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Reaktionen zum Tode Rudolf Steiners vor 100 Jahren /// Rudolf Steiner in Nachrufen – die Auswahl der hier gesammelten Artikel zeigt, in welcher Breite der Gründer der Anthroposophie in der deutschsprachigen Öffentlichkeit wahrgenommen und diskutiert wurde: In angesehenen Medien wie der Frankfurter Zeitung, bei allen politischen Richtungen von der Roten Fahne bis zum Völkischen Beobachter, aber auch in konfessionellen Blättern und in vielen angesehenen Zeitungen der damaligen Zeit war Rudolf Steiner Thema. Dieser Sammelband dokumentiert die vielfältigen und oft kontroversen Versuche, die damals schon umstrittene Gestalt Steiners zu bewerten und bietet zugleich ein Bild der geistigen Auseinandersetzungen im Mitteleuropa der 1920er Jahre. /// Die erschienenen Nachrufe in vielen deutschsprachigen Zeitungen belegen nicht nur, wie bekannt Rudolf Steiner zu seiner Zeit war, sondern auch, wie stark seine Ideen zu öffentlichem Widerspruch und zur Auseinandersetzung Anlass gaben. Insofern will diese Zusammenstellung einen neuen Beitrag zur Rezeptionsgeschichte der Anthroposophie geben. - Wolfgang Vögele
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Seitenzahl: 222
Veröffentlichungsjahr: 2024
Rudolf Steiner in NachrufenVon der Frankfurter Zeitung bis zur Roten Fahne Herausgegeben und ausgewählt von Wolfgang G. Vögele
ISBN E-Book 978-3-95779-214-3ISBN gedruckte Version 978-3-95779-213-6Diesem E-Book liegt die erste Auflage 2024 der gedruckten Ausgabe zugrunde.E-Book-Erstellung: CPI books GmbH, Leck
Erste Auflage 2024
© Info3 Verlagsgesellschaft Brüll & Heisterkamp KG,Frankfurt am Main, 2024
Lektorat: Jens Heisterkamp, Frankfurt am Main
Umschlag: Frank Schubert, Frankfurt am Main Portrait Rudolf Steiner: © Alamy Autorenfoto: © privatFoto Gedenkstätte für Rudolf Steiner in Dornach, Schweiz,© Info3 VerlagSatz: Ulrich Schmid, de∙te∙pe, Aalen
Die Auswahl dieser Artikel aus Rudolf Steiners Todesjahr 1925 zeigt, in welcher Breite der Gründer der Anthroposophie in der deutschsprachigen Öffentlichkeit wahrgenommen und diskutiert wurde: In angesehenen Medien wie der Frankfurter Zeitung, bei allen politischen Richtungen von der Roten Fahne bis zum Völkischen Beobachter, aber auch in konfessionellen Blättern war Rudolf Steiner Thema. Dieser Sammelband dokumentiert die vielfältigen und oft kontroversen Versuche, die damals schon umstrittene Gestalt Steiners zu bewerten und bietet zugleich ein Bild der geistigen Auseinandersetzungen im Mitteleuropa der 1920er Jahre.
Die erschienenen Nachrufe in vielen deutschsprachigen Zeitungen belegen nicht nur, wie bekannt Rudolf Steiner zu seiner Zeit war, sondern auch, wie stark seine Ideen zu öffentlichem Widerspruch und zur Auseinandersetzung Anlass gaben. Insofern will diese Zusammenstellung einen neuen Beitrag zur Rezeptionsgeschichte der Anthroposophie geben.
Wolfgang Vögele
Wolfgang G. Vögele, geb. 1948 in Mannheim, studierte in Heidelberg Geschichte und Pädagogik. Waldorflehrer in Österreich, bis 2002 Mitarbeit am Rudolf Steiner Archiv Dornach, seitdem freier Journalist und Autor, u.a. Der andere Rudolf Steiner und Sie Mensch von einem Menschen! Rudolf Steiner in Anekdoten. Zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Onlineportalen.
Zu danken habe ich vor allem dem Rudolf Steiner Archiv, Dornach, und seinem langjährigen Leiter David Marc Hoffmann sowie der Dokumentation am Goetheanum und ihrem ehemaligen Leiter Uwe Werner. Für seine redaktionelle Betreuung und manchen Ratschlag zur Gestaltung danke ich besonders herzlich Jens Heisterkamp.
Einleitung des Herausgebers
I. Nachrufe zeitgenössischer Persönlichkeiten und Publizisten
II. Nachrufe von völkischer und rechtskonservativer Seite
III. Nachrufe in sozialistischen und kommunistischen Medien
IV. Nachrufe von konfessionell-christlicher Seite
V. Verschiedene weitere Nachrufe
Verzeichnis der zitierten Zeitungen und Zeitschriften
Die Nachricht von Rudolf Steiners Tod am 30. März 1925 ging noch am gleichen Tag über die Schweizerische Depeschenagentur in alle Welt. In den meisten europäischen Tageszeitungen, aber auch in amerikanischen Blättern war sie zu lesen. Die New York Times schrieb, mit Rudolf Steiner sei „probably the most famous occultist of the world“, also der wahrscheinlich bekannteste Okkultist der Welt, verstorben.1
In den folgenden Tagen erschienen in der deutschsprachigen Presse zahlreiche Nachrufe. Sie blickten vielfach auf Ereignisse zurück, mit denen Steiner und seine Anhänger in den vergangenen Jahren öffentliches Aufsehen erregt hatten. Im Fokus standen dabei insbesondere die Bewegung für eine „Dreigliederung des sozialen Organismus“, der Brand des Goetheanums in Dornach und die Bemühungen um dessen Wiederaufbau. Infolge seiner Erkrankung sei es allerdings, so wurde mehrfach angemerkt, in letzter Zeit stiller um Steiner geworden. Tatsächlich hatte Steiner seine Aktivitäten in seinen letzten Lebensmonaten noch einmal verstärkt, aber davon war zunächst nur wenig an die Öffentlichkeit gedrungen.
Parteipolitisch und konfessionell orientierte Zeitungen wiederholten ihre schon zu seinen Lebzeiten geäußerte Kritik. Für die Kommunisten blieb er ein Handlanger des Kapitals, für die Völkischen ein Vaterlandsverräter, für die Kirchen ein antichristlicher Irrlehrer. Die meisten Blätter nannten ihn „umstritten“, was viele Deutungen zuließ: „Man ist sich noch nicht ganz klar über die Persönlichkeit dieses soeben verstorbenen Religions- oder sagen wir richtig Sektenstifters“, schrieb etwa Herbert Eulenburg. Ehemalige Freunde aus seiner „vor-theosophischen“ Zeit verbanden ihre Nachrufe mit persönlichen Erinnerungen. Fast alle Nachrufe spekulierten über die Gründe von Steiners Einfluss und einige sagten der nunmehr „verwaisten Anthroposophie“ eine kurze Lebensdauer voraus.
Bei seinem Tod galt Rudolf Steiner in Europa und vor allem im deutschsprachigen Raum als „eine der bekanntesten und auf weite Kreise einflussreichsten Persönlichkeiten“, wie es im Nachruf von Johannes Heinrich Schultz im Berliner Tageblatt heißt. Der Theologe Ernst Troeltsch hatte schon 1921 von den „enormen Einflüssen der Steinerschen Anthroposophie“ gesprochen.2
Wir wissen heute, dass es geistig interessierten Zeitgenossen kaum möglich war, Steiner damals zu „übersehen“. Zahlreiche Wissenschaftler und Künstler hatten seine Vorträge gehört und in unterschiedlicher Weise verarbeitet: Stefan Zweig, Wassily Kandinsky, Franz Kafka, Albert Einstein, Kurt Tucholsky, um nur einige zu nennen. Mit dem Philosophen Max Scheler und dem Theologen Albert Schweitzer führte Steiner persönliche Gespräche. Der Historiker Peter Staudenmaier schreibt: „Als Rudolf Steiner 1925 starb, war er in Deutschland eine prominente Gestalt. Ob gefeiert oder kritisiert oder ob er (noch öfter) rätselhaft erschien: Steiner war jemand, der zur Stellungnahme aufforderte. Nachrufe und Erinnerungen erschienen quer durch das Spektrum der deutschen Presse […] Das Ausmaß der öffentlichen Aufmerksamkeit zum Zeitpunkt von Steiners Tod stand in auffallendem Kontrast zu seiner ziemlich unbekannten Herkunft“.3
Der Höhepunkt seiner öffentlichen Wirksamkeit hatte im Jahr 1922 gelegen: Die größten Säle der deutschen Städte waren bei seinen Vorträgen ausverkauft. „In Berlin hatte sogar die Köthener Straße, die zum Philharmoniesaal führte, polizeilich abgesperrt werden müssen, weil der Andrang ein zu großer war.“4 Freilich musste er diese Art seines Wirkens bald einstellen, nachdem rechtsradikale Kreise versucht hatten, gewaltsam gegen ihn vorzugehen.5
Der Kulturkritiker Siegfried Kracauer schrieb rückblickend: „Der Anthroposoph Rudolf Steiner war der letzte Schrei dieser Zeit; er ähnelte Hitler darin, dass er eifernd seine verstiegene Weltanschauung in abscheulichem, kleinbürgerlichem Deutsch an den Mann brachte.“6
Zahlreiche Nekrologe erklärten den Einfluss Steiners mit der These, er habe wie andere Weltverbesserer – „Inflationsheilige“, wie man sie auch nannte – vom Chaos der ersten Nachkriegsjahre profitiert. Schon in seiner von 1923 bis kurz vor seinem Tod 1925 verfassten und unvollendet gebliebenen Autobiographie Mein Lebensgang hatte Steiner dieser Auffassung widersprochen: „Es hat für mich etwas Schmerzliches, wenn ich in Betrachtungen, die heute über Anthroposophie angestellt werden, immer wieder Gedanken von der Art lesen muss: der Weltkrieg hat in den Seelen der Menschen Stimmungen erzeugt, die dem Aufkommen von allerlei mystischen und ähnlichen Geistesströmungen günstig sind, und wenn dann unter diesen Strömungen auch die Anthroposophie angeführt wird.“ Zwar habe er während der Kriegsjahre auch Themen besprochen, die von den Zeitereignissen veranlasst waren. „Aber dem lag nichts von einer Absicht zugrunde, die Zeitstimmung für Verbreitung der Anthroposophie auszunutzen. Es geschah, weil Menschen gewisse Zeitereignisse von den Erkenntnissen beleuchtet haben wollten, die aus der Geisteswelt kommen. […] Dass die Zahl derer, die sich für Anthroposophie interessieren, sich nach dem Kriege mehrte […] ist richtig.“ Doch habe dies nie etwas an der Fortführung der anthroposophischen Sache, wie diese sich seit der Jahrhundertwende vollzog, geändert.7
„Vielumstritten ist sein Name in der Öffentlichkeit. Den einen ist er der große Führer, den andern eine unverständliche, beängstigende Erscheinung; andern wieder […] Gegenstand des Spottes.“8 Was hier Erwin Ratz, der spätere Anthroposoph, 1920 im Hinblick auf seinen Lehrer Arnold Schönberg aussprach, traf auch auf Rudolf Steiner zu. Die Anthroposophie wurden schon zu Steiners Lebzeiten von öffentlicher Kritik begleitet.9 Steiner wird bis heute von Kritikern in der Regel als nicht ernst zu nehmender Visionär abgetan. Seine Ansichten gelten nicht nur als wissenschaftlich abseitig, seine Werke sollen auch rassistische, antidemokratische und verschwörungstheoretische Elemente enthalten. Historisch-kritische Forscher wollen seiner Person eine Reihe von intellektuellen und moralischen Defiziten anlasten.10
Die neuere Nekrologieforschung hat Nachrufe als Textkategorie untersucht. Demzufolge besteht seit der Antike eine rhetorische Tradition des Nachrufs, deren Struktur bis heute nachweisbar ist. Dazu gehören die Elemente lamentatio (Totenklage), vita (Lebensbeschreibung), laudatio (Würdigung der Verdienste) und consolatio (Tröstung und Zuversicht). Neben einem feierlich-würdevollen Ton wird die Befolgung der alten ethischen Norm „de mortuis nihil nisi bene“ (über Tote soll man nur Gutes sagen) verlangt.11 Dass manche Steiner-Nachrufe diese ethische Norm ignorierten, bedauerte schon der Journalist Paul Gloning. Steiner sei, als er noch auf der Bahre lag, von manchen Blättern beschimpft worden.12 Weitere von Gloning angesprochenen Mängel wie Flüchtigkeit und mangelhafte Recherchen, die oft zu grotesken Aussagen führten, hatte Steiner schon zu Lebzeiten erfahren müssen. Er war vor allem in seinen frühen Berliner Jahren selbst lange journalistisch tätig gewesen und hatte manchen Nachruf verfasst. Der Journalist Hans Liebstoeckl berichtet: „Er [Steiner] sprach zu mir […] einmal über die Presse und ihre Bedeutung für die Geisteswissenschaft, sofern die Journalisten nur die Kraft hätten, sich von Vorurteilen und ihrem Hang zu Flüchtigkeiten freizumachen, die den Betrieb dieses Handwerks empfindlich schädigten.“13 Auch der Theologe Ernst Troeltsch hatte einmal das „alles zerschwätzende, vorzeitig enthüllende und rasch verbrauchende Zeitalter der Presse und des Journalismus“ kritisiert.14
Mir sind bisher keine speziellen Untersuchungen von Steiner-Nachrufen auf breiter Quellenbasis bekanntgeworden. Bereits 2005 habe ich einige Nekrologe in meine Anthologie Der andere Rudolf Steiner aufgenommen.15 2008 erschien ein Aufsatz des finnischen Theologen Tore Ahlbäck, der eine kleine Auswahl von Steiner-Nachrufen aus anthroposophischen Zeitschriften analysierte.16 Er wollte klären, was Steiners Anhänger zum Zeitpunkt seines Todes über ihn dachten und kam zu dem Ergebnis, dass seiner Ansicht nach Steiner auch als Religionsgründer gesehen werden kann. Auch Helmut Zander hatte 2002 die These vertreten: „Die Anthroposophie besitzt alle Merkmale einer Religion.“17 Kirchlich-theologische Kreise verstehen Anthroposophie weitgehend als religiöse „Neuoffenbarung“.18
In den von Ahlbäck ausgewerteten Nachrufen tritt Steiner als der spirituelle Führer, der Lehrer, der Religionsgründer, der Okkultist, der Märtyrer und der Wissenschaftler und Denker in Erscheinung, wobei die Bezeichnungen Religionsgründer, Lehrer und Okkultist am meisten anzutreffen sind.
Mit dem Sichten von Steiner-Nachrufen begann ich schon während meiner Mitarbeit am Rudolf Steiner Archiv Dornach zwischen 1998 und 2002. Einen wichtigen Anstoß, eine größere Anzahl von ihnen zu publizieren, verdanke ich der Lektüre des Buches von Friedrich Wilhelm Graf (Hg.): Ernst Troeltsch in Nachrufen.19 Der evangelische Theologe war ein international angesehener Wissenschaftler, dem viele bedeutende Kollegen Nachrufe widmeten. Ähnlich wie auch das Buch über Troeltsch enthält der vorliegende Band eine Auswahl von Pressestimmen, die im deutschsprachigen Raum erschienen waren. Sie sind meist auf der jeweiligen Seite kurz kommentiert. Dabei werden, soweit möglich, die weltanschauliche bzw. politische Richtung der Zeitung angegeben und Daten zu den Verfassern beigefügt. Die Beschränkung auf deutschsprachige Texte erfolgte, weil die Anthroposophie von deutschem Boden ausging und Steiners Aktivitäten hier die meisten Reaktionen erfuhren. Für meine Recherchen konnte ich auch die Online-Portale ANNO (hauptsächlich Wien/Österreich) und ZEPHYS (Berlin und Umgebung) heranziehen. Fremdsprachige Nachrufe zu sammeln, muss späteren Editoren überlassen bleiben.
Nicht aufgenommen wurden die zahlreich vorliegenden knappen Todesmeldungen. Ebenso wurden bei den „gekürzten“ Nachrufen die ständig wiederkehrenden bio- und bibliographischen Daten Steiners weggelassen. Diese enthalten oft sachliche Irrtümer und Verwechslungen, von denen einige aus heutiger Sicht auch unfreiwillig satirisch wirken, etwa wenn Steiner als Privatsekretär Stefan Georges und der Dornacher „Johannesbau“ als „Johannisbräu“ bezeichnet wurden.
Auf den Abdruck von Nachrufen aus der anthroposophischen Bewegung wurde in der vorliegenden Sammlung verzichtet, da es sich hierbei meist um bekenntnishaft wirkende Aussagen handelt, die das öffentliche Bild Steiners unberücksichtigt lassen. Sie sind überdies bereits in anderer Form gut dokumentiert.
Es kann befremden, wenn Steiner in manchen öffentlichen Presse-Nachrufen als „Führer“ der anthroposophischen Bewegung bezeichnet wird. Im Kaiserreich und in der Weimarer Republik wurde dieser Begriff jedoch synonym für „Leiter“ oder „Vordenker“ gebraucht. Im angloamerikanischen Raum sind „leader“ oder „spiritual leader“ unbelastete Begriffe. Der zeitkritische deutsche Philosoph Theodor Lessing unterschied zwischen legitimer und angemaßter Führerschaft. 1923 schrieb er: „Überall werden Führer angeboten: Wyneken, Spengler, Muck, Steiner, Müller. […] Führer wird derjenige, der den Weg kennt und die Sache versteht. So muss auf jedem Gebiete der Wegeskundige und Sachkundige Verantwortung mit übernehmen für die minder Kundigen und in dieser Hinsicht Schwächeren. Führer ist, wer dient. Führer nimmer, wer Macht will.“20
In vielen Gedenkworten der Anthroposophen (die hier nicht aufgenommen wurden) erhielt diese Bezeichnung eine tiefere Dimension: Steiner wurde als spiritueller Führer gesehen. Ita Wegman sprach von Steiner als von „unserem großen Führer“, Ludwig Polzer-Hoditz vom „großen Führer der Menschheit“, Albert Steffen vom „Menschheits-Führer“. Das Komitee der Freien Anthroposophischen Gesellschaft schrieb: „Dort aber [in der geistigen Welt] lebt jetzt der Führer seit seinem Hinscheiden von der Erde.“21
Steiner selbst hatte es immer abgelehnt, als „Führer“ bezeichnet zu werden. Schon 1904, zu Beginn seiner theosophischen Zeit, schrieb er an Doris Paulus: „Sie sind so lieb, mich in Ihrem Briefe ,Führer‘ zu nennen. Ich kann und darf nur so weit führen, als der erhabene Meister, der mich selbst führt, mir die Anleitung gibt.“22 Während des Konflikts mit Annie Besant forderte ein Delegierter auf der 10. Generalversammlung der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft die Anwesenden auf: „Wir müssen unseren Führer schützen“23, worauf Steiner bat, nicht persönlich zu werden, sondern sachlich zu bleiben. Als der Anthroposoph Louis Werbeck 1923 daranging, eine apologetische Schrift zu verfassen, legte er das entstehende Manuskript Rudolf Steiner vor, der ihm einige Verbesserungsvorschläge machte. Er riet ihm, die Bezeichnung „Führer“ zu vermeiden, weil diese unverständlich sei und den heutigen Leser empören würde.24 Werbecks zweibändiges Werk erschien 1924.25
Die hier vorgestellten Nachrufe können nicht mehr sein als zeitgeschichtliche Momentaufnahmen; abgeschossene Urteile über Steiner waren schon deshalb nicht möglich, weil zum Zeitpunkt seines Todes der größte Teil seines Werkes noch gar nicht veröffentlicht war. So waren die Journalisten gezwungen, auf ältere (oft polemische) Presseartikel zurückzugreifen. Vermutlich auch durch deren Unzulänglichkeit veranlasst, meldeten sich auch Zeitgenossen, die Steiner persönlich gekannt hatten, mit Erinnerungen zu Wort. In den folgenden Jahrzehnten erschien dann eine reichhaltige Memoirenliteratur, verfasst in erster Linie von seinen Freunden und Schülern.26
Die erschienenen Nachrufe in vielen deutschsprachigen Zeitungen belegen nicht nur, wie bekannt Rudolf Steiner zu seiner Zeit war, sondern auch, wie stark seine Ideen zu öffentlichem Widerspruch und zur Auseinandersetzung Anlass gaben. Insofern will diese Zusammenstellung einen neuen Beitrag zur Rezeptionsgeschichte der Anthroposophie geben.
Die damalige Rechtschreibung der Zeitungsartikel wurde beibehalten, ebenso die in 1925 noch verwendeten Hervorhebungen durch Sperrung, soweit diese aus den Vorlagen erkennbar waren. Fehlerhafte Orts- und Namensbezeichnungen („Kraljevec“, „Wegmann“ sowie anthroposophische Fachbegriffe („Eurhythmie“, „Goetheaneum“) haben wir unverändert übernommen; offensichtliche Schreib- und Satzfehler jedoch korrigiert.
Wolfgang G. Vögele
Wenige Wochen nach Steiners Tod erschien imGeneralanzeiger Reutlingen ein Artikel von Paul Gloning mit der Überschrift „Die deutsche Großstadtpresse beim Tode Rudolf Steiners“, der die Art der Nachrufe kritisch reflektiert.
Um die Mittagsstunde des 30. März traf auf den Redaktionen der Tageszeitungen die Meldung vom Tode Rudolf Steiners ein. Und weil das erste Gebot einer Großstadt-Zeitung lautet „Fixigkeit“, erscheint es erklärlich, daß der Schlußredakteur, dem zu gleicher Stunde der neueste Straßenbahnunfall, die jüngste Wendung der Dinge in Paris, London und Berlin, die Abschlußziffern von der ersten Reichspräsidentenwahl und noch manche andere Nachrichten in Form von Meldungen der Telegraphen-Büros zugehen, in seinem Nachruf auf eine Persönlichkeit wie Rudolf Steiner nicht „in der Wesen Tiefe“ dringet. Die ersten, von den Redaktionen oder einem einzelnen Redakteur stammenden Betrachtungen zum Tod Rudolf Steiners wurden also in größter Eile zu Papier gebracht, und – sie waren auch danach. So löblich die Tendenz der Tagespresse an sich sein mag, rasch das Publikum, die Leserwelt, zu bedienen, es gibt Fälle, wo dieser vernünftige Grundsatz zum Unsinn, zur Plage, zum Unrecht wird. Wie kann ein Redakteur, durch dessen Hände zufällig die Meldung vom Hinscheiden einer bedeutenden Persönlichkeit geht, das Werturteil über diese Persönlichkeit fällen, auch wenn er sie kaum oder nur ganz flüchtig oder nur aus den Zeitungsausschnitten kannte, die im Redaktions-Archiv unter dem Namen, um den es sich handelt, angesammelt wurden?
Ob derjenige, der sich kraft seiner Redakteur-Stellung zum Richter oder Oberrichter berufen fühlt über eine Persönlichkeit, die eben der Tod aus den Reihen der Lebenden gerissen, diesem Toten bei Lebzeiten nahe oder fern gestanden, ob er um dessen Lebensinhalt sich gekümmert oder nicht gekümmert hat, ob er, über den der Redakteur zu richten sich berufen fühlt, in seiner ganzen Wesenheit und Entwicklung und Bedeutung, dem „Richter“ auch meilenweit fern gestanden, – der zufällig „Dienst tuende“ Schriftleiter fühlt sich trotz alledem berufen, zu urteilen, zu richten, zu verwerfen, abzuurteilen und abzuschlachten. Aufgrund keiner anderen Vollmacht und keines anderen Befähigungsnachweises, als da er im Redaktionsdienst gerade an der Reihe war, als jene Nachricht kam, und weil der Grundsatz der Fixigkeit es verlangt, daß auch das Urteil über einen Toten sogleich nach Eintreffen der Todesnachricht „fix und fertig“ sei, daß es ohne weitere Überlegung, ja ohne „Besinnung“ sogleich der Öffentlichkeit verkündigt werde.
Diese hastige, unwürdige Art, „Gedenkartikel“ zu schreiben, ist eine der übelsten Angewohnheiten eines Teils unserer Tagespresse, insbesondere der Berliner; sie erschien in vielen Tageszeitungen beim Tode Rudolf Steiners als ein Unrecht und als eine Leichtfertigkeit. Denn nicht um eine grundsätzliche und überlegte Ablehnung der Lehre und der Persönlichkeit Rudolf Steiners handelte es sich bei dieser Sorte von Nachrufen, sondern um eine vielfach bewußt verletzende und herabwürdigende Kritik, die von keinerlei Sachkenntnis ausging. Man sollte sich in der Großstadtpresse selber einmal fragen, ob die Sucht, möglichst schnell mit „dem Wort“ fertig zu sein, auch wo es sich um ein Wort über die Lebensarbeit einer bedeutenden Persönlichkeit handelt, nicht sehr große Gefahren in sich birgt, vor allem die Gefahr, daß einzelne aus unserer Zunft, der großen und einflußreichen Zunft der Zeitungsschreiber, gerade an der Bahre verehrungswürdiger Persönlichkeiten die Rohheit ihrer Seelensituation und ihre Ahnungslosigkeit in geisteswissenschaftlichen, in philosophischen Fragen allzu deutlich verraten. Es ist ja glücklicherweise nicht so, daß die deutsche Tagespresse im ganzen Rudolf Steiner bei seinem Hinscheiden ungerecht behandelt hätte. Es gibt Tageszeitungen, die sich ihrer publizistischen Pflicht auch in diesem Fall, in der Würdigung dieser einzigartigen Persönlichkeit, sehr wohl bewußt waren. Aber zahlreiche Tagesblätter haben sich einfach unerhört benommen. Gewiß, man kann nicht von jedem, der in einer Tageszeitung schreibt, verlangen, daß er philosophische Bildung besitze. Sieht es doch häufig genug auch mit der volkswirtschaftlichen, der literarischen und der politischen Bildung mancher Wortführer in der Tagespresse sehr übel aus. Gott, was für Nummern! rief der Dichter Theodor Fontane mehr als einmal aus, wenn er seine Kritiker näher ins Auge faßte. Aber eine solche Bewertung derer, die berufen sind, „öffentliche Meinung zu machen“, ist freilich ein magerer Trost angesichts so manchen Verdikts über Rudolf Steiners Wirken und Bedeutung, das in der ersten Aprilwoche der Öffentlichkeit in gewissen Tageszeitungen verkündigt wurde.
Es ist erstaunlich, wie leicht es in unserer deutschen Publizistik genommen wird, über Menschen und Dinge auch dann zu urteilen, wenn man sich noch nie ernsthaft damit beschäftigt hat. Nur aus solcher Leichtfertigkeit im Urteilen erklären sich die nach Ton und Inhalt gleichermaßen üblen Nachrufe, die da und dort im Anschluß an die Nachricht von seinem Tode über Rudolf Steiner zu lesen waren. Der Anreger einer neuen Weltanschauung, der rastlos tätige Forscher, der nach dem Zeugnis vieler Tausender, die in die Tiefe seiner Gedankenwelt eingedrungen sind, gleichsam den Vorhang vor einer neuen geistigen Welt weggezogen, wurde verkannt nicht nur, sondern, als er schon auf der Bahre lag, auch noch beschimpft.
An „Vorgängern“ für solche Erscheinungen, wie sie beim Tode Rudolf Steiners in der Presse zutage traten, fehlt es allerdings nicht. Nach dem Tode Spinozas dauerte es hundert Jahre, bis sein Erwecker Lessing kam, bis aus dem verkannten und verketzerten Spinoza der gefeierte und gesegnete Spinoza geworden, bis der große Philosoph in seiner wissenschaftlichen und wahrhaft sittlichen Größe von den führenden Geistern erkannt wurde, und mancher vor dem stillen Heldentum dieses Philosophen, um mit Kleist zu reden, „auf die Knie seines Herzens“ gezwungen ward.
Das Charakterbild unserer Zeit weist viele unerfreuliche Züge auf. Besonders widerlich wirkt die Schmähsucht zahlreicher unserer Zeitgenossen, unter denen Falstaff-Naturen sind, die vor toten Helden am unverhülltesten sich offenbaren. Wer außerhalb der Kreise der Anthroposophischen Gesellschaft es unternahm, über Rudolf Steiner das Wort zu ergreifen, mußte von jeher auf Widerspruch gefaßt sein; auch nach seinem Tode ist es manchmal, als müsse man gegen einen Sturm reden, der einem ins Gesicht weht, wenn man in gewissen Kreisen für Rudolf Steiner eintritt. Ich empfand noch nie die Neigung, auf die Worte eines Meisters unbedingt zu schwören, und habe mir immer Selbständigkeit im Denken und Urteilen gewahrt. Aber für einen jeden, der es als selbstverständliche Pflicht ansieht, geistige Bedeutung anzuerkennen, wo immer sie sich zeige, hatte die Haltung, die ein Teil der Tagespresse Deutschlands beim Tode Rudolf Steiners einnahm, etwas Schmerzliches.
Von der Bedeutung des Lebenswerks Rudolf Steiners soll hier nicht weiter die Rede sein. Wem philosophische Gedankengänge ungewohnt sind und wer in der Lektüre geisteswissenschaftlicher Schriften (geisteswissenschaftlich als Widerspiel zu naturwissenschaftlich) ungeübt ist, vermag hier aus wenigen Sätzen nicht zu erkennen, worauf es ankommt. Man kann im übrigen zu der Person und zu der Lehre Dr. Rudolf Steiners stehen, wie man will, eines wird niemand bestreiten können: daß die von ihm entfachte Bewegung zur rechten Stunde hereinbrach, um den materialistischen Zug der Zeit durch eine mächtige Gegenströmung zurückzustauen.
Beim Hingang Rudolf Steiners zeigte sich in manchen Nachrichten der Tageszeitungen die Fremdheit, mit der so viele, die in der Öffentlichkeit reden, den geisteswissenschaftlichen Fragen gegenüberstehen. Freilich, es gibt Tagesschriftsteller und Tagesschriftsteller. Solche, die ihre[r] Unkenntnis zum Trotz über einen Mann und sein Werk schreiben, die dabei vor ein geistiges Antlitz einen Hohlspiegel halten und das Zerrbild, das ihnen dann entgegenblickt, als Wirklichkeit hinstellen. Aber es gibt auch Tagesschriftsteller von E[hre?] und Verantwortungsgefühl, die sich ihr Urteil nicht trüben lassen von Tagesmeinungen und übler Gesinnung, und die an der Bahre eines Denkers und Forschers und Gottsuchers wie Rudolf Steiner sich ebenso in Ehrerbietung beugten, wie vor dem toten Sänger, „dessen Ohr gelauschet hat an anderer Welten Tor“.27
Generalanzeiger Reutlingen, undatierter Zeitungsausschnitt aus dem Rudolf Steiner Archiv, handschriftliche Notiz vom 8. (?) Mai 1925.
Der Journalist und Schriftsteller Paul Gloning (1876-1951) war 1920 Korrespondent des Berliner Tageblattes, 1934-37 Herausgeber der Heilbronner Sonntags-Zeitung, 1945-1951 erster Leiter der Pressestelle des Württembergischen Staatsministeriums. Gloning verfasste auch Schriften zur Reutlinger Stadtgeschichte.
Einer der bekanntesten und vielseitigsten Kulturkritiker der Zwischenkriegszeit war Siegfried Kracauer, der zum Umfeld der Frankfurter Schule gehörte und später in die USA emigrierte. In derFrankfurter Zeitung schrieb er zum Tod Rudolf Steiners:
Mit Rudolf Steiner ist das Haupt der anthroposophischen Bewegung aus dem Leben geschieden, die vor wenigen Jahren noch die deutsche Öffentlichkeit ausgiebig beschäftigte – ein Mann, den seine Anhänger für den Heilsbringer hielten, während erbitterte Gegner als Charlatan ihn abtaten. Unter den von ihm Fanatisierten, das verdient bemerkt zu werden, befanden sich protestantische Geistliche, Gelehrte, Persönlichkeiten von Rang; daß auf der Gegenseite alles gestimmt hätte, wäre zu viel gesagt. Die Polemik, die sich an sein Auftreten knüpfte, wird den meisten noch in Erinnerung sein. Sie ist verklungen, ihre Heftigkeit schon der Gleichgültigkeit gewichen. Um so dringlicher meldet bei seinem Tode die Frage sich an, wie es geschehen konnte, daß seine Lehre und seine Erscheinung zu ihrer Zeit eine solche Wirkung auszuüben vermochten.
Nicht von Anbeginn an hatte Steiner sich im Besitz der Erkenntnisse höherer Welten gewähnt. In seiner Jugend vielmehr vertrat er einen Monismus Häckelscher Richtung, setzte sich bestimmt genug für einen wie immer verfeinerten Materialismus ein. Um 1900 kam es dann zu jenem Bruche, den er vergeblich in seinen Schriften als geradlinige Entwicklung zu konstruieren suchte. Er wurde Generalsekretär der Theosophischen Gesellschaft und durchzog als theosophischer Wanderprediger die Lande. Infolge eines Zerwürfnisses mit Annie Besant trennte er sich später von den Theosophen und gründete die Anthroposophische Gesellschaft, die im Lauf der Jahre immer weitere Kreise zog und das Höchstmaß an Fülle in der Revolutionszeit erreichte.
Die Lehre, die der von den Jüngern und Jüngerinnen als Meister Verehrte kündete, ist ein verworrenes Gemenge alter gnostischer Erkenntnisse, mit modernen Zutaten verbrämt. Er gab sie als Ergebnisse strenger Wissenschaft aus und meinte den Zugang zu ihnen durch geregelte Seelenübungen erschließen zu können. Wer diese Meditations- und Konzentrationsübungen methodisch betreibe, der gelange über die Stufen der Imagination und Inspiration zuletzt zur Stufe der Intuition, auf der man nicht nur die Präexistenz, sondern auch die Fortdauer des geistig-seelischen Wesens nach dem Tod erschaue. Illusionsfrei erblicke man die wiederholten Erdenleben eines Menschen in Vergangenheit und Zukunft und erfahre den ganzen Kosmos auf eine andere Art, als er den gewöhnlichen Sinnesorganen sich zeige. Die Kosmogonie Steiners im einzelnen hier zu entfalten, erübrigt sich um so eher, als trotz seiner genauen Beschreibung des Stufenpfades niemand außer ihm selber bisher in die übersinnlichen Bereiche eingedrungen ist. Immerhin mag erwähnt sein, dass er kraft seines Hellsehens von einem vor zwölftausend Jahren untergegangenen Kulturvolk zu berichten wußte, das in Luftfahrzeugen dicht über der Erde gefahren sei, und die Existenz zweier Jesusknaben behauptete, über die er mancherlei Mitteilung machte. Diese und andere mehr oder weniger skurrile Erkenntnisse sind eingebaut in das ungeschlachte System, das auch durch seine starke Inanspruchnahme als gnostische Weltdeutung sich erweist.
Aus seiner anthroposophischen Geisteswissenschaft leitete Steiner die Notwendigkeit von Lebensreformen ab, die er geschickt den Zeitströmungen anzupassen verstand. Er baute den inzwischen verbrannten Tempel zu Dornach, dessen Wiedererrichtung jetzt droht, ein monströses Gebilde, das auch kultischen Zwecken diente; er gründete vor fünf Jahren die nun der Liquidation entgegengehende Aktiengesellschaft: „Der kommende Tag“ in Stuttgart, einen assoziativen Zusammenschluß verschiedener industrieller und gewerblicher Unternehmungen „zur Förderung wirtschaftlicher und geistiger Werte“, dem u. a. ein klinisch-therapeutisches Institut und ein Verlag angegliedert sind; er rief den „Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus“ ins Leben, der aus theoretischen Gründen seinerzeit für die Abtrennung Oberschlesiens von Deutschland agitierte; er gab die Anregung zur Schaffung der Waldorf-Schule, suchte, angeblich aus dem Geiste Goethescher Naturanschauung heraus, eine neue Ära der Naturwissenschaften heraufzuführen und glaubte gar den Kunsttanz nach anthroposophischen Begriffen umgestalten zu müssen. Auf nahezu allen Lebensgebieten griff der Unrastige ein; als Künstler, Staatsmann, Sozialreformer, Seher stellte er den Massen sich dar. Man glorifizierte ihn ungebärdig zu seinen Lebzeiten, Hochschulkurse wurden abgehalten, die akademische Jugend zu gewinnen, Sondergruppen bildeten sich, Kongresse und Vorträge sollten die Menge bezaubern. So wuchs er zum Phänomen und dauerte kurz.
Gewiss war es nicht seine Person, die derart in die Breite wirkte. Mochte er auf einen beschränkten Kreis auch einen suggestiven Einfluss ausüben: seine Diktion war zu platt, seine Wissenschaft in ihrer Ausdrucksform zu wässerig, als daß er von sich aus die Vielen hätte mitreißen können. Ihm fehlte zum wirklichen Führer die Aureole des Geheimnisses, und selbst die unstreitig vorhandenen demagogischen Talente boten keinen hinreichenden Ersatz dafür. Auch die Sache an sich war nicht eigentlich dazu angetan, entscheidende Wirkungen auszulösen; Bestrebungen der Lebensreform gab es bessere, und Geheimkunde, besonnene und vermessene, wird in dieser Weise nicht öffentlich. Was wirkte, war vielmehr ein anderes, etwas, das weder in der Person noch in der Sache allein seinen Grund hatte: der Einbruch beider in ein Vakuum, das irgendwie erfüllt zu werden trachtete.
Der fruchtbare Moment der anthroposophischen Bewegung fällt genau in die Jahre der Revolution, in jene Zeit also, in der größere Schichten des Volks sich jedes Halts im Irdischen und Jenseitigen beraubt fühlten. Man ahnte damals mehr, als daß man es begriffen hätte: daß an dem Unglück des Kriegs und seines Ausgangs die geistige Situation die Schuld trug, in der man sich schon lange befand, von der man sich allzu lange hatte beherrschen lassen. Als eine Entfremdung von der Wirklichkeit
