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In "Sagen von der Alhambra" entfaltet Washington Irving seine Magie der Erzählkunst durch lebendige Beschreibungen und fesselnde Geschichten, die das historische Erbe der Alhambra in Granada einfangen. Der Text, eine harmonische Verbindung von Reisebericht und mündlichen Überlieferungen, ist nicht nur ein literarischer Versuch, sondern auch ein tiefgehendes Eintauchen in die mystische Atmosphäre und die architektonische Pracht der maurischen Paläste. Irvings Prosa ist von lyrischer Eleganz geprägt und transportiert die Leser in eine Welt voller Romantik, Nostalgie und kultureller Spannungen, die die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts widerspiegeln. Washington Irving, ein pionierhafter amerikanischer Schriftsteller des frühen 19. Jahrhunderts, war ein Meister der Kurzgeschichten und gilt als einer der ersten amerikanischen Autoren, die in Europa wirkten. Sein Aufenthalt in Spanien und seine Faszination für die maurische Kultur inspirierten ihn zu diesem poetischen Werk. Irvings Fähigkeit, Geschichte und Mythos miteinander zu verweben, zeugt von seiner umfassenden Bildung und seinem eindringlichen Interesse an der Verschmelzung von Kulturen. "Sagen von der Alhambra" ist ein unverzichtbares Werk für Liebhaber der Literatur und Geschichte, das nicht nur die Schönheit eines architektonischen Juwels einfängt, sondern auch ein bewegendes portrait des kulturellen Erbes bietet. Leser, die bereit sind, sich in eine magische Welt voller Legenden und Geschichten zu verlieren, werden in diesem Buch eine wahre Schatzkiste finden, die die Seele Spaniens widerspiegelt. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Diese Werksammlung vereint Washington Irvings Sagen von der Alhambra in ihrer ganzen Spannweite als geschlossenes Zykluswerk aus Reisebildern, Essays und Erzählungen. Entstanden sind die Stücke aus Eindrücken eines Aufenthalts des Autors in Granada im Jahr 1829; die englische Erstveröffentlichung folgte 1832. Der Band versteht sich als Einladung, Irvings Blick auf die Alhambra als Ort der Geschichte, der Einbildungskraft und der gelebten Gegenwart zu begleiten. Ohne den Charakter des Originals zu verändern, führt die Zusammenstellung durch räumliche, historische und poetische Sphären, die Irving zu einer unverwechselbaren Einheit verschmilzt.
Der Umfang dieser Ausgabe spiegelt Irvings Absicht, Beobachtung und Dichtung zu verschränken. Von Die Reise und Befehlshaberschaft der Alhambra über Das Innere der Alhambra bis zum Thurm des Comares entfaltet sich eine Folge von Skizzen, die das Gelände, seine Verwaltung und seine Atmosphäre erfahrbar machen. Nicht als Roman mit fortlaufender Handlung, sondern als Mosaik aus Szenen, Betrachtungen und kleinen Dramaturgien tritt das Werk auf. Der Leser erhält so ein vielschichtiges Panorama, das zugleich Führer, Erinnerungsschrift und poetische Annäherung ist.
In dieser Sammlung begegnen mehrere Textsorten, die Irving bewusst mischt. Reiseschilderungen stehen neben Essays und historischen Abrissen; hinzu treten Sagen, Märchen und anekdotische Erzählungen. Stücke wie Oertliche Sagen, Das Haus des Wetterhahns, Sage von dem arabischen Astrologen oder Der Thurm der Prinzessinnen gehören zum Bereich der Legenden, während Betrachtungen wie Gedanken über die maurische Herrschaft in Spanien oder die Skizzen zu Bauteilen eine essayistische Haltung zeigen. Die Vielfalt der Formen dient nicht der Zersplitterung, sondern der plastischen Verdichtung eines Ortes und seiner Stimmen.
Irving etabliert einen Erzähler, der zugleich Reisender, Beobachter und zeitweiliger Bewohner ist. Texte wie Die Haushaltung, Der Flüchtling, Des Verfassers Wohnung und Bewohner der Alhambra öffnen den Blick in den halb öffentlichen, halb privaten Kosmos der Anlage. Sie zeigen alltägliche Abläufe, Begegnungen und die improvisierte Lebensform in den Palastruinen, ohne die Würde des Ortes zu mindern. Das vertraute Nahsehen schafft eine Gegenfolie zu den feierlichen Beschreibungen und verleiht dem Ganzen jene intime Temperatur, die Irvings Prosaskizzen auszeichnet.
Die Architektur der Alhambra erscheint bei Irving als eigenständige Figur. Der Thurm des Comares, Der Löwenhof, Der Balkon und Die Alhambra im Mondlichte entfalten das Wechselspiel von Licht, Ornament und Raum. Die Beschreibungen sind farbsatt, doch präzise; sie arbeiten mit Perspektivwechseln, rhythmischer Satzführung und einem Sinn für akustische Eindrücke. So entsteht ein literarisches Sehen, das das Auge führt und zugleich die Imagination reizt. Die Monumente sind nicht bloße Kulisse, sondern Träger von Erinnerung, Symbol und Stimmung.
Historische Reflexionen geben dem Band eine tragende Achse. Gedanken über die maurische Herrschaft in Spanien ordnen die Eindrücke in größere Zusammenhänge ein, während Porträts wie Muhamed Abu Alahmar, der Gründer der Alhambra und Yusef Abul Hagig, der Vollender der Alhambra Herrscher skizzieren, die mit dem Ausbau der Anlage verbunden sind. Irving verbindet Respekt vor den Zeugnissen der Vergangenheit mit der Haltung des frühen 19. Jahrhunderts. Er erinnert an die Beendigung der islamisch geprägten Herrschaft in Granada im Jahr 1492, ohne die Vielfalt der kulturellen Schichten zu nivellieren.
Wiederkehrende Themen sind Vergänglichkeit, Erinnerung und das Ineinander von Kulturen. Die Alhambra erscheint als Schichtbau der Zeit, in dem Spuren islamischer Kunst, christlicher Aneignung und neuzeitlicher Nutzung nebeneinanderstehen. Irving interessiert das fragile Gleichgewicht aus Bewahren und Vergehen, aus Legende und Dokument. Seine Prosa hält jene Schwebe, in der das Tatsächliche und das Erzählte sich wechselseitig erhellen. Die Texte laden dazu ein, im Sichtbaren das Unsichtbare mitzudenken, ohne das eine dem anderen aufzuopfern.
Die Sagenhaftigkeit des Bandes speist sich aus Überlieferungen, die Irving aus dem Umfeld der Anlage aufnahm. Geschichten wie Das Abentheuer des Maurers, Der Statthalter und der Notar, Statthalter Manco und der Soldat oder die Sage von den zwei verschwiegenen Statüen verbinden Volksglauben, Humor und milde Ironie. Sie greifen Motive von Glück und Prüfungen, Loyalität und List auf, ohne in moralische Schablonen zu verfallen. Der Erzähler wahrt Distanz und Zuneigung gleichermaßen und lässt Raum für die Eigenlogik mündlicher Tradition.
Die Sprache Irvings ist glänzend und kontrolliert zugleich. Anschaulichkeit, melodische Perioden und eine kunstvolle Balance von Ernst und Leichtigkeit prägen den Ton. Szenische Anlage wechselt mit meditativem Verweilen; Naturbilder rahmen Übergänge. Wo die Geschichte mehrdeutig bleibt, setzt Irving auf Andeutung statt auf Erklärung. Aus der Summe entsteht ein stilistischer Signaturklang, der die Skizze als Kunstform zeigt und die Lesezeit in Aufenthaltszeit verwandelt: Man verweilt, statt nur vorüberzugehen.
Im Kontext von Irvings Gesamtwerk gehört Sagen von der Alhambra zu den ausgereiften Kompositionen seiner Reiseskizzen. Wie bereits in früheren Sammlungen erprobt, verbindet er Beobachtungsgabe mit erzählerischer Architektur. Hier aber erreicht die Verbindung von Topographie, Kulturgeschichte und Legendenbildung eine besondere Dichte. Der Band steht damit auch exemplarisch für die Entwicklung der Reiseliteratur im 19. Jahrhundert, die zwischen Bericht, Essai und novellistischer Rahmung neue Mischformen hervorbrachte und die Wahrnehmung entlegener Räume prägte.
Die anhaltende Bedeutung dieser Sammlung liegt in ihrer kulturvermittelnden Kraft. Irving half, die Alhambra über den Fachkreis hinaus in der europäischen und nordamerikanischen Imagination zu verankern. Seine Texte förderten Interesse an Andalusien, an islamischer Kunst auf europäischem Boden und an der Idee des Denkmals als lebendigem Ort. Zugleich schärfen sie bis heute den Blick für den Umgang mit historischen Stätten: als Schutzraum, als Erzählraum, als öffentlicher Raum. Leserinnen und Leser finden hier keine museale Erstarrung, sondern eine offene, dialogische Form der Erinnerung.
Die vorliegende Zusammenstellung folgt der inneren Dramaturgie des Wanderns: Ankunft und Erkundung, Einleben und Rückschau, Legende und Geschichte. Jedes Stück ist für sich lesbar, fügt sich jedoch in ein Gesamtbild, das die Alhambra in ihrer Vielstimmigkeit zeigt. Ohne vorzugreifen, bereiten die frühen Skizzen den Boden für die Sagen, und die Sagen spiegeln wiederum Motive der Beobachtungen. So entsteht ein Reigen, der zur bedachtsamen Lektüre einlädt: als langsamer Gang durch Höfe und Türme, als Gespräch mit Orten und ihren Geschichten.
Washington Irving (1783–1859) gilt als einer der ersten US-amerikanischen Autoren mit internationalem Renommee. Zwischen Romantik und aufkommender Nationalliteratur verband er Reiseschilderung, Essay und Erzählung zu einer eleganten, oft ironischen Prosa. Sein Name steht sowohl für die Popularisierung amerikanischer Stoffe als auch für eine nachhaltige literarische Vermittlung europäischer Kultur, besonders Spaniens. Mit den Skizzen und Sagen der Alhambra machte er die maurische Vergangenheit Granadas einem breiten Publikum zugänglich und prägte lange die Imagination von Ort und Epoche. Zugleich blieben seine Arbeiten stilprägend für das Genre der literarischen Reise, das Beobachtung, Geschichte und Legende kunstvoll verschränkt.
Ausgebildet wurde Irving nicht an einer Universität, sondern durch juristische Lehre und Selbststudium; 1806 erhielt er die Zulassung als Anwalt, übte den Beruf jedoch kaum aus. Früh prägten ihn die elegante Aufsatzprosa von Addison und Goldsmith, das urbane Satiremodell des 18. Jahrhunderts und, später, die Begegnung mit Sir Walter Scott, dessen Ermutigung und literarisches Beispiel maßgeblich wirkten. Reisen nach Großbritannien und auf den Kontinent erweiterten sein Kultur- und Quellenwissen. Diese Kombination aus klassischem Stilideal, romantischer Stoffwahl und genauer Beobachtung blieb grundlegend für seine Entwicklung vom humoristischen Essayisten zum Historiker und Meister der erzählerischen Skizze.
Seinen Durchbruch erzielte Irving mit satirischer Stadt- und Kolonialgeschichte, bevor er mit einem Band von Reise- und Gesellschaftsskizzen internationales Publikum gewann. Die Texte des Sketch Book, veröffentlicht 1819/1820 unter dem Pseudonym Geoffrey Crayon, etablierten seine melodische Prosa und sein Gespür für das Atmosphärische. In Europa gefestigt, verband er amerikanische Themen mit britischer und kontinentaler Tradition. Als Historiker wandte er sich bald umfangreicheren Stoffen zu, stets in einem für Laien zugänglichen Ton. Diese Erfahrung bereitete den Boden für seine spätere Auseinandersetzung mit Spanien, deren literarischer Höhepunkt in den vielfältigen Alhambra-Stücken liegen sollte.
Auf längeren Spanienaufenthalten arbeitete Irving in Archiven, erforschte Chroniken und lebte zeitweise in der Alhambra von Granada. Dort entstanden Beobachtungen, die er zu einem Geflecht aus Reisebild, Historie und Volkssage formte. Die Sammlung versammelt Eröffnungen wie Die Reise, Des Verfassers Wohnung und Die Alhambra im Mondlichte, dazu topografische und architektonische Miniaturen wie Der Löwenhof, Der Thurm des Comares und Der Thurm der Prinzessinnen. In Stücken wie Bewohner der Alhambra und Der Balkon verbindet sich feine Charakterbeobachtung mit einer poetischen Wahrnehmung des Ortes, ohne die historischen Konturen und Konflikte zu romantisch zu verwischen.
Prägend sind zudem erzählerische Episoden, die Alltag, Verwaltung und militärisches Erbe aufgreifen. Die Befehlshaberschaft der Alhambra, Der Veteran, Der Statthalter und der Notar sowie Statthalter Manco und der Soldat zeigen ein Spektrum an Stimmen, Diensten und Loyalitäten. Solche Skizzen treten in Dialog mit lokalem Sagengut und schaffen eine Bühne, auf der sich Vergangenheit und Gegenwart überlagern. Auch Die Haushaltung, Der Flüchtling und Besucher der Alhambra entfalten den Mikrokosmos des Palastkomplexes, aufgeladen mit höfischen Erinnerungen, religiösen Spuren und der täglichen Improvisation einer lebendigen, vielsprachigen Umgebung. Irving ordnet diese Vignetten lose, vertraut auf motivische Wiederkehr und eine ruhige, anschauliche Erzählstimme.
In den Sagen entfaltet Irving eine romantische Archäologie des Ortes. Sage von dem Prinzen Ahmed al Kamel; oder der Liebespilger, Sage von der Rosa der Alhambra; oder der Page und der Geierfalk, Sage von den drei schönen Prinzessinnen, Sage von dem arabischen Astrologen und Sage von den zwei verschwiegenen Statüen verbinden Wunder, Moral und Humor. Historische Profile wie Boabdil el Chico und Erinnerungen an Boabdil rahmen den Untergang des Emirats, während Muhamed Abu Alahmar, der Gründer der Alhambra, und Yusef Abul Hagig, der Vollender der Alhambra, die dynastische Leistung vergegenwärtigen, ohne die Ambivalenzen zu tilgen.
Nach den spanischen Jahren wirkte Irving erneut beiderseits des Atlantiks, unter anderem als Diplomat; von 1842 bis 1846 war er Gesandter der Vereinigten Staaten in Madrid. Später konzentrierte er sich auf umfangreiche Biografik und nationale Stoffe und vollendete zwischen 1855 und 1859 seine mehrbändige Life of George Washington. 1859 starb er in New York State. Sein Vermächtnis liegt in der Verbindung von anschaulicher Prosa, historischer Genauigkeit und erzählerischer Anmut. Die Alhambra-Stücke – von Oertliche Sagen über Das Haus des Wetterhahns bis Ein Spaziergang auf die Hügel – bleiben prägende Modelle literarischer Kulturvermittlung.
Washington Irving (1783–1859) verfasste die Sagen von der Alhambra 1832, unmittelbar nach monatelangen Aufenthalten in Spanien und einem längeren Wohnsitz innerhalb der Alhambra im Jahr 1829. Als amerikanischer Autor, der später Diplomat wurde, verband er Reisebericht, Geschichtsblick und volkstümliche Überlieferung. Die Sammlung – in deutscher Übersetzung als Sagen von der Alhambra bekannt – rahmt das maurische Granada des 13. bis 15. Jahrhunderts und seine frühneuzeitliche Nachgeschichte aus der Perspektive der Romantik. Skizzen wie Des Verfassers Wohnung, Das Innere der Alhambra oder Die Reise setzen den zeitgenössischen Schauplatz, während legendäre Episoden auf die Nasridenherrschaft und deren Nachklang verweisen.
Die politischen Verwerfungen Spaniens prägen den Hintergrund von Irvings Beobachtungen. Nach dem Unabhängigkeitskrieg gegen Napoleon (1808–1814) restaurierte Ferdinand VII. die Monarchie; auf das liberale Triennium (1820–1823) folgten Repression, wirtschaftliche Not und unsichere Verkehrswege. Reisen durch Kastilien und Andalusien erfolgten mit Postkutschen und über oft gefährliche Landstraßen; Bandentum und improvisierte Kontrolle prägten den Alltag. Skizzen wie Die Reise und Besucher der Alhambra spiegeln diese Rahmenbedingungen, ohne den Fokus der Sammlung – die historische und kulturelle Imagination um Granada – zu verlieren. Sie betten die Erzählungen in eine nachnapoleonische Gesellschaft im Umbruch ein, deren Institutionen noch instabil waren.
Die Alhambra selbst ist Produkt der Nasridendynastie, die im 13. und 14. Jahrhundert die Emirate von Granada ausbaute. Als Palaststadt auf dem Sabika-Hügel vereint sie Befestigung, Hofarchitektur und Gärten. Zentrale Bauteile wie der Thurm des Comares und der Löwenhof stammen aus dieser Blütezeit. Nach der Eroberung 1492 diente der Komplex den katholischen Königen und später den Habsburgern; der Renaissance-Palast Karls V. markiert die neue Dynastie. In den folgenden Jahrhunderten wechselten Nutzung und Pflege, was zeitweise zu Vernachlässigung führte. Irvings Beschreibungen bilden damit eine Momentaufnahme zwischen mittelalterlichem Erbe und frühneuzeitlicher Überformung.
Ein wiederkehrender Referenzpunkt ist der Untergang des Emirats Granada 1492. Boabdil el Chico (Muhammad XII.) übergab die Stadt an Isabella I. und Ferdinand II., womit die sogenannte Reconquista ihren symbolischen Abschluss fand. In Boabdil el Chico, Erinnerungen an Boabdil und Der Balkon reflektiert Irving die Memorialkultur um den letzten Nasridenherrscher, die seit der Frühen Neuzeit durch Chroniken und populäre Legenden geprägt wurde. Er zeichnet nach, wie politische Übergänge religiöse und kulturelle Markierungen im Palast hinterließen, vermeidet jedoch eine militärhistorische Erzählung und konzentriert sich auf Spuren, Erzählstoffe und Wahrnehmungen, die das 19. Jahrhundert mit dem Ort verband.
Den baulichen Ursprung bindet die Sammlung an Figuren wie Muhamed Abu Alahmar, der Gründer der Alhambra, also Muhammad I. ibn al-Ahmar, der im 13. Jahrhundert den Festungs- und Palastkomplex begründete. Späteren Ausbau und Glanz verbindet Irving mit Yusef Abul Hagig, der Vollender der Alhambra, einem Namen, der auf Yusuf I. verweist; die Vollendung zentraler Bereiche erfolgte im 14. Jahrhundert vor allem unter Yusuf I. und Muhammad V. In Darstellungen des Thurm des Comares oder des Löwenhofs unterstreicht er die höfische Kultur, Wasserarchitektur und Epigraphik, die das Nasriden-Granada in Europa zu einem Schlüsselbeispiel islamischer Kunst machten.
Die napoleonische Besatzung (1808–1812) hinterließ in der Alhambra deutliche Spuren: französische Truppen nutzten die Anlage militärisch, legten 1812 Sprengladungen und zerstörten Teile mehrerer Türme. Nach Kriegsende verschlechterten sich Unterhalt und Bewachung zeitweise; innerhalb des Komplexes lebten ärmere Familien, Handwerker und Personal des Militärs. Irving schreibt in Befehlshaberschaft der Alhambra, Die Haushaltung und Bewohner der Alhambra über Verwaltung und Alltagsökonomie in einem halbverfallenen, doch bewohnten Monument. Parallel begannen erste Sicherungsmaßnahmen; 1828 wurde José Contreras als Restaurator betraut, womit ein staatlich gestützter, wenn auch ästhetisch umstrittener, Erhaltungsprozess einsetzte.
Methodisch kombiniert Irving Archivstudien, Beobachtungen vor Ort und mündliche Überlieferungen. Seine zuvor entstandene Chronicle of the Conquest of Granada (1829) nutzt den fiktiven Chronisten Fray Antonio Agapida als Rahmen – ein literarischer Hinweis darauf, dass er zwischen Dokument und Legende bewusst wechselt. In Gedanken über die maurische Herrschaft in Spanien reflektiert er, wie Überlieferung politische Deutungen prägt. Skizzen wie Des Verfassers Wohnung und Das Innere der Alhambra verankern den Erzähler in konkreten Räumen, aus denen heraus er Sagen sammelt und ordnet. So entsteht ein Hybrid aus Reisebericht, Antiquariatsinteresse und romantischer Mythographie.
Die Sammlung steht im Kontext romantischer Spanienbilder und einer europäischen Orientalismusmode, die das islamische Erbe auf der Iberischen Halbinsel als exotisch und pittoresk inszenierte. Gleichzeitig reagiert sie auf spanische Strömungen des Costumbrismo, die Alltagsmilieus und regionale Typen beschrieben. In Die Alhambra im Mondlichte und Der Balkon wird das ästhetische Programm der Romantik – Nacht, Ruine, Musik, Fernsicht – zum Medium historischer Empathie. Irving richtet den Blick auf die sinnliche Wahrnehmung als Zugang zu Vergangenheit und knüpft damit an zeitgenössische Reisende an, die die Alhambra als Bühne für gefühlte Geschichte entdeckten.
Die Schilderung der materiellen Kultur ist mehr als Dekor. In Der Thurm des Comares und Der Löwenhof rückt Irving kalligrafische Inschriften, Stuckornamente, Wasserspiele und Raumfolgen in den Fokus. Damit vermittelt er früh ein Verständnis für die Eigenlogik islamischer Hofarchitektur, lange bevor sich kunsthistorische Fachsprachen etablierten. Sein Zugriff ist nicht archäologisch, sondern beschreibend und vergleichend; er verankert die Alhambra in europäischen Debatten über Stil, Authentizität und das Verhältnis von Mittelalter und Renaissance. Diese Beobachtungen speisen sich aus dem Zustand der 1820er Jahre, als Nutzungsspuren, Vernachlässigung und erste Restaurierungen gleichzeitig sichtbar waren.
Sozialgeschichtlich verankern Stücke wie Der Flüchtling, Der Veteran, Besucher der Alhambra, Der Statthalter und der Notar sowie Statthalter Manco und der Soldat das Ensemble in der Lebenswelt der Restaurationszeit. Sie thematisieren Grenzsituationen von Militärdienst, lokaler Verwaltung, Rechtspraxis und Armut. Dabei liefert Irving keine amtliche Statistik, sondern Milieuporträts, die die politischen Spannungen der 1820er Jahre ahnen lassen. Diese Prosaskizzen erklären, warum der Palast als Zufluchtsort, Arbeitsplatz und Machtzeichen zugleich fungierte. Das Ergebnis ist ein sozialer Querschnitt, der die Sagenwelt mit dem zeitgenössischen Spanien verknüpft, ohne historische Fakten zu überformen.
Die eigentlichen Sagen – etwa Das Abentheuer des Maurers, Sage von dem arabischen Astrologen, Der Thurm der Prinzessinnen, Sage von den drei schönen Prinzessinnen, Sage von des Mauren Vermächtniß, Sage von den zwei verschwiegenen Statüen oder Sage von der Rosa der Alhambra; oder der Page und der Geierfalk – verarbeiten verbreitete Motive: verborgene Schätze, astrologisches Wissen, verwunschene Räume, Loyalität und Prüfungen. Irving ordnet diese Stoffe topografisch und genealogisch, vermeidet jedoch eine gelehrte Edition. So dokumentiert er Erzählkreise, die mittelalterliche Elemente mit frühneuzeitlichem Volksglauben verschränken, und macht sichtbar, wie Orte selbst Bedeutungsträger werden.
Topografie und Umgebung werden zu Quellen von Erinnerung. In Ein Spaziergang auf die Hügel, Oertliche Sagen und Das Haus des Wetterhahns kartiert Irving die Stadtlandschaft Granadas – Hänge, Schluchten, Klöster, Viertel und Blicke zur Sierra Nevada – als Speicher von Erzählungen. Solche Ortsbezüge sind charakteristisch für die Aneignung der Vergangenheit im 19. Jahrhundert, als Reisen, Skizzieren und Sammeln als bürgerliche Praxis galten. Der Fokus auf Wege und Aussichtspunkte verknüpft historische Reflexion mit der Erfahrung des Gehens und Schauens und fördert eine lokale Geschichtskultur, die für Besucher anschlussfähig wurde.
Der langfristige Denkmalstatus der Alhambra ist nicht allein Irvings Verdienst, doch die Sammlung trug zur öffentlichen Wertschätzung bei. Im 19. Jahrhundert etablierten sich staatliche Schutzmechanismen; 1870 wurde die Alhambra zum nationalen Monument erklärt. Restauratoren wie José Contreras und später sein Sohn Rafael arbeiteten an Sicherung und, teils umstritten, an Rekonstruktionen im Geschmack ihrer Zeit. Diese Eingriffe standen im Spannungsfeld zwischen Erhalt, touristischer Präsentation und stilistischer Ergänzung. Irvings Texte dienten als kulturelle Referenz, die Authentizitätsansprüche formulierte und zugleich emotionale Bindungen schuf, auf die sich Befürworter der Erhaltung berufen konnten.
Die Veröffentlichung 1832 – in London und zeitgleich in den Vereinigten Staaten – fand rasch ein Publikum. Übersetzungen ins Spanische und Deutsche folgten bald und etablierten die Sammlung international. Reiseführer des 19. Jahrhunderts, darunter Richard Fords Handbooks, knüpften an die erzählerischen Bilder an, wodurch Granada in der Imagination britischer und amerikanischer Reisender einen festen Platz erhielt. In Deutschland stärkte die Übersetzung die Wahrnehmung Spaniens als Land zwischen mittelalterlicher Romantik und moderner Krise. Die Sagen wurden so Teil eines europäischen Kommunikationsraums, in dem Literatur, Reise und nationale Selbstauslegung ineinandergriffen.
Parallel wuchs die wissenschaftliche Beschäftigung mit al-Andalus. Arabistische Philologie in Frankreich und Deutschland sowie spanische Historiker – etwa José Antonio Conde mit seiner Historia de la dominación de los árabes en España – lieferten neue Quellenzugänge. Irving war kein Fachhistoriker, arbeitete jedoch in Madrider Archiven und popularisierte Themen, die die Forschung bewegten. Die narrative Technik seiner Chronicle of the Conquest of Granada, als angebliche Übersetzung eines fiktiven Mönchs, machte Relektüren nötig und sensibilisierte Leser für die Grenze zwischen Quellenbericht und Erzählkunst. Diese Spannung prägt auch die Rezeption der Sagen von der Alhambra.
Im 20. Jahrhundert geriet Irvings romantisierende Darstellung in den Blick kritischer Orientalismusdebatten. Forschungen korrigierten Stereotype, differenzierten soziale und religiöse Dynamiken und prüften Legenden auf ihre Entstehungskontexte. Gleichwohl blieb die Sammlung als frühe Stimme einer Denkmal- und Erinnerungskultur bedeutsam. Mit der UNESCO-Eintragung der Alhambra und des Generalife als Weltkulturerbe 1984 verschob sich der Diskurs stärker zu Erhalt, Besucherlenkung und Authentizität. Neuere Editionen und Übersetzungen rahmen Irvings Texte daher sowohl als literarische Dokumente der Romantik wie als Zeugnisse eines historischen Moments der Wiederentdeckung Granadas.
Im Ergebnis kommentieren die Sagen von der Alhambra die Verschränkung von politischer Zäsur, kulturellem Erbe und europäischer Moderne. Sie verbinden mittelalterliche und frühneuzeitliche Stoffe mit Beobachtungen der 1820er Jahre und stellen die Alhambra als Projektionsfläche kollektiver Erinnerung dar. Einzelne Stücke – von Die Reise bis Sage von dem Prinzen Ahmed al Kamel; oder der Liebespilger – belegen, wie Bewegung, Raum und Erzählung zusammenwirken. Spätere Deutungen lesen das Werk als Vermittler zwischen akademischer Geschichte und populärer Imagination. Damit bleibt die Sammlung ein Schlüsseltext zur historischen Semantik von Granada und al-Andalus.
Die Reise und Ein Spaziergang auf die Hügel zeichnen den Weg nach Granada und die Annäherung an die Alhambra als Übergang von der nüchternen Gegenwart in eine geschichtsgesättigte Landschaft. Der Ton ist neugierig und kontemplativ; Ausblicke über Stadt, Vega und Sierra schaffen den Raum für die folgenden Erkundungen.
Das Innere der Alhambra, Der Löwenhof, Der Balkon und Der Thurm des Comares erkunden Höfe, Säle und Ausblicke mit Sinn für Licht, Wasser und Ornament. Die Beobachtungen verbinden anschauliche Details mit der Wirkung der Räume auf Stimmung und Wahrnehmung.
Des Verfassers Wohnung und Die Haushaltung schildern das provisorische Einrichten eines Alltags in den Mauern des Palastes. Kleine Routinen, Dienstbotenfragen und improvisierte Bequemlichkeiten werden mit leiser Ironie und Sympathie für das Eigenleben des Ortes beschrieben.
Bewohner der Alhambra, Besucher der Alhambra, Der Veteran und Der Flüchtling versammeln Porträts von Soldaten, Familien, Reisenden und Zufallsbekanntschaften. In kurzen Episoden zeigen sich Charaktere, Milieus und kleine Bewährungsproben, die den sozialen Klangraum des Gemäuers formen.
Die Alhambra im Mondlichte stellt die Anlage als nächtliche Traumlandschaft vor, in der Schatten, Wasser und Echo die Fantasie anregen. Befehlshaberschaft der Alhambra kontrastiert dazu mit Blicken auf Ordnung, Zuständigkeiten und die oft handfeste Realität der Verwaltung eines historischen Ortes.
Gedanken über die maurische Herrschaft in Spanien bietet eine knappe Betrachtung von Leistungen, Spannungen und Nachwirkungen der Nasridenzeit. Der Text wägt kulturelle Durchmischung und politisches Ringen, ohne in gelehrte Abstraktion zu verfallen.
Boabdil el Chico zeichnet ein psychologisch zurückhaltendes Porträt des letzten maurischen Herrschers Granadas. Pflicht, Vorsicht und die Last der Geschichte bilden die Grundspannung dieser Skizze.
Erinnerungen an Boabdil verknüpft Orte, Spuren und Erzählmotive, die an Boabdils Gestalt haften. Der Fokus liegt auf der Frage, wie Erinnerung, Gegenstand und Legende sich in der Alhambra überlagern.
Muhamed Abu Alahmar, der Gründer der Alhambra entwirft ein Bild der Anfänge der Anlage und der politischen wie ästhetischen Impulse, die zu ihrer Formung führten. Der Ton betont Entschlusskraft und die symbolische Bedeutung eines Residenzortes.
Yusef Abul Hagig, der Vollender der Alhambra rückt spätere Ausbauten und die Verfeinerung des Palastkomplexes in den Vordergrund. Die Darstellung verbindet Baugespür mit dem Wunsch, Herrschaft sichtbar und geordnet werden zu lassen.
Der Statthalter und der Notar erzählt eine konfliktgeladene Begegnung zwischen Macht und Schriftgelehrsamkeit mit satirischer Spitze. Rechtsfindung, Eitelkeit und Witz treiben die Szene voran, ohne ins Derbe zu kippen.
Statthalter Manco und der Soldat stellt eine kleine moralische Bewährungsprobe vor, in der Disziplin und Menschlichkeit austariert werden. Der Ausgang unterstreicht eine pragmatische, aber nicht herzlose Auffassung von Gerechtigkeit.
Das Abentheuer des Maurers begleitet einen einfachen Handwerker, der in verborgene Kammern und alte Geheimnisse verwickelt wird. Vertrauen, Verschwiegenheit und die zweischneidige Verlockung des Glücks sind die leitenden Motive.
Sage von dem arabischen Astrologen und Das Haus des Wetterhahns verbinden Schicksalsglaube, Zeichenkunde und Alltagsruf mit leiser Ironie. Vorahnungen und Berechnungen geraten an die Grenzen menschlicher Absichten.
Sage von des Mauren Vermächtniß und Sage von den zwei verschwiegenen Statüen stellen Erbschaften unter den Schutz von Rätseln, Wächterfiguren und ungeschriebenen Gesetzen. Die Geschichten fragen, wie Habgier, Klugheit und Maß miteinander ringen.
Oertliche Sagen bündelt kurze Überlieferungen, die an Tore, Gänge und Winkel der Alhambra geheftet sind. Der Text zeigt, wie die Topographie des Ortes selbst Erzählungen erzeugt und formt.
Der Thurm der Prinzessinnen und Sage von den drei schönen Prinzessinnen kreisen um abgeschirmtes Hofleben, heimliche Begegnungen und die Spannung zwischen Etikette und Neigung. Die Erzählweise bleibt zurückhaltend und betont Atmosphäre und Folgewirkungen mehr als spektakuläre Wendungen.
Sage von dem Prinzen Ahmed al Kamel; oder der Liebespilger schickt einen behüteten Prinzen auf eine Reise von gelehrter Abgeschlossenheit zur Erfahrung der Liebe. Märchentöne und sanfter Spott über überfeine Bildung mischen sich zu einer leichten, romantischen Novelle.
Sage von der Rosa der Alhambra; oder der Page und der Geierfalk verbindet künstlerische Begabung, Hofgunst und Zufallsmomente. Musik, Loyalität und die Launen des Glücks prägen die Stimmung, ohne das Ziel der Figuren vorwegzunehmen.
Die Sammlung verschränkt Reisebericht, historische Skizze und Legende zu einem Mosaik, in dem Gegenwartserfahrung und erinnerte Vergangenheit einander beleuchten. Architektur, Wasser und Mondlicht fungieren als Auslöser von Imagination und als Medien des Gedächtnisses.
Wiederkehrend sind Schwellenmomente zwischen Ordnung und Zauber, Bürokratie und Poesie, Pflicht und Neigung. Der Ton schwankt zwischen heiterer Ironie und romantischer Anschaulichkeit, getragen von einer neugierigen, erzählfreudigen Beobachterhaltung.
Im Frühling 1829 machte der Verfasser dieses Werkes, den die Neugierde nach Spanien geführt hatte, in Gesellschaft eines Freundes, einem Mitgliede der russischen Gesandtschaft zu Madrid, eine Reise von Sevilla nach Granada. Der Zufall hatte uns aus verschiedenen Regionen des Erdballs zusammengeführt und eine Gleichartigkeit des Geschmacks veranlaßte uns gemeinschaftlich in Andalusiens romantischen Bergen umher zu wandern. Wenn ihm diese Blätter zu Gesicht kommen, wohin auch die Pflichten seines Berufes ihn geschleudert haben, ob er an dem Gepränge der Höfe Theil nehme, oder über den echteren Glanz der Natur nachsinne, mögen sie die Scenen unserer abentheuerlichen Genossenschaft und mit ihnen die Erinnerung an Jemand zurückrufen, bei dem weder Zeit noch Entfernung das Andenken an sein einnehmendes Wesen und seinen Werth verlöschen werden.
Und hier sey es mir, ehe wir die Reise beginnen, vergönnt, vorläufig einiges über spanische Landschaften und spanisches Reisen zu bemerken. Mancher mag sich wohl in seinem Geiste Spanien als ein mildes, südliches Land denken, mit all den üppigen Reizen des wollüstigen Italiens ausgeschmückt. Im Gegentheil ist es, obgleich in einigen der Küstenprovinzen Ausnahmen gefunden werden, zum größern Theil ein ernstes, melancholisches Land, mit rauhen Gebirgen, lang hinziehenden Ebenen, baumlos, unbeschreiblich stumm und einsam, dem wilden und abgeschlossenen Charakter Afrika’s sich nähernd. Was dieses Schweigen und diese Einsamkeit vermehrt, ist der Mangel an Singvögeln, eine natürliche Folge des Abgangs an Laubwerk und Hecken. Wohl sieht man den Geier und den Adler über den Bergen kreisen und über die Ebenen schweben, und Gruppen von scheuen Trappen auf den Heiden umherschreiten; allein die Myriaden kleinerer Vögel, welche den ganzen Charakter anderer Gegenden beleben, trifft man nur in wenigen Provinzen Spaniens und hier vorzüglich in den Obststücken und Gärten, welche die Wohnungen der Menschen umgeben.
In den innern Provinzen durchschneidet der Reisende zuweilen große Strecken, die so weit das Auge reichen kann, mit Frucht besäet sind, jetzt in grünen Wellen wogend, jetzt nackt und sonnenverbrannt; aber vergebens sucht er rund umher die Hand, welche den Boden gebaut hat. Endlich bemerkt er irgend ein Dorf an einer steilen Höhe oder an einem rauhen Fels, mit zerfallenden Zinnen und den Trümmern eines Wartthurms, in alten Zeiten ein fester Platz gegen Bürgerkrieg oder Maurischen Einfall; denn die Gewohnheit, sich zu wechselseitigem Schutz zu versammeln, wird zufolge der Räuberei umstreifender Freibeuter, in den meisten Theilen Spaniens noch unter den Landleuten beibehalten.
Obgleich es aber einem großen Theile von Spanien an dem Schmucke des Laubwerks und der Wälder und den sanfteren Reizen einer kunstreichen Anbauung fehlt, so hat seine Scenerie doch etwas von einem hohen und stolzen Charakter, wodurch jener Mangel ausgeglichen wird. Sie hat einige Aehnlichkeit mit den Eigenthümlichkeiten ihres Volkes, und ich glaube den stolzen, kühnen, mäßigen und enthaltsamen Spanier, seinen männlichen Trotz gegen Mühseligkeiten und seine Verachtung gegen Verweichlichung besser zu kennen, seit ich das Land gesehen habe, welches er bewohnt.
Auch in den streng einfachen Zügen der spanischen Landschaft ist etwas, das die Seele mit einem Gefühle der Erhabenheit erfüllt. Die unermeßlichen Ebenen der beiden Kastilien und der Mancha, die sich, soweit das Auge nur reichen kann, ausdehnen, erhalten selbst durch ihre Nacktheit und Unabsehbarkeit ein Interesse und haben etwas von der feierlichen Größe des Oceans. Wenn man diese grenzenlosen Wüsten durchwandert, fällt der Blick da und dort auf eine einzelne Rinderheerde von einem einsamen Hirten gehütet, der bewegungslos wie eine Statue steht und dessen langer, schlanker Stab wie eine Lanze in die Luft emporragt; oder man sieht einen langen Zug von Maulthieren, die sich langsam die Einöde entlang bewegen, wie ein Zug Kamele in der Wüste; oder einen einzelnen Hirten, der, mit Gewehr und Dolch bewaffnet, durch die Ebene eilt. So hat das Land, so haben die Sitten, selbst das Aussehen des Volkes etwas von dem arabischen Charakter. Der allgemeine Gebrauch der Waffen beweißt, daß es überall unsicher in dem Lande ist. Der Hirt auf dem Feld, der Schäfer in der Ebene hat seine Flinte und sein Messer. Der reiche Dorfbewohner wagt sich selten in den Marktflecken, ohne seinen Trabuco und vielleicht einen Diener zu Fuß mit einer Büchse auf der Schulter bei sich zu haben, und die unbedeutendste Reise wird mit den Vorbereitungen eines kriegerischen Unternehmens angetreten.
Die Gefahren auf der Heerstraße veranlassen auch eine Reiseart, die in einem kleinen Maßstab den Karawanen des Osten gleicht. Die Arrieros, oder Kärner, vereinigen sich zu Geleitschaften und gehen an bestimmten Tagen in großen und wohlbewaffneten Zügen ab, während hinzukommende Reisende ihre Zahl vermehren und ihre Stärke erhöhen. Auf diese alt einfache Weise wird der Handel des Landes betrieben. Der Maulthiertreiber ist der allgemeine Vermittler des Verkehrs und der gesetzmäßige Durchzieher des Landes, der die Halbinsel von den Pyrenäen und den asturischen Gebirgen bis zu den Alpujarras, der Serrania de Ronda und selbst zu den Pforten von Gibraltar durchstreift. Er lebt mäßig und mühevoll; sein Alfurjas von grobem Tuche enthält seinen knappen Vorrath von Lebensmitteln; eine Lederflasche, die an dem Sattelbogen hängt, ist mit Wein oder Wasser gefüllt, um auf dem öden Gebirg oder den dürren Ebenen den Durst zu stillen. Eine Maulthierdecke, auf den Boden gebreitet, ist des Nachts sein Bette und sein Packsattel ist sein Kissen. Seine kleine, aber schön gegliederte und kräftige Gestalt zeugt von Kraft; seine Gesichtsfarbe ist dunkel und sonneverbrannt; sein Auge entschlossenen aber ruhigen Ausdrucks, ausgenommen wenn eine plötzliche Erregung es entflammt; sein Benehmen ist frei, männlich, höflich und er geht nie an dir vorbei ohne einen ernsten Gruß:»Dios guarde à usted!« »Va usted con Dios, Caballero!«– »Gott schirme euch! Gott sey mit euch; Herr!«
Da diese Leute oft ihr ganzes Vermögen in dem Gepäck ihrer Maulthiere tragen, so haben sie ihre Waffen, die an den Sattel befestigt und augenblicklich zu verzweifeltem Widerstand bereit sind, stets zur Hand. Ihre vereinte Zahl aber sichert sie gegen kleine Banden von Schnapphähnen; und der einsame Bandolero, bis zu den Zähnen bewaffnet und auf seinem Andalusier sitzend, umschwebt sie, wie ein Seeräuber das Geleitschiff eines Kauffahrers, ohne einen Angriff zu wagen.
Der spanische Maulthiertreiber hat einen unerschöpflichen Vorrath von Liedern und Balladen, um sein unaufhörliches Wanderleben damit zu erheitern[1q]. Die Weisen sind rauh und einfach, indem sie nur aus wenigen Inflexionen bestehen. Diese singt er mit lauter Stimme und langem, gezogenem Tonfall heraus, während er quer auf seinem Maulthier sitzt, das mit unendlichem Ernste zu lauschen und mit seinem Schritte den Takt zu der Weiße zu halten scheint. Die so abgesungenen Strophen sind oft alte überlieferte Romanzen, die Mauren betreffend, oder irgend eine Heiligen-Legende, oder ein Liebesliedchen; oder, was noch häufiger der Fall ist, eine Ballade auf einen kecken Schleichhändler, oder einen kühnen Bandolero, denn der Schmuggler und der Räuber sind poetische Helden bei dem gemeinen Volke Spaniens. Oft ist der Gesang des Maulthiertreibers ein Erzeugniß des Augenblicks und bezieht sich auf eine örtliche Scene oder auf irgend einen Reisevorfall. Dieses Talent des Gesanges und der Improvisation ist sehr häufig in Spanien und soll ihnen von den Mauren vererbt worden seyn. Es hat etwas wild Ergötzliches, diesen Liedern in den rauhen und einsamen Gegenden, von denen sie Kunde geben, zu lauschen, wenn sie von dem Geklingel der Glocke des Maulthirs begleitet werden.
Es ist auch von einer sehr malerischen Wirkung, in einem Gebirgspaß auf einen Zug von Maulthiertreibern zu stoßen. Zuerst hört man die Glocken der vordern Maulthiere, die mit ihrem einfachen Tone die Stille der luftigen Höhe unterbrechen; oder vielleicht die Stimme des Maulthiertreibers, der ein träges oder vom Weg abgekommenes Thier ermahnt, oder mit der ganzen Kraft seiner Lunge eine alte Ballade singt. Endlich sieht man die Maulthiere sich langsam den engen Felsenpaß entlang winden, zuweilen steile Klippen niedersteigend, so daß sie sich scharf gegen den Himmel abzeichnen, zuweilen aus den tiefen öden Klüften unten sich empor arbeitend. Während sie sich nähern, unterscheidet man ihren bunten Schmuck von wollenen Büschen, Troddeln und Satteldecken, während, bei’m Vorüberziehen, der stets bereite Trabuco hinter den Päcken und Sätteln, die Unsicherheit der Straße andeutet.
Das alte Königreich Granada, in welches wir nun eintreten, ist eines der bergigsten Länder Spaniens. Weite Sierras, oder Gebirgsketten, ohne Strauch oder Baum, farbig von mannigfachen Marmorn und Graniten, erheben ihre sonnverbrannten Gipfel gegen einen tief blauen Himmel; allein in ihren schroffen Gründen liegen die grünsten und fruchtbarsten Thäler eingeklüftet, wo Wüste und Garten um den Vorrang streiten und selbst der Fels gezwungen scheint, Feigen, Orangen und Zitronen zu spenden und sich mit der Myrthe und der Rose zu schmücken.
Der Anblick ummauerter Städte und Dörfer, die wie Adlernester an den Klippen hängen und von maurischen Zinnen umgeben sind, oder von zerfallenden Wartthürmen, die auf luftigen Kuppen thronen, führen in den wilden Pässen dieser Berge den Geist in die ritterliche Zeit des christlichen und mahomedanischen Kriegslebens und zu dem romantischen Kampf um Granada’s Eroberung zurück. Der Reisende muß, wenn er diese hohe Gebirge durchzieht, absteigen und sein Pferd die steilen und eingekerbten Pfade, die bergan und thalab führen und den zerbrochenen Stufen einer Treppe gleichen, auf und nieder leiten. Zuweilen windet sich der Weg schwindlige Abgründe entlang, ohne ein Geländer, das ihn vor der Tiefe unten schützt, und stürzt dann tiefe, dunkle und gefährliche Abhänge nieder. Zuweilen geht er durch rauhe Barrancas, oder Schluchten, von Winterströmen ausgewaschen, der heimliche Pfad der Schmuggler; während da und dort das bedeutungsvolle Kreuz, das Denkzeichen einer Räuberei oder eines Mordes, auf einem Steinhaufen an irgend einem einsamen Theil des Weges errichtet, den Reisenden ermahnt, daß er im Bereich von Banditen, vielleicht in diesem Augenblick unter den Augen eines lauernden Bandolero ist. Zuweilen setzt ihn, wenn er sich durch die engen Thäler windet, ein rauhes Gebrüll in Erstaunen und er sieht über sich, auf einem grünen Einschnitt der Bergseite, eine Heerde wilder andalusischer Stiere, die zum Kampfe der Arena bestimmt sind. Es ist etwas Schauerliches in dem Anblick dieser furchtbaren Thiere, mit schreckenhafter Kraft begabt und, fast Fremdlinge dem Antlitze des Menschen, in ungezähmter Wildheit ihre heimathlichen Weiden durchstreifend; sie kennen niemand, als den einsamen Hirten, der sie hütet und er selbst wagt es zu Zeiten nicht, ihnen nahe zu kommen. Das tiefe Brüllen dieser Stiere und ihr drohendes Aussehn, wenn sie von der Felsenhöhe nieder blicken, erhöht die Wildheit der rauhen Scenerie umher.
Ich habe mich unwillkührlich verleiten lassen, bei den allgemeinen Zügen des Reisens in Spanien länger zu verweilen, als meine Absicht war. Es ist aber etwas Romantisches in jeder Erinnerung an die Halbinsel und die Einbildungskraft scheidet ungern davon.
Am ersten Mai verließen mein Gefährte und ich Sevilla, um nach Granada zu gehen. Wir hatten alle Vorbereitungen getroffen, welche eine solche Reise durch gebirgige Gegenden, wo die Wege wenig mehr als bloße Pfade für Maulthiere und zu häufig von Räubern belagert sind, nothwendig machte. Der werthvollere Theil unseres Gepäcks war durch Arrieros vorausgeschickt worden; wir behielten nur Kleidung und das Nothwendigste für den Weg und Geld für die Ausgaben der Reise bei uns; doch steckten wir von letzterm einen kleinen Ueberschuß zu uns, um den Erwartungen der Räuber, wenn wir angegriffen würden, Genüge zu thun, und uns die rauhe Behandlung zu ersparen, die den zu sparsamen geldarmen Reisenden erwartet. Zwei starke Pferde wurden für uns, ein drittes für unser kleines Gepäck und einen stämmigen Biskaier gemiethet, einen Burschen von ungefähr zwanzig Jahren, der uns durch die Irrgewinde der Bergwege führen, für die Pferde sorgen, gelegentlich die Stelle unseres Bedienten und immer die unseres Wächters vertreten sollte; denn er hatte einen furchtbaren Trabuco oder Karabiner, um uns gegen Rateros, oder Straßenräuber zu Fuß, zu vertheidigen; er prahlte mit dieser Waffe ungemein viel, obgleich ich, zur Unehre seiner Anführerschaft, sagen muß, daß sie gewöhnlich ungeladen hinter seinem Sattel hing. Er war jedoch ein treues, munteres, gutherziges Wesen, voller Phrasen und Sprichwörter, wie jenes Wunder von Knappen, der berühmte Sancho selbst, dessen Namen wir ihm gaben; und als echter Spanier überschritt er, obgleich wir ihn mit genossenschaftlicher Vertraulichkeit behandelten, nicht einen Augenblick, selbst nicht in seiner besten Laune, die Grenzen des respectvollen Anstandes.
So ausgerüstet und begleitet begaben wir uns auf die Reise, in der echten Stimmung, uns zu vergnügen. Welch ein Land ist, mit einer solchen Stimmung, Spanien für einen Reisenden, wo das elendeste Wirthshaus voll Abentheuer wie ein bezaubertes Schloß, und jede Mahlzeit an sich schon eine Heldenthat ist! Laßt andere über den Mangel regelrechter Straßen und stattlicher Gasthäuser und all die künstlichen Behaglichkeiten eines zu Zahmheit und Alltäglichkeit ausgebildeten Landes klagen; aber mir gebt das rauhe Bergklettern, das umschweifende, aufs Gradewohl hingehende Wanderleben, die offenen, gastfreundlichen, obwohl halbwilden Sitten, welche dem romantischen Spanien einen so echten Hochgeschmack geben.
Unser erstes Nachtlager bot etwas der Art dar. Wir kamen nach einer ermüdenden Reise über eine weite, hauslose Ebene, wo Regenschauer uns wiederholt durchnäßt hatten, nach Sonnenuntergang zu einer kleinen Stadt in den Bergen. In dem Wirthshaus war eine Abtheilung von Miqueletes, welche die Gegend durchstreiften, um Räuber zu verfolgen. Die Erscheinung von Fremden, wie wir, war in dieser entlegenen Stadt etwas Ungewöhnliches; unser Wirth studirte mit zwei oder drei alten gesprächigen Kameraden in braunen Mänteln in einer Ecke der Posada unsere Pässe, während ein Alguazil bei dem trüben Licht einer Lampe mit Schreiben beschäftigt war. Die Pässe waren in fremden Sprachen und verwirrten sie, bis unser Knappe Sancho sie in ihren Studien unterstützte und unsere Wichtigkeit mit der Großsprecherei eines Spaniers erhob. Mittlerweile hatte die großmüthige Vertheilung einiger Cigarren die Herzen aller um uns gewonnen; nach kurzer Zeit schien die ganze Gemeinde in Aufruhr, um uns zu bewillkommnen. Der Corregidor selbst machte uns seinen Besuch, und die Wirthin machte mit Gepränge einen Armstuhl mit einem Strohsitz in unserer Stube für die Bequemlichkeit dieser wichtigen Person zurecht. Der Anführer der Misqueletes aß mit uns zu Nacht, ein lebendiger, gesprächiger, lachlustiger Andalusier, der einen Feldzug in Südamerika mitgemacht hatte, und uns seine Liebes-und Kriegsthaten mit vielem Wortgepräng, heftigem Mienenspiel und geheimnißvollem Rollen der Augen erzählte. Er sagte uns, er habe eine Liste aller Räuber der Umgegend, und gedenke, einen wie den andern an’s Tageslicht zu ziehen; zugleich bot er uns einige seiner Soldaten als Geleit an. »Einer reicht hin, Sie zu schützen, Sennores; die Räuber kennen mich und kennen meine Leute; der Anblick eines einzigen reicht hin, Schrecken in der ganzen Sierra zu verbreiten.« Wir dankten ihm für sein Anerbieten, versicherten ihn aber in seiner eignen Weise, unter dem Schutz unseres gefürchteten Knappen Sancho flößten uns alle Räuber Andalusiens keine Angst ein.
Während wir mit unserm eisenfresserischen Freunde zu Nacht aßen, hörten wir die Töne einer Guitarre und den Schall von Castagnetten, und dann einen Chor von Stimmen, die eine bekannte Melodie sangen. In der That hatte unser Wirth die Sänger und Musiker und die ländlichen Schönen der Nachbarschaft zusammen gerufen, und als wir hinaustraten, bot der Hof des Wirthshauses eine Scene echt spanischer Festlichkeit dar. Wir nahmen unsere Sitze bei dem Wirthe, der Wirthin und dem Anführer der Patrouille unter dem Bogenthor des Hofes; die Guitarre ging von Hand zu Hand, aber ein jovialer Schuhmacher war der Orpheus des Ortes. Er war ein freundlich aussehender Bursche mit großem schwarzem Backenbart; seine Aermel waren bis zu den Ellenbogen aufgerollt; er spielte die Guitarre meisterhaft, und sang kleine verliebte Lieder mit einem ausdrucksvollen Seitenblick auf die Frauen, bei denen er augenscheinlich sehr in Gunst stand. Er tanzte dann zur großen Freude der Zuschauer mit einer drallen andalusischen Maid den Fandango. Aber keine der anwesenden Mädchen konnte sich unsers Wirthes hübscher Tochter, Pepita, vergleichen, die sich weggeschlichen und ihre Toilette gemacht, und ihren Kopf mit Rosen geschmückt hatte, und sich in einem Bolero mit einem schönen jungen Dragoner auszeichnete. Wir hatten unserm Wirth aufgetragen, Wein und Erfrischungen unter den Leuten herumzugeben, und obgleich die Gesellschaft aus einem bunten Gemisch von Soldaten, Maulthiertreibern und Dörflern bestand, überschritt doch niemand die Grenzen nüchterner Belustigung. Die Scene konnte eine Studie für Mahler abgeben: die pittoreske Gruppe der Tänzer, die Miqueletes in ihrer halb militärischen Tracht, die Landleute in ihre braune Mäntel drappirt, auch darf ich des alten magern Alguazil in einem kurzen schwarzen Mantel nicht vergessen, der an nichts, was um ihm vorging, Theil nahm, sondern in einem Winkel saß, und emsig bei’m trüben Licht einer großen kupfernen Lampe schrieb, welche in den Tagen des Don Quixote eine Rolle gespielt haben mochte.
