Sagen reloaded -  - E-Book

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Beschreibung

Wie kam Graz zu seinem Namen? Was macht ein Basilisk im Brunnen eines Bäckers? Befindet sich das legendäre Grab des Hunnenkönigs Attila in Oberwart? Und wonach sucht der Teufel im Krapfenwaldl? Seit jeher faszinieren und begeistern Sagen ihre Leserinnen und Leser und verführen sie an Orte voller Magie und Zauber. Die Anfänge der Gattung reichen weit zurück: Sagen wurden über Jahrhunderte von Generation zu Generation mündlich weitergegeben. So entwickelte sich ein Sagenschatz, der die Geschichte eines Ortes nachhaltig prägt und mitgestaltet. Diese fantastischen und außergewöhnlichen Erzählungen lassen uns staunen und geben uns ein Gefühl von Heimat und Magie gleichermaßen. Die Anthologie vereint Texte zahlreicher namhafter Autorinnen und Autoren, die sich dieser Stoffe bedienen und sie als Remix, neu gestaltet und experimentell erzählt, in die Moderne übertragen. So bleiben die traditionellen Texte ihrem Genre treu und erlangen zugleich Gültigkeit in der heutigen Zeit. Mit Beiträgen von Elisa Asenbaum, Thomas Ballhausen, Xaver Bayer, Alexandra Bernhardt, Hannah Bründl, Lucas Cejpek, Daniela Chana, Peter Clar, Michaela Debastiani, Sophie Esterer, Thomas Fröhlich, Michaela Frühstück, Petra Ganglbauer, Walter Grond, Marlene Hachmeister, Jack Hauser/Daniel Ender, Elias Hirschl, Sabina Holzer, Udo Kawasser, Robert Kleindienst, Margret Kreidl, Michael Mastrototaro, Hanno Millesi, Clemens Ottawa, Judith N. Pfeifer, Sophie Reyer, Chris Saupper, Nikolaus Scheibner, Sabrina Schmidt, Stefan Schmitzer, Bernd Schuchter, Marion Steinfellner, Christoph Szalay, Katharina Tiwald, Erwin Uhrmann, Zarah Weiss und Herbert J. Wimmer sowie einem Nachwort von Christa Agnes Tuczay.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 304

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Herausgegeben vonThomas Ballhausen und Sophie Reyer

Unter redaktioneller Mitarbeitvon Noémi Kolbus

SAGEN RELOADED

Anthologie

Ballhausen, Thomas; Reyer, Sophie (Hg.): Sagen reloaded / ThomasBallhausen, Sophie Reyer (Hg.), Czernin Verlag 2020ISBN: 978-3-7076-0705-5

© 2020 Czernin Verlags GmbH, WienUnter redaktioneller Mitarbeit von Noémi KolbusUmschlaggestaltung und Satz: Mirjam RieplISBN Print: 978-3-7076-0705-5ISBN E-Book: 978-3-7076-0706-2

Alle Rechte vorbehalten, auch das der auszugsweisen Wiedergabe in Print- oder elektronischen Medien

Inhalt

Vorbemerkung

Elisa Asenbaum | Der Rachen der Hexe

Thomas Ballhausen | Judy zieht in den Krieg

Xaver Bayer | Die Legende vom Basilisken

Alexandra Bernhardt | ANO KATO

Hannah Bründl | wir kennen das ende nicht, wir kennen nur das wasser

Lucas Cejpek | Die große Kurve

Daniela Chana | Die Spinnerin am Kreuz

Peter Clar | Über den See, über das Wäldchen

Michaela Debastiani | Der Zaungast

Sophie Esterer | Der Schleuserkönig: Eine sagenhafte Satire

Thomas Fröhlich | Das Zicklein und der Wolf

Michaela Frühstück | Hechten

Petra Ganglbauer | Wie Graz zu seinem Namen kam. Keine sagenhafte Reise

Walter Grond | Die Teufelsmauer zu Spitz

Marlene Hachmeister | Dämon Wind

Jack Hauser & David Ender | Wilde wilde Jagd

Elias Hirschl | Hin und weg

Sabina Holzer | Bas il isk

Udo Kawasser | Klushund reloaded

Robert Kleindienst | Schnee von gestern

Margret Kreidl | Die schwarze Frau. Augenzeugen

Michael Mastrototaro | Drei Falten ergeben Dreifaltigkeit

Hanno Millesi | Saint Vitus’ Licht (aka die Dienstbotenmadonna)

Clemens Ottawa | Der Teufel vom Krapfenwaldl

Judith Nika Pfeifer | mountainbrut

Sophie Reyer | Meermaids

Chris Saupper | HUSQVARNA UNIVERSAL. Ein Treatment

Nikolaus Scheibner | Der Basilisk

Sabrina Schmidt | Der Teufel muss ein Wiener sein. Eine verzweigte Geschichte mit verhängnisvollen Entscheidungen

Stefan Schmitzer | Drei Raben

Bernd Schuchter | Der Felsenzinken

Marion Steinfellner | Winddämonin

Christoph Szalay | Der Höllenstein oder which Violence to portray HOW?

Katharina Tiwald | Attilas Grab reloaded

Erwin Uhrmann | Der Goldwäscher, der Mönch, die reiche Familie, der arme Fährmann und die Donaunixe

Zarah Weiss | Die Kemenate

Herbert J. Wimmer | das glück in der taborstrasse

Christa Agnes Tuczay | Sage, Gerücht, Alltagsgeschichte

Über die Autorinnen und Autoren

Vorbemerkung

»and knives and questions, which, unansweredclose the covers of a book we insist on living in«Jim Carroll: Living at the Movies

Mit der vorliegenden Anthologie haben wir uns als Herausgeberteam den Wunsch nach einer ambitionierten, vielschichtigen Auseinandersetzung mit dem österreichischen Sagenschatz erfüllt – eine vorsätzlich literarische Wunscherfüllung, die, so ist zu hoffen, auch ganz im Sinne einer wohlwollenden Leserschaft geschehen ist. Die Sage, klar abzutrennen von den verwandten Textsorten Märchen oder Legende, sollte dabei, so unser schon vor Jahren in Gesprächen ausformulierter Gedanke, sowohl auf ihre Verbindungen von Geschichte, Geschichten und Geschichtsschreibung hin befragt werden als auch auf die Kontexte eines zu problematisierenden Erzählens. In der Umsetzung ist dies weit lustvoller und lebendiger als es in diesen etwas spröde anmutenden Sätzen anklingen mag, stehen im Zentrum der Sagen doch oft Fragen und Herausforderungen, die auch in unseren Tagen nichts von ihrer grundsätzlichen Bedeutung eingebüßt haben. Es sind die sprichwörtlich großen Themen, denen wir in unserer menschlichen Zerbrechlichkeit, Schönheit oder auch Schrecklichkeit weder entkommen können noch wollen.

Um diese Aktualisierungen zu gewährleisten, wollten wir unseren Autorinnen und Autoren möglichst viele Freiheiten gewähren, ohne aber auf die einfache, doch wahre Klausel zu vergessen, dass wenige, doch verbindliche Vorgaben anregender wirken können, als wenn einfach alles erlaubt ist (oder zu sein scheint). So entschieden wir uns zuletzt für zwei strukturelle Spielregeln: Einerseits sollte ein deutlicher Bezug zu einer österreichischen Sage, den darin eingelagerten Motiven und dem jeweiligen Bundesland eingelöst werden, andererseits, ganz gemäß den vorliegenden Sagensammlungen, sollte der neue literarische Text im Umfang eher knapp bemessen sein. Dass die Kürze der durch die Sagenforschung zusammengetragenen Texte wohl auch den Bedingungen des Sammelns an sich geschuldet ist, sei an dieser Stelle schon erwähnt – nachdem wir aber sonst keinerlei weitere Vorgaben machen wollten, konnte diesem Umstand von unserer Seite aus Rechnung getragen werden: Neben einer ausführlichen Nachbemerkung, die alle Aspekte der österreichischen Sagen, ihrer Geschichte, Verbreitung und Erforschung vorstellt, haben wir den biografischen Anhang um grundsätzliche Informationen zu den Sagentexten, auf die jeweils Bezug genommen wurde, ergänzen können. Ganz vorsätzlich haben wir auf einen Wiederabdruck der ursprünglichen Texte verzichtet, die ja nicht nur ohnehin leicht verfügbar sind, sondern vielleicht auch eher von den hier erstmals zusammengestellten Beiträgen abgelenkt hätten. Die gelungene Auseinandersetzung mit den Sagen zeigt sich in ihrer lustvollen kritischen Befragung und Aktualisierung, das Spektrum der literarischen Annäherungen reicht dabei von der klassischen Nacherzählung bis zum interaktiven Spiele-Text, von der lyrischen Prosa bis zum filmischen Treatment, vom Essay bis zur dramatischen Szene. Die Zusammenstellung im Band folgt, nach langer Überlegung, einer alphabetischen Ordnung gemäß den Nachnamen der Autorinnen und Autoren – so hat sich nicht nur eine wünschenswerte Durchmischung nach Bezugstexten und Bundesländern ergeben, vielmehr konnten wir so auch verhindern, das insbesondere in unserer Gegenwart so kritisch zu durchleuchtende Moment der Grenze erneut zu bestätigen oder gar zu verfestigen. Vielmehr, und das ist uns mit den hier versammelten Texten hoffentlich gelungen, war es uns ein übergeordnetes Anliegen, das Wandern von Motiven, Bildern und Fragen nachzuzeichnen und dem menschlichen Grundbedürfnis des Erzählens gemeinsam nachzuspüren.

Wir danken deshalb an erster Stelle allen Autorinnen und Autoren, die unserer Einladung so bereitwillig gefolgt sind und uns alle mit ihren Texten beschenkt haben; wir danken dem Team des Czernin Verlags, das unseren Vorschlag mit großer Begeisterung aufgenommen und in allen Phasen der Erarbeitung unterstützt hat, und last, but not least danken wir Noémi Kolbus, die unsere fordernde editorische und redaktionelle Arbeit mit humorvoller Unerschütterlichkeit und viel Elan begleitet hat.

Thomas Ballhausen & Sophie Reyer

(Wien, im Sommer 2020)

Elisa Asenbaum

Der Rachen der Hexe

Am Abend des 11. März 1936*1 ging ein junger Bursche durch das Dorf, als ihm ein Mädchen begegnete, welches seine Schürze um den Kopf geschlagen hatte. Man sah nur ihre Augen hervorblitzen, denn sie hatte die Schürze über das Haupt und seitlich bei den Ohren kreuz und quer über Mund und Nase gefaltet, das Band auf dem Hinterkopf zu einem Knoten festgezogen, schwebten die Enden flatternd im Wind.

Neugierig, wer dies sei, rief der Bursche: »He, Dirndl, nimm den Fetzen vom Birndl!«

Doch sie wollte sich ihm nicht zeigen. Er verstellte ihr den Weg und bestand, sie schickte sich an, ihn zu umgehen, da packte er sie und versuchte ihr die Schürze vom Antlitz zu reißen.

Als Antwort landete ein Milchreimer in der Fresse, die sein Gesicht gewesen war. Der Milchreimer war früher ein Milcheimer, ein Kübel mit dem man kübelt. Besser wäre es gewesen, der Bursch hätte sie nicht aufgehalten, denn sie war nicht von hier. Auch der Kübel hatte seine Geschichte und vollführte seine Bewegungen in Eigendynamik.

Der Kübel, auch Einer mit m – somit Eimer genannt, fühlte sich ziemlich gereizt, denn er war seit Jahrhunderten Gegenstand einer unabgeschlossenen Debatte. Das Mädchen hatte ein unglaubliches Schicksal, denn sie war dazu verdammt, in einem Blockuniversum zu leben. Im Blockuniversum ist das Jetzt nicht ausgezeichnet, Vergangenheit und Zukunft sind gleichermaßen vorhanden, wie ein Weltfilm von allem, von Anfang bis Ende in einem, Block in Einem gefroren, ohne Anfang und Ende. So irrte das Mädchen mit dem Eimer durch die Zeit, ohne je anzukommen. Den Eimer hatte sie im Auftrag von Newton mit Wasser zu füllen, der davon besessen war, zu beweisen, dass es einen absoluten Raum gibt. Immer wieder hängte Isaac den Eimer an eine lange verdrillte Schnur in seinem Labor, ließ ihn los und beobachtete das Wasser in ihm. Es drehten sich der Eimer und das Wasser nicht, dann drehten sich der Eimer und das Wasser mit, dann war der Eimer ausgedreht und das Wasser drehte sich weiter …, aber was ihm insbesondere bedeutungsvoll schien, war die konkave Form des Wasserspiegels, die nach einigem Rundumdrumdrumdrehen zu sehen war. Das war sein Beweis. Immer wieder schickte er sich an, dieses Eimerexperiment zu wiederholen, schickte das Mädchen abermals und abermals von Neuem, den Kübel zu füllen. Das Mädchen hatte sich erhofft, dass Newton, ein Meister der Wissenschaft, ihr das Schicksal ihres unglaublichen Seinszustandes mit dem fehlenden Moment erläutern könnte, denn sie glaubte nicht an Geister und hoffte durch Erkenntnis auf ein absehbares Ende dieses unnatürlichen Zustandes. Doch Isaac wollte das Mädchen, die ihm wie eine Magd plötzlich vor seiner Türe erschienen war, nicht zu Wort kommen lassen. Während er*2 einen Brief an Ernst Mach*3 schrieb, der an das Schuhschachtelsystem von Raum und Zeit nicht glauben wollte, und darin das Eimerexperiment als Beweis für den Absoluten Raum anführte, machte sich das Mädchen, welches den Eimer mit Wasser neu befüllen sollte, mit dem Eimer ohne Wasser aus dem Staub. Seitdem trug sie den Eimer, der Einer war, bei sich.

Unglücklicherweise wirkte sich die Begleitung des Experimentaleimers auf ihren Seinszustand schlecht aus. Ihr kurzes Verweilen in irgendeinem Jetzt wurde überhaupt nicht mehr bestimmbar, es war sprunghaft geworden. Auch wollte der Eimer nicht von ihrer Seite weichen, sie konnte ihn, den Einen, nicht abstellen, loswerden, der Henkel klebte wie verhext an ihrer Hand.

Bevor sie dem Burschen im österreichischen Burgen Lande begegnen würde, wurde sie blitzschnell zu einigen anderen Zeit-Raumpunkten katapultiert. Lichtschnell fand sie sich an weit auseinanderliegenden Zeit-Ortpunkten wieder, sodass ihr Bewusstsein mit der Geschwindigkeit des Wechsels kaum mitkam. Erinnern konnte sie sich an ein schönes warmes Land im Orient mit zauberhaftem Schloss mit runder Kuppel und vier spitzen Türmen, in das sie eintreten wollte, um diese Pracht von innen zu betrachten, als eine Horde von bewaffneten Männern auf sie stürzte und sie in einen dunklen Kerker warf. Ihr Verbrechen hatte darin bestanden, dass sie unverhüllt eine Moschee betreten wollte. Seitdem trug sie ihre Schürze im Gesicht. Danach war sie im Jahre 2002 in der USA kurz aufgepoppt, dort wurde sie alsbald als Terrorist verhaftet, da sie das Vermummungsverbot missachtet hatte. Danach fand sie sich in einer ärmlichen islamischen Familie als Braut wieder, die Schürze wieder vor dem Mund und über dem Kopf, Augenblicke später, es könnte das 21. Jahrhundert im Österlande*4 gewesen sein, wurde sie wegen geschürzter Verschleierung in einer Pause von Schulknaben als Hexe beschimpft, danach verprügelt. Da das Mädchen oft nur kurze Momente in einer Zeit und an einem Ort anwesend war, wusste sie einfach nicht, wann, wo und an welchem Ort ihres Körpers es angebracht war, diese verdammte Schürze anzubringen.

Aber in Österreich schürzte sie die Schürze wieder um ihre Taille. Doch da tat sie wieder falsch, denn ihr nächstes Jetzt war der 11. März 2020*5. Und ehe sie sich versah, lag sie in der Intensivstation und alle um sie hatten Mund und Nasenschutz als Pflicht. Das Virus war in sie eingezogen. Nur kurz, mit heftigem Gebell ihrer Lunge blickte sie in die Iris des Todes, da wurde ihr Sein wieder weggerissen in ein Jetzt des Jahres 1936. Das Mädchen schnallte ihre Schürze noch fester um ihr Gesicht, im Glauben, dass in allen Zeiten die Spuren nicht verschwinden würden, auch nicht die der Pandemie.

Als der Bursche sich ihr in den Weg stellte, wollte sie ihn warnen, doch der riss grob an ihrer Schürze, der Schutz riss, ihr Mund frei schrie sie ihm ins Gesicht: »Weg vom Weg. Geh’ weg!« Mit dem Eimer wollte sie ihn wegdrängen. Doch der Eimer hatte inzwischen durch das ewige Reisen durch die Zeit immensen Schwung geladen, der eine wahnsinnige rotierende Beschleunigung seiner selbst bewirkte; der Rand des Einen war meilendick massig angeschwollen, sodass er mit Wucht gegen des Burschen Gesicht donnerte. Der Geschlagene, im Gesicht heftig blutend, suchte schreiend das Weite.

Am nächsten Morgen war der Mund des Burschen knapp an das linke Ohr gerückt, an dem Ort, wo der Mund gestern gewesen war, war eine offene Wunde bis in den Rachen zu orten. Sie blutete rund um die Uhr, er hustete und spuckte gräulich. Seine Lungen wurden schwach und sein Herz war mit Unwissenheit und Rache gefüllt. Um Mitternacht war ihm, als ob er unter freiem Himmel in einem überdimensionalen Eimer schwimmen würde. Die Fixsterne begannen sich zu drehen, bis sie sich zu rotierenden Lichtkreistreifen schlossen. Er war an dem tiefsten Punkt in der konkaven Mitte des Einen angelangt und wusste, er müsse sein junges Leben lassen, denn er sank. Als er vor seinem Tode den Heiligen Geist anrufen wollte, sang ein mehrstimmiger Chor aus seinem schräg sitzenden Mund:

»Wir sind körperlos

wir bestehen aus Strängen

Information ohne Körper

wir vermehren uns

wenn es passt

im geborgten Leben!

Wir sind reine Information

leben im geborgten Leben

wir sind Plan

Plan ohne Dienstleister

null Energieverlust

wir sind der reine Geist!

Wir besitzen keine Hülle

wir dringen ein

in das Lebendige

wir passen uns an

an das Lebendige

wir sind es, die Geister!«

1*11. März 1936, zwei Jahre vor Hitlers Einmarsch in Österreich.

2*»Wenn ein Eimer an einer sehr langen Schnur hängt und beständig im Kreis gedreht wird, bis die Schnur durch die Zusammendrehung sehr steif wird, dann mit Wasser gefüllt wird und zusammen mit diesem stillsteht, und dann durch irgend eine plötzliche Kraft in entgegengesetzte Kreisbewegung versetzt wird und, während die Schnur sich aufdreht, längere Zeit diese Bewegung beibehält, so wird die Oberfläche des Wassers am Anfang eben sein wie vor der Bewegung des Gefäßes. Aber nachdem das Gefäß durch die allmählich auf das Wasser von außen übertragene Kraft bewirkt hat, daß auch dieses Wasser merklich sich zu drehen beginnt, so wird es allmählich von der Mitte zurückweichen und an der Wand des Gefäßes emporsteigen, wobei es eine nach innen gewölbte Form annimmt (wie ich selbst festgestellt habe), und mit immer schnellerer Bewegung wird es mehr und mehr ansteigen, bis es dadurch, daß es sich im gleichen Zeittakt dreht wie das Gefäß, relativ in diesem stillsteht.«

Quelle: Newton, S. 49, Mathematische Grundlagen der Naturphilosophie, Felix Meiner Verlag, Hamburg, 1988, S. 4, Kapitel 2, Rückschau auf Newton und Leibniz.

3*»Der Versuch Newtons mit dem rotierenden Wassergefäß lehrt nur, daß die Relativdrehung des Wassers gegen die Gefäßwände keine merklichen Zentrifugalkräfte weckt, daß dieselben aber durch die Relativdrehung gegen die Masse der Erde und die übrigen Himmelskörper geweckt werden. Niemand kann sagen, wie der Versuch quantitativ und qualitativ verlaufen würde, wenn die Gefäßwände immer dicker und massiger, zuletzt mehrere Meilen dick würden. Es liegt nur der eine Versuch vor, und wir haben denselben mit den übrigen uns bekannten Tatsachen, nicht aber mit unseren willkürlichen Dichtungen in Einklang zu bringen.«

Quelle: Mach, S. 226, Die Mechanik in ihrer Entwicklung – historisch-kritisch dargestellt, Nachdruck der 9. Auflage von 1933, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1988, S. 8, Kapitel 3, Machs Kritik.

4*Das Verbot der Gesichtsverhüllung trat am 1. Oktober 2017 in Österreich in Kraft: https://www.bmi.gv.at/news.aspx?id=4D794D417A3630647947773D.

5*März 2020, Ausbruch der Corona-Pandemie in Österreich.

Thomas Ballhausen

Judy zieht in den Krieg

»Think of the long trip home.Should we have stayed at home and thought of here?Where should we be today?«Elizabeth Bishop: Questions of Travel

Weben, nicht die Wahrheit, ist mein Geschäft.

Eingeschlagen in papierne Worte oder Bahnen aus schönen Sätzen.

Wenn der Preis passt, folgt die Textur dem jeweiligen Wunsch.

Nähte sind kaum zu sehen, das besagt die Garantie, sichert meinen Erfolg, die Wahrheit meiner Hexerei, die sich in Wirkungen zeigt.

Von weit kommen die Kunden immer noch zu mir an den südlichen Stadtrand, um meine Waren zu erwerben.

Versuchen stets, sich nicht über die Lage meiner Warte zu wundern, mein Ausharren über die Jahre hinweg.

Wir waren immer schon verwickelt.

Ich passe an, ergänze, ersetze. Ich webe, höre geduldig zu.

Eine Bühnenrolle gibt mir meinen neuen Namen, meine Funktion.

Zwischen den Befestigungsanlagen und vorgeschobenen Posten habe ich mich eingerichtet, eine permanente Ruine inmitten tödlicher Anlagen.

Dieser Ort ist ein Wrack, diese Zeit ein Schiffbruch, aber ich sage mir stets, der Ausblick von der obersten Plattform aus lohnt.

Wenn ich nicht arbeite, lese oder zum Vergnügen auf verirrte feindliche Spähdrohnen schieße, halte ich Ausschau nach Dir.

Mein Haar ist grau, ja, aber ich halte immer noch Ausschau.

I blame you for the moonlit sky and the dream that died …

Unsere Angelegenheiten sind tragikomisch, eigenartig, denn wir sind Gegenstände der Geschichte.

Die Hintergründe, was auch immer den Weg in die Schulbücher finden wird, entziehen sich zumeist.

Davor platziert: die Existenzen, so verwirrend nah am Sterben gebaut.

Also bäumt man sich auf, höflich und erzählend nach ein wenig Erkenntnis tastend.

Lies: science fiction, speculative fabulation, string figures, speculative feminism, so far.

Wie wir uns positioniert haben, mit besten Absichten und schweren Ringen, viel zu weit für unsere schmalen Finger.

Ein Gemälde in Technicolor an der Wand, unser Hochzeitsfoto als Hologramm auf meinem Tisch, eingegossen in Glas.

Ein Briefbeschwerer in einer Zeit ohne Briefe, ohne echte Nachrichten.

War mir der neueste Krieg vielleicht nicht doch ganz gelegen gekommen.

Dein Blick und der Wunsch, beruflichen Traditionen zu gehorchen: Schwertmission ist Frauenpflicht.

Irgendwo ist immer ein Konflikt, irgendwie finden sich stets die passenden Argumente.

Du sollst nicht unbedingt töten, außer: in allem gepriesen sei, der eure Hände den Kampf lehrt und eure Finger den Krieg.

Ein wenig Abstand nach dem erlittenen Verlust, vom Terror der wohlmeinenden Mitmenschen, den ungelenken Beileidsbekundungen.

Unserem Unvermögen.

Nein, das Kind war nicht aus dem Fenster geworfen worden. Dazu war es erst gar nicht gekommen.

Einmal begonnen, kann es nicht mehr gestoppt werden.

Die grundlegenden Muster der Gewalt bleiben immer dieselben, hin bis zum abgekarteten Finale.

Ein Teufel aber steckt in jeder dieser Varianten, auch wenn er manchmal nicht zu sehen ist.

That’s the way to do it.

Wir bewohnen immer noch eine Welt der Giganten und Titanen, selbst Jahrzehnte nach Deiner Abreise.

Still buchstabierte ich deployment vor mich hin, während lange Kolonnen vorbeizogen, Schwebepanzer, Luftschiffe, Spezialeinheiten, geächtete Waffen.

Unter dem Gewicht der Worte formierte sich Sicherheit ringsum als Rayon, Schanzwerk oder Mauer.

Ich kann immer noch sagen, wo die Gräben verliefen, die Türme standen.

Was alles verloren zu geben ist.

Aber ich blieb, webte Papier zu neuen Worten, versuchte mich in Sparsamkeit.

Wollte ich zumindest dieses eine Versprechen einhalten, ich vermag es nicht mehr zu sagen.

In der Gegend unserer Verabschiedung richtete ich mich ein, Stein für Stein.

Erinnernd geraten Raum und Zeit leicht durcheinander, gar zu unsichere Pfade, um der Fremdsprachigkeit der Jetztzeit beizukommen.

Bildete ich mir ein, jemand riefe auf der Straße meinen Namen, so habe ich mich in den ersten Monaten immer noch suchend umgesehen, doch ich lernte, die Stimmen zu ignorieren.

Ich konnte täglich bis zu drei Tiere hintereinander sein, vielleicht gelingt es mir immer noch.

Kann ich zumindest noch krähen, das Fliegen traue ich mir nicht mehr zu.

Es ist die Hilflosigkeit unserer Älteren, die mich hat erwachsen werden lassen.

Träume und Nachrichten wurden trotz neuer Brille schwieriger zu unterscheiden: Hat tatsächlich ein Sturm die Kühe ins Meer getragen, verwandeln sich manche Wölfe einmal im Monat in Menschen, nutzen wir Signaturen von Zerstörung, um außerirdische Zivilisationen zu entdecken.

Wie Menschen einfach aus dem Blickfeld kippen, es ist die einzig echte Art, in der sie uns verloren gehen.

Eine Ansammlung von Namen, beachtlich, ein heimliches Alphabet, dem ich ein zweites, geheimeres beistelle, alles in Gedanken.

Als wenn es etwas wie Natur ohne Geschichte je hätte geben können.

Weben gab und gibt mir den einsamen Takt vor, ich schreibe Sinn zu, denn die eigentliche Realität ist ein Skandal.

Wer schließlich aus diesem vergessenen Krieg in die mehrfach ummauerte Hauptstadt zurückkehrt, ist eine völlig andere Person.

Du bist dahingehend keine Ausnahme.

And I might stop and look upon your face, disappear in the sweet, sweet gaze …

Der Beobachter ist ebenso unsicher wie sein Blick, das habe ich mir angelernt, abgeschaut.

Hält Krieg jung und fit, kann man deshalb so lange durchhalten.

Wir fragen nicht nach den verschwendeten Generationen, nach den staubigen Schuhen oder den verbeulten Wasserflaschen.

Stattdessen fragen wir einander: Bist Du tot? Tot wie ein Stein?

Wir fragen: Lebst Du? Bist Du lebendig wie eine Pflanze?

Vielleicht sehen wir ja noch viele gute Tage, diskutieren die Unterschiede zwischen Vergeben und Verzeihen.

Unsere Namen entsprachen ohnehin niemals echten Farben, kein Elternteil buchstabiert sich so.

Schlaflos höre ich später auf die Geräusche der Nacht, das Knacken der Wirklichkeit und der Welt, die sie abwirft.

Deine Bewegung ist wahrscheinlich, sie strebt dem Gefälle, dem Unvermeidlichen zu.

Your heart wears knight armour, vorsätzlich wende ich Dir den Rücken zu.

Ich werde Deine Klingen hören, bevor ich sie spüre.

Die Luft wird von meinen Schreien erfüllt sein.

Xaver Bayer

Die Legende vom Basilisken

A beast caged in the heart of a city …Jim Morrison

Anfangs geisterten Meldungen durchs Netz, dass an unterschiedlichen Orten in der Inneren Stadt Leute – Spaziergänger, Jogger, ein Pizzalieferant, ein Müllmann und eine Polizistin – auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen seien. Sie wiesen schwere Verbrennungen auf, ihre Lungen waren zersetzt wie von Giftgas, der Tod musste sie in Sekundenschnelle ereilt haben. Nur einer von ihnen war vor seinem Verscheiden noch für eine kleine Zeitspanne ansprechbar, und was man seinen letzten Worten entnehmen konnte, war, dass er einem Ungeheuer begegnet sei.

Im Handumdrehen entstand das Gerücht, der berüchtigte und ausgerottet geglaubte Basilisk sei wieder aufgetaucht. Sein Versteck – so verbreitete es sich viral in Berufung auf uralte Chroniken – sei im Keller eines vor Hunderten von Jahren errichteten Hauses in der Innenstadt gelegen. Wo genau, ließ sich jedoch nicht eruieren. Selbst ernannte Basiliskenjäger zogen los, das Untier zu finden und zu erlegen, aber allem Anschein nach ohne Erfolg, denn die grausamen Todesfälle setzten sich fort.

Hier nun komme ich ins Spiel, denn ich ahnte, wo der Basilisk eventuell aufzuspüren wäre. Es hatte nämlich ein verstorbener Freund meiner Eltern, ein Galeriebesitzer, diesen einst erzählt, dass es in der Gasse – einer Sackgasse übrigens –, in der er wohnte und sich auch seine Galerie befand, ein Haus gab, in dessen Eingangsflur unter einem Gitter ein Brunnenschacht sei, in dem er einmal ein merkwürdiges Wesen erblickt habe. Da wohne er, der Basilisk, hatte er damals mit Zittern in der Stimme meinen Eltern verraten, die seiner Erzählung belustigt lauschten, war es ihnen ja kein Geheimnis, dass der Freund oft und viel trank. Mir jedenfalls war diese Geschichte über Jahrzehnte im Gedächtnis geblieben.

Also fasste ich mir eines Tages, als in den Medien erneut von einem bestialisch zugerichteten Opfer des Eidechsenkönigs berichtet wurde, ein Herz und machte mich auf den Weg aus meinem Randbezirk in die Innere Stadt, zur nämlichen Sackgasse, wo ich den Basilisken vermutete. Ich erkannte die Gegend, die ich seit rund zwanzig Jahren nicht betreten hatte, kaum wieder – wo früher kleine Läden gewesen waren, es eine urige Weinausschank und die Werkstatt eines Geigenbauers gegeben hatte, reihten sich nun Luxusboutique an Gourmettempel an Supermarktfiliale, und wo sich damals die Galerie des Freundes meiner Eltern befunden hatte, hatte ein auf High-End-Virtual-Reality-Equipment spezialisierter Store mit dem Namen Doors of Perception seine Pforten geöffnet. Doch das Haus war noch dasselbe. Ich zog meinen Schlüsselbund mit der freigeschalteten Begehkarte aus der Hosentasche, hielt sie vor den Sensor der Gegensprechanlage, ein Summen, schon war das Tor offen, und ich trat ein.

Sogleich erkannte ich den Hausflur wieder, und mein Blick fiel auf das schmiedeeiserne Gitter rechts am Boden, in einer Maueraussparung. Ich schaltete die Lampe meines Smartphones an und leuchtete damit durch das Gitter in die Tiefe, da hörte ich ein Rascheln, und tatsächlich sah ich, dass sich da unten etwas bewegte.

»Hab ich dich!«, rief ich und war nicht wenig verwundert, als ich eine Stimme aus dem Schacht hörte, die wie ein fragendes Echo »Hab ich dich?« sagte. Sie klang irgendwie müde und einigermaßen sanft, also ganz und gar nicht, wie man sich die Stimme eines mordenden Monsters vorstellt. Ich überlegte ein paar Atemzüge lang, wie ich der Bestie den Garaus machen sollte, um die Stadt und ihre Bewohner ein für allemal von ihr zu erlösen, dann schien mir klar, was zu tun war. Ich aktivierte die Spiegelfunktion der Kamera meines Smartphones, klappte das Schachtgitter hoch, kniete mich an den Rand und hielt das Telefon hinein, sodass das Ungetüm beim ersten Blick in die Höhe unweigerlich auf das Display schauen und beim Ansichtigwerden seines Spiegelbildes ob seiner eigenen Abscheulichkeit auf der Stelle verenden würde – so lautete schließlich die über Jahrhunderte überlieferte Anweisung zum Töten eines Basilisken.

»Schau!«, rief ich über den Schachtrand in die Tiefe, »schau mal kurz her!«

Doch anstatt des erwarteten Todesschreis hörte ich den Basilisken klagen:

»Ich kann nichts sehen!«

»Schau genau!«, lockte ich ihn.

»Ich kann nicht«, klagte er erneut.

»Konzentrier dich! Schau einfach auf mein Smartphone, du wirst dich wundern, was ich dir da zeige!«

»Es ist mir nicht möglich«, seufzte er.

»Aber wieso nicht?«

»Ich will ja schauen, aber ich habe Angst! Ich fürchte mich allein. Komm herunter, wir machen ein Selfie zusammen!« »Ich weiß nicht«, antwortete ich ausweichend, da ich eine Falle witterte, beugte mich aber tiefer über den Schachtrand. Es roch metallisch und wie nach Kabelbrand, und ich konnte einen Schemen erblicken, aber weiter hinunter traute ich mich nicht.

»Komm zu mir, nur für ein Selfie!«, flehte der Basilisk.

»Komm du doch rauf!«, entgegnete ich barsch, aber als Antwort vernahm ich bloß ein Winseln.

Bis zum Bauch hatte ich mich bereits in den Brunnenschacht gebeugt und hielt mein Smartphone mit der aktivierten Spiegelfunktion, so weit mein Arm reichte, in die Tiefe, in der Hoffnung, dass das Untier doch einmal einen Blick riskieren und dann zerplatzen würde.

Doch weil nichts dergleichen passierte, beschloss ich, meinen Plan zu ändern. Ich aktivierte die Filmfunktion, hielt das Handy in den Schacht und drückte auf Aufnahme. Als ich mir gleich darauf den kurzen Film ansah, war da nur so etwas wie eine dunkle, amorph-wabernde Masse in einer Art Nest aus Kehricht zu erkennen, dabei flackerte es aber so eigenartig, als wäre es ein altmodisches Hologramm mit Störeffekten.

Ich änderte nun meine Strategie und versuchte es auf die psychologische Tour:

»Wieso bringst du denn all die Menschen um?«, fragte ich den Basilisken, und nach einer Weile des Schweigens entgegnete er in einem eigenartig einnehmenden, weil vornehm zurückhaltenden Tonfall:

»Weil ich die Menschen so liebe! Sie sind so schön! Ich liebe sie alle! Auch dich liebe ich! Du bist so schön!«

Mein prompter Einwand, dass er mich ja gar nicht kenne und mich deshalb doch gar nicht lieben könne, schien ihn nicht zu beeindrucken, und er fuhr fort:

»Glaube mir! Ich würde alles für dich tun. Ich würde lügen für dich. Ich würde stehlen und töten für dich. Ich würde verwüsten, vergiften, brandschatzen, plündern für dich. Ich würde die Erde zum Beben bringen, Vulkane Feuer speien und brennenden Hagel vom Himmel fallen lassen. Ich würde alle Tiere und Pflanzen sterben lassen. Ich würde Luft und Boden vergiften. Ich würde ganze Länder verheeren und in Flammen aufgehen lassen. Ich würde unterjochen, versklaven, foltern und vergewaltigen für dich. Ich würde die Erde mit Bomben übersäen. Ich würde die Menschen das ABC der modernen Waffentechnik lehren. Ich würde Viren und Bakterien erschaffen und sie unter die Leute säen. Ich würde in ihre Genetik eindringen und sie zu Unmenschen machen. Ich würde alles tun, was in meiner Macht steht, und meine Macht würde wachsen. Und das alles würde ich tun, denn ich kann es tun, und all das würde ich für die Menschen tun, denn ich liebe sie, und ich würde es auch für dich tun, denn ich liebe dich!«

Der Basilisk hörte zu sprechen auf, es ertönten nur noch ein paar zufriedene Schmatzgeräusche, ein Geraschel, als würde er sich in seinem Nest zusammenrollen, und dann fing er verhalten an zu schnarchen.

Und ich, ich kniete immer noch da, kopfüber in den Schacht gebeugt, und überlegte, was ich denn jetzt tun sollte, als ich plötzlich hinter mir eine Frauenstimme vernahm, so unerwartet und nah, dass ich vor Schreck mein Smartphone in den Schacht fallen ließ:

»Mit wem sprechen Sie denn da?«

Ich schwieg und rührte mich nicht.

»Hallo«, fragte die Frau nochmals, »mit wem sprechen Sie da?«

Und abermals traute ich mich nicht zu antworten, da kam sogleich ein drittes Mal die Frage, diesmal in forschem Ton:

»Mit wem sprechen Sie da?!«

Und so entschloss ich mich, Rede und Antwort zu stehen, hob meinen Kopf aus dem Schacht, klappte das gusseiserne Gitter wieder herunter, und während ich sehr langsam aufstand, mich umdrehte und dabei die Gewissheit fühlte, diesem Schacht in diesem Haus in dieser Sackgasse ein für allemal den Rücken zu kehren, hörte ich eine Stimme, die wie meine eigene klang, sagen:

»Mit wem ich da spreche? Mit mir!«

Alexandra Bernhardt

ANO KATO

ΟΔΟΣΑΝΩΚΑΤΩΜΙΑΚΑΙΩΥΤΗDer Weg hinauf und hinab ist ein und derselbe.Heraklit von Ephesos zugeschrieben

[Im Vertrauen]

… die nicht mehr auffindbare MALFATA ist eine Angelegenheit, die du dir nicht zu Herzen gehen lassen solltest. Unten ist nicht oben, wie du weißt, und Obrigkeit nicht Untrigkeit. Außerdem – und gleichwohl, möchte ich sagen – ist sich darum bereits gekümmert worden. Ein Untriger ist damit betraut worden; wir und insbesondere die haute iolée haben damit also nichts mehr zu schaffen. Und es ist noch immer für jedermann gesorgt worden …

kolcrom No 6079 // notat exkursion // Direktive K1138 // AV 101521-JOU

bin weisungsgemäß hinuntergestiegen (katadyomenos) · habe die route gegen nordost genommen (ich schöpfe, ich schöpfe) · bin den runen gefolgt (naudiz mannaz laguz) · bei der kreuzung frumentienmarkt=diagonale die abzweigung K35 genommen (westlicher richtung) · geruch unauffällig, dezibelbefund negativ (ich schöpfe, ich schöpfe) · habe hydronautik weisungsgemäß deaktiviert · auf höhe des museals erneut runen () · dezibelbefund positiv · abhörtest ergab klopfgeräusch in unterem normbereich (leitungen) · weiter hinab (K84) und tiefer gestiegen (ich schöpfe, ich schöpfe) · im bereich der stelen (unterhalb simulacra) grottenartige gewächse stalagmitengleich : weisungsgemäß übergangen · fortgeschritten, weiter hinab · dezibelbefund wie oben · innenperspektive unauffällig (ich schöpfe, ich schöpfe) · weisungsgemäß weiter dem versorgungstunnel gefolgt · K89, K91, K93 · fürder hinab leitende stollen (ohne auszeichnung) · dezibelbefund wie oben (ich schöpfe, ich schöpfe) · geruch nicht länger neutral, aber undefinierbar (troglodyomenos) · unterhalb kreuzung nordwestliches museal=spectaculum/rubrum erstmals wieder runen (not mann wasser) · keine kennung sonst, kein weiterer befund (dezibel null komma null) · geruch brackig, hygrometerausschlag im oberen normbereich · innenperspektive weisungsgemäß (ich schöpfe, ich schöpfe) · K101 vertikal klopfgeräusche : geruch diametral verschieden zu vorherigem befund (zersetzung) : hygrometerausschlag versus obere anomalie · optischer befund erneut runen () · innenperspektive schwebend bis entkoppelt · weisungsgemäß abbruch und rückzug (anadyomenos)

[Weisung]

… daß du nicht mehr hinausgehen sollest, des Abends, daß du nicht mehr Wäsche waschen sollest, am Kanal, am Marmorgrund, an der Magdalenen, daß du nicht hören sollest auf das Rufen und Singen und Raunen, nicht nachrennen sollest irgendwelchen Grillen und daß du nicht tragen sollest dein Haar offen, sondern verborgen unter einer Kappen rot …

[Brief an die Kommandatura]

Allgutem Herrn und oberstem Adlaten Giselher Nizugeeignet von seinem untertänigsten DienerAbelardus Wong

Vindobona im wachsenden Paenultimum CCCXV T.N. In gutem Gewissen und zu strengem Gedeih: so ich gestrigen Tages mit meinem Cooperator parlierte, dazu doch allzu wenig Vernünftiges bei den neuen Unternehmungen der Gilde herausgesprungen, beeile ich mich heute, hochwertem allgutem Herrn kundzumachen, was sich abseits besagter Cooperatio kürzlichst zugetragen und berichtet sein muß. So hat dero hochwertem Herren strengstens geheim beauftragtes Subject Numero 6079 die in Frage stehende Mission unternommen, bewältigt und zum Abschlusse gebracht. Wie allguter Herr vermutet, ist infamerweise gestreuten Gerüchten und Unterstellungen recte et fortiter nicht zu trauen gewesen. Der Untergrund ist intakt, sämtliche Simulacra gründen wie je unkompromittiert, alle Befunde sind unauffällig soweit vermutet und gewünscht. Darüber hinausgehende Parameter bleiben auf dero höchstwertem Herren Wunsch unberücksichtigt und unbeschrieben. Von Nemesis oder gar Fluch kann somit nicht die Rede sein – und wenn allguter Herr mir erlauben zu sagen: 6079 hat sich eine gratificazione redlichst verdient.

In allzeit bescheidener Zier und hochwertestem Herrnbeständig tunlich wie untertänigst zugetanAbelardus Wong

[Zur guten Nacht]

… Wie oben so unten, sagen sie, und du weißt, was sie damit meinen. Die sie aus den Simulacra holen, haben jedenfalls nichts zu lachen mehr und nichts zu erzählen. Ich habe ihre Gesichter gesehen, wie in Stein gehauen, weiß und hohl, die Augen unergründlich …

[Anschreiben, den vorliegenden Dokumenten und Notizen beigefügt]

Geschätzter Schwager!

In der Anlage übermittle ich Dir also die besagten Dokumente – oder vielmehr Fragmente – in photomechanischer Reproduktion, die ich im Nachlaß meiner Großtante aufgefunden habe. Vielleicht kannst Du mehr damit anfangen als ich. Frappiert hat mich neben dem kruden, ja obskuren Inhalt vor allem der materielle Zustand der Papiere, sind sie doch allesamt vom Zahn der Zeit gezeichnet, angegriffen, vergilbt und teils nur mehr schwer leserlich. Daß es authentische historische Notate sind, scheint mir allerdings ihr Inhalt zu widerlegen. Möglicherweise liegt uns hier das Werk eines – wenn auch zweifellos schöpferischen – Wahnsinnigen vor. Nur was Tante Hedwig damit gewollt haben könnte, vermag ich nicht zu erraten.

So oder so verbleibe ich gespannt auf Deine Expertisemit gutem Gruß Dein Notkergez. Nueva Ciudad, 8. III. 1921

Hannah Bründl

wir kennen das ende nicht, wir kennen nur das wasser

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»An dem zu verschiedenen Zeiten so wildenTeufelsbach«

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das erzählende

- der franzose

das chorische

////davor:SPRICHSPRICHHYDRO UND SCHATTENMITTELALTERLICHENUNDZEITEN VERWACHSENES SPÜLT DARÜBERSPRICH VON FRÜHERVON GABELUNG UND REITENDENPFADEN DER WÜSTUNGNORDEN UND MEER UND MOORSCHELLEN AM ROCKSCHÄTZEN VON KIEMENUNDVOM BEGINN DER GESCHICHTENZEIGE DIE LEERSTELLENABER SPRICH////

es fließt

- das wird mich noch den hals kosten

es fließt ungeraten und höckern

es fließt, sage ich

es stolpert eher

es entgleist

es torkelt mehr als es fließt

- sie verfolgen mich, sie haben äxte

der lauf runzelt sich den baumknollen entlang

an der masse land

an den waldgräben

sucht auswege

über wurzeln und fels

was lagert am ende davon?

- so helft mir doch!

wir wissen es nicht

wir wissen nichts vom ende

wir waren noch nie am ende, das ist ein non sequitur

- ich bin am ende

wir waren noch nie

nie dort

wir kennen das ende nicht, wir kennen nur das wasser

- seid still! hier können sie nicht herein, hier bin ich sicher

wer sagt, dass es ein ende gibt?

- um gottes willen, hört auf zu sprechen!

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- ich bin’s

- gestatten

- ich bin’s

- 1809 kam ich an diesen ort

- 1809 im gefolge des marschalls

- der in aspern tödlich verwundet wurde

- dem zuvor noch sein bein abgebunden wurde, so sagt man

- und der napoleon zum freund geworden war

- in seinem gefolge ritten wir über die donau

- im januar zuvor noch in saragossa

- im april in eggmühl

- kannten wir keine niederlage

- der frühling war mild und zähflüssig rann die nacht

- unsere bajonette hoch, die kompanie wie überschwang

- tagsüber zogen wir

- im corps des duc de montebello

- abends brandschatzten wir die dörfer

- man rieche es noch

- an welchem ort genau ich mich nun befinde

- das kann ich nicht sagen

- daran erinnere ich mich nicht

- darauf habe ich mich nicht konzentriert

- und so haben wir geplündert

- nur einen beutel dukaten habe ich mir erpresst

- nur einen beutel erspartes in einem bauernhaus

- aus dem backofen zog er ihn

- aus dem backofen, seinem letzten hort

- als wäre er dort geschützt

- als wäre er dort verborgen

- ich fühle mich heruntergekommen

- ich habe angst

- war so siegessicher

- mein gewehr

- meine uniform

- aber sie sind in der überzahl

- es sind nur einfache bauernsöhne, aber sie sind in der überzahl- undsie sind blind vor rachlust

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unterirdisch zieht das wasser die zuflüsse mit sich

schluckt

pfeiler und ecken

schluckt störungen

windet sich

wirbelt

es ist ein schmaler bach

- ich sehe sie nicht mehr, aber ich fühle mich hier nicht wohl. ich brauche ein versteck. muss mich bemerkbar machen! ich brauche doch hilfe, die werden mich totschlagen, wenn sie mich finden.

ein so schmaler bach, ein so zerdrückter

ein bach

- hilfe! hilfe, zu hilfe! helft mir doch!

ein bach, der niemanden groß interessiert hatein bach, der niemandem groß genutzt hater beherbergt keine moosigen ufer voll farnkrautkeine wassermännerkeinen nebel

der bietet keine verwunschenen überhängeder nährt nichts

- hilfe! hört ihr mich denn nicht? ich brauche einen unterschlupf zwischen menschen.

der bach ist schlammig

er ist braun vor dreck

er starrt unsicher aus dem wald

kümmerlich, möchte man sagen

banal

anspruchslos

quasi ein tümpel

- hallo, helft mir! sie sind hinter mir her!

- versteckt ihr mich?

- helft ihr mir?

es ist ein unscheinbarer bach

landläufig voll schleimiger kieseles ist ein bach

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der bach war nicht immer so.ich erinnere mich nochder bach wurde umgeleitetich erinnere mich nocher speiste einen teichder bach wurde umgeleitet, deshalb ist er jetzt sobesatz war damals reichlich mit karpfen, hecht, stör, amurund schleieim schatten die forellender untergegangene bach»umgeleitet«amputiert wurde er

zur zeit der schneeschmelze schäumte der bach durch den waldgraben

hallo, und wie!