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Gibt es eine Formel für das Glück? Isaak Goldstein hat seine ganze Lebenszeit verbraucht, danach zu suchen, erfolglos! Sein letzter Wille, erreicht das Notariat Lewinski. Eine Kanzlei, die besondere Wünsche erfüllt.
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Seitenzahl: 212
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Zum Autor:
Autor: Werner Koch, Hirschaid/Erlach
E-Mail: [email protected]
Web: www.windreise.de
Bisher erschienen
bei BoD:
Windreise 2008
Methusalem Müller 2010
Istina 2012
Flieg, Ikarus! 2014
Rusesabagina 2016
Ein Punkt im Kreis 2018
Glück, kann man nicht suchen, man wird vom Glück besucht.
Für Ivo war es nichts Ungewöhnliches, dass der Alte mal nicht vor seiner Hütte saß. Manchmal vergingen einige Stunden, bis er zurückkam oder er ihn bei den Streifzügen über die Insel zufällig über den Weg lief. Von weitem hob dieser schon die Hand zum Gruß und Ivo vermutete, dass er unter seinem Bart lächelte. Zu gerne hätte er mal gesehen, welches wahres Gesicht sich in diesem wilden Durcheinander aus grauen, verfilzten Haaren versteckte. Einen Rasierer, besaß der alte Mann nicht, genauso wenig wie so viele Dinge, die für jedem von uns im Alltag, normal und unverzichtbar gewesen wären. Er hatte dem Jungen einmal erzählt, wie er sich vor etlichen Jahren von seinem Handy getrennt hatte. Sein Sekretär an der Uni Heidelberg hatte es ihm mal geschenkt. Er war der Meinung, man war gut beraten, immer erreichbar zu sein, vor allem wenn es um wichtige Verabredungen ging. Er hatte nie einen Termin verpasst und sein kleiner, in Leder gebundener Kalender, den er immer bei sich trug, genügte ihm vollkommen. So trug er das Handy stets bei sich, aber als er es nach etwa acht Wochen nicht benutzt hatte, und von niemanden angerufen wurde, schenkte er es einen der zahllosen Penner am Ufer des Neckar. Ivo wäre froh gewesen, selbst ein Handy zu besitzen wie die anderen Jungen auf der Insel. Er hatte den alten Eigenbrötler ins Herz geschlossen aber viele Dinge, die er sagte, vermochte der Knabe nicht verstehen. Heute aber war er Schlichtwegs nicht zu finden. Weder beim Leuchtturm, noch am Strand an der Südspitze. Ivo gedachte, ihm zeigen, was er für ein hübsches Bild er mitgebracht hatte. Es war mit Wasserfarben gemalt und man vermochte mit ein wenig Glück, in der großen, blauen Fläche einen schwarzen Kreis entdecken, der die Insel darstellen sollte. Darin, nicht vollständig so rund und tiefrot, ein Punkt. Ivo verzichtete bei seinen Kunstwerken stets auf Details. Nicht etwa, dass er nicht mit offenen Augen und der Faszination eines Kindes durch die Welt pilgerte, nein, er verstand es, alle Kleinigkeiten aus seinem Bild herauslesen. Wenn er ein Bild beschrieb, dauerte es oft weit über eine Stunde und der Alte war der Einzige, der ihm auch zuhörte. Und zwar so lange, bis der Junge alles genau erklärt hatte, sogar den Duft und die Geräusche, die er zu riechen und zu hören schien. Die anderen Erwachsenen, sahen nur das naiv-simple Bild und bedauerten ihn.
Der Wind, zerzauste seine Haare, als er die größte Anhöhe der Insel erreichte. Es war schon warm und roch unverkennbar nach Frühling. Tiefblau leuchtete das Meer im Licht der Sonne und die leicht gekräuselte Oberfläche, reflektierte ihre Strahlen, brach sie und es schien so, als würden Abermillionen Splitter eines zerbrochenen Spiegels darauf treiben. Weit draußen, glaubte der Junge, die Silhouette eines Bootes zu erkennen. Es hätte irgendein Boot sein können, ein Fischer, der den sanften Lufthauch nutzt und sich vom Maestrale nach Süden treiben lässt. Er kannte nur ein Boot, das hier in der Gegend um die Insel ein rotes Segel hatte und das war das Boot von Isaak Goldstein. Seit Monaten lag es unbenutzt und festgezurrt im kleinen Hafen. Isaak hatte altersbedingt große Schwierigkeiten mit seinen Gelenken. Und als er im Herbst letzten Jahres von Bord schritt, hatte er dem Hafenmeister gesagt, er solle gut darauf aufpassen aber er werde vermutlich nicht mehr hinausfahren.
In der Zwischenzeit stand Ivo an den steil abfallenden Klippen der Westseite der Insel und sah dem Alten nach. Er wusste genau, was Isaak mit ihm besprochen hatte und das nicht nur einmal. Das Boot wurde immer kleiner und nach einer Weile verschwand es im Schimmern der Sonnenstrahlen am Horizont.
Er wusste, was er jetzt zu tun hatte.
Berlin 2010
Die Eingangstür zum Notariat Lewinsky, wurde von einem blankgeputzten Messingschild geziert. Nathan hatte es sich seit geraumer Zeit angewöhnt, dieses Schild, mit einem Staublappen, vor Schmutz und Fingerabdrücken zu reinigen, bevor er die Kanzlei betrat. Es hatte nichts mit übertriebenen Sauberkeitswahn seinerseits zu tun, sondern vielmehr mit der Tatsache, dass Benaja Lewinsky, der Inhaber dieser Kanzlei, ihm vor einigen Wochen mitteilte, dass er sich endlich aufs Altenteil zurückziehen und ihm die Weiterführung seines Lebenswerkes anvertrauen möchte. Er arbeitete schon seit vielen Jahren für Benaja, der nicht nur Vorgesetzter, sondern im Übrigen väterlicher Freund war.
Er wunderte sich eh, dass dieser, trotz seines betagten Alters von vierundachtzig Jahren, jeden Tag pünktlich um sieben, die Tür zur Kanzlei aufschloss und diese gleichermaßen als Letzter verließ. Nur über die Mittagszeit ließ er es sich nicht nehmen, von zwölf bis halb zwei, ausgerüstet mit Mantel und Gehstock, eines der vielen Cafés hier im Bezirk Kreuzberg aufzusuchen. Dort genoss er es, an einem dieser kleinen Tischchen zu sitzen, Kaffee zu trinken und den Menschen zuzusehen, die ihren Beschäftigungen nachgingen. Nathan schob den schweren Türflügel auf und betrat einen etwas finsteren Gang, welcher aber in einen an allen vier Seiten umbauten Innenhof führte, wie es bei den meisten Wohnkomplexen in Kreuzberg üblich war. Sobald sich die Tür hinter einem schloss, verbannte das massive Eichenholz, alle Geräusche und den Lärm des Verkehrs nach draußen und man wurde von einer fast unwirklichen Stille umgeben. Doch Benaja, ein Liebhaber von Kanarienvögeln, ließ den kompletten Innenhof, wie eine gigantische Voliere, oben mit einem Gitternetz schließen und Bäume und Pflanzkübel aufstellen. Bänke luden zum Sitzen ein und im Hintergrund lauschte man den Gesang von geschätzt einhundert Kanaris. Es war jedes Mal ein Erlebnis, diese Tür zu öffnen und eine noch größere Freude, am offenen Fenster zu arbeiten. Dies war eine der vielen Eigenheiten von Herrn Lewinsky. Es schien oft so, als strebte er an, trotz der wenigen Zeit, die ihm bleiben würde, Kindheitsträume wahr werden zu lassen. Viele aus der Berliner Oberschicht, missgönnten ihm das und tippten sich hinter seinem Rücken, an die Stirn. Erste Anzeichen von Demenz, krankhafte Verschwendungssucht und Ähnliches machte die Runde. Nathan und die anderen Mitarbeiter der Kanzlei, sahen das nicht so. Hier war ein Ort der Ruhe und des Glücks und Benaja schien der Mittelpunkt zu sein, um den sich diese kleine Welt drehte. Wer glaubt, die Kanzlei wäre eine miefige Bürokratenburg mit schweren roten Vorhängen, dunklen Aktenschränken und aus der Mode gekommenen Grünpflanzen, die sich rankend, sämtliche Bürowände zurückeroberten, der hatte sich gründlich getäuscht. Der alte Lewinsky liebte das Detail, er komponierte mit Wohngefühl und Architektur. Licht und Farben verschmolzen zu einer perfekten Einheit, bei der es sogar eine Freude war, in dunklen, trüben Winterwochen zu arbeiten. Die anderen Angestellten, empfanden das ebenso und oft hatte Nathan das Gefühl, diese Menschen, die hier arbeiteten, verband eine tiefe Vertrautheit und eine Fürsorge, die man sich für den Rest der Menschheit wünschte.
Oft dachte er an diesen bedeutenden Tag zurück, als er nach Abschluss des Studiums arbeitssuchend eine Bewerbung an die Kanzlei schrieb. Um sich das Porto zu sparen, entschloss er sich, die Bewerbung persönlich abzugeben, um sich so gleich einen Eindruck zu verschaffen, wie das Büro womöglich aussehen mochte, für den Fall, dass hier einmal arbeiten würde. Genau wie heute durchschritt er diesen dunklen Flur und kam in den lichtdurchfluteten Innenhof. Erst als sich die schwere Tür hinter ihm schloss, vernahm er diesen paradiesischen Gesang der Kanarienvögel und blieb staunend im Kies des Hofes stehen. Er sah nach oben in das Blätterdach. »Es müssen Hunderte sein!«, dachte er sich. Erst nach Minuten löste sich seine Verwunderung, und er besann sich wieder auf den wahren Grund seines Besuchs. Als er den Hof verließ und auf die Tür mit dem unübersehbaren Messingschild zusteuerte, stach ihn etwas ins Auge. Im Schatten einer romantischen Topfpflanze, neben der Tür, zappelte ein Vogeljunges mit nur spärlichem Federflaum. Nathan kniete sich nieder und sah es sich genauer an. Es war fast nackt und die Nächte im April, waren manchmal empfindlich kalt. So würde es die nächsten Tage nicht überleben. Er legte den Umschlag mit der Bewerbung in den Kies und kramte in seinem Rucksack nach dem gestrickten Schal, den er immer dabeihatte, für den Fall, dass es kühler werden sollte. Er zog den weichen Wollschal hervor, hob vorsichtig das Vögelchen hoch und wickelte es darin ein. Verängstigt zappelte es und Nathan bemerkte so nicht, dass sich jemand dem Eingang näherte. Er kniete am Boden, als ein dunkler Lackschuh, in dem ein Bein mit rotgrünen Ringelsocken steckte, auf den Umschlag mit seinen Bewerbungsunterlagen trat und diese vollständig verkrüppelte. Als Nathan nach oben blickte, sah er, dass das Bein einen älteren Herrn mit schlohweißen Haaren gehörte.
»Oh verzeihen Sie vielmals, was für ein Tollpatsch ich doch bin, warten Sie, ich bringe das schon wieder in Ordnung.« Er bückte sich und hob den Umschlag, oder das, was davon übrig war, auf und versuchte unbeholfen den Schmutz abzuwischen. Dabei fiel sein Blick auf die Anschrift und er lächelte.
»Ach Sie wollen zum alten Lewinsky, begleiten sie mich, ich werde ihm das Missgeschick mit ihrem Brief erklären. Wir sind ziemlich gut bekannt miteinander, müssen sie wissen.« Nathan war zuerst etwas wütend auf den Alten, denn es erzeugte gewiss keinen positiven Eindruck, wenn man eine schmutzige und zudem zerknitterte Bewerbung, abgeben würde. Außerdem hatte er den kleinen Vogel in seinen Händen und mit einem Vogelfindling und so einer Bewerbung vorstellig zu werden, das ging gar nicht.
»Nein, lassen sie nur, ich werde eine neue Bewerbung schreiben und ein andermal wiederkommen. Zudem habe ich hier noch einen kleinen Vogel, der scheinbar aus dem Nest gefallen ist. Um den muss ich mich erst einmal kümmern. Alleine schafft er das nicht. Herr Lewinsky läuft mir nicht davon, der kleine Kerl hat bestimmt mächtigen Hunger.«
»Oh, zeigen sie mal her!« Der Mann kniete sich neben Nathan in den Schotter und besah sich interessiert den Piepmatz, der mit seinen großen, besorgten Augen, die beiden anstarrte. »Das wird sicherlich keine leichte Arbeit. Wer kümmert sich denn um den Kleinen, wenn sie den Job bekommen und am Tag nicht mal Zeit haben für ihn zu sorgen?« Nathan überlegte kurz, der Mann hatte recht. So ein Vogel wartet keine acht Stunden, bis man von der Arbeit kommt, der hat immer Hunger.
»Ich habe den Job ja noch gar nicht. Ich nehme den kleinen Kerl erst mit nach Hause, dann sehen wir mal weiter.« Der Alte schüttelte den Kopf.
»Da habe ich eine andere Idee, wenn sie ein paar Minuten Zeit haben, werde ich es ihnen etwas näher erklären. Stehen sie auf und kommen Sie einfach mit.« Er klemmte sich die Bewerbungsunterlagen unter den Arm, stand auf, und ohne auf eine Antwort von Nathan zu warten, öffnete er die Tür zum Treppenhaus und verschwand im Dunkeln. Er rappelte sich auf und folgte ihm mit dem Vogel in der Hand.
»Warten Sie bitte, ich kenne Sie doch gar nicht, wieso sollte ich Ihnen folgen?«
»Weil es dein Glückstag ist, mein Junge, du weißt es bloß noch nicht. Hör jetzt auf zu fragen und komm mit nach oben. Ein Stockwerk noch, dann sind wir da.« Es roch nach Bohnerwachs und bei jedem Schritt der Beiden, knarrten die hölzernen Stufen, als ob sie ihre eigene Geschichte von diesem alten Haus erzählen wollten. Im obersten Stockwerk angekommen, holte der Alte einen verzierten Schlüssel aus der Tasche und schloss die schwere Eichentür auf, die wiederum ein Messingschild zierte.
Notariat Benaja Lewinsky
»Kommen Sie, ich werde Ihnen Herrn Lewinsky vorstellen und ich kann Ihnen versprechen, er hat garantiert nichts gegen den kleinen Freund in Ihrer Hand.« Sie betraten einen langen Gang, der zu beiden Seiten, je vier Türen hatte und am Ende war ebenfalls eine. Der Alte lief zielstrebig darauf zu. Zwischen den Türen hingen Bilder mit Vogelmotiven, die in japanischen Stil gemalt waren. Ein roter Läufer schützte den eleganten Dielenboden und warm-weiße Deckenleuchten tauchten den fensterlosen Gang in ein angenehmes Licht. Er öffnete die Tür am Ende des Ganges und betrat einen hellen, stilvoll eingerichteten Raum. Große, bodennahe Fenster erweckten den Eindruck, als säße man in der Krone der Bäume, die im frischen Grün des Frühlings im Hof wuchsen. Ein schlichter Schreibtisch stand vor einem wand-füllenden Bücherregal mit geschätzten tausend Werken. Wieder zierten ähnliche Bilder wie im Gang die Wände nur um ein Vielfaches größer und farbenfroher. In einer Ecke am Fenster, ein kleiner runder Tisch mit drei gemütlichen Sesseln.
»Setzen Sie sich, ich bin gleich wieder bei Ihnen.« Durch eine Seitentür verließ der Mann den Raum und ließ Nathan sprachlos und leicht irritiert zurück. Er bemerkte, dass seine Knie grau vom Schotter des Hofes waren und versuchte sich schnell mit der noch freien Hand, den Schmutz aus den Kleidern zu klopfen. In der anderen hielt er den eingewickelten Vogel, der mit großen Augen das Manöver beobachtete.
»Da sind wir Beide wohl mit dem falschen Fuß aufgestanden kleiner Freund. Ich habe nicht die geringste Ahnung, in was wir da wohl hineingeraten sind.« Verständlich bekam er keine Antwort, aber der Kleine öffnete weit seinen gelben Schnabel und signalisierte damit, dass es an der Zeit wäre, endlich gefüttert zu werden. »Wenn wir hier wieder rauskommen, verspreche ich dir einen großen Wurm zu fangen. Ehrenwort!« Die Tür öffnete sich und der Alte betrat wieder den Raum. Sein weißes Haar war zurückgekämmt und der zu große Mantel war einem Nadelstreifenanzug gewichen. Mit einer schmalen Lesebrille, die an einer feinen Goldkette hing, studierte er mit strengen Blick die Bewerbungsunterlagen von Nathan. Ihm folgte eine korpulente, ältere Frau mit Teekanne, Tassen und einer Schale mit Keksen. Sie schritt an Nathan vorbei, lächelte ihn an und stellte das Tablett auf den kleinen, runden Tisch.
»Ach Alma, wären sie so nett, unseren jungen Freund, den kleinen Vogel abzunehmen. Sie wissen ja was zu tun ist, es wird nicht der letzte sein, den wir unter ihrer Schreibtischlampe wieder aufpäppeln werden.« Sie schritt zurück zu Nathan. »Geben Sie ihn mir ruhig, Sie haben sich gut um ihn gekümmert. Nun mach ich das, Sie werden ihre beiden Hände brauchen.« Und bevor Nathan etwas erwidern konnte, nahm sie den Vogel an sich und verschwand wieder durch die Tür, die sie sanft hinter sich schloss.
»Setzen wir uns. Mein Name ist Benaja, Benaja Lewinsky.«
Er reichte Nathan die Hand, die dieser bereitwillig ergriff und schüttelte. »Entschuldigen Sie bitte, dass ich mich nicht schon unten vorgestellt habe, aber ich liebe Überraschungen und wenn ich nun Ihren Blick sehe, denke ich, dass mir diese Überraschung gelungen ist. Ich war so frei, mir Ihre Unterlagen genauer anzusehen, schließlich waren sie ja auch für mich bestimmt. Frisch von der Universität wie ich sehe. Guter Abschluss in allen Fächern. Gut, gut.« Er legte die Unterlagen auf den Schreibtisch und setzte sich zu Nathan. »Eine Tasse Tee mein Freund? Pfefferminze aus Marokko. Es ist die Beste. Aber viel Zucker rein, dann schmeckt es erst richtig gut.« Nathan folgte dem Rat des Alten und als er die Tasse an die Lippen führte, krochen ihm die Aromen der Minze die Nase hoch und der Geschmack war fulminant. »Ich würde Sie gerne einstellen. Wann könnten Sie anfangen?« Nathan war total überfahren von dieser Frage und stotterte herum.
»Äh, ich, wieso, gleich Morgen oder wann passt es Ihnen? Warum ich, Sie kennen mich doch gar nicht? Haben Sie sich das auch gut überlegt?«
»Nein, habe ich nicht. Wissen Sie, mein Freund, was dort in Ihren Papieren steht, interessiert mich nicht. Daraus vermag ich nur zu lesen, was Sie gelernt haben aber nicht was für ein Mensch Sie sind und was Sie weiterhin aus sich machen werden. Ich habe in ihre Augen geschaut und ich habe einen jungen Mann erkannt, der bisher nicht den Blick für die kleinen, aber kostbaren Dinge verloren hat. Der nicht gleichgültig vorüber schreitet, wenn es gilt ein unschuldiges Leben zu retten. Halten Sie mich getrost für einen rührseligen Sonderling, aber ich ziehe es vor, es sentimental zu sein. Es ist in erster Linie wichtig, Gefühle zu zeigen und wenn Sie nur einen Regenwurm über die Straße bringen oder einer alten Frau die Einkäufe tragen. Ich habe einen simplen Leitspruch. Johann Wolfgang Goethe hat einmal geschrieben: »Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.« Das genügt doch, mehr ist nicht vonnöten! Das sehe ich in ihnen und darum glaube ich, wir könnten Sie recht gut bei uns gebrauchen. Noch eine Tasse Tee?«
Nathan lehnte nicht ab. Und Nathan blieb.
Er lebte sich schnell ein. Bald lernte er Alma und die anderen Angestellten kennen und schätzen. Es waren freundliche und ehrbare Menschen und es war ein Fest mit ihnen zu arbeiten. Benaja blieb die meiste Zeit eher unsichtbar, doch das schien keinen groß zu stören. Mittags, schritt er gut gelaunt durch alle Zimmer und wünschte allen eine gemütliche Mittagspause und verschwand für die obligatorischen eineinhalb Stunden. Nathan besuchte meist eine der nahegelegenen Dönerbuden oder zum Asia Imbiss zwei Straßen weiter. Doch im Moment als er den Hof zu verlassen gedachte, bemerkte er, dass er seine Geldbörse im Büro hatte liegengelassen. Folglich nochmal hoch und holen. Als er das Treppenhaus wieder betrat, öffnete sich im Parterre eine der vielen Eichentüren und Benaja trat heraus. Unter seinen Arm, einen dicken Aktenstapel geklemmt. Er wirkte überrascht und schob schnell die Akten in seine braune Ledertasche, die er stets bei sich trug.
»Ach Nathan, ich dachte Sie wären schon gegangen.«
»Äh nein, ich habe meine Börse liegengelassen, ich geh nur schnell hoch und hole sie.«
»Lassen sie es, ich denke heute ist ein guter Tag. Folgen sie mir, ich lade sie zum Essen ein. Keine Widerrede, sie kennen mich lange genug, um nicht abzulehnen! In der Bergmannstrasse ist ein guter Inder. Seine Küche ist vorzüglich.«
»Nehmen sie sich etwa immer Arbeit mit in die Mittagspause?«
»Arbeit?«, er lachte laut heraus, »Wenn das Arbeit wäre, würde ich keine meiner wertvollen Zeit dafür opfern. Das ist eine Berufung!« Bis zum Inder spazierten sie schweigend nebeneinander und wurden unsichtbar im nicht endenden Strom der Menschen. Dort angekommen, suchte Benaja einen Tisch in einer stillen Ecke.
»Bestellen sie das Hähnchen Curry mit Safran, es ist ein Gedicht.« Nach dem Essen, das Nathan als eines der besten seit Jahren empfand, öffnete Benaja seine Ledertasche und zog die Akte hervor.
»Es sind zu viele, ich werde das wohl nicht alleine schaffen!« Er schob den Stapel über den Tisch, hin zu Nathan. Draußen fing es an, zu regnen, und viele Fußgänger suchten Schutz unter der Markise des Lokals. »Sehen sie, vor zehn Sekunden, wären sie noch gleichgültig aneinander vorbeigelaufen. Jetzt stehen sie dort dicht gedrängt, schimpfen über den Regen, rücken zusammen und teilen das gleiche Schicksal. Vielleicht wird sogar ein junger Mann einem Mädchen seine Jacke über die Schultern legen. Sie eventuell sogar nach ihrem Namen fragen. Der ältere Herr mit dem Bart packt gerade einen Schirm aus. Glauben sie, er hat den Mut, der Dame an seiner Seite seinen Schirm anzubieten? Dieser Regenguss, so banal er auch sein mag, er könnte Dinge auslösen die irgendwann sogar die Welt verändern. Darum, es gibt nichts Unwichtiges. Alles hat und macht Sinn, auch wenn es uns im Augenblick nicht so scheint.«
Nathan sieht nach draußen und als der Schauer nachlässt, kann er erkennen, wie der junge Mann seine Jacke um das Mädchen legt.
»Es geschieht immer und überall!« Benaja nimmt einen kleinen Schluck Wein und zeigt mit dem Finger auf die Akten. »Natürlich bin ich ein Notar, für Erbrecht, Grundstücksangelegenheiten und so weiter. Wir wissen beide, dass das eine trockene Materie ist. Wir tun es, weil es getan werden muss. Und das ist auch gut so. Jeder Mensch hat eine Aufgabe im Leben. Diese Aufgaben liegen oben im dritten Stock, hinter den weißen Schiebetüren, die wir mehrmals täglich öffnen. Wir kümmern uns, überarbeiten, beglaubigen und dann räumen wir sie wieder in ihr Fach hinter den Schiebetüren. Das, was vor ihnen auf dem Tisch liegt, hat damit ganz und gar nichts zu tun. Es ist sehr viele Jahre her als ich den ersten Brief bekam. Ich war noch jung und unerfahren und ich brauchte Monate um zu verstehen, dass es nicht meine Entscheidung sein kann, diesen Weg zu gehen. Ich hatte keine Ahnung, warum diese Menschen, ihre Anliegen an meine Adresse schickten und woher sie mich kannten. Über die Jahre, wurden es so viele, dass ich die Räume im Erdgeschoss anmieten musste, um nicht in Akten zu ersticken.«
»Was wollen diese Menschen von ihnen?«
»Allem Voran, sie wollen nicht, sie bitten! Das ist sehr wichtig. Grundsätzlich beginnt es ganz normal. Es geht um Vermögen, Grundstücke, die bestimmten Personen zugesprochen werden sollen. Erbansprüche an Verwandte und Zuwendungen an geliebte Freunde. Also an sich nichts Besonderes, was sich groß von den Dingen im dritten Stock unterscheidet. Doch allen diesen Förmlichkeiten, die wir sicher zuverlässig abarbeiten könnten, folgt, und jetzt wird es schwierig, eine persönliche Bitte, ein Anliegen, das an uns herangetragen wird.«
»Aber Herr Lewinsky, das ist doch nicht unsere Aufgabe!«
»Es war auch nicht ihre Aufgabe, damals den kleinen Vogel aufzuheben. Dennoch haben sie es ohne zu zögern getan. Ich bin mit Sicherheit kein armer Mensch, aber würde ich nur meine Arbeit tun, hätte ich noch viel, viel mehr Geld verdient. Ich hätte einen schweren Wagen, ein Ferienhaus in der Toskana und eine Jacht an der Adria. Aber, und das habe ich sehr schnell gelernt, es bedarf all dieser Dinge nicht um glücklich zu sein. Nichts davon wiegt schwerer als den sehnlichsten Wunsch eines unglücklichen Menschen zu erfüllen. Sehen sie es anders, wir haben unsere Berufung gefunden.«
»Wir, wer sind wir?«
»Alle, die im Notariat arbeiten. Es begann mit Alma. Alma ist ein sehr stiller Mensch. Sie redet nicht viel, aber sie sieht und hört Dinge viel besser, als viele andere es können. Ich habe ihr Anfangs nichts von den Akten erzählt. Ich dachte es wäre meine Aufgabe, aber mir war auch klar, dass ich das alleine nicht schaffen würde. Alma saß im Treppenhaus und wartete auf mich, als ich mir wieder Unterlagen aus dem Erdgeschoss holen wollte. Sie stand einfach vor mir, genau wie sie, mein lieber Nathan. Sie streckte ihre Hand aus und forderte mich auf, ihr das Bündel Blätter zu geben und lächelte dabei. Ich tat es und wir gingen in den Park an der Spree und ich erzählte ihr, was ich eigentlich tat. Nachdenklich blätterte sie die Unterlagen durch und nach einer Weile versprach sie mir, sich darum zu kümmern.«
»Herr Lewinsky, bitte helfen sie mir. Um das Ganze besser verstehen zu können, müssen sie mir erklären, worum es in diesen Bitten, Gesuchen oder was auch immer geht.«
Er schüttelte langsam den Kopf und strich mit den Händen über den Aktendeckel auf den Tisch.
»Sie dürfen das mitnehmen und wir sehen uns morgen Früh wieder in der Kanzlei. Hier ist der Schlüssel für die Zimmer im Erdgeschoss. Sie können die Akten dort einfach wieder unter den Buchstaben F ablegen. Für manche Dinge ist man zu schwach oder nicht dafür geschaffen. Es wäre keine Schande. Es ist uns allen schon mehrfach so ergangen. Sie wären keine Ausnahme. Wenn sie sich aber dafür entscheiden, gibt es kein Zurück. Es ist wie ein Versprechen, wie ein Eid, den man geschworen hat, also wägen sie ab und überlegen sie sehr gut.« Er winkte den Ober und bat darum, zu zahlen, dann gab er ein üppiges Trinkgeld und verschwand ohne ein weiteres Wort im Getümmel der Straße.
Die Stadt war um diese Jahreszeit nicht überfüllt von Touristen. Es fing eben wieder an zu regnen, als Nathan den Inder verließ. So steckte er das Bündel unter seine Jacke und machte sich auf den Weg nach Hause. Er wohnte unweit vom Technikmuseum in einer eher kleinen Mansardenwohnung. Er hatte von dort oben Zugang zu einem Dachgarten, den er sich mit zwei anderen Mietern teilte. Zum einen Li, ein überaus nettes Mädchen, das in einem Tai-Imbiss arbeitete und meist erst spät nach Hause kam, zum anderen Andre, der Lehramt studierte und in seiner Freizeit Touristen, mit einer Fahrradrikscha für Geld, durch Berlin Mitte chauffierte. Mit Andre, konnte man mal gemütlich ein Feierabend Bier zischen und über Gott und die Welt quatschen. Das war echt okay. Li dagegen war ein verschlossenes Mädchen. Sie hatte sich hier oben einen kleinen Kräutergarten mit unzähligen, verschiedenen Töpfchen, Schalen und Schüsseln angelegt. Sie pflegte diese Pflanzen mit Hingabe und Leidenschaft. Es blieb aber meist bei einem stillen Hallo und freundlichen Kopfnicken. Nathan respektierte das und ließ Li in Ruhe. Nachdem er die Türe zur Wohnung geöffnet hatte, warf er seine Jacke über einen der bunt zusammengewürfelten Küchenstühle und drückte im Vorbeigehen den Knopf der Kaffeemaschine. Diese antwortete mit einem tiefen Brummen und glucksend tröpfelte der braune Kaffee in die Glaskanne. Er angelte sich eine der vielen Tassen aus dem Holzregal neben dem Kühlschrank, dann öffnete er die Tür zur Terrasse um Sir John hereinzulassen, der schon mit großen Augen vor der Tür saß und hungrig durch die Scheibe stierte. Sir John war selbsternannter Dauergast auf der Dachterrasse und ein roter, fetter Kater. Er war schon hier, als Nathan einzog und laut Andre, der ein Jahr länger hier lebte auch vor dessen Einzug. Auch wenn er außer Fressen und Schlafen nichts tat, war es doch angenehm, dass immer jemand da war, wenn man alleine war. Sir John hatte die Angewohnheit, einen auf den Schoß zu springen und es sich dort zum Schlafen und Schnurren, gemütlich zu machen. Nathan holte die Milchtüte aus dem obersten Fach und goss dem Kater seine Ration in ein Schüsselchen, das gleich neben der Tür auf dem Boden stand. Gierig schleckte er fast lautlos an der Milch.
