Ruf des Himmels - Tina Mücher - E-Book

Ruf des Himmels E-Book

Tina Mücher

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Beschreibung

Genau genommen hat Grace alles richtig gemacht. Nach mehreren Studienjahren im Ausland, beschließt sie endlich zurück nach New York zu kehren. Die McCannans, bei denen Grace ihre Kindheit verbracht hat, empfangen sie sofort mit offenen Armen. Auch ihr bester Freund Bill freut sich über Rückkehr. Schon bald erkennen die beiden, dass sie mehr füreinander empfinden, als nur Freundschaft. Alles läuft nach Plan, doch schon bald treten erste Probleme auf. Logan, der älteste Sohn der McCannans, kann Grace im Kreise seiner Familie nicht akzeptieren und zeigt ihr das deutlich. Fortan muss sie sich nicht nur mit ihm auseinandersetzen, denn auch zwischen Bill und ihr gibt es erste Streitereien. Sie muss feststellen, dass es Dinge im Leben gibt, die sich nicht steuern lassen. Schließlich zwingt sie ein tragischer Zwischenfall dazu, ihre Sichtweise zu überdenken und alles ändert sich.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 418

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Tina Mücher

Ruf des Himmels

Roman

© 2014 Tina Mücher

Lektorat, Korrektorat: Elke Auras Umschlaggestaltung/Illustration: Jürgen Reuter

Verlag: tredition GmbH, Hamburg ISBN (Paperback): 978-3-8495-9474-9 ISBN (Hardcover): 978-3-8495-9475-6 ISBN (e-book): 978-3-8495-9475-6

Für Nati

Prolog

Mein lieber Freund Bill,

heute schreibe ich dir aus dem schönen Paris. Ich sitze auf den Stufen vor dieser wunderbaren Kathedrale Sacre Coeur und habe einen irren Blick auf die Stadt.

Du kannst dir nicht vorstellen, wie schön es hier ist und ich wünschte, du wärst jetzt hier und könntest diesen Moment mit mir teilen.

So wie es zurzeit aussieht, wird Frankreich die letzte Etappe meiner Europareise sein.

Es war mein Wunsch, im Ausland zu studieren.

Das habe ich getan.

Es war ebenso mein Wunsch gewesen, etwas von der Welt zu sehen.

Das habe ich getan.

Ich war in vielen Ländern wie Deutschland, Irland und Italien. Ich habe Städte wie Berlin, Dublin und Rom gesehen und jede hatte ihren eigenen Charme, der mir wirklich gut gefallen hat.

Doch mittlerweile sind fünf Jahre vergangen. Ich habe viel gelernt, viel gearbeitet und viel erlebt. All das war der Sinn und Zweck meiner langen Reise, von der ich keinen einzigen Tag bereue und doch ich gebe zu:

Ich habe Heimweh!

Ich vermisse meine Familie, ich vermisse New York und vor allem vermisse ich dich!

All die Briefe, die ich dir in den vergangenen Monaten geschrieben habe, haben mir geholfen und ich habe mich über jede Antwort von dir gefreut, weil ich wusste, dass du wieder ein paar aufmunternde Worte für mich hast.

Im Moment ist es jedoch so, dass selbst der Anblick dieser tollen Stadt, die mich gleich beim ersten Anblick in ihren Bann gezogen und mich verzaubert hat, mich nicht von meinem Plan abhalten kann:

Ich komme nach Hause!!!!

Bitte erzähle niemandem von meiner Rückkehr, denn ich habe hier noch eine Arbeit, der ich nachgehen muss und weiß noch nicht, wann ich hier weg komme. Stell dir vor, ich arbeite für eine berühmte französische Zeitung. Das ist zwar nicht mein Traumjob, immerhin spreche ich mittlerweile sechs Sprachen und habe lange Semester in Fremdsprachenkorrespondenz hinter mich gebracht, aber es ist durchaus aufregend in der Welt der Medien zu arbeiten.

Ich hoffe, dass ich es noch dieses Jahr zurück nach NewYork und zurück zu dir zu schaffen, versprechen kann ich jedoch nichts.

Bill, schreib mir bitte nicht mehr zurück, denn ich möchte nicht, dass dieser wertvolle Brief hier untergeht. Halte deine Gedanken fest und verrate sie mir, wenn wir uns hoffentlich bald wieder sehen. Drück mir dir Daumen, dass alles nach Plan verläuft und ich spätestens im Dezember auf einmal vor deiner Türe stehe und dich in den Arm nehmen kann.

Bis dahin verbleibe ich mit ganz vielen lieben Grüßen aus dem fernen Paris und hoffe auf ein baldiges Wiedersehen.

Deine dich liebende und vermissende beste Freundin

Grace

-1-

Wie in jedem Jahr legte sich der Zauber der Weihnachtszeit wie ein magisches Band über New York City. Dicke Schneeflocken fielen lautlos von Himmel und überzogen die Wolkenkratzer mit einem Hauch von Weiß. Es war eine Welt überzogen mit Puderzucker. In den beleuchteten Straßen pulsierte das Leben rund um die Uhr. Menschen, vermummt mit Mützen und wärmenden Mänteln, durchströmten die vereisten Bürgersteige der Stadt auf der Suche nach den letzten Weihnachtsgeschenken. In den dutzenden Cafés gab es heiße Schokolade und Glühwein.

Graces kalte Hände umklammerten die Tasse mit dem heißen Kakao darin. Ihr Blick ging aus dem Fenster und sie sah die Stadt, die sie so liebte. Ein Lächeln schlich sich in ihr Gesicht. Wieder zurück zu sein an diesem Ort, um Weihnachten mit den Menschen verbringen zu können, die sie so in ihr Herz geschlossen hatte, ließ ihr Herz einen Takt schneller schlagen.

Die vergangenen Jahre hatte sie in einer anderen Welt verbracht, weit weg von ihren Freunden und ihrer Familie. Sie hatte jeden Augenblick dieses aufregenden Abenteuers genossen, war erwachsen geworden und hatte sich weiter entwickelt. Mit denen, die sie zurück lassen musste, hatte sie via E-Mail und Telefon Kontakt gehalten. Eine ganz lange Zeit war das gut gegangen. Ihr stressiger und arbeitsreicher Alltag hatte sie abgelenkt und ihr keine Möglichkeit gegeben über das nachzudenken, was sie verpassen würde.

Erst die vergangenen Wochen waren ihr schwer gefallen. Sie hatte immer mehr mit Heimweh und Sehnsucht zu kämpfen gehabt. Sie wollte nach Hause.

Nun saß sie in einem völlig überfüllten Café und sah sich die Welt da draußen an. Grace übersah den Schmutz, überhörte den Lärm und ignorierte die Schnelllebigkeit an diesem Ort. Sie liebte die Stadt und fühlte die Magie, die von ihr ausging.

Erschrocken merkte sie wie Tränen in ihre Augen traten. Natürlich freute sie sich auf die überraschten Gesichter ihrer Familie, da sie nichts von ihrer Rückkehr wussten. Sie hatte aber auch Angst, dass sie nicht mit den offenen Armen empfangen wurde, die sie erwartete.

Ihre Eltern würden ihr niemals Steine in ihren Weg legen, dessen war sie sich sicher.

Als Grace ihnen aber verkündet hatte, dass sie im Ausland studieren wollte, waren sie alles andere als begeistert gewesen. Ihrer Mutter Mary war die Enttäuschung im Gesicht abzulesen. Sie hatte Grace immer ihr „Wunder Gottes“, ihr „Geschenk des Himmels“ genannt. Nach drei Söhnen hatte sie sich stets eine Tochter gewünscht, doch ihr Wunsch war ihr unerfüllt geblieben. Stattdessen hatte eine Familie in Not ausgerechnet ihr ein kleines Mädchen überlassen, um es groß zu ziehen und ihr Liebe zu schenken. Als dieses Mädchen erwachsen wurde und den Wunsch hegte im Ausland zu studieren, hatte es ihrer Pflegemutter beinahe das Herz gebrochen.

Genau dieser Gesichtsausdruck hatte sich in Graces Gedächtnis gebrannt.

Nicht nur ihre Eltern hatte sie enttäuscht und traurig zurück gelassen. Grace hatte viele enge Freunde gehabt, bevor sie ins Ausland gegangen war. Für niemanden war es leicht gewesen, sie ziehen zu lassen. Vor allem weil klar war, dass sie nicht innerhalb von zwei Wochen heimkehren würde. Hinzu kam die Tatsache, dass Europa nicht gerade um die Ecke war. Es lagen mehrere Flugstunden und über sechstausend Kilometer zwischen den beiden Kontinenten. Ein spontaner Besuch und ein Wiedersehen waren somit beinahe unmöglich.

Grace erinnerte sich nicht gerne an die traurigen Gesichter ihrer Freunde.

Die junge Frau erhob sich räuspernd und zahlte ihr Getränk. Sie merkte, wie der bekannte Kloß in ihrem Hals dicke Tränen ankündigten. Es war an der Zeit das Café zu verlassen und ihren ersten Besuch seit ihrer Heimkehr zu absolvieren. In diesem Moment gab es nur einen Menschen, den sie unbedingt sehen wollte. Er hatte es bisher immer geschafft ihre Tränen zu trocknen und ihre schlechten Gedanken zu vertreiben.

Mit einer lässigen Handbewegung rief sie sich eins der berühmten New Yorker Taxen – das Yellow Cab – und ließ sich in einen Stadtteil der Metropole bringen. Hell’s Kitchen… Der Vorhof der Hölle einer Stadt, die Träume erfüllen aber auch schnell zum Verhängnis werden konnte.

Seufzend stand sie vor der Haustüre und wollte gerade den Klingelknopf betätigen, als jemand Anderes die Türe von innen öffnete und ohne sie zu beachten an ihr vorbei ging. Bevor die Türe wieder schwer ins Schloss fallen konnte, hielt Grace sie auf und huschte ins Haus. Langsam stieg sie die Stufen hinauf bis ins oberste Geschoss. Vor einer Wohnungstüre blieb sie stehen und zögerte kurz. Dann lächelte sie und klopfte mit zittrigen Fingern.

Aus dem Inneren der Wohnung waren Schritte zu vernehmen. Als sich die Türe öffnete stand Grace einem hellblonden, jungen Mann gegenüber und lächelte zaghaft. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er sie an.

„Grace!“, rief er überrascht aus und schloss sie in die Arme. „Ich…Du… Wahnsinn!!“

Er stammelte und lachte. „Wie sehr du dich verändert hast!“

Sie knuffte ihn vor die Schulter. „Es wäre schlimm, wenn ich immer noch das kleine Mädchen von vor fünf Jahren wäre!“

Erneut drückte er sie an sich und hielt sie fest.

„Bill?“, tönte eine weibliche Stimme aus dem Inneren der Wohnung.

Der hellblonde Mann drehte sich kurz um.

„Du hast Besuch?“, fragte Grace, die für einen kurzen Moment dachte, ihr Magen würde sich umdrehen. „Ich will dich nicht stören!“

Bill legte seinen Arm um ihre Schultern. „Du störst mich nie“, murmelte er und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn, bevor er sie mit in seine kleine Wohnung nahm. Im Wohnzimmer saßen zwei Personen, die Grace sehr gut kannte. Die beiden musterten den Gast mit ebenso überraschten Gesichtern wie Bill es kurz zuvor getan hatte.

„Oh mein Gott!“, entfuhr es Grace. „Sandy und Michael!“ Mit Tränen in den Augen warf sie sich in die Arme ihrer besten Freundin. Sandy drückte sie ein Stück weit von sich und legte ihre Hand sanft auf Graces Wange.

„Du bist wieder zu Hause!“

„Ja, endlich!“, flüsterte Grace und wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln.

„Warum hast du nicht angerufen?“, fragte Bill und in seiner Stimme klang ein vorwurfsvoller Ton mit. „Einer von uns hätte dich vom Flughafen abholen können!“ Er half ihr aus der Jacke und alle setzten sich auf die Couch.

„Bill“, antwortete Grace langsam. „Ich brauchte einfach noch einen Moment, um anzukommen und um zu entscheiden, wo ich zuerst hinfahre!“

Sie musterte das Paar ihr gegenüber. Sandy und Michael waren gemeinsam mit ihr und Bill in die gleiche Schule gegangen. Die vier hatten beinahe ihre gesamte Kindheit miteinander verbracht. Anfangs in unterschiedlichen Cliquen, da Sandy und Grace keinerlei Interesse am männlichen Geschlecht gehegt hatten. Doch irgendwann hatten die Gruppen sich vermischt und so wie es nun aussah, hatte es bei Michael und Sandy offensichtlich gefunkt.

„Wie lange seid ihr beiden zusammen?“, wollte Grace von den beiden wissen. „Und überhaupt, ich will alles wissen. Alles!!!“

Ein Abend mit Freunden stand auf Graces Liste der Dinge, die sie am meisten vermisst hatte, ganz weit oben. Üblicherweise hatte sie den Tag alleine ausklingen lassen. Natürlich hatte sie vor allem in Frankreich neue Bekanntschaften schließen können, doch es war immer oberflächlich geblieben. Sie hatte sich ihrem neuen Bekanntenkreis nie so öffnen können, wie sie es bei Sandy, Michael oder Bill konnte. An diesem Abend bekam sie die Möglichkeit einen Punkt ihrer Liste abhaken zu können. Bei einer Familienpizza und viel Rotwein tauschten sie sich aus, waren sich wieder so nah, als sei Grace nicht eine Minute weg gewesen. Obwohl sich vieles geändert und viel Zeit ins Land gezogen war, gab es Dinge, die sich ein Leben lang nicht ändern würden.

Die Vertrautheit blieb.

Während Grace von ihrer Zeit in Europa berichtete, hatten auch ihre Freunde viel zu erzählen.

Sandy und Michael waren seit nunmehr vier Jahren ein Liebespaar. Angefangen mit einer guten Freundschaft hatte sich daraus Liebe entwickelt und waren seitdem glücklich miteinander. Graces Blick ging immer wieder hinüber zu Bill, zu ihrem besten Freund, zu ihrem Seelenverwandten. Es wunderte sie nicht, dass er in ihrer Abwesenheit keine Freundin gefunden hatte. In all den Jahren, die sie sich kannten, hatte sie von seinen Gefühlen für sie gewusst, jedoch hatte sie diese nie erwidern können. An diesem Abend sah sie eine Veränderung an ihm. Seine lustige Art war noch immer dieselbe, aber optisch war er ein völlig anderer Mann geworden. Er trug keine Brille mehr und das tiefrote Haar war erblondet. Dank der Zahnspange, die er zu Schulzeiten getragen hatte, präsentierte sich nun ein perfektes Lächeln. Grace konnte sich gut vorstellen, dass er die Herzen der Frauen reihenweise brach. Auch sein Blick landete immer wieder bei ihr. Wenn sie ihn dabei ertappte wusste sie einfach, dass sich an seinen Gefühlen nichts geändert hatte. Sie schenkte ihm dann ein kurzes Lächeln und widmete sich wieder den interessanten Gesprächen. Es gab jede Menge zu erzählen und Grace freute sich schon auf die Zeit, die noch vor ihnen lag. Sie waren wieder zusammen und das war ihr die Hauptsache!

Bis tief in die Nacht saßen sie zusammen. Irgendwann verabschiedeten sich Sandy und Michael.

„Versprich mir, dass du dich bald wieder melden wirst!“, sagte Sandy und schloss ihre Freundin fest in die Arme. Grace strich ihr über den Rücken.

„Sandy“, erwiderte sie lachend. „Ich bin wieder zu Hause! Ich werde nicht mehr weggehen!“

„Nie wieder?“, fragte Sandy.

Grace lachte ausgelassen. „Ich will keine Versprechen geben, die ich nicht halten kann!“

Auch Michael nahm sie in den Arm.

„Es ist so unglaublich toll wieder hier zu sein“, meinte sie strahlend.

Michael nickte. „Endlich wieder zu Hause“, ergänzte er.

„Warst du schon bei den McCannans?“, wollte Sandy von ihrer besten Freundin wissen. Die schüttelte den Kopf. Sie sah kurz zu Bill. „Ich hatte erst einmal Sehnsucht nach meinen Freunden. Meine Eltern werden sich morgen auch noch freuen.“

„Da bin ich mir sicher!“ Sandy fiel es sichtlich schwer, ihre Freundin nach so langer Abwesenheit zurück zu lassen. Schließlich war es Michael, der zum Aufbruch drängte. Als die beiden weg waren, schloss Bill die Türe und drehte sich zu seinem Besuch um.

Er lächelte vorsichtig.

„Wo wirst du die Nacht verbringen, Grace Coleman?“, wollte er von ihr wissen und nahm sie in den Arm. Sie legte ihre Hände in seinen Nacken. „Mmh“, machte sie leise und legte den Kopf schief. „Ich hatte eigentlich vorgehabt, mir ein kleines schnuckeliges Hotelzimmer zu suchen.“ Sie deutete auf die Uhr. „Immerhin kann ich jetzt schlecht bei meinen Eltern klingeln.“

Bill lachte.

„Nein“, antwortete er. „Das würde ich dir auch nicht empfehlen.“ Er zögerte kurz. „Du könntest hier übernachten. In meinem Bett. Ich würde natürlich auf der Couch übernachten.“

Grace löste sich aus der Umarmung.

„Du musst nicht auf der Couch schlafen“, sagte sie mit fester Stimme.

Er strich ihr über die Wange. „Wir sind keine Kinder mehr, Gracie. Es hat sich viel geändert.“

„Nicht genug, als dass ich Angst davor haben müsste, mit meinem besten Freund in einem Bett zu schlafen.“ Sie hob eine Augenbraue und musterte ihn kurz, bevor sie sich ihrem Gepäck widmete und kurz darauf mit einem Schlafanzug und ihrem Kulturbeutel im Badezimmer verschwand.

Sie war etwas verwirrt und mit der Situation überfordert als sie einen Blick in den Spiegel warf. Während ihrer Reise nach Amerika hatte sie sich ausgemalt, wie es sein würde, Bill wiederzusehen. Sie hatte sich überlegt, wie er sich ihr gegenüber verhalten würde, was sie sagen sollte und wie er auf sie reagieren würde. Allerdings hatte sie bei all diesen Plänen vergessen, dass sich nicht nur sie sondern auch Bill sich weiter entwickelt hatte. Er hatte Recht und sie wusste das.

Die beiden waren keine Kinder mehr und sie hatte sich vor Sehnsucht nach ihm verzehrt. Nichts wünschte sie sich mehr, als in dieser Nacht bei ihm zu bleiben. Auch wenn sie ihm gegenüber so getan hatte, als sei sie selbstbewusst und stark, so schlug ihr Herz doch bis zum Hals vor Nervosität. Bei dem Wunsch nach Geborgenheit und Zärtlichkeit wollte sie jedoch eins auf keinen Fall verlieren: seine hingebungsvolle Freundschaft zu ihr.

Grace musste einen klaren Kopf bewahren und duschte kalt bevor sie sich für die Nacht zurechtmachte.

Es war fast Morgen als die beiden sich ins Bett begaben. Die Sonne ging mit schwachem Schein am Horizont auf und tauchte die Wände von Bills Schlafzimmer in ein zartes Rosa. Die beiden lagen auf der Seite und sahen sich an.

„Du hast mir gefehlt, Billy Boy!“, murmelte Grace und lächelte. Er betrachtete sie eindringlich. „Du mir auch!“, erwiderte er. „Ich kann kaum glauben, dass die Zeit deiner Abwesenheit nun endlich vorbei sein soll.“ Seine Hand tastete sich langsam hervor und mit kühlen Fingern berührte er die zarte Haut in ihrem Gesicht.

Sie schloss die Augen.

„Ich habe dir versprochen, dass ich eines Tages vor deiner Türe stehen werde“, murmelte sie leise, beinahe lautlos.

Der Flug in die vereinigten Staaten war lang gewesen und die Reise hatte sie erschöpft. Warm spürte sie seine Lippen auf ihrer Stirn.

„Schlaf schön, Grace“, sagte er leise „Morgen ist auch noch ein Tag.“

Sie lächelte noch einmal, bevor sie in einen langen, tiefen Schlaf fiel.

-2-

Die Bronx war laut. Die Bronx war schmutzig. Dieser Teil New Yorks war die unterste Schublade dieser berühmt berüchtigten Stadt, während in Manhattan die High Society untergebracht war. Brennende Tonnen standen am Straßenrand und Menschen standen darum, um sich zu wärmen.

Der Stadtteil wurde von den verschiedensten Gangs beherrscht und Kriminalität stand ganz oben auf der Tagesordnung.

Am Rande des Bronx Parks stand ein kleines Autohaus, wo sich die Mitglieder der Gangs ihre Autos tunten. Es war ein recht kleiner aber doch sehr erfolgreicher Betrieb mit wenigen Mitarbeitern.

„Ist ein Logan McCannan zu sprechen?“, hörte Logan die tiefe Stimme eines Mannes. Er blickte auf die Uhr und grinste. Kurze Zeit später öffnete sich die Türe zu seinem Büro und ein beleibter Herr trat ein.

„Henry!“, rief Logan aus und stand auf, um dem Gast die Hand zu schütteln. „Pünktlichkeit ist nicht gerade deine Stärke.“ Henry lachte laut auf.

„Tja, mein Freund, was soll ich sagen?“, entgegnete er. „Deine Freundin hat mich den ganzen Tag in Beschlag genommen. Du weißt doch wie sie ist.“ Logan nickte langsam. Ja, er wusste wie Alicia war.

„Wo hast du sie getroffen?“, wollte er von ihm wissen.

„Irgendwo auf der 5th Avenue“, murmelte er beiläufig. Das war Logan Antwort genug. Alicia ging nicht arbeiten. Sie bediente sich auf dem Geld ihres Freundes und freute sich über die kleinen Finanzspritzen ihres Vaters. Ihre liebste Beschäftigung war das Shoppen. Sie besaß hunderte Paar Schuhe und ihr Ankleidezimmer platzte aus allen Nähten.

„Na gut“, sagte er seufzend. „Du bist nicht gekommen, um über Alicia zu plaudern.“ Er sah auf und Henry wurde ernst.

„Das stimmt, Logan“, entgegnete der Gast auf der anderen Seite des Schreibtisches.

„Wir kennen uns schon lange Jahre“, begann er und beugte sich ein Stück weit nach vorne. „Ich hoffe, du weißt, dass ich hauptsächlich dein Freund bin und nicht dein Steuerberater.“

„Du brauchst nicht um den heißen Brei herum zu reden“, murmelte Logan. „Wo drückt der Schuh?“

„Das kann ich dir sagen“, erwiderte Henry. „Wenn du dir nicht langsam aber sicher mehr Angestellte zulegst, wird es irgendwann auffallen, dass du eigentlich mehr Arbeit leistest, als du mit zwei Mitarbeitern schaffen kannst.“

Logan wurde still.

Er hatte nur zwei seiner Angestellten angemeldet, da er sich die Kosten sparen wollte, die ein fest angestellter Arbeiter an Geld verschlang. Zu Beginn war die Werkstatt ein Ein-Mann-Betrieb. Mittlerweile war der Auftragsstatus aber so gut, dass er sich Angestellte leisten konnte. Dass diese Vorgehensweise nicht legal war, wusste er. Er lebte jedoch bewusst mit diesem Risiko aus Angst in Konkurs gehen zu müssen. Dann würde er wieder ohne Job da stehen. Auf keinen Fall wollte er seine Eltern um Hilfe bitten, da sie zurzeit ein schwieriges Verhältnis hatten.

„Ok“, seufzte er und raufte sich das zerzauste Haar. „Ich werde mich darum kümmern, dass ich zumindest eine Bürokraft bekomme.“ Er deutete auf die Papiere, die sich auf den Regalen und Tischen türmten. „Wenn ich mich hier so umsehe, wäre das eine sinnvolle Investition“, sagte er schmunzelnd.

„Das ist eine hervorragende Idee, Logan“, meinte Henry und sah auf die Uhr. „Ich habe leider noch Termine“, bemerkte er. „Schließlich bist du zwar mein einzig wahrer Freund, aber nicht mein einziger Kunde.“ Logan nickte und begleitete Henry zur Türe. Einen Moment lang sah er ihm noch hinterher, dann schüttelte er den Kopf.

„Freund…“ murmelte er zu sich selbst. „Du meinst wohl eher Geier.“

Er kannte Henry tatsächlich schon lange Jahre, was ihn aber nicht automatisch zu einem Freund machte. Die Beziehung zu Alicia machte eine enge Freundschaft auch nicht gerade leicht. Sie war eine sehr einnehmende Person und mochte es gar nicht, wenn Logan seine wertvolle Zeit außerhalb des Betriebs mit anderen Menschen verbrachte, als mit ihr.

Kurz bevor Logan Feierabend hatte, kam seine hellblonde Freundin mit unzähligen Taschen in sein Büro gestürmt.

„Hey Honey“, flötete sie lächelnd und küsste ihn übermütig auf den Mund. Er musterte ihren schlanken Körper und fragte: „Hattest du einen schönen Tag?“

Alicia seufzte leise. Sie stellte die Taschen ab und ließ sich auf seinen Schoß fallen.

„Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie kaputt ich bin“, erwiderte sie und lehnte ihren Kopf gegen seine Schulter. Auf einmal hob sie den Kopf und sah ihm ins Gesicht.

„Was wollte Henry von dir?“

Logan zuckte lässig mit den Schultern.

„Ist nicht wichtig“, antwortete er und strich über ihre Wange. Er wollte sie küssen, doch Alicia wich ihm aus.

„Hast du Geheimnisse vor mir?“, fragte sie ihn und ihre Augen verengten sich. Er hob die Augenbrauen. „Nein?!“

Logan hatte sich an Alicias Eifersucht gewöhnt. Sie liebte ihn sehr und wollte ihn nicht teilen. Hin und wieder konnte er ihre Gefühle aber nicht nachvollziehen. So wie in diesem Moment. Alicia hatte keine Ahnung von seinem Geschäft. Es gab absolut keinen Grund, auf einen Menschen wie Henry eifersüchtig zu sein.

„Hör zu, Honey“, sagte Alicia auf einmal. „Ich habe noch mal über die Sache mit deinen Eltern nachgedacht. Lass uns die beiden doch mal in unsere neue Wohnung einladen.“

Logans Laune sank sofort auf den Gefrierpunkt.

Seine Eltern waren normalerweise ein Tabuthema. Er wusste, dass sie seine Freundin niemals akzeptieren würden und dass ihre gemeinsame Zukunft ein Dorn in ihren Augen war.

„Ich kann ja verstehen, dass das nicht einfach für dich ist.“ Alicia sprach nun sehr sanft, da sie um das angespannte Verhältnis wusste. „Aber sie sind nun mal deine Eltern und sie gehören zu deinem Leben wie ich!“

„Alicia!“ brummte er, der eigentlich nicht darüber sprechen wollte. „Meine Eltern mögen dich nicht sonderlich. Was glaubst du, wie sie wohl reagieren werden, wenn ich sie auf einmal zu uns zum Essen einlade?“ Er hob die Augenbrauen und sah sie an. Ihr Lächeln haftete nach wie vor in ihrem Gesicht.

„Sie werden wahrscheinlich nicht begeistert sein“, gab sie zu. „Wir hatten allerdings auch nie die Gelegenheit uns richtig kennen zu lernen. Ich kann deine Eltern sogar ein Stück weit verstehen. Für sie bin ich diejenige, die Schuld daran ist, dass ihr ältester Sohn ausgezogen ist.“ Sie strich über seine rauen Hände und er antwortete: „Sie geben uns aber auch keine Chance, dass sie dich besser kennen lernen können.“

„Geben sie uns keine Chance oder sorgst du dafür, dass sich erst gar nicht die Gelegenheit ergibt?“, fragte Alicia spitz und erhob sich. Sie raffte ihre Sachen zusammen. „Kommst du mit nach Hause?“

Logan nickte matt.

Gemeinsam löschten sie das Licht im Autohaus, schlossen ab und machten sich dann zusammen auf den Weg zu ihrer Wohnung.

Es war Alicias Wunsch gewesen ein Appartement in einem der berühmten Wolkenkratzern New Yorks zu kaufen. Sie war die einzige Tochter eines Aktionärs und einer Juristin. Geldprobleme kannte sie nicht und sie war es gewohnt ein Luxusleben zu führen. Logan konnte einfach nicht nachvollziehen, warum seine Eltern Alicia nicht mochten. Sie hatte gute Manieren, auch wenn sie hin und wieder einen unbedachten Kommentar abließ. Sie konnte ein intaktes Elternhaus vorweisen und war vor allem rein optisch eine Augenweide. Logan war stolz, dass sie ihn liebte. Immerhin war er ein Mann aus einfachen Verhältnissen, der ihr am Anfang der Beziehung nichts hatte bieten können.

Ihre gemeinsame Wohnung war in einem der oberen Stockwerke des gläsernen Hochhauses. Sie dominierte mit großen Fensterflächen, die aus jedem Zimmer einen beeindruckenden Blick auf das Financial District Manhattans gewährten. Aus den Fenstern des Schlafzimmers konnte man auf den Ground Zero blicken. Der Ort, an dem einst das World Trade Center gestanden hatte. Hier konnte man am besten beobachten, wie sich die Stadt veränderte.

Da Alicia keine gute Köchin war, ließen sie sich an diesem Abend, wie an jedem anderen Abend auch, etwas zu Essen aus einem Restaurant kommen. Logan bildete sich ein, dass er besser lebte als seine Eltern, die zwar nicht arm waren aber sich solchen Luxus sicher nicht erlauben konnten. Wahrscheinlich hätten sie es auch nicht gewollt.

Seine Kindheit war geprägt von einem Leben in Demut und Frömmigkeit. Sie waren stets nur „Kinder Gottes“ gewesen, glücklich darüber gesund zu sein. Das war der einzige Reichtum, nach dem seine Eltern Zeit ihres Lebens strebten. Ihm selbst war das nicht genug. Er wollte die Welt bereisen, wollte sich Dinge leisten, die sich andere nicht leisten konnten und er wollte allen zeigen, wie gut es ihm ging. Obwohl er auch in kleinen Schritten angefangen hatte, baute er sich nach und nach eine Existenz auf.

„Vielleicht sollten wir Weihnachten als Gelegenheit nutzen, uns noch einmal mit deinen Eltern zusammen zu setzen“, schlug Alicia nach dem Abendessen vor. Sie vermied es dabei Logan anzusehen, denn auch wenn er ihr selten widersprach, konnte er durchaus unangenehm werden. Er jedoch war zu müde als dass er sich auf eine Diskussion hätte einlassen wollen und zuckte mit den Achseln. „Ich werde sie anrufen und sie fragen, wann es ihnen recht ist.“

Ein Lächeln der Genugtuung breitete sich auf ihren Lippen aus. Sie lehnte sich zufrieden zurück.

Logan war schlecht gelaunt. Er ärgerte sich darüber, dass seine Angestellten ständig zu spät zur Arbeit kamen. Er hatte keine Lust dazu, seine Buchhaltung selber zu bewältigen und war frustriert, weil er es sich einfacher vorgestellt hatte, eine Bürokraft zu finden. Das zuständige Amt konnte ihm niemanden vermitteln und die arbeitssuchenden Personen, die in der Zeitung und im Internet inseriert hatten, lehnten dankend ab. Sie scheuten die Arbeit in der Bronx.

Die Entscheidung in die Bronx zu gehen war eigentlich eine einfache gewesen. Hier schätzte man seine Arbeit. Er hatte genug Aufträge und eine ganze Gang, die ihre Wagen nur bei ihm reparieren und tunen ließen. Die Lage war ruhig und sie hatten mit der bekannt hohen Kriminalitätsrate nichts zu tun. Dennoch hatte dieser Stadtteil nach wie vor einen schlechten Ruf und das machte die Suche nach einer geeigneten Bürokraft schwieriger als er gedacht hatte.

Logan massierte seine Schläfen mit beiden Händen. Er hatte Kopfschmerzen und sein Vorhaben, seine Eltern um einen Termin zu bitten, machte die Sache nicht besser. Als er gerade nach dem Telefonhörer griff, öffnete sich seine Bürotür und einer seiner Angestellten trat ein. Logan sog scharf Luft ein.

„Erstens“, rief er erbost. „Ist das hier mein Büro! Ich erwarte, dass ihr zumindest anklopft, wenn ihr etwas von mir wollt. Zweitens habe ich im Moment keine Zeit und keinen Nerv!“ Er deutete mit einem Nicken zur Türe. Sein Angestellter war so verblüfft, dass er wortlos den Raum wieder verließ. Unter normalen Umständen kam Logan als Vorgesetzter gut mit seinen Mitarbeitern zurecht. Sie hatten ein beinahe freundschaftliches Verhältnis zueinander und konnten sogar nach Feierabend ein Bier zusammen trinken. In anderen Situationen sollte man Logan besser aus dem Weg gehen und ihn möglichst nicht ansprechen. Dieser Moment war eine solche Situation und Logan war sich, wie sonst auch, keinerlei Schuld bewusst. Leicht gereizt wählte er die Nummer seiner Eltern und wartete darauf, dass jemand abhob.

Nach nur wenigen Augenblicken nahm Mary McCannan das Gespräch entgegen. Obwohl Logan darauf bestand ein schlechtes Verhältnis zu seinen Eltern zu haben musste er sich eingestehen, dass er den Klang ihrer Stimme vermisst hatte. Ihre Schwierigkeiten gingen klar von seinem Vater Douglas aus. Doch er nahm es seiner Mutter nicht minder übel, dass sie nichts dagegen unternahm.

„Hey Mom“, sagte er leise und wartete auf eine Reaktion. Die kam sofort.

„Logan!“, entfuhr es Mary überrascht. „Es ist ja so schön von dir zu hören. Wie geht es dir, mein Sohn?“

Logan seufzte. Er wollte und konnte seiner Mutter nicht böse sein. „Mir geht es gut, Mom. Ich wollte fragen, ob ich Weihnachten zu euch kommen kann?“

Mary lachte auf.

„Aber natürlich!“, rief sie. „Das hier ist dein Zuhause. Ich wäre enttäuscht, wenn du nicht kommen würdest.“ Er zögerte einen Moment.

Dann erst erwiderte er: „Aber ich werde Alicia mitbringen.“ Nun vernahm auch er ein kurzes Schweigen am anderen Ende der Leitung.

„Dann ist es eben so!“ konstatierte Mary. Erst nachdem Logan aufgelegt hatte empfand er so etwas wie Erleichterung. Ihm fiel ein Stein vom Herzen. Er war einen Schritt auf seine Eltern zugegangen und hatte vor allem Alicia einen Gefallen damit getan. Selbst wenn er es nicht zugeben wollte, hatte er zum ersten Mal den Eindruck, dass sich vielleicht doch alles wieder einrenken würde. Er hoffte auf die Akzeptanz seines Vaters.

-3-

Mit klopfendem Herzen betätigte Grace die Klingel und wartete gespannt auf eine Reaktion.

Nervös spielte sie mit ihren Händen und trat von einem Bein auf das Andere. Schließlich öffnete sich die Türe und die Überraschung schien perfekt zu sein. Mary McCannan fasste sich an die Brust. Im selben Moment füllten sich ihre Augen mit Tränen.

„Grace, mein Schatz“, wisperte sie und schloss die junge Frau in ihre Arme. Sanft hielt sie Grace fest. Mary hatte Grace immer wie ihre eigene Tochter behandelt. Es wurde kein Unterschied zwischen ihr und ihren drei Brüdern gemacht.

„Ich kann es nicht glauben“, flüsterte Mary und löste sich aus der Umarmung. Sie musterte Grace eindringlich. „Du bist so wahnsinnig hübsch.“

Die Worte ihrer Mutter ließen Grace erröten.

„Mom“, sagte sie lächelnd. „Jetzt ist aber mal gut!“

„Nein wirklich!“, beteuerte Mary. „Du bist jetzt eine richtige Frau.“ Sie konnte sich nicht satt sehen an ihrer erwachsenen Tochter, die sie viel zu lange nicht gesehen hatte. Schließlich grinst sie und sagte: „Da wird dein Vater aber Augen machen.“

Die beiden Frauen betraten Graces Elternhaus.

Es hatte sich nichts verändert. Während sie die Stufen in die Wohnstube hinauf gingen, kam ihnen ein bekannter Geruch von gekochtem Essen und einem Feuer im Kamin entgegen. Dieser Duft versetzte Grace augenblicklich zurück in ihre Kindheit. Bei diesem ganz speziellen Geruch dachte sie an aufgeschlagene Knie, Standpauken von ihrem Vater und heimlich durchlesene Nächte.

Grace konnte auf eine wunderbare Kindheit zurück blicken.

Als die beiden die große Wohnküche betraten, fiel Graces Blick auf einen jungen Mann mit struppigem, schwarzem Haar. Er saß am Tisch und las in einem Buch. Mary räusperte sich, um seine Aufmerksamkeit auf sie zu lenken. Der Kopf des Mannes ging hoch und vorwitzige grüne Augen musterten Grace neugierig.

„Hey Ryan“, grüßte sie, als ob sie sich am Tag zuvor noch gesehen hatten.

Der Jüngste der McCannan Brüder grinste breit und ließ eine Reihe strahlend weißer Zähne aufblitzen. „Grace“, erwiderte er. „Du bist also wieder im Lande?“

Sie nickte langsam. „Paris ist auf Dauer langweilig im Gegensatz zu New York!“

„Paris?“, wiederholte Ryan langsam. „Cool.“ Dann widmete er sich wieder seiner Lektüre.

Mary warf ihm einen von ihm unbemerkten, finsteren Blick zu und führte Grace durch die Küche in einen kleinen Flur, der zum Arbeitszimmer ihres Vaters führte. Nach einem leisen Klopfen bat eine dunkle Stimme die beiden hinein.

Douglas McCannan war Reverent mit Herz und Seele. In seinen Augen war dieser Beruf keine Aufgabe sondern eine Bestimmung. Er fühlte sich von Gott berufen, den Menschen die Worte aus der Bibel näher zu bringen. Ihnen in schwierigen Zeiten beizustehen und stets ein gutes Vorbild zu sein, gehörte zu seinen wichtigsten Aufgaben. Er war ein beschäftigter Mann, der nicht nur den Gottesdienst in der gegenüber des Elternhauses gelegenen Kirche hielt. Er war auch oft in seinem Büro anzutreffen, wo er seine Predigten verfasste, Telefonseelsorge betrieb und sich selbstverständlich um seine Familie kümmerte. Mit seiner hochgewachsenen Statur, dem langen Bart und der silbernen Nickelbrille auf der Nase machte er nicht nur einen intellektuellen Eindruck. Er fungierte in der Gemeinde sowie in der Familie als Respektsperson, der man stets ehrfürchtig gegenüber trat. Grace war eine der wenigen Personen, die hinter diese oft kühl wirkende Fassade blicken konnte.

Sie wusste, dass ihr Vater tief im Inneren seines Herzens ein Mann mit viel Gefühl war, der diese zumeist aber verbarg, weil auch er ein Gesicht zu verlieren hatte.

Als sie nun das Büro an der Seite ihrer Mutter betrat und Douglas sie erkannte, traten Tränen in seine grünen Augen. Er winkte sie zu sich und Grace setzte sich wie ein kleines Mädchen auf den Schoß ihres Daddys und legte ihren Kopf auf seine Schulter. Fest schloss er seine Arme um sie und sagte: „Mein kleines Mädchen ist endlich wieder zu Hause!“ Er drückte ihr einen Kuss auf die Wange und betrachtete sie sorgsam.

„Du bist erwachsen geworden“, stellte er wenig später fest.

Grace fuhr mit dem Finger durch die ergrauten Haare an seinen Schläfen. „Und du alt, Dad“, erwiderte sie mit einem kleinen Lächeln.

Douglas seufzte. „Tja, was soll ich sagen?“, sagte er. „Man hat es oft nicht so leicht.“

„Was ist passiert?“ fragte Grace sanft. Es war selten, dass Douglas McCannan von Sorgen oder Nöten sprach. Normalerweise war er stets ein Freund von aufmunternden Worten, der optimistisch in die Zukunft blickte.

„Es ist viel passiert in deiner Abwesenheit“, bemerkte er und lächelte dann wieder. „Wir sollten jetzt nicht darüber reden, Grace. Ich freue mich wahnsinnig, dass du wieder hier bist!“

„Ich freue mich auch, Dad“, sagte sie und nahm ihn noch einmal in den Arm, bevor sie gemeinsam zurück zu Mary und Ryan in die Küche gingen. Das Mittagessen stand bereits auf dem Tisch und es dauerte nicht lange, bis ein weiterer Sohn des Hauses durch die Türe trat.

Während Ryan eindeutig ein Sohn seines Vaters war, kam Shane nach seiner Mutter. Die beiden teilten blondes Haar und klare blaue Augen. Lediglich die Brille in Shanes Gesicht erinnerte an seinen Vater.

Grace war beeindruckt von Shanes Erscheinen. Er war gut gekleidet und trug eine braune Ledertasche unter dem Arm als er die Küche betrat. Wie sein Vater war auch er hoch gewachsen und hatte scheinbar viel von Douglas’ Charisma abbekommen. Man musste sich einfach nach ihm umdrehen, wenn er den Raum betrat.

Er bemerkte Grace sofort und lächelte. „Wir haben ja Besuch von einer schönen Unbekannten“, sagte er beinahe beiläufig in den Raum, während er lässig seine Tasche ablegte. Mary bekam einen Kuss von ihrem mittleren Sohn, bevor er Grace begrüßte.

„Hey kleine Schwester“, sagte er als er sie in die Arme schloss.

Sie knuffte ihn sofort vor die Schulter. „Ich bin nur vier Tage jünger, Shane!“, rief sie ihm in Erinnerung. Er grinste schelmisch. „Richtig. Du bist jünger! Wie lange ist egal!“

Schon in ihrer Kindheit hatte Shane sie damit aufgezogen, dass sie unwesentlich jünger war als er. Die beiden hatten ein ganz besonderes Verhältnis zueinander. Das lag nicht nur daran, dass sie in einem Alter waren und die gleiche Schulklasse besucht hatten. Sie hatten den gleichen Humor, verstanden sich oft auch ohne Worte und hatten immer schon viel Zeit miteinander verbracht. „Sag mal Grace“, sagte Shane und versuchte dabei so lässig wie möglich zu klingen. „Hast du zufällig heimlich geheiratet, ein Kind in die Welt gesetzt oder im Gefängnis gesessen?“

Ryan lachte leise neben Grace und Mary schnappte nach Luft.

„Shane!“, rief sie aus. Er hob entwaffnet beide Arme und erwiderte: „Man wird doch wohl fragen dürfen, oder? Immerhin gibt es auch Familien mit zwei schwarzen Schafen.“

Douglas räusperte sich laut und warf Shane einen Blick zu, der ihn sofort zum Schweigen brachte.

Grace war irritiert.

Scheinbar wollten sie etwas vor ihr verheimlichen. Sie versuchte es zu ignorieren und antwortete: „Ich habe nicht geheiratet, habe keine Kinder und bin auch nicht mit der Polizei in Konflikt getreten. Gibt es einen Grund warum du fragst?“ Shane grinste breit.

„Naja“, murmelte er mit lang gedehnter Stimme. „Wenn man es genau nimmt bist du ja eigentlich gar nicht meine Schwester, richtig?“

Grace konnte nicht verhindern, dass sie errötete.

„Natürlich ist sie deine Schwester“, antwortete Mary an ihrer Stelle und gesellte sich mit dem letzten Topf zum Rest der Familie an den Esstisch.

„Rede nicht so einen Unsinn, Shane!“

„Das ist kein Unsinn, Mom“, widersprach Ryan, der sich bisher ruhig verhalten hatte. „Wäre doch cool, wenn Shane und Grace mal ausgehen würden, immerhin sind sie nichts blutsverwandt.“

„Ziemlich cool“, ergänzte Shane, um Ryans Worte zu benutzen. Er hatte den Schalk im Nacken sitzen, während Mary das offensichtlich nicht lustig fand. „Das kommt auf keinen Fall in Frage!“, beschloss sie resolut.

„Shane müsste mich sowieso erst einmal fragen“, warf Grace vorsichtig ein.

„Würdest du?“, fragte Shane.

„War das eine Einladung?“ Grace hob fragend die Augenbrauen und warf ihm einen herausfordernden Blick zu.

„Irgendwie schon!“

„Gut, dann…“ Sie machte eine kleine Pause. „Nein! Ich würde nicht.“ Grace grinste breit und senkte anschließend den Kopf, um mit den anderen Douglas’ Tischgebet zu lauschen.

Das Essen war beendet. Douglas hatte die Zeitung aufgeschlagen und Mary war in der Küche mit dem Abwasch beschäftigt. Grace blickte von einem zum anderen. Aus ihren beiden Brüdern waren erwachsene Männer geworden. Sie konnte es kaum begreifen. Dennoch fehlte einer von ihnen. Logan war der älteste Bruder. Es war irritierend, dass er nicht da war und auch niemand von ihm sprach. Stattdessen hatte Shane diese Andeutung gemacht und sie wollte wissen, was in ihrer Abwesenheit passiert war. Deshalb fragte sie frei heraus: „Wo ist eigentlich Logan?“

Mary fiel ein Teller auf die Fliesen, dessen Scherben sofort mit hektischen Bewegungen zusammen gekehrt wurden. Douglas tat so, als habe er sie nicht gehört und Shane verließ die Küche mit einer kaum hörbaren Ausrede. Lediglich Ryan reagierte.

„Logan ist weg“, sagte er. „Er will nichts mehr mit uns zu tun haben und lebt nun in Manhattan!“

„In Manhattan?“, wiederholte Grace verwundert. Sie konnte sich noch gut an Logan erinnern. An den rebellischen, lauten und trotzigen Logan, der keine Gelegenheit ausgelassen hatte, um die Schule zu schwänzen oder seine Geschwister reinzulegen. Sie hatte es an seiner Seite nicht unbedingt leicht gehabt. Auch seine Eltern hatten ihre Schwierigkeiten mit ihm. Sie mussten häufig in die Schule kommen, um ihren aufmüpfigen Sohn abzuholen.

Nun sollte dieser in Manhattan leben. In einem Stadtteil, in dem normalerweise nur die Reichen und Schönen wohnten. Die Appartements waren völlig überteuert und die Menschen versnobt. Das war eine Kombination, die in Graces Augen nicht zu Logan passte.

„Wieso…“, begann sie, doch Ryan ließ sie nicht ausreden.

„Er hat ein Autohaus gekauft und diese Frau kennengelernt“, erzählte er. „Seitdem meldet er sich nur noch selten bei uns. Er hat sich verändert, Grace.“

Somit war das Gespräch für ihn beendet, denn er erhob sich und verließ die Küche.

Grace merkte, wann es an der Zeit war nicht mehr weiter zu fragen. Offenbar wollte ihre Familie über die Dinge, die scheinbar passiert waren, nicht mit ihr reden. Deswegen beließ sie es vorerst bei den wenigen Informationen, die sie von Ryan bekommen hatte und half ihrer Mutter bei der Küchenarbeit. Sie räumte den Rest des Tisches ab und trocknete anschließend das gespülte Geschirr ab. Douglas zog sich in sein Büro zur Mittagsruhe zurück und ließ sie und ihre Mutter alleine in der Küche zurück. Mary blickte sich um, als wollte sie sich vergewissern, dass sie und Grace alleine waren.

„Das mit Logan ist leider etwas kompliziert“, sagte sie schließlich seufzend. „Er hat nun mal nicht das getan, was dein Vater von ihm erwartet hatte. Du weißt, wie wichtig ihm eure Zukunft ist. Ich weiß nicht, warum die Situation so verfahren ist. Aber Fakt ist, dass sich Logan nur noch sehr selten meldet und dein Vater ihm auch eigentlich keine zweite Chance einräumt.“

„Aber warum denn nicht?“, fragte Grace irritiert. „Ich meine, so ist Dad doch eigentlich überhaupt nicht.“

Mary schüttelte den Kopf.

„Ich weiß es nicht, Grace“, antwortete sie ehrlich. „Logan hat mich gestern angerufen. Er klang so niedergeschlagen. Als würde es auch ihm leid tun, dass unser Verhältnis zurzeit so angespannt ist.“

Grace spürte wie schlecht es Mary mit der Situation ging. Logan war und blieb ihr erstgeborener Sohn. Sie liebte ihn genauso wie ihre anderen Kinder, Grace eingeschlossen.

Es schien sie offensichtlich traurig zu stimmen, dass Logan nicht mehr in ihrem Haus ein- und ausging.

„Er wird Weihnachten zu Besuch kommen“, murmelte Mary. „Ich weiß noch nicht, was Douglas dazu sagen wird.“

„Du hast es ihm noch nicht erzählt?“, fragte Grace und ihre Mutter schüttelte betrübt den Kopf.

-4-

Es war schon eine ganze Woche vergangen seit Graces Rückkehr.

Es hatte ein wenig Zeit in Anspruch genommen, um sich wieder einzuleben. Sie verbrachte Zeit mit ihren Freunden und besorgte ein paar Weihnachtsgeschenke. Nun bemühte sie sich darum Arbeit zu finden. Das jedoch war nicht so einfach wie sie es sich erhofft hatte. Sie hatte dem Arbeitsamt einen Besuch abgestattet und ihre hervorragenden Zeugnisse vorgelegt. Hoffnungsvoll hatte sie mit einer ganzen Liste von Jobs gerechnet, von denen sie sich hätte einen aussuchen können. Das Amt hingegen musste sie zurück weisen mit der Begründung sie sei überqualifiziert. Es gab keine Arbeit für sie. Anschließend war sie in ein Internetcafé gefahren, um die Angebote im Internet zu prüfen, doch niemand suchte eine Fremdsprachenkorrespondentin. Sie hätte als Putzfrau oder Bürokraft arbeiten können, aber damit wollte sie sich nicht zufrieden geben.

Es war eine frustrierende Situation.

Ohne einen Job bekam sie kein Geld und ohne Geld konnte sie sich keine eigene Wohnung leisten. Also lebte sie wieder bei ihren Eltern in ihrem alten Kinderzimmer. Mit ein wenig Gemeindearbeit verdiente sie sich ab und zu etwas Taschengeld. So konnte sie sich wenigstens ihre Hobbys finanzieren. Dennoch war sie mit der Situation sehr unzufrieden. Immerhin war sie nicht all die Jahre fort gewesen, um anschließend mit Mitte zwanzig wieder ihren Eltern auf der Tasche liegen zu müssen.

Am Weihnachtsmorgen ließ das Klopfen an ihrer Zimmertüre sie hochschrecken. Kurz darauf öffnete sich die Türe und Shane streckte seinen Kopf durch den Türspalt.

„Hey Schwesterlein!“, rief er gut gelaunt. „Hast du keine Lust auf Weihnachten?“

Grace erwiderte sein Lächeln und entgegnete: „Doch, natürlich! Ich muss mich noch umziehen und dann komme ich.“

Shane grinste breit und ließ sie alleine.

An der Weihnachtstradition hatte sich seit Kindheitstagen nichts geändert. Es war immer noch so üblich, dass die Familie nach einem ausgiebigen Frühstück in den Gottesdienst ging. Erst anschließend gab es die Geschenke.

An einem solch wichtigen Feiertag schmiss sich Grace gerne in Schale. Sie hatte eins ihrer besten Kleider angezogen und sich die Haare zu einer raffinierten Frisur hochgesteckt. Als sie fertig war verließ sie ihr Zimmer unter dem Dach und ging zum Rest der Familie. Douglas trug ein schwarzes Gewand, wie es als Reverent während eines Gottesdienstes üblich war. Er entdeckte seine Tochter zuerst und seine Augen weiteten sich.

„Grace“, murmelte er beinahe ehrfürchtig. „Du siehst toll aus.“

Sie lächelte und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. „Danke für das Kompliment“, erwiderte sie. Auch den anderen Familienmitgliedern gefiel ihr Outfit, denn sie lobten sie für ihren guten Geschmack. Zusammen gingen sie zur Kirche auf die andere Straßenseite. Es war bereits dunkel draußen und es hatte ausnahmsweise aufgehört zu schneien. Trotzdem war es bitterkalt und Grace musste ihren dicken Mantel enger ziehen. Die Pumps versanken knöcheltief im Pulverschnee und sie bekam nasse Füße. Shane ergriff spontan ihre Hand und half ihr bis in die Kirche. Sie dankte es ihm mit einem kurzen Blick.

Der Gottesdienst war schön und erzeugte bei ihr eine Gänsehaut. Fünf Jahre lang hatte sie Douglas nicht mehr predigen sehen. Dabei hatte sie als Kind stets mit großen, bewundernden Augen in der ersten Bank gesessen und ihm all seine Worte von den Lippen abgelesen. Er hatte die faszinierende Fähigkeit, die Kirchenbesucher in seinen Bann zu ziehen. Seine Worte drangen vor bis zu den Herzen der Menschen und berührten sie dort. Atemlose Stille herrschte in der Kirche und die eindrucksvollen Lieder unterstrichen die festliche Stimmung.

Auf einmal ergriff Mary Graces Hand und lächelte ihr zu.

„Es ist wunderschön, dass du wieder da bist“, flüsterte sie zärtlich. „Endlich ist die Familie wieder vereint.“ Sie sah auf ihre Hände und fügte leise hinzu: „Sogar Logan wird kommen. Das ist mein schönstes Weihnachtsgeschenk!“

Grace streichelte über Marys Hand und erwiderte nichts. Sie hatte ein feines Gespür dafür entwickelt, wann es an der Zeit war zu schweigen.

Nach dem Gottesdienst ging es heim. Es wurden die Geschenke verteilt und es gab ein, dem Anlass entsprechendes, festliches Mahl im Hause McCannan. Mary und Grace zogen sich in die Küche zurück, um den vorbereiteten Braten zu schneiden und die Kartoffeln anzurichten. Die Herrin des Hauses hatte das Festtagsessen bereits vorbereitet. So mussten nur noch Kleinigkeiten erledigt werden und die Männer brauchten nicht so lange hungrig im Wohnzimmer zu warten. Der Tisch war gedeckt und Grace brachte Wasser und Wein, als es an der Türe klingelte. Mary kam mit Schürze bekleidet um die Ecke, doch Grace winkte ab.

„Lass nur“, sagte sie. „Ich gehe schon.“ Mit schnellen Schritten war sie an der Haustüre und öffnete.

Logan stand vor ihr und starrte sie ungläubig an.

„Logan!“, rief sie erfreut aus und umarmte ihn herzlich. Noch ehe er reagieren konnte, löste sie sich wieder von ihm und wandte sich an Alicia.

„Du musst die glückliche Frau an Logans Seite sein“, erriet sie und reichte der überrumpelten Blondine die Hand. „Ich bin Grace.“

Von Alicia erntete sie lediglich ein kühles Lächeln.

„Es tut mir leid“, sagte Grace lachend. „Ich freue mich so wieder hier zu sein, dass ich ganz vergesse höflich zu sein. Ich lasse euch vor der Türe stehen. Kommt doch bitte herein.“

„Das wird aber auch Zeit“, zischte Alicia und warf ihr einen vernichtenden Blick zu als sie an ihr vorbei ging, hinein ins warme Haus.

Logan folgte seiner Freundin. Auch er musterte Grace im Vorbeigehen, doch er sah ratlos drein, als ob er nicht glauben könne, was oder wen er vor sich sah.

Grace folgte den beiden hinein und traf in der Küche auf Shane.

„Dein Bruder ist da“, bemerkte sie nachdenklich und nahm ihm die Gläser aus der Hand, um sie anschließend auf dem Tisch zu verteilen. Logan und Alicia begrüßten Douglas. Sein grimmiger Blick blieb Grace nicht verborgen. Er machte keinen Hehl aus seiner Abneigung zu Logans Freundin. Er musterte sie mit abwertenden Blicken und blieb in der gesamten Konversation lediglich höflich. Seine sonst so freundliche und herzliche Art blieb ihr verwehrt. Allerdings schien Alicia das nicht zu stören. Ihr aufgesetztes Lächeln wich nicht aus ihrem Gesicht und sie konnte kaum ihre Hände von Logan lassen. Immer und immer wieder warf sie ihm ein verliebtes Lächeln zu und verschlang ihn fast mit ihren Blicken.

Grace konnte es ihr nicht verübeln. Von allen drei Brüdern hatte sich Logan am meisten verändert. Sein Gesicht war markant und die grünen Augen seines Vaters stachen aus seinem Gesicht hervor. Sein Erscheinungsbild wirkte maskulin und attraktiv.

„Na“, sagte Ryan leise an Graces Seite. „Wie findest du sie?“ Er nickte zu Alicia hinüber.

Grace zuckte mit den Achseln.

„Ich kann es noch nicht sagen“, erwiderte sie ehrlich. „Immerhin hatte ich noch keine Gelegenheit sie näher kennenzulernen.“ Sie lächelte ihm zu und sagte laut: „Wer Hunger hat, darf gerne an den Tisch kommen. Im Wohnzimmer gibt es nichts zu essen.“

Nach und nach nahmen alle Familienmitglieder am Tisch Platz. Douglas sprach ein Tischgebet und schloss Grace in seine Gebete mit ein. Sie hob ihren Blick und freute sich über die nette Geste. Bis zu dem Moment, als sie Logans Blick aufschnappte. Er starrte sie feindselig an, doch als er ihre Blicke bemerkte sah er rasch in eine andere Richtung. Grace war sich keiner Schuld bewusst. Sie war irritiert, dass sich Logan offensichtlich nicht freute, sie hier im Kreise der Familie zu sehen.

Das Essen verlief ruhig und jeder genoss den weihnachtlichen Gaumenschmaus. Der kräftige Rotwein schmeckte hervorragend zu der gefüllten Ente. Da schien keiner ein Interesse an ernsten Gesprächen zu haben. Auf einmal wurde Grace von Alicia angestarrt.

„Wer bist du eigentlich?“, fragte sie frei heraus und hob beide Augenbrauen.

Grace verschluckte sich beinahe an ihrem Essen.

„Das ist unsere Schwester“, nahm Shane ihr die Antwort ab. „Sie hat die letzten Jahre in Europa verbracht.“

Auf einmal sah Alicia gar nicht mehr so unfreundlich drein. Stattdessen wirkte sie erstaunt.

„Du hast eine Schwester?“, wandte sie sich an Logan, der seinen Teller bereits geleert hatte und sich lässig nach hinten gelehnt hatte. Alicias Stimme überschlug sich beinahe.

„Warum hast du mir das nie erzählt?“, fragte sie mit einem vorwurfsvollen Unterton.

Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse.

„Sie ist nicht meine Schwester“, antwortete er kaum hörbar. „Sie hat lediglich ein bisschen Zeit bei uns verbracht.“

Alle Blicke waren auf ihn gerichtet, doch niemand sagte etwas. Grace sah schweigend auf ihren Teller. Sie hatte Logans Abneigung vorher nie in dieser Form mitbekommen. Natürlich hatten sie sich oft gestritten, als sie noch kleiner waren. Sie hatte es jedoch als normale Streitigkeiten unter Geschwistern abgetan. Nun lagen ihr seine harten Worte schwer im Magen und trübten die weihnachtliche Stimmung.

Douglas wechselte das Thema.

„Grace, warst du eigentlich mittlerweile erfolgreich bei deiner Jobsuche?“, wollte er von ihr wissen.

Sie jedoch schüttelte resigniert den Kopf.

„Leider nicht“, antwortete sie. „Ich bin überqualifiziert.“

„Du musst einfach ein bisschen Zeit mitbringen“, sagte Mary aufmunternd. „Irgendwann wirst du sicherlich eine passende Arbeit finden.“

„Und wie soll das bis dahin deiner Meinung nach weiter gehen?“, fragte Grace. „Wovon soll ich leben?“ Noch bevor Mary oder Douglas antworten konnten fügte sie noch hinzu: „Und jetzt sagt mir nicht, ihr möchtet für mich sorgen. Ich weiß, dass ihr das tun würdet, aber ich möchte es nicht!“

„Ich kann dich ja verstehen, Grace“, entgegnete Douglas ernst, „aber du könntest doch eine Weile lang für uns arbeiten, wenn du Geld brauchst.“ Alicia räusperte sich und sagte zaghaft: „Logan hätte noch einen Job zu vergeben.“ „Nein!“, kam es von Logan und Grace wie aus einem Mund. Während er seiner Pflegeschwester einen finsteren Blick zuwarf, sagte sie: „Nein danke, Alicia. Das ist wirklich lieb von dir, aber ich halte das für keine so gute Idee.“ Sie lächelte ihr dankbar zu und wollte unter allen Umständen ihre freundliche Fassade aufrechterhalten.

Douglas schüttelte ebenfalls den Kopf.

„Grace hat in einem Autohaus nichts zu suchen“, stellte er fest. „Schon gar nicht in der Bronx!“

„Was ist deiner Meinung nach so schlecht an einem Autohaus in der Bronx?“, fragte Logan angriffslustig. Seine Blicke waren verengt und seine Stirn lag in Falten.

„Das habe ich dir schon mehrere Male gesagt, Logan“, antwortete sein Vater und der Ton seiner Stimme ließ eigentlich keine Wiederworte zu. Logan jedoch störte sich nicht daran.

„Ich habe es aber noch immer nicht verstanden, Vater“, sagte er mit fester Stimme. „Immerhin führe ich ein erfolgreiches Unternehmen. Du hättest einen Grund, stolz auf mich zu sein.“ Der Blick, der Douglas seinem Sohn zuwarf, brach nicht nur Logan sondern auch Grace beinahe das Herz. Sie konnte Logans Enttäuschung nachvollziehen. Egal was er tat, sein Vater schien ihm keine Chance geben zu wollen, ihn zu beeindrucken.