts verbarg.

Und wartete.