Rund um die Ringkirche -  - E-Book

Rund um die Ringkirche E-Book

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Beschreibung

Rund um die Ringkirche ist immer etwas los: Ob auf den Stufen vor der Kirche oder bei der Begegnung mit einem mysteriösen Doppelgänger, ob in kleinen Alltagsbegegebenheiten um Frau Krüss oder bei einer Kneipendiskussion: die Autoren offenbaren ihre Liebe zu einem Ort, der zu kleinen und großen Geschichten inspiriert.

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Seitenzahl: 83

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Autoren:

Stefan G. Wolf, Martin Wollweber, Iris Meinert

Illustration:

Anke Schäfer

Die Einnahmen aus dem Verkauf dieses Geschichtenbandes sind für die Sanierung der Orgel in der Ringkirche bestimmt, die Autoren und die Illustratorin haben ihre Texte unentgeltlich zur Verfügung gestellt.

Weitere Informationen zur Orgelsanierung finden Sie im Internet unter https://www.ringkirche.de/9-0-Orgelsanierung.html. Auskünfte erteilt auch Hans Kielblock unter der E-mail-Adresse [email protected].

Alle Personen dieser Geschichten sind selbstverständlich frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden Personen nur zufällig. Die Schauplätze sind hingegen real.

Inhaltsverzeichnis

Stammtisch am Rande der Unendlichkeit

Frau Krüss sagt Tschüss

Der Engel

Amelie

Warten auf Tango

Manchmal

Das andere Ich

Stammtisch am Rande der Unendlichkeit

von Stefan G. Wolf

„Ich will mal so sagen…“ Heinz-Günter hatte eigentlich nicht genug Stimme, um den Samstagabend im ‚Rodensteiner‘ zu durchdringen. In der Stille von Küsters Milchladen am Bismarckring war das OK. „Ist’s recht, wenn’s ein bisschen mehr ist?“, wenn er die Butter auf dem Wachspergament abwog. „Köllnflocken – die Kernigen oder die Blütenzarten?“, und er reichte die hellblaue Packung über die Theke. Köllnflocken Elmshorn – wo das bloß liegen mochte: Elmshorn? Egal, würde man sowieso nie hinkommen. Na ja, vielleicht mit der Bundeswehr, wenn es da eine Kaserne gab und wenn die Einberufung kam und wenn… Heinz-Günter war nicht beim Bund gewesen, auch nicht bei der Reichswehr, damals zu jung, jetzt weißer Jahrgang, zu alt.

„Ich will mal so sagen…“ und endlich hörten ihm alle zu, die da um den Tisch saßen. „Wenn der Russe kommt“, und er bewegte seine linke Faust bedrohlich in die Tischmitte, „und der Ami wirft seine Bombe“, – die Rechte fuhr haarscharf an Walters Bierglas vorbei – „dann sind wir doch sowieso nur noch…“ Er suchte nach einer Vorstellung davon, was wir alle dann wohl waren, und Herbert vollendete den Satz: „Ameisenfutter“. Wie kam der jetzt bloß auf Ameisenfutter? Was essen denn Ameisen so für gewöhnlich? Und ob die ihre Mahlzeit dann, nach der Ami-Bombe, wohl überleben würden? „Da kannste nur noch hinknien und beten“, ließ sich Hennes hören, „nur noch hinknien und beten“. „Du bist doch evangelisch, da kannste doch auch ohne Knien beten“, gab Walter zu bedenken. Und dann: „Sitzen Chrustschow, Adenauer und de Gaulle zusammen im Flugzeug…“ „Och nö“, röhrte Adi, der Wirt, mit seiner Fischmarkt-Stimme rüber, „jetz abber nit deine Witze!“

Herbert nahm einen Schluck aus dem Gerippten. Und dann: „Dann is keine Zeit mehr zum Beten, das musste schon vorher erledigt haben. Wenn de nämlich den Blitz siehst, hörste schon den Knall nit mehr.“ „Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm“, ulkte Walter, „aber noch nicht so bald!“

„Wenn der liebe Gott so was wie Chrustschow und Molotow und Ulbricht…“ – „…und Hitler“ meldete sich Hennes zu Wort, „…ja und wie sie alle heißen – wenn der so was zustande bringt, du meine Güte“. Hennes war über die plötzliche Erkenntnis von der offensichtlichen Sorglosigkeit Gottes im Umgang mit dem Rest der Menschheit erschrocken. (Und wenn es nicht Sorglosigkeit war: was war es dann?) „Lieber Gott“, murmelte er in sein Glas und leerte es sicherheitshalber auf einen Zug.

Da war Walter klar, dass er übernehmen musste. „Hitler, Stalin und Churchill kommen beim Petrus ans Himmelstor…“ „Nein!“ riefen alle wie aus einem Mund, und aus dem anschließenden lautstarken Hin und Her und Haste und Wennste und Kannstema und vor allem Mansolltedoch kam ganz fein und dünn, aber irgendwie umso durchdringender Heinz-Günters Stimme. „Ich war letzte Woche mit dem Auto in Herrschbach.“ „Was für’n Auto?“ fragte Walter gleich und Hennes mutmaßte: „Auto…bus“. „Nee, nee“, setzte Heinz-Günter ungerührt seine Erzählung fort. „Mein Onkel hat einen Lloyd Alexander TS und den hat er mir mal geliehen.“ „Wochenend und Sonnenschein und dann mit dir im Lloyd allein“, sang Herbert, aber Heinz-Günter guckte ihn nur streng von der Seite an. „Wo warste da?“ „Herrschbach, das ist im Westerwald, wohnt ‘ne Cousine von mir.“ Und Herbert ließ sich auch das mit der Cousine nicht entgehen.

„Unsere Nachbarn von obendrüber, die waren mit ihr‘m Issettasche in Schäsenaddicko“, renommierte Walter, und Hennes korrigierte: „Tschäsänaatiko spricht man das aus.“ Als Heinz-Günter wieder alle Zuhörer für sich hatte, fuhr er fort. „Im Westerwald, da isses nachts dunkel, so was von dunkel habt ihr hier noch nicht gesehn. Nicht nur so e‘ bissche dischbisch wie hier auf‘em Elsässer Platz oder im Kurpark – nein, richtig zappeduster. Und da hab ich mal den Kopf zurückgelegt und in den Himmel geguckt, nachts, versteht ihr?“ Und er legte den Kopf in den Nacken, gerade so wie er es in Herrschbach, nachts, im dunklen Westerwald gemacht hatte. Alle um den Tisch machten es ihm nach, als ob die Wirtshausdecke im ‚Rodensteiner’ plötzlich das sternenblitzende Firmament wäre. „Da siehst du alle Sterne, alle. Du kannst richtig die Milchstraße sehen, wie so ein Schleier quer über den Himmel. Und dann die ganzen Sternbilder: der Große Wagen und der Schütze und …“ Es fielen ihm keine Sternbilder mehr ein, aber darum ging es ja auch gar nicht. „Was ich damit sagen will: Wenn du überlegst, wie weit das alles weg ist, wo die Amis jetzt mit dem Sputnik…“ „Die Russen“, berichtigte ihn Herbert. „Na ja, oder die Russen, also so weit weg, aber die fliegen ja nur mal um die Erde. Oder wenn se mal zum Mond fliegen – haben die Amis ja vor: endlos weit, da gibt’s gar kein Vergleich hier unten. Und das ist nur eine Winzigkeit in dem ganzen All. Bis zum nächsten Planeten ist ja noch viel weiter, und bis zum Großen Wagen – da wird’s dir schwindlig…“ Und allen schwindelte es bei dem Gedanken, gerade so als stünden sie hinter der Scheuer von Heinz-Günters Cousine im Westerwald. „Und du stellst dir das vor: Wie weit das ist!“

Es war mit einem Mal still. Die Fünf um den Tisch richtig andächtig. Na ja, wahrscheinlich wollten sie nur die Pointe nicht verpassen. Aber da gab es keine Pointe, das hätten sie sich bei Heinz-Günter ja auch denken können. Der sagte nur noch: „Da bekommst du doch direkt eine Vorstellung von der Unendlichkeit.“ Und Herbert sagte: „Amen.“

Walter hatte berechtigte Bedenken, dass der Abend ab jetzt in die falsche Richtung laufen könnte. „Na, der Wernher von Braun hat aber auch was drauf. Die können froh sein, dass sie den abgegriffen haben.“ Der Richtungswechsel schien zu glücken. „Die lassen das ja alles von einem Elektronengehirn steuern“, wusste Hennes. „Du bist auch so ein Elektronengehirn“, frotzelte Herbert, doch Walter unterstützte seinen Kumpel.

„Doch, da hat er Recht. Die haben riesige Maschinen, Säle voll elektronischer Maschinen, da ist eine so schnell wie hundert Leute mit dem Rechenschieber.“ „Und wenn das Elektronengehirn sich mal verrechnet, dann fliegste da oben aus der Kurve.“ Hennes‘ Rechte zog eine dramatische Schleife über den Stammtisch und verschwand im Zigarettendunst als wäre es der Andromedanebel. „Tschö mit ö, Juri“, rief er seiner Hand hinterher.

„Der Gagarin ist aber zurückgekommen“, wandte Walter ein, und Herbert fragte: „Haben die Russen auch so ein Elektronengehirn?“ „Die brauchen keine Elektronengehirne, die haben den neuen Menschen. Der ist von Natur aus dem Proletarier im kapitalistischen Westen haushoch überlegen, der mit Religion und Hula-Hoop-Reifen ruhiggestellt wird.“ Hennes las regelmäßig den ‚Spiegel‘, auch wenn er bei seinen Freunden nie darüber sprach. „Als der Gagarin aus dem All zurückkam, hat er ja auch getönt: Ich habe da oben den lieben Gott nicht gesehen.“

Heinz-Günter stöhnte gequält auf. „Was’n Quatsch. Das ist, als ob du ein Stromkabel durchschneidest und sagst: Ich seh gar keine Elektrizität!“ „Wenn du noch dazu kommst, irgendwas zu sagen“, gab Herbert zu bedenken. „Genau so isses aber“, setzte Heinz-Günter nach: „Man sieht nichts, aber man spürt’s doch.“

Da trat ein Mann an den Tisch, Rotweinglas in der Hand, eher älter als im besten Alter, eher ärmlich gekleidet als gut betucht, eher zurückhaltend als aufdringlich, und dennoch nahm er ohne Umstände den letzten freien Stuhl am Tisch, zog in zu sich und sagte: „Ich darf doch.“ Ganz ohne Fragezeichen. Die Fragezeichen waren in den Gesichtern der Tischrunde. Walter berappelte sich als erster. „Kommt ein Mann an’n Stammtisch…“, aber die Blicke der anderen ließen ihn den Witz runterschlucken. „Ja, das bin dann wohl ich“, sagte der Fremde und nippte an seinem Rotwein. „Und – der wäre…?“ insistierte Herbert. „Ich bin halt der, der ich bin.“ Schweigen. Betreten, unangenehm.

Jetzt war es Hennes, der versuchte, die Situation zu retten. „Vielleicht können Sie uns ja helfen: Gibt es wirklich mehr Sterne im Weltraum als Sandkörner auf der Erde?“ „Als Sandkörner an den Meeresküsten, um genau zu sein“, ergänzte Herbert. „Haben wir uns nämlich grad gefragt.“ Alle waren erstaunt, wie schnell die Behauptung, die er da aufstellte, wahr geworden war, obgleich alle wussten, dass sie über etwas ganz anderes als Sand und Sterne gesprochen hatten. „Hm“, war alles, was der Fremde sagte, und er nippte wieder am Rotwein, als läge darin die Wahrheit. „Wer könnte das wissen“, sinnierte er, und Walter sang leise: „Gott, der Herr, hat sie gezählet, dass ihm auch nicht eines fehlet, an der ganzen großen Zahl.“

„Vielleicht ist es ja auch so“, nahm jetzt der Fremde das Wort, „dass es genau gleich viele sind, Sandkörner und Sterne. Es gibt so viele erstaunliche Dinge zwischen Himmel und Erde, da wäre das doch nicht weiter verwunderlich.“ „Überprüfen können wir’s ja sowieso nicht“, wandte Hennes ein, „war ja nur so ‘ne Frage, über die man herrlich diskutieren und philosophieren kann“. „Oder man muss es ganz einfach glauben“, entgegnete der Fremde. „Was glauben?“ fragte Herbert. „Na, zum Beispiel, dass der, der die Sandkörner am Meer ausgeschüttet hat, grad genauso viele Sterne an den Himmel gesetzt hat.“ „Am wievielten Tag war das gleich, das mit dem Sand am Meer?“ fragte Walter scheinheilig. Und mit Kanzelstimme: „Es werde Sand, Strandkörbe und Kurtaxe, und siehe – alles war gut!“ Jetzt war es an der Zeit, dass sich Heinz-Günter einschaltete. „Irgendwer – oder irgend etwas – muss das doch alles gemacht haben, das Sandhin-Schütten und das Sterne-an-den-Himmel-Werfen, oder?“