Ruf der Herzen - Tina Mücher - E-Book

Ruf der Herzen E-Book

Tina Mücher

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Beschreibung

Im zweiten Teil der facettenreichen "Ruf-Reihe" erleben die Freundinnen Haley und Sarah ein Wechselbad der Emotionen. Während Haley oberflächlich betrachtet ein perfektes Leben führt, birgt ihre Fassade eine tiefe Unzufriedenheit. Der Neid, den Sarah für Hallers vermeintliches Glück empfindet, wird durch die Enthüllung von Hallers wahren Gefühlen in Frage gestellt. Als die erste große Liebe unverhofft wieder in ihr Leben tritt, geraten die Freundinnen in einen Strudel aus Emotionen, Komplikationen und Entscheidungen. Zwischen Liebe, Sehnsucht und der Unberechenbarkeit des Herzens müssen sie lernen, auf ihre innersten Gefühle zu hören. Tauchen Sie ein in eine Welt voller Geheimnisse, überraschende Wendungen und emotionale Höhen und Tiefen. Die Suche nach Liebe und Glück führt die Protagonistinnen zu ungeahnten Herausforderungen, die ihre Bindung und ihre Lebenswege auf eine harte Probe stellen. "Ruf der Herzen" ist ein fesselnder Liebesroman über Freundschaft, Liebe und die Umwege des Lebens, der den Leser mitreißt und bis zur letzten Seite in seinen Bann zieht.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 355

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Tina Mücher

Ruf der Herzen

Roman

© 2023 Tina Mücher

Lektorat, Korrektorat: Elke Auras

Umschlaggestaltung: Christian Weck

Druck und Destribution im Auftrag der Autorin: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland

Paperback

ISBN 978-3-384-09112-3

e-Book

ISBN 978-3-384-09113-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter:

Tina Mücher, Kirchstraße 19, 53937 Schleiden [email protected]

Now this is not the time or the place for a broken-hearted, ‘cause this is the end of the rainbow where no one can be too sad No, I don’t wanna leave, but I must keep moving ahead ‘Cause my life belongs to the other side Behind the great ocean’s waves

(Sunrise Avenue)

Nichts ist lauter als der Ruf der Herzen Nichts ist tauber als das Ohr des Verstandes

© Lisz Hirn

Inhalt

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

-1- Haley

-2- Sarah

-3- Haley

-4- Sarah

-5- Haley

-6- Sarah

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-8- Sarah

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Epilog

Danksagung

Ruf der Herzen

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Titelblatt

Urheberrechte

-1- Haley

Danksagung

Ruf der Herzen

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-1- Haley

Beinahe lautlos bewegten sich die bodenlangen, creme weißen Vorhänge im warmen Sommerwind, der durch das weit geöffnete Fenster ins Zimmer wehte.

In nicht allzu weiter Ferne war leise das Rauschen der Wellen zu hören. Möwen drehten kreischend ihre Runden über den verlassenen Strand und die angrenzenden Häuser. Es war noch früh am Morgen.

Die Sonne ging gerade am wolkenlosen Himmel auf, als die idyllische Stille jäh von dem schrillen Klingeln des Weckers durchbrochen wurde. Haley ächzte leise.

Mit geschlossenen Augen tastete sie nach ihrem Smartphone auf dem Nachttisch und brachte es schließlich mit einer noch recht unkoordinierten Berührung des Displays zum Schweigen.

Für einen kurzen Moment blieb sie regungslos und mit geschlossenen Augen liegen. Es fiel ihr wirklich schwer, sich mit dem Gedanken anzufreunden, das gemütliche Bett verlassen zu müssen.

Himmel, war sie müde…

Die vergangenen, arbeitsreichen Tage waren lang und die Nächte eindeutig zu kurz gewesen. Ihr ganzer Körper schrie danach, endlich ausschlafen zu dürfen, doch ein weiterer langer Arbeitstag lag vor ihr.

Widerwillig drehte sie sich auf die Seite und blinzelte mehrfach, damit sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnen konnten.

Der Blick hinaus verriet, dass sich das Wetter Floridas an diesem Tag wieder einmal von seiner schönsten Seite zeigte. Die Sonne strahlte vom wolkenlosen Himmel. Das machte es ihr etwas leichter, sich aus dem großen Himmelbett zu quälen und barfuß zum Badezimmer zu schleichen.

Als sie jedoch in den Spiegel sah, offenbarte sich die bittere Wahrheit: Sie sah genauso müde und unausgeschlafen aus, wie sie sich fühlte.

Das rotblonde Haar stand spröde in alle Himmelsrichtungen ab und obwohl sie im so genannten „Sonnenstaat“ lebte, war ihre Haut unnatürlich blass. Die blaugrauen Augen waren gerötet und dunkle Ringe darunter ein deutliches Zeichen, dass sie zu wenig schlief.

Anstatt sich jedoch über die viel zu kurzen und oft schlaflosen Nächte zu beschweren, straffte sie ihre Schultern, hob den Kopf und setzte eine fröhliche Miene auf.

„Let’s go, girl!“, motivierte sie ihr Spiegelbild, um dann routiniert in einen neuen Tag zu starten.

Nach einer ausgiebigen Dusche wickelte sie sich in ein großes Handtuch und putzte sich zunächst gründlich die Zähne. Danach trug sie ein dezentes Makeup auf, tuschte die dichten Wimpern und verteilte farblosen Lipgloss auf ihren vollen Lippen.

Im benachbarten Ankleidezimmer suchte sie sich aus einer großen Auswahl an Kleidungsstücken das passende Outfit aus.

An diesem Tag entschied sie sich für eine lockere, weiße Sommerhose, die ihre langen Beine gut zur Geltung brachte. Passend dazu trug sie ein weißes Top und darüber eine transparente, hellgraue Seidenbluse mit kurzen Ärmeln.

Mit nur wenigen, geschickten Handgriffen steckte sie das widerspenstige, lange Haar zu einem akkuraten Dutt am Hinterkopf zusammen und fixierte die Frisur mit etwas Haarspray.

Fertig.

Kritisch kontrollierte sie ihr Spiegelbild. Mittlerweile war ihr nicht mehr anzusehen, dass sie lediglich vier Stunden geschlafen hatte.

Es war die perfekte Illusion.

„Guten Morgen, Miss Parker“, Rosalia, die gute Seele des Hauses, schenkte Haley ein gewinnendes Lächeln, als diese die Küche betrat, „haben Sie gut geschlafen?“

„Danke, ja.“

„Mr. O‘Leary hat das Haus bereits verlassen. Er bat mich, Ihnen auszurichten, an das Dinner heute Abend zu denken.“

Haley versuchte, ein spöttisches Lächeln zu unterdrücken, während sie höflich nickte.

Das war wieder einmal typisch Connor.

Statt ihr eine WhatsApp zu schicken oder vielleicht sogar persönlich mit ihr zu sprechen, hatte er wieder einmal sein Personal beauftragt, sie an ihre Pflichten zu erinnern.

Eine Pflicht, die sie wohl kaum vergessen konnte, immerhin sprach er seit mehreren Wochen von nichts anderem.

Nach etlichen arbeitsreichen Jahren würde er an diesem Abend endlich offiziell die Geschäftsführung der Kanzlei von seinem Vater übertragen bekommen.

Es sollte ein großes Fest werden und viele namhafte Gäste waren eingeladen. Schauspieler, Politiker und andere Personen des öffentlichen Lebens hatten zugesagt, persönlich ihre Glückwünsche auszusprechen.

Natürlich gehörte es zu Haleys Pflichten, ihn zu begleiten. Ihre einzige Aufgabe würde darin bestehen, gut auszusehen, ihm nicht von der Seite zu weichen, lächelnd den langweiligen Gesprächen zuzuhören und an den richtigen Stellen anerkennend zu nicken.

Wie sehr sie es langweilte.

„Danke“, unterbrach sie schließlich ihre eigenen Gedanken und schenkte Rosalia ein aufgesetztes Lächeln.

Im gleichen Moment erschien ein großer Mann im schwarzen Anzug gekleidet im Türrahmen und sah Haley durchdringend an.

„Ihr Wagen steht für Sie bereit, Miss.“

Das war Mitch - Connors Schatten. Sein Fahrer, persönlicher Assistent und Bodyguard. Kurz: ein männliches Mädchen für alles, der seinem Boss nur selten von der Seite wich und gefühlt rund um die Uhr für dessen Sicherheit zuständig war.

Haley nahm Rosalia den frischen Kaffee ab, den sie ihr in einem „To-Go-Becher“ reichte und folgte Mitch schweigend nach draußen.

Eine schwarze Limousine mit abgedunkelten Scheiben stand bei laufendem Motor vor dem Haus. Die hintere Wagentür war geöffnet, sodass sie direkt einsteigen konnte.

Mitch nahm auf dem Fahrersitz Platz und fuhr, wortkarg, wie immer, umgehend los. Dankbar, kein unnötiges Gespräch mit ihm führen zu müssen, holte Haley ihr Smartphone hervor und nutzte den Weg zur Arbeit, um ihre E-Mails zu beantworten.

Etwa eine halbe Stunde später erreichten sie das ‚Miami Children’s Hospital‘ und Haley betrat die Kinderklinik mit einem Lächeln auf den Lippen.

Sie liebte diesen Ort.

Sicherlich war es nicht immer einfach, ständig von kranken Kindern und deren zum Teil besorgten Eltern umgeben zu sein, doch sie war Teil eines tollen Teams und es war mehr als nur ein Job, großen und kleinen Patienten bei der Genesung behilflich zu sein. Es war ihre Berufung!

Seit sie denken konnte, gab es immer nur einen Plan A für ihre Zukunft: Sie wollte als Ärztin Leben retten.

Eine Alternative hatte es nie gegeben!

Gut gelaunt betrat sie die Kinderonkologische Station in der vierten Etage, wo sie derzeit als Assistenzärztin tätig war.

Auf dem Weg zu ihrem Büro kam ihr ein Elternpaar eines ihrer jüngsten Patienten entgegen. Die beiden begegneten Haley mit besorgtem Blick und einem dankbaren Lächeln - einer Mischung, die auf dieser Station an der Tagesordnung war.

„Guten Morgen Dr. Parker“, grüßte der Vater und Haley erwiderte mit ihrer gewohnt optimistischen Fröhlichkeit: „Lächeln Sie, Mr. Jackson, heute wird ein guter Tag!“

Er schenkte ihr ein ehrliches Lächeln, das sie prompt erwiderte, ehe sie den Weg zu ihrem Büro fortsetzte.

Im Gegensatz zu den Professoren und Fachärzten teilten sich die Assistenzärzte ein Büro während ihrer Dienstzeit. Dort stand ihnen neben einem gut ausgestatteten Arbeitsplatz außerdem ein Bett zur Verfügung, auf dem sie sich gelegentlich ausruhen konnten, sowie eine Reihe verschließbarer Spinte, um Kleidung und persönliche Dinge darin aufzubewahren.

Haley öffnete ihren Spint mit dem dazu gehörenden Schlüssel, wechselte ihr Schuhwerk und zog den weißen Arztkittel über.

Routiniert überprüfte sie den Inhalt ihrer Taschen auf vollständigen Inhalt und warf einen letzten Blick auf das Displays ihres Smartphones, ehe sie es zu ihren persönlichen Gegenständen in den Spint legte.

Gerade als sie die Tür wieder schließen wollte, fiel ihr Blick auf ein Bild, das sie einst auf die Innenseite geklebt hatte.

Es war ein Foto von ihr und Connor, das während ihres ersten gemeinsamen Urlaubs in der Karibik entstanden war. Er hatte seinen Arm um ihre Schultern gelegt und beide lächelten frisch verliebt in die Kamera - ein klassisches Urlaubs-Selfie, das deutlich zeigte, wie glücklich sie gewesen waren.

Dieser wunderbare Urlaub war nun schon zehn Jahre her. Zehn Jahre, in denen viel passiert war und die sich nun wie eine Ewigkeit anfühlten.

Äußerlich hatten sich die beiden kaum verändert. Klar, sie waren älter geworden, doch das sah man ihnen kaum an. Es waren vielmehr die Umstände um sie herum und ihr Umgang miteinander, der sich im Laufe der Jahre verändert hatte.

Von den Schmetterlingen im Bauch waren kaum mehr welche übriggeblieben. Connor, der sie einst auf Händen getragen und ihr jeden Wunsch von den Lippen abgelesen hatte, nahm mittlerweile kaum noch Kenntnis von ihr.

Die meiste Zeit des Tages verbrachte er in der Kanzlei und selbst wenn er zuhause war, sprachen sie nur wenig miteinander, da er entweder im hauseigenen Büro beschäftigt war oder seine Aufmerksamkeit seinem Smartphone widmete.

Ständig telefonierte er… eine Sache, die ihr gehörig auf die Nerven ging, weil er ihr damit das Gefühl vermittelte, sie wäre ihm nicht mehr wichtig.

Haleys Augen füllten sich mit Tränen.

Von außen betrachtet führten sie und Connor ein absolutes Bilderbuchleben: Beide sahen toll zusammen aus, waren beruflich erfolgreich, entsprechend wohlhabend und lebten in diesem wunderbaren Haus mit Blick aufs Meer.

Eigentlich sollte sie doch glücklich sein, doch tief in ihrem Inneren fühlte es sich anders an. Sie fühlte sich unzufrieden und einsam - wie ein kleiner Vogel im goldenen Käfig.

Zum ersten Mal, seit sie in Florida lebte, vermisste sie ihre Heimat New York, ihr unbeschwertes Leben dort, ihre Familie, Freunde und alles, was sie der Liebe wegen zurückgelassen hatte.

Zum ersten Mal, seit zehn Jahren, empfand sie Bedauern und fragte sich, ob sie möglicherweise einen Fehler gemacht hatte.

Zum ersten Mal kamen Zweifel auf, ob sie wirklich das Richtige tat oder ob es nicht an der Zeit war, etwas zu ändern. Nur was?

„Haley?“

Ihr Kopf fuhr herum, als sie die bekannte Stimme ihrer Kollegin im Türrahmen vernahm. Schnell wischte sie die Tränen aus den Augenwinkeln und brachte sogar ein Lächeln zustande. „Ach, hey Kate. Ich habe dich gar nicht kommen hören.“

„Was daran liegen könnte, dass du heulend das Foto von dir und deinem Liebsten anguckst.“ Sie legte den Kopf schief. „Was ist los? Liebeskummer?“

Haley schüttelte den Kopf. „Nein, das ist es nicht…“

Nur allzu gern hätte sie der quirligen Kate Campbell mit dem roten Lockenschopf ihr Herz ausgeschüttet. Die beiden kannten einander bereits seit dem ersten Semester und in den vergangenen Jahren hatte sich eine wunderbare Freundschaft entwickelt.

Wenn es eine Person in ganz Florida gab, mit der Haley über ihre Probleme sprechen konnte, dann war es Kate. Sie war der ehrlichste Mensch, den Haley kannte. Von ihr würde sie sicherlich einen guten Ratschlag bekommen, doch der musste warten, denn in wenigen Minuten begann ihre Schicht.

„Lass uns bitte später darüber reden“, bat sie die Freundin und Kate erwiderte grinsend: „In der Mittagspause bin ich ganz Ohr.“

-2- Sarah

Obwohl das Fenster fest verschlossen war, konnte man den Lärm der Straße nicht überhören und das rund um die Uhr!

Autos hupten, ein Presslufthammer dröhnte, während immer wieder Reifen quietschend zum Stillstand kamen oder die Sirenen der Cops durch die Häuserschluchten schallten.

Es war eine alltägliche Geräuschkulisse und trotzdem war Sarah genervt, weil sie deswegen mal wieder nicht schlafen konnte.

Seufzend tastete sie nach ihrem Freund, der am Abend zuvor an ihrer Seite eingeschlafen war. Ihre Hand griff jedoch ins Leere. Der Platz neben ihr war verlassen.

Irritiert öffnete sie die Augen und ein erster, müder Blick fiel auf den Wecker neben ihrem Bett.

Es war spät.

Sehr spät!

Schon fast acht.

Sofort saß sie kerzengerade im Bett.

„Fuck!“

Sie hatte verschlafen – mal wieder.

Im Nu sank ihre Stimmung auf den Nullpunkt und sie verließ leise fluchend das Bett.

Auf dem Weg ins Badezimmer stolperte sie über die Reste des vergangenen Abends: Leere Gläser und Weinflaschen, Pizzakartons und Essensreste zeugten von einer netten, kleinen Feier im kleinen Kreis ihrer Freunde. Der wummernde Schmerz in ihrem Kopf und die leichte Übelkeit waren jedoch deutliche Zeichen, dass sie wieder einmal zu lange und zu exzessiv gefeiert hatten.

Jedes Mal aufs Neue nahm sich Sarah fest vor, keinen Alkohol zu trinken, wenn sie am kommenden Tag arbeiten musste. Dann war sie jedoch wieder so schwach, dass sie doch wieder zur Flasche griff. Trotz guter Vorsätze verbrachte sie nun einmal gerne Zeit mit ihren Freunden.

Es war schön, in geselliger Runde das eine oder andere Gläschen Wein oder Bier zu trinken und dabei ein wenig Gras zu rauchen.

So schnell sie konnte machte sie sich für ihren Arbeitstag zurecht. Sie kämmte die hellen, widerspenstigen Haare zurück und band sie zu einem strengen Zopf am Hinterkopf zusammen. Für eine aufwendige Frisur oder die eigentlich längst fällige Haarwäsche blieb keine Zeit.

Stattdessen putzte sie sich flüchtig die Zähne, wusch sich, trug etwas Wimperntusche auf, sprühte Deo unter ihre Arme, schlüpfte in Jeans und ein weißes Top, bevor sie dann die unaufgeräumte Wohnung im Laufschritt verließ.

Natürlich war ausgerechnet an diesem Morgen der Fahrstuhl kaputt und Sarah musste den langen Weg durch das schmuddelige Treppenhaus nehmen.

Vorbei an jede Menge Müll, Fäkalien oder die leeren Spritzen irgendwelcher Fixer, die es irgendwie ins Haus geschafft hatten oder dort wohnten.

Es war ein gewohntes Bild, an das sie sich längst gewöhnt hatte.

Sie lebte in dieser Gegend, weil sie sich die Miete in den besseren Stadtteilen New York Citys nicht leisten konnte. Natürlich würde sie lieber in einer luxuriösen Wohnung in Lower Manhattan leben, doch davon konnte sie lediglich träumen. Ihr Gehalt reichte gerade einmal für lausige dreißig Quadratmeter in einem Haus voller Kleinkrimineller, Prostituierte und Junkies. Das war nun mal der Preis, den sie zahlen musste, um ein Leben in der teuersten Stadt der Welt führen zu können.

Die meisten New Yorker, die knapp bei Kasse waren, wichen auf einen Wohnsitz in den abgelegenen Stadtteilen aus.

Auf der anderen Seite des East Rivers, in Brooklyn oder Queens gab es auch deutlich günstigere Wohnungen. Wenn man jedoch mitten im Großstadtdschungel arbeitete und sich die ständigen Fahrten mit der U-Bahn nicht leisten konnte, musste man Prioritäten setzen.

Seitdem Sarah denken konnte, war sie in den Straßen Manhattans zu Hause und fühlte sich dort verwurzelt. Alles, was sie zum Leben brauchte, war schnell zu erreichen. Es gab unzählige Möglichkeiten, Geld zu verdienen, nur um es anschließend wieder auszugeben. Restaurants, Bars und Geschäfte lagen ihr direkt zu Füßen. In einer so schnelllebigen Stadt wie New York erhielt sie deswegen etwas, das die meisten nicht hatten:

Zeit!

Dieser Vorteil brachte ihr jedoch nichts, wenn sie morgens ihren Wecker nicht hörte. Um es noch rechtzeitig zur Arbeit zu schaffen, musste sie sich durch den Strom der Menschen kämpfen, die wie jeden Morgen für überfüllte Bürgersteige sorgten.

Sarah durfte auf keinen Fall zu spät kommen. Ihr Job war ein absoluter Glücksgriff und den wollte, nein, sie durfte ihn nicht verlieren. Auf dem stark umkämpften Arbeitsmarkt reichte der kleinste Patzer, um wieder auf der Straße zu landen. Das hatte sie schon einige Male hinter sich und diese Erfahrung wollte sie nicht noch einmal machen.

So toll und abenteuerlich es sich in Manhattan auch leben ließ, ohne Arbeit und das nötige Kleingeld konnte das Paradies schnell zur persönlichen Hölle werden.

In allerletzter Sekunde schob sie ihre Mitarbeiterkarte in die Stechuhr und startete gerade rechtzeitig in einen neuen Arbeitstag.

Seit einiger Zeit arbeitete sie für eins der größten Hotels der Stadt und fühlte sich dort erstaunlich wohl. Besonders gut gefielen ihr die verschiedenen Bereiche, in denen sie tätig war: Reinigung, Service, Küche. Da blickte sie gerne darüber hinweg, dass die Bezahlung eher lausig war.

An diesem Tag hatte sie Dienst in der hauseigenen Wäscherei. Mit schnellen Schritten begab sie sich in den Keller des Gebäudes und zog sich um. Sie hoffte, unbemerkt zu ihrem Arbeitsplatz zu gelangen, doch auf den letzten Metern begegnete sie ihrer Vorarbeiterin. Der strenge Blick ging zur Uhr.

„Guten Morgen Miss Brown, wie immer auf die letzte Minute!“

„Ja und wie immer noch rechtzeitig.“

„Na los. An die Arbeit!“

Sarah nickte folgsam und mischte sich unter ihre meist weiblichen Kolleginnen.

Sheryl war eine von ihnen und erwartete sie bereits sehnsüchtig. Mit einem Schulterblick vergewisserte sie sich, dass sie nicht belauscht wurden.

„Sarah!“ Obwohl sie leise sprach, war der Vorwurf in ihrer Stimme nicht zu überhören. „Kannste mir mal verraten, wo de jetzt erst herkommst?“

„Ja, sorry, ich habe verschlafen.“

„Schon wieder?“ Sheryl verdrehte die Augen. „Ich dachte, du willst deinen Job behalten.“

Mittlerweile waren die beiden ein eingespieltes Team, denn zu zweit ließen sich die großen Laken des Hotels leichter bearbeiten als alleine. Der größte Vorteil war jedoch, dass sie ungestört private Gespräche führen konnten.

„Mensch, Sarah, das kann so echt nicht weitergehen“, Sheryl schüttelte den Kopf „Wenn de nicht aufpasst, schmeißen se dich hier hochkant raus. Dann kommste nie raus aus deinem Loch!“

Das wusste Sarah auch.

Obwohl sie nicht oft darüber sprach, träumte sie schon lange davon, endlich ihr Leben in den Griff zu bekommen. Sie wollte einen festen Job mit einem gesicherten Einkommen und in einer Wohnung leben, für die sie sich nicht schämen musste.

Weg von der Straße!

Weg von Alkohol und Drogen!

An guten Vorsätzen mangelte es nicht und doch verfiel sie immer und immer wieder in alte Verhaltensmuster.

Das war schon so, seit sie sich vorgenommen hatte, auf eigenen Beinen zu stehen und ein unabhängiges Leben zu führen.

Sie hatte mit Ach und Krach die High-School geschafft und eine klassische Ausbildung kategorisch abgelehnt. Das war ihr viel zu spießig. Stattdessen hangelte sie sich von einem Job zum anderen. Wenn sie Arbeit hatte, lebte es sich ganz gut, selbst wenn das Geld nicht immer bis zum Monatsende reichte. An die Zeiten ohne Arbeit mochte sie gar nicht mehr denken!

Auf manche Erfahrungen hätte sie gerne verzichtet: Hunger – Bärenhunger, weil sie mehrere Tage lang sich nichts Richtiges zu Essen hatte leisten können. Ohne Geld kein Essen! Flaschen sammeln, Mülltonnen durchsuchen und zuletzt auch auf die Straße gehen und Leute anschnorren hatte geholfen, aber auch nur vorübergehend.

Seufzend kniff sie die Augen so fest es ging zusammen und schob diesen Gedanken schnell bei Seite. So tief wollte sie nie wieder sinken!

„Mach dir keine Sorgen“, sagte sie schließlich und schenkte ihrer Kollegin ein optimistisches Lächeln. „So weit wird es nicht kommen. Das war heute eine Ausnahme. Ab sofort werde ich nicht mehr so spät kommen.“

„Wie oft haste das schon gesagt?“

Sarah zuckte mit den Achseln und widmete sich fortan schweigend ihrer Arbeit. Dieses Mal würde sie es schaffen. Das würde sie Sheryl und allen anderen Zweiflern schon noch beweisen.

Anstatt sich an diesem Tag nach der Arbeit mit Freunden in irgendeiner Bar zu treffen, ging es auf direktem Weg nach Hause.

Im Hausflur des Erdgeschosses hatten sich mehrere Bewohner zusammengefunden und waren in eine lautstarke Diskussion verwickelt. Das, was zunächst harmlos begann, endete oft in einer Messerstecherei und manchmal wurden sogar Schusswaffen benutzt. Darauf hatte Sarah echt gar keine Lust und sie drängelte sich unbemerkt und so schnell es ging an den Typen vorbei.

Mittlerweile war auch der Aufzug repariert. Während sie nach oben fuhr, holte sie bereits ihren Schlüssel hervor. Die Tür ihrer Wohnung war mit drei Schlössern gegen Einbrüche gesichert. Verbrechen standen in diesem Haus auf der Tagesordnung. Weder die Hausverwaltung noch die Polizei konnten hier etwas ausrichten.

Sarahs Meinung nach war das auch unmöglich. Menschen, die einmal auf die schiefe Bahn geraten waren, entkamen ihr so schnell nicht wieder. Wie sollte der Teufelskreis von : „kein Geld – schlechte Wohnung – keine Arbeit – immer nur Frust“ unterbrochen werden?

Wie sollte unter solchen Umständen Ruhe und Ordnung einkehren?

Das funktioniert so nicht. Nicht in einer Stadt wie New York City, wo es einfach viel zu viele Menschen gab, die am absoluten Existenzminimum lebten.

Sie betrat ihre Ein-Zimmer-Wohnung und blieb erst einmal wie angewurzelt im Türrahmen stehen. Im Inneren sah es so aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Nicht, weil irgendjemand ihre Sachen nach Schmuck oder anderen Wertgegenständen durchsucht hatte. Nein, sie selbst war für dieses Chaos zuständig, weil sie nur selten aufräumte.

Überall lagen leere Flaschen, Essensreste, schmutzige Kleidung, jede Menge Müll und dass alles wild durcheinander.

Es war einfach nur ekelhaft.

Je länger Sarah in diesem Haus wohnte, desto mehr schien sie sich den gegebenen Umständen anzupassen. Wenn sie nicht aufpasste, würde sie bald ausnahmslos dazugehören.

Das musste endlich ein Ende haben!

Zuerst sammelte sie die getragene Kleidung ein, die überall in dem kleinen Raum verteilt lag und stellte sie separat ab. Der Gang zum Waschsalon würde bis zum kommenden Tag warten müssen, denn sie hatte noch genug zu tun.

Angewidert räumte sie den stinkenden Müll in einen großen Sack und stellte ihn in den Hausflur. Die Flaschen landeten in einem Karton. So nach und nach sorgte sie für Ordnung und Sauberkeit.

Sie konnte die Menschen in ihrer direkten Nachbarschaft nicht ändern, doch sie konnte sich darum bemühen, ihre Wohnung zu einer kleinen Wohlfühloase zu gestalten.

Während der Aufräumarbeiten klingelte ihr Smartphone und sie hob ab, ohne nachzusehen, wer sie anrief.

„Hey Babe“, rief ihr Freund Ian fröhlich, „was geht ab?“

Das traf sich gut, dass er anrief. Mit ihm hatte sie noch ein Hühnchen zu rupfen. Ohne auf seine Frage einzugehen, fauchte sie: „Kannst du mir mal bitte verraten, warum du dich heute Morgen einfach so verpisst hast? Du hättest mich auch mal wecken können!“

„Ho, ho“, murmelte er beschwichtigend. „Krieg dich mal wieder ein. Kein Grund, gleich so rumzuzicken.“

„Sag mal, raffst du das nicht? Es geht hier um meinen Job!“

„Ja und jetzt?“

Das war typisch für ihn. Er nahm alles auf die leichte Schulter und schien tatsächlich nicht zu begreifen, wie wichtig die Arbeit für sie war. Ähnlich wie sie lebte er in den Tag hinein und verkörperte den Lebensstil, von dem sie eigentlich unbedingt Abstand nehmen wollte.

So langsam, aber sicher begriff sie, dass es für sie und ihre eigene Zukunft besser sein würde, wenn sie um Typen wie ihn einen großen Bogen machte. Ian würde ihr bei ihrem Plan, endlich ein geregeltes Leben zu führen, leider nur im Weg stehen. Auch wenn er als Liebhaber tolle Qualitäten hatte, so war er dennoch ein Versager. Genauso wie sie.

Wenn sie wirklich etwas verändern wollte, musste sie sich von ihm fernhalten und diese Erkenntnis tat weh.

Mit einem Kloß im Hals stieß sie mühsam hervor: „Ich glaube… wir sollten uns besser nicht mehr sehen.“

„Hä?“

„Ja ehrlich. Du bist ein toller Kerl, aber das… das kann so nicht mehr weitergehen.“

„Wovon redest du?“ Am Klang seiner Stimme erkannte sie, wie überrascht er von dieser Wendung war. Am Abend zuvor war die Welt in Ordnung gewesen und plötzlich schien alles anders zu sein.

Es war nicht leicht, ihm zu widerstehen, doch sie erwiderte mit überraschend fester Stimme: „Auch wenn du das nicht verstehen kannst, aber ich will wirklich etwas aus meinem Leben machen. Du bist da einfach nicht der Richtige für mich.“

Ian lachte laut und entgegnete schließlich: „Ach, Süße! Sieh dich doch an! Was willst du schon aus deinem Leben machen? Du bist ein Haufen Scheiße und lebst genau da, wo du auch hingehörst.“

Ehe sie etwas zu ihrer Verteidigung erwidern konnte, wurde die Leitung jäh unterbrochen.

Er hatte einfach aufgelegt!

-3- Haley

Statt die Mittagspause mit den anderen Kollegen in der Kantine des Krankenhauses zu verbringen, zogen Haley und Kate es vor, ihren Salat ungestört im Büro der Assistenzärzte zu essen.

Kate nutzte bereits den Weg über die langen Flure zum Büro, um der Freundin auf den Zahn zu fühlen. „Na, dann erzähl mal! Was ist los bei dir und deinem Herzblatt?“

„Nichts!“

Die Antwort kam prompt und traf ihr Problem auf den Punkt, ohne dass sie lange darüber nachdenken musste.

Da es jedoch patziger klang, als gewollt und bevor Kate die Antwort falsch verstehen konnte, ergänzte Haley frustriert: „Wir reden einfach nicht mehr miteinander und leben eher wie Geschwister in einem Haus.“

„Ja gut, aber ihr seid wie lange zusammen?“

„Fast zehn Jahre.“

„Dann ist es aber doch ganz normal, dass sich die Schmetterlinge ausgeflattert haben. Nach so vielen Jahren ist die Liebe eben nicht mehr ganz so frisch wie am Anfang.“

„Nicht mehr ganz so frisch?“, wiederholte Sarah und lachte spöttisch. „Ich rede mehr mit unseren Angestellten als mit meinem eigenen Freund. Das findest du normal?“

Kate schwieg eine Weile lang nachdenklich. Sie wiegte mit dem Kopf hin und her, sah kurz auf den Fußboden und dann wieder zu Haley. „Ihr schlaft aber noch miteinander, oder?“

Haley senkte beschämt ihren Blick.

Ehrlicherweise konnte sie sich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal mit Connor intim gewesen war. Ihr letzter Sex musste Wochen, nein Monate her sein.

Seit sie aufgrund ihrer unterschiedlichen Schlafrituale die Nächte in getrennten Zimmern verbrachten, hatte sich kaum noch eine Gelegenheit dazu ergeben.

„Ich deute dein Schweigen als ‚Nein‘“, sagte Kate in die entstandene Stille hinein und wiegte erneut mit dem Kopf. „Tja, das macht die Sache schon ganz schön schwierig. Hast du denn schonmal mit ihm darüber gesprochen?“

„Nein, nicht wirklich.“

„Und warum nicht?“

Das war eine berechtigte Frage, auf die Haley auf Anhieb keine ehrliche Antwort wusste. Auf der einen Seite wollte sie ja, dass sich etwas änderte. Auf der anderen Seite erwartete sie keine Wunder. Sie wünschte sich lediglich etwas mehr Aufmerksamkeit von Connor.

„Das geht so nicht, Haley!“ Kates Stimme hatte einen sehr bestimmenden Unterton, obwohl sie leise sprach. „Du musst schon mit ihm sprechen! Er kann deine Gedanken nicht lesen! Sag ihm, dass du unzufrieden bist und dann sorge dafür, dass ihr noch mal miteinander…“

„Ach, das fehlt mir nicht einmal“, unterbracht Haley Kates Standpauke, die sie sofort entgeistert anstarrte. „Wie bitte? Was stimmt denn nicht mit dir?“ Sie sah sich um, um sicher zu gehen, dass sie unbeobachtet waren. „Wie kann dir denn der Sex nicht fehlen? Hast du keine Bedürfnisse oder ist Connor so ein schlechter Liebhaber? Sex gehört doch zu einer Beziehung dazu.“

Die beiden erreichten das Büro.

„Da liegt sicher euer Problem“, mutmaßte Kate, als sie die Tür öffnete, „vielleicht muss er dich einfach nur mal richtig durch…“ Der Rest des Satzes blieb ihr regelrecht im Hals stecken, als ihr Blick ins Innere des kleinen Raums fiel.

Der Grund für ihre plötzliche Sprachlosigkeit war schnell gefunden: Auf dem Schreibtisch lag, kaum zu übersehen, ein großes Paket mit einer großen silbernen Schleife. Daneben stand ein Strauß von mindestens fünfzig roten Rosen.

Das trug eindeutig Connors Handschrift.

Während Haley noch nach den richtigen Worten suchte, murmelte Kate mit einem spöttischen Unterton: „Rote Rosen…Wie einfallsreich.“ Sie griff nach der Karte und las laut vor: „Meine Liebe…Mit dir an meiner Seite wird der heutige Abend einfach nur perfekt. Vielleicht sollte ich dir eines Tages doch noch die Frage aller Fragen stellen… C.“

Mit einem würgenden Geräusch schmiss sie die Karte in den Mülleimer. „Ich glaube mir wird schlecht.“ Dann sah sie Haley an, der die Worte noch immer durch den Kopf schwirrten.

„Die Frage aller Fragen stellen?“, wiederholte sie fassungslos und brachte Kate zum Lachen. „Ach, Yankee. Bitte sag mir nicht, dass dich das überrascht.“

„Natürlich tut es das. Ich erzähle dir hier von unseren Beziehungsproblemen und dann sowas! Außerdem waren Connor und ich uns einig: Keine Ehe, keine Kinder!“

„Tja, scheinbar hat er seine Meinung geändert.“ Sie schob das Paket zu ihr herüber und murmelte: „Vielleicht ist das der Grund, warum er in letzter Zeit so abwesend war.“

„Aber…“

„Kein Aber. Du liebst ihn doch, oder?“

„Schon, aber…“

„Haley Parker!“ Kate schnaubte leise. „Du musst schon wissen, was du willst und vor allem, welche Konsequenzen das über kurz oder lang haben wird. Connor steht in der Öffentlichkeit. Auf ihm lastet ein hoher Druck. Es wird von ihm erwartet, dass er irgendwann heiratet und eine Familie gründet.“

Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in Haleys Bauchgegend aus. Alleine der Gedanke, sich für den Rest ihres Lebens an diesen Mann zu binden und dann auch noch ein Kind in die Welt setzen zu müssen, war übelkeitserregend.

Sie glaubte nicht an dieses Lebensmodell.

Hochzeiten waren völlig überbewertete, wenn man - wie sie - nicht sonderlich gläubig war. Ihrer Meinung nach benötigte es keinen Trauschein und keine große Feier, um eine lange und glückliche Beziehung führen zu können.

Und dann noch das Thema Kinder…

Es mochte Frauen geben, die geradezu prädestiniert dazu waren, Mütter zu werden und ihr ganzes Leben ihren Kindern zu opfern, doch Haley war keine von ihnen. Sie liebte ihre Unabhängigkeit, wollte weiterhin an ihrer Arztkarriere arbeiten und vor allem ihre schlanke Figur behalten. Ein Kind wäre da eher kontraproduktiv. Außerdem fielen ihr ein Dutzend andere Gründe ein, lieber keine Kinder in die Welt zu setzen.

„Man muss nicht immer das tun, was von einem erwartet wird“, brummte sie und griff dann nach dem Paket, um es zu öffnen.

Nachdem sie die Schleife gelöst und das Papier beseitigt hatte, holte sie ein bodenlanges Abendkleid aus dem Karton.

Es war ein traumhaft schönes Kleid aus grauer Seide mit einem sexy Rückenausschnitt und raffinierten Stickereien auf den Schultern, doch allein der Gedanke, es auf einer dieser banalen Abendveranstaltungen tragen zu müssen, bereitete ihr sofort wieder Bauchschmerzen.

„Du solltest mit ihm reden“, riet Kate ihr sanft. „Sag ihm, wie du dich fühlst und was du brauchst, um wieder glücklich zu sein. Nur so könnt ihr etwas ändern. Eine Flaute kommt in den besten Beziehungen vor, aber es liegt an dir, ob du etwas ändern willst.“

Mit den Worten der Freundin im Hinterkopf fuhr Haley am Abend zum Anwesen der O‘Learys, wo die große Feier stattfinden sollte.

Mitch erwartete sie bereits am Eingang.

„Guten Abend, Miss Parker. Ich bringe Sie zu Ihrem Tisch“, sagte er und bot ihr seinen Arm an, den sie dankend ergriff. An seiner Seite fühlte sie sich wesentlich sicherer als alleine in der Meute.

Obwohl sie bereits an vielen solcher Veranstaltungen teilgenommen hatte, fühlte sie sich fehl am Platz, sobald sie den Raum betrat.

Gespräche wurden unterbrochen, viele Augen richteten auf sie. Es wurde beobachtet und getuschelt. Natürlich – aus Sicht der Partygäste war sie Connors hübsche Trophäe.

Nicht mehr und nicht weniger.

Mit erhobenem Kopf richtete sie ihren Blick auf Connor. Er saß an einem Tisch ganz vorn und lachte gerade über eine Aussage seines Sitznachbarn.

Niemals zuvor hatte er besser ausgesehen als an diesem Abend.

Als sie ihn erreichte, sah er sie an und schenkte ihr ein strahlendes Lächeln. „Haley! Endlich!“

Er erhob sich, um sie zu begrüßen und da sie wusste, dass er es nicht mochte, in der Öffentlichkeit geküsst zu werden, hauchte sie ihm lediglich einen züchtigen Kuss auf die frisch rasierte Wange.

„Tolles Kleid“, flüsterte er, während seine Hand auf ihrem nackten Rücken ruhte, „es steht dir wirklich ausgesprochen gut.“

„Du hast nun mal einen ausgezeichneten Geschmack.“

„Das stimmt. Schön, dass du da bist.“

Das Einsetzen der Musik war für sie das Zeichen, sich hinzusetzen. Das Abendprogramm begann und allmählich kehrte Ruhe ein.

Zunächst betrat Connors Vater, begleitet vom Applaus seiner Gäste, die kleine Bühne im vorderen Teil des Saals.

In einer recht langen Rede sprach er über den Aufbau seiner zunächst kleinen Kanzlei zu dem großen, namhaften Unternehmen, das es mittlerweile war. Er bedankte sich bei seinen Angestellten und seiner Familie. Natürlich galt ein besonderer Dank seinem ältesten Sohn Connor, der in die Fußspuren seines Vaters getreten und ebenfalls ein ausgezeichneter Jurist geworden war.

Dies war der Zeitpunkt, an dem auch Connor unter tosendem Applaus auf die Bühne gebeten wurde.

Stolz betrachtete Haley ihren Freund, wie er im maßgeschneiderten Anzug auf der Bühne stand und allein durch sein imposantes Erscheinungsbild alle Blicke auf sich zog.

Er war ein charismatischer Typ.

Das mittelblonde Haar trug er kurz rasiert, seine Haltung war aufrecht und mit wachen, dunkelbraunen Augen betrachtete er feixend die Menge.

Seit seiner Jugend hatte er es von der Pike auf gelernt, Menschen für sich zu gewinnen. Das war eins der Geheimnisse seines Erfolges, denn es gab kaum jemanden, der nicht sofort dem Charme der O‘Learys erlag.

Nun war es an ihm, das Wort an seine Gäste zu richten und Haley tat nichts lieber, als ihm dabei zuzuhören.

Voller Enthusiasmus sprach er über die Entwicklung der Firma und die erfolgreiche Arbeit im Auftrag zahlreicher Klienten.

Dabei wurde ihr eins klar: So, wie sie es als ihre Bestimmung sah, Menschenleben zu retten, war es seine Passion für die Rechte Unschuldiger einzutreten. Die Leidenschaft, mit denen beide ihrer Arbeit nachgingen, war einer der Gründe gewesen, sich ineinander zu verlieben und das tat sie immer noch.

Sie liebte ihn, auch wenn das Zusammenleben mit ihm aktuell nicht einfach war.

Es war bereits sehr spät am Abend, als Haley und Connor nach Hause gefahren wurden. Die Stimmung in der Limousine war dank einigen Gläsern Champagner entspannt. Seine Hand lag locker auf ihrem Oberschenkel, während sie durch das Fenster in die Dunkelheit hinaussah.

„Ich sollte dir danken“, sagte er plötzlich in die Stille hinein und sie drehte ihm überrascht das Gesicht zu. „Warum?“

„Weil ich weiß, wie ungerne du an diesen Veranstaltungen teilnimmst und doch kommst du jedes Mal aufs Neue wieder mit.“

„Ach Connor.“ Lächelnd strich sie ihm über die Wange. „Als ob ich mir so etwas wie heute Abend entgehen lassen würde. Ich weiß doch, wie wichtig dir dieses Event war.“

Anstatt jedoch ihr Lächeln zu erwidern, runzelte er die Stirn. „Vernachlässige ich dich zu sehr?“

Da war sie, die Frage, die ihr Problem auf den Punkt brachte und zeigte, dass Connor mit der Situation ebenfalls nicht zufrieden war.

All ihre Sorgen, er könnte sie nicht mehr lieben, verflogen im gleichen Moment.

Stattdessen machte sich ein schlechtes Gewissen breit, weil sie zu Unrecht geglaubt hatte, er würde sie absichtlich links liegen lassen.

„Da du schweigst, gehe ich davon aus, dass die Antwort ‚Ja‘ lautet“, bemerkte er, während er eindringlich ihr Gesicht musterte. „Ich möchte nicht, dass du unglücklich bist, Darling.“

Obwohl sie es eigentlich nicht wollte, füllten sich ihre Augen mit Tränen. Sie wollte auch lieber glücklich sein, statt sich ständig fragen zu müssen, ob ihre Beziehung möglicherweise gescheitert war.

„Nicht weinen“, flüsterte er und strich ihr die Träne von der Wange. „Vielleicht sollten wir einfach mehr Zeit miteinander verbringen“, schlug er vor und legte dann lächelnd den Kopf schief. „Was hältst du davon, wenn wir über den vierten Juli auf die Bahamas fliegen?“

Nun musste Haley doch lachen. „Der vierte Juli ist bereits nächste Woche.“

„Ja und?“

„Ich weiß gar nicht, ob ich so schnell frei nehmen kann.“

„Versuche es! Dann können wir uns eine schöne Woche in einem kleinen Hotel irgendwo am Strand machen. Ohne Arbeit oder andere Verpflichtungen. Nur du und ich.“

Das klang einfach nur himmlisch.

„Ok, ich spreche morgen mit meinem Chef.“

Die Limousine hielt vor ihrem Haus und die beiden gingen Hand in Hand hinein.

Kaum war die Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen, hielt Connor Haley fest und zog sie in seinen Arm. Im gleichen Moment presste er seinen Mund auf ihren und küsste sie.

„Es tut mir leid“, flüsterte er zwischen ihre Lippen und sie konnte nicht anders, als ihm verzeihen.

Ihre Küsse wurden schnell leidenschaftlicher und seine Hände wanderten über ihren Körper.

Das schrille Klingeln seines Smartphones ließ ihn jedoch augenblicklich erstarren.

„Lass es klingeln“, bat Haley ihn inständig, doch er missachtete ihre Bitte, löste sich von ihr, holte das Telefon hervor und nahm den Anruf entgegen.

„Oh hey Joy!“ Er hielt eine Hand vor das Gerät und flüsterte: „Geh schon mal ins Bett, ich komme gleich nach.“

Haley blieb nichts anderes übrig, als seiner Bitte zu folgen und zog sich zurück.

-4- Sarah

Es lebte sich überraschend gut als Neu-Spießerin. Irgendwie hatte es sich Sarah deutlich anstrengender vorgestellt, ein geregeltes Leben zu führen.

Jeden Morgen erschien sie pünktlich bei der Arbeit im Hotel und erledigte fleißig das, was von ihr erwartet wurde. Dabei stellte sie fest, dass es durchaus Vorteile hatte, wenn man regelmäßig bei der Arbeit erschien, anstatt sich ständig krank zu melden. Ein geordneter Tagesablauf ließ nicht viel Raum für Dummheiten.

Wenn sie nach einem langen Tag nach Hause kam, war sie so müde, dass sie nur noch frisch geduscht auf dem Sofa entspannen wollte. Dann sah sie sich irgendeine Serie an, aß vor dem Fernseher ein paar Chips und schlief irgendwann ein.

Anstatt ihr Gehalt sofort in Alkohol, Drogen oder Klamotten umzusetzen, schaffte sie es sogar ein wenig zu sparen.

Sollte alles weiterhin so gut laufen, würde sie sich vielleicht schon bald dem Thema Märchenprinz widmen können.

Nach unzähligen gescheiterten Beziehungen träumte sie natürlich davon, endlich einen Mann zu treffen, der gut aussah, mit beiden Beinen fest im Leben stand und dazu auch noch über ein gutes Einkommen verfügte. Er sollte in der Lage sein, eine Familie versorgen zu können und sie so lieben, wie sie war. Mit all ihren Macken und Fehlern, denn davon hatte sie reichlich.

Auf keinen Fall wollte sie sich sofort in die nächste Katastrophe stürzen, denn bei ihrer aktuellen Wohnsituation war nichts anderes zu erwarten. Jeder vernünftige Typ würde beim Anblick des Hauses, in dem sie derzeit wohnte, schreiend davonlaufen.

Es musste also erst einmal eine neue Wohnung her und dafür brauchte sie eine Festeinstellung, die entsprechend gut bezahlt wurde.

Immer alles schön der Reihe nach.

Als Sarah an diesem Abend das Hotel verließ, wurde sie von einem sensationellen Sommerabend wie aus dem Bilderbuch erwartet.

Zufrieden blickte sie dem wolkenlosen Himmel entgegen und überlegte, was sie noch anstellen konnte. Das Wetter war viel zu schön, um den Abend in ihrer Wohnung zu verbringen. Vielmehr lud er zu einem ausgiebigen Spaziergang durch den Central Park oder einen Besuch an einem der vielen Restaurants entlang des East Rivers ein.

Da kam ihr eine Idee.