Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Hier treffen Welten aufeinander: Die blühende Handelsstadt Barda im Südkaukasus wird im Jahr 943 von Kriegern der Kiewer Rus, den Wolgawikingern, belagert. Ihr ursprünglicher Plan, eine Handelsniederlassung im Saerkland, dem Seidenland, zu errichten, scheitert; die Lage eskaliert dramatisch. Der junge Feridun, aus dem einmal der große persische Dichter Firdausi werden wird, ist mit seinem Vater und dessen Diener den langen Weg aus Persien hierhin gereist, um Waren zu verkaufen. Wird seine Freundschaft mit der nordischen Kriegerin Wigbjorg ihn und seine Reisegefährten vor einem ungewissen Schicksal retten? Seine abenteuerlichen Reiseerlebnisse werden dereinst Eingang finden in sein episches Hauptwerk, die Schahnameh. Der akribisch recherchierte Roman erzählt die Geschichte vom Kampf um Barda von zwei Seiten: aus der Sicht des jungen persischen Reisenden und dem der nordischen Kriegerin.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 299
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
„Ich habe die Rus gesehen, wie sie auf ihren Handelsreisen kamen und am Itil lagerten. Ich habe nie vollkommenere körperliche Exemplare gesehen, groß wie Dattelpalmen, blond und rötlich; sie tragen weder Tuniken noch Kaftane, sondern die Männer tragen ein Gewand, das eine Seite des Körpers bedeckt und eine Hand frei lässt. Jeder Mann hat eine Axt, ein Schwert und ein Messer, die er immer bei sich trägt.“
- Ibn Fadlan, über die Rus-Kaufleute in Itil, 922.
„Drømde mik en drøm i nat um silki ok ærlik pæl.“
(„Ich träumte einen Traum des Nachts, von Seide und edlem Pelz.“)
- Ältestes mit Musiknoten festgehaltene skandinavische Lied, aus dem in Runen geschriebenen Manuskript Codex Runicus, um 1300.
„Suche den rechten Weg und erforsche gründlich das Wesen der Welt!“
- Firdausi, Schahnameh, Prolog
„Reisen – es macht dich sprachlos und verwandelt dich dann in einen Geschichtenerzähler.“
- Ibn Battuta (berberischer Reiseschriftsteller, 1304 - ca. 1368)
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Epilog: Schahnameh
Nachwort
Personenregister
Sachregister
Ortsregister
Danksagung
Zu guter Letzt
Tus, Chorasan, im Nordosten des Iran, im Jahr 331 nach dem Islamischen Kalender, kurz vor Nouruz (Neujahr) 332
„Dann sind wir uns also handelseinig?“ Der Hausherr sah sein Gegenüber, einen wettergegerbten und leicht untersetzten Mann in mittleren Jahren, dessen Gewänder aus feinstem Tuch gar nicht richtig zu ihm passen wollten, fragend an.
„Das sind wir, Hassan Beg. Zehn Lastkamele in Richtung Westen bis nach Rey, zum vereinbarten Preis; die erste Hälfte zahlbar in Dirham am Tag des Aufbruchs. Die zweite Rate ist bei Ankunft in Rey fällig und geht direkt an den Karawanenführer. In sieben Tagen geht es los.“ Der Fremde sprach mit lauter, fester Stimme.
Die beiden Männer reichten sich die Hände und schlugen mit einem vernehmbaren Klatschen ein. Damit war der Vertrag besiegelt. Feridun sah unauffällig von seinem Buch hoch, das er gerade las. So leise und unscheinbar, wie er die letzte Stunde dort auf dem bestickten Kissen in der Ecke gehockt und gelesen hatte, hatte sein Vater seine Anwesenheit wahrscheinlich vergessen. Feridun hatte nicht auf sich aufmerksam machen wollen, um sich das Gespräch zwischen seinem Vater und diesem offenbar weitgereisten Händler nicht entgehen zu lassen. Ganz offensichtlich verhandelten sie über wichtige Dinge. „Aufbruch“ und „Karawanenführer“, das klang spannend, nach Abenteuer. Der zehnjährige Feridun schaffte es kaum noch, sich auf den Text zu konzentrieren, der aufgeschlagen vor ihm auf einem niedrigen Tischchen aus geschnitztem Holz lag. So leise wie möglich blätterte er eine Seite um. Es handelte sich um einen Band der Pandsch Ketab, der fünf Bücher, von Rudaki. Sein Vater hatte ihm die Lektüre einiger Seiten als Hausaufgabe für den heutigen Nachmittag aufgetragen. Eigentlich mochte er Rudakis heiteren Verse und Fabeln sehr, aber heute war er nicht ganz bei der Sache. Gerade noch schaffte er es, die Zeilen in einem Gedicht über die Freundschaft wahrzunehmen, bevor seine Aufmerksamkeit wieder auf den unbekannten Fremden gelenkt wurde.
„Kein' größ're Freud kennt diese Welt,
Wenn Aug' auf Freundes Antlitz fällt.“
Der unbekannte Mann trank schlürfend seinen nach Gewürzen duftenden Tee aus – eine rare Spezialität aus dem Osten – , erhob sich mit höflichen Dankesworten und verabschiedete sich von Feriduns Vater: „Wir sehen uns dann in einer Woche. Ich wünsche der ganzen Familie ein frohes Neujahrsfest, Hassan Beg.“
Hassan Beg?, dachte Feridun. Kein Mensch nannte seinen Vater Hassan. Das war zwar sein offizieller, sein muslimischer Name, aber er wurde, wie viele Iraner, im Alltag mit einem persischen Namen gerufen. Feridun, zum Beispiel, hieß offiziell Mansur. Aber niemand rief ihn bei diesem Namen, außer wenn er etwas angestellt hatte. Feriduns Vater wurde normalerweise von allen Babak genannt. Dieser Mann, der seinen Vater Hassan Beg nannte, war nicht aus Tus; es musste sich also um eine Angelegenheit von großer Bedeutung handeln.
Der Fremde verließ den großzügig mit weichen Teppichen und Kissen ausgelegten Raum durch die Tür, an der er von einem Bediensteten empfangen wurde, der ihn aus dem Haus geleiten würde. Feridun beobachtete seinen Vater, der nun an der Fensteröffnung stand und versonnen nach draußen auf den begrünten und zu dieser Jahreszeit in voller Blüte stehenden Innenhof mit seinem zentralen Brunnen sah. Er war nicht groß, nicht klein, von durchschnittlichem Wuchs. Seine Haare waren noch ganz dunkel, obwohl sein Bart an den Seiten bereits grau zu werden begann. Auch wenn der Stoff seiner Kleidung von bester Qualität war, machte er sich nichts aus grellbunten Farben und aufwändigen Verzierungen. Man hätte sein Äußeres unauffällig nennen können, wenn er nicht so viel Autorität ausgestrahlt hätte, die diesen oberflächlichen Eindruck Lügen straften.
„Agha dschun?“, wagte Feridun es endlich, seinen Vater anzusprechen. Aber dieser hatte ihn offenbar nicht gehört. „Agha dschun? Vater?“, wiederholte er daher etwas lauter.
Endlich drehte sich der Angesprochene um. „Oh, Feridun! Ich hatte ganz vergessen, dass du hier bist.“ Ganz wie der Junge vermutet hatte.
„Was wollte der Mann? Und was soll das heißen: ‚In sieben Tagen geht es los‘?“
„Du bist neugierig, Feridun.“
„Natürlich, Agha. Ich konnte euch beide ja wohl kaum überhören, oder?“
„Da hast du wohl recht. Hast du die Kapitel von Rudaki, die ich dir aufgegeben habe, gelesen?“ Offensichtlich wollte sein Vater ihn vom Thema ablenken.
„So gut wie“, flunkerte Feridun. Er ließ nicht locker: „Wozu brauchen wir Lastkamele, die bis nach Rey gehen?“
Sein Vater, Babak, seufzte und setzte sich zu ihm auf eines der Kissen. „Eine Handelskarawane, nichts weiter. Wir sollten beizeiten unsere Schatullen etwas auffüllen; das ist alles.“
„Wirst du verreisen?“
„Wollen wir Schach spielen? Es ist Zeit für unser tägliches Spiel.“
„Vater, bitte!“
„Na gut. Du baust das Schachbrett auf und ich erkläre dir, worum es geht, in Ordnung?“
„In Ordnung, Agha.“
„Ich bin gleich wieder zurück.“
Während Feridun das Schachbrett und die aus farbigem Stein geschnittenen Spielfiguren hervorholte, die in einer Truhe im gleichen Raum aufbewahrt wurden, ging sein Vater hinaus, offensichtlich, um etwas zu erledigen oder zu holen. Der Junge baute das Schachspiel vor sich auf dem niedrigen Tisch auf. Die Figuren aus weißem Marmor stellte er vor sich hin; sein Vater würde mit den leuchtend blauen Lapis-Lazuli-Figuren spielen, die aus Badachschan stammten, dem einzigen Ort, an dem dieser wunderschöne Stein zu finden war. Kurz darauf kam auch sein Vater zurück. Er nahm auf dem gegenüberliegenden Kissen Platz und stellte einen matt schimmernden, grauen Kegel auf das Brett zwischen sie. „Weißt du, was das ist?“, fragte er seinen Sohn.
Feridun nahm den Gegenstand in die Hand. Der Kegel füllte seine ganze, noch jungenhafte Hand aus. Er fühlte sich glatt und kalt an und war für seine Größe erstaunlich schwer. „Metall“, sagte er. „Eisen, würde ich sagen, oder?“
„Genau. Aber es ist nicht irgendein Eisen. Es handelt sich um Tiegelstahl. Es ist besonders fest und hat andere Eigenschaften, die besonders Waffenschmiede daran schätzen.“
„Und was hast du damit vor?“
„Du weißt, dass ich nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch die Schmelzöfen von Tus als einer der örtlichen Dehqane verwalte, nicht wahr?“ Ein Dehqan war ein Gutsbesitzer, der sich gleichzeitig um Aspekte der lokalen Verwaltung und Wirtschaft kümmerte.
Feridun nickte vage. Sein Vater hatte so viele Geschäfte zu beaufsichtigen, dass ihm Einzelheiten wie diese immer mal wieder entgingen. Aber schon sprach sein Vater weiter: „Der Stahl von Chorasan gilt als besonders hochwertig; er ist in den Ländern des Westens begehrt. Wir haben ihn immer an die Händler verkauft, die von Osten, aus Afghanistan oder sogar aus Tschin, dem Herkunftsland der Seide, kommen, um ihn auf ihrer Weiterreise in den Westen weiter zu verkaufen. Die Schmiede im Westen wissen nicht, wie man guten Stahl herstellt und sind bereit, gute Preise in Silber dafür zu bezahlen.“
Feridun nickte. Davon hatte er gehört. Die große Handelsstraße, die Tschin mit Tacht-e Rum verband, der Thronstadt der Römer, die die Römer Konstantinopel und die Griechen Stanbulin nannten, führte durch Tus. Manchmal ging Feridun mit seinen Freunden auf den Marktplatz, um all die fremden Händler zu beobachten, die dort ihre exotischen Waren eintauschten. Seide war natürlich darunter, ebenso wie andere Stoffe und Teppiche, aber auch Gewürze, kostbare Steine, Felle, Pferde, Sklaven und eben Metall.
Feridun dachte nach. Der erhöhte Aufwand machte für ihn immer noch keinen Sinn. „Und warum verkaufst du das Eisen dann nicht einfach auf dem Markt wie sonst auch?“
„Weil wir im Westen einen viel höheren Preis erzielen können. Einen Preis, von dem die Zwischenhändler den größten Teil einstecken; außer, ich reise selber dorthin.“
„Du willst selber verreisen?“ Endlich, das war die Frage, die Feridun eigentlich die ganze Zeit hatte stellen wollen.
„Nun ja, ich denke, das wird das Beste sein.“
„Weiß Mutter Bescheid?“
„Natürlich!“
„Und warum sollte ich davon nichts erfahren?“
„Nun ja, wir wollten es dir und deiner Schwester Schirin erst nach Nouruz sagen, damit ihr noch unbeschwert feiern könnt. Wir dachten, ihr wärt wahrscheinlich traurig, wenn ich so lange verreise.“
„Wie lange wird die Reise denn dauern?“
„Etwa ein halbes Jahr, vielleicht auch etwas mehr. An Jalda, zur Wintersonnenwende, bin ich spätestens zurück. Sei nicht traurig, Feridun…“
Aber das war nicht das, woran der Junge dachte. „Nimm mich mit, Agha, bitte!“, sagte er bestimmt.
Sein Vater sah ihn an und schien dabei nachzudenken. Dann schüttelte er den Kopf. „Mein Junge, das ist nicht möglich“, erwiderte er. „So eine Reise ist kein Zuckerschlecken. Du bist noch zu jung. Und was soll deine Mutter sagen? Sie würde sich unendliche Sorgen machen.“
„Bitte, Agha! Ich bin gar nicht mehr so jung. Mein Freund Navid arbeitet schon bei seinem Vater in der Werkstatt. Außerdem verstehe ich gar nicht, weshalb die Reise nach Rey und zurück über ein halbes Jahr dauern sollte. Das müsste doch in kürzerer Zeit zu machen sein, oder, Vater? Komm schon, wir gehen zusammen nach Rey, verkaufen das Metall und kommen im Sommer wieder zurück.“ Feriduns Augen leuchteten vor Aufregung an den Gedanken und seine Hände gestikulierten wild in der Luft.
Aber dessen Vater schüttelte nur erneut den Kopf. „Es geht nicht nur nach Rey“, sagte er. „Aber lass uns erst einmal spielen. Du fängst an.“
Der Junge senkte den Kopf über das Spielbrett und setzte einen Bauern ein Feld weiter. Er und sein Vater spielten täglich und jeden Tag aufs Neue lernte er von seinem Vater hinzu. Schahtrandsch, das „Spiel der Könige“ zu beherrschen, galt als unverzichtbarer Teil einer guten Erziehung. „Wohin geht es dann, wenn Rey nicht das Ziel ist?“, fragte er.
Der Vater setzte eine seiner Figuren, bevor er mit seiner ruhigen Stimme antwortete: „Von Rey aus will ich nach Norden reisen, nach Ardabil und von dort aus weiter nach Barda im Land Arran. Beides sind wichtige Handelsstädte für die Chasaren und die Länder des Nordens und des Westens. Je näher ich unseren Endabnehmern komme, desto höher ist der Preis.“
Das klang ja immer aufregender. Feridun sah vor seinem inneren Auge ausgedehnte Landschaften, dichte Wälder, hohe Berge, sprudelnde Flüsse und nicht zuletzt das Meer, von dem er bis jetzt nur gelesen hatte. Er stellte sich prachtvolle Städte mit ausgedehnten Palästen und wundervollen Gärten vor, aber auch kleine Bergdörfer, wilde Tiere und große Schiffe. Er hatte noch nie ein großes Schiff gesehen. „Bitte, Agha, nimm mich mit!“, bettelte er.
„Lass gut sein, Junge. Eigentlich solltest du noch gar nichts davon wissen, vergiss das nicht! Ich werde euch allen schöne Geschenke von der Reise mitbringen. Und nun lass uns spielen; du bist ja gar nicht bei der Sache!“
Feridun war tatsächlich nicht bei der Sache. Er verlor eine Figur nach der anderen und verlor nach viel zu wenigen Zügen haushoch gegen seinen Vater. Zugegebenermaßen unterlag er zwar noch meistens, aber er machte es seinem Vater seit einiger Zeit schwerer und schwerer, ihn zu besiegen. Nur heute eben nicht.
Am Abend, nach dem gemeinsamen Abendessen mit der Familie, das sie wie immer auf niedrigen Kissen sitzend eingenommen hatten, nachdem der Vater sich schon wieder zu Geschäften zurückgezogen hatte und seine kleine Schwester Schirin eingeschlafen war, versuchte es Feridun bei seiner Mutter: „Maman dschun, kann ich dich einen Augenblick sprechen?“
„Natürlich, mein Sohn, was gibt es?“ Rudabeh, so war ihr Name, war gerade damit beschäftigt, die Feuchtigkeit der am Vortag eingeweichten Weizenkörner zu überprüfen, die bereits zu keimen begannen. Die Weizenkeimlinge würden für die aufwändige Zubereitung der süßen Neujahrsspeise Samanu verwendet werden. Offenbar zufrieden mit dem Zustand der Weizenkörner, drehte sie zu ihm sich um und lächelte ihren Sohn an.
„Weißt du, dass Vater verreisen wird?“, fragte Feridun.
„Natürlich weiß ich das. Und er hat mir auch erzählt, dass du es schon mitbekommen hast. Wir wollten es euch eigentlich erst nach Nouruz erzählen.“
„Ich weiß, Maman. Aber ich will mitkommen.“
„Ach, Feridun“, seufzte sie. „Du bist noch nicht soweit. Das nächste Mal, ganz bestimmt.“
„Aber wann wird das nächste Mal sein? Ich kann mich nicht erinnern, dass Vater jemals so lange weg war. Also wird er es wohl auch bald nicht mehr tun.“
„Das letzte Mal war vor deiner Geburt, das stimmt. Danach hat dein Vater beschlossen, erst einmal bei seiner Familie zu bleiben. Aber dass er irgendeinmal wieder nicht widerstehen können würde, noch einmal mit einer Karawane aufzubrechen, war mir schon lange klar.“
„Dann lass mich mitgehen, bitte!“
„Willst du mich ganz allein lassen?“
„Du hast doch Schirin!“
„Sieh mich an, Feridun! Komm her und lass dich umarmen!“ Sie nahm ihn in eine mütterliche Umarmung. „Sieh mal, du bist immer noch einen guten halben Kopf kleiner als ich, obwohl ich nicht sehr groß bin. Wenn du mich an Größe übertroffen hast, dann darfst du mit deinem Vater reisen, in Ordnung? Bis dahin bist du noch ein Kind.“
„Und ab wann werde ich für Vater erwachsen sein?“
Sie lachte. „Das weiß ich nicht. Ich glaube, das müssen alle Eltern der Welt mit sich selber ausmachen. Das ist die große Frage: Wann ist mein Kind kein Kind mehr? Aber du hast noch so viel Zeit!“
Feridun machte sich von seiner Mutter frei. „Ich möchte die Berge sehen und die Wüste, das Meer, und all die schönen Städte.“
„Du kannst sie sehen, mein Sohn“, sagte seine Mutter lächelnd. „Aber erstmal nur in deiner Fantasie. Ich werde dir vor dem Schlafengehen eine Geschichte erzählen, eine Geschichte von Helden und Königen in fernen Ländern.“
Am folgenden Tag nach dem Unterricht versuchte Feridun beim Schachspiel erneut, das Gespräch mit seinem Vater auf die bevorstehende Reise zu lenken: „Sag mal, wie funktioniert das eigentlich mit den Karawanen? Kommt der Mann, der gestern bei dir war, mit und überlässt dir seine Kamele?“
„Nicht ganz. Der Händler von gestern ist nur der Vermittler. Er ist lange Jahre selber hin- und her gereist und hat sich nun zur Ruhe gesetzt, während seine Söhne die eigentliche Karawanenführung übernommen haben. Sie bereisen jedes Jahr dieselbe Route, in diesem Fall von Merw bis Baghdad und rasten und handeln dabei in immer denselben Karawansereien. Auf dem Weg kennen sie jedes Dorf und jeden Brunnen. Eigentlich gibt es zwei Möglichkeiten: entweder man hat seine eigenen Maultiere oder Kamele und schließt sich einfach einer bestehenden Karawane an oder aber man mietet sich Kamele für einen bestimmten Routenabschnitt. Hauptsache man ist mit genügend Menschen zusammen unterwegs, die sich im Zweifelsfall auch verteidigen können, wegen der Räuber.“
„Räuber? Gibt es davon viele?“
„Keine Sorge. Eine große Karawane werden sie nicht angreifen. Aber kleine Reisegruppen sind schon in Gefahr.“
„Reist du eigentlich ganz alleine? Nur mit Fremden?“
„Nein, ich nehme natürlich Rutbil mit.“ Rutbil war ein Diener, der schon als Kind in Babaks Familie gekommen war und dessen völliges Vertrauen genoss. Ursprünglich stammte er aus der im Osten gelegenen Gegend um Kabul. Obgleich ziemlich schmächtig, entfaltete Rutbil, wenn es nötig war, eine ungeahnte Kraft. Außerdem war er geschickt, wenn es darum ging, auf die Schnelle Dinge zu reparieren oder praktische Lösungen zu finden.
„Und warum mietest du Kamele? Wir haben doch Maultiere?“
„Kamele können viel mehr Gewicht tragen. Ich transportiere schließlich Stahlbarren, keine Vogelfedern.“ Sie sahen wieder auf das Spielbrett herab. „Warum hast du den Elefanten dorthin bewegt? Jetzt kann ich ihn ganz leicht mit meinem Minister schlagen.“
Mist, dachte Feridun, wieder nicht aufgepasst. Ich muss mich besser konzentrieren. Da kam ihm eine Idee: „Wer wird mich eigentlich im Schach unterrichten, wenn du weg bist? Ich kann doch mein Spiel nicht ein halbes Jahr lang unterbrechen?“
„Du solltest deine Mutter nicht unterschätzen, Feridun! Sie ist eine hervorragende Schachspielerin.“
„Aber nicht so gut wie du!“, versuchte der Junge seinem Vater zu schmeicheln.
„Auf jeden Fall besser als du!“, gab dieser zurück. „Du könntest auch hervorragend sein, wenn du nur nicht immer mit den Gedanken woanders wärst.“
„Wenn ich dich im Schach besiege, bin ich dann kein Kind mehr?“
„Wenn du im Schach gegen mich gewinnst, könnte ich in der Tat gewillt sein, dich einen jungen Mann zu nennen. Aber bis dahin musst du noch viel üben.“
Feridun nickte und konzentrierte sich wieder auf sein Spiel. Aber er hatte schon zu viele Figuren verloren, um noch eine Chance gegen einen geübten Spieler zu haben. Wieder verlor er klar gegen seinen Vater.
Es waren noch zwei Tage bis zum Nouruzfest, der Frühlingstagundnachtgleiche, einem der beliebtesten Festtage des Jahres. Da an jenem Tag der letzte Dienstag des Jahres war, wurden bei Einbruch der Dunkelheit auf allen Plätzen und in den Gärten Feuer entzündet, um die Krankheiten und bösen Einflüsse des vergangenen Jahres zu verbrennen und das neue Jahr gereinigt zu beginnen. Zu diesem Zweck sprangen alle, Frauen, Männer und Kinder, über das Feuer und riefen dabei den Flammen zu: „Nehmt meine Bleichheit und gebt mir dafür eure gesunde Röte!“ Auch alle Häuser waren in den letzten Tagen von Grund auf gereinigt worden, die Wände neu getüncht, die Teppiche herausgebracht und gewaschen. Jede freie Fläche, Dächer, Höfe, ja sogar Bäume und Sträucher, waren in diesen Tagen mit frisch gewaschenen farbenfrohen Teppichen bedeckt, die in der Sonne trockneten. Alles war bunt, nicht nur die Teppiche, sondern auch die Pflanzen und Blumen unter dem leuchtend blauen Himmel. Das Nouruzfest war wie eine Explosion von Farben in der meistens heißen und trockenen Stadt Tus, in der hellbraun den überwiegenden Farbton bildete. Dazu zwitscherten die Vögel und die erwartungsfrohen Kinder gleichermaßen und fügten dem optischen Eindruck einen farbenfrohen Klangteppich hinzu. Und dann die Gerüche… An allen Ecken und Enden der Stadt wurde in Vorbereitung auf das Fest gemälzt, gebacken, gekocht.
Die wenigen strenggläubigen Muslime in der Stadt sahen das jährlichen Neujahrstreiben mit Ärger, stellte es für sie doch einen antiken heidnischen Brauch dar, den es auszumerzen galt. Doch die meisten Menschen kümmerte das nicht. Ob sie zu Allah, zu Ahura Mazda, dem Gott der Juden oder dem der Christen beteten, Nouruz war ein Fest für alle. Schließlich war es schon in den Zeiten des antiken Königs Dschamschid gefeiert worden.
Als er an diesem Abend über das Feuer sprang, wünschte sich Feridun nichts sehnlicher, als das neue Jahr mit einem großen, einem wirklichen Abenteuer zu beginnen. Und dazu würde er sich am kommenden Tag wirklich konzentrieren müssen.
„Agha dschun, wenn ich dich heute im Schach besiege, darf ich dann mit dir kommen?“
„Warum solltest du mich ausgerechnet heute besiegen?“
„Weil ich es mir fest vorgenommen habe. Du hast gesagt, ich sei für dich ein junger Mann, wenn ich es schaffe, gegen dich zu gewinnen. Also: Darf ich dann mit dir kommen?“
Babak musste über die Entschlossenheit seines Sohnes schmunzeln. „Also gut, einverstanden.“
„Gibst du mir deinen Handschlag darauf?“
Feridun hielt ihm die Hand hin. Dieser schlug ein.
„Weiß beginnt.“
Feridun konzentrierte sich mit aller Kraft. In Wahrheit hatte er den ganzen Tag, seit den frühen Morgenstunden, damit verbracht, sich einen Plan zurechtzulegen und alle möglichen Kombinationen durchzugehen. Er wusste schließlich ungefähr, wie sein Vater normalerweise spielte. Aber er durfte sich nicht den kleinsten Fehler leisten.
„Du spielst gut heute“, lobte ihn sein Vater. „Nicht, dass du mich doch noch besiegst!“
„Mhm“, machte Feridun nur. Er war voll auf die möglichen nächsten Züge konzentriert. Aber auch sein Vater war voll bei der Sache. Vielleicht müsste er ihn ablenken. „Wirst du uns eigentlich vermissen, wenn du weg bist? Maman und Schirin, werden sie dir nicht fehlen?“, fragte er daher. „Ein ganzes halbes Jahr lang? Wir werden dich schrecklich vermissen, Agha dschun!“
Sein Vater sah vom Schachbrett auf: „Aber natürlich werde ich euch vermissen. Und wie!“ Er blinzelte sogar ein paar Mal mit den Augen, so als würde er schnell ein paar ungewollte Tränen unterdrücken. Tatsächlich: die Konzentration seines Vaters hatte nachgelassen; er war offenbar nicht ganz bei der Sache und machte einen Fehler. Feridun dagegen blieb weiter bei der Sache. Und das Unglaubliche geschah: Er setzte seinen Vater schachmatt. Das erste Mal in seinem Leben hatte er seinen Vater im Schach besiegt.
Der sah ihn ungläubig an: „Du hast mich tatsächlich geschlagen. Herzlichen Glückwunsch!“
„Danke, Agha dschun!“
„Das, das hätte ich nie gedacht, ganz ehrlich. Noch nicht, meine ich.“
„Ich weiß. Darf ich jetzt mit dir kommen?“
Babak zögerte. „Ich muss zugeben, dass ich es dir versprochen habe. Ich habe dir sogar die Hand darauf gegeben.“
„Ja?“
„Und du hast bewiesen, dass du Durchsetzungskraft hast, wenn du willst. Ehrlich gesagt, ich freue mich, dich auf der Reise bei mir zu haben.“
Feridun strahlte.
„Aber ich sage dir noch einmal: So eine Reise ist kein Zuckerschlecken. Es wird anstrengend werden. Du wirst wunde Füße bekommen. Und es wird heiß werden.“
„Das macht mir gar nichts, Agha!“
„Sicher?“
„Ganz sicher, versprochen!“
„Dann ist ja gut. Mein größtes Problem ist allerdings, dass ich es irgendwie deiner Mutter beibringen muss.“
An Nouruz gab es Süßigkeiten, gefärbte Eier und kleine Geschenke für die Kinder. Alle trugen neue Kleidung. Feridun hatte überdies neue Sandalen für die Reise geschenkt bekommen. Nicht so gern mochte er den Fisch, der nur an diesem Tag zubereitet wurde. Außer zu Nouruz gab es bei ihnen zuhause fast niemals Fisch. Der süße, gemälzte Weizenbrei Samanu dagegen, den die Frauen seit Tagen vorbereitet und über Stunden hinweg gekocht und ständig gerührt hatten, bevor sie ihn erkalten ließen und mit grünen Pistazien, weißen Mandeln und rosenfarbenen Blütenknospen dekorierten, schmeckte ihm hervorragend. Freunde, Familie und Nachbarn feierten zusammen und statteten sich in einem wohldurchdachten System permanent Besuche und Gegenbesuche ab. Alle waren in frühlingshafter Feierlaune. Aber niemand war so glücklich wie Feridun, der wusste, dass in wenigen Tagen das große Abenteuer beginnen würde. Er würde sich nicht nur von seiner Mutter und Schwester, sondern auch von seinen Freunden verabschieden müssen, von Navid und von Mohammed, der trotz seines Namens eigentlich Zoroastrier war und der von seinen Freunden immer nur Daqiqi – „der Genaue“ – genannt wurde, weil er so penibel war. Feridun würde auch sie vermissen. Er malte sich bereits in Gedanken aus, wie er nach seiner Rückkehr von seinen Erlebnissen erzählen würde. Vielleicht könnte er sie eines Tages auch aufschreiben, so wie Rudaki seine Gedanken in Verse fasste.
Rudabeh war in der Tat wenig begeistert gewesen, als ihr Mann ihr eröffnet hatte, dass er Feridun nun doch mit auf die Reise nehmen wolle. Sie war zwar traurig darüber, nun sowohl ihren Mann als auch ihren Sohn monatelang nicht zu sehen, konnte aber nur darin zustimmen, dass es der moralischen Bildung ihres Sohnes nicht zuträglich sei, wenn der Vater sein gegebenes Versprechen nun bräche.
„Und sieh es doch mal so, Rudabeh“, sagte Babak seiner Frau. „Feridun wird an Erfahrung wachsen. Er ist bei mir; es wird ihm gut gehen. Und auch ich werde auf dem Weg nicht alleine sein.“
Kænugard (Kiew), Hauptstadt der Kiewer Rus, am Ende des Monats Goi im 31. Regierungsjahr Ingvars von Kiew, im März des Jahres 943 der christlichen Zeitrechnung
Wigbjorg eilte den zum Versammlungshaus aufsteigenden Weg hinauf. Der frisch gefallene Schnee knirschte unter jedem ihrer energischen Schritte. Es wurde gerade dunkel; zumindest waren die Tage endlich wieder länger. Nur noch wenige Wochen, dann würde auch dieser Winter vorüber sein. Sie zog sich die Kapuze tiefer in die Stirn und zog den dicken Wollmantel fester um sich, damit sie sich und das fest in Wachstuch eingewickelte Päckchen in ihrer Hand vor den wirbelnden Schneeflocken und dem eiskalten Wind zu schützen. Gerade erst hatte sie die Nachricht erhalten, umgehend mit dem besagten Gegenstand im Versammlungshaus zu erscheinen, also machte sie besser, dass sie schnell ging. Der große Holzbau mit seinen mit geschnitzten Pferde- und Drachenköpfen verzierten Giebeln war als zentraler Bau, als Herzstück der neuen Hauptstadt nicht zu übersehen. Die steilen Giebeldächer sorgten dafür, dass der Schnee im Winter nicht auf dem Gebäude liegenblieb und die Holz konstruktion eindrückte. Weitere Anbauten, ebenfalls aus Holz, mit Außentreppen, die in ein Obergeschoss führten, waren noch im Bau begriffen. Sie ging an den einfachen, pfahlförmigen Holzstatuen vorbei, die die Anwesenheit der Götter markierten. Ein Rabe stelzte zwischen ihnen im Schnee umher und krächzte zeternd. Auch die Tierwelt sehnte sich freilich nach dem Frühling. Wenige Stufen führten zur Tür hinauf, durch die Wigbjorg direkt in den großen Versammlungssaal eintrat. Es roch nach Rauch. Die Halle wurde durch ein zentrales Feuer beheizt und spärlich beleuchtet. Schalenlampen, in denen ein in Tierfett getränkter Docht brannte, spendeten zusätzliches Licht, aber leider auch Rauchschwaden, am Ende der Halle, wo König Ingvar jetzt mit seinen engsten Vertrauten und ranghöchsten Jarls beriet. Die teuren Bienenwachskerzen wurden selbst hier nur zu besonderen Gelegenheiten verwendet. Sie zog die Kapuze vom Kopf.
„Wigbjorg!“, rief der Herrscher aus, als er sie eintreten sah. „Komm und setz dich zu uns!“
Dutzende bärtige Gesichter wandten sich ihr entgegen. Die Männer – denn Wigbjorg sah mit einer einzigen Ausnahme keine Frauen – saßen an einem langen, massiven Holztisch, an dessen Ende König Ingvar in eine magentafarbene Tunika und einen reich bestickten blauen Mantel gehüllt auf seinem mit Armlehnen ausgestatteten breitem Sitz den Vorsitz führte. An seiner Seite, am oberen Ende der Tafel, saß Helga, Ingvars junge Ehefrau. Wenn sie sich nicht verrechnet hatte, musste Helga fast 40 Jahre jünger als der ergraute König sein, noch ein wenig jünger als sie selber. Sie war die letzte Gelegenheit Ingvars, nach dem vorzeitigen Tod all sei ner Söhne jetzt noch einen Thronfolger in die Welt zu setzen. So rund wie Helga jetzt aussah, standen die Erfolgsaussichten allerdings gut. Ingvar betete seine Frau an und ließ sie kaum noch aus den Augen. Angeblich konnte sie in Visionen in die Zukunft blicken. Die Königin war die einzige andere Frau, die in dieser Runde anwesend war. Die entlang der Wand stehenden Dienerinnen und Diener, die stumm auf die Befehle des Königs warteten, zählten für sie nicht. Wigbjorg nickte dem König und den Jarls – Edelmännern – wortlos zu, durchquerte die Halle und legte ihren vom Schneegestöber feuchten Mantel ab, unter dem sie an diesem Abend das für Frauen übliche wollene Kleid mit einem für ihre gesellschaftliche Stellung nur dezent verzierten grünem Überkleid mit gewebten, gemusterten Borten trug, das an der Vorderseite von zwei großen, ovalen Spangen aus Silber gehalten wurde, die durch eine Kette mit bunten Glas- und Silberperlen miteinander verbunden waren. Sie setzte sich an das untere Ende des Tisches auf einen freien Platz und legte das Päckchen auf die Tischplatte. Unumwunden musterte sie die im flackernden Dämmerlicht sitzende Runde. Neben König Ingvar und seiner Frau Helga kannte sie alle Anwesenden zumindest dem Gesicht und zumeist auch dem Namen nach, darunter Haraldr, ihren Onkel, der den Sitz ihres verstorbenen Vaters im Rat eingenommen hatte, Asmud, einen engen Vertrauten König Ingvars, und schließlich den Kommandeur Sveneld, in dessen Gefolge Wigbjorg als Kriegerin diente. Mit ihren zahlreichen Schwestern, aber ohne Brüder, die das Kleinkindalter überlebt hätten, hatte sie sich vor Jahren gegen das Leben als Hausfrau und Mutter und für die Existenz als Schildmaid entschieden, um die Familientradition fortzu führen und hoffentlich eines Tages als Ringkvinna, als unverheiratete, erbberechtigte Frau, das Erbe ihres Vaters anzutreten. Nichtsdestotrotz fragte sie sich, warum sie hierher bestellt worden war, schließlich gehörte sie dem Rat nicht an. Zumindest noch nicht, denn das war ihr ehrgeiziges Ziel. Als Haraldrs einzige Nichte wäre sie zumindest theoretisch die logische Nachfolgerin. Doch erst würde sie sich beweisen und gegen festgefahrene Traditionen ankämpfen müssen.
„Wir haben uns gerade erste zusammengefunden, um über den diesjährigen Wiking, den nächsten Raubzug zu entscheiden“, informierte sie Sveneld vom anderen Ende des langen Tischs. „Wir sind uns einig, dass ein erneuter Aufbruch nach Miklagard1 voreilig wäre. Auch wenn wir im vergangenen Jahr traumhaft reiche Beute gemacht haben.“ Sveneld war noch jung, hatte jedoch durch seine Herkunft, verbunden mit strategischem Geschick, schon eine hohe Position am Hof inne. Dabei war seine physische Erscheinung auf den ersten Blick eher unscheinbar; er war sogar einige Handbreit kleiner als Wigbjorg. Umso mehr liebte er es, sich in möglichst bunte Gewänder zu hüllen, um die Blicke auf sich zu lenken. Überhaupt liebten diese Kaufleute und Krieger bunte und kostbare Stoffe aus aller Herren Länder.
„Ja, gebt ihnen Zeit, ihre Stadt erst einmal wieder aufzubauen!“, warf Haraldr mit lauter Stimme ein, der schon immer zu Großspurigkeit geneigt hatte. Er lachte heiser. Haraldr war ein untersetzter, etwas zum Bauch neigender Mann mittleren Alters mit einem etwas zu dünnen, braun-grauem Bart, dessen Äußeres manche Menschen dazu verleitete, ihn zu unterschätzen. Diesen Fehler machten sie jedoch für gewöhnlich nur einmal.
„Naja, unsere Flotte hat am Ende auch ziemlich gelitten, sei ehrlich!“
„Ich bin auch nicht scharf darauf, so schnell wieder Bekanntschaft mit dem griechischen Feuer zu schließen“, fügte ein älterer Krieger hinzu, dessen Wange, Ohr und Schläfe großflächig von Brandnarben verunziert waren. Seine linke Gesichtshälfte war praktisch haarlos. Ein paar der Anwesenden nickten und murmelten zustimmend.
„Vielleicht fahren wir im nächsten Jahr wieder nach Miklagard“, setzte Sveneld ungerührt fort, ohne auf die Zwischenrufe einzugehen. „Für dieses Jahr jedoch hat Ingvar einen besonderes Vorschlag.“ Er sah den Tisch hinauf zum alten König und blickte ihn erwartungsvoll an.
„Drømde mik en drøm i nat, um silki ok ærlik pæl“, zitierte der König ein bekanntes Lied und malte mit der Hand einen imaginären Zirkel in die Luft, um seinen Vortrag zu unterstreichen. „Ich träumte einen Traum des Nachts, von Seide und edlem Tuch. Eben diesen Traum habe ich wirklich geträumt, und zwar vor zwei Nächten. Es war einer von den Träumen, die man ernst nehmen sollte. Und ich habe vor, diesen Traum wahr werden zu lassen. Daher sage ich euch: Nach Særkland soll es in diesem Jahr gehen, in das Seidenland, so wie schon vor dreißig Jahren, im Jahr nach dem Tod meines Vaters. Die Älteren werden sich erinnern. Ein weiter Weg, ja, anstrengend auch, aber lohnenswert. Seide und Tuch sind nicht die einzigen Güter, für die der Einsatz lohnt. Ich rede von Eisen, von Stahl für unsere Schwerter, dem besten Stahl, den es gibt, für unsere besten Schmiede.“
„Den wir bis jetzt von den Chasaren für teures Geld kaufen“, wagte es Haraldr zu unterbrechen.
Der König war von ihm nichts anderes gewohnt und nahm es hin. „Die Preise steigen von Jahr zu Jahr. Im Gegenzug bekommen wir immer weniger Silberdirhams für unsere Waren. Warum also bezahlen, was wir uns auch nehmen können?“
Einhellige Zustimmung erfüllte den Raum.
„Nicht viele von uns erinnern sich noch an den damaligen Raubzug. Helge hier“, er wies auf den weißbärtigen Mann neben ihm, auf der seiner Frau gegenüberliegenden Tischseite, „kann uns alles über die Wegstrecke und das Særkland berichten. Aus dem gleichen Grund habe ich auch unsere tapfere Wigbjorg hierher kommen lassen. Wigbjorg, wie ich gehört habe, hast du eine Thrallfrau aus dem Land der Chasaren.“ Es war keine Frage, es war eine Feststellung.
Sie nickte. „Ja. Zizak ist meine Dienerin. Sie ist die Tochter eines chasarischen Kaufmanns. Ich habe sie vor vier Jahren von einem petschenegischen Sklavenhändler erbeutet. Ihre Familie stammt direkt vom Chasarischen Meer.“
„Und zusammen mit jener Sklavin kam auch der Gegenstand zu dir, um den ich dich gebeten habe, nicht wahr? Hast du ihn dabei?“
Wigbjorg wies auf das auf dem Tisch liegende Päckchen.
„Zeige ihn uns!“
Vorsichtig wickelte sie das Wachtuch aus und förderte ein mehrfach zusammengefaltetes Pergament zutage. Behutsam begann sie, es auf dem Tisch zu entfalten. Die Männer am Tisch beugten sich vor, um einen Blick darauf zu werfen. Es waren Linien und bunte Flächen darauf zu erkennen, Zeich nungen und kleine Kreise neben Schriftzeichen, die keiner von ihnen entziffern konnte, auch wenn das Licht in der Halle besser gewesen wäre. Hier und da war die Oberfläche fleckig, als wäre Flüssigkeit darauf gespritzt, Meer- oder Regenwasser vielleicht, möglicherweise auch Bier. „Eine Landkarte“, bemerkte jemand. Landkarten waren selten und teuer. Nur die allerwenigsten Menschen konnten sie lesen oder besaßen gar eine.
„Wer braucht schon so einen Firlefanz!“ war denn auch einer der deutlich vernehmbaren Kommentare. Er stammte von einem breit gebauten Mann, der Wigbjorg spöttisch musterte.
„Halt den Mund, Farulf“, fuhr Sveneld ihn an.
„Lass mich sehen!“, befahl Ingvar, alle Einwürfe weiterhin ignorierend.
Wigbjorg brachte die Karte an das obere Tischende, legte sie zwischen den grauhaarigen König und den weißhaarigen Veteranen und blieb hinter ihren Stühlen stehen.
„Kannst du etwas darauf wiedererkennen, Helge?“, fragte Ingvar.
Der Angesprochene runzelte die Stirn und drehte die Karte auf dem Tisch hin und her, murmelte dabei etwas, schüttelte den Kopf und drehte sie erneut. Er schürzte seine dünnen Lippen zu einer knittrigen Falte, wie jemand, der scharf nachdenkt, aber nur mit Mühe zu einem Ergebnis kommt.
„Die grünen Linien sind Flüsse“, half ihm Wigbjorg. „Die braunen Kreise sind kleinere Städte, die sternenförmigen Dinger sind große Städte und die roten Halbkreise Berge.“
Helge tat, als habe er sie nicht gehört. Eine Karte zu lesen war eine Kunst und die meisten Menschen hatten in ihrem Leben noch nie eine zu Gesicht bekommen. Andererseits war den meisten Kaufleuten im Laufe ihres Lebens schon eine mehr oder weniger schematische geographische Skizze in die Hände gefallen. Ein Krieger, der auf Raubzüge in weit entfernte, fremde Länder zog, musste ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen haben. Und Helge war beides, Händler und Krieger. Schließlich entspannten sich seine Gesichtszüge, er nickte und zeigte auf einen der braunen Kreise und die Darstellung einiger Häuser und Schiffe daneben. „Das hier muss Itil mit seinem Hafen sein“, sagte er. „Ich erinnere mich noch gut. Wir sind damals bis nach Baku und sogar in das südliche Seidenland, nach Persien, gefahren.“
„Kannst du die Schrift lesen?“, fragte der König ihn. Der alte Mann verneinte. „Diese Gekritzel?“, fragte er zurück, als ob es die Schrift sei, die an seiner Unkenntnis Schuld trug.
„Und du?“, fragte Ingvar nun Wigbjorg.
„Nein. Es ist Arabisch. Die Karte stammt aus Baghdad. Aber Zizak kann die Beschriftung lesen, sagt sie. Und sie hat mir ein paar der Namen erklärt.“
„Dann erläutere sie uns! Hat Helge Recht? Ist dies die Stadt Itil?“
„Das muss sie sein. Sie liegt direkt am Chasarischen Meer. Hier.“ Sie zeigte auf eine blau schraffierte Fläche, die von einer geschwungenen Linie eingerahmt war, außerhalb deren lauter Kreise mit derselben für sie unleserlichen Beschriftung gemalt waren.
Der König nickte und fuhr fort: „Meine Frage lautet: Wie schicken wir am einfachsten eine Flotte von hier in das Chasarische Meer und weiter in das Særkland? Asmud!“ Er sah zu seinem Vertrauten. „Du warst schon in Itil, um dort Waren zu verkaufen. Wie seid Ihr dorthin gekommen? Wigbjorg, du zeigst mir gleichzeitig die entsprechenden Orte auf der Karte! Wo ist Kænugard2?“
„Hier.“ Sie wies auf einen kleinen Fleck neben einer langen grünen Linie. „Das ist der Fluss Dnepr.“
Asmud begann: „Zuerst ruderten wir den Dnepr hinab zum Skythischen Meer, die gleiche Strecke, als ob wir nach Miklagard fahren würden, wobei wir, wie ihr euch alle vom letzten Jahr sicherlich noch gut erinnern könnt, die Schiffe immer wieder an den Stromschnellen vorbei über Land tragen mussten.“
