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Colin entschließt sich eines Tages dazu, den Teil seiner Umwelt, den er direkt erreichen kann, von schlechten Menschen zu befreien und er setzt dies konsequent und direkt um, indem er diese Menschen tötet. Es sollte sich bald herausstellen, dass Colin nicht nur ein psychisches Problem hat, sondern auch, dass er nicht alleine agiert. Er hat einen Begleiter, der seine Fähigkeiten über Colin ausspielt. Als Colin eines Tages in die Psychatrie eingewiesen wird, lernt er Nina kennen, die als einzige seinen Begleiter sehen kann. Colins Handlungen und seine Geschichte erreichen bald eine Dimension, die er sich in seinen Anfängen nicht hätte erträumen lassen.
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Seitenzahl: 311
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Timo Körner
Rückstoß
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Colin
Häuptling
Hack
Den Feind kennen (lernen)
Bahlmann
Rainer und Valentin
Magda
Die Hartzmanns
Stillstand
Licht
Nek
Der Andere
Kodex
Nachtteufel
Tag X
Guppensingen
Strichmännchen
Donnerwetter
Freiheit
Gefährten
Danksagung und Mitwirkende
Impressum neobooks
Ich bin eigentlich ein ganz netter Mensch, auch wenn man, im Laufe der folgenden Zeilen, etwas anderes vermuten mag.Mein Name ist Colin, ich war einmal Künstler und verdiente sehr viel Geld mit dem, was andere für Kunst hielten. Ich erschuf aus der Makulatur der Menschheit, wie ich den unmenschlichen Abschaum nannte, den unsere Gesellschaft teilweise hervorbrachte, etwas Neues. Im Grunde war diese Kunst aber nur Mittel zum Zweck.
Meine Kreativität begann eigentlich schon in meiner Kindheit. Ich konnte schon immer gut malen und zeichnen und hatte eine gute räumliche Wahrnehmung. Sodass ich im Kunstunterricht währen meiner Schulzeit auch stets gut abschnitt.
In meiner Schulzeit bemerkte ich auch schon ziemlich rasch, dass ich anders war, als meine Mitschüler. Anders in dem, wie ich alles wahrnahm und welche Schlüsse ich aus meinen Wahrnehmungen zog. Kinder und Jugendliche können sehr gemein untereinander sein. Ihr Gedankengut spiegelt sich sehr direkt und radikal in ihrem Verhalten und Handeln wider. So auch bei mir. Nur dass ich niemals der agierende Teil war, sondern immer nur der reagierende. Ich hatte nie angefangen, sondern nur auf das reagiert und oder beendet, was jemand anderes begann. Es musste nicht mir widerfahren sein, ich antwortete gern auch mal für andere, die sich selbst nicht wehren konnten. Klingt zuerst einmal gar nicht so anders, nehme ich an, jedoch waren meine Schlüsse, die ich aus dem Verhalten und dem Handeln anderer zog noch viel radikaler, direkter und konsequenter. Ich begann aber erst nach der Schulzeit meine Schlüsse in ein entsprechendes radikales Handeln umzusetzen, weil meine Gedanken während der Zeit in der Schule noch sehr von den Prägungen von Lehrern und manchen Mitschülern im Zaum gehalten wurden.
Ich hatte damals keine richtigen, wahren Freunde. Dazu war ich zu introvertiert. Ich brauchte eigentlich auch keine Freunde, ich hatte meinen Kopf, in dem schon immer ziemlich viel stattfand. Äußere Einflüsse, haben mich meistens nur gestört. Ich versuchte auch immer unauffällig, ja nahezu unsichtbar für andere zu bleiben. So verhinderte ich, ziemlich erfolgreich, dass ich je zu einem Opfer anderer Jugendlicher wurde. Im Laufe der Jahre perfektionierte ich meine Fähigkeiten, alles zu beobachten, was zum Teil Übles um mich herum geschah und stets dabei ungesehen zu bleiben. Ich wusste genau wie ich mich zu welchem Zeitpunkt verhalten und bewegen musste, um für andere nicht sichtbar zu sein. Ähnlich, wie ein Krake, der Körperfarbe und Form verändern konnte, wenn es notwendig war. Nur dass ich kein Krake war und auch Körperfarbe und Form blieben bei mir dieselben. Ich nutzte die kaum vorhandene Beobachtungsgabe und die Unachtsamkeit der anderen Menschen um durch gewisse Verhaltensweisen aus ihrem Blickfeld zu verschwinden. Dabei kam mir zugute, dass ich kein übermäßig großer Mensch war und auch sonst war ich eine relativ unscheinbare Gestalt. Zu meinen dunklen Haaren und meinem recht normalen Körperbau, trug ich auch nie sonderlich teure oder auffällige Kleidung. Teure Kleidung konnte sich meine Familie auch nicht leisten, da sie nicht sehr wohlhabend war. Nichts desto trotz hatte ich durch meine Eltern immer alles, was es zu einem normalen Leben brauchte. Dafür sorgten sie immer, soweit ich mich erinnere.
*
Meine Laufbahn als gutverdienender Künstler, begann erst nach der Schule. Ich stellte wahrlich einige Überlegungen an, ob und welche Ausbildung ich antreten sollte, oder welches Thema oder welche Themenbereiche ich studieren könnte. Es gab aber nichts, was meinem Sinn für Gerechtigkeit und meine extremen Wahrnehmungen gerecht werden würde. So war ich einige Zeit nach der Schule ohne weiterführende Ausbildung und auch ohne Arbeit.
Ich wollte meinen Eltern nicht mehr länger auf der Tasche liegen und so zog ich direkt nach der Schule in meine eigene kleine Mietwohnung. Ich hatte ständig Geldprobleme und fragte mich, ob es wohl vielen Menschen so ging, wie mir. Eigentlich war es mir klar, dass es sehr vielen Menschen so ging, aber immer wieder darüber nachzudenken, spendete mir auch immer wieder etwas Trost.
Ich wohnte aufgrund meiner finanziellen Lage nicht gerade in einem Musterwohnviertel, durch das ich zog, weil mir in meiner kleinen Wohnung regelmäßig die Decke auf den Kopf fiel. Das Stadtviertel war ein sozialer Brennpunkt mit wenig Grün und vielen Plattenbauten, in welchen sich nicht jeder hineintraute, aber ich konnte mich dort unbemerkt, fast unsichtbar hindurch bewegen. Es machte mir immer großen Spaß, andere zu beobachten, während sie sich unbeobachtet fühlten. Erst wenn sich Menschen wirklich unbeobachtet fühlen, kommen die wahren, finsteren, menschlichen Abgründe an den Tag.
Sicherlich macht jeder Mensch im Laufe seines Lebens einmal einen blöden Fehler oder trifft die eine oder andere falsche Entscheidung, aber meine Beobachtungen hatten mich gelehrt, dass es durchaus Menschen gab, die von Grund auf bösartig waren und die bewusst immer und immer wieder die falschen Entscheidungen trafen. Sei es, weil sie sich immer wieder vor anderen profilieren mussten, oder weil es ihnen in irgendeiner Form Vorteile oder gar Profit brachte, oder weil es ihnen ganz einfach Spaß machte, wenn sich andere Individuen durch sie physisch oder psychisch schlecht fühlten.
Im Laufe der Zeit schärften sich meine Sinne und spezialisierten sich immer mehr darauf, Menschen solcher Art schon nach kurzen Momenten zu erkennen.Mir war nicht klar, warum ich das tat und warum es mich so sehr reizte, aber ich lebte es mit Genuss, wenn sich meine Annahmen bezüglich des Verhaltens bestimmter Menschen mit einer Trefferquote von nahezu einhundert Prozent bestätigten. Dass sich meine Annahmen bestätigten, wusste ich durch Beobachtung und Verfolgung der jeweiligen Personen.
Im Grunde betrieb ich dieses Tarnen, Beobachten und Verfolgen nur als eine Art Training und zum Zeitvertreib, bis zu jenem schicksalhaften Tag an dem ich mal wieder ein „Trainingsobjekt“ mit seinen „Freunden“ beobachtete.Diese Freunde hatten ihre Köpfe bis zum Anschlag in dem Hintern ihres „Häuptlings“. Er war so ein Kandidat der menschlich verkörperten Bösartigkeit. Vor meinem Miethochhaus fuhr er mit seinem protzigen schwarzen Mercedes vor und stellte ihn auf dem großen Wendeplatz ab. Ich sah diese Typen nicht zum ersten Mal und ich bemerkte schnell, wer der Alpha-Mann war und wie dunkel seine Seele war. Er selbst hatte leicht braune Haut, schwarze Haare und eine sportliche Statur von zirka einen Meter achtzig Größe. Wir hatten gerade Frühsommer, sodass aus seinem weißen T-Shirt seine recht muskulösen Arme herausragten. Auf beiden Unterarmen waren Schriftzüge tätowiert, die ich aber aus dieser Entfernung nicht lesen konnte. Er trug eine goldene Halskette mit starken Gliedern und einem Dollarzeichen als Anhänger. Sah schon etwas lächerlich aus, er war aber trotzdem keine Person, mit der man sich anlegen möchte. Er sprach die Sprache dieses Landes akzentfrei, sodass ich annahm, dass er hier geboren war. Von seinen beiden Lakaien ordnete ich den einen der gleichen Abstammung zu, ebenfalls dunkle Haut und schwarzes Haar, kurz geschoren. Den Zweiten hatte ich auf einen Meter neunzig geschätzt, aber etwas schlanker, nicht so sportlich-kräftig, wie die beiden Braunen. Seine dunkelblonden Haare waren allerdings genau so kurz geschoren, wie bei Häuptling und seinem anderen Lakaien.
Die drei Gangster bewegten sich von dem Mercedes ihres „Häuptlings“ weg, zu einem nahegelegenen, von einer Wiese umgebenen Spielplatz, hinter einem der nahe beieinanderstehenden, hohen Plattenbauten. Der Spielplatz war von den Häusern aus nur schlecht einzusehen, weil er von hohen Büschen und einigen Bäumen umgeben war. Ich folgte den drei Herren, die alle im Alter von Anfang zwanzig waren, zu einer Stelle an der ich sie beobachten konnte, sie mich aber nicht wahrnehmen konnten. Ich lehnte mich an einen Baum, dessen Umfang mich gut verdeckte und verfolgte das Tun der drei.
Sie saßen einfach nur auf einer der Bänke, die um den Spielplatz herum aufgebaut waren und rauchten einige Zigaretten und später einen Joint. Es fing an, mich zu langweilen, sie zu beobachten und wollte der Situation gerade den Rücken kehren, als der Häuptling einen etwa zehn jährigen Jungen zu sich rief, der voller Stolz und Freude mit einem kleinen Beagle-Welpen an der Leine in der Nähe des Spielplatzes herumspazierte. Der Junge ging zögerlich zu den dreien herüber.
Der Häuptling stellte sich hin und fragte den Jungen, wie der Hund hieß. Noch bevor der Junge antworten konnte, holte Häuptling sein rechtes Bein aus und gab dem Welpen einen unglaublich harten Tritt. Der kleine Hund flog empor und wurde erst durch die Leine abgestoppt, die sich zwischen seinem Halsband und dem Handgelenk des kleinen Jungen befand. Der kleine Hund fiel zu Boden und blieb reglos liegen. Für mich war klar, dass er tot war. Der kleine Junge blieb mit offen Mund, wie erstarrt stehen und blickte auf seinen kleinen Hund. Kreidebleich rannte er zu dem Hund und trug ihn weinend fort. Die drei Halbaffen lachten laut, während Häuptling dem Jungen noch hinterherrief, dass Hunde auf Spielplätzen nicht erwünscht wären. Ich hörte den Jungen laut weinen, während er mit dem kleinen Hund auf dem Arm nach Hause rannte. Mir stockte der Atem. Ich befand mich selber in einer Art Schockzustand, weil ich mit so einer Kaltblütigkeit nicht gerechnet hatte. Nicht von einem Moment auf den anderen. Ich spürte einen starken Schmerz, der durch meinen gesamten Körper fuhr. Ich erinnere mich noch heute genau daran, dass das der Moment war, der alles verändert hat. Dieser Moment sollte mein Leben von Grund auf in eine andere Bahn leiten.
Die Gutmenschen unter Ihnen, liebe Leser, hätten jetzt wahrscheinlich nach Begründungen gesucht, warum der Häuptling das getan hatte, was er tat. Vielleicht hatte er ja eine schwierige Kindheit oder seine Eltern waren schuld an seinem Werdegang. Mir war es und ist es egal, welchen Weg jemand in seinem Leben gegangen ist. Der normale Menschenverstand kann, auch ohne tiefgründige Ausbildung spüren, was gut oder schlecht ist. Und das, was der Häuptling tat, war von Grund auf schlecht. Nicht nur schlecht dem armen kleinen Tierkind gegenüber, sondern auch der Seele des kleinen Jungen gegenüber.
Mir war klar, was ich zu tun hatte. Für so einen Menschen ist auf unserem Planeten kein Platz und doch ist unsere Welt voll von diesen Individuen.Dass ich kein Gott bin, war mir klar und ich sah es auch nicht als „Gott spielen“ an, was ich seitdem tat. Ich versuchte nur, das kleine Stück Welt, in dem ich Einfluss nehmen konnte, von gesellschaftlichem Unrat und Makulatur, wie es dieser Häuptling von den Dreien darstellte, zu befreien.
Ich bereitete mich vor. Ich notierte jedes Mal, wann und wo ich den schwarzen Mercedes des Häuptlings sah und wie lange er dort verblieb wo und wem er etwas Gras oder Kokain verkaufte. Nach etwa vier Wochen hatte ich eine sehr genaue Struktur notiert, wann und wo ich Häuptling alleine und unbeobachtet antreffen würde. Diese Struktur prägte ich mir ein, sodass ich sie im Kopf hatte.
So suchte ich in der Struktur nach einem Ort, an dem ich mir den Häuptling in aller Ruhe vornehmen konnte und kam relativ schnell auf einen alten Luftschutzbunker im nächsten Stadtviertel, welcher früher oft von Musikgruppen als Proberaum benutzt wurde, jedoch bereits seit Langem ungenutzt war. Das verriet mir die dicke Rostschicht, die sich am Schlüsselloch des Vorhängeschlosses befand, welches die Tür des Bunkers sicherte. Das Vorhängeschloss war mit einem Bolzenschneider, den ich neben einem Tapeziertisch, einem Baustrahler und drei Eimern, auf einer nahegelegenen Baustelle mitgehen ließ, schnell geknackt.
Nachdem ich einige Sicherungen wieder einschaltete, war eine schwache Beleuchtung vorhanden. Ich sah mich in dem Bunker um. Es war ein finsteres Gebäude mit Wänden, die größtenteils noch immer weiß waren. Hier und dort waren schwarze Schimmelflecken in den Ecken zu finden. Einige Wände hatten durch die Bands, die im Laufe der Jahre durch die Räumlichkeiten gingen, verschiedenste Graffiti geerntet.
Nach dem Eingang stand man in einem kleinen Foyer, von dem zwei Korridore fortführten. Ein Korridor nach links bis an die linke Außenwand des Bunkers und ein Korridor nach rechts bis an die rechte Außenwand des Bunkers. Von den Korridoren, die jeweils etwa hundertfünfzig Meter lang waren, führten unzählige kleine Räume ab. Einer nach dem anderen, Raum an Raum. In der zweiten Etage war diese Korridor-Raum-Anordnung dieselbe. Im zweiten Weltkrieg mussten in diesen Bunkern, im Falle von Luftangriffen, sehr viele Menschen Zuflucht finden. Durch die starken, massiven Wände drang kein Ton draußen hinein, woraus ich schlussfolgerte, dass auch kein Geräusch von drinnen heraus gelangte.
Perfekt!
Das wichtigste, neben der Schalldichte, war für mich, dass die wenigen Steckdosen, die sich in nur wenigen Räumen befanden, Strom lieferten.
In der zweiten Etage fand ich einen kleinen Raum, der meinen Ansprüchen gerecht wurde.Ich stellte den Baustrahler in eine der Ecken und den Tapeziertisch in der Mitte des Raumes auf. Die drei Eimer platzierte ich an einer Endseite des Tisches in unmittelbarer Nähe des Baustrahlers.Ich fühlte mich bereit und wartete bis zum Abend, um auf Häuptling-Jagd zu gehen.
Es war Freitag.
Ich suchte mir den Freitag mit Absicht aus, weil ich wusste, dass Häuptling Freitagabends gegen zweiundzwanzig Uhr immer auf dem Wendeplatz in der Nähe meines Wohnhauses parkte, um einem seiner Kunden einen Verkaufsbesuch abzustatten und ich wusste, dass er diesen einen Kunden stets alleine besuchte. Er musste zwischen zwei Wohnhäusern hindurchgehen, weil er mit dem Auto nicht bis zur Eingangstür des Hauses seines Kunden fahren konnte. Er nahm immer eine Abkürzung zu dem Wohnhaus des Kunden, die zwischen einem Verschlag mit Müllcontainern und einem Garagenhof, in mitten eines Innenhofs entlangführte. Durch Bäume und Buschwerk verdeckt, war der Bereich nur von wenigen Fenstern aus einsehbar. Da es bereits am Dämmern war, war die Wahrscheinlichkeit, an dieser Stelle gesehen zu werden, sehr gering. Zudem kleidete ich mich komplett in schwarz. Ich zog mir sogar noch die Kapuze meiner schwarzen Jacke über den Kopf, sodass man mich wirklich nur schwer erspähen konnte.
Hier wartete ich auf Häuptling mit einem Baseballschläger, den ich vor Jahren mal auf einem Sperrmüllhaufen gefunden hatte. Ich versteckte mich hinter der Rückwand des Verschlages mit den Müllcontainern. Hier konnte er mich erst entdecken, wenn er schon an mir vorbei war.
Als er zwanzig Minuten, nachdem ich ihn an dieser Stelle erwartete, noch nicht vorbeikam, begann ich zu zweifeln ob er noch kommen würde. Ich blickte zum wiederholten Male auf meine Uhr, um nach der Zeit zu sehen, wobei ich seine Schritte nicht bemerkte und der Häuptling plötzlich neben mir stand und mich anblickte. Ich glaube ich sah ihn mit einem genauso erschrockenen und debilen Gesichtsausdruck an, wie er mich. Zum Glück hatte ich den Baseballschlager in der richtigen Hand und auch in direkt anwendbarer Position.
Ich zog voll durch.
Ein lauter dumpfer Schlag hallte die Garagenwand entlang. Häuptling stolperte nicht einmal, sondern knickte direkt in sich ein. Ich machte mir etwas Sorgen, dass er den Schlag vielleicht nicht überlebt haben könnte, aber ich musste sichergehen, dass er sofort handlungsunfähig ist, weil er mich sonst hätte überwältigen können. Er war ja eine Ecke kräftiger und größer als ich.Ich fühlte seinen Puls an der Halsschlagader.
Er lebte noch.
Während ich sein Portemonnaie einsteckte und nach seinem Autoschlüssel suchte, bemerkte ich ein Gefühl, als würde mich jemand beobachten. Ich drehte mich um und dann sah ich ihn. An einem Fenster im Erdgeschoss sah mich jemand an. Ich konnte durch dämmriges Licht in seinem Zimmer schemenhaft erkennen, wer es war. Es war der Junge, dessen kleiner Hund so übel vom Häuptling getreten wurde. Er sah weder erschrocken aus, noch machte es den Eindruck, als würde er nicht mögen, was er gerade sah. Offensichtlich hatte er den Häuptling, den Peiniger seines kleinen Hundes erkannt. Er setzte sich auf die Fensterbank, als wolle er mein Handeln weiter beobachten, wie er einen Vogel beim Nisten beobachten würde.
Ich musste mich beeilen, damit mich nicht noch mehr Leute entdeckten. Als ich endlich den Autoschlüssel in seiner Hosentasche zu greifen bekam, steckte ich diesen ein und versuchte, mir den bewusstlosen Häuptling über die Schultern zu werfen. Dieser schlappe Körper war zu schwer, als das ich ihn über die Schulter werfen konnte. Ich musste ihn hinter mir her schleifen. Mittlerweile war es fast dunkel und ich konnte, abgesehen von dem kleinen Jungen, unbemerkt zu Häuptlings Mercedes gelangen. Noch nicht ganz am Wagen angekommen, drückte ich den Extraknopf auf der Fernbedienung des Wagens, der für die Öffnung des Kofferraums zuständig war. Die Kofferraumhaube öffnete sich komplett automatisch. Ich hievte Häuptling hinein, knallte die Haube herunter, sah mich um, ob mich auch niemand beobachtete und sprang auf der Fahrerseite in den Wagen.
Da ich etwa zehn bis fünfzehn Zentimeter kleiner war, als der Häuptling, musste ich mir den Sitz etwas zurechtstellen, um vernünftig an die Pedale des Wagens zu gelangen. Ich startete den Motor, wendete das Fahrzeug und verließ den Wendeplatz in Richtung der nächsten Hauptstraße um den Luftschutzbunker im nächsten Stadtviertel anzusteuern.Auch wenn ich gerade sehr aufgeregt war, bemühte ich mich, die Verkehrsregeln zu beachten, nicht zuletzt, um nicht unnötig aufzufallen. Ich hielt also an der Ausfahrt zur Hauptstraße und wie es der Zufall so will, fuhr ein Streifenwagen der Polizei auf der Hauptstraße direkt an mir vorbei. Da kein anderes Auto auf der Hauptstraße fuhr, musste ich mich, um unauffällig zu bleiben, hinter dem Streifenwagen einordnen und ihm folgen. Ich versuchte nicht ständig darüber nachzudenken, dass ich in dem Wagen eines Drogendealers saß, den ich selbigem gestohlen hatte und der Drogendealer selbst gerade bewusstlos im Kofferraum lag. Die Situation trieb mir etwas Schweiß auf die Stirn, wobei mir auffiel, dass ich noch immer die Kapuze aufhatte. Ich setzte sie wieder ab.Mein Puls entspannte sich umgehend, als der Streifenwagen links blinkte und dann die Hauptstraße verließ, um in eine Nebenstraße einzubiegen.
Ich beeilte mich, um endlich beim Bunker anzukommen, bevor Häuptling wieder zu sich kam.
Beim Bunker angekommen, stellte ich den Wagen seitlich des Bunkers in der Nähe eines großen Baumes ab. Dieser spendete genug Schatten und Tarnung, sodass ich Häuptling unbemerkt in den Bunker schleifen konnte. Der war ganz schön schwer, stellte ich mit jedem Meter fest. Nachdem ich Häuptling mit starkem Klebeband auf dem Tapeziertisch fixiert hatte, verschloss ich die Bunkertür von innen. Ich wollte ja nicht überrascht werden.
Es dauerte fast zwei Stunden, bis Häuptling zu sich kam.
In diesen zwei Stunden hatte ich eine Menge Zeit zum Nachdenken. Eigentlich dachte ich aber gar nicht sehr viel nach. Mir viel lediglich auf, dass ich dafür, was ich bis zu diesem Zeitpunkt an diesem Abend anstellte, verhältnismäßig wenig nervös war. Mein Vorgehen hatte sogar etwas leicht Routiniertes. Ich nahm mir Häuptlings Haustürschlüssel, seine goldene Halskette mit dem Dollarzeichen und sein Portemonnaie vor und wunderte mich, dass jemand tatsächlich mit fast fünftausend Euro in der Geldbörse herumlief.
Nun ja, jetzt war ich derjenige, der mit fast fünftausend Euro in der Tasche herumlief.
Als Häuptling zu sich kam, wanderte sein Blick aufgeregt umher. Er versuchte sich zu orientieren. Da er aber auf dem Rücken liegend mit Klebeband an den Tisch gebunden war, konnte er nur den Kopf bewegen. So hektisch, wie er seinen Kopf umher schleuderte, sah es so witzig aus, dass mir für einen kurzen Augenblick ein Grinsen über die Lippen wanderte.
Als er mich an seinem Kopfende erblickte, riss er seine Augen weit auf und versuchte offensichtlich, mich anzubrüllen. Das gelang ihm jedoch nicht, weil ich ihm auch den Mund mit dem Panzertape zugeklebt hatte. Ich vernahm, dass er mich wüst beschimpfte, durch das Klebeband auf seinem Mund, brachte er allerdings nur Grunzlaute heraus.
Als ich ihm das Panzertape von seinem Mund mit einem gehörigen Ruck abriss, beschimpfte er mich aufs Übelste. Er fragte mich, ob ich wüsste, wer er sei und wen er alles kannte. Ich blieb ruhig, weil es mich nicht im Geringsten berührte, was er so von sich gab. Ich war am Zug und das ließ ich ihn deutlich spüren. Er beschrieb mir, was mit mir passieren würde, wenn ich ihn aus seiner Lage befreien würde, was mir logischerweise klarmachte, dass ich ihn natürlich nicht aus selbiger befreien würde.
All seine Beschimpfungen und Drohungen sagten mir, dass er genau dort sein sollte, wo er sich gerade befand.
„Ich habe gesehen, wie du mit Lebewesen deiner selbst und mit anderen Lebewesen umgehst. Dazu kann ich dir nur eins sagen: Die Moral von der Geschicht, bist du schlecht, so töte ich Dich.“, sprach ich mit ruhiger Stimme zu ihm.
„Fakt ist, dass dich hier niemand schreien hört und Fakt ist, dass du in wenigen Minuten vor deinen Schöpfer treten wirst. Also mach deinen Frieden mit deinem Leben und mit deinem Gott.“
Er verlor die Worte des Wütens und die Mine in seinem Gesicht. Plötzlich las ich Angst aus seinen Augen. Jetzt war sein Verstand genau da, wo ich ihn haben wollte. Er hatte erkannt, dass er in einer Endstation angelangt war, aus der er sich mit eigener Kontrolle nicht mehr herausbekam.
Ich zeigte ihm ein Teppich-Messer, welches ich schon seit meinem letzten Umzug in meinem Werkzeugkoffer hatte.
Hach, war es herrlich, wie er plötzlich anfing, zu wimmern. Er versuchte mir mit stockender Stimme zu vermitteln, dass er niemandem von diesem Vorfall erzählen würde, wenn ich ihn freilassen würde und dass seine Drohungen nur von seiner Verzweiflung herrührten.
Ich begann mich zu langweilen.
„Bist du fertig? Hast du deinen Frieden gemacht?“, fragte ich ihn.
Seine Mine wandelte sich in noch größere Verzweiflung und er begann zu schluchzen und noch mehr zu wimmern.
„Digger, sieh zu und antworte mir!“, sagte ich mit genervtem Klang in meiner Stimme.
Nun fing er wieder an zu fluchen und mich zu beschimpfen.
Offensichtlich war er mittlerweile ziemlich verzweifelt, aber ich gab ihm fast zehn Minuten Zeit, seine persönlichen und mentalen Vorkehrungen zu treffen.
Seine aggressiven Sätze, wandelten sich in ein Gurgeln und Röcheln, als ich seinen Hals mit dem Teppich-Messer von einem Ohr zum anderen öffnete, welches nur noch von dem Plätschern übertönt wurde, welches sein Blut produzierte, als es in einen der Eimer lief. Durch die offenen Arterien spritzen kleine Fontänen bis an die Decke.
Er zuckte dabei noch einige Sekunden, bis sein Kreislauf aufgrund des Blutmangels in seinem Gehirn den Organismus herunterfuhr.
Ich gebe zu, dass es sich etwas kribbelig in meinen Knochen anfühlte, als das Messer, mit dem Geräusch, welches etwas an das Schließen eines Reißverschlusses erinnerte, durch sein Hautgewebe fuhr. Aber als sein Körper seine Atmung einstellte, fühlte ich so etwas, wie eine Genugtuung. Arschlöcher auf dieser Welt. Minus eins.Das war ein wundervolles Gefühl.Nun begann die wirkliche Arbeit, die auf mich zu kam.
Heute gebe ich zu, dass es etwas naiv von mir war, wie ich plante, seine Leiche verschwinden zu lassen. Rein mathematisch war es kein Problem, aber die tatsächlichen Begleiterscheinungen, machten mir dann doch zu schaffen.
*
Es standen nun die Vorgänge an, die Spuren und die Leiche aus dem Bunker verschwinden zu lassen.
Das war übel.
Ich hatte in einer Ecke des Kellers meines Wohnhauses vor einiger Zeit ein Beil gefunden, welches ich an mich nahm und dann in meinem Abstellraum aufbewahrte. Dieses sollte jetzt seinen Nutzen finden.So einen Körper zu zerlegen kostet eine Menge Kraft musste ich bemerken.Ich teilte seine Gliedmaßen nach Anordnung der Knöchel auf.
Nach einer halben Stunde wilder Hackerei hatte ich zwei Hände, zwei Unterarme, zwei Oberarme, zwei Füße, zwei Unterschenkel, zwei Oberschenkel und einen Kopf. Schlimmer war es, als es an seine Innereien ging. Herz, Lunge, die übrigens ganz schön finster aussah, Magen und Nieren, waren noch zu ertragen, aber sein Darm war widerlich. Der war noch voll. Keine Ahnung, was er vorher zu sich nahm, aber er riss, als ich ihn entnahm und das war ein übler Geruch.
Ich war nahe dran den kompletten Kadaver liegen zu lassen und abzuhauen, aber das war keine Option. So eine menschliche Leiche war ja nichts, was man, wie eine Kippe hinter sich lassen konnte und keiner würde sich mehr drum kümmern. Ich musste das also durchziehen.
Als ich des Häuptlings Einzelteile, jedes Teil für sich, in Plastiktüten unterschiedlicher namhafter Discounter eingetütet hatte, den Darm hatte ich doppelt eingewickelt, kümmerte ich mich um den Raum des Geschehens selbst.
Die Eimer mit Häuptlings Blut drinnen, entleerte ich neben dem Eingang des Bunkers. Es war dunkel und der Boden war mit Erde bedeckt, sodass diese paar Liter innerhalb kürzester Zeit versickerten.Die Bluttropfen, welche sich neben den Eimern befanden, weil sie daneben gingen, verwischte ich mit Bauschutt aus einem anderen Raum. Ich fegte ihn einfach herüber und verteilte ihn im Raum.
Das Blut an Decke und Wänden fiel nicht wirklich auf, weil sich überall buntes Graffiti an ihnen befand. Ich nahm etwas Staub aus dem Bauschutt und warf ihn wiederholt an Wände und Decke, sodass er dort kleben blieb, wo sich noch feuchtes Blut befand. Auf diese Weise sah ich, wo ich noch ein paarmal mit dem Besen herüber wischen musste.
Ich sammelte die meterlangen Klebestreifen, mit denen ich Häuptling an den Tisch fixiert hatte in eine separate Tüte, diese musste ich später verbrennen, um sie spurlos zu vernichten, weil sich sein Blut auch überall an ihnen befand.
Als ich mit dem Bunker fertig war, begann ich die Tüten mit Häuptlings Einzelteilen drin zu seinem Wagen zu tragen.Es waren 19 Tüten. Den leeren Torso hatte ich, weil er etwas größer war, in zwei Tüten gewickelt. Passte alles recht gut in Seinen geräumigen Kofferraum.
Dann ging es zu mir.
Bevor ich anfing Häuptling aus dem Auto zu räumen, legte ich seine Goldkette auf das Fensterbrett des Jungen, der mich aus dem Erdgeschoss beobachtete und dessen Hund Häuptling auf dem Gewissen hatte. Ich wollte, dass er weiß, dass sein Hund nicht ungesühnt starb.
Zuhause hatte ich schon alles gut vorbereitet. Fleischerbeil und Filetiermesser lagen bereit. Aus der Haushaltsauflösung, nach dem Tod meiner Großmutter, besaß ich noch einen Fleischwolf, der sich als besonders wertvoll erweisen sollte, denn mittels Komprimierung kann man größere Mengen „Material“ zu wesentlich kleinerem Volumen „zusammendrücken“.
Damit ich die ganzen Tüten unentdeckt vom Auto in meine Wohnung bringen könnte, verstaute ich jede Tüte immer in eine große Sporttasche, die von zuhause mitnahm. Die Tüte mit Häuptlings Darm hatte ich sofort in einen Restmüllcontainer neben meinem Wohnhaus geworfen. Den Gestank wollte ich gar nicht erst in das Treppenhaus, geschweige denn in meine Wohnung mitnehmen. In dem Container vermischte sich der Geruch von Häuptlings Darminhalt mit dem Müllgestank aus dem Container, in dem offenriechlich auch einige Hausbewohner Hundekotbeutel und Windeln entsorgten, sodass der Geruch des Darms hier nicht auffiel.
In meine Sporttasche passten immer nur ein bis zwei Tüten. Ich musste insgesamt elf Mal laufen. In meiner Wohnung angekommen, verfrachtete ich die Tüten immer gleich von der Sporttasche in meine Badewanne, damit ich nicht versehentlich oder unbemerkt Blutflecken auf meinem Fußboden verteilte.
Nach dem letzten Gang machte ich mich sofort daran die Einzelteile in der Badewanne aus den Tüten zu wickeln. Als das erledigt war, begann ich das Fleisch mit dem Filetiermesser von den Knochen zu schälen. Als nicht ausgebildeter Metzger brauchte ich dafür geschlagene zwei Stunden. Das war eine ganz schöne Sauerei.Am Ende hatte ich jede Menge Fleischschnitt und einen Haufen Knochen in der Badewanne. Das Blut, welches während des Filetierens umher spritzte, spülte ich mit Hilfe des Duschkopfes fort. Danach sah es alles etwas angenehmer aus. Wie beim Metzger halt. Es hat alles irgendwie komisch gerochen. Wie beim Metzger halt. Ich wollte endlich fertig werden, also begann ich die meisten Körperteile gleich durch den Fleischwolf zu jagen und in kleine ein Kilogramm Gefrierbeutel zu verpacken. Es waren um die siebzig Stück.
Ich rechnete mir vorweg aus, dass ich diesen fünfundachtzig Kilo Menschen innerhalb von zweieinhalb Monaten wegessen könnte.
Ja, ich weiß, dass das Kannibalismus ist, aber Menschen aßen tagtäglich Säugetiere, wie sie es selbst waren. Kannibalismus war nur ein Wort für mich. Wir aßen ständig nahezu unseres Gleichen, also Säugetiere, und damit war es kein großes Thema für mich. Das Thema war für mich sozusagen „gegessen“.
Als ich aber diese über siebzig Tüten Hackfleisch dort liegen sah, fiel mir auf, dass ich mich nicht ganz so gut vorbereitet hatte. Mein Kühlschrank war gar nicht so sehr groß und mein Gefrierfach war genau genommen nur ein Eiswürfelfach.
Nach einigen Überlegungen fiel mir wieder ein, dass mich Jury, mein russisch stämmiger Nachbar der immer, wenn er nicht gerade in seinem Schrebergarten am Stadtrand war, zuhause war. Er war arbeitssuchend und Vieltrinker. Blonde kurz geschorene Haare hatte er und eine Statur, mit der man sich nicht unbedingt anlegen sollte. Dazu hatte er, wahrscheinlich, wegen seiner Trinkerei, schon eine richtig runzelige Erdbeernase, die immer, wenn er mal wieder betrunken war, schon fast rot leuchtete. Er hatte immer einen Grund zum Feiern und nach diesem Motto lebte er auch. Immer höflich war er, auch wenn er betrunken war. Man merkte aber auch, dass man ihm in diesem Zustand nicht krumm kommen sollte. Jury hatte mir, als wir uns einmal im Keller des Hauses trafen, angeboten, dass ich, wenn ich einmal etwas einzufrieren hätte, ihn gerne fragen könne, ob ich etwas in seiner riesigen Tiefkühltruhe aufbewahren darf.
Bingo!
Ich fragte Jury und er stimmte, hilfsbereit, wir er war, sofort zu. Ich behielt einige Kilo in meinem Kühlschrank, den Rest brachte ich herunter in Jurys Truhe.
Jury fragte mich, woher ich so viel Fleisch hatte ich sagte ihm, dass das Fleisch vom LKW Fiel, während ich mit meinen Fingern Anführungszeichen simulierte. Ich versicherte ihm aber, dass das Fleisch garantiert frisch war.
Auf Jurys Frage, ob er sich auch hin und wieder einmal an dem Hackfleisch bedienen dürfe, antwortete ich, begleitet mit einer selbstverständlich wirkenden Handbewegung: „Klar, immer!“.
An Jurys dankbarem Grinsen, stellte ich fest, dass er mir bei der Beseitigung der Leiche behilflich sein würde und dass er dazu noch sehr dankbar war. Er war, wie ich, bis zu diesem Zeitpunkt, ständig klamm am Geld.Ich hatte mir eigentlich ganze Menüs zurechtgelegt, die ich mir mit Häuptlings Fleisch bereiten würde, aber mir kam schon hier öfter der Gedanke, dass man irgendwann des Fleischgeschmacks überdrüssig werden könnte. Diese Erkenntnis hatte ich mir aus der Aktion auch mitgenommen.
*
Nach der ganzen Manscherei in der Badewanne, hatte ich eigentlich schon genug von Fleisch und ich war müde, aber ich hatte auch Hunger. Also kochte ich mir doch gleich eine riesige Portion Chili con Carne. Das war meine Lieblingsspeise. Kaum war das Zeug fertig, stellte ich den Herd aus. Ich war aber mittlerweile so müde, dass ich mich erst einmal schlafen legte. Ich schlief fest und lang und ungewöhnlich ruhig und am nachfolgenden späten Nachmittag, wachte ich wieder auf.
Mit einem Mords-Hunger.
Das Chili con Carne aß ich fast komplett auf. Es war ein ein Kilo Beutel Häuptlings-Fleisch, den ich dort hineinmischte, aber es kam mir einfach nur vor, wie ein sattes Frühstück und es schmeckte toll.Den Rest kippte ich ins Klo. War nicht mehr so viel.Beim Hineinkippen ins Klo fiel mir wieder auf und ein, dass ja noch das komplette Knochengerüst und der noch „volle“ Schädel von Häuptling in meiner Badewanne lag.
Der Scheiß musste ja auch noch weg.
Als ich den Kochtopf abgewaschen und nach dem Abtrocknen wieder in meinem Küchenschrank verstaut hatte, machte ich mich an das vorrangige Problem. Häuptlings Schädel, an dem auch noch sein Gesicht klebte.
Ich nahm den Schädel in meine Hand und schnitt mit meinem Teppichmesser einmal mittig rundherum. Dann riss ich die Haut ab, was sich anfühle und klang, als würde ich einen Streifen Paketklebeband von einem gut klebenden Untergrund abreißen. War recht anstrengend. Danach zertrümmerte ich die Schädeldecke, woraufhin mich das Gehirn ansah. Das war eine sehr klebrige Angelegenheit. So klebrig, dass bei mir das Gefühl aufkam, dass das Gehirn innerhalb eines Schädels in Kola gelagert wurde. Keine Ahnung, was in so einem Gehirn drin ist, aber das Zeugs klebt echt heftig.
Ich packte diese Masse und warf sie in den anonymen Müllschlucker unseres Hochhauses.
Im Anschluss fing ich an, alle Knochen zu zertrümmern und in kleine Minitüten-fähige Teile aufzuteilen. In den nächsten drei Stunden verteilte ich die Tüten, die ich aus Prinzip von allen möglichen Einkäufen bei allen möglichen Discountern sammelte, in Bus- und Straßenbahnmülleimern zu entsorgen. Wenn nicht jemand tatsächlich nach menschlichen Knochen suchen würde, würde es keinem auffallen, dass ich die Knochen einer kompletten Leiche in der gesamten Stadt verteilt hatte.
Erledigt!
Keine Ahnung, ob ich wirklich „sicher“ vorging, aber mir war es fast egal. Ich war bereits ein Mörder und die laschen Gesetze dieses Landes und die Strafvollzugsanstalten lehrten mir dazu nicht gerade das Fürchten.
Nun ging es an Häuptlings Auto. Das war eine coole dicke Karre, aber ich musste sie loswerden. Tat mir ein bisschen weh, weil sich das Fahrzeug sehr gut fahren ließ. Am nachfolgenden Samstag, begab ich mich mit diesem schwarzen Bonzen-Schiff auf einen Gebrauchtwagenbasar am anderen Ende der Stadt und stellte mich mit dem Wagen als Verkaufender auf.Es dauerte nicht lange, als ein offensichtlich slawisch stämmiger Mitbürger Interesse an dem Wagen bekundete.Er fing an zu fragen, woher der Wagen stammte und welche Papiere verfügbar waren. Ich machte ihm recht kurz und bündig deutlich, dass der Wagen mit jeder Frage, die er mehr stellte, deutlich teurer als achtzehn tausend werden würde.
Die Diskussion dauerte in etwa dreiundfünfzig Sekunden, dann war der Benz verkauft und ich um achtzehn tausend Euro reicher.
Ich machte dem Käufer noch klar, dass er ein großes Problem bekommt, wenn er versucht, Näheres über das Auto herauszufinden. Er blickte mich an, blickte um sich und überreichte mir mit einem Augenzwinkern das Geld.
Erledigt!
*
Ich war nun im Besitzt von insgesamt dreiundzwanzig tausend Euro. Es war recht lukrativ bis hier hin. Irgendwie war ich auch neugierig, was Häuptling für ein Leben führte und ich hatte noch sein Portemonnaie und seinen Haustürschlüssel. Ich kaufte mir auf dem Basar einen etwas kleineren und sehr günstigen Wagen, einen kleinen VW. Der kostete mich drei tausend und ich konnte direkt losfahren, weil er noch ein Versicherungszeichen von dem Verkäufer besaß. Es war zwar kein Versicherungsschutz mehr drauf, aber das konnte man ja so nicht sehen.
In den nächsten zwei Tagen Parkte ich, immer wieder an unterschiedlichen Plätzen, in der Nähe von Häuptlings Meldeadresse, die ich dem Personalausweis aus seinem Portemonnaies entnahm.Häuptling wohne in einer recht guten Gegend, die sich Oberneuland schimpfte und es war ein nicht zu verachtendes, kleines, hübsches Haus.
In regelmäßigen Abständen, klingelten seine Schergen und betraten, nachdem, er logischerweise, nicht öffnete offensichtlich mit eigenen Schlüsseln das Haus und verschwanden kurze Zeit später wieder. Nachdem ich in dem Kommen und Gehen die strukturelle Regelmäßigkeit ausmachen und planen konnte, wusste ich, wann ein passendes Zeitfenster vorhanden war, in dem ich mich ungestört in Häuptlings Bude bewegen konnte und betrat an einem frühen Morgen sein Haus.
Nach all der langen Zeit des Pleiteseins und des Geldmangels, dachte ich jetzt, dass ich im Hause eines Großverdieners gelandet war. Der Typ hatte wirklich alles.In jedem Raum befand sich ein riesiger Fernseher, in der Doppelgarage stand ein Jeep und seinen Benz hatte ich ja bis vor kurzem.Seine Küche war mit sehr edlen Geräten ausgestattet, wobei sein leerer Kühlschrank mir sagte, dass er wohl nie wirklich selbst kochte.
Ansonsten sah ich nur Designermöbel und Designerarmaturen. Im Garten befand sich ein großer Pool und ein Whirlpool, sowie eine Sauna. Irgendetwas sagte mir aber, dass so ein Goldkettenträger wie Häuptling, der Drogen verkaufte, nicht genug Geschmack und Einkünfte haben würde, um sich so einzurichten. Es sah eher so aus, als hätte man ihm das alles so überlassen, oder dass er noch eine zweite viel größere Geldquelle besitzen müsste. Das ganze materielle Zeugs interessierte mich aber nicht wirklich, weil ich eigentlich nur etwas Genaueres über Häuptling selbst herausfinden wollte.Ich suchte also nach etwas Persönlicherem und fand einen Raum, der nach einer Art Arbeitsraum aussah.
Es schien sein Büro zu sein.
Darin stand ein Laptop und wie ich es seinem Intellekt abgewinnen konnte, war nichts mit einem Passwort versehen. Ich konnte mich also frei in seinen Daten herumbewegen und kam nach kurzer Suche in einem Verzeichnis „Videojobs“ zum Stoppen. Die Videos in dem Verzeichnis waren nach Namen sortiert. Ich las vier Namen. Maike, Tamara, Anna und Nicole.
Jedes einzelne Video zeigte die üble Tortur eines jungen Mädchens, welches, jede auf eine eigene Art, misshandelt, zum Teil missbraucht und dann am Ende des Videos durch einen Schuss in den Kopf getötet wurde. Jede dieser Torturen dauerte etwa dreißig bis sechzig Minuten. Wenn es sich bei diesen Videos nicht um sehr kranke Kunst-Kurzfilme handelte, was ich mir bei Häuptling auch nicht vorstellen konnte, handelte es sich um tatsächliche Snuff-Movies und mir wurde schlagartig anders.
Kranke Scheiße...
Die Tatsache, dass Häuptling diese Filme besaß und auch mit ihnen zu tun hatte, bestätigte mein Handeln. Diesen Mädchen konnte keiner mehr helfen, aber auch Häuptling konnte keiner mehr helfen. Teile von ihm befanden sich mittlerweile in Jurys Tiefkühltruhe und das war jetzt auch, mehr denn je, gut so.
Dieser kranke Mistkerl!
Ich wünschte mir jetzt, ich hätte ihn mehr leiden lassen, aber ich musste von meinen Hassgedanken wieder herunterkommen, um mich nicht darin zu verrennen.
Jemand, der so etwas macht, um Geld zu verdienen, der muss noch viel mehr Geld haben. Aus einschlägigen Filmen, weiß ich, dass kranke Individuen Unmengen an Geld ausgeben, um solche Videos zu bekommen. Also muss Häuptling Massen von Geld besitzen. Jemand mit dem Intelligenzquotienten eines Buchsbaums, wie er, schafft das Geld nicht planvoll aus dem Weg, sondern behält alles greifbar. Es muss nur gefunden werden.Ich wollte gar nicht all sein Vermögen finden und ich wollte auch nicht Polizei spielen. Nach dem Mord an ihm, war ich ja mittlerweile selbst kein unbeschriebenes Blatt mehr.
