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Ein Traum aus Licht und Schatten: Der berauschende Exotik-Roman »Sakkara – Im Schatten der Orangenbäume« von Noel Barber als eBook bei dotbooks. Im Schatten der Pyramiden suchen sie die Liebe … Kairo, Anfang des 20. Jahrhunderts: Mark Holt, Sohn eines englischen Diplomaten, wächst in der schillernden Welt der Kairoer Oberschicht auf. Seit er sich erinnern kann, liebt er die schöne Serena, deren Lebenslinie seit ihrer Kindheit mit der seinen verwoben ist. Bei nächtlichen Ausritten und Picknicken auf den Stufen der Pyramiden träumen die beiden von einem gemeinsamen Leben voller Leichtigkeit und Glück – und wissen doch, dass ihre Eltern dieser Verbindung niemals zustimmen würden. Als das Land von den Feuern der Revolution gegen die britische Besatzung erfasst wird, beschließt Mark, für ihre gemeinsame Zukunft zu kämpfen. Doch dann erfährt er, dass Serena verlobt werden soll – ausgerechnet mit seinem Bruder Greg … Aufwühlend und authentisch erzählt Noel Barber in seinem großen Roman die Geschichte seiner Familie: »Eine kraftvolle, packende Chronik – ausgezeichnet geschrieben!«, urteilt Bestsellerautor Morris L. West. Jetzt als eBook kaufen und genießen: Die farbenprächtige Familiensaga »Sakkara – Im Schatten der Orangenbäume« von Noel Barber – ein historisches Lesevergnügen für alle Fans von Jeffrey Archer und James Clavell. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.
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Seitenzahl: 602
Veröffentlichungsjahr: 2024
Im Schatten der Pyramiden suchen sie die Liebe … Kairo, Anfang des 20. Jahrhunderts: Mark Holt, Sohn eines englischen Diplomaten, wächst in der schillernden Welt der Kairoer Oberschicht auf. Seit er sich erinnern kann, liebt er die schöne Serena, deren Lebenslinie seit ihrer Kindheit mit der seinen verwoben ist. Bei nächtlichen Ausritten und Picknicken auf den Stufen der Pyramiden träumen die beiden von einem gemeinsamen Leben voller Leichtigkeit und Glück – und wissen doch, dass ihre Eltern dieser Verbindung niemals zustimmen würden. Als das Land von den Feuern der Revolution gegen die britische Besatzung erfasst wird, beschließt Mark, für ihre gemeinsame Zukunft zu kämpfen. Doch dann erfährt er, dass Serena verlobt werden soll – ausgerechnet mit seinem Bruder Greg …
eBook-Neuausgabe April 2024
Die englische Originalausgabe erschien erstmals 1984 unter dem Originaltitel »A Woman of Cairo« bei Eaton Books AG. Die deutsche Erstausgabe erschien 1987 unter dem Titel »Sakkara« im Hestia Verlag.
Copyright © der englischen Originalausgabe 1984 by Eaton Books AG
Copyright © der deutschen Erstausgabe 1987 by Hestia Verlag GmbH, Bayreuth
Copyright © der Neuausgabe 2024 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock
eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (cdr)
ISBN 978-3-98952-088-2
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Noel Barber
Roman
Aus dem Englischen von Christine Frauendorf-Mössel
dotbooks.
In Liebe für die einzige Eve
von Noel für Eve Raphael
In jenen glücklichen Kairoer Tagen erschien uns allen das Leben einfach wunderbar. Wir lebten damals in unserer weißen Villa mit ihren ausgedehnten Rasenflächen, die auf der einen Seite an das Ufer des Nils mündeten, in durchaus luxuriösen Verhältnissen. Die breiten Avenuen der City von Kairo waren von zahllosen Geschäften gesäumt, in den Hotels spielten Tanzkapellen, und der Gesîra-Club besaß ein eigenes Polofeld, einen Golfplatz und einen Swimmingpool.
Glück ist automatisch das Wort, das mir bei dem Gedanken an unsere Kindheit und Jugend dort in den Sinn kommt. Wir …, das sind Serena, die schönste von allen, die Tochter eines ägyptischen koptischen Christen, mein Bruder Greg, der sie später geheiratet hat, Teddy Pollock, der selbsternannte Playboy, und all jene Freunde, die mit uns nach Ausritten in die Wüste zur Stufenpyramide des Djoser in Sakkâra die Nächte durchtanzt oder sich im Mena House um Mitternacht zum Schwimmen getroffen haben. Dann waren da noch Ali, Serenas Bruder, und seine Freunde …, Gamal Nasser, der ernste junge Student, und Anwar Sadat, der eifrige Disputant.
Waren wir wirklich alle blind, weil wir die andere Seite des Lebens nicht gesehen haben … die zahllosen Bettler, die Berge von Unrat, die unbeschreibliche Armut? Unsere Eltern jedenfalls schienen das kaum zu registrieren. Mein Vater, britischer Berater der ägyptischen Regierung, liebte ebenso wie Sirry Pascha, Serenas Vater, einfach alles an diesem Land. Hatte denn keiner von ihnen rechtzeitig erkannt, daß König Farûk mit seinen Ausschweifungen ins Verderben rannte, und hatte niemand die dunklen Motive seines Militärberaters General Osman Sadik durchschaut?
Manchmal frage ich mich, ob wir uns nicht durch den Glanz des alten Ägypten so haben blenden lassen, daß wir für die Realitäten des Lebens blind waren. Haben wir uns täuschen lassen, wie durch das servile Lächeln des Arabers, das auf seinem Gesicht liegt, wenn er einem Briten einen Skarabäus verkaufen möchte, und das doch nur notdürftig den Haß gegen die fremden Unterdrücker maskiert? Doch Kairo war damals eine faszinierende Stadt, die uns alle in ihren Bann gezogen hat … schön und ockerfarben, eigennützig und doch tolerant, hat sie uns getäuscht; und die sanften Brisen, die vom Nil her wehten, hüllten uns in trügerische Sicherheit.
Ich erinnere mich, wie ich als kleiner Junge an der Hand des Vaters die in der Sonne glänzenden und von Menschen überquellenden Straßenbahnwagen beobachtete und wissen wollte, wohin sie fuhren.
»Immer im Kreis herum …, überallhin und doch nirgendwohin …, wie alles andere auch in Kairo«, lautete die Antwort meines Vaters.
Rückblickend scheint für mich das Leben zum ersten Mal deutliche Konturen an jenem heißen Nachmittag im Jahre 1919 angenommen zu haben, als Serena knapp ein Jahr alt gewesen war und ich gerade zehn.
Ich war damals noch zu jung, um zu begreifen, weshalb an diesem Tag unser sonst so beschauliches Leben plötzlich durch besorgte Gesten und Mienen der Eltern und durch verstohlene Blicke der Bediensteten gestört wurde. Mit zehn war ich allerdings der Ansicht, mein Vater müsse mir die Spannung in der Familie und die merkwürdigen Geräusche erklären, die von fern wie Fehlzündungen eines Autos zu uns herüberdrangen.
»Vater, du hast mir doch erklärt, daß Ägypten ein Protektorat ist«, begann ich. »Warum sind uns denn dann die Ägypter böse, wenn wir sie beschützen?«
»Vielleicht möchten sie gar nicht beschützt werden«, bemerkte daraufhin mein Vater und fügte den für mich rätselhaften Satz hinzu: »Das Faß ist am Überlaufen.«
»Bleib unter allen Umständen in unserem Garten«, warf meine Mutter in diesem Augenblick besorgt ein und ließ es sich von mir versprechen.
»Er würde sowieso nicht weit kommen«, seufzte Vater. »In Kairo herrscht der Ausnahmezustand. Es wird auf jeden geschossen, der sich auf der Straße blicken läßt.«
»Darf ich nicht mal rüber in die Garden City?« fragte ich erstaunt. Auf der unserem Grundstück gegenüberliegenden Straßenseite begann nämlich ein Stadtteil, die »Gartenstadt«, mit imposanten und eleganten Gebäuden, in denen zahlreiche Botschaften ihren Sitz hatten, und der einen beliebten Spielplatz besaß. Zwar war es dort nicht so schön und großzügig wie in unserem Garten, doch der Platz hatte den Vorteil, daß wir dort unter Aufsicht mit anderen Kindern spielen konnten. »Schließlich muß ich ja nicht auf Greg aufpassen«, fügte ich hinzu. Mein Bruder hatte gerade die Mandeln herausgenommen bekommen und lag im Anglo-Amerikanischen Krankenhaus.
»In ein paar Tagen ist Greg wieder zu Hause«, sagte mein Vater. »Dann gehen wir gemeinsam zum Spielplatz rüber, Mark.«
»Holt House«, wie unsere Villa hieß, war ein weitläufiges und in ganz Kairo wohlbekanntes Gebäude, wie es sich für die Residenz des britischen Beraters der ägyptischen Regierung gehörte. Zu beiden Seiten der Galerie, die über die gesamte Breite des Hauses reichte, lagen die offiziellen Empfangsräume. Vor der einen Seite lag die kurze Auffahrt, die vom Eingang der Garden City heraufführte, vor der anderen, mit ihren gleichfalls mächtigen Doppeltüren, der gepflegte Rasen, der sich bis zum Nilufer hinunter erstreckte. Das Haus war zu einer Zeit gebaut worden, als der türkische Einfluß auf die ägyptische Architektur noch vorherrschend gewesen war, und davon zeugten auch die Größe des Grundstücks, die luftigen und geräumigen Zimmer des Hauses und der bei uns Kindern beliebteste Raum – jener Anbau an das ursprünglich rechteckige Hauptgebäude, den ein türkischer Architekt konzipiert hatte. Es war das sogenannte »türkische Musikzimmer«, das nicht nur schalldicht war, sondern auch auf einer Seite eine Bühne und eine Galerie besaß, die man nur über eine verdeckte Treppe erreichen konnte und die durch ein kunstvolles und dichtes schmiedeeisernes Gitter abgeschirmt war, so daß in früheren Zeiten die Damen des Harems den Musik hörenden Männern von dort oben aus, selbst ganz unbeobachtet, zusehen konnten.
Dieser Anbau eignete sich ideal für Versteckspiele jeder Art. An jenem aufregenden Tag jedoch war niemand anwesend, mit dem ich hätte spielen können. Ich langweilte mich tödlich. Plötzlich wurden die merkwürdigen Geräusche immer lauter und durchdringender, und ich rannte neugierig in den Garten hinaus, nur um Madame Sirry zu sehen, die mit der einjährigen Serena und einem Kindermädchen unser Grundstück durch die Pforte aus Weidengeflecht betrat, die die beiden Gärten miteinander verband. Die Sirrys bewohnten das beinahe ebenso große und schöne Nachbarhaus. »Kann ich bei Ihnen bleiben, bis der Lärm vorüber ist?« hörte ich Madame Sirry meine Eltern fragen. »Mein Mann ist im Abdin-Palast. Er hat Ali mitgenommen. Der Junge spielt so gern im Wachraum der Garde, während sein Vater zur Audienz beim Sultan ist.«
Ali war der fünfjährige Sohn von Madame Sirry. Die gebürtige Französin hatte den reichen koptischen Christen Sirry Pascha geheiratet, der ein enger Freund und Berater des Sultans Fuâd war. Mein Vater bezeichnete Sirry stets als sogenanntes Mitglied der »Palastclique«, und ich wußte, daß er sich häufig mit ihm über anglo-ägyptische Probleme unterhielt.
»Selbstverständlich sind Sie willkommen«, antwortete mein Vater, als meine Mutter ebenfalls über den Rasen auf sie zuging. »Ich muß bald fort, aber Sie bleiben auf alle Fälle zum Lunch, ja?«
Serena, das jüngste Kind der Sirrys, lag im Kinderwagen. Das Kindermädchen Fathia, das vom Landgut der Sirrys im Nildelta stammte, rollte verängstigt die Augen.
»Nimm dich zusammen!« wies Madame Sirry das junge Mädchen keineswegs unfreundlich zurecht. »In diesem Garten hier bist du sicher. Paß gut auf Serena auf, hörst du?« Das Mädchen nickte nur stumm. Ich hörte, wie Madame Sirry leise zu meiner Mutter sagte: »Ich bin hergekommen, weil die Dienstboten völlig verängstigt sind. Sie glauben, daß die Ägypter angestachelt werden sollen, sich gegen die Briten aufzulehnen, und wollen auf keinen Fall in die Sache verwickelt werden. Ist das nicht idiotisch?«
»Sie bleiben selbstverständlich zum Lunch«, drängte nun auch Mutter. Wir wußten, daß Vater später mit dem britischen Hochkommissar verabredet war, und folgten ihm zusammen mit Madame Sirry in sein Arbeitszimmer. Dort fragte Mutter in ihrer eher zerstreuten Art: »Mein Gott, weshalb müssen sie nur immer alles so komplizieren? Worum geht’s denn diesmal?«
Mein Vater, der gern und geduldig erklärte, antwortete: »Zaghul, der Führer der nationalistischen Volkspartei Ägyptens, steckt dahinter. Ich habe ihn zwar als gebildeten Mann mit guten Manieren kennengelernt, aber er ist ein fanatischer Nationalist. Der ganze Unsinn hat natürlich angefangen, als Präsident Wilson nach dem Krieg seine Vierzehn Punkte zur Selbstbestimmung der Völker verkündet hat.« Und Vater fuhr fort: »Zaghul behauptet, Wilsons Vierzehn Punkte träfen wie für alle anderen Länder auch für Ägypten zu. Prinzipiell muß ich ihm da zustimmen. Aber ich halte den richtigen Zeitpunkt für eine solche Entwicklung noch nicht gekommen. Leider ist den Herren vom Außenministerium nichts Besseres eingefallen, als Zaghul verhaften zu lassen und nach Malta ins Exil zu schicken. Damit richten sie nur noch mehr Unheil an.«
Vater hatte recht. Die Studenten waren bereits auf die Straßen Kairos gegangen und hatten mit ihren Attacken den öffentlichen Verkehr lahmgelegt. Acht britische Soldaten waren vom Mob getötet worden.
Als Vater das Haus verlassen hatte, lud Mutter Madame Sirry ein, mit ihr im Salon Kaffee zu trinken. »Du kannst im Garten spielen«, sagte sie zu mir. »Und paß auf Serena auf.«
»Aber Fathia ist doch bei ihr.«
»Die hat vielleicht größere Angst als du«, entgegnete Madame Sirry lächelnd. »Zu dir habe ich Vertrauen. Du bist Serenas Beschützer.«
»Aber lauf bitte nicht durch die Blumenbeete!« mahnte Mutter, die ihren Garten sehr liebte. Immerhin hatte sie es in den zwölf Jahren, die die Holts in Kairo lebten, fertiggebracht, aus dem öden, sandigen Grundstück ein üppig blühendes Paradies zu machen. Sie hatte eine Pumpe installieren lassen, mit der Wasser vom Nil in den Garten geleitet werden konnte, und mittlerweile wucherten Bougainvilleen und andere exotische Kletterpflanzen an den Hauswänden, und die leuchtenden Blüten von Cannas, Fuchsien, Hibiskus und Petunien säumten die ausgedehnte Rasenfläche, auf der rot oder blau blühende Jakarandabäume zwischen Frangipanibäumen mit ihren seidenweißen Blüten und den grellroten Flamboyants wuchsen.
Aber vor allem war es ein Garten, in dem eine glückliche Atmosphäre herrschte. Selbst das Summen der Libellen schien Zufriedenheit auszudrücken. Nirgends gab es die genau abgezirkelten Beete, die für die türkischen Gärten so typisch sind. Mutters Geschick war es zu verdanken, daß die Bepflanzung so aussah, als sei alles wild gewachsen. Und doch lag dem Garten eine gepflegte und natürliche Ordnung zugrunde. Mutter besaß ihr eigenes kleines Gartenhaus, in dem sie täglich die Blumen aus den Vasen des Hauses wechselte. Sie hatte einmal gestanden, daß sie dies als ihr Allerheiligstes betrachtete, und sie war am glücklichsten, wenn ihr der Gärtner dort einen Arm voller Blumen auf den Marmortisch legte, die sie dann zu kunstvollen Blumengestecken binden konnte.
»Warum spielst du nicht im Kathedralenbaum?« fragte Mutter in diesem Augenblick. »Dort wäre Serena auch vor der Sonne geschützt.«
Ich hatte sowieso vorgehabt, mich unter diesen sogenannten Kathedralenbaum zurückzuziehen, der nach dem türkischen Musikzimmer mein liebster Spielplatz war. Es handelte sich dabei um einen riesigen, knorrigen Gummibaum, der am Ende unseres Gartens nahe am Nilufer stand. Niemand kannte sein wahres Alter, aber er mußte uralt sein, denn seine knorrigen Äste hatten sich wie die Fangarme eines prähistorischen Ungeheuers ausgebreitet, im Laufe von Jahrzehnten wieder den Boden erreicht und dort Wurzeln geschlagen, so daß sie das Rund des Baumes wie Säulen umgaben. In seiner Mitte war damit unter dem ausladenden Blätterdach ein kirchenähnlicher Raum entstanden, der meinen Bruder Greg und mich veranlaßt hatte, ihn den »Kathedralenbaum« zu taufen.
Gelegentlich jedoch spielte uns unsere Phantasie einen Streich, und dann war der Baum plötzlich keine Kathedrale mehr, sondern ein Verlies, und ich wurde zu einem »Lebenslänglichen« wie die Männer aus den Gefangenentransporten, die ich manchmal in der Stadt gesehen hatte.
An jenem Tag allerdings war er der Kathedralenbaum, und ich bat das Kindermädchen, Serena mit ihrem Kinderwagen unter den großen Gummibaum zu schieben, wo ich mich sicher fühlte. Serena war schon als Baby ausgesprochen hübsch und niedlich, doch ich als Zehnjähriger war natürlich nicht gerade begeistert davon, zum Hilfskindermädchen degradiert zu werden.
Ich hatte den Kinderwagen gerade durch die Öffnung zwischen den Luftwurzeln gezogen, als schreckliche Schreie und wilde Drohungen durch den Garten hallten. Ein Teil der aufrührerischen Menge, die scheinbar überall durch Kairo tobte, hatte offenbar unser Gartentor aufgebrochen, rannte nun kreuz und quer über das Grundstück und skandierte: »Nieder mit den Briten! Ägypten den Ägyptern!« Und schließlich auch: »Tod allen Briten!«
Vor Angst hätte ich beinahe selbst laut geschrien, doch als ich durch die schützende Wand aus Luftwurzeln spähte, blieb mir jeder Laut in der Kehle stecken. Ich war wie erstarrt vor Entsetzen, und die Hand, die den Kinderwagengriff umklammert hielt, schien daran wie festgeschweißt.
Flüchtig registrierte ich Fathias vor Schrecken weit aufgerissene Augen, in denen fast nur noch das Weiße zu sehen war, bevor sie herumwirbelte und im nächsten Augenblick durch die Verbindungstür im Weidenzaun im Grundstück der Sirrys verschwunden war. Draußen vor dem Baum raste der Mob, Mutter war im Haus, und ich war, zwar versteckt, allein mit Serena zurückgeblieben. Ich hörte weitere Schreie, verstand das Wort »Verräterin« und schloß daraus, daß damit das fliehende Kindermädchen gemeint war. Doch schien keiner der Aufrührer gemerkt zu haben, woher Fathia so plötzlich aufgetaucht war. Serena schlief friedlich auf dem Rücken, eine Flasche in beiden Händen.
Noch nie hatte ich eine derartige Szene im gepflegten und sorgsam gehüteten Garten meiner Mutter erlebt. Freilich waren mir damals trotz meiner Jugend die widersprüchlichsten Gesichter Kairos nicht fremd gewesen. Einmal waren Mutter und ich sogar Zeugen eines Mordes gewesen und hatten gesehen, wie ein Ägypter in einer düsteren Seitenstraße einen englischen Soldaten hinterrücks erstach. Kairo war von jeher eine Stadt gewesen, in der Reich und Arm, Überfluß und bitterste Not, strahlender Sonnenschein und tiefster Schatten eng beieinander lagen, in der hinter den gepflegten Prachtstraßen die Gassen voller stinkender Abfälle und Exkremente begannen. Jetzt allerdings war jenes andere Gesicht Kairos bis in Mutters Garten vorgedrungen – und das war doch etwas ganz anderes.
Ich zitterte am ganzen Körper vor Angst und fürchtete, Serena könne jeden Augenblick durch den Krach aufwachen und durch ihr Weinen unser Versteck verraten. Wo war Mutter? Und wo war Madame Sirry?
Und dann sah ich zum ersten Mal die Messer und Schlagstöcke in den Händen der Männer, die über Mutters Blumen trampelten, und war überzeugt, daß wir alle umgebracht werden würden. Der Lärm hatte inzwischen unsere Bediensteten, von der Wäscherin bis zum Gärtner, ins Freie laufen lassen. Sie standen völlig verwirrt in Grüppchen in Hausnähe herum und beobachteten die Aufrührer, die sich ihnen plötzlich drohend näherten. Daraufhin schien ihre Verwirrung in Angst umzuschlagen, denn einer nach dem anderen zog sich hastig ins Haus zurück. Dann traten Mutter und Madame Sirry durch die breite Terrassentür ins Freie und schienen dem Mob mutig die Stirn bieten zu wollen. Ich hörte, wie Mutter etwas rief und auch Madame Sirry ärgerlich und laut in arabischer Sprache redete. Doch plötzlich bewegte sich die Meute auf die beiden Frauen zu. Dann bückte sich einer und warf einen Stein.
Andere folgten seinem Beispiel, bis alle wahllos nach etwas Werfbarem griffen und es lachend und höhnend auf die Terrasse schleuderten. Schließlich flüchteten Mutter und Madame Sirry ins Haus zurück. Die Menge zögerte unschlüssig. In diesem Augenblick wachte Serena plötzlich auf und fing an, wie am Spieß zu schreien. Hilflos und mit klopfendem Herzen hob ich das Baby aus dem Wagen und nahm es auf den Arm, wie ich das bei den Kindermädchen gesehen hatte. Daß uns bei dem Lärm draußen niemand hören konnte, wurde mir in meiner Not gar nicht bewußt.
Mutter hatte uns im Stich gelassen, das war mein einziger Gedanke. Als ich jedoch durch das dichte Flechtwerk der Luftwurzeln zum Haus hinüber spähte, entdeckte ich Mutters Gesicht hinter einem der Fenster im oberen Stock. Sie wußte also genau, wo wir waren, machte mir Zeichen, still im Versteck auszuharren, und gab mir zu verstehen, daß sie bereits telefonisch Hilfe angefordert hatte.
In diesem Augenblick jedoch hörte ich ein weiteres, beängstigendes Geräusch, das mir trotz der Hitze eiskalte Schauer über den Rücken jagte. Ich konnte die Gestalt nicht erkennen, die geduckt durch den Zitronenhain unten am Flußufer lief.
Ich erwartete, jeden Augenblick entdeckt zu werden. Und plötzlich tauchte tatsächlich unmittelbar vor mir hinter dem Blättervorhang ein Gesicht auf. Zuerst konnte ich es durch die Tränen, die meinen Blick verschleierten, nur schemenhaft erkennen. Allmählich machte ich dann ein Augenpaar in einem kohlschwarzen runden Kopf aus. Das Weiße der Augen leuchtete mir entgegen, und trotz der Tränen stieß ich einen Schrei der Erleichterung aus.
»O Zola!« Ich schlang die Arme um seine Brust. »Jetzt ist alles gut.« Zola, unser erster Butler, war in so mancher Beziehung mein bester Freund. Der Nubier mit der rabenschwarzen, glänzenden Haut war von meinem Vater bei der Einstellung nach dessen Lieblingsautor Zola umbenannt worden, da sein richtiger Name für uns unaussprechlich gewesen wäre.
»Nur ruhig, Master Mark«, flüsterte Zola. »Ich Lady Holt versprechen, dich zu holen. Wir schnell fliehen .., bevor sie uns umbringen!«
»Aber ich will bei Mutter bleiben!« Es war beileibe kein Heldenmut, sondern schlicht nur Angst, die mich in der Nähe der Mutter sicherer fühlen ließ.
»Lady Holt kann nichts passieren. Sie hat einen Revolver.«
»Mutter hat ein Schießeisen?« fragte ich erstaunt.
»Ja! Los, wir müssen uns beeilen. Ich soll dich zur Feluke bringen. Wir fliehen über den Fluß!«
Unsere Feluke war kaum mehr als ein Ruderboot, aber in Kairo wurde fast jedes Boot Feluke genannt. Sie lag festgemacht unten am Nilufer, das zu unserem Grundstück gehörte.
»Aber warum wollen sie uns denn was tun?« flüsterte ich. »Sind sie betrunken?«
»Haschisch … Sie haben Hasch genommen«, antwortete Zola. »Komm jetzt, Master Mark … Wir laufen … Lady Holt es wollen!«
Zola mußte mich nicht erst lange überreden. Ich hatte einfach Angst. Schließlich wußte ich trotz meiner Jugend, wie gefährlich Ägypter – und besonders solche mit antibritischen Ressentiments – werden konnten, wenn sie Haschisch geraucht hatten.
Wir rannten zum Fluß hinunter. Oben an der Eisentreppe, die zum Wasser hinunterführte, blieb ich jedoch abrupt stehen. Auf der gegenüberliegenden Uferseite erstreckten sich Zuckerrohr- und Gemüsefelder fast fünfzehn Kilometer weit bis zur riesigen Cheopspyramide. Ich zögerte, weil ich nicht recht wußte, was ich mit dem schreienden Baby Serena machen sollte, das ich noch immer im Arm hielt und das mich daran hinderte, die schmale Eisentreppe hinunterzusteigen.
»Ich nehmen Miß Sirry!« erklärte Zola kurzerhand. »Lady Holt hat Geld gegeben. Wir sollen es teilen …, für den Fall, daß wir getrennt werden.« Damit steckte er mir einen Hundertpiasterschein zu. »Mir geben Miß Sirry, Master Mark … und du runterlaufen.« Zolas Stirn legte sich in Sorgenfalten. »Ich dir Baby geben, sobald du im Boot bist.«
»Du läßt uns doch nicht allein, Zola, oder?«
»Nein …, keine Angst haben, Master Mark.«
Und dann kam es doch so … Kaum stand ich schwankend auf den Planken der Feluke, griff ich nach der Leine, um alles zum Ablegen vorzubereiten. Aus den Augenwinkeln sah ich über mir die mächtige Gestalt Zolas, und dabei schoß es mir unwillkürlich durch den Kopf, wie komisch er in seinem weißen Burnus aussah, den er über die Knie hochgerafft hatte. Ich hatte ihn noch nie mit nackten Beinen gesehen. Schwer atmend beugte Zola sich vor und reichte mir Serena ins Boot.
»Ich hab sie!« rief ich ihm zu, und auch mein Atem ging schnell. »Hier ist die Leine!« Doch Zola – oder war ich es? – griff daneben und ließ sie platschend ins Wasser fallen.
Ich beugte mich über die Bordwand, um danach zu greifen, und hatte es auch fast geschafft, als die Feluke so gefährlich zu schwanken begann, daß ich mich hastig auf richten und das Gleichgewicht wiederherstellen mußte.
»Zola!« schrie ich entsetzt, denn nun war ich allein mit einem Baby in einem kleinen Ruderboot auf dem Nil. »Zola! Hilf mir doch!«
»Master Mark!« rief Zola, der vor Schreck jede Vorsicht vergessen hatte. »Gib mir deine Hand!«
»Ich kann nicht! Es ist zu weit!« schrie ich verzweifelt, während das Baby, das offenbar die Gefahr spürte, nur noch schriller zu weinen begann.
Langsam entfernte sich das Boot immer weiter vom steilen Ufer. Zola war jetzt außer sich.
»Ich kann nicht schwimmen!« jammerte er.
Zola stand am Ufer und hielt sich den Kopf, während das Boot allmählich von der Strömung fortgetragen wurde. Ich setzte mich und dachte erst einmal nach. Tun konnte ich nichts. Das Baby begann unter der gleißenden Sonne zu jammern. Da ich braun und abgehärtet war und keinen Sonnenbrand fürchten mußte, zog ich mein Hemd aus und hängte es über die Sitzbank, so daß wenigstens Serena im Schatten lag.
Immer wenn uns ein Boot begegnete, stand ich auf und schrie und winkte, doch niemand nahm von uns Notiz. Und ich konnte das Boot nicht lenken. Die Feluke besaß zwar ein Segel, das aber war für mich allein zu schwer zum Setzen. Nur das Ruder konnte ich bedienen, und bald, als ich mich etwas gefaßt hatte, wurde mir klar, daß es durchaus möglich war, die Inseln Gesîra oder Rôda im Süden zu erreichen, wenn ich das Boot nur irgendwie über den Fluß bringen konnte. Rôda zum Beispiel war von der Gartenstadt nur durch einen schmalen Kanal getrennt. Falls ich in Rôda anlanden konnte, würde man mich für einen weitaus geringeren Lohn als die 100 Piaster, die ich von Zola bekommen hatte, übersetzen.
Immer wieder kam das Ruderboot dem Kanalufer zum Greifen nahe, während es zwischen der Insel Rôda und dem Festland mit der Strömung dahintrieb. Inzwischen waren wir auf diese Weise auf der Höhe von Alt-Kairo angelangt, jenem Teil der Stadt, den wir nie hatten besuchen dürfen und den Vater als »Brutstätte von Krankheit und Elend« beschrieb. Hier sah es schrecklich aus. Aus dem sauberen Ufer unserer Wohngegend mit seinen zahlreichen kleinen Booten, Hausbooten und sogar Segelyachten war mittlerweile eine Art Müllhalde geworden. Der Unrat schwamm sogar im Wasser, und auch das Bild der Häuserfassaden hatte sich drastisch verändert, als wollten selbst sie das Elend der Bewohner deutlich machen. An den schmutzigen Mauerfronten blätterte die Farbe ab, und aus den kleinen viereckigen Fensterlöchern spähten Männer und Frauen verstohlen ins Freie.
Plötzlich gab es ohne Vorwarnung einen Ruck, und der Bug des Ruderbootes bohrte sich in das Ufergestrüpp. Geistesgegenwärtig machte ich die Leine der Feluke an einem halb abgestorbenen Baum fest, dessen Stamm traurig ins Wasser ragte.
Nachdem ich das Boot auf diese Weise gesichert hatte, nahm ich Serena auf den Arm und kletterte vorsichtig aus der heftig schwankenden Feluke. Als ich gut zwanzig Schritt einen schmutzigen Weg entlanggegangen war, tauchten plötzlich vor mir zwei Männer auf. Ich bat sie auf arabisch um Hilfe. Der eine jedoch überschüttete mich sofort mit Flüchen, während der andere vor mir ausspuckte und plötzlich auf mein Boot zeigte. Wie auf Kommando rannten die beiden darauf zu.
»Halt! Das Boot gehört meinem Vater!« schrie ich aufgebracht hinterher. »Traut euch ja nicht, es zu klauen!«
»Wir nehmen alles, was Briten gehört!« erwiderte der eine höhnisch. Im nächsten Moment waren sie an Bord gesprungen und ruderten davon.
Vor Wut traten Tränen in meine Augen. Ich fühlte mich hilflos allein gelassen mit einem Baby und hatte nicht die geringste Ahnung, wo ich mich eigentlich befand.
Wie meine Mutter immer gesagt hatte, beherrschten Bettler und Schmutz das Bild der billigen Verkaufsstände und Gassen des Basars von Alt-Kairo, und selbst noch unten am Flußufer stieg mir der vermischte Geruch von Gewürzen, Fisch, Sandelholz, Pfeffer, Zwiebeln und Fleischspießen in die Nase.
Meine Kehle war trocken, und ich hatte einen ungeheuren Durst. Natürlich mußte ich annehmen, daß es der kleinen Serena ebenso erging. Ich ging daher auf einen offenen Platz zu und griff nach der Piasternote in meiner Hosentasche.
Auf dem Platz stand inmitten einer staubigen, halbvertrockneten Grasnarbe ein Denkmal, das Männer auf riesigen Pferden zeigte. Die gegenüberliegende Seite schloß eine Arkade ab, an der sich eine lange Reihe von Balkonen entlangzog. In meiner Nähe hockten mehrere Frauen und Männer im Schneidersitz auf der Erde und aßen Nüsse und getrocknete Melonenkerne. Im nächsten Augenblick hörte ich dann auch das Geklapper der Messingschellen, die stets einen nahenden Verkäufer von Getränken ankündigten. Ich rannte auf ihn zu.
»Bitte ein Glas Limonade!« bat ich. »Für das Baby auch.«
Der Getränkeverkäufer trug seine gesamte Ausrüstung, bestehend aus einem hohen Gefäß mit länglichem Schnabel, auf den Rücken geschnallt. Dieser Behälter enthielt Limonade, die von einem Klumpen Eis gekühlt wurde. An seinem Gürtel baumelte eine Anzahl von Gläsern in einem Holzkasten.
»Kannst du auch bezahlen?« fragte er und musterte mich mißtrauisch.
»Kannst du auf einen Schein rausgeben?« entgegnete ich und zog die Hundertpiasternote heraus.
»Woher hast du die denn?« Die Höhe der Summe hatte ihn noch mißtrauischer gemacht. »Gestohlen?«
»Nein. Von meiner Mutter«, antwortete ich, dem Weinen nahe.
»Tja also …«, begann er zögernd und betrachtete mich weiterhin skeptisch. Schließlich reichte er mir jedoch ein Glas. Vermutlich brauchte er jeden Kunden, der sich ihm bot.
Ich trank hastig drei Gläser Limonade. Bei Serena jedoch war ich vorsichtiger. Ich erinnerte mich, daß Greg als Kleinkind nie soviel bekommen hatte. Da Serena außerdem nicht aus dem Glas trinken konnte, steckte ich einfach einen Finger in meine Limonade und ließ die Kleine gierig daran saugen. Sie schmatzte vor Vergnügen und hörte sofort auf zu schreien.
In der Hoffnung, einen Weg nach Hause zu finden, bog ich in eine schmale Seitengasse ein, die von winzigen, höhlenartigen Geschäften gesäumt war, in denen Süßigkeiten und Getränke verkauft wurden. Gleich am Anfang lag ein kleiner Laden, in dem Dutzende von Vögeln in Käfigen saßen, die allesamt um die Wette sangen.
In der Straße herrschte lautes Stimmengewirr und das Gedränge verschiedenster Gestalten in den unterschiedlichsten Gewändern: weiße Turbane, schwarze Schleier, arrogante Scheichs mit imposant geschnittenen Gesichtern. Alle drängten und schoben sich vorwärts durch die enge Gasse und zwischen den Karren mit frischen Mangos hindurch, die goldgelb in ihren roten Papierhüllen leuchteten, die sie vor Druckstellen schützen sollten.
Ich ahnte instinktiv, daß es in dieser Umgebung am klügsten war, durch nichts meine britische Herkunft zu verraten. Dabei half es mir natürlich, daß ich fließend Arabisch sprach und mit meiner gebräunten Haut und den schmuddeligen Kleidern nicht weiter auffiel.
In der Hoffnung, wie durch ein Wunder irgendwie den Nachhauseweg zu finden, kämpfte ich mich weiter. An einer Ecke kaufte ich einem Melonenverkäufer drei Schnitze der durststillenden Früchte ab. Und dann, wie so oft in Kairo, stand ich hinter der nächsten Biegung plötzlich in einer übelriechenden Gasse, deren hohe Hausfassaden keinen Sonnenstrahl durchließen. Dort wühlte ein halbes Dutzend zerlumpter Kinder in einem Haufen stinkenden Unrats. Fliegen hatten sich wie Warzen um ihre Augen und Lippen gesetzt. Überall roch es nach ungewaschenen Körpern. Zwei Ratten kamen ohne Scheu aus einem Hauseingang herausgerannt und mischten sich unter die Kinder.
Nur wenige Schritte weiter kauerte ein Junge in meinem Alter auf einem fahrbaren hölzernen Untersatz. Er hatte keine Beine. Ein hoffnungsloser Blick traf mich aus seinen Augen …, vermutlich hielt er es für aussichtslos, einen Altersgenossen anzubetteln. Ich gab ihm trotzdem einen Piaster. Freudestrahlend schob er sich mit den Händen auf seinem fahrbaren Untersatz vorwärts.
Die Jungen am Abfallhaufen hatten die Szene beobachtet. Mit einem Triumphgeschrei stürzten sie sich auf den Krüppel und entrissen ihm die Münze. Sein Wutgeheul nützte ihm nichts. Er hatte keine Chance, sein Geld wiederzubekommen. Ich gab ihm stattdessen ein Stück Wassermelone. Mehr konnte ich nicht tun.
Offenbar hatte ich mich im Kreis bewegt, denn schließlich landete ich mit Serena wieder auf dem Platz, der mein Ausgangsort gewesen war. In der äußersten Ecke des weiten Runds ragte das schmale Minarett einer Moschee neben der Arkade in den blauen Himmel, und ich hörte den rhythmischen Gesang des Muezzins, der die Gläubigen zum Gebet rief. Und obwohl dies zum Leben Kairos gehörte wie die Moscheen und Minarette selbst, schien der klagende Gesang plötzlich meine mißliche Lage und die Erinnerung an den trostlosen Anblick des Krüppels nur noch schlimmer zu machen. Ich mußte mich plötzlich setzen und konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten.
Ein alter Mann, der in der Hocke am Straßenrand kauerte und uns beobachtete, lächelte mit zahnlosem Mund und murmelte: »Was ist denn?«
»Ich hab mich verlaufen«, antwortete ich und wischte die Tränen ab. »Wissen Sie, wie ich von hier zur Gartenstadt komme?«
»Du sprichst aber gut Arabisch.« Sein faltiges Gesicht verzog sich erneut zu einem Lächeln. »Aber du bist Engländer, was?«
»Mein Vater ist Sir Geoffrey Holt, der Berater der ägyptischen Regierung.«
»Du mußt dich unbedingt verstecken!« rief der alte Mann erschrocken aus. »Paß auf!« Noch während er das sagte, hörte ich Schüsse. »Hier ist thaura …, thaura!« schrie der Alte erregt.
»Eine Revolution?« fragte ich. »Ich dachte, es ist nur ein Aufruhr.« Ich bekam es erneut mit der Angst zu tun.
»Wo sind deine Eltern?« fragte der Alte. »Oder hat man sie schon umgebracht?«
»Meine Mutter hat einen Revolver!« entgegnete ich, als würde das alles erklären.
»Dann geh zu ihr!« drängte mich der Alte. »Los, beeil dich! Inshallah!«
»Gott sei mit dir!« wiederholte ich automatisch. »Aber ich weiß doch nicht, wohin.« Erneut war ich den Tränen nahe.
»Aber du kennst hoffentlich deine Adresse?«
Ich schüttelte den Kopf, denn ich wagte es nicht, dem alten Mann meine Adresse zu verraten. Ich hatte Angst, der Mob könnte mir folgen.
Serena war auf dem Gras hinter einer Reiterstatue eingeschlafen. Ich steckte ihr mein Hemd als Kopfkissen unter den Kopf, als plötzlich ein offener Mannschaftswagen mit britischen Soldaten um die Ecke bog.
Sofort sprang ich auf und schrie: »Hurra!« Die Soldaten hatten die Gewehre leger geschultert und schienen sich kaum um ihre Umgebung zu kümmern. Im nächsten Augenblick jedoch stürmte hinter der Arkade am Ende des Platzes eine schreiende Menge Männer und Frauen hervor. Einige waren mit Stöcken, andere mit Äxten und Messern bewaffnet. Sie rannten über den Platz auf den Mannschaftswagen zu.
Ich duckte mich hinter das Reiterstandbild. Und dann geschah etwas Furchtbares. Der Mob umringte den Militärlastwagen. Männer zerrten den Fahrer aus dem Führerhaus. Und bevor auch nur einer der Soldaten einen Schuß abgeben konnte, begannen Hunderte von Männern und Frauen am Lastwagen zu rütteln. Einige Soldaten fielen herunter und wurden von der Meute gnadenlos niedergemacht. Schließlich stürzte der Lastwagen um, und seine Räder drehten sich hilflos in der Luft.
Ich war damals zu jung, um die Ironie der Szene zu erkennen, denn noch immer rief vom Minarett aus der Muezzin zu Frieden und Wohlgefallen auf, während die Moslems auf der Straße mordlustig durcheinander schrien.
Unter meinen fassungslosen Blicken begannen plötzlich einige Männer, die auf der Erde liegenden britischen Soldaten mit Äxten zu verstümmeln, während andere blindwütig mit ihren Messern auf die verhaßten Fremdlinge einstachen. Überall lagen Tote und Bewußtlose.
Einigen Soldaten gelang es schließlich, wieder zum Lastwagen zu kommen und sich ihrer Gewehre zu bemächtigen. Diese rannten bald wahllos um sich schießend über den Platz. Damit war es für mich ausgeschlossen, zu einem dieser Soldaten zu laufen und ihn um Hilfe zu bitten, denn ich mußte damit rechnen, bereits vorher einfach erschossen zu werden.
Die zahllosen Toten und blutig Verstümmelten, die auf dem Platz verstreut lagen, vermittelten das Bild eines Schlachtfeldes. Zum Glück war die schlafende Serena zu klein, um zu begreifen, was um sie herum vor sich ging, nur ich verfolgte stumpf vor Entsetzen diese Grausamkeiten.
Irgend jemand hatte inzwischen den umgestürzten Lastwagen in Brand gesetzt. Ich fühlte bereits die Hitze der Flammen an meinem Gesicht, roch den Gestank brennenden Benzins und hörte ganz in meiner Nähe schreckliche Schreie. Eine Gruppe von Halbwüchsigen hatte damit begonnen, einen Freudentanz um den brennenden Lastwagen herum aufzuführen. Plötzlich hallte ein Schuß vielfach von den Häuserfassaden des Platzes nieder. Einer der jungen Männer in einer weißen Tunika warf die Arme in die Luft und sackte dann vornüber auf den brennenden Lastwagen. Sekunden später bereits war seine weiße Gestalt von gierigen Flammen umzüngelt. Dann hallten von überallher Gewehrsalven durch die Luft.
Nur wenige Meter von mir entfernt wurden zwei weitere Ägypter von Kugeln niedergestreckt. Andere lagen bereits mit den Gesichtern nach unten im Schmutzwasser des Rinnsteins oder verharrten dort, wo sie getroffen waren, in unnatürlicher und grotesker Haltung. Eine Mutter versuchte, ihre verletzte kleine Tochter in Sicherheit zu bringen, und wurde dabei erschossen.
Vage ist mir noch der ätzende Gestank des Todes in Erinnerung, vage weiß ich noch, daß ich heiser um Hilfe geschrien haben muß, während ich wie gelähmt vor Entsetzen mit Serena in unserem Versteck hockte.
Die Hitze und das schaurige Treiben um mich herum verursachten mir Schwindelgefühle. Verloren und völlig durcheinander kauerte ich neben dem Baby Serena auf dem staubigen Rasen. Ich war überzeugt, daß die Ägypter, wenn sie meine Herkunft erst einmal entdeckten, auch uns den Garaus machen würden.
In diesem Augenblick ging das sporadische Gewehrfeuer in Maschinengewehrsalven über, was in mir, so seltsam es klingen mag, neue Hoffnung weckte. Vorsichtig spähte ich hinter dem riesigen Steinpferd hervor. In jener Ecke des Platzes, wo die britischen Soldaten ermordet worden waren, war ein weiteres britisches Fahrzeug aufgetaucht, das jetzt scharf bremste. Ich wußte genug über die britische Armee, um einen Panzerwagen mit Maschinengewehr zu erkennen.
Erneut ratterte eine Maschinengewehrsalve über den Platz. Und so schnell, wie sich der Mob zusammengerottet hatte, so schnell stob er nun auseinander und verschwand hinter den Arkaden, während der Lauf des Maschinengewehrs unaufhörlich ratternd in die Runde schwenkte und sich Wutgeheul in Todesschreie verwandelte.
Bald hatte ich das Gefühl, es endlich wagen zu können, mein Versteck zu verlassen. Mit zitternden Knien nahm ich Serena auf den Arm und schrie und winkte zu den britischen Soldaten hinüber. »Ich bin Engländer!« schrie ich heiser. »Ich bin Engländer!«
Ein junger Offizier rannte auf mich zu. »Was zum Teufel machst du bloß hier? Wie heißt du? Und wo sind deine Eltern?«
Ich war so verängstigt, durcheinander und erschöpft, daß ich im ersten Augenblick kein Wort herausbrachte. Erst allmählich fand ich die Sprache wieder. »Ich habe keine Ahnung, wo wir hier sind. Wir sind in einem Boot geflohen …« Und hastig berichtete ich, was wir erlebt hatten.
»Immer mit der Ruhe!« beruhigte mich schließlich der Offizier, rief einem Sergeant etwas zu und nahm Serena auf den Arm.
Der Sergeant hob uns in den Wagen, um uns nach Hause zu fahren. Kaum hatte sich das Fahrzeug in Bewegung gesetzt, überkam mich eine bleierne Müdigkeit, wie ich sie nie zuvor gekannt hatte, und im nächsten Augenblick war ich eingeschlafen.
Nach der Ankunft in Holt House wurde ich wie ein Held gefeiert. Mutter war natürlich in Tränen aufgelöst. Sie hatte schließlich das Schlimmste befürchten müssen. Noch bevor ich meine Geschichte erzählte, beteuerte ich besorgt, daß Zola an dem Mißgeschick keine Schuld trug, doch alle waren viel zu froh, daß wir wohlbehalten wieder zu Hause waren, um nach Schuld und Verantwortung zu fragen. Selbst Madame Sirry umarmte mich unter Tränen.
»Ich bin so schrecklich stolz auf dich, Mark«, sagte sie. »Du bist ein echter Beschützer!« Und als Serena leise zu jammern begann, weil ihr offenbar die Schramme an der Wange weh tat, die sie sich bei unserem Abenteuer zugezogen hatte, flüsterte Madame Sirry mir zu: »Komm, Mark! Sie vertraut dir. Gib ihr einen Kuß! Das läßt sie die Schmerzen vergessen.« Ein wenig verlegen tat ich, worum man mich gebeten hatte. Damals hatte ich noch keine Ahnung, wie lange jene Aufforderung »Gib ihr einen Kuß. Das läßt sie die Schmerzen vergessen« noch Gültigkeit behalten sollte. Und die Schramme an Serenas Wange war noch so lange zu sehen, bis sie zu einem Grübchen wurde.
Jener Tag bedeutete das Ende einer Zeit, die mein Vater die »verrückten März-Unruhen« nannte. Mehrere Hundert Ägypter fanden dabei den Tod, und eine erhebliche Zahl britischer Soldaten wurde zum Teil auf grausame Weise ermordet. Ebenso schlimm wie der Verlust an Menschenleben war jedoch die Tatsache, daß sich in der Folge die sowieso schon angeschlagene Wirtschaftslage Ägyptens drastisch verschlechterte.
Meinen Vater traf das alles sehr hart.
»Ägypten und seine Menschen bedeuten mir ungeheuer viel«, sagte er einmal zu Sirry Pascha. »Aber sobald sie Unabhängigkeit wittern, werden sie sich selbst zum schlimmsten Feind. Für die Entlassung in die Unabhängigkeit sind viel Zeit und Geduld nötig. So was darf man nicht überstürzen. Die Gewalttätigkeiten haben die Wirtschaft völlig zum Erliegen gebracht. Es dauert mindestens ein halbes Jahr, bis die Eisenbahnen wieder fahrplanmäßig verkehren können. Ein Großteil der auf Schienen beförderten Güter ist zerstört worden – und das bedeutet auch, daß die Zwiebelernte dieses Jahres praktisch vernichtet ist. Und ohne diese Einkünfte müssen Tausende hungern. Auch die Baumwollernte im Nildelta fällt praktisch aus, weil der Dieseltransport zu den Plantagen unterbrochen ist, die zur Bewässerung auf Dieselpumpen angewiesen sind.«
Sirry Pascha entgegnete darauf: »Wenn die Briten Zaghul nicht ausgewiesen hätten …«
»In diesem Punkt stimme ich Ihnen durchaus zu«, sagte Vater mit düsterer Miene. »Aber die fatale Neigung der Ägypter zur Gewalttätigkeit und dazu, die Gans zu töten, die die goldenen Eier legt …, das steht auf einem anderen Blatt.«
Neben dem Haß, der den Briten in Ägypten plötzlich so offen entgegenschlug, spielte damals noch ein anderer Faktor eine entscheidende Rolle in der Entwicklung des Landes: Das Ende des Krieges brachte für die große Masse eine schreckliche Hungersnot mit sich. Baumwolle war auf dem Weltmarkt wieder ein gefragtes Produkt, und zu ihren Gunsten hatte man die Nahrungsmittel sträflich vernachlässigt. Die mächtigen und einflußreichen Großgrundbesitzer kümmerten die langfristig dadurch entstehenden Probleme kaum; im Gegenteil. Sie häuften stattdessen ungeheure Vermögen mit dem Baumwollhandel an, während die Fellachen hungerten. Zu Beginn des Jahres 1919 waren fünf Millionen Bauern von einer Hungerkatastrophe betroffen. Allein in Kairo hatten über eine Million Menschen nichts zu essen.
Jene Jahre stellten einen tiefen Einschnitt in der ägyptischen Geschichte dar. Mir war das damals allerdings nicht bewußt. Obwohl ich mich noch sehr gut an die ausgestandene Angst erinnere, vermischen sich rückblickend die durchlebten Schreckensminuten mit den Ereignissen, von denen ich erst später gelesen habe. So zum Beispiel die nationale Entgleisung, die Männer und Frauen veranlaßte, blindwütig durch Straßen und Gärten zu rasen…, ungeachtet der Gewehre, die auf sie gerichtet waren.
All das – jener heiße Tag, der Geschichte machte, während Serena und ich von unseren Eltern getrennt wurden und vor dem Mob flüchteten – ist lange her. Ich weiß, daß dieses Ereignis für Serena noch keine Bedeutung haben konnte. Doch wie stand es um mich, den Zehnjährigen? Ich war jung genug, um das Ereignis mühelos zu verarbeiten, jedoch auch alt genug, um die Narben, die es hinterlassen hatte, nie zu vergessen.
In den folgenden gut fünfzehn Jahren hat sich das enge Verhältnis zwischen meinem Vater und Sirry Pascha – und dementsprechend zwischen unseren beiden Familien – wohl deshalb so gefestigt, weil mein Vater ägyptischer als die Ägypter war und Sirry englischer als die Engländer.
Sirry Pascha – niemand nannte ihn bei seinem Vornamen Victor – war in Harrow und Oxford erzogen worden, während mein Vater darauf bestanden hatte, daß Greg und ich die »Englische Schule« in Heliopolis, dem Vorort von Kairo, besuchten, wo eigentlich Schüler aller Nationalitäten vertreten waren. »Das ist die beste Schule für einen Kosmopoliten«, behauptete er. Später studierte ich dann Jura in Oxford und wurde auf eigenen Wunsch Anwalt.
Die Beziehung zwischen den Sirrys und den Holts hatte ihren Ursprung im diplomatischen Bereich – ihre jeweiligen Regierungen nutzten sich gegenseitig als eine Art Resonanzboden –, doch ihre Freundschaft ging weit tiefer, und das, obwohl sie sehr verschieden waren. Sirry Pascha, mit seinem weißen Haar und gutgeschnittenen Gesicht, war der Prototyp des Diplomaten, des Vertrauten von Königen. Vater dagegen war ein sehr agiler Mann mit dichtem, wirren Haarschopf, von dem man sagte, er sei »ein schwieriger Exzentriker«. Gelegentlich spazierte er, in eine weiße Tunika gekleidet, durch Kairo. Er sprach genüßlich über Frauen, obwohl ich bald herausfand, daß das nichts weiter als Gerede war, daß er sich dabei in seiner eigenen Phantasiewelt bewegte, die nichts zu bedeuten hatte. Ernster zu nehmen war die Ansicht einiger ranghoher Beamten von Whitehall, die behaupteten, er sei ein Trinker. Jene Gerüchte kamen auf, als bekannt wurde, daß mein Vater den Tag regelmäßig um sieben Uhr morgens mit Champagner begann. Zola servierte täglich ein Frühstück, bestehend aus einer Flasche Champagner, Kaffee und Rühreiern, Toast und Orangenmarmelade, in Vaters chinesisch eingerichtetem Arbeitszimmer.
Jenes Arbeitszimmer meines Vaters strahlte eine ganz besondere Wärme und Gemütlichkeit aus. Die mit roter Seide bespannten Wände brachten die chinesischen Zeichnungen bestens zur Geltung, und es gab zahllose Regale, Tische und Nischen für die dort angesammelten Kostbarkeiten. In vieler Hinsicht war dieser Raum der Mittelpunkt des Hauses, das wiederum eine wichtige Rolle bei der Arbeit meines Vaters spielte, denn unsere ägyptischen Besucher genossen es, eine Demonstration des British way of life zu erleben, wenn unser nubisches Dienstpersonal, gekleidet in ihren besten marineblauen und goldverbrämten Tuniken, der sogenannten »Hausuniform«, alle verwöhnte.
Zola war fast eine Institution und der Einzige, der Vater seinen morgendlichen Champagner servieren durfte. Er diente der Familie seit zwölf Jahren – seit jenem Tag, als Vater ihn auf einer Sudanreise engagiert hatte, um den Transport zu organisieren und sich um Gepäck und Ausrüstung zu kümmern.
Von diesem Augenblick an war Zola bei der Familie geblieben. Er war der perfekte Butler: aufmerksam, immer gut gelaunt und vor allem treu, denn er widerstand den lukrativen Angeboten anderer Haushalte, die ihn unbedingt abwerben wollten. Wie fast alle Nubier war Zola großgewachsen, gutaussehend und schwarz, von semitischer Herkunft mit leicht negroidem Einschlag. Die Nubier waren im sechsten Jahrhundert zum Christentum konvertiert, waren jedoch bis zum vierzehnten Jahrhundert wieder fast alle Moslems geworden. Zola stammte aus den Wüstengebieten des nördlichen Sudan, wo es nur ab und zu für wenige Minuten im Jahr regnete. Die Nubier galten in Ägypten als die besten Butler, Ober und Chauffeure. Wie Zola waren die meisten verheiratet, hatten jedoch ihre Frauen in den jeweiligen Heimatdörfern zurückgelassen und besuchten sie dort lediglich einmal im Jahr.
Wenn mein Vater ein Exzentriker war, dann durfte man Mutter ruhig eine den äußerlichen Freuden und Genüssen des Lebens zugewandte Frau nennen. Sie liebte das Leben, trug gern ausgefallene Garderobe, ließ keinen Ball, keine Party und kein Abendessen aus und war aufgrund ihrer unverwüstlich guten Laune stets und überall ein gerngesehener Gast. Zu diesen von ihr geliebten gesellschaftlichen Ereignissen begleitete Vater sie nur selten. Aus diesem Grund gewöhnten es sich die jeweiligen Gastgeber an, Vater zwar einzuladen, jedoch gleichzeitig für einen Tischherrn zu sorgen, da man damit rechnen konnte, daß Vater die Einladung ablehnen würde; das tat er dann auch meistens, mit einer Ausnahme: bei Festen bei den Sirrys.
Trotz ihrer leicht oberflächlichen Art hatte Mutter doch einen sehr vielschichtigen Charakter. Im nettesten Sinn des Wortes war sie ein wenig »schusselig«. Das allerdings amüsierte ihre Umgebung eher, als daß es sie ärgerte. Ausrufe wie »Wo habe ich das nun schon wieder hingelegt?« oder »Weshalb gehe ich denn heute nachmittag wieder aus?« waren bei ihr an der Tagesordnung. Schenkte man ihr einen Terminkalender, so verlegte sie ihn unweigerlich.
Mutter war eine hochgewachsene, fast einen Meter achtzig große Frau. Ich überragte sie zwar immer um einige Zentimeter, doch Vater und Greg waren etwas kleiner. Den Minderwertigkeitskomplex wegen ihrer Körpergröße hatte ihr schon in der Jugend ein Schneider ausgetrieben, der ihr beteuert hatte, romantisch verspielte Kleider machten kleiner. Sie glaubte fest daran und trug von da an nur Kreationen aus Chiffon und Taft mit viel Rüschen und Falten. Jahrelang lautete ihr liebevoller Spitzname »Chiffon«, und selbst Vater rief sie so.
Am besten sah sie in Abendtoilette aus. Zum Abendessen trug sie stets ein langes Taftkleid, ein Material, das damals in Kairo sehr in Mode war, und ihr Auftritt wurde daher immer vom geheimnisvollen Rascheln dieses Stoffes begleitet.
Wenn wir schon aus einer alten Familie stammten – mein Vater war der dritte Baron in der Erbfolge –, so traf das besonders auch auf Sirry Pascha zu, dessen Urgroßvater noch dem Khediven 1 Ismail gedient hatte und dessen Geschäftssinn ein Spiegel der geschichtlichen Blüte Ägyptens im neunzehnten Jahrhundert war. Denn die Kopten, die christlichen Ägypter, waren, wie Sirry, oft beständiger, weitsichtiger und flinker als viele ihrer moslemischen Mitbürger.
Großvater Sirry war es auch, der Robert Stevenson bei seinem Bau der Eisenbahnstrecke von Alexandria nach Kairo im Jahr 1852 unterstützte, wodurch das Nildelta wirtschaftlich erschlossen wurde. Und Sirry selbst half einmal einem jungen Mann, der aus England fortgegangen war, um in Kairo sein Glück zu machen. Der Mann war Geschirrwäscher im schmuddeligen »British Hotel«, als Sirry seine Tatkraft und seinen Ehrgeiz erkannte und ihm half. Schließlich übernahm der Engländer das »British Hotel« in eigener Regie, taufte es nach seinem Namen »Sam Shepheard« und machte aus »Shepheard’s« das berühmteste Hotel im Nahen Osten. Sirry gehörten von Anfang an zehn Prozent der Aktien.
Nur wenige Jahre später gehörte Sirry zu einer Gruppe von zweiunddreißig Damen und Herren, die die erste »Package Tour« mit dem Dampfschiff nilaufwärts unternahmen, und das Unternehmen war so erfolgreich, daß der Organisator, Mr. Thomas Cook, eine Filiale in der Ibrahim Pasha Street in Vier Nähe des Hotels Shepheard’s eröffnete.
Ungefähr zur selben Zeit ließ sich der alte Sirry Pascha auf ein riskantes Unternehmen ein. Wie sein Sohn erzählte, hatte er die Meinung vertreten, jedermann habe das Recht, einmal in seinem Leben eine Dummheit zu begehen, und so erwarb er einige Aktien an dem zehn Jahre alten Suezkanal-Bauprojekt, das 1859 begonnen worden war. An eine gewinnbringende Geldanlage war damals nicht zu denken. Der Bau kam nur langsam voran, Dividenden wurden nicht ausgeschüttet. Das spielte eigentlich auch keine Rolle, denn zwei Jahre später, 1861, konnte die Familie Sirry nahezu über Nacht mit einem anderen Projekt ihr Vermögen fast verdreifachen. Schließlich hatte keiner ahnen können, daß das große Amerika der Neuen Welt von einem Bürgerkrieg heimgesucht werden würde …, und daß dieser im fernen Ägypten auf wirtschaftlichem Gebiet nachhaltige Auswirkungen zeigen würde. Von einem Tag zum anderen wurden riesige Kontingente amerikanischer Baumwolle, die nach Europa exportiert werden sollten, durch die Kriegsgeschehnisse vernichtet. Die europäischen Baumwollmakler wandten sich daraufhin in panischer Angst Ägypten zu.
Die Familie Sirry betrieb riesige Baumwollplantagen im Nildelta. Der Baumwollpreis erreichte astronomische Höhen. Innerhalb von zwei Jahren stieg der Exportwert ägyptischer Baumwolle von 16 Millionen Dollar auf 56 Millionen Dollar im Jahr 1862, und das war zu jener Zeit unglaublich viel Geld. Die Bedeutung der Baumwolle auf dem Weltmarkt veränderte die Wirtschaft Ägyptens einschneidend, denn nachdem die Europäer einmal die ägyptische Baumwolle kennengelernt hatten, wußten sie, daß sie seidiger und in der Faser länger war als die amerikanische Qualität und daß sie leichter mercerisiert werden konnte.
Mittlerweile war Kairo zur Schatzkammer des Ostens und zum Vergnügungsviertel des Westens geworden. Besonders die Briten und Franzosen versetzten die Kairener in eine Art Goldrausch. Bankiers, Forscher, Ingenieure, Kaufleute und Touristen strömten nach Kairo. Kairo erlebte in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts eine nie vorher geahnte Blütezeit. Von den 300 000 Bewohnern Kairos im Jahr 1872 waren 75 000 Ausländer, wobei unter den letzteren die Briten und Franzosen die bei weitem größten ausländischen Gemeinden stellten. Die Franzosen beherrschten von vornherein das gesellschaftliche Leben mit der Oper, Konzerten, berühmten Couturiers …, kurz gesagt: die Kulturszene. Französisch war, davon abgesehen, die Sprache der Diplomaten. Die Briten brachten die Eisenbahn, die Telegraphie, Politik, Handel und letztlich auch den Bauboom mit sich, als sie endlich eine Möglichkeit entdeckten, wie Kairo sich ausdehnen konnte.
Bis dahin schienen nämlich die natürlichen Grenzen der Stadt jede Hoffnung auf eine Expansion nach außen zu vereiteln, und das, obwohl Kairo eine noch nie dagewesene Bevölkerungsexplosion erlebte. Im Osten lag die mittelalterliche arabische Stadt mit der Zitadelle, ihren Minaretten und den Mameluckengräbern; sie wurde durch die kargen, wasserlosen Mokattam-Höhen auf natürliche Weise begrenzt, was eine weitere Ausdehnung verhinderte. Im Westen hatte der Nil alle Erweiterungspläne zunichte gemacht, bis britische Ingenieure den Khediven Ismail darauf hinwiesen, daß der Nil im Lauf der Jahrhunderte sein Bett allmählich westwärts verlagert und dadurch eine unansehnliche, zerfurchte und übelriechende Brackwasser-Landschaft hinterlassen hatte. Diese, so behaupteten die Ingenieure, könne trockengelegt und als Bauland ausgewiesen werden.
Der Khedive soll daraufhin geantwortet haben, er wolle ein »zweites Paris am Nil erbauen«. Als Folge bot der Vizekönig all jenen kostenlos Land an, die versprechen konnten, innerhalb von eineinhalb Jahren Gebäude von großem gesellschaftlichem Nutzen zu erstellen. Der alte Sirry Pascha übernahm im Zug dieses Projekts zehn der Grundstücke und baute dort einige der schönsten Paläste, Botschaften und Villen im sogenannten »neuen Kairo«, darunter auch unser Haus.
Der despotische und verschwenderische Ismail verlor bald all sein Geld. In den letzten elf Jahren seiner Herrschaft, bis er schließlich von den türkischen Machthabern abgesetzt wurde, borgte er sich rund 68Millionen Pfund von europäischen Banken. Dann war er sogar gezwungen, seine Aktien am fertiggestellten Suezkanal zu veräußern. Der alte Sirry allerdings behielt seine Aktien, die mittlerweile allein schon ein Vermögen wert waren.
Unser Freund Sirry Pascha war erst fünf Jahre alt, als 1882 nach dem Ende von Ismails Herrschaft eine nationalistische Bewegung die innere Sicherheit Ägyptens bedrohte. Damit war auch die freie Schifffahrt auf dem Suezkanal gefährdet, der mittlerweile zu Britanniens lebenswichtiger Verbindung mit den unsagbaren Reichtümern ihrer indischen Kolonie geworden war. Britische Kriegsschiffe griffen Alexandria an, und britische Truppen marschierten in Ägypten ein, um das Land vor sich selbst zu schützen.
Mein Vater behauptete immer, mit dieser Aktion habe die sogenannte »provisorische« Besetzung Ägyptens durch England begonnen.
Fuâd, der von den Briten protegierte Sultan, der 1922 König wurde, hatte vier Töchter und nur einen Sohn, der zugleich das älteste der Kinder war. Dieser Sohn war der 1920 geborene Farûk. Als der Junge acht Jahre alt war, sah sich Fuâd nach geeigneten Spielgefährten für seinen Erben um. Einer dieser Spielgefährten wurde auf Wunsch Fuâds der sich nur widerwillig in sein Schicksal fügende Ali Sirry, Serenas älterer Bruder. Die Konstellation war alles andere als ideal, denn Ali war sechs Jahre älter als Farûk – und in diesem Alter war das ein entscheidender Unterschied, besonders wenn es sich bei dem Jüngeren um einen dicklichen, herrischen Jungen handelte, der früh bereits so gerissen war, Dienstboten, die ihn ärgerten, damit zu warnen: »Wartet nur, bis ich der Herrscher dieses Landes bin.«
Ali haßte seine Pflichten als »Spielgefährte«. Denn obwohl er auf seine Art sehr charmant war, war er ein Rebell, der schon früh eine prinzipielle Abneigung gegen die Monarchie entwickelte. Ali überredete daher den jungen Prinzen, sein Augenmerk auch auf Gregory Holt zu werfen, da dieser durchaus geeignet erschien, in den kleinen Kreis königlicher »Gesellschafter« aufgenommen zu werden. Greg fand die Vorstellung auch nicht reizvoller als Ali, aber wenigstens waren er und Ali gleichaltrige Gefährten.
Und von Greg wissen wir alles über Farûks Jugend. Gelegentlich spielten sie im Abdin-Palast, der Stadtresidenz der Könige und Prinzen, der mitten im Herzen von Kairo in einem Park stand, doch meistens zogen sie den Kubbah-Palast in Heliopolis vor.
Der Kubbah-Palast war ein herrliches ländliches Anwesen am Stadtrand. Die Mauern, die den riesigen Besitz umgaben, waren fast zehn Kilometer lang. Sie umschlossen bezaubernde Lustgärten, in denen wiederum der weiße Palast mit seinen fünfhundert Zimmern stand. Für die Jungen gab es dort einfach alles, was man sich wünschen konnte: vom Schwimmbecken bis zum See und zum Footballplatz. Badete der junge Prinz allerdings im See, so war er stets von geübten Schwimmern umgeben, die für seinen Schutz sorgten; spielte er Football, so rannten Diener voraus, die den Ball auffingen und dem Prinzen vor die Füße legten.
»Die Spiele sind immer manipuliert«, beklagte sich Greg ständig. »Und er ist so kindisch, daß er aufhört zu spielen, wenn er nicht gewinnt.« Aber die Diener sorgten schon stets dafür, daß er gewann. Als seine Tutoren eine Schnitzeljagd innerhalb der Palastgärten organisierten, wurden die Papierschnitzel zuvor in Farûks Lieblings-Eau-de-Cologne getaucht, so daß er nur dem Geruch nachgehen mußte.
»Es ist einfach lächerlich«, schnaubte Greg. »Die Reitknechte lassen mich auf kein Pferd, sobald Farûk reitet, weil ich angeblich zu draufgängerisch bin.«
Bald merkte niemand mehr, daß Greg ein paar Zentimeter kleiner war als Mutter, denn er hatte sich zu einem hervorragenden Athleten entwickelt. Was immer er spielte, ob Tennis oder Polo, er war unschlagbar, ohne dabei überheblich zu wirken. Er liebte einfach alles, was mit Sport zu tun hatte.
»Mach dir deshalb doch keine Gedanken«, beruhigte Mutter den schmollenden Greg. »Du weißt, daß du ein ausgezeichneter Reiter bist. Warum willst du einen verwöhnten Prinzen beeindrucken?«
»Ich ärgere mich nur, weil ich einfach besser bin«, entgegnete Greg, der sich nicht besänftigen ließ. Sein großes reiterisches Talent war längst nicht mehr zu übersehen.
Natürlich besuchten die Jungen den Kubbah-Palast nicht täglich. Da war ja noch der Unterricht. Und Fuâd war ein tyrannischer Vater, der Farûk zwang, jeden Morgen um sechs Uhr aufzustehen und in der ersten Stunde Gymnastik zu treiben, bevor er etwas zu essen oder zu trinken bekam. Gelegentlich dauerte der Unterricht bis sieben Uhr abends. Farûk hatte einen Franzosen als Sportlehrer, ein Mr. Hathaway aus London unterrichtete ihn in Mathematik und Englisch, ein Italiener brachte ihm die Fechtkunst bei. Andere unterwiesen ihn in Arabisch und dem Koran.
Farûks größter Kummer allerdings war das fanatische Beharren des Vaters darauf, daß der Junge strikt auf Diät gesetzt wurde, sobald er auch nur etwas zunahm. Farûk aß schrecklich gern und neigte zum Dickwerden. Seine Lehrer waren angewiesen, dafür zu sorgen, daß der Junge während der Unterrichtsstunden weder trank noch aß. Die Folge war, daß Farûk geradezu krankhaft darauf versessen war, heimlich irgendwie an Eßbares heranzukommen. Zwischen den Unterrichtsstunden rannte er in den Palastteil, den seine Mutter bewohnte, also in den Harem, verschwand dort in der Küche, trank hastig eine Flasche Limonade und durchsuchte die Speisekammer nach Sahnekuchen, die er dann verschlang, bevor die nächste Unterrichtsstunde begann.
Für Greg und Ali hatte Farûk eine gespaltene Persönlichkeit. In seinem Charakter mischte sich auf verwirrende Art und Weise Gutes und Böses. Greg erlebte eines Tages einen todunglücklichen Farûk, der bittere Tränen vergoß, weil sein Lieblingskaninchen verendet war. Nur zwei Tage später, als eine verängstigte Katze Farûk leicht kratzte, tötete der Junge diese, indem er sie brutal gegen die Wand schlug.
Am Morgen seines elften Geburtstags bekam Farûk sein erstes Auto, einen Austin Seven, den er auf dem Palastgelände fahren durfte. Von da an sollte das Autofahren eine der bleibenden Leidenschaften seines Lebens werden.
Farûk, Greg und Ali hatten noch einen weiteren Freund, der etwas älter war. Es handelte sich um den jungen Italiener Antonio Pulli, den Neffen eines Palastelektrikers, der eines Tages Farûks elektrische Eisenbahn repariert hatte.
»Pulli ist jetzt mein bester Freund«, hatte Farûk Greg daraufhin erklärt. Und von da an spielten die Gefährten im Dienstbotentrakt des Kubbah-Palasts, wo sie vor Fuâds strengen Blicken sicher sein konnten. Und Pulli wurde tatsächlich Farûks engster und in späteren Jahren auch einflußreichster Freund.
Gaben Farûks Schwestern ein Kinderfest, dann wurden auch die Jungen eingeladen, und bei diesen Gelegenheiten trafen wir dann auch Serena im Palast. Auf diese Weise ergab es sich, daß unser Leben in gewisser Weise mit dem Schicksal Farûks verknüpft war – wie dies schon bei meinem Vater in bezug auf den alten Fuâd der Fall gewesen war.
Natürlich hatte das Erwachsen werden seine Höhen und Tiefen, und rückblickend läßt es sich kaum mehr feststellen, wann die sogenannten Wendepunkte exakt stattfanden. Das trifft besonders auf jene Zeitspanne zu, in der ich weit fort von zu Hause in Oxford Jura studierte, während Greg und Serena, die beiden »Nachbarskinder«, in Kairo zusammen Tennis spielten, Greg Serena das Tanzen beibrachte oder sie zusah, wie Greg seine ersten Galopprennen im Gesîra-Club bestritt und sich anschickte, einer der besten Polospieler des Landes zu werden.
Während ich noch in Kairo zur Schule gegangen war, hatte Serena zumindest in groben Umrissen vom dramatischen Geschehen während des Aufruhrs im Jahr 1919 erfahren und begriffen, weshalb ich seitdem als ihr Beschützer galt. Es erschien daher allen ganz natürlich, daß sie sich an mich wandte, sobald sie in irgendwelchen Schwierigkeiten steckte. Seit sie sprechen konnte, kam sie zu mir, wenn sie sich beim Spiel irgendwie verletzt hatte, und bat mich: »Gib mir einen Kuß, Onkel, dann tut’s bestimmt gleich nicht mehr weh.«
Serena nannte mich tatsächlich Onkel, denn während Greg sozusagen mit ihr aufwuchs, galt ich als der wesentlich Erwachsenere. Und während Greg noch Shorts und Schuluniform trug, hatte ich bereits lange Flanellhosen, und mir wurde der erste dunkelblaue Anzug bei Collacot angemessen.
Und ich galt noch immer als »Onkel Mark«, als Serena zehn Jahre alt war und mit den von allen gefürchteten Typhussymptomen ins Krankenhaus eingeliefert werden mußte. Ich hielt mich damals in London auf und wußte von nichts, bis mich in Oxford folgendes Telegramm erreichte: »Komme wenn möglich sofort nach Kairo stop Serena schwer an Typhus erkrankt stop sie fragt nach dir stop Dr. Phillips meint deine Anwesenheit könnte einer Genesung förderlich sein stop Vater.«
Typhus! Ich hatte in der Times gelesen, daß die Krankheit erneut in Oberägypten aufgetreten war, aber die Sirrys! Leute wie die Sirrys oder die Holts infizierten sich normalerweise nicht mit Typhus. Wir kochten das Wasser ab und gingen mit Milch sehr sorgfältig um. Jährlich starben Tausende von Menschen an Typhus, aber das betraf weder uns noch unsere Freunde. Ich spürte, wie mir bei der Lektüre des unpersönlich gehaltenen Telegramms ein eisiger Schauer über den Rücken lief. Typhus bedeutete zwangsläufig den Tod. So hatte ich es seit Jahren nicht anders erlebt.
Und Serena war für mich eher ein Familienmitglied. Schon aus diesem Grunde traf mich die Nachricht wie ein Schlag. Mir war zumute, als läge Greg im Krankenhaus. Es stand für mich daher außer Frage, daß ich zu Serena mußte, deren Schicksal auf so schreckliche Weise besiegelt schien, um ihr als ihr »Beschützer« Trost zu spenden.
Glücklicherweise existierte in jenen Jahren eine neue, schnelle Verkehrsverbindung nach Alexandria. British Airways hatte gerade eine neue Flugbootlinie in den Mittleren Osten eröffnet und flog auch Alexandria an. Dort landete ich schließlich drei Tage nach Erhalt des Telegramms, in denen ich schlimme Stunden der Angst und Sorge durchgemacht hatte. Meine einzige Hoffnung war, daß ich Kairo noch erreichen konnte, bevor Serena starb. Ich hatte Vater telegraphisch meine Ankunft mitgeteilt. In Alexandria erwartete mich bereits eine Nachricht von ihm, daß Serena auf der Isolierstation des Anglo-American Hospital lag und es ihr den Umständen entsprechend ging. Ich ließ mich von dem Mietwagen direkt zum Krankenhaus fahren.
Dort erkundigte ich mich an der Rezeption nach der Zimmernummer von Miß Sirry.
