Rusesabagina - Werner Koch - E-Book

Rusesabagina E-Book

Werner Koch

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Beschreibung

Papst Franziskus ist tot. In seine Fußstapfen tritt ein Außenseiter und nennt sich Zachäus. Zachäus der Zöllner, zur Zeit Jesus verachtet und gemieden. Und er tut etwas, was niemand erwartet hätte, er folgt einer Stimme seiner Träume und verlässt heimlich den Vatikan. Irgendwo dort draußen wartet ein Mädchen und stellt alles Bisherige in Frage.

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Seitenzahl: 322

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Zum Autor:

Autor:

Werner Koch, Hirschaid/Erlach

E-Mail:

[email protected]

Web:

www.windreise.de

Bisher erschienen bei BoD:

Windreise

2008

Begegnungen und Emotionen unter weißen Segeln

Methusalem Müller

2010

Die Suche nach der Jugend

Istina

2012

Das Dorf der Esel

Flieg, Ikarus!

2014

Rusesabagina

2016

Wir alle tragen einen besonderen

Frieden in unseren Herzen,

so unendlich groß, um ihn tausendfach

verschenken zu können.

Für meine Eltern,

deren Liebe und Werte,

mein ganzes Leben begleiten.

Inhaltsverzeichnis

München, ein Jahr zuvor

Rom ein Jahr zuvor

Vor fünfundzwanzig Jahren.

Ein Jahr später.

Nachwort

Der Petersplatz füllte sich zusehends mit Menschen aller Nationen. Es schien, als würden sie von einem unsichtbaren Magneten, der unter den jahrhundertealten Steinplatten versteckt wäre, mit unbeschreiblicher Macht angezogen, um sie alle an diesem bestimmten Punkt zu vereinen.

Ganze Busladungen von Nonnen strömten wie Herden von Pinguinen durch die Menge, um sich einen Platz in den vorderen Reihen zu ergattern. Priester in schwarzen Talaren wuselten hektisch zwischen den Gläubigen umher und versuchten eine gewisse Ordnung in ein Chaos zu bringen, was eigentlich unmöglich schien.

Seit Tagen, herrschte im südlichen Europa, eine für die Osterzeit ungewöhnliche Hitzewelle. Die einen schoben es auf die Klimaerwärmung, die anderen, besonders die Besitzer von Cafés und Eisdielen, lobten lautstark das schöne Wetter und zählten nachts ihr katholisches Geld. Zehntausende versammelten sich heute um den Segen „Urbi et orbi“ zu erhalten. So richteten immer mehr der Pilger ihre Blicke hoch hinauf zu den Portalen des Petersdoms zur Benediktionsloggia, wo an einem der Balkone die Fahne des Vatikanstaates hing und man so hinter den Fenstern schon den Papst und seine Kardinäle vermuten mochte.

Kardinal Bernardelli, der engste Vertraute von Papst Zachäus, hatte durch eine Fernsehansprache vor einer Woche verbreiten lassen, dass der Papst aller negativen Meldungen bestimmter Boulevardzeitungen zum Trotz, heute den Segen sprechen würde. Gerade weil sich seit Monaten die wildesten Gerüchte um den Verbleib, oder auch um den Gesundheitszustand des Papstes rankten, schlug diese Meldung wie eine Bombe ein. Die offizielle Version des Vatikans, der Papst sei schwer erkrankt und nur Gott selbst wüsste, ob er je wieder genesen würde, glaubte schon lange niemand mehr. Die gesamte katholische Glaubensgemeinschaft fühlte sich verlassen und führungslos. Selbst die Ernennung Kardinal Landolfo Cescatti als Stellvertreter, für die Überwachung der Geschäfte der katholischen Kirche, für die Zeit der Krankheit von Papst Zachäus, brachte nicht die gewünschte Ruhe in die Kurie. Landolfo war nicht sonderlich beliebt, aber die meisten der Kardinäle wussten, dass die Kirche gerade in dieser schweren Zeit keinen Freidenker und Erneuerer brauchte, sondern eine starke, konservative Hand, die die brüchige Gemeinschaft zusammenhalten konnte. Und genau so war Landolfo auch, hart, rücksichtslos und vor allem ein Traditionalist. Natürlich würde die Kirche auch eine bestimmte Zeit ohne ihr Oberhaupt funktionieren, aber mittlerweile war schon fast ein ganzes Jahr vergangen und selbst Cescatti spürte, wie die sonst so starken Mauern des Vatikans anfingen zu bröckeln. Ohne Papst würde die Kirche zerfallen, das war klar. Aber der Papst war nicht tot und genau das war das Problem. Die Gläubigen auf dem Petersplatz hatten doch keine Ahnung, was die letzten Monate passiert war und wenn es nach Cescatti gehen würde, so würden sie es auch nie erfahren.

So blickten die Gläubigen gespannt hoch zum Balkon und erwarteten einen genesenen Papst Zachäus, der wieder ins Leben und zurück zu seinen Schäfchen gefunden hatte. Endlich würde wieder alles wie früher sein, endlich würde wieder Ordnung einkehren. Sie liebten ihren Papst, der, nach dem überraschenden Tod von Papst Franziskus nach zwölf ermüdenden Wahlgängen, von den Kardinälen zum Stellvertreter Christi auf Erden gewählt wurde. Zum „Vicarius Iesu Christi“. Seine eigenwillige Namenswahl führte zuerst zu Verwirrung unter den Gläubigen, wurde aber vom Papst sofort verteidigt. Zachäus, der Mensch war fehlbar, Zachäus war als Zöllner das schwächste Glied in der Rangordnung der Gesellschaft zur Zeit Jesu und wurde von vielen verachtet, aber gerade das machte ihn so menschlich. Darum wählte der Papst diesen Namen, um sich gleich zu stellen mit der eigenen Schwäche der Gläubigen.

„Ich bin Mensch, Mensch von Gott gemacht und kein Mensch ist ohne Makel.“

Dies waren seine ersten Worte, die er nach seiner Ernennung an die Welt richtete. Möglicherweise war es gerade diese Gleichstellung mit dem einzelnen Individuum, die ihm von Anfang an so viel Sympathie einbrachte. Er tat es seinem Vorgänger gleich und tauchte ein in die Massen. Furchtlos verließ er das Papamobil und schüttelte Hände, umarmte Alte und küsste Kinder. Seine Leibwächter brachte er stets zur Verzweiflung und die Gläubigen zur schieren Ekstase. Aber noch zu tief steckte die Trauer um Papst Franziskus in den Seelen der Katholiken. Die letzten Monate vor seinem Tod fing Dieser an, immer mehr dieser verbotenen Türen zu öffnen, die seit Jahrhunderten verschlossen waren. Verschlossen aus Furcht, die Wahrheit könnte die Kirche in ihrer Gesamtheit erschüttern. Franziskus hatte keinen leichten Stand, zu viele Hardliner und Traditionalisten stellten sich den Reformen entgegen. Doch er wählte einen neuen Weg, er schlug sich auf die Seite der Gläubigen und überging einfach die Kurie. Auf einer weltweit übertragenen Ansprache an alle Katholiken verwarf er den eigentlichen Text und kündigte tiefgreifende Reformen an, die die Kirche erneuern sollten. Toleranz in alle Richtungen. Abschaffung des Zölibats, Ökumene mit sämtlichen Glaubensrichtungen usw. Die Kurie war wie vor den Kopf geschlagen und fühlte sich komplett übergangen. Doch Franziskus verkündigte auch noch weitreichende Veränderungen innerhalb des Vatikans, und Rückkehr zu Armut und Bescheidenheit. Angefangen von den Kardinälen, über die Bischöfe, bis hin zu Priestern und einfachen Klosterbrüdern. Er schwärmte vom Vorbild Jesu und seines Namensgebers Franziskus. Die ganze Welt hatte es mit angehört und so blieb der Kurie nichts anderes übrig, als sich vorerst hinter den Papst zu stellen. Es dauerte keine drei Wochen nach dieser geschichtsträchtigen Ansprache, als Papst Franziskus überraschend an Herzversagen starb. Die katholische Welt war entsetzt und unzählige Stimmen wurden laut, die den natürlichen Tod von Franziskus anzweifelten. Doch zwei angeblich unabhängige Ärzte bestätigten die Todesursache und so ging alles seinen Weg, wie es ihn schon seit Jahrhunderten gegangen war. Der Papst ist tot, wir brauchen einen neuen Papst.

Wäre man an diesem Tag ein Vogel gewesen, hätte man von oben mit anschauen können, wie sich immer mehr helle Stellen des Petersplatz mit Menschen füllten und so alle zu einer großen, dunklen Masse wurden und schließlich miteinander verschmolzen. Die Gläubigen starrten erwartungsvoll hinauf zum Fenster des Vatikans, bereit den Papst und dessen Segen zu empfangen. Alles wäre seinen Gang gegangen, hätte nicht ein übereifriger Diener das Mikrofon auf der Empore schon vor Betreten des Papstes eingeschaltet. Die Überraschung und der Schock wären noch viel größer gewesen.

Zuerst hörte man über die vielen Lautsprecher ein aufgeregtes Stimmengewirr, etwas dumpf, da die Türen des Balkons noch geschlossen waren. Doch dann stieß jemand die Türen von innen mit voller Wucht auf, so dass diese aufschwangen und mit einem Klirren gegen die Mauern schlugen.

„Cescatti, treten sie zur Seite, sie können den Lauf der Dinge nicht aufhalten! Sie nicht und auch nicht ihre Schergen, die sie hinter sich versammelt haben.“

Dem anfänglichen Raunen in der Menge, folgte eine schon beängstigende Stille. Eine Stille, die Rom in dieser Form noch nie erlebt hatte. Wie eine sanfte Welle überflutete sie zuerst den Petersplatz und verzweigte sich in die Seitenstraßen quer durch ganz Rom. Sie kroch in die Mikrofone der Nachrichtensprecher und über die Übertragungswagen der Fernsehsender, hinauf zu den unzähligen Satelliten, und von dort wieder zurück und legte sich wie ein Tuch über die ganze Welt. Auf den Großbildleinwänden und auf den Bildschirmen in Millionen Häusern auf dem ganzen Planeten, konnten die Menschen mit ansehen, wie sich ein kleiner armselig gekleideter Mann mit Vollbart an Cescatti vorbeidrängte und den Balkon betrat. Ihm folgte Kardinal Bernardelli und hielt ihm so den Rücken frei.

„Ihr seid verrückt! Komplett verrückt, glaubt ihr etwa, die da unten werden der Kirche nur einen Schritt nachfolgen, wenn ihr ihnen die Wahrheit sagt? Ihr werdet alles vernichten, was der Vatikan seit Jahrhunderten aufgebaut hat. Die brauchen Angst, sonst reicht ihr kleiner Verstand nicht aus für den Glauben. Die müssen belogen werden.“ Als Cescatti sich mit auf den Balkon drängen wollte, hörte er den eigenen Widerhall seiner Worte über die vielen Lautsprecher und erstarrte.

„Oh mein Gott, das Mikrofon, wie konnte das nur passieren.“

Der kleine Mann trat nach vorne und beugte sich weit hinaus über das Geländer des Balkons und hantierte an irgendwelchen Schnüren herum. Ein Aufschrei ging durch die Menge, als die eine Seite der Fahne mit dem Vatikanischen Wappen nach unten sackte. Dann zog er an der anderen Seite und wie von einer unsichtbaren Hand erfasst, löste sich die Fahne und wurde von einem Windzug ergriffen und in die Höhe gezogen. Es schien so als würde jemand im Herbst einen Drachen gegen den Wind steigen lassen. So verfolgten Millionen von Menschen, wie die Fahne über den Petersplatz tanzte und wie bei magischen Momenten von Kindern, ergriff fast jeden eine wundersame Freude und viele Hände erhoben sich und Finger zeigten nach oben in den Himmel. Menschen umarmten sich und unzählige lächelten, während sie diesem merkwürdigen Tanz zu sahen. Einer Feder gleich schaukelte Diese hin und her und sank langsam herab. Die Menge trat achtsam zur Seite als das farbige Tuch in ihrer Mitte auf dem Steinboden landete. Der kleine Mann trat an das Mikrofon und schon nach den ersten Worten erkannten die Gläubigen die Stimme von Papst Zachäus.

München, ein Jahr zuvor

„Eine gute Wahl Herr Brunner, all diese Bücher stammen aus dem Nachlass eines Franziskaners, den ich in Altötting in einem Antiquariat kennenlernte. Wir waren damals beide Büchernarren und kamen schnell ins Gespräch und wurden über die Jahre gute Freunde. Leider ist er letztes Jahr verstorben. Mein guter alter Freund Bettino. Schade.“

Rolf Brunner erschrak kurz und klappte das Buch zusammen. Fausto, der Eigentümer des kleinen Antiquariats stand neben ihm und warf einen Blick auf den Bucheinband.

„Fausto verdammt noch Mal, warum musst du dich immer so anschleichen, ich wäre fast zu Tode erschrocken!“

„Aber Signore Brunner, ich schleiche mich nie an, die Menschen sind nur meist so entrückt, dass sie gar nicht bemerken, wenn man sich ihnen nähert. Aber genauso soll es doch sein, das Buch soll einen entführen in eine andere Welt. Ganz weit weg von all den Sorgen und alltäglichen Nöten, die uns umgeben.“

Rolf Brunner und Fausto waren schon eine halbe Ewigkeit befreundet und er wusste, dass Fausto eigentlich recht hatte. Er liebte dessen Geschäft, und verbrachte fast jede freie Minute hier zwischen all diesen Schätzen aus Vergangenheit und Gegenwart. Er war einfach ein total verrückter Büchernarr, aber es reizten ihn gerade diese Bücher, die nicht im Drahtkorb, entwertet an der Supermarktkasse lagen, oder auf der Bestsellerliste des Spiegels standen. Die Welt da draußen rannte stets den Trends der Buchindustrie her. Dieses Wort schon, „Buchindustrie“, wie würdelos, wie schrecklich! Bücher, die wirklichen Bücher sind Schätze, wertvoller als Gold, sie verzaubern, wecken Emotionen, kriechen ins Innerste unserer Seele. Sie umschmeicheln Diese oder werden zu einem dieser unzähligen kleinen Spiegel, die uns unser eigentliches Ich gnadenlos vor Augen führt. Nein, die wahren Schätze lagen hier, versteckt in alten Umzugskartons, angestaubt und meist ganz unten im Stapel. Rolf war ein Schatzsucher und Faustos Laden war der Grund des Meeres. Nein, er konnte Fausto nie wirklich böse sein, denn wer solche Schätze für Andere erhält, ist wahrlich ein großer Mann.

„Ich hab mich nur ein wenig erschrocken, nur leider hat es fürs Tod umfallen diesmal nicht gereicht, mein lieber Fausto. So vermute ich, du willst nur meine ganzen Bücher erben, wenn ich einmal sterbe. Da garantiere ich dir aber, wirst du noch eine ganze Weile warten müssen, denn ich habe vor neunundneunzig zu werden und keinen Tag weniger!“

„Ach Signore Brunner, jetzt wollen sie mir aber ein schlechtes Gewissen einreden, nichts würde mir ferner liegen, als ihren Tod herbei zu sehnen. Na gut, das mit den Büchern wäre natürlich schon eine feine Sache, denken sie doch mal an meinen Neffen Maceo aus Rom, der wird den Laden mal erben, wenn mich mein Herr im Himmel irgendwann endlich zu sich ruft!“

„Also gut Fausto, für Maceo würde ich mein Testament ändern, aber nicht für dich, das ist mir eindeutig zu früh.“

Fausto lächelte verschmitzt und klopfte Rolf Brunner freundschaftlich auf die Schultern.

Sie trieben diese Scherze über das gegenseitige Vererben und den Tod schon seit Jahren. Möglicherweise überspielten so Beide die Furcht vor dem Alter und natürlich auch vor dem Sterben. Rolf Brunner drückte das Buch eng an sich, gerade weil ihm die Einleitung so gut gefiel, wollte er diesen besonderen Moment mit niemandem teilen. Es war diese besondere Zeitspanne, bei der man sofort wissen wollte, wie es weiterging. Da war einem alles Andere unwichtig, und man suchte dringlich nach einen Ort, wo man ungestört war, und sich dem, was dann folgte, ganz und gar hingeben konnte. Rolf hatte schon, wegen eines guten Buches, auf einen, mit garantierter Sicherheit, erotischen Abend mit einer attraktiven Frau verzichtet. Doch das war schon etliche Jahre her und seit Rolf im Ruhestand war, und nur noch gelegentlich als Gastdozent Vorträge über Germanistik an der Universität München hielt, konnte man sein Leben eher als beschaulich und unspektakulär bezeichnen. Endlich konnte er den Zeiger der Uhr anhalten oder zurückdrehen, wann er wollte. Ein Vormittag im Café, dann ein Spaziergang durch den „Englischen Garten“, Parkbank und Entenfüttern inklusive. Aber dann zielstrebig in die Unibibliothek oder ins Antiquariat zu Fausto. Er liebte es, den Ablauf seines Tages endlich selbst bestimmen zu können und ihm waren solche Dinge, die für andere Menschen feste Tagesregeln waren, stets zuwider. Frühstücken, Zeitung lesen, Butter zu kaufen, wenn diese bei Norma im Angebot war, oder am Sonntag um zehn Uhr in den Gottesdienst zu gehen. Alles Quark! Er kaufte Butter, wenn seine alle war, Frühstück war manchmal Mittagessen, besonders wenn es regnete und er nicht einsah vor elf das Bett zu verlassen. Und Gott, seinen Gott fand er in so vielen Dingen, die doch meist fern waren, von diesen düsteren Gebäuden, die immer so furchtbar rochen, als müsste man den Geruch der Sünde und den des Todes, den die Kirche seit Jahrhunderten über die Menschheit gebracht hatte, ganz einfach mit Weihrauch übertünchen. Sein Gott begrüßte ihn freundlich beim morgendlichen Spaziergang mit dem Gesang der Vögel. Auch im Rauschen und Plätschern eines Baches konnte er dessen Stimme hören und vor allem im Verhalten von bestimmten Menschen, die selbstlos und voll der Liebe alles gaben, um Armen oder Bedürftigen zu helfen. Sein Gott hatte diese Kirchen längst verlassen, denn die wahre Welt befand sich vor den Türen und Mauern einer superreichen Religion, die selbstherrlich und zufrieden am Euter ihrer üppigen Einkünfte saugte.

Rolf wollte schnellstmöglich das Antiquariat von Fausto verlassen. Das erste Mal! Sonst konnten ihm die Gespräche über Bücher, Lyrik und Kunst gar nicht lange genug dauern. Da draußen vor der Türe war sonst absolut nichts, was wichtiger gewesen wäre, als die Zeit, die die Beiden immer miteinander verbrachten. Doch nicht heute, irgendetwas war anders, irgendetwas schob ihn unaufhaltsam Richtung Türe. Er musste alleine sein, ungestört. So versuchte er sich, mit einer fadenscheinigen Ausrede, aus dem Gespräch zu winden.

„Fausto, verzeih mir bitte, ich muss leider pünktlich an der Uni sein, die Vorlesungen, du weißt! So gern ich mit dir plaudern würde, aber ich bin schon sehr spät dran und hab die Zeit ganz vergessen. Wir können uns gerne beim nächsten Mal weiter unterhalten. Ich muss jetzt los!“

Er hasste es, zu lügen und gerade gegenüber Fausto hatte er ein furchtbar schlechtes Gewissen. So klopfte er ihm mit der Hand auf die Schulter und versuchte sich an ihm vorbei Richtung Türe zu schieben. Das Buch hatte er halb unter seinen Mantel gesteckt. Er hätte nie einen Laden verlassen, ohne für etwas zu bezahlen. Doch heute schien alles anders zu sein und er hatte keine Ahnung warum.

Doch auch Fausto spürte diese Veränderung, die von seinem Freund Besitz ergriffen zu haben schien und stellte sich diesen in den Weg.

„Rolf, du wirst doch nicht einen Familienvater um sein täglich Brot bringen wollen. Willst du mir etwa eins meiner wertvollsten Bücher stehlen, das würdest du doch nicht tun, oder?“ Dabei lächelte er auf seine typisch italienische Art und Rolf erkannte sofort, dass er das natürlich nicht ernst gemeint hatte. Dennoch stand Fausto zwischen ihm und der Türe und er schob ihn resolut beiseite.

„Ich zahl es dir morgen, ich bin total in Eile, soweit ich mich erinnere, bin ich dir noch nie etwas schuldig geblieben, oder?“

Fausto hob abwehrend die Hände und trat überrascht einen Schritt zurück. Er kannte Rolf nun schon seit einigen Jahren und mit der Zeit war aus einem Kunden ein guter Freund geworden. So sah er ihm seine ruppige Art heute nach und öffnete Rolf die Türe auf die Straße. Rolf schritt schnell hinaus, in den Lärm und die Hektik der Stadt, und ohne ein Wort des Abschieds verschwand er im Strom der Menschen.

Fausto sah ihm noch eine kurze Zeit nach und zog sich dann kopfschüttelnd in sein Geschäft zurück. Gedankenverloren setzte er sich neben den Karton mit den Büchern des Franziskaners. Er zog einige Bücher heraus und blätterte sie oberflächlich durch. Er glaubte fast, der Geruch von Weihrauch würde aus den Buchseiten den Weg hinaus, in seine Nase finden.

„Ach Bettino mein alter Freund, ich erinnere mich so gerne an eine unserer letzten Begegnungen in Assisi. Wir saßen am Platz vor der Kirche der Hl. Clara auf ein Glas Wein und schauten hinaus in die Täler der Toskana, als gerade die Sonne unterging. Ich fragte dich, was du spürst, wenn du solche wunderbaren Momente in Worte fassen müsstest. Du sahst noch sehr lange der schwindenden Sonne entgegen, bevor du mir geantwortet hast.“

„Fausto, wenn ich das beschreiben könnte, was ich sehe, wären es Worte voller Magie. Diese Gabe habe ich nicht, also schweige ich lieber, bevor ich diesen Momenten den Zauber nehme. Es gibt Menschen, denen hat eine große Macht ein besonderes Geschenk gemacht. Sie schreiben Bücher! Ich lasse mich gerne verzaubern, darum lese ich. Du verschenkst gerne diesen Zauber, darum hast du einen Buchladen. Irgendwie gehört doch alles zusammen. Die Schreiber, die Buchhändler, die Leser.

Halt, das Wichtigste hätte ich fast vergessen!“

„Was denn, Bettino?“

„Die Menschen, denen diese Geschichten passiert sind. In jeder, auch noch so phantastischen Geschichte, die in Büchern steht, steckt ein wahrer Kern. Sei er auch noch so klein, so bildet er doch den Grundstock für ein Buch. Möglicherweise passiert so etwas auch gerade mit uns!“

„Was soll mit uns passieren, Bettino?“

„Denk doch Fausto, wie einfach es sein könnte, dass gerade ein Schreiber an uns vorbei geschritten ist. Der dicke Mann mit seinem Hund, der da vorne geht, zum Beispiel. Er spaziert noch um zwei Ecken und dann fallen ihm der Mönch und der Mann mit der Brille wieder ein, die da vorne bei einem Glas Rotwein an der Kirche saßen. Er wird sich überlegen, was die beiden wohl Wichtiges zu bereden hatten, er wird ihnen andere Namen geben und jedem eine eigene Vergangenheit. So werden wir zu Figuren seiner Fantasie. Womöglich erfahren wir nie, welche Geschichte er uns zugedacht hat, aber andere werden sein Buch kaufen und lesen. Sie werden mit uns leiden und sich mit uns freuen. Seite um Seite werden sie verschlingen, voller Neugierde und voller Erwartungen, was wohl den zwei Helden, oder vielleicht auch den zwei Bösewichten, als Nächstes passieren wird.“

Fausto musste lachen und hätte sich fast verschluckt, als er beim Trinken war.

„Wir beide, Bösewichte? Ich kann mir zwar viel vorstellen, mein lieber Bettino, aber ich denke diese Rolle passt nicht zu uns!“

„Täusch dich da nicht Fausto, was glaubst du wohl, wie viele Menschen dir täglich auf der Straße begegnen und bei keinem steht in roten Lettern auf der Stirn geschrieben: Ich habe meine Frau geschlagen. Ich steh auf kleine Kinder. Ich stehle meinem Nachbarn die Tomaten aus dem Garten und so weiter und so weiter. Du hältst dem Dieb die Tür zur Apotheke auf, der Kindermörderin hilfst du die Einkäufe wieder aufsammeln, die ihr hinuntergefallen sind und in der Toilette am Bahnhof pinkelst du neben einem Schergen der Mafia ins Porzellan. Das Schlechte hat kein typisches Gesicht, das Schlechte tut Schlechtes, und es tut es gern, und meist ohne Reue. So viele saßen schon hinter dem Holzgitter im Beichtstuhl und ich konnte die Reue aus jedem ihrer Worte heraushören, aber die, die nicht kamen, vor denen müssen wir uns fürchten.“

Fausto legte das Buch wieder zurück in den Karton, Bettino hatte damals versprochen, ihm alle seine Bücher zu vermachen, sollte er diese Welt einmal verlassen müssen. Er mochte dieses Versprechen nicht, denn es setzte immer den Tod und den Abschied von Bettino voraus, und genau das wollte Fausto nicht. Nicht wahrhaben, obwohl unausweichlich, vorbestimmt. Sie trafen sich noch einige Male, dann schrieb der Krebs die Geschichte von Bettino unbarmherzig zu Ende. Eines Tages, kam diese gigantische Sendung von Büchern. Der Mann von UPS schwitzte wie ein Schwein, als er Mitte August seinen ganzen braunen Sprinter vor Faustos Geschäft auslud und mit einem Klappsackkarren versuchte, die Ware irgendwo in Faustos Laden abzustellen.

Fausto stand kopfschüttelnd vor den vielen Kartons und man konnte kaum erahnen, wie viele Bücher wohl in den ganzen Kisten stecken würden. Bettino musste jede Minute, die nichts mit Gott und dem Glauben zu tun hatte, mit Lesen verbracht haben.

Es waren Bücher aller Genres. Angefangen vom Reiseführer, über Biographien, bis hin zu Romanen aller Richtungen, Gedichtbände, Lyrik und sogar einige Kochbücher waren dabei. Es mussten Hunderte gewesen sein. Ihm wurde klar, dass er Wochen brauchen würde, sich durchzuarbeiten und das Ganze zu sortieren und zu katalogisieren.

Mittlerweile waren fast alle Bücher schon in den Regalen seines Ladens verschwunden, nur noch eine Kiste war übrig geblieben und stand verloren zwischen den Regalen. Darin fanden sich alle Werke, die Fausto nicht so recht einer bestimmten Richtung zuordnen konnte. Er nahm sich vor, sie in einen seiner Aktionskörbe zu legen und zu hoffen, dass sie so recht schnell einen Abnehmer finden würden. Heute Abend, nach Geschäftsschluss, wollte er damit anfangen, um endlich wieder etwas Ordnung in den Laden zu bringen.

Rolf Brunner drängte sich derweil durch den nicht enden wollenden Strom der Menschen, die durch die Innenstadt zogen. Ein Hauch von Frühling warf wärmende Sonnenstrahlen in die Straßenschluchten der Fußgängerzone von München. Unter seinem Mantel spürte er das Buch aus Faustos Antiquariat. Es erfüllte ihn mit Stolz, dass kein einziger dieser Tausenden von Menschen sein Geheimnis kannte. Sie gingen achtlos an ihm vorbei und hatten nur Augen für die Auslagen und Kleiderständer der Geschäfte, die mit großen Rabattsymbolen an die niederen Triebe der Konsumenten appellierten, sich doch endlich auf die aktuelle Frühjahreskollektion zu stürzen. Rolf suchte einen schnellen Weg, dieser Flut von Menschen, Geräuschen und Gerüchen zu entgehen und schlug sich in eine dieser geschäftslosen Seitenstraßen, die sich, nur durch die mit Graffiti verunstalteten Hauswände, von den lebhaften Geschäftsstraßen abhoben. Endlich ruhiger, geruchsloser, stiller! Ganz wenige Menschen kreuzten seinen Weg, der ihn geradewegs in einen kleinen Park führte, der den Touristen gänzlich unbekannt war und zu klein, um zum Tummelplatz der Münchner Jugend zu werden. Nur ein paar efeubewachsene Beete wurden, überdacht von den Kronen knorriger Robinien, von fein geschotterten Wegen durchzogen, die auch noch Platz hatten, für wenige Bänke, die zum Verweilen einluden. Rolf fand schnell eine Bank, die als einzige von den ersten Sonnenstrahlen des nahenden Frühlings getroffen wurde. Er setzte sich auf die warmen Holzstreben und atmete entspannt aus. Dennoch sah er sich erst in alle Richtungen um, bevor er es wagte, das Buch aus Faustos Laden unter seinem Mantel hervor zu ziehen. Der graubraune Ledereinband war ohne jegliche Aufschrift. Kein Hinweis auf Autor oder Herausgeber, kein Impressum, nichts! Nach drei leeren, strahlend weißen Seiten, die Überschrift.

„Die Sternenzählerin“

Rolf überflog schnell die ersten Seiten, die er schon in Faustos Laden gelesen hatte und fand schnell die Stelle wieder, die mit dem Fallen der päpstlichen Fahne geendet hatte. Ein großer Absatz folgte.

Rom ein Jahr zuvor

Pater Nario trat ungeduldig von einem Bein auf das andere. Dieser unflätige Aufzug war nie da, wenn man es eilig hatte. Da half es auch nicht besonders, wenn man diesen kleinen, rot leuchtenden Knopf schon etwa fünf bis zehnmal gedrückt hatte. Nur das Brummen der Antriebsmotoren, ließ einen hoffen, dass sich endlich die Schiebetüren der Kabine öffneten und einem so der mühselige Weg übers Treppenhaus erspart blieb. Jedem Anderen wäre das ziemlich egal gewesen, nur drei Stockwerke nach unten über die Treppe zu nehmen. Besonders, wenn sie Pater Nario vor den Türen im Gang stehen sahen. Im Inneren der Kabine war ein kleines Werksschild angebracht, dass darauf hinwies, dass dieser Aufzug für maximal vier Personen, oder etwa 380 Kilogramm zugelassen war. Jeder hier im Vatikan wusste, dass Pater Nario schon alleine, etwa die Hälfte des höchst zulässigen Gesamtgewichts ausmachte. Darum vermieden es viele, mit ihm gemeinsam in den Aufzug zu treten. Und die, die es schon einmal gewagt hatten, berichteten alle von merkwürdigen Geräuschen, wie dem ächzten der Antriebe, oder einem undefinierbaren Knacken, dass scheinbar von der Aufhängung der Kabine stammte. So war es Pater Nario vergönnt, den Aufzug fast immer alleine benutzen zu können, sollte er denn auch mal endlich kommen. Gerade als er den Griff der Türe zum Treppenhaus in der Hand hatte, öffnete sich die Kabinentür.

„Na endlich, altes Mistding! Bist wohl aus der Hölle hochgefahren?“

Pater Nario ließ den Griff augenblicklich los und schob sich gemächlich um die Ecke. Als sein Blick in den Aufzug fiel, erstarrte er. Darin stand, im schlichten, hellen Gewand, Papst Zachäus und lächelte ihn an.

„Von der Hölle bin ich zwar gerade nicht hochgefahren, aber scheinbar hat jemand den Aufzug etwas verwirrt, denn mittlerweile war ich schon fast in jedem Stock des Gästehauses, nur nicht da wo ich eigentlich hinwollte.“

„Eure Heiligkeit, ich glaube dieser Jemand war ich, dieses Schei…“

Den Rest verschluckte er gerade noch. „Ich meinte dieser elende Aufzug braucht immer eine halbe Ewigkeit, bis er nach oben kommt und gerade dann, wenn man es besonders eilig hat! Bitte entschuldigen eure Heiligkeit meine Ungeduld, aber ich müsste nach unten in die Hölle, ich meine natürlich, in den Keller. Der Keller heißt nämlich bei uns die Hölle. Was rede ich da nur, sie müssen denken ein Idiot steht vor ihnen. Bitte vergeben sie mir, ich werde wohl lieber die Treppe nehmen.“

„Ich weiß, wie der Keller hier heißt und ich denke auch nicht, dass sie ein Idiot sind. Es wäre sehr nett von ihnen, wenn sie eintreten und mich in mein richtiges Stockwerk bringen könnten, sie scheinen ja einschlägige Erfahrungen mit Aufzügen zu haben. Also bitte!“

Er trat einen kleinen Schritt zur Seite, um Nario den Weg frei zu machen, während sich dieser, etwas beschämt, in die Kabine zwängte.

„Wohin wollen denn eure Heiligkeit, wenn ich fragen darf.“

„Lassen sie mal das mit der Heiligkeit, das hört sich immer so an, als ob man schon tot und begraben wäre. Ich war gerade auf dem Weg in die Mensa, um mir ein frisches Brötchen zu holen. Mir war gerade so danach. Würden sie mich begleiten?“

„Aber natürlich eure…, Papst Zachäus.“

„Zachäus genügt, wie ist dein Name mein Freund?“

„Nario, Pater Nario, aber Nario genügt. Sie haben Glück, ich war gerade auf den Weg in die Hölle, den Keller natürlich. Es ist meine Aufgabe für die Mensa die Lieferungen anzunehmen und Panino müsste jeden Augenblick kommen.“

„Wer ist Panino?“

„Der Fahrer vom Bäcker Rendolfi aus der Via Palestro. Er beliefert den Vatikan schon seit zwei Generationen und hat die beste Ware von ganz Rom. Ich liebe seine Croissants, besonders die, welche mit Marmelade gefüllt sind. Panino steckt mir immer eine Tüte zu, wenn er kommt, dann sind sie noch ganz warm und rösch.“

„Ich denke, ich werde heute auch einmal die Croissants versuchen, geben sie mir ein Frisches ab?“

Nario wurde so langsam bewusst, dass er sich die ganze Zeit schon mit seiner Heiligkeit Papst Zachäus unterhielt, als ob sie sich schon lange kennen würden und er fühlte sich etwas unwohl dabei. Er war es zwar gewohnt, dass sein Vorgänger, Papst Franziskus, einem mal auf dem Gang zunickte und grüßte, aber Gespräche dieser Art, hatte er nie mit ihm geführt.

„Geben sie mir eines ab?“

„Aber natürlich, natürlich, es wäre mir eine Ehre.“

„Das wäre es mir auch.“

Die Aufzugtüre öffnete sich und ein schmaler langer Gang lag vor ihnen. Hier unten befanden sich die Lieferanteneingänge und die Rampen für die Fahrzeuge. Kühl- und Lagerräume grenzten an. Mit schnellem Schritt, den man Nario bei seiner Leibesfülle gar nicht zutraute, lief er Zachäus voraus. Sie bogen im Anschluß an den Gang rechts ab und konnten gerade noch sehen, wie Panino seinen knallroten Piaggio Ape Lieferwagen an die Rampe rangierte. Nario klatschte in die Hände und Zachäus war gerührt über die kindliche Vorfreude, die so gar nicht zu Narios Statur passen wollte. Zachäus war gespannt, wie Panino wohl aussehen würde. Die Piaggio erhob sich aus ihren Stoßdämpfern, als Panino sich aus den Führerhaus schälte. Als er sich neben dem Fahrzeug in die Höhe streckte, sah der Wagen wie ein Spielzeug aus. Was Nario schwer war, war Panino groß und muskulös. Ein Bär von einem Mann. Mit seinem starken Arm fasste er zurück ins Führerhaus, zog eine beige Papiertüte heraus und schwenkte sie hoch über seinem Kopf.

„Überraschung, Überraschung! Nario mein bester Freund, rate mal was ich hier habe.“

„Oh Panino, ich habe keine Ahnung, lass mich mal raten, Salzstangen? Panino schüttelte den Kopf. Schokohörnchen? Panino öffnete die Tüte und sah hinein. Wieder ein Kopfschütteln. Croissants?“

„Richtig! Komm und hol sie dir!“

Nario rannte zu Panino, der die Tüte extra hochhielt, damit er nicht hinkam. Plötzlich stutzte er und zeigte Richtung Zachäus.

„Nario, sag mir bitte, dass das dort nicht der Papst ist!“

„Doch mein Freund, darf ich vorstellen, Papst Zachäus. Papst Zachäus, mein bester, guter Freund Panino.“

Panino kniete sich nieder und blickte zu Boden.

„Entschuldigen sie bitte eure Heiligkeit, wir müssen wie Kindsköpfe vorgekommen sein, so wie wir uns vor ihnen aufgeführt haben.“

„Sie brauchen sich nicht bei mir zu entschuldigen, Nario hat mir versprochen, sie würden die besten Croissants von ganz Rom mitbringen. Außerdem gäbe es, so denke ich, viel weniger Konflikte auf dieser Welt, wenn wir uns öfter wie Kinder verhalten würden. Darum stehen sie jetzt bitte auf, ich finde das albern.“

Als sich Panino wieder erhob, stand er in seiner vollen Größe vor Zachäus. Dieser schätzte ihn auf über zwei Meter. Panino reichte Nario die Papiertüte.

„Sie sind ganz frisch, ihr habt Glück, ich hab heute vier Stück rein gepackt. Für jeden zwei!“

„Das ist sehr nett von ihnen, aber ich denke, mir genügt eines davon und außerdem kann Nario schon drei vertragen. Nun wird es aber Zeit, ich muss leider wieder nach oben in mein Büro, auch ein Papst muss mal was arbeiten. Es war sehr nett, ihre Bekanntschaft gemacht zu haben und ich freue mich schon auf das nächste Mal.“

Zachäus biss in das Croissant und seine Augen weiteten sich. Seine Mundwinkel gingen leicht nach oben und er nickte den beiden zu, dann wandte er sich um und verschwand um die Ecke.

Rolf schlug das Buch zu. Ein sanfter Lufthauch trieb den Duft von Krokussen über die Wiesen bis zu der Bank, auf der er saß. Er atmete tief ein und als er die Augen schloss, hatte Rolf das Gefühl mitten in einer Blumenwiese zu liegen. Wieso saß er hier auf dieser Parkbank und las ein Buch über Papst Zachäus. Vor allem, wie kam es, das ein Franziskaner der vor über einem Jahr gestorben war, ein Buch in seinem Besitz hatte, dass das Leben eines Papstes beschrieb, der erst seit einem Jahr im Amt war. Das war doch paradox!

Als er wieder eintauchte, in diese Geschichte, sah er die Schlagzeilen der Presse vor sich. Dort wurde über den Verbleib von Zachäus gerätselt, der seit Wochen von der Bildfläche verschwunden war. Wie ein kurzer Blick in die Zukunft, offenbarte sich ihm ein Gemisch aus Spekulation und Realität, die die Gerüchteküche um Zachäus nur noch mehr anheizte. Etwas Außergewöhnliches würde geschehen. Zachäus würde den Vatikan verlassen und der Kirche könnte nichts anderes übrigbleiben, als das Verschwinden zu leugnen und eine komplexe Lügengeschichte zu verbreiten.

Rolf besah sich das kleine Buch. Muss ich das lesen, oder spielt es womöglich überhaupt keine Rolle, ob ich es tue. Noch nie war ihm ein Buch so fremd, so unwirklich. Aber er hatte sich das Buch doch ausgesucht und nicht das Buch ihn. Im Buchladen hatte ihn dieses zwanghafte Gefühl befallen, es unbedingt lesen zu müssen und er hatte sich diesem Wunsch bereitwillig ergeben. Es ist doch nur eine Geschichte, einer unbekannten Fantasie entsprungen, ihn zu unterhalten. Er war ein Leser, genau wie Pater Bettino. Und Leser lesen aus Leidenschaft. Schnell schlug er das Buch wieder auf.

Kardinal Bernardelli hetzte, vom Governato Ratspalast über den Platz des heiligen Stefan, Richtung Gästehaus. Unter seinen Arm geklemmt, eine schwarze Lederaktentasche mit weißen Nähten. Er schwitzte, nicht vor Anstrengung, denn Kardinal Bernardelli war ein durchtrainierter, sportlicher Mann. Er schwitze vor Wut. Es geschah sehr selten, dass ihn etwas aus der Fassung bringen konnte und sollte es doch einmal dazu kommen, war es besser, ihm aus dem Weg zu gehen. Der feine Schotter knirschte unter seinen schnellen Schritten und einige Novizen sprangen zur Seite, als er, wie ein Stier in der Arena, mitten durch ihre Gruppe schritt, als sie den Platz der heiligen Maria überqueren wollten. Wäre Pater Nario nicht so sehr mit dem Inhalt seiner Papiertüte beschäftigt gewesen, wäre an diesem Tag einiges anders verlaufen. Während Kardinal Bernardelli sich schnellen Schrittes von rechts näherte, tapste Nario gedankenverloren zwischen den zwei Trakten des vatikanischen Gästehauses hervor. Der Zusammenstoß folgte unweigerlich.

Der Stier rammte den Prellbock, Kraft gegen Masse. Die Tüte mit einem noch verbliebenen Croissant und eine edle schwarze Ledermappe flogen durch die Luft. Der Inhalt der Mappe verteilte sich, wie ein farbiger Konfettiregen, über die beiden Körper, die durch den Aufprall zu Boden gegangen waren und übereinander im Schotter lagen.

„Gehen sie verdammt noch einmal von mir herunter, sie erdrücken mich ja, sie fetter Speckpater.“

Kardinal Bernardelli wälzte sich hin und her, und schließlich rollte Pater Nario zur Seite und schnappte röchelnd nach Luft. Wie eine Schildkröte, die auf den Rücken gefallen war, begann er mit Armen und Beinen zu rudern. Bernardelli rappelte sich schnell hoch, griff eine von Narios Händen, zog ihn hoch und half ihm so aus seiner misslichen Lage.

„Sagen sie mal, haben sie denn keine Augen im Kopf? Sehen sie doch, was sie angerichtet haben. Meine ganzen Unterlagen sind über den Platz verstreut, helfen sie mir sofort, alles wieder einzusammeln, ich habe einen sehr wichtigen Termin beim Heiligen Vater!“

Nario war sich zwar keiner Schuld bewusst, aber durch die forsche Art des Kardinals war er so überfahren, dass er sich der Autorität beugte und half, die Sachen wieder einzusammeln. Das wäre alles nicht so schlimm gewesen, wäre nicht Bernardelli einem Blatt nachgerannt, das der Wind über den Platz jagte und auf Narios Tüte trat, und dabei das letzte Croissant zermatschte. Hektisch packte er die vielen losen Blätter und Bilder zusammen und verschwand ohne ein weiteres Wort im Eingang zum Gästehaus. Nario hob mit mürrischem Gesicht die Tüte hoch und blickte kurz hinein. Totalschaden mit roter Marmelade. Er trug die Tüte zu einem Papierkorb, der an der Ecke vom Palazzo San Carlo stand, und ließ sie traurig hineinfallen. Dabei fiel ihm auf, dass an der Unterseite der Tüte ein Bild an der ausgelaufenen Marmelade klebte. Schnell blickte er sich um, ob Bernardelli nicht zurückkam, um das Bild zu suchen. Dann griff er in den Papierkorb, und zog das Bild von der Marmelade ab und steckte es unter seine Kutte. Erst einmal weg von hier, dachte er bei sich. Bernardelli musste ja nicht erfahren, dass das Bild in seinen Besitz gekommen war. Nario wackelte noch etwas benommen Richtung Vatikanische Gärten. Dort würde sich schon ein Plätzchen finden, um das Bild genau unter die Lupe nehmen zu können.

Bernardelli eilte den langen Flur entlang, der zu den Privaträumen des Papstes führte. Es war ein Gang wie in einem Altenheim, keinerlei Wandvertäfelungen, kein Stuck an den Decken und nicht einmal echte Teppiche auf dem Boden. Er fand die Entscheidung von Papst Zachäus, die einfachen Räume seines Vorgänger zu beziehen, anstatt im Vatikanischen Palast zu wohnen, recht albern. Man konnte es mit der Demut und Einfachheit auch übertreiben. Was würde sich deswegen ändern? Nichts, die Welt dort draußen würde den Teufel tun und auf alle Annehmlichkeiten, die einem das Leben so schenkte, verzichten. Auch er tat das nicht, und er hatte kein schlechtes Gewissen, nicht einmal vor Gott. Sie trugen schließlich die unsägliche Last einer der größten Weltreligionen. Dafür kann man schon ein paar Vorzüge in Anspruch nehmen. An der Tür von Papst Zachäus Privaträumen angekommen, streifte er sich noch schnell die Staubflecken vom Zusammenstoß mit Pater Mario, aus dem Talar und klopfte an.

„Treten sie ein Bernardelli, ich habe sie schon erwartet!“

Bernardelli war etwas verwundert, hatte er doch eigentlich keinen Termin und auch sein Kommen nicht angemeldet. Resolut öffnete er die Türe und trat in die bescheidenen Räume von Zachäus ein. Der Papst saß an seinem Schreibtisch und ordnete diverse Papiere. Als Bernardelli eintrat, sah er kurz auf und widmete sich dann gleich wieder seinen Unterlagen.

„Guten Morgen Bernardelli, sicher fragen sie sich, woher ich wusste, dass sie es sind, der so früh am Morgen an meine Türe klopft. Bevor sie sich das Hirn zermartern, ich war gerade dabei, das Fenster zu öffnen, als sie ihren kleinen Zusammenstoß mit Pater Nario hatten. Ich hoffe, keiner von ihnen beiden hat ernsthafte Schäden davongetragen.“

„Diese einfältige Tölpel, den ganzen Tag stopft er sich seine Backen voll. Es war ein Riesenfehler, ihm die Aufsicht über die Wareneingänge der Küche zu übertragen. So kann er seine Maßlosigkeit nur noch besser ausleben.“

„Wieso, macht er seine Arbeit denn nicht gut?“

„Darum geht es nicht, eure Heiligkeit, in seiner Arbeit ist er immer korrekt und sehr zuverlässig, aber diese ständige Fresserei finde ich ekelhaft. Haben sie seine Kutte gesehen, jeden Speckring kann man zählen.“

„Bernardelli, wenn ich früh am Morgen zum Fenster hinaussehe, konnte ich des öfteren schon einen jungen Mann sehen, der von sportlichem Ehrgeiz zerfressen im Laufdress seine Runden dreht. Sie sind tropfnass und ihr Kopf knallrot. Wem wollen sie etwas beweisen? Gott, den jüngeren Novizen, oder evtl. Menschen wie Pater Nario. Respekt vor ihren sportlichen Leistungen Bernardelli, aber respektieren sie auch die Leistungen Anderer, und hören sie endlich auf, Messlatten anzulegen, denn auch wenn wir unterschiedlich lange Schatten werfen, sind wir vor Gott alle gleich. Dank Pater Nario, kam ich heute Morgen in den Genuss der köstlichsten Croissants von ganz Rom. Soll ich ihnen auch mal welche besorgen?“