Sagen aus Cornwall -  - E-Book

Sagen aus Cornwall E-Book

0,0

Beschreibung

Cornwall, so wird behauptet, sei mit seiner zerklüfteten Steilküste, den einsamen Buchten mit goldenem Sand, dem wild-romantischen Bodmin Moor und unzähligen immergrünen Flusstälern der schönste Landstrich Großbritanniens. Cornwall ist aber auch eine Gegend voller Legenden und den meisten "heiligen" Ortsnamen (Saint) auf der britischen Insel. König Artus soll in Cornwall geboren sein, Riesen bauten sich Treppen und ganze Inseln, Gnome streifen durch das dichte Unterholz, Meerjungfrauen locken brave Bürger in ihr kühles Nass, und Königen gleich herrschten Schmuggler über die Küsten. Die Autorin Rebecca Michéle hat für diesen Band zwölf der schönsten Sagen Cornwalls zusammengetragen. Eine Karte mit den Orten der Ereignisse am Buchanfang, macht dieses Buch auch zum Reiseführer. Autorin und Verlag übernehmen jedoch keine Gewähr bei eventuellen seltsamen Erscheinungen und Erlebnissen ...

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 208

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Sagen aus Cornwall

von Rebecca Michèle (Hrsg.)

Inhaltsverzeichnis

Die schlaue Agnes

Jack, der Riesentöter

Als der Teufel nach Cornwall kam

Die Macht von Avalon

Die seltsamen Damen im Saint Nectan´s Glen

Das Netz der Spinnen

Das Spiel der ewigen Verdammnis

Die Meerjungfrau von Zennor

Das Tal der Piskies

Der seltsame Pfarrer von Warleggan

Der König von Preußen

Der verlorene Seemann

Karte

Impressum

Vorwort

In keinem anderen Landstrich der britischen Inseln sind so viele Sagen, Legenden und Mythen über­liefert wie in Cornwall im äußersten Südwesten. Meistens steckt in jeder Sage auch ein Körnchen Wahrheit. Wenn ich als Reiseleiterin Gäste durch dieses wundervolle Herzogtum führe, stelle ich fest, dass gerade diese unglaublichen Geschichten auf großes Interesse der Reisenden stoßen. Nicht trockene Jahreszahlen oder historische Begeben­heiten bleiben den Menschen im Gedächtnis haften – es sind die Sagen, die Besuchern den wahren ­Zauber Cornwalls nahebringen und einen Aufenthalt zu einem unvergesslichen Erlebnis machen.

Seit Jahren habe ich diese Sagen ge­sammelt, mit Einheimischen gesprochen, nach den Ursprüngen geforscht und sie nun niederge­schrieben. Begeben Sie sich auf einen Streifzug durch die sagenumwobene Vergangenheit Cornwalls, und ich kann Ihnen versichern: Bei Ihrer nächsten Reise (oder vielleicht auch bei Ihrer ersten Reise) nach Cornwall werden Sie so manchen Ort, so manches Tal, so manche Klippe und Bucht mit anderen Augen sehen und einige Stellen – besonders bei Vollmond – meiden.

Ich wünsche Ihnen interessante und mystische Lesestunden. Herzlichst, Ihre Rebecca Michéle

Die schlaue Agnes

Ort der Handlung: St Agnes

(Karte Punkt Nr. 1)

In einer Zeit, in der Riesen noch die Welt ­bevölkerten und diese gerade in Cornwall zahlreich anzutreffen waren, lebte an der Nordküste ein Mädchen in einem so kleinen Dorf, dass die Ansammlung der armseligen Hütten nicht einmal einen Namen trug. Die Menschen ernährten sich von den Gaben des Meeres, betrieben etwas Ackerbau, und sie hielten sich Schafe, Schweine und Hühner. Der Name dieses Mädchens war Agnes, und mit goldblonden Locken, hellblauen Augen und einem Mund, dessen Lippen so rot wie köstlicher Wein waren, war sie so schön, dass selbst die Sonne sich vor ihr verneigte. Agnes’ Familie war sehr arm. Jeden Morgen fuhren ihr Vater und ihr ­jüngerer Bruder mit einem kleinen Boot auf das Meer hinaus, um zu fischen. Agnes und ihre Mutter lebten in der stetigen Furcht um die Männer, denn zwei der Brüder hatte das Meer bereits verschlungen.

Als Agnes das heiratsfähige Alter erreicht hatte, freiten nicht nur die ledigen Männer aus dem Dorf um sie, viele kamen auch von weiter weg, weil sie von der Schönheit des Mädchens gehört hatten. Agnes wollte aber niemandem ihre Hand reichen. Wie alle anderen konnte sie weder lesen noch schreiben, trotzdem war sie sehr klug, und keiner der Männer, die hofften, ihre Zuneigung zu erringen, erwärmte ihr Herz. Vergeblich suchte Agnes bei ihnen nach Klugheit, die der ihrigen in nichts nachstand. Mit einem Mann wollte sie sich über mehr unterhalten als über das Ausnehmen von Fischen und das Wetter. Bald schon galt Agnes als hochmütig, Frauen neideten ihr ihre unvergleichbare Schönheit und tuschelten hinter ihrem Rücken über sie.

Einer der Männer, der entschlossen war, Agnes als seine Ehefrau heimzuholen, war Meryn, der dicke Sohn des Hufschmiedes. Der Schmied war der vermögendste Mann der Gegend, denn die Arbeit ging ihm nie aus. Pferde gab es viele, und selbst hohe Herren von den Landgütern nutzten seine Dienste. Obwohl Agnes den feisten jungen Mann immer wieder abwies, ließ Meryn keine Gelegenheit verstreichen, dem Mädchen aufzulauern und um ihre Gunst zu buhlen.

Eines frühen Morgens, als Agnes mit einem Korb frischer Eier aus dem Hühnerstall trat, sprang Meryn aus dem Gebüsch heraus und versperrte ihr den Weg.

»Was willst du schon wieder?«, fragte Agnes. »Geh mir aus den Weg.«

Er breitete die Arme aus, sodass Agnes nicht an ihm vorbeigehen konnte. Der angehende Hufschmied war nicht nur dick, er war auch groß. Gut und gerne überragte er die zierliche Agnes um zwei Köpfe.

»Mein Vater will, dass wir Hochzeit machen«, sagte er, »und ich will das auch. Als meine Frau würde es dir an nichts fehlen, und deine Eltern würden auch nicht leer ausgehen.«

»Ich will das aber nicht, und ich werde mich nicht wie eine Zuchtstute an den Erstbesten verkaufen«, erwiderte Agnes und straffte entschlossen die Schultern. In ihrem Blick zeigte sich keine Angst, sondern Unwillen und auch Zorn. »Geh beiseite, meine Mutter wartet auf die Eier.«

Mit einer heftigen Bewegung riss ihr Meryn den Korb aus der Hand. Die Eier zerplatzten auf der Erde zu einer schmutzig-gelben Masse. Dann packte er Agnes um die Taille, presste sie an seinen massigen Körper und versuchte, sie zu küssen. Als sein Mund nur noch eine Handbreit von ihren Lippen entfernt war, fuhr Agnes mit den Fingern einer Hand durch sein Gesicht. Mit einem Schmerzenslaut stieß er sie von sich, blutige Striemen zogen sich von seiner Stirn bis zum Kinn hinunter.

»Das wirst du bereuen!«, keuchte Meryn, glühender Hass loderte in seinen Augen. »Du wirst büßen, dass du mich, den Sohn des vermögendsten Mannes der Gegend, abgewiesen hast!«

Agnes schenkte ihm nur ein spöttisches Lächeln und ließ ihn stehen.

Noch am selben Tag schnürte Meryn sein Bündel und machte sich auf den Weg nach Westen in die Gegend, in der eine Horde Riesen lebte. Er war zwar noch nie einem Riesen begegnet, Reisende jedoch berichteten von diesen Urgestalten, die dort ihr Unwesen trieben. Besonders über einen Riesen mit dem Namen Bolster erzählte man sich schreckliche und grausame Dinge. Bolster nahm sich jedes Jahr eine Frau, steinigte diese aber wenige Tage nach der Hochzeit zu Tode und freite dann um das nächste Weib.

Als der Sohn des Hufschmiedes die Penwith-­Halbinsel erreicht hatte, traf er auf kaum jemanden, der den gefürchteten Riesen nicht schon mit eigenen Augen gesehen oder zumindest dessen polternde Schritte vernommen hatte.

»Er ist hoch wie der höchste Berg und ­kräftiger als eintausend Pferde zusammen«, erzählten die Menschen, und eine alte Frau berichtete unter Tränen, Bolster habe ihre einzige Enkelin vor wenigen Wochen zur Frau genommen. Nur vier Tage nach der Hochzeit fand man das Mädchen am Fuß der Klippen bei Zennor – ihr zarter Körper zu Tode gesteinigt. Niemand wagte es, gegen Bolster in den Kampf zu ziehen, und Meryn wurde wie ein Held gefeiert, als er fragte, wo er den Riesen Bolster würde finden können. Alle hofften, der dicke Mann aus dem Osten sei gekommen, um die Pen­with-Halbinsel von dem furchteinflößenden Riesen zu befreien.

Meryn hatte jedoch etwas ganz anderes im Sinn. Als er die Unterkunft Bolsters fand – eine Scheu­­ne, so hoch wie zwanzig Hütten und so lang und breit wie eine mächtige Klippenlandschaft –, blieb er abwartend stehen und rief den Namen des Riesen.

Bolster kroch aus seiner Hütte, richtete sich zu ­voller Größe auf und trat drohend auf Meryn zu. Unter seinen Schritten zitterte die Erde wie bei ei­­nem Erdbeben.

Meryn verbarg seine Furcht, der Gigant könne ihm mit einem Fingerschnippen den Garaus machen, sondern trat mutig vor und rief: »Ich komme in friedlicher Absicht, Herr. Ich hörte, Ihr seid auf der Suche nach einer guten und braven Ehefrau, und ich kenne ein Mädchen, das diesen Platz gern einnehmen würde.«

»Ist sie schön?«

Die Stimme des Riesen dröhnte wie Donnerschläge über die endlose Weite des Hochmoors, das Echo hallte vielfach von den mächtigen Felsbrocken wider.

»Sie ist so schön, dass selbst die Sonne ihr Antlitz vor Scham verbirgt, wenn sie das Mädchen erblickt«, bestätigte Meryn. »Ihr Name ist Agnes.«

Der Riese beugte sich hinunter, klopfte Meryn auf die Schultern, dessen Beine durch den Schlag bis zu den Oberschenkeln in dem weichen Moorboden versanken.

»Wo finde ich das Mädchen?«, fragte Bolster mit einem gierigen Funkeln in seinen blutroten Pupillen.

»Ich führe Euch zu ihr, Herr.«

So kam es, dass Bolster, der furchterregende und grausame Riese aus dem Westen, wenige Tage später in das beschauliche Dorf an der Nordküste Cornwalls kam. Schreiend liefen die Menschen davon, versteckten ihre Kinder in Truhen und unter den Betten, sich selbst auf dem Heuboden, oder sie flüchteten ins Hinterland. Bei jedem Schritt des Riesen erbebte und erzitterte die Erde, mächtige Felsbrocken brachen von den Klippen ab, stürzten ins Meer und ließen es wie eine brodelnde Suppe aufkochen.

»Ich suche Agnes«, brüllte Bolster. »Sie soll meine Frau werden!«

Schützend stellte sich Agnes´ Mutter vor ihre Tochter, der Vater nahm den Dreschflegel zur Hand. Es war eine winzige Waffe, die Eltern waren aber fest entschlossen, dem Riesen ihre Tochter nicht kampflos zu überlassen. Agnes jedoch trat hinter dem Rücken ihrer Mutter hervor und schritt Bolster mutig entgegen.

»Ich bin Agnes, Herr«, rief sie. »Ich fühle mich sehr geschmeichelt, von Euch ausgewählt worden zu sein.«

Beim Anblick ihrer Schönheit weiteten sich die Augen des Riesen. Der dicke Mann hatte wahrlich nicht übertrieben, sein toter Körper ruhte aber jetzt am Fuß einer Felswand, nachdem Bolster Meryn kräftig die Hand geschüttelt hatte, was diesem nicht gut bekommen war.

»Wir machen sofort Hochzeit!« Vor Freude tänzelte Bolster umher, tiefe Risse bildeten sich im Boden, und Agnes hatte Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Als sich das Beben wieder ­beruhigt hatte, faltete Agnes die Hände vor dem Körper, senkte sittsam die Augen und sagte leise: »So sehr es mir widerstrebt, Eurer großzügiges und freundliches Angebot nicht unverzüglich annehmen zu ­können, aber, Herr, …«, sie sah auf und Bolster entschlossen in die Augen, »zuerst müsst Ihr mir ein Zeichen Eurer Zuneigung geben. Ich werde mich nur dem zum Eheweib geben, der mich aufrichtig liebt.«

Bolster, der längst der Schönheit Agnes´ verfallen war, fiel auf die Knie und erwiderte: »Alles, was Ihr wollt, meine Geliebte. Ich bin der Eure.«

»Dann kommt mit mir.«

»Agnes, nein!«, schrie ihre Mutter und klammerte sich an Agnes´ Arm. Sanft löste sich das ­Mädchen von ihr und sagte lächelnd: »Sorg dich nicht um mich, Mutter, ich muss tun, was zu tun ist. Niemand kann seinem Schicksal entgehen. Wenn ich nicht mit ihm gehe, werden wir alle sterben.«

Agnes führte den Riesen durch das Dorf. Aus den Augenwinkeln sah sie die ängstlichen Blicke der Menschen in den Fensterhöhlen, niemand wagte sich jedoch heraus, niemand stellte sich in ihren Weg oder versuchte gar, den Riesen aufzuhalten.

Sie erklommen den steilen Anstieg zu der Klippe mit dem Namen Newdowns Head, zweihundert Meter unten ihnen schlug die Brandung gegen die gezackten Felsen. Während Bolster den Anstieg mit wenigen Schritten bewältigte, geriet Agnes ins Schwitzen. Sie wusste nicht, wie bezaubernd sie mit den von der Anstrengung geröteten Wangen und den glänzenden Augen aussah, und der Riese ­Bolster verfiel ihr von Augenblick zu Augenblick immer mehr und hoffnungsloser.

Auf der höchsten Stelle angekommen, deutete Agnes auf eine Vertiefung am Klippenrand und sagte: »Wenn Ihr dieses Loch mit Eurem Blut gefüllt habt, werde ich für immer die Eure sein und Euch treu und aufrichtig bis an mein Lebensende dienen und lieben.«

Bolster warf nur einen flüchtigen Blick auf das Loch und verzog seine wulstigen Lippen zu einem siegesgewissen Lächeln. Der Hohlraum war kaum größer als sein kleinster Kochtopf. Binnen kurzer Zeit würde er den Wunsch des Mädchens erfüllt haben und sie die Seine sein. Er zog sein Messer aus dem Gürtel, hielt einen Arm über das Loch und ritzte sich die Haut am Unterarm auf. Sofort schoss schwarzes, dickes Blut aus seinen Adern und tropfte in die Tiefe. Stunde um Stunde verging, unaufhörlich tropfte das Blut in das Loch. Der Riese wurde müde, rollte sich am Klippenrand zusammen und begann zu schnarchen, sein Blut strömte unvermindert in die Vertiefung.

Stumm und bewegungslos saß Agnes auf ei­­nem nahen Felsen und beobachtete das Schauspiel. ­Bolster wusste nicht, dass das Loch in ein unterirdisches Höhlensystem führte, das mit dem Meer verbunden war. Bald färbte sich das Meer von dem Blut des Riesen schwarz, und bei Sonnenuntergang starb der Riese Bolster.

Inzwischen waren einige mutige Männer und Frau­­en aus dem Dorf herbeigekommen. Zuerst fassungslos, dann überglücklich starrten sie auf die seltsame Szenerie. Gemeinsam rollten sie den Riesen über den Rand der Klippen. Sein Körper verschwand in den Wellen und wurde mit der nächsten Ebbe in die un­­endlichen Weiten des Meeres hinausgetragen. Auf den Schultern zweier starker Männer wurde Agnes ins Dorf getragen. Freudenfeuer wurden entzündet, und alles, was die Speisekammern hergaben, siedete in Kesseln über den Flammen, und die ganze Nacht lang wurde gesungen und getanzt. Der schreckliche Riese war tot!

Die Geschichte von Agnes´ Trick, mit dem sie den Riesen überlistet hatte, drang schnell durch das ganze Land. Eines Tages kam ein junger Ritter auf einem großen Ross in das Dorf geritten. Bei ­seinem Anblick spürte Agnes zum ersten Mal in ihrem Leben eine so starke und tiefe Zuneigung, dass ihr schwindlig wurde. Auch der junge Mann verliebte sich auf den ersten Blick in Agnes, die Hochzeit fand noch am selben Tag statt. Danach stellte sich heraus, dass der Ritter kein einfacher Ritter, sondern ein Prinz aus einem fernen und reichen Land ­jenseits des Meeres war. Beim Morgengrauen nahm er Agnes vor sich auf sein Pferd, und sie ritten in den Sonnenaufgang davon.

Seit diesem Tag trägt das einst kleine Fischerdorf an der Nordküste Cornwalls zwischen Newquay und St Ives den Namen Saint Agnes – benannt nach der nicht nur schönen, sondern äußerst klugen Agnes. Oder vielleicht auch einfach nach der heiligen Agnes, wer weiß das schon.

Wenn man heute auf den Klippen um den St Agnes Beacon herumwandert, sollte man am Newdowns Head einen Moment verharren. Ein aufmerksamer Beobachter wird am Klippenrand das Loch entdecken, neben dem der grausame Riese Bolster sein Leben gelassen hat.

Jack, der Riesentöter

Ort der Handlung: St Michael´s Mount

(Karte Punkt Nr. 2)

Weit im Südwesten, dort, wo sich die Wellen des Atlantiks und des Ärmelkanals brechen, liegt in einer sanft geschwungenen Bucht eine Insel aus ­festem Fels. In vergangenen Zeiten lebte der Riese Cormoran in dieser Gegend. Zuerst hauste er in einer Höhle auf dem Festland, als diese ihm jedoch zu eng wurde, beschloss er, sich in der Bucht einen neuen Wohnsitz zu errichten, um von allen Seiten vom Wasser umgeben zu sein. Das hatte auch praktische Gründe: So würde er Feinde, die ihn angreifen wollten, rechtzeitig erkennen. Nicht alle Riesen waren Freunde, unter ihnen gab es ständig Machtkämpfe, und jeder musste sein Territorium verteidigen. Cormoran wollte seine Insel aber nicht aus dem einfachen Fels der Gegend erbauen. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, einen besonderen, weißen Stein zu verwenden, der von weit fort, aus einem Land jenseits des Meeres, herbeigeschafft werden musste.

Vorbeiziehende Riesen hatten berichtet, dass diese Felsen von Edelsteinen durchzogen wären und selbst in völliger Dunkelheit wie das hellste Licht schimmerten. Für einen Riesen wie Cormoran war ein solches Gestein gerade gut genug. Da er Bewegung oder gar Arbeit verabscheute, befahl er seiner Frau:

»Du ziehst gen Norden über das Meer und bringst mir den größten und schönsten weißen ­Felsen, den du in diesem Land finden kannst.«

Die Frau des Riesen, deren Name nicht ­überliefert ist, hatte es sich in ihrer Höhle gemütlich eingerich­tet und verspürte keine Lust, diese zu verlassen. Noch weniger, von ihrem Mann ausgeschickt zu werden, um dessen Wünsche zu erfüllen. Da ­Riesen aber selten nett zu ihren Frauen sind, und sie die Faust ihres Mannes fürchtete, ging sie zum Schein auf seine Forderung ein, packte ihr Bündel und begab sich auf den Weg. Sie ging aber nur bis an die westlichste Spitze des Landes. Dort verbarg sie sich drei Tage und drei Nächte, dann hob sie einen mächtigen Felsen auf, steckte ihn in ihre Schürzentasche und kehrte zu ihrem Mann zurück.

Cormoran kam seiner Frau jedoch auf die Schliche.

»Du hast mich betrogen!«, schrie er so laut, dass die Erde selbst noch weit im Osten erbebte. »Das ist nicht der Felsen, den ich verlangt habe!«

Außer sich vor Wut gab er seiner Frau einen kräftigen Tritt, der sie ins Meer hinauskatapultierte. Da­­bei lösten sich die Bänder ihrer Schürze, und der Felsbrocken purzelte ins Wasser. Dort liegt er noch heute und wird Chapel Rock genannt.

Von nun an war das Verhältnis der Eheleute nachhaltig gestört. Kein Wunder, dass sich die Frau bald einem anderen Riesen aus der Nachbarschaft zuwandte. Als sie versuchte, auch diesen zu betrügen, erschlug er sie mit einem Hammer. Cormoran, der seinem Weibe trotz allem noch zugetan war, begrub sie unter eben diesem Chapel Rock, wo sie bis heute noch ruht.

Nun allein, wurde Cormoran immer unverträglicher. Hatten er und die Menschen, die diesen Landstrich bevölkerten, einigermaßen harmonisch miteinander gelebt – jeder ging dem anderen möglichst aus dem Weg –, legte Cormoran nun ein bösartiges Verhalten an den Tag. Er stahl das Vieh der Bauern, vernichtete deren Ernten, indem er seinen heißen, übel riechenden Atem über die Felder wehen ließ, unter dem das Getreide verdorrte, und nicht selten stapfte er über die einfachen Katen, deren Dächer und Wände wie Grashalme unter seinen Füßen zerbarsten. Dann saß er auf seiner Insel im Meer – inzwischen hatte er einen anderen Felsen geholt und sich auf diesem häuslich niedergelassen – und lachte so laut, dass seine Stimme von den Klippen widerhallte und alle Seevögel die Gegend verließen. Selbst die Meerestiere mieden die Bucht, und die Fischer sahen sich in ihrer Existenz bedroht.

Die Menschen rotteten sich zusammen, beschlossen, gegen Cormoran vorzugehen, aber alle bangten um ihr Leben.

»Was können wir gegen den Riesen machen?«, fragte ein großer, kräftiger Mann. Er war Schmied, mit Oberarmen, so dick wie junge Baumstämme, aber nicht sehr mutig.

Da trat Jack vor die Menge, ein kleiner, schmächtiger Junge, Sohn eines Bauern, aber mit einem wa­­ch­en, klaren Verstand.

»Ich werde Cormoran zur Strecke bringen!«, rief er und erntete höhnisches Lachen.

»Ausgerechnet du? Du fällst ja schon bei einer Windböe um und kannst beim Bestellen des Feldes nicht einmal euren Ochsen im Zaum halten.«

Grimmig runzelte Jack die Stirn, ballte die Finger zu Fäusten und erwiderte: »Ihr werdet schon sehen! Nicht immer ist Kraft vonnöten, um einen Feind zu besiegen.«

Unter verächtlichem Gelächter und dem Gegröle der Menge, darunter auch sein Vater, der nicht viel von seinem schwächlichen Sohn hielt, begab sich Jack in seine Kate und tüftelte an einem Plan.

In den nächsten Tagen beobachteten die Menschen, wie Jack jeden Morgen beim ersten Dämmerlicht die Ansiedlung verließ und erst nach Einbruch der Dunkelheit zurückkehrte. Niemand fragte ihn, was er tat, und sein Vater machte ihm Vorwürfe, weil Jack die Arbeit auf dem Feld vernachlässigte. Außerdem nahm Jack alle verfügbaren Hacken und Schaufeln mit, nicht immer brachte er das Werkzeug unversehrt wieder zurück.

Endlich war es so weit. Allein, wie die Tage zuvor, machte Jack sich auf den Weg zur Küste, hockte sich hinter einen Felsen gegenüber der Wohnstätte des Riesen und wartete, bis dieser von einem Streifzug heimkehrte. Dann nahm Jack sein Horn, blies dreimal hinein und brüllte:

»He, Cormoran! Komm von deinem Felsen herunter und kämpfe gegen mich, wenn du den Mut dazu hast. Oder bist du etwa ein Feigling, der uns Menschen nur im Verborgenen angreifen kann?«

Das konnte Cormoran natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Diesen kleinen Wicht, kaum größer als sein Unterschenkel, würde er mit einem Fingerschnippen zerquetschen und den Fischen zum Fraß vorwerfen.

Cormoran stürmte von seiner Felseninsel hi­­nun­ter und mit drei, vier Schritten durch das seichte Wasser. Als er den Strand erreichte, nur noch ein paar Armlängen von Jack entfernt, lachte er und streckte seine Hand aus, um den Jungen zu ergreifen. Plötzlich gab das Erdreich unter ihm nach. ­Cormoran taumelte, hing wie an einem unsichtbaren Band für einen Augenblick in der Luft, dann stürzte er in ein Loch, prallte mit dem Kopf auf und blieb besinnungslos liegen. In mühevoller Arbeit hatte Jack diese tiefe Grube ausgehoben und sie mit Reisig getarnt. Flugs kletterte er hinunter und schnitt dem Riesen bei lebendigem Leib das Herz aus der Brust.

Mit diesem kehrte er in sein Dorf zurück, über und über mit Blut besudelt. Selbst sein Vater er­schrak, dachte, sein Sohn wäre schwer verwundet, Jack jedoch hielt das Herz des Riesen über seinen Kopf und rief:

»Es ist nicht mein Blut, es ist das Blut von Cormoran. Er ist tot, und hier bringe ich euch sein Herz.«

Plötzlich standen alle bewundernd um Jack he­­rum, der immer und immer wieder berichten musste, wie es ihm gelungen war, den Riesen in die Grube zu locken und ihn zu töten. Nun zweifelte niemand mehr daran, dass Jack ein mutiger und entschlossener Mann war.

Am nächsten Tag wagten sich die Menschen an die Küste, bedeckten die Grube mit Cormorans Leiche mit Gestein und Erde, dann gingen sie bei Ebbe auf die Felseninsel. Auf halber Höhe des mächtigen Felsens grub Jack ein großes Loch. Dahinein legte er das Herz des Riesen und verschloss das Loch mit ei­­nem herzförmigen Stein.

Am Abend feierten die Menschen ein Freudenfest, zu dem sie ihre Speisekammern leerten, und sie tanzten um ein mächtiges Feuer, das weithin zu sehen war. Jack jedoch nahm an dem Fest nicht teil. Er schnürte sein Bündel und machte sich auf den Weg nach Wales, wo es viele Riesen gab, unter denen die Menschen zu leiden hatten. Dort wollte er seinen Ruhm als Riesentöter mehren. Er kehrte nie nach Cornwall zurück, und niemand hat jemals wieder von Jack gehört.

Seit Jahrhunderten thront nun schon eine mächtige und feste Burg, einst ein Kloster, auf der Felseninsel, und der Saint Michael’s Mount ist das Wahrzeichen Cornwalls. Wer sich inmitten der Touristenströme die Mühe macht, bei dem beschwerlichen Aufstieg ganz genau zu Boden zu sehen, findet auf halber Höhe den herzförmigen Stein, unter dem das Herz des Riesen Cormoran begraben liegt.

Als der Teufel nach Cornwall kam

Ort der Handlung: Torpoint

(Karte Punkt Nr. 3)

Überall in Cornwall stößt der Reisende nicht nur auf Hinweise, dass hier einst Riesen gehaust haben, ­sondern auch auf Orte, die den Namen des Teufels tragen. Beispiele sind The Devil’s Frying Pan bei Cadgwith, die Devil’s Hedge zwischen Lerryn und Looe, und an den Küsten tragen viele Höhlen und Kavernen Devil in ihren Namen. Trotzdem sind kaum Untaten des Teufels überliefert – und das hat seinen guten Grund. Denn einmal kam der Teufel tatsächlich nach Cornwall ...

Nachdem der Teufel in allen Gegenden dieser Erde sein Unwesen getrieben und die Menschen zu bösen Taten verführt hatte, stellte er fest, dass er noch nie in dem westlichsten Zipfel der sturmumtobten Insel im Atlantik gewesen war. Er nahm menschliche Gestalt an, verbarg seinen Buckel und den Schweif unter einem langen, schwarzen Umhang, den Pferde­fuß in einem dicken Lederstiefel, und zog einen Hut in sein hässliches Gesicht. So verkleidet überquerte er den Tamar, den Fluss, der Cornwall von der Nachbargrafschaft Devon trennt. Dem ­Fährmann bezahlte er seinen Preis, und der gute, alte Mann musterte den Teufel zwar skeptisch, schöpfte aber keinen Verdacht. In dem ersten Dorf, auf das er in Cornwall traf, verweilte er, um sich auszu­­ruhen und Pläne zu schmieden, wie er die ­hiesigen Menschen dazu bringen konnte, böse Dinge zu tun.

Von einer Fischerfamilie wurde der Teufel bereitwillig in ihr Haus aufgenommen. Es waren arme Leute, die die Dachkammer ihrer Hütte an Reisende vermietete, um sich ein paar Münzen hinzuzuverdienen. Während der Fischer mit seinen Söhnen auf dem Meer war, kümmerte sich seine Frau Crewenna um den Fremden. Sie sah in dem Teufel einen schmucken Mann, nicht mehr ganz jung, aber auch nicht alt, von beeindruckender Größe und Statur, mit dichtem, dunklem Haar und kohlrabenschwarzen Augen. Der Teufel hatte dafür gesorgt, in Crewennas Augen anziehend zu wirken, das gehörte zu seinem Plan. Die Fischersfrau war zwar weit davon entfernt, sich auf eine Liebelei mit dem Gast einzulassen, wollte es diesem in ihrem Haus aber so angenehm wie möglich machen, damit er recht lange blieb, denn er bezahlte mit massiven Goldstücken. Crewenna war eine hervorragende Köchin und bereitete dem Teufel schmackhafte Mahlzeiten zu. Ihre Spezialität waren Pasteten, die sie oft mit den Fischen füllte, die ihr Mann und die Söhne nach Hause brachten. Pilchards, Sardinen, Heringe, manchmal auch der eine oder andere Lachs, dazu gewürfelte Kartoffeln, Zwiebeln und Steckrüben wurden in einem herzhaften Teig goldbraun gebacken. Allerdings beließ Crewenna die Fische am Stück, sodass Kopf und Schwanz herausschauten, sonst wäre der nahrhafte Tran herausgelaufen.

Interessiert beobachtete der Teufel die Fischers­frau bei der Zubereitung und schüttelte sich vor Ekel, als sie ihm die fertige Pastete servierte und er in die toten Augen des Fisches sah. Trotzdem kostete er von dem Mahl. Er wollte es sich mit den Fischersleuten nicht verderben, denn er benötigte sie für seine teuflischen Pläne. Die Pastete mundete ihm dann doch überraschend gut.

In den nächsten Tagen wanderte der Teufel durch die Gegend und kam dabei auch ins Landesinnere. Er stellte fest, dass die Pasteten in allen Gegenden zubereitet und mit Genuss verspeist wurden. Bei ei­­ner Bauersfrau erhielt er eine Pastete, die anstatt mit Fisch mit Rindfleisch gefüllt war, manchmal tat es auch ein Kaninchen, das sich in eine der ausgelegten Fallen verirrt hatte. Auch Lämmer und Hammel wurden zerstückelt und gebacken. Wenn kein Fleisch zur Verfügung stand, dann griffen die Menschen nach Beeren, Gemüse und sogar nach Wiesenpflanzen und wild wachsenden Kräutern.