Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Ein herzerwärmender low-angst Liebesroman über die Liebe, die direkt vor der eigenen Haustür wartet. Manchmal muss man sich nur trauen, eine Tür zu öffnen… Tätowiererin Riley Foster ist gerade umgezogen und trifft auf Kim Jackson, ihre temperamentvolle, alleinerziehende Nachbarin und Bäckerin. Riley ist sofort fasziniert, doch sie will sich nicht in eine vermeintlich "straighte" Frau verlieben. Je besser sie Kim und ihren Sohn kennenlernt, desto unmöglicher wird es, ihre Gefühle zu unterdrücken. Als Riley sogar als Kims "Schein-Freundin" herhalten muss, um deren Familie abzuwehren, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Was als harmloser Schwindel beginnt, lässt Kims Welt Kopf stehen und die Spannung zwischen den Frauen ist kaum noch zu leugnen. Lohnt es sich, alles aufs Spiel zu setzen, wenn Riley vielleicht die Einzige ist, die mehr empfindet?
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 398
Veröffentlichungsjahr: 2026
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Inhaltsverzeichnis
Über das Buch
Über Rachael Sommers
Von Rachael Sommers außerdem lieferbar
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Epilog
Danksagung
Ebenfalls im Ylva Verlag erschienen
Über das Buch
Manchmal muss man sich nur trauen, eine Tür zu öffnen …
Tätowiererin Riley Foster ist gerade umgezogen und trifft auf Kim Jackson, ihre temperamentvolle, alleinerziehende Nachbarin und Bäckerin. Riley ist sofort fasziniert, doch sie will sich nicht in eine vermeintlich „straighte“ Frau verlieben. Je besser sie Kim und ihren Sohn kennenlernt, desto unmöglicher wird es, ihre Gefühle zu unterdrücken.
Als Riley sogar als Kims „Schein-Freundin“ herhalten muss, um deren Familie abzuwehren, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Was als harmloser Schwindel beginnt, lässt Kims Welt Kopf stehen und die Spannung zwischen den Frauen ist kaum noch zu leugnen. Lohnt es sich, alles aufs Spiel zu setzen, wenn Riley vielleicht die Einzige ist, die mehr empfindet?
Ein herzerwärmender low-angst Liebesroman über die Liebe, die direkt vor der eigenen Haustür wartet.
Über Rachael Sommers
Rachael Sommer wurde im Nordwesten Englands geboren und ist dort auch aufgewachsen. Mit dreizehn hat sie ihre erste Geschichte geschrieben und seitdem nicht mehr aufgehört. Sie hat einen Abschluss in Biologie und arbeitet im Moment im Bildungswesen, träumt aber ständig davon, die Welt zu bereisen. In ihrer Freizeit geht sie gerne reiten, spielt Brettspiele, besucht Escape Rooms, und natürlich liebt sie Bücher.
Von Rachael Sommers außerdem lieferbar
Heißkalte Chemie
Glück trifft Liebe
Sag niemals »Nein« zum Glück
Zwei Türen, ein Herzschlag
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
1. Auflage
Taschenbuchausgabe 2026 bei Ylva Verlag, e.Kfr.
ISBN: 978-3-69006-118-6
E-Book-Ausgabe 2026 bei Ylva Verlag, e.Kfr.
ISBN (E-Book): 978-3-69006-119-3
ISBN (PDF): 978-3-69006-120-9
Dieser Titel ist als Taschenbuch und E-Book erschienen.
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Copyright © der Originalausgabe 2024 bei Ylva Publishing
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2026 bei Ylva Verlag
Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.
Übersetzerin: Uta Stanek
Übersetzungslektorat: Silke Reutler
Satz & Layout: Ylva Verlag e.Kfr.
Bildrechte Umschlagillustration vermittelt durch Shutterstock LLC; iStock; AdobeStock
Grafiken vermittelt durch Freepik
Coverdesign: Streetlight Graphics
Kontakt:
Ylva Verlag, e.Kfr.
Inhaberin: Astrid Ohletz
Am Kirschgarten 2
65830 Kriftel
Tel: 06192/9615540
Fax: 06192/8076010
www.ylva-verlag.de
Amtsgericht Frankfurt am Main HRA 46713
Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich an: [email protected]
Kapitel 1
»Können wir uns den neuen Matilda-Film anschauen, bevor ich zu Dad muss?« Tyler schob das Skateboard auf seiner Schulter höher, während er und Kim auf den Fahrstuhl warteten. »Der läuft jetzt auf Netflix.«
Nichts wollte Kim lieber tun als das. Sie hatten es nicht geschafft, sich den neuen Film im Kino anzusehen, und das Original war als Kind einer ihrer Lieblingsfilme gewesen. Sie hoffte, dass es ein ebenso bedeutsames Erlebnis sein würde, die Neuverfilmung zusammen mit ihrem Sohn anzuschauen. Aber … »Das kommt darauf an. Hast du deine Hausaufgaben gemacht?«
Tylers abgrundtiefes Seufzen, als sie in den Fahrstuhl stiegen, verriet Kim alles, was sie wissen musste. Manchmal war es echt nervig, ein verantwortungsvolles Elternteil für einen Neunjährigen sein zu müssen. »Das heißt also nein?«
»Die kann ich später noch machen.«
»Keine Chance. Wir können uns den Film danach ansehen.« Wenn sie dafür noch Zeit hatten, bevor John ihn abholte – ansonsten würden sie bis nächste Woche damit warten müssen.
Als sich die Fahrstuhltüren im vierten Stock öffneten, wurden sie von einem Haufen Umzugskartons und Möbeln begrüßt. Die Wohnung neben ihrer hatte ein paar Monate leer gestanden, nachdem Mrs Wood in ein Seniorenheim in der Nähe ihrer Familie gezogen war, und Kim hoffte auf einen ebenso netten neuen Mieter.
Die Kartons waren mit den üblichen Beschriftungen wie »Küche« und »Schlafzimmer« versehen, doch unter den ganzen gestapelten Kisten war eine etwas größere, auf der »Schallplatten« stand, die ihr Interesse weckte. Ihre eigene Sammlung verstaubte unten in ihrem Kleiderschrank; vielleicht war es Zeit, sie mal wieder hervorzukramen.
Als sie über einen Karton stieg und in ihrer Tasche nach dem Schlüssel suchte, drang ein Bellen aus der 4C.
O nein.
Tylers Kopf flog herum und seine Augen weiteten sich.
Kim unterdrückte ein Stöhnen. Seit sein bester Freund vor ein paar Monaten einen Welpen geschenkt bekommen hatte, lag er ihr mit dem Wunsch nach einem eigenen Hund in den Ohren. Würde das noch schlimmer werden, wenn er erst den Hund von nebenan kennengelernt hätte?
»Können wir kurz rübergehen und hallo sagen, Mom?« Mit flehendem Blick drehte er sich zu ihr um.
»Du musst Hausaufgaben machen.« Kim stieß ihre Wohnungstür auf.
»Aber –«
Was auch immer Tyler hatte sagen wollen, war vergessen, als ein braunweißer Hund aus der 4C sprang, geradewegs auf Tyler zuschoss und ihn beinahe von den Füßen gerissen hätte. Der Hund war halb so groß wie Tyler, und Kim erstarrte innerlich. Hoffentlich war das Tier freundlich.
Sie hätte sich allerdings keine Sorgen machen müssen – der Schwanz des Hundes wedelte wild hin und her, und Tyler kicherte, als das Tier ihm die Hand ableckte.
»Cari!«, rief eine Stimme aus der Wohnung 4C, gefolgt vom Geräusch hastiger Schritte. »Komm wieder rein, du kleine … Oh.« Eine weiße Frau war aus der Tür gestürmt und blieb abrupt vor Kim und Tyler stehen. »Tut mir leid. Sie ist einfach abgehauen.« Die Frau griff nach dem Halsband und zog die Hündin von Tyler weg.
Kim betrachtete ihre neue Nachbarin. Wow.
Eine rote Beanie bedeckte zur Hälfte die kurzen, blonden Haare. Die Farbe der Mütze passte zu ihren roten Wangen. Vermutlich war sie Mitte zwanzig, ein paar Jahre jünger als Kim, und hübsch, mit umwerfenden blauen Augen. Die Frau lächelte sie zaghaft an, während sie das Hundehalsband fester packte. Das graue Tanktop gab den Blick auf trainierte Arme voller Tattoos frei, und Kim konnte durch die großen Löcher der zerrissenen Jeans noch mehr davon auf ihren Beinen erkennen.
»Schon okay«, sagte Tyler, der enttäuscht wirkte, dass die Hündin auf Abstand gehalten wurde. »Darf ich sie streicheln?«
Als die Frau ihr einen Blick zuwarf, zuckte Kim die Schultern. Ihrer Meinung nach war die Sache jetzt ohnehin gelaufen. Für den Rest des Tages würde Tyler sowieso nur noch von einem Welpen reden.
»Klar. Aber ich werde mir Mühe geben, dass sie sich diesmal benimmt. Sitz, Cari.«
Die Hündin gehorchte, und ihr Schwanz wischte hektisch über den Holzboden. Die Frau ließ das Halsband los. Als Tyler sich der Hündin näherte, wedelte sie noch schneller mit dem Schwanz.
»Das ist ein schöner Name.« Tyler legte sein Skateboard weg, um die Hündin mit beiden Händen streicheln zu können – eine gewaltige Ehre. Die meiste Zeit war er so gut wie mit dem Board verwachsen. »Was für eine Rasse ist sie?«
»Sie ist ein Mischling«, sagte die Frau. »Ich habe sie von der Straße geholt, also habe ich keine Ahnung. Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, zum Teil Labrador, zum Teil Terrier und zum Teil Spaniel. Ich habe mal darüber nachgedacht, so einen DNA-Test für Hunde zu machen, um es genau zu wissen, bin aber noch nicht dazu gekommen.«
»Na ja, egal, sie ist trotzdem süß«, sagte Tyler und ließ sich auf die Knie sinken, um sich nicht die ganze Zeit runterbeugen zu müssen.
»Und das weiß sie auch.« Die Frau lächelte. »Ich bin Riley«, sagte sie an Kim gewandt und streckte ihr die Hand entgegen. »Wie du wahrscheinlich schon vermutet hast, bin ich die neue Nachbarin.«
»Tatsächlich? Du ziehst hier ein?« Kim hob eine Augenbraue, während sie Rileys Hand schüttelte. »Ist mir gar nicht aufgefallen.«
Riley grinste. »Eine gute Beobachtungsgabe zählt wohl nicht zu deinen Stärken?«
»Mir wurde schon gesagt, dass ich daran arbeiten muss. Ich bin Kim. Und da er offensichtlich zu beschäftigt ist, mit dem Hund zu spielen, um sich selbst vorzustellen: Das ist Tyler. Willkommen im Haus.«
»Danke.« Riley warf einen Blick auf Cari, die auf dem Rücken lag, alle viere von sich gestreckt, während Tyler ihr den Bauch kraulte. »Ich glaube, sie fühlt sich schon wie zu Hause.«
»Sieht ganz danach aus.«
Während Riley voller Zuneigung Cari betrachtete, musterte Kim ihre neue Nachbarin. Zugegeben, die Tätowierungen waren cool. Sie hatte Tattoos schon immer bewundert, war jedoch zu feige, sich selbst eins stechen zu lassen. Manche Menschen fanden so viel Tinte auf der Haut sicher furchteinflößend, aber Rileys Gesicht wirkte freundlich, fast etwas schüchtern. Kim hatte das Gefühl, dass sie schnell Freundinnen werden würden.
Nicht zuletzt, weil Tyler ihre Hündin streicheln wollen würde, wann immer sie sich über den Weg liefen.
Lebte Riley allein? An ihrem Finger steckte kein Ring, was jedoch nicht unbedingt etwas bedeuten musste.
»Ich –«, setzte Riley an, als noch jemand hinter Riley aus der 4C trat.
»Hey! Als wir angeboten haben, dir beim Einzug zu helfen, meinten wir damit eigentlich nicht, dass wir die ganze Arbeit machen, während du dich mit hübschen Frauen im Hausflur unterhältst.«
Hitze schoss Kim in die Wangen. Nun, das beantwortete wohl die Frage, ob Riley single war.
Riley schien unbeeindruckt. »Nicht? Sind kleine Schwestern nicht genau dafür da?«
Kim hätte selbst darauf kommen können, dass die beiden Geschwister waren. Obwohl Rileys Schwester wuschelige, rote Locken hatte, hatten sie die gleiche schlaksige Figur, ebenfalls blasse weiße Haut und strahlend blaue Augen.
Rileys Schwester streckte ihr die Zunge raus und verdrehte die Augen, bevor sie wieder in der Wohnung verschwand.
»Ich mache mich wohl besser daran«, Riley wandte sich wieder an Kim, »die ganzen Stolperfallen zu beseitigen.« Sie deutete auf die Sachen, die über den ganzen Boden verteilt waren.
»Mhm. Ich würde mich darum kümmern, bevor Ms Watkins das zu Gesicht bekommt.«
Verwirrung zeichnete sich auf Rileys Gesicht ab. »Ms Watkins?«
»4A.« Tyler zeigte auf die Tür auf der anderen Seite des Flurs. »Sie ist gruselig«, flüsterte er.
»Von wie gruselig reden wir hier, Kumpel?«
»Oh, das wirst du schon bald selbst herausfinden.« Kim lachte, als Riley große Augen machte. »Keine Sorge, sie ist harmlos. Sie neigt nur dazu, sich in die Angelegenheiten anderer einzumischen.«
»Ah. Da, wo ich vorher gewohnt habe, gab’s auch so jemanden. Der hat immer die Pakete von anderen Leuten geklaut.«
»So übel ist sie nicht. Sie wird sich nur bei dir beschweren, wenn du zu laut bist.«
Riley schnaubte.
»Riley.« Eine weitere weiße Frau steckte den Kopf aus der Wohnungstür von 4C. Sie hatte dunkle, raspelkurze Haare und eine tätowierte Blumenranke schlängelte sich über ihr Handgelenk. »Wenn du nicht bald reinkommst, fängt Bea an, deine Sachen für dich auszupacken. Und sie wird sie an die abstrusesten Stellen räumen, nur um dich zu ärgern.«
»Okay, okay, ich komme, Ash.« Riley hob sich die Kiste mit den Schallplatten auf die Hüfte und stieß einen Pfiff aus.
Cari sprang auf die Füße.
»Sag auf Wiedersehen zu Tyler, Cari.«
»Tschüss«, sagte Tyler und wirkte bereits bedrückt, als er die Hündin ein letztes Mal streichelte.
»Wir sehen uns. Na komm, Cari.«
Cari folgte Riley zurück in ihre Wohnung.
Als Kim ihre eigene Wohnung betrat, bohrte sich Tylers Blick in ihren Rücken.
Sie ließ ihre Tasche aufs Sofa fallen und wappnete sich für das Unvermeidliche.
»Mom, darf ich einen Hund haben?«
Seufzend trat sich Kim die Schuhe von den Füßen. Sie würde eine Ewigkeit brauchen, um Tyler dazu zu bekommen, sich an seine Hausaufgaben zu setzen. »Nein.«
»Warum nicht?«
»Weil wir in einer Wohnung leben –«
»Riley auch«, unterbrach Tyler sie, »und sie hat trotzdem einen.«
»Und er wäre den ganzen Tag über allein, was dem armen Tier gegenüber nicht fair wäre.«
Tyler sah niedergeschlagen aus, aber er würde darüber hinwegkommen. Diese Unterhaltung führten sie nicht zum ersten Mal. Und jetzt, wo Riley und Cari nebenan wohnten, führten sie sie vermutlich auch nicht zum letzten Mal.
»Was ist mit einer Katze?« Tyler versuchte es mit einem neuen Ansatz, als er Kim in die Küche folgte.
»Wie wäre es mit einem Goldfisch?«
»Goldfische sind langweilig.«
»Mhm, aber sie machen viel weniger Arbeit, und wir beide wissen, dass ich die meiste davon übernehmen würde.« Kim drückte ihm einen Kuss auf den Scheitel.
»Ich wette, Dad würde mir einen Hund erlauben.«
»Warum fragst du ihn dann nicht, wenn er dich später abholt?« Kim sah auf ihre Armbanduhr. »Apropos … wenn du dir Matilda noch ansehen willst, setzt du dich jetzt besser an deine Hausaufgaben.«
Wieder stieß Tyler ein abgrundtiefes Seufzen aus – schon jetzt sah Kim seiner Teenagerzeit nicht besonders freudig entgegen –, ehe er in sein Zimmer stapfte.
~ ~ ~
Riley schleppte die letzten Umzugskisten in die Wohnung und stellte sie neben den anderen ab.
»Bitte sag mir, dass das die letzten waren«, sagte Bea vom Boden aus, wo sie ausgestreckt auf dem Rücken lag, den Kopf in Ashs Schoß gebettet. »Ich kann nicht mehr.«
»Du bist so eine Dramaqueen.« Riley stupste ihre Schwester mit dem nackten Fuß am Oberschenkel an. »So viele Kartons waren es doch gar nicht.«
Bea hob den Kopf und starrte sie finster an. »Machst du Witze? Sieh dich doch mal um, Riley. Du hast definitiv zu viel Zeug.«
»Und du nicht?« Riley wusste ganz genau, dass Bea mindestens so viele Sachen wie Riley besaß – sie hatte den Inhalt ihres Kleiderschranks gesehen.
»Nein.«
»Oh, bitte. Außerdem ist das alles deine Schuld, weil du mich aus deiner Wohnung geworfen hast.«
Bea klappte die Kinnlade runter. »Ich habe dich nicht rausgeworfen! Du wolltest ausziehen!«
»Weil ich die Nase voll von euch zwei Turteltauben habe.« Riley konnte nicht so tun, als wäre sie deswegen sauer. Sie war froh, dass Bea glücklich war – und dass sie selber endlich eine Wohnung hatte, die ihr allein gehörte, obwohl sie Zeit brauchen würde, sich daran zu gewöhnen. Riley hatte noch nie allein gewohnt.
»Bitte«, gab Ash grinsend zurück. »Du liebst uns doch.«
»Das tue ich«, sagte Riley. »Aber ihr müsst nicht bleiben. Ihr solltet gehen. Genießt es, dass ihr die Wohnung für euch allein habt.«
Bea und Ash wechselten einen Blick.
»Du willst nicht, dass wir noch bleiben?«, fragte Ash. »Vielleicht eine Pizza bestellen oder so?«
Riley schüttelte den Kopf. »Im Ernst, geht schon. Ich muss sowieso anfangen auszupacken.« Vor lauter Kartons konnte man den Holzboden kaum sehen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Cari anfangen würde, in den Kisten zu wühlen, anstatt um sie herumzuschleichen.
»Wir können dir helfen«, bot Bea an.
»Nee. Das mache ich lieber selbst – dann weiß ich wenigstens, wo alles ist.«
Trotzdem zögerten Bea und Ash, sich zu verabschieden.
»Wir wollen nicht, dass du einsam bist«, sagte Bea. Zwischen ihren Augenbrauen hatte sich eine kleine Furche gebildet.
»Ich komme schon klar, okay? Ich bin ein großes Mädchen. Und ich habe Cari.«
Nicht, dass Cari ihr gerade besonders gut Gesellschaft leistete. Sie hatte sich für ein Nickerchen auf ihrem Lieblingssessel zusammengerollt und schnarchte vor sich hin.
»Okay.« Bea kam auf die Füße. »Aber morgen treffen wir uns zum Mittagessen, oder?«
»Das würde ich mir doch nicht entgehen lassen.« Zum Abschied umarmte Riley die beiden.
Sobald sie gegangen waren, gab sie sich alle Mühe, die allumfassende Stille in ihrer Wohnung zu ignorieren.
Sie atmete einmal tief durch. Seit Jahren hatte Riley auf diesen Moment hingearbeitet, sich jeden Cent vom Mund abgespart, und jetzt war sie hier. Ihr Blick wanderte durch die Wohnung und sie konnte kaum glauben, dass all das jetzt ihr gehörte. Schon bei der ersten Besichtigung hatte sie sich sofort in die offene Küche, das lichtdurchflutete Wohnzimmer und die großen Erkerfenster mit Blick über die Stadt verliebt. Auch wenn sich die Wohnung nur im vierten Stock befand, war der Blick über die Stadt atemberaubend. Die Wintersonne tauchte die Räume in ein sanftes, fast magisches Licht.
Die Wohnung hatte zwei Schlafzimmer, von denen sie eins als Abstellraum nutzen würde. In ihrem Schlafzimmer befand sich bislang nur das Bett, das sie aus Beas und Ashs Wohnung mitgenommen hatte und das sie in einer halben Stunde hier wieder zusammengebaut hatten. Selbst wenn sie heute sonst nicht mehr viel schaffen sollte, würde sie wenigstens irgendwo schlafen können.
Oberste Priorität hatte jetzt ihr Schallplattenspieler, den sie in einer Ecke des Wohnzimmers aufbaute. Er war eins ihrer liebsten Fundstücke aus einem Secondhandladen, und Riley freute sich darauf, ihn von nun an öfter benutzen zu können, als es ihr während ihrer WG-Zeit mit Bea und Ash möglich gewesen war. Man konnte mit absoluter Sicherheit sagen, dass sie nicht denselben Musikgeschmack hatten, so sehr Riley sich über die Jahre auch bemüht hatte, die beiden zu bekehren.
Sobald der Schallplattenspieler an Ort und Stelle stand, legte Riley behutsam eine ihrer Lieblingsplatten – Nevermind – auf und drehte die Lautstärke hoch – wenn auch nicht zu hoch. Sie wollte ihre neuen Nachbarn nicht direkt am ersten Tag zu sehr auf den Geist gehen. Dass Cari aus ihrer Wohnung gelaufen war, um sich ihnen aufzudrängen, war schon schlimm genug gewesen, obwohl zumindest Tyler nichts dagegen zu haben schien.
Die Hände in die Hüften gestemmt, stand Riley jetzt mitten im Zimmer und hatte keine Ahnung, wo sie anfangen sollte. Wie hatte sie in den vergangenen Jahren nur so viel Zeug ansammeln können? Und wo sollte sie den ganzen Krempel verstauen?
~ ~ ~
Riley hatte sich gerade durch drei weitere Umzugskisten gearbeitet, als Cari voller Energie von ihrem Nickerchen erwachte, auf Riley zuhüpfte und sie mit großen, braunen Augen anstarrte.
Seufzend hörte Riley mit dem Auspacken auf. Sie schnappte sich ihre Jacke und Caris Leine, befestigte sie an ihrem Halsband und ließ sich in den Hausflur ziehen.
Es war früher Abend und die Luft in Seattle dementsprechend kühl. In dieser zweiten Januarwoche hatte der Winter endgültig Einzug gehalten, und bei jedem Schritt, den sie mit ihren Doc Martens machte, spritzte das Wasser aus den Pfützen auf. Sie führte Cari in den Park, der sich gleich um die Ecke von ihrem neuen Zuhause befand. Der unverkennbare Duft von Regen lag in der Luft, und die grauen Wolken am Himmel ließen vermuten, dass da noch mehr kommen würde.
»Ich hoffe, dir gefällt es hier«, sagte sie, als Cari an einem Baumstamm schnüffelte, wahrscheinlich auf der Suche nach der Fährte eines Eichhörnchens.
Auch für Cari bedeutete die neue Wohnung eine einschneidende Veränderung; sie hatte noch nie irgendwo anders gewohnt, und Riley hoffte inständig, dass Cari Bea und Ash nicht zu sehr vermissen würde. Wenigstens war ihre alte Wohnung nah genug für gelegentliche Besuche. Riley war es wichtig gewesen, weiterhin mit Cari zur Arbeit laufen zu können, deshalb war sie nur ein paar Blocks weiter gezogen.
Das bedeutete, dass sich auch ihre Lieblingspizzeria noch in der Nähe befand, und sobald Cari ihr Geschäft erledigt hatte, machte Riley auf dem Heimweg noch einen kurzen Abstecher dorthin, um eine Pizza mitzunehmen.
Im Fahrstuhl hoch in den vierten Stock brachte der würzige Duft der Salamipizza aus der Schachtel Rileys Magen zum Knurren. Dem hoffnungsvollen Blick in ihren Augen nach zu urteilen, war Cari ebenfalls hungrig.
»Auf gar keinen Fall bekommst du ein Stück davon ab«, wies Riley sie zurecht. »Du weißt, dass du dich an Bea halten musst, wenn du was vom Esstisch haben willst.«
Sie wusste genau, dass Hunde nicht schmollen konnten, und doch sah Cari in diesem Moment so beleidigt aus, dass sie fast lachen musste. Ihr Hund hatte ganz eindeutig eine Schnute gezogen.
Als die Fahrstuhltüren aufglitten, stand Kim in der offenen Tür zu ihrer Wohnung und unterhielt sich mit einem großen, weißen Mann mit dunklen Haaren. Unter seinem Arm klemmte eine kleine Reisetasche.
Tyler lehnte an der Wand neben dem Mann. Seine grünen Augen leuchteten auf, als er sie bemerkte. »Cari!«
Cari stürmte los – wie ein Wirbelwind auf vier Pfoten – und zog Riley dabei fast durch den ganzen Flur. Als sie endlich bei Tyler ankam, warf der sich lachend auf die Knie, um sie zu begrüßen. Seine braunen Locken fielen ihm dabei in die Stirn.
Der Mann sah Tyler missbilligend an. »Tyler, hör auf, die nette Dame und ihren Hund zu belästigen.«
»Oh, schon gut«, sagte Riley. »Sieht so aus, als wäre er ihr neuer Lieblingsmensch.«
Cari, die normalerweise sehr wählerisch war, wenn es um Zuneigung von Fremden ging, ließ sich gerne von Tyler kraulen. Und der Junge schien ebenfalls total vernarrt in sie zu sein.
»Sie ist mein Lieblingshund«, sagte er leise und mit viel Wärme in der Stimme.
»Wie dem auch sei, wir machen uns besser auf den Weg, Tyler«, sagte der Mann.
Tyler seufzte und stand langsam auf.
»Vergiss sein Fußballtraining am Mittwoch nicht«, sagte Kim.
»Du meinst das Fußballtraining nach der Schule, zu dem er seit drei Wochen geht?« Seine Stimme klang gleichermaßen empört wie amüsiert. »Ehrlich, Kim, manchmal glaube ich, dass du mich für einen Trottel hältst.«
»Dazu sage ich besser nichts«, meinte Kim. »Benimm dich, Tyler.«
»Mach ich immer.«
»Bekomme ich zum Abschied eine Umarmung?«
»Ich denke schon«, sagte Tyler mit einem frechen Grinsen. »Bye, Mom. Wir sehen uns nächstes Wochenende.« Er beugte sich herunter, um Cari ein letztes Mal zu streicheln, bevor er seinem Vater zum Fahrstuhl folgte. »Bye, Cari! Bye, Riley.«
»Wir sehen uns, Kumpel.« Mit der linken Hand griff Riley in ihrer Gesäßtasche, um ihren Wohnungsschlüssel herauszuziehen – der sich aber irgendwie nur schwer fassen ließ –, während sie mit der rechten Hand die Pizzaschachtel balancierte.
»Brauchst du Hilfe?«
Riley drehte sich um.
Kim sah sie mit einem Grinsen an.
»Nein, ich komme schon klar.« Riley bekam den Schlüsselring zu fassen, hielt ihn hoch und grinste triumphierend. »Siehst du? Kein Problem.«
»Stimmt, das sah wirklich kinderleicht aus. Sehr elegant.« Kims Stimme klang trocken, ihre grünen Augen funkelten amüsiert.
Riley grinste. Ihre neue Nachbarin war atemberaubend – ein paar Zentimeter kleiner als sie selbst und mit Kurven ausgestattet, für die andere ihre Seele verkaufen würden. Ihre braunen Haare fielen ihr in weichen Wellen über ihre Schultern und ihre Haut war hell wie Porzellan.
Schnell wandte Riley den Blick ab, bevor sie beim Starren ertappt werden konnte. Sie wollte auf keinen Fall unhöflich wirken. Oder schlimmer: dass Kim merkte, wie intensiv Riley sie gerade abgecheckt hatte. Was total unangebracht war. Sie hatten sich gerade erst kennengelernt, und auch wenn Bea sie geneckt hatte – von wegen Flirt auf den ersten Blick – wollte Riley sich keinesfalls einbilden, dass da mehr war.
»Was soll ich sagen? Elegant ist mein zweiter Vorname.« Als hätte es das Universum auf sie abgesehen, wäre ihr beinahe die Pizza runtergefallen, als sie versuchte, die Tür aufzuschließen.
Kim trat vor, um nach dem Pizzakarton zu greifen, damit Cari kein All-you-can-eat-Buffet auf den Kopf fiel. »Elegant, hm?«
»Normalerweise bin ich sogar noch eleganter.« Nachdem Riley die Tür aufgeschlossen hatte, stieß sie sie mit dem Fuß auf und löste die Leine von Caris Halsband, damit sie hineinlaufen konnte. »Danke, dass du meine Pizza gerettet hast«, sagte Riley und schwenkte die Schachtel. »Darf ich dir ein Stück als Dankeschön anbieten?«
»Ich habe schon gegessen.«
Riley versuchte, sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. »Vielleicht beim nächsten Mal.«
»Vielleicht«, antwortete Kim, während sie sich zu ihrer eigenen Wohnungstür umdrehte. »Einen schönen Abend noch, Riley.«
»Dir auch.«
Riley warf Kim einen letzten Blick zu, bevor sie die Tür leise hinter sich schloss. Sie würde sich hier bestimmt wohlfühlen.
Kapitel 2
Am nächsten Tag war Riley wieder bei der Arbeit. Routiniert führte sie die Tätowiermaschine über die Haut ihres Kunden, während das leise, gleichmäßige Summen zu hören war.
Das Gesicht ihres Kunden war vor Schmerz verzerrt.
Mit der freien Hand tätschelte Riley seinen Oberschenkel. »Gleich geschafft«, sagte sie. »Brauchst du eine Pause?«
Sam schüttelte den Kopf. »Nein danke. Ich will’s lieber hinter mich bringen.«
»Ich mache so schnell ich kann.«
Riley schob die Zungenspitze zwischen die Zähne, während sie behutsam die letzten Farbtupfer auf Sams Unterarm setzte. Der Schmetterling nahm mit jeder Nuance mehr Gestalt an – Gelb, Weiß, Violett und Schwarz verschmolzen zu den Farben der nonbinären Flagge. Als sie sich schließlich zurücklehnte, um ihr Werk zu betrachten, lächelte sie.
»Fertig.« Zufrieden legte Riley die Tätowiermaschine beiseite. »Ich mache es noch sauber, dann kannst du es dir anschauen.« Sanft wischte sie mit ihrer bewährten Seifenlösung über Sams Arm, um überschüssige Tinte zu entfernen, und im Licht des Tattoostudios kam der leuchtende Schmetterling zum Vorschein. »So, bitteschön«, sagte Riley, warf das Reinigungstuch in den Mülleimer und zog sich die schwarzen Einweghandschuhe aus.
Sams Augen weiteten sich, als sier das Tattoo auf sich wirken ließ und behutsam mit den Fingerspitzen über die frisch gestochene Haut strich.
Das war der Moment, den Riley an ihrer Arbeit am meisten liebte – und fürchtete. Denn vor dem eigentlichen Tätowieren konnte sie noch so intensiv mit einem Kunden an dem Entwurf feilen, auf der Haut würde er niemals so aussehen wie auf dem Papier. Aber Sams Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hatte Riley einen guten Job gemacht.
Sams Unterlippe bebte. »Es ist fantastisch. Vielen Dank.«
»War es den Schmerz wert?«
»Jep. Obwohl ich nicht glaube, dass du mich so schnell wiedersiehst – nichts für ungut.«
Riley lachte leise. »Kein Problem. Okay für dich, wenn ich davon ein Foto für mein Portfolio mache? Und dann wickle ich Folie drum und erkläre dir noch mal, wie du es pflegen musst.«
»Klar. Kannst du auch eins mit meinem Handy machen? Wenn ich mir die hier so ansehe« – Sam deutete mit einem leichten Nicken auf die Fotos, die Rileys Studiowände schmückten – »fotografierst du viel besser als ich.«
Riley lächelte, als sie Sams Handy entgegennahm. Sie kniete sich hin, fing das Licht richtig ein, wählte den perfekten Winkel – und drückte ab. Als sie Sam das Bild zeigte, nickte dier zufrieden.
Nachdem Riley das Tattoo verbunden und Sam verabschiedet hatte, ging sie in den Pausenraum. Vor ihrem nächsten Kunden brauchte sie dringend Koffein. Montagmorgen waren nie ihre Stärke, aber dieser hier fühlte sich besonders zäh an. Ihr Körper erinnerte sie mit jedem Schritt daran, dass sie das ganze Wochenende damit verbracht hatte, Kartons zu schleppen, Regale aufzubauen und sich mit widerspenstigen Vorhangstangen herumzuschlagen.
Ihr Boss, Stephen, saß bereits am Tisch und winkte ihr zu, als sie eintrat. »Hey, Trouble. Wieder ein zufriedener Kunde?«
»Mhm.« Der verführerische Geruch von Kaffee stieg ihr in die Nase, aber Riley holte sich eine Cola aus dem Kühlschrank, weil sie etwas mit Kohlensäure brauchte. Sie ließ sich auf den Stuhl neben Stephen fallen. »Was ist mit dir? Fertig mit deinem Sleeve?« Seit Wochen arbeitete er an einem Kunden, dessen Sleeve-Tattoo den ganzen Arm überzog und Monate in der Vorbereitung gebraucht hatte.
»Tatsächlich ja! Willst du mal sehen?«
»Klar.«
Er holte sein Handy heraus und zeigte ihr das fertige Kunstwerk.
Riley bewunderte die glatten Linien und die strahlende Farbe. Stephen hatte Riley zwar alles beigebracht, was er wusste, aber das bedeutete nicht, dass sie auch nur annähernd auf seinem Niveau war. Nicht jetzt. Vielleicht noch nicht einmal in ein paar Jahren. Fünfzehn Jahre Erfahrung ließen sich nicht einfach aufholen.
Er war derjenige, dem sie die meisten ihrer eigenen Tattoos anvertraut hatte, nachdem sie stundenlang gemeinsam über den Entwürfen gebrütet hatten.
»Es ist großartig«, sagte Riley bewundernd.
»Genau wie ich«, sagte Stephen.
Riley schnaubte und verdrehte die Augen.
Stephen war mit einem gesunden Selbstbewusstsein ausgestattet. Als 1,95 Meter großer Afroamerikaner, der einen Großteil seiner Zeit damit verbrachte, Gewichte zu stemmen, sollte er das wohl auch sein. Sehr zum Leidwesen seines Ehemanns hatte Stephen mehr als genug Bewunderer.
»Du bist bei mir angestellt«, erinnerte er sie. »Da solltest du netter zu mir sein.«
»Als würdest du mich je vor die Tür setzen.« Riley grinste herausfordernd. »Dafür magst du mich viel zu sehr.«
In dem Moment wurde die Tür geöffnet und eine der anderen Tätowiererinnen, Tess, betrat den Raum. Sie winkte ihnen zur Begrüßung zu. Ihre knallblauen Haare bildeten einen starken Kontrast zu ihrer weißen Haut und zogen regelmäßig Blicke auf sich.
»Ach ja?«, fuhr Stephen fort. »Vielleicht toleriere ich dich auch nur?«
»Ich glaube, ich bin diejenige, die hier viel toleriert«, warf Tess mit einem breiten Grinsen ein.
Riley sah sie empört an. »Machst du Witze? Du bist doch die größte Nervensäge hier.«
»Wie unhöflich. Du liebst mich.« Tess beugte sich grinsend über Rileys Stuhl und zog sie in eine feste Umarmung.
»Sicher doch«, sagte Riley trocken, machte aber keine Anstalten, sich aus der Umarmung zu befreien.
Tess war wie eine zweite Schwester für Riley. Im Gegensatz zu Bea, ihrer leiblichen Schwester, die beim Fußball lieber zuschaute, stand Tess mit Riley gemeinsam auf dem Feld. Und während Bea immer versuchte, Riley für Softball zu gewinnen, hatte Riley längst aufgegeben, so zu tun, als würde sie sich für diese Sportart begeistern können.
Als Tess sich schließlich von ihr löste und sich ein Wasser aus dem Kühlschrank nahm, fragte Riley: »Was macht dein Knie? Der Sturz gestern Abend sah übel aus.«
»Bitte sagt mir nicht, dass ihr euch wieder gegenseitig getackelt habt«, sagte Stephen. »Ich dachte, Spielerinnen einer Mannschaft sollten nett zueinander sein.«
»Als Tess hingefallen ist, war ich nicht mal in ihrer Nähe. Danke der Nachfrage.«
»Das stimmt. Ausnahmsweise war es mal nicht ihre Schuld.«
»Einmal habe ich dich umgerannt. Einmal!«, rief Riley empört.
»Und danach musste ich drei Wochen lang eine Knöchelbandage tragen, falls du dich erinnerst.«
»Was du mir ja seitdem ständig vorhältst«, gab Riley zurück.
Stephen grinste. »Mit euch beiden kommt wirklich keine Langeweile auf.«
~ ~ ~
Kim hatte sich den Montagmorgen wirklich anders vorgestellt. Vierzig Minuten zu spät dran und mit nassem Regenschirm stolperte sie durch die Eingangstür von Cake My Day. Sie schüttelte den Schirm aus und atmete ihre zwei Lieblingsdüfte ein – Kaffee und Gebäck. Eine Umarmung aus Aromen, die ihr Herz augenblicklich ein wenig leichter machte.
Zum Glück war in der Bäckerei gerade nicht viel los. Sie hatte den schlimmsten Teil des morgendlichen Ansturms wohl verpasst, wenn sie sich Tinas erschöpften Gesichtsausdruck ansah. Auf ihrer Wange prangte ein halb verwischter Mehlfleck. Das helle Weiß hob sich deutlich von ihrer dunklen Haut ab.
»Tut mir leid, dass ich zu spät bin«, sagte Kim. »Du hast da etwas Mehl …« Sie zeigte auf Tinas Wange.
»Wann habe ich das mal nicht?« Lächelnd wischte sich Tina die Wange ab. »Alles okay? Normalerweise kommst du nicht zu spät, wenn Tyler nicht bei dir ist.«
»Das stimmt, aber es ist trotzdem seinetwegen. John hat mich angerufen, weil Tyler seine Geschichtshausaufgaben vergessen hat. Ich schwöre, der Junge würde sogar seinen eigenen Kopf vergessen, wenn der nicht angewachsen wäre. Jedenfalls haben mich dann ein paar Leute vom Elternbeirat aufgehalten, als ich ihm die Hausaufgaben in die Schule gebracht habe.«
Tina schauderte. »Das vermisse ich wirklich nicht. Einer der wenigen Vorteile, wenn man Teenager hat, ist, dass man sich nicht länger mit so was herumschlagen muss. Meine beiden würden sterben, wenn ich es wagen würde, mich in ihrer Highschool einzubringen. Obwohl ich ihnen vielleicht damit drohen könnte, wenn sie sich mal wieder weigern, ihre Zimmer aufzuräumen.«
Schmunzelnd verstaute Kim ihre Tasche und ihren Mantel im Hinterzimmer und schnappte sich ihre Schürze. »Sind Drohungen eine gute Erziehungsmethode?«
»Oh, warte nur ab, bis Tyler in der Pubertät ist, Kim. Warte nur ab. Obwohl es mit Jungs vielleicht einfacher ist als mit Mädchen. Und du hast nur ein Kind.«
»Ich glaube nicht, dass ich es mit zweien hinbekommen würde. Vor allem nicht, wenn sie nur ein Jahr auseinander sind. Keine Ahnung, wie Nathan und du das schafft.«
»Ganz ehrlich? Ich auch nicht. Obwohl ich manchmal – nach einem besonders heftigen Streit – wünschte, ich könnte die Zeit wieder zu dem Punkt zurückdrehen, als sie noch Babys waren und keine Widerworte geben konnten.« Tina stieß ein sehnsüchtiges Seufzen aus. »Habe ich dir schon erzählt, dass Sophia jetzt einen Freund hat?«
Kim sah Sophia vor sich, so wie sie mit sechs Jahren ausgesehen hatte: ein neugieriges Mädchen, das mit großen Augen auf einem Hocker gestanden und Tina und Kim beim Backen ›geholfen‹ hatte. »Sie werden so schnell groß.«
»Tyler wird der Nächste sein.«
»Das glaube ich nicht. Er denkt immer noch, dass Mädchen eklig sind.«
Tina schnaubte. »Ja, lass ihn so lange wie möglich in dem Glauben.«
Das hatte Kim fest vor. »War viel los heute Morgen?«
»Geht so. Ich bin zurechtgekommen. Übrigens, am Donnerstag muss ich früher weg – Sophia hat ein Spiel.«
Als sie Cake My Day vor zwei Jahren zusammen mit Tina eröffnet hatte, hatten sie gemeinsam ein System entwickelt, das auf ihre beiden Familien abgestimmt war: Morgens öffnete Tina den Laden, damit Kim Tyler in den Wochen, in denen er bei ihr wohnte, zur Schule bringen konnte. Kim wiederum schloss abends ab, damit Tina früher gehen und Sophia und Brianna nach der Schule zu ihren diversen Aktivitäten fahren konnte.
»Geht klar. Fußball oder Hockey?« Wie Tina und Nathan den Überblick über die Terminkalender ihrer Töchter behielten, würde Kim auf ewig ein Rätsel bleiben.
»Fußball. Naiv wie ich bin, habe ich doch tatsächlich geglaubt, dass mir so was mit zwei Mädchen erspart bleiben würde.«
»Als würdest du ihnen nicht gerne zuschauen.«
»Doch, tue ich, aber neunzig Minuten Fußball an einem Donnerstag? Komm einfach mal mit und halt ein paar Spiele durch, und dann sag mir, dass du dich nicht auch beschweren würdest.«
»Das könnte mir demnächst tatsächlich bevorstehen.«
»Gefällt Tyler das Fußballtraining an der Schule?«
»Und wie. Wird wohl nicht mehr lange dauern, bis er bei einer Mannschaft mitmachen will.«
»Und dann ist es für dich vorbei«, meinte Tina. »Hey, wenn du schon mal einen Vorgeschmack auf die Fußballwelt bekommen willst, darfst du heute Abend gerne zu Sophias Training mitkommen.«
»Zu dumm, dass jemand hierbleiben und den Laden abschließen muss …«
»Wie praktisch für dich.« Tina schlug mit dem Handtuch nach Kim, die lachend zur Seite auswich.
Kims Handy vibrierte viermal kurz hintereinander.
Tina zog die Augenbrauen hoch. »Da ist aber jemand gefragt heute Morgen.«
»Das ist die Dating-App.« Kim schaute aufs Display. »Dieser Kerl ist einer von denen, die gleich vier Nachrichten auf einmal abschicken.«
Tina streckte eine Hand aus. »Ooh, zeig mal her.«
Was das Dating betraf, war Kims Glück eher durchwachsen. Mit einem Seufzen reichte sie ihr Handy an ihre beste Freundin weiter. Ein frischer Blick von Tina war mehr als willkommen. Der Wiedereinstieg ins Datingleben war ihr schwergefallen. Sie hatte John auf dem College kennengelernt, damals, als das noch ohne Apps, Swipes und algorithmische Partnervorschläge ging. Erst vor Kurzem, fast fünf Jahre nach der Scheidung, hatte sie langsam wieder den Mut gefunden, ihre Fühler auszustrecken.
»Er ist süß. Wann trefft ihr euch?«
»Wir haben noch nichts ausgemacht. Wir schreiben erst seit ein paar Tagen miteinander.«
»Sieht aus, als hätte er eine Menge zu sagen«, meinte Tina und scrollte sich durch die Nachrichten.
Kim holte sich ihr Handy zurück, bevor Tina anfing, ihre Kommunikationstechnik zu kritisieren. »Mal sehen, wohin es führt.«
»Er kann nicht schlimmer als der letzte Typ sein.«
»Beschrei es nicht!« Sie hatte so auch schon kaum Glück, auch ohne dass Tina so etwas sagte.
Ergeben hob Tina die Hände. »Okay, okay. Dann lege ich mal mit dem nächsten Blech los, bevor wieder Kunden kommen. Ist es okay, wenn du die Theke übernimmst?«
»Klar.«
Um Viertel nach neun saßen nur noch ein paar Gäste verstreut an den Tischen, vertieft in ihre Laptops. Kim setzte sich auf einen der hohen Hocker an der Theke und lauschte dem vertrauten Klappern der Schüsseln aus der Küche. Ihr Blick glitt durch den Raum, in den Tina und sie in den vergangenen zwei Jahren so viel Herzblut, Schweiß und Tränen investiert hatten.
Der Laden war klein – es gab gerade einmal acht Holztische, die vor den gläsernen Verkaufsvitrinen standen, in denen sie ihre Kuchen und Backwaren wie kleine Kunstwerke präsentierten. Die meisten Kunden kamen, um etwas zum Mitnehmen zu kaufen, weshalb die Größe des Ladens nie ein Problem gewesen war. Im Gegenteil. Für sie beide war sie genau richtig. Überschaubar. Persönlich. Machbar.
Sie hatte nie damit gerechnet, eine Arbeit zu finden, die sie liebte. So lange – fast ihr ganzes Leben lang – hatte sie von einer eigenen Bäckerei geträumt, und manchmal hatte sie immer noch das Gefühl, sich kneifen zu müssen, um zu glauben, dass das hier alles echt war.
Dass dieser Laden wirklich ihr gehörte.
Dass sie es tatsächlich geschafft hatten.
Die Glocke über der Tür bimmelte, und Kim rutschte von ihrem Hocker herunter, um den Kunden mit einem Lächeln zu begrüßen, bereit, den restlichen Tag in Angriff zu nehmen.
Kapitel 3
Als Kim am nächsten Donnerstagabend nach der Arbeit vor ihrer Haustür ankam, blieb sie mit hochgezogener Augenbraue stehen. Auf der anderen Straßenseite schwankte jemand unter dem Gewicht eines Holzschreibtisches gefährlich hin und her. Das Möbelstück schien jeden Moment entweder umzukippen oder einen unschuldigen Passanten auf dem Gehweg zu erschlagen.
Sekunde mal …
Die tätowierten Arme kamen Kim verdammt bekannt vor.
Was zum Teufel machte Riley da?
Es wäre einfach nur grausam gewesen, sie mit diesem Monstrum von Schreibtisch allein zu lassen, also eilte Kim los.
Riley bemerkte Kim erst, als sie schon neben ihr stand, und schenkte ihr ein müdes, schiefes Grinsen.
»Lass mich dir helfen«, bot Kim an.
Zu ihrer Verwunderung schüttelte Riley den Kopf. »Nein danke. Ich komme klar.«
»Meinst du das ernst?«
Riley atmete schwer. Schweiß stand ihr auf der Stirn, und ihre Arme zitterten so sehr, dass selbst der Schreibtisch zu zweifeln schien, ob er es heil an seinen Bestimmungsort schaffen würde. »Mhm. Ich hab’s bis hierher geschafft. Was ist da schon ein halber Block mehr?«
Sie machte noch ein paar weitere, taumelnde Schritte und verfehlte eine ältere Dame mit einem Rollator nur um Haaresbreite.
»Okay, du schaffst das ganz offensichtlich nicht allein.«
Bevor Riley widersprechen konnte, packte Kim entschlossen auf der anderen Seite des wuchtigen Schreibtischs mit an und gemeinsam gelang es ihnen, das sperrige Möbelstück in die Lobby ihres Wohnhauses zu manövrieren.
Kim lehnte sich keuchend gegen die Wand und drückte den Knopf für den Aufzug. »Du nimmst nicht gerne Hilfe an, was?«
Riley wich ihrem Blick aus, während sich die Aufzugtüren öffneten. »Das liegt nicht in meiner Natur.«
Gemeinsam bugsierten sie das Ungetüm in den Aufzug.
»Wie weit hast du das Teil geschleppt?« Mit den Fingerknöcheln klopfte Kim auf die feste Platte des Schreibtischs.
»Zehn Blocks.«
»Zehn Blocks? Ganz allein?!« Kein Wunder, dass sie so aussah, als würde sie gleich zusammenklappen. Das Teil war richtig schwer.
»Der Typ, dem ich ihn abgekauft habe, hat angeboten, ihn für mich zu tragen«, sagte Riley. »Aber er hat angedeutet, dass ich es unmöglich allein schaffen würde, und das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen.«
»Dann bist du also zusätzlich auch noch stur?«
»Wenn es darum geht, zu beweisen, dass ich keinen Mann für irgendwas brauche? Scheiße, ja.«
»Und das ist es dir wert, deinen Rücken kaputt zu machen?«
»Frag mich das morgen früh noch mal.«
Im vierten Stock angekommen, ignorierte Kim Rileys Proteste und half ihr, den Schreibtisch aus dem Fahrstuhl zu tragen.
»Ab jetzt schaffe ich es allein«, sagte Riley, als sie bei ihrer Wohnungstür angelangt waren.
»Jetzt kann ich dir auch noch dabei helfen, ihn in die Wohnung zu tragen.«
Als Riley die Tür aufschloss, sprang Cari ihr geradewegs in die Arme. Ihr Schwanz wedelte so begeistert hin und her, dass es einem Wunder glich, dass sie nicht abhob.
»Oh, ich weiß«, sagte Riley und streichelte der Hündin liebevoll die Flanke. »Ich war so dreist, dich ganz allein hier zurückzulassen. Was für eine Frechheit.«
Cari winselte, und Kim streckte ihr eine Hand entgegen, damit die Hündin beim Näherkommen daran schnüffeln konnte. Anschließend kraulte sie Cari unter dem Kinn. Ihr Fell fühlte sich weich an.
»Hm.« Riley sah Kim nachdenklich an. »Normalerweise ist sie Fremden gegenüber viel misstrauischer.«
»Das sah bei Tyler aber nicht so aus.«
»Nein. Das hat mich auch überrascht.«
»Ich wünschte, sie wäre ihm gegenüber etwas zurückhaltender gewesen – seit er ihr begegnet ist, redet er ununterbrochen von einem eigenen Hund.«
Behutsam schob Riley Cari mit dem Fuß aus dem Weg und packte erneut die Kante des Schreibtischs. »Ist nicht meine Schuld, dass sie so verdammt süß ist.«
Kim folgte Rileys knappen Anweisungen und gemeinsam stellten sie den Schreibtisch an die freie Wand neben das Fenster, durch das das Licht des späten Nachmittags fiel.
»Danke für deine Hilfe«, sagte Riley. »Das wäre nicht nötig gewesen.«
»Ich weiß, aber ich hätte es mir nie verziehen, wenn du dich morgen früh nicht mehr hättest bewegen können.«
Riley grinste. Ihre blauen Augen strahlten im Licht der Nachmittagssonne und Kim hatte das Gefühl, im Meer zu versinken.
Da sie nicht beim Starren ertappt werden wollte, blinzelte Kim und nutzte die Gelegenheit, sich die Wohnung genauer anzuschauen. Sie war vom Grundriss her fast identisch mit ihrer eigenen, doch da endeten die Gemeinsamkeiten auch schon. Während bei ihr alles voller Leben, Farben und Kinderspuren war, war Rileys Wohnung nur spärlich eingerichtet. Die Möbel wirkten zusammengewürfelt. Alles war chaotisch und doch auch wieder irgendwie stimmig.
Offenbar hatte Riley Kims Blick bemerkt, der gerade die dreiteilige Couchgarnitur streifte, die so überhaupt nicht in den Raum passte. Riley verschränkte die Arme vor der Brust. »Es ist ein bisschen exzentrisch eingerichtet, aber es gehört ganz allein mir.«
Sie klang defensiv, und Kim beeilte sich, sie zu besänftigen. »Hey, ich bewerte doch gar nicht. Irgendwie mag ich es – auf seltsame Art und Weise harmoniert alles miteinander. Ist das deine erste eigene Wohnung?«
»Die erste, in der ich allein lebe«, sagte Riley und lehnte sich gegen die Armlehne eines sehr gebraucht aussehenden blauen Ledersessels.
In dem Moment sprang Cari an ihr hoch, stellte sich auf die Hinterbeine und wedelte so heftig mit dem Schwanz, dass ihr ganzer Körper mitschwang. Riley kraulte sie liebevoll hinter den Ohren. »Vorher habe ich mit meiner kleinen Schwester zusammengewohnt.«
Kim erinnerte sich an die junge Frau mit den roten Haaren, die sie vor ein paar Tagen im Hausflur gesehen hatte. »Sie hat dir beim Einzug geholfen, richtig?«
Riley nickte, und ihr Gesichtsausdruck wurde weicher. »Mhm. Bea. Wir haben unser ganzes Leben lang zusammengewohnt, außer als ich aufs College gegangen bin. Ohne sie fühlt es sich komisch an. Zu ruhig.«
»Das kann ich nachempfinden«, sagte Kim leise. »Tyler ist diese Woche bei seinem Vater – so wie jede zweite Woche. Es dauert immer etwas, bis ich mich daran gewöhnt habe, dass er nicht da ist.«
»Oh. Das tut mir leid.«
Kim schüttelte den Kopf. »Das muss es nicht. Wir haben uns schon vor Jahren scheiden lassen. Das war für uns alle drei besser so.«
»Willst du vielleicht noch auf ein Bier bleiben?« In Rileys Stimme schwang etwas Zögerliches mit. »Oder auf ein Glas Wein? Als Dankeschön für deine Hilfe.«
Rileys hoffnungsvoller Gesichtsausdruck erinnerte Kim an die Nächte, in denen Tyler das erste Mal bei seinem Vater übernachtet hatte und sie seltsam einsam gewesen war.
Die Glasur für die Zitronen-Orangen-Muffins, die sie noch zubereiten musste, konnte warten.
»Gerne«, sagte sie und blieb.
~ ~ ~
Auf dem Weg zum Kühlschrank ignorierte Riley das Ziehen in ihren Schultern. Morgen würde sie garantiert Muskelkater haben, aber das war es wert. Der neue Schreibtisch sah großartig in der Ecke ihres Wohnzimmers aus. Und er hatte ihr dazu verholfen, mehr Zeit mit ihrer süßen, neuen Nachbarin zu verbringen. »Wein oder Bier?«
»Bier, bitte. Wein schmeckt mir nicht.«
»Eine Frau nach meinem Geschmack.« Riley schnappte sich zwei Flaschen aus dem obersten Fach. Der einzige Grund, warum sie überhaupt Wein im Haus hatte, waren Bea und ihre Freundin Ash – für ihre spontanen Besuche und den Fall, dass sie vergessen hatten, sich selbst etwas zu trinken mitzubringen.
»Bitte sehr.« Riley reichte Kim eine der gekühlten Flaschen.
Wenig später saßen sie einander gegenüber auf den entgegengesetzten Enden von Rileys grauer Couch, jede mit einer Flasche in der Hand.
Cari nutzte ihre Chance und sprang auf den Platz zwischen ihnen.
»Sorry«, sagte Riley. »Ich kann sie wieder runter–«
»Schon okay.« Kim legte eine Hand auf Caris Rücken und fuhr mit den Fingern durch das kurze Fell. »Es stört mich nicht. Außerdem ist sie hier zu Hause.«
»Was sie definitiv weiß«, murmelte Riley.
Tatsächlich hatte sich Cari vom ersten Tag an benommen, als gehöre ihr die Wohnung.
»Wie lange hast du sie schon? Du hast gesagt, dass du sie von der Straße geholt hast?«
»Fast drei Jahre.« Riley lächelte. Der Jahrestag rückte näher, und sie hatte schon ein neues Spielzeug für Cari im Blick. »Eines Abends habe ich länger gearbeitet, als ich draußen hinter dem Laden ein Geräusch gehört habe. Normalerweise bedeutet das nach dreiundzwanzig Uhr nichts Gutes, aber als ich nachgesehen habe, fand ich einen dürren Welpen, der sich durch den Müll gewühlt hat. Ich habe ihn mit ein paar Scheiben Schinken in den Laden gelockt, und seitdem gehört sie zu mir.«
»Ich verstehe nicht, wie Leute ihre Haustiere aussetzen können.«
»Ich auch nicht.« Riley war fuchsteufelswild gewesen, als sie Cari zum Tierarzt gebracht und herausgefunden hatte, in welch schlechter Verfassung sie sich befand. »Sie war so abgemagert, dass sie nicht viel länger überlebt hätte, wenn ich sie nicht gefunden hätte.«
»Wo arbeitest du, dass der Laden so spät noch geöffnet hat?«
Grinsend legte Riley einen ihrer tätowierten Arme auf die Rückenlehne der Couch. »Rate mal.«
Zunächst sah Kim sie verwirrt an, doch dann dämmerte es ihr. »Tattoostudio?«
»Jep.«
»Cool.« Kim deutete mit dem Kinn auf Rileys Arm. »Hast du dir die selbst gestochen?«
»Nee. Sich selbst zu tätowieren, ist nicht gerade leicht. Aber ich habe die Designs selbst entworfen.«
»Ich wollte immer schon eins haben, aber ich glaube nicht, dass ich das packe.«
Das hatte Riley schon oft gehört. »Das sagen viele. Aber solltest du deine Meinung je ändern, komm zu mir. Ich mache dir ein unschlagbares Angebot.«
»Wie viele Tattoos hast du?«
»Die Liste wäre kürzer, wenn ich dir die Stellen aufzähle, an denen ich keins habe«, antwortete Riley. »Viel freie Haut ist nicht mehr übrig.«
»Masochistin.«
Riley lachte. »Ja, wahrscheinlich. An meinen Rippenbögen war der Schmerz wirklich schlimm.« Sie legte die Finger an die Stelle, an der sich der tätowierte Phönix aus seiner Asche erhob. Bei der Erinnerung daran, wie viele Stunden sie unter der Nadel verbracht hatte, verzog sie selbst jetzt noch das Gesicht. »Aber es ist trotzdem mein Lieblingstattoo.«
»Darf ich es sehen?«
»Wenn du willst.« Riley zog ihr Shirt hoch, froh darüber, dass sie heute Morgen einen ihrer hübscheren Sport-BHs angezogen hatte. Sie gab sich keinen falschen Hoffnungen hin – Kim war höchstwahrscheinlich hetero, und Riley sollte sowieso nicht mit ihrer Nachbarin flirten –, aber trotzdem. Es wäre eine Schande, wenn Kim einen der schäbigen, löchrigen BHs zu Gesicht bekäme, die sie ganz unten in ihrer Schublade für den Fall aufbewahrte, dass sie längere Zeit nicht zum Waschen gekommen war.
»Wow, das ist wunderschön. Hat es eine besondere Bedeutung?«
»Ich habe es mir für meine Schwester stechen lassen.« Riley ließ das Shirt wieder sinken und trank einen Schluck Bier. »Sie hat eine beschissene Situation durchmachen müssen, kam hinterher jedoch stärker als je zuvor daraus hervor.«
»Sie bedeutet dir wirklich viel.«
Das klang nicht wie eine Frage, doch Riley nickte trotzdem. »Sie ist mein Ein und Alles. Und die einzige Familie, die ich noch habe.«
»Das tut mir leid.«
»Schon okay«, gab Riley zurück, wobei sie bitterer klang, als sie beabsichtigt hatte.
Kim sah sie besorgt an.
»Sorry, es ist nur …« Riley seufzte. »Bei dem Thema reagiere ich manchmal … na ja, etwas dünnhäutig.«
»Das verstehe ich. Wir müssen nicht darüber reden.«
