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Frauen folgten Jesus nach und sie werden auch mit Namen genannt: Maria Magdalena, Johanna Frau des Chuza, Maria Salome, Susanna und viele andere, die mit ihrem Vermögen zu Diensten waren (Lk. 8, 1-3). Frauen finanzierten die Jüngerschaft um Jesus? Frauen waren selbst Jüngerinnen? Frauen waren bei Prozess, Kreuzigung und Grablegung zugegen, Frauen waren die ersten am leeren Grab, während die Männer flohen. So berichten es alle vier Evangelien. Der Apostel Paulus setzte Frauen und Ehepaare als Gemeindeleiter und Leiterinnen ein, Frauen waren ganz selbstverständlich im Diakonat. Alle trafen sich in Privathäusern, zum Brotbrechen. Wurde auch das Lukasevangelium von einer Frau geschrieben? So vermuten einige Exegetinnen und Exegeten. Im römischen Imperium gab es reiche Witwen, die über ihren Besitz frei verfügen konnten. So z.B. Paula von Rom (4. Jahrh.), eine reiche Witwe aus dem Geschlecht der Scipionen, welche Hieronymus förderte und mit ihm nach Palästina zog.Vieles deutet im Lukasevangelium hin auf eine weibliche Hand und eine weibliche Sicht. Diesen Gedanken bin ich nachgegangen und habe einen Roman um Salome bat Natan und ihren Bruder Lukas verfasst, die in zwei Reisen nach Palästina noch Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie nach Spuren des Jeshua aus Nazaret suchten. Dabei blieb ich innerhalb der Erkenntnisse der wissenschaftlichen Bibelexegese und habe die Entstehung des Lukasevangeliums so geschildert, wie es hätte sein können ...
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Seitenzahl: 777
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Für die Frauen, auf die es jetzt ankommt.
Es ist das Jahr 85 n. Chr. als auf einem Handelsschiff zwei Reisende Caesarea Maritima erreichen. Die beiden sind bereits im fortgeschrittenen Alter, doch haben sie eine erstaunliche Mission vor sich: Sie wollen über Caesarea Maritima nach Sepphoris, Nazaret und Tiberias reisen, dann weiter zum See Kinneret bis nach Kafarnaum.
Die Geschwister Salome bat Natan und ihr Bruder Lukas sind auf den Spuren des Nazareners, des seltsamen Wanderpredigers, der eine neue jüdische Sekte begründete, die in Antiochia zum ersten Mal als Christianoi bezeichnet wurde. Salome die Initiatorin, hat sich in den Kopf gesetzt ein Evangelium zu schreiben, eine Frohe Botschaft über Leben, Tod und Auferstehung des Jeshua aus Nazaret, in dessen Nachfolge sie sich sieht. Ihr etwas jüngerer Bruder Lukas ist Mitarbeiter, Schreiber, Torakundiger und ein skeptischer Gesprächspartner.
55 Jahre nach dem Tod des Jeshua lassen sich noch Zeitzeugen finden, so hoffen sie, noch ist die Spur frisch. So erkunden die beiden in ihrer ersten Reise Galiläa, in einer zweiten Reise Judäa und Jerusalem, kehren dann auf ihr Landgut nach Antiochia zurück und verfertigen ihre Schriftrolle.
Zehn Jahre später erreicht ein gewisser Theophilus aus Rom mit seinem Schüler Claudius eben dieses Landgut um die Schriftrolle abzuholen. Die Geschwister sind bereits verstorben und ein Neffe agiert im Auftrag seiner verstorbenen Tante als Testamentsverwalter. Theophilus muss zu seiner großen Überraschung erfahren, dass sein langjähriger Briefpartner nicht Lukas, sondern Salome bat Natan war. Soweit eine kurze Skizze des Romans.
Das Lukas-Evangelium war immer mein Lieblingsevangelium. Warum? War es die literarische Sprache? Die Gleichnisse vom verlorenen Sohn/ barmherzigen Vater, vom großen Gastmahl und vom Barmherzigen Samariter?, war es die Erwähnung der vielen Frauen im Evangelium? War es das Hervorheben von sozialer Gerechtigkeit? – Bis heute wird an den drei christlichen Hochfesten Weihnachten, Ostern und Pfingsten aus dem Evangelium und der Apostelgeschichte des Lukas vorgelesen.
Alles richtig, doch da war noch etwas, das ich nie benennen konnte … irgendetwas sehr Vertrautes, sehr Nahes …
Dann las ich zufällig in einer exegetischen Schrift, dass sich hinter „Lukas“ auch eine gebildete, wohlhabende Frau jüdischer Abstammung mit griechischer Bildung verbergen könne. Möglicherweise lebte sie in Antiochia, dem damaligen christlichen Zentrum. Wurde das dritte Evangelium von einer Frau geschrieben?
Das war es! Für mich erklärt diese Hypothese die Faszination des Lukasevangeliums auf mich. Es ist eine Hypothese, sicher, mehr nicht. Aber ich wollte diesem Gedanken nachgehen und so erfand ich Salome bat Natan mit ihrem Bruder Lukas, die sich – wie in der Einleitung des Lukasevangeliums geschrieben – auf Spurensuche begeben. Und kaum waren die beiden konstruiert und stiegen in Caesarea Maritima an Land, lief mein Kopfkino und ich musste nur noch hinterher schreiben.
Dieser Roman hat mir persönlich viel gegeben, hat mein Wissen erweitert, geordnet, verbunden und ich konnte etliche Fragen für mich beantworten. Die Covid-Pandemie machte es möglich, dass ich so lange und intensiv an diesem Stoff arbeitete und mich immer besser im ersten Jahrhundert zurechtfand. Die Anfänge liegen aber weiter zurück, liegen vor allem in den Gesprächen mit P. Amandus Hasselbach OFMCap, mit dem ich in der Gehörlosenseelsorge tätig war. Er war praktisch der Initiator für mein Interesse an den Evangelien. Daraus entstanden die sechs großen Frankfurter Evangelienspiele, die wir im Dreijahresrhythmus von 2000–2015 aufführten. Damals habe ich viel gelernt, praktisch umgesetzt und zweimal durfte ich auch nach Israel reisen.
Im strengen Sinn ist der Roman nicht historisch denn meine Figuren denken und sprechen wie in unserer Zeit. Doch bin ich sicher, dass die Fragen und Probleme damals ganz ähnlich waren wie heute. Es sind die großen Menschheitsfragen die jede Zeit, jede Generation umtreiben und die nur individuell beantwortet werden können.
Mein Ehrgeiz bestand darin keine phantastische Geschichte zu schreiben, sondern genau dem Text des Lukas-Evangeliums zu folgen und die Erkenntnisse der historisch-kritischen Bibelexegese einzubeziehen. Natürlich habe ich Personen und Situationen erfunden, aber immer am Text des Evangeliums orientiert, immer mit dem Gedanken: es hätte so sein können … Für mich gibt es keinen spannenderen Stoff als die Evangelien und die Forschungen der christlichen aber besonders auch der jüdischen Theologen und Theologinnen. Vor allem die Bücher der jüdischen Exegeten haben mir Jesus aus Nazaret, den galiläischen Jeshua, ganz nahegebracht, seine Familie, seine Jünger und Jüngerinnen, die Pharisäer, Sadduzäer und auch die Römer.
Beim Schreiben begriff ich immer besser, warum die einen Jesus begeistert folgten, die anderen ihn aber töten wollten. Seine Botschaft ist bis heute aufwühlend, provokant, herausfordernd, stellt nach wie vor Machtstrukturen infrage und ist befreiend aber auch fordernd. Jesus hat keine Institutionen geschaffen, keine Ämter begründet, keinen neuen Tempel gebaut, kein Buch verfasst. Er sprach vom Reich Gottes, das nur im Herzen der Menschen entstehen kann. Jesus ging auf den Einzelnen zu, er sagte immer: Du! Er redete nicht von Juden, nicht von Männern und Frauen, er redete von Menschen und meinte seine Botschaft universal, sie ist an die ganze Menschheit gerichtet, aber sie beginnt beim Einzelnen und nicht bei den Reichen und Mächtigen.
Wie kommt es, dass diese Worte, eines Wanderpredigers, der den Kreuzestod erlitt, der in einer völlig unbedeutenden Gegend des römischen Imperiums geboren wurde, der keine herausragende Bildung genoss, Autodidakt war, aus einer Handwerkerfamilie stammte und nie sein Land verlassen hatte, wie kommt es, dass uns sein Leben und seine Worte immer noch umtreiben, uns nicht in Ruhe lassen? Mögen menschliche Institutionen zerfallen, aber seine Worte scheinen unzerstörbar.
Auf ihnen gründen die zur Zeit so viel beschworenen Werte unserer westlichen Welt. Sein Leben, sein Tod sind Vorbild, Beispiel, seine Auferweckung vom Tod ist die Hoffnung aller Christen.
Wer war er? Ein Träumer, Prophet, Weisheitslehrer, der erwartete Messias oder wie die Christen glauben der Sohn Gottes?
Vielleicht regt mein Roman die Leser und Leserinnen an einmal wieder zu den Evangelien zu greifen und diese kurzen Texte für sich selbst laut und langsam zu lesen, so wie es in der Antike üblich war. Diese Texte, die so seltsam aktuell, unvergänglich sind, die jedes Zeitalter neu ergründen und verstehen muss.
Christina Kupczak
Wichtige Erkenntnisse aus der historisch-kritischen Bibelexegese
Ein Brief aus Rom nach Antiochia
I. Teil Galiläa
1 Ankunft in Caesarea Maritima. Die Spur von Susanna
2 Frühling in Galiläa. Erinnerungen an Jeshua in Sepphoris
3 Die Familie des Jeshua in Nazaret
4 Rebecca erzählt
5 Auf dem Weg nach Tiberias zu Sixtus Livius Varro und weiter nach Magdala
6 Im Haus von Marta und Rut. Wer war Maria aus Magdala? Bei den heißen Quellen von Tabga
7 Tabga: Salome und Lukas tragen aus der Schriftrolle vor. Die Gemeinschaft des Brotbrechens am See Kinneret
8 Erinnerungen an Jeshua. Mit dem Boot auf dem See Kinneret
9 Warten auf Hesekiel. Jona beschreibt das Land Palästina. Zwei Legionäre unterhalten sich. Hesekiel kommt
10 Hesekiel erzählt von Jeshua. Die Ehebrecherin. 1 1 Jonas Erinnerungen
11 Ein Vorfall in der Synagoge. Paulus aus Tarsus
12 Gleichnisse und Reden des Jeshua. Abschied aus Galiläa
In Antiochia. Die Gemeinschaft des Brotbrechens. Eine fehlende Schriftrolle und Aaron ben Salomo
II. Teil Judäa
1 Ankunft in Joppe: Über Emmaus nach Jerusalem
2 Auf dem Zionsberg. Rufus führt durch die zerstörte Stadt.
3 In der Oberstadt: Golgota und der Tempel. Besuch bei Hanna
4 Ein merkwürdiger Papyrus von Alexander. Die Gemeinschaft des Brotbrechens
5 Susanna erzählt. Bericht eines Legionärs. Hat Jeshua gelacht?
6 Die Jüngerinnen. Wie ein Evangelium schreiben? Eine Entdeckung
7 Schwierige Texte. Die Reise nach Betanien
8 In Rahels Haus. Besuch beim Sadduzäer Eljakim
9 Der Geschichtenerzähler Jeshua. Rahel und Lea streiten.
10 Durch die Wüste zum Salzsee.
Der Eremit Kleopas erzählt aus seinem Leben
11 Letzte Tage in Jerusalem. Wie sie Kleopas erlebt hat
12 Die Begegnung in Emmaus. Abschied von Kleopas. In der Karawanserei in Jericho
13 Eine gewagte Erzählung. Wieder auf dem Zionsberg
14 Das große Gastmahl
15 Einzug in Jerusalem. Die letzte Mahlgemeinschaft
16 Gefangennahme und Verrat des Petrus. Zwei Gespräche. Schnee in Jerusalem
17 Zweifel: Das nächtliche Verhör
18 Der römische Prozess unter Pontius Pilatus. Kreuzigung und Grablegung
19 Viele Fragen, die Mattitjahu beantworten kann
20 Im Haus des Josef von Arimatäa.
21 Das Grab ist leer. Außerhalb der Zeit
22 Gedanken über die römische Schriftrolle. Als der Paraklet kam
23 Die Urgemeinde in Jerusalem.
Jakov der Gerechte und Paulus, der Völkerapostel
24 Auferweckung: Wahrheit oder Betrug? Abschied in Joppe
Psalm 103
III. Teil Antiochia
Ein zweiter Brief aus Antiochia nach Rom
1 Zwei Reisende aus Rom
2 Entdeckungen
3 Die Schriftrollen
4 Besuche in Antiochia
5 Ankunft in Ostia
Ein Brief aus Rom nach Augusta Treverorum
Die Romanfiguren – was sie repräsentieren
Über die Autorin
AugenOhr – das Autorenduo mit Inklusionshintergrund
Impressum, Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Ein Brief aus Rom nach Antiochia
Theophilus, Bruder im Herrn aus Rom schreibt an Flavius Julius Scaevola, im fünften Regierungsjahr des Kaisers Vespasian.
Mit großer Freude übersende ich dir heute eine kostbare Schriftrolle. Sie stammt aus dem Besitz eines Bruders, der nun heimgegangen ist in das Reich Gottes.
Diese Schriftrolle schildert das Leben, Leiden und die Auferweckung unseres Herrn Jesus Christus. Sie wurde nach den Zeugnissen vieler, die den Herrn in seinem Erdenwandel sahen verfasst und aufgeschrieben, damit alle Gläubigen gestärkt werden und die Frohe Botschaft auch den nachfolgenden Generationen verkündet werden kann.
In Zeiten der Verfolgung und Bedrückung möge diese Nachricht dir und allen Brüdern und Schwestern im Herrn Trost und Zuversicht sein.
Ich grüße dich im Namen des Herrn, im Namen aller Gläubigen in Rom.
Theophilus Anicius Centho
I. Teil
Galiläa
Groß blähte sich das Sprietsegel auf und knatterte im Wind. Der Frühling begünstigte mit einer kräftigen Brise die Fahrt entlang an der Küste.
Das Handelsschiff war gut beladen und einige wenige Reisende schauten hoffnungsvoll auf das Meer hinaus. Würde der Wind günstig und die Fahrt sicher bleiben?
Das Imperium Romanum wurde seit drei Jahren von Kaiser Domitian regiert. Längst war die Pax Augusta vorbei. Der jüdisch-römische Krieg hatte Palästina endgültig der römischen Macht unterworfen, Jerusalem mit seinem Tempel zerstört, die Juden in alle Welt zerstreut.
Drei Männer und eine Frau suchten sich Plätze für die Reise, die bei kräftig anhaltendem Wind in den nächsten Tagen in Caesarea Maritima enden sollte. Dort würde das kostbare Zedernholz ausgeladen und zum Bau vornehmer Häuser verwendet werden. Die Reise war nicht ungefährlich, denn Piraterie war keine Seltenheit und im Notfall musste sich die Besatzung verteidigen können. – Der Anker wurde hochgezogen, die Schiffsleute standen auf ihren Positionen, das Schiff bewegte sich langsam aus dem Hafen hinaus.
Die Seeluft war angenehm, geradezu schmeichelnd umstrich sie die Gesichter und Körper der Reisenden. Es war die kurze Zeit des Frühlings, die schönste Jahreszeit. Sie würde nur einen Monat dauern.
Zwei Männer, es waren wohl Kaufleute, standen in einem lebhaften Gespräch zusammen. Die beiden anderen Fahrgäste saßen still und fast andächtig auf einem großen zusammengerollten Tau, während sich ihre Blicke nicht von der entschwindenden Stadt lösen konnten. Der Mann war von unauffälligem Aussehen, schon im vorgerückten Alter. Ein graubrauner, kurzgeschnittener Bart umrahmte sein Gesicht. Er trug Reisekleidung und legte schützend seine Hand auf eine Reisetasche, die er während der ganzen Fahrt nicht aus den Augen ließ. Die Frau im gleichen Alter, wohl schon über fünfzig Jahre alt, eine Seltenheit denn die Frauen starben jung, viele im Kindbett. Sie war immer noch von einer eigenartigen Schönheit. Das ovale Gesicht fast streng geschnitten, mit großen dunklen Augen, immer noch vollen Lippen und einer markanten Nase, die fast männlich wirkte. Ihr Haar immer noch dunkel und voll, nur wenige Silberfäden durchzogen es. Auch sie trug unauffällige Reisekleidung, keinen Schmuck aber sehr gut gearbeitete, solide Sandalen. Sie war offensichtlich von vornehmer Herkunft. Distanz, Gelassenheit und eine natürliche Autorität strahlte sie aus.
Als der Hafen Antiochias immer kleiner und kleiner wurde stand sie auf und trat ans Heck des Schiffes. Sie war groß, auffallend groß. Mühelos überragte sie um Kopfeslänge die Männer. Sofort richteten sich alle Augen auf sie, die beiden Kaufleute unterbrachen ihr Gespräch und nahmen sie verwundert in den Blick. Ihr Begleiter folgte ihr, dabei war ein leichtes Hinken zu sehen. Er schien eine Verletzung an der Hüfte zu haben. Neben ihr wirkte er fast unscheinbar, klein, obwohl er eine Durchschnittsgröße hatte. Die Zwei gehörten zusammen. Ein Ehepaar? Wohl kaum – aber klar war, dass sie eng verbunden waren.
„Salome, wollen wir nicht doch in Ptolemais an Land gehen? Wir wären näher an Sepphoris und Nazaret.“
Die große schlanke Frau schaute auf den Sprecher hinunter und lächelte: „Lass es gut sein, Lukas. Wir haben die Fahrt lange und sorgfältig geplant und sollten jetzt aus Ängstlichkeit nichts überstürzen. Unsere Reise geschieht für den Herrn. Wir sind in einer außerordentlich wichtigen Mission unterwegs und er wird uns schützen. Außerdem möchte ich in Caesarea noch manches besorgen, was wir in Ptolemais nicht bekommen würden. Wir brauchen starke Esel für den Landweg und einmal möchte ich auch die Stadt sehen, in welcher Paulus in Haft saß bevor er nach Rom deportiert wurde. Petrus hat dort den Hauptmann Kornelius getauft, den ersten Menschen aus der paganen Welt. Lass die Angst nicht zu, die Angst ist ein schlechter Reisegefährte.“
Ihr Begleiter schaute stumm aufs Meer hinaus und nickte. Salome zog ihren Schleier vom Kopf und ließ die Haare, die nur teilweise in Zöpfen gebändigt waren, genussvoll im Wind wehen. Es war ein sichtbares Zeichen von Freiheit und Selbstbestimmung, das gut zu ihrer Erscheinung passte. Dann schritt sie zur Bootsmitte, setzte sich wieder auf das Tau und zog einen kleinen Papyrus aus ihrem Gewand hervor. Er zeigte die Landschaft von Palästina mit vielen Städten, auch das Gebirge, das galiläische Meer und der Jordan waren eingezeichnet. Sie vertiefte sich in den Plan und schreckte leicht auf, als eine männliche Stimme sie ansprach. Es war ungewöhnlich sich zuerst an eine Frau zu wenden und nicht an den männlichen Begleiter. Aber sie schien die Person zu sein, die Entscheidungsgewalt hatte.
„Ihr seid Juden, nicht wahr?“, begann der hinzugetretene Kaufmann etwas plump das Gespräch. Die Frau musterte ihn scharf, dann meinte sie distanziert: „Es stimmt, aber hat es eine Bedeutung?“ – Der Mann wurde verlegen und stellte sich als Philippus vor, ergänzte entschuldigend: „Juden erkennen Juden. Auch ich bin Jude, wenn ich auch einen griechischen Namen angenommen und den alten Glauben abgelegt habe. Wieso reist ihr nach Palästina? Dort ist nicht mehr viel zu sehen nach dem Krieg. Jerusalem ist ein Trümmerhaufen, der Tempel zerstört und es ist nicht einfach als Jude in die Stadt zu gelangen …“, er zögerte und fügte hinzu: „Nun, du als Frau, das mag gehen … aber dein Mann?“, dabei bewegte er den Kopf in Richtung ihres Begleiters, „für ihn könnte es gefährlich werden. Die Römer sind dabei die Stadt völlig umzugestalten, der jüdische Kultus ist verboten.“ – Salome stand nun auf und sie überragte auch diesen, recht stattlichen Mann fast um Haupteslänge. Sofort veränderte sich die Situation und Philippus zeigte Unsicherheit, ja Verlegenheit, denn er musste leicht zu ihr aufschauen.
„Lukas ist mein Bruder, nicht mein Ehemann,“ erwiderte Salome mit ihrer vollen und dunklen Stimme, „ich bin Witwe und wir reisen das erste Mal ins Land unserer Väter.“
„Ihr solltet dieses Land und eure Herkunft vergessen“, war die spöttische Antwort, „die Juden sind ein verlorenes Volk, ihr Glaube besiegt, die Überlebenden mussten fliehen. Was wollt ihr dort? Du wirkst wie eine Griechin, eine Frau mit Bildung. Schau nicht zurück! Israel ist endgültig untergegangen, wie so viele Völker. Schau nach vorn, nach Rom, nach Alexandria. Dort liegt die Zukunft.“ Er sprach mit fester Stimme um seine Unsicherheit gegenüber dieser merkwürdigen Domina zu verdecken. Schnell schob er noch nach: „Ich gebe mich stets als Grieche aus, es ist von Vorteil, erleichtert mir den Aufstieg in der Gesellschaft. Man muss mit der Zeit, mit den Siegern gehen“.
Salome nahm ihn fest in den Blick und meinte ruhig: „Dann glaubst du auch an die griechischen und römischen Götter? An Zeus, Neptun, Mars und Merkur?“ Der andere lachte und schüttelte heftig den Kopf: „Nein, niemals! Warum soll ich diesen Unfug glauben: Götter, die wie Menschen handeln, die bestechlich, verlogen, liebestoll sind? Das ist doch zum Lachen.“ „Dann hängst du einer Mysterienreligion an?“, insistierte Salome, „glaubst du an Isis, Osiris oder Mithras?“
Wieder wehrte Philippus unwillig ab, „was denkst du? Viele Griechen und Ägypter wenden sich dem Judentum zu, vor allem in Alexandria. Sie finden den Glauben an den einen Gott überzeugend, unsere Gebote vernünftig … nur die Essensverbote und die Beschneidung lehnen sie ab. Aber ein Jude muss beschnitten sein, sonst kann er nicht zum Volk Israel gehören … aah … was rede ich da? Israel ist untergegangen, der Tempel zerstört, die Priester verjagt, getötet, also es ist sowieso zu Ende.“
„Und an wen glaubst du nun? Zu wem betest du?“, beharrte Salome. Philippus lachte verlegen: „Du stellst Fragen und verstehst es die Menschen in die Enge zu treiben. Darauf kann ich dir keine Antwort geben.“
Salome ließ die Augen nicht von ihm während sie ihre Zöpfe bändigte, die wie Schlangen um ihren Kopf tanzten. Dann meinte sie beiläufig: „Hast du von Jeshua gehört? Von Jesus aus Nazaret oder wie die Griechen jetzt sagen: von Jesus dem Christos?“
Philippus riss die Augen auf: „Den Gekreuzigten und Messias? Ist das dein Ernst? Bist du eine seiner Jüngerinnen, von diesen … Christianoi?“
Salome nickte ernsthaft und bestätigte: „Ja, ich bin Christin und deshalb reisen wir ins palästinensische Land um noch Zeugen zu finden, die uns von Jeshua berichten können.“
Philippus schien es die Sprache verschlagen zu haben: „Sowas glaubst du? Ein Mann aus einem Nest, das ist nicht einmal ein Dorf dieses Nazaret … ein Dorfrabbi oder Dorfschreiber, der soll der Messias sein? Entschuldige, jetzt bin ich enttäuscht von dir, für so dumm habe ich dich nicht gehalten. Wie kommst du dazu? … aaah … ich verstehe: Du kommst aus Antiochia, also kanntest du Paulus, den bekehrten Pharisäer und Fanatiker, der diesen Jesus als den Christos verkündete.“
„Du kanntest Paulus?“, fragte Salome sehr schnell und in großer Spannung, „ich lebte in Antiochia, anfangs gehörte ich nicht zu den Christianoi, erst später habe ich von Paulus erfahren. Du kanntest ihn?“
Philippus bejahte: „Als sehr junger Mann sah ich ihn und hörte auch seine Predigt: ein Mann, der so gebildet war und diese abstruse Geschichte glaubte, sich auspeitschen, schlagen, sogar steinigen ließ! Er habe in Damaskus eine Erscheinung gehabt, sei vom Pferd gestürzt, wäre vom Blitz getroffen worden. Danach hat er die Christianoi nicht mehr verfolgt, er wurde sogar ihr Anführer. Blitz! … haha … es war wohl zu viel Sonne, ein Hitzschlag. Aber er gründete überall Gemeinden mit Juden und Nichtjuden und mit Frauen! Er setzte sogar Frauen als Gemeindeleiterinnen ein. Unfassbar. Wie kann man diesen Unfug glauben?“
„Immerhin hatte er einen Glauben gefunden, während du gottlos geworden bist“, attackierte ihn Salome.
„Gottlos?“, schrie Philippus und hob im Zorn die Hand, „du traust dich etwas, Weib!“
Salome musterte ihn kühl: „Ja, ich traue mich etwas. Vielleicht braucht unser Gott keine Tempel mehr, kein auserwähltes Volk und kein Gesetz? Vielleicht ist er nicht besiegt, sondern tritt jetzt seinen Siegeszug in den paganen Völkern an, vielleicht wird unser Gott der Gott für alle Menschen? Das war die Botschaft des Jesus aus Nazaret und sag mir: ist das so dumm? Ist das nicht Gottes Wille?“
Philippus blieb regelrecht der Mund offenstehen: „Wer bist du, Weib?“, flüsterte er fast.
„Ich bin Salome bat Natan, eine Jüdin und Griechin, eine Frau in der Nachfolge des Jesus von Nazaret, des Messias für alle Menschen. Mit diesem Dorfrabbi wird der Glaube an den einen Gott alle Völker, alle Menschen erfassen und alle werden sein Gottesvolk sein. Auch du bist aufgerufen!“, schloss sie herausfordernd.
Philippus starrte sie an – dann wichen seine Augen aus, er kehrte sich wortlos ab und wechselte zur anderen Schiffsseite. – Die Nacht brach an, die Reisenden suchten sich ein ruhiges Plätzchen, zogen Decken über die Körper. Salome lag noch lange wach und schaute in den Sternenhimmel, bis das Geplätscher der Wellen sie langsam in Schlaf versinken ließ. Die Nacht verlief ruhig, die Seeleute nutzten den günstigen Wind, man würde bald in Caesarea sein.
Den Rest der Reise ging Philippus Salome aus dem Weg. Lukas beobachtete es belustigt. Da war einer dem Disput mit seiner großen Schwester nicht gewachsen. Er hatte das oft erlebt und innerlich musste er lachen.
Sidon und Tyrus lagen längst hinter ihnen, auch das Bergmassiv des Karmel hatten sie umfahren und nun blitzte die große weiße Hafenanlage von Caesarea Maritima in der Frühlingssonne auf. Hoch über der Stadt thronte der Tempel des Augustus. Die Hafenanlage schien die Ankommenden mit zwei riesigen Armen zu umfangen. Ein mächtiger Turm erhob sich neben der schmalen Einfahrt ins Hafenbecken. Sie waren angekommen, sie hatten Palästina erreicht.
Die Reisenden standen staunend am Bug als ihr Schiff immer weiter stadteinwärts glitt und dann anlegte. Sogleich entstand der übliche Tumult mit Ausladen, mit dem Umladen auf Karren und Lasttiere, Menschen fielen sich in die Arme, einige Halbwüchsige stürzten sich mit sicherem Blick auf die Fremden und boten ihre Dienste an. Salome und Lukas folgten einem lebhaften Knaben, der sie nicht weit vom Hafen in ein römisches Haus führte, während zwei andere das Gepäck schleppten. Das Haus hatte wohl bessere Tage gesehen, eine gewisse Nachlässigkeit war überall zu sehen, registrierte der penible Lukas. Anscheinend war die Familie gezwungen an Fremde zu vermieten. Salome brannte vor Ungeduld und wollte sich nicht lange ausruhen, vielmehr gleich die Stadt in Augenschein nehmen.
So schlenderten die Geschwister durch eine der prächtigen Geschäftsstraßen, staunten über das riesige Hippodrom, das gewaltige Aquädukt, welches Wasser aus dem Karmelgebirge in die Stadt brachte, die luxuriösen Thermen und reich geschmückten Paläste. Herodes der Große hatte Caesarea im römischen Stil erbaut und residierte in einem Palast am Meer. Nach seinem Tod übernahmen die Römer die Stadt, erhoben sie sogar zur Residenz des Statthalters, und später nach der Zerstörung Jerusalems, wurde Caesarea Maritima die Hauptstadt der Provinz Judäa. Lukas und Salome saßen sehr beeindruckt im riesigen Theater, das 4.000 Plätze bot und sich zum Meer hin öffnete. Ja, sie bewunderten die Baukunst der Römer vorbehaltlos, obwohl diese Jerusalem zerstört, den Tempel entweiht und abgebrannt, das Volk vertrieben hatten. Aber die römische Kultur war trotzdem hochstehend, die Gelehrsamkeit umfassend, die Grausamkeiten allerdings auch.
„Pontius Pilatus“, sagte plötzlich Lukas in die Stille, „Pontius Pilatus herrschte hier und zog an den Festtagen hinauf nach Jerusalem. Pilatus, der dann im Palast des Herodes lebte, Pilatus, welcher das Todesurteil über Jesus gesprochen hat, Pilatus, ein Schinder, Hasser und Menschenverächter. Später wurde er nach Rom gerufen, abgesetzt und wie man hörte auch verbannt.“
„Noch ist alles nicht so lange her“, murmelte Salome, „gerade mal fünfzig Jahre nach der Kreuzigung des Herrn. Es muss noch Zeugen und Nachfahren geben. Aber hier wohl kaum. Vielleicht in Sepphoris? Lukas, wir sollten morgen gleich nach Sepphoris abreisen. Hier aber können wir noch einkaufen. Vor allem brauchen wir zwei starke Esel und Reisetaschen, die man aufschnallen kann.“
„Kannst du noch reiten?“, neckte Lukas die große Schwester, „als Kinder waren wir ständig mit den Eseln unterwegs und du warst die Wildeste von uns, immer bist du ausgerissen wenn sie dir Mädchenarbeit aufzwingen wollten“.
„Die Mutter hat uns gefehlt“, erinnerte sich Salome, „wir beide sind ohne Mutter aufgewachsen. Die Familie bestand fast nur aus Männern und das war mein Glück. Keiner hatte Zeit für mich, keiner wollte sich mit der störrischen Salome herumärgern.“
„Stimmt“, lachte Lukas, „und jetzt können wir brauchen was wir damals gelernt haben.“
„Wie wunderschön die Stadt gebaut ist“, begeisterte sich wieder Salome, „schau mal, dieser weiße Stein. Das ist Kalkstein und auch Marmor. Ist Sepphoris auch damit gebaut?“
„Schon merkwürdig, dass von Sepphoris in der römischen Schriftrolle nichts geschrieben ist“, hing Lukas seinen Gedanken nach, „es liegt doch in der Nähe von Nazaret. Ich denke mal, dass Jeshua und seine Brüder dort als Bauhandwerker arbeiteten. In Nazaret gab es bestimmt keine Arbeit. Oder war Jeshua vielleicht auch hier in Caesarea? Baustellen gibt es genug.“
„Hier in Caesarea war Paulus zwei Jahre unter dem Statthalter Felix in Haft bis er nach Rom ausgeliefert wurde, so habe ich gehört. Paulus … gern hätte ich ihn kennengelernt. Ob wir uns verstanden hätten?“
„Bestimmt“, meinte Lukas trocken, während er aufstand, „er war dir wohl ganz ähnlich. Euch beide hätte man sofort für Geschwister gehalten. Dass ich dein Bruder bin stößt bei den meisten auf Unglauben.“
„Mein Lieber, ich bin froh, dass du mit deinem ausgleichenden und ruhigen Wesen mein Bruder bist. Zwei Hitzköpfe … da würde unsere Mission scheitern. Ich bin auf dich angewiesen und auf deine geduldige Art des Schreibens und Beobachtens. Auf keinen Fall könnte ich auf dein großes Wissen über die Tora und die prophetischen Schriften verzichten. Mach dich nicht immer so klein.“
„Salome, schaffen wir das? Ist das nicht alles zu groß für uns? Das Leben des Jesus aus Nazaret aufschreiben? Wir sind nicht mehr jung, diese Aufgabe ist gewaltig.“
„Wer die Hand an den Pflug legt, für das Reich Gottes, soll nicht zurückschauen“, erwiderte Salome fest und bestimmt, „das ist unser Auftrag. Wir dürfen nicht zweifeln und Zeit verschwenden. Komm, erledigen wir unsere Einkäufe, dann gehe ich in unsere Unterkunft und vielleicht finde ich unter den Frauen noch Zeugnisse über Jeshua. Und dir schlage ich vor einfach zu den Bauhandwerkern zu gehen. Vorhin kamen wir doch an einer Baustelle vorbei. Vielleicht war Jeshua doch hier? Und schau nach den beiden Esel. Morgen müssen wir welche kaufen.“
„Mein Aramäisch ist nicht so gut wie deines“, seufzte Lukas, „die Bauhandwerker sind wahrscheinlich Galiläer. Aber ob sie mich verstehen? Ich habe Schwierigkeiten mit dem Dialekt und es fehlen mir auch viele Worte.“
„Lukas, sei nicht so kleinmütig, lass uns einfach anfangen“. Salome schritt mit gewohnt festen und großen Schritten voran, bis ihr bewusst wurde, dass es Ärgernis erregte wenn eine Frau voran ging. Also passte sie sich dem Schritt des Bruders an und so bogen sie in die nächste Geschäftsstraße ein wo sie die Satteltaschen und einige Tüten mit getrockneten Maulbeeren und Nüssen erwarben. Vor der Herberge trennten sie sich und Salome saß etwas unschlüssig im Eingangsbereich, bewunderte ein kostbares und detailreiches Fußbodenmosaik. Dann riss sie sich aus ihren Gedanken, hielt nach einer Sklavin Ausschau und fragte diese ob es im Haus nicht eine Domina gäbe, eine alte Frau? Sie habe Fragen, die nur alte Menschen beantworten könnten. Dabei steckte sie der jungen Frau eine Münze zu.
Tatsächlich, nach einiger Zeit betrat mit schlurfenden Schritten eine würdige Matrone, ganz in Schwarz gehüllt, die Vorhalle. Salome erhob sich ehrerbietig und verneigte sich leicht. Sofort malte sich Verblüffung auf dem runzligen Angesicht der Alten, die zu ihr aufblicken musste.
„Ich danke dir, dass du meiner Bitte nachgekommen bist, ehrwürdige Domina“, begann Salome das Gespräch, „mit meinem Bruder bin ich auf einer Reise um Nachforschungen über einen Rabbi zu erheben, der vor fünfzig Jahren hier in dieser Gegend lebte und viele Kranke heilte. Vielleicht hast du davon gehört?“
Die Alte schien erschrocken und meinte zögernd: „Rabbi? Du meinst vielleicht den Rabbi Jeshua?“
In Salome verbreitete sich ein triumphales Gefühl und im Stillen dankte sie dem Ewigen. „Ja“, antwortete sie hastig, „Rabbi Jeshua aus Nazaret. Du kanntest ihn?“ Unwillkürlich war sie ins Aramäische gewechselt und das lockerte die Situation sofort auf.
Mühsam ließ sich die Alte auf einem römischen Stuhl nieder und bedeutete Salome sich ebenfalls zu setzen. „Gekannt habe ich ihn nicht, aber gehört habe ich von ihm“, kam sehr langsam und den Erinnerungen nachhängend ihre Antwort. „Rabbi Jeshua war ein Begriff, ein Ärgernis in unserer Familie, weil eine Tante von mir in ganz jungen Jahren, kurz vor ihrer Verheiratung verschwand und diesem Jeshua nachfolgte. Damals war ich ein Kind und habe nur die Aufregung in der Familie in Erinnerung. Es war eine große Schande für unsere Familie, denn dieser Mann hatte mehrere Frauen in seiner Gefolgschaft. Es sollen sogar verheiratete dabei gewesen sein. Alle Versuche Susanna zurück zu holen scheiterten, denn in den Städten am See Kinneret, wo der Mann herumwanderte, da war er hoch angesehen und verehrt. Die Menschen hielten ihn für einen Propheten und schützten ihn und seine Jünger. So zogen Susannas Brüder dreimal vergeblich ab, es war nichts zu machen. Wir gaben es auf sie zurück zu holen. Die Ältesten in der Familie verhängten ein Schweigegebot. Susannas Name durfte nie mehr genannt werden, sie war für uns wie tot. Wenn ich heute zurückdenke: ich war damals noch ein Kind … also damit begann der Bruch in unserer Familie, mit unserer Herkunft und unserem Glauben. Mit der Zeit verwandelten wir uns von Juden in Griechen … ja, so war das. Nur ich habe alle überlebt und nur ich beachte noch einige jüdische Gesetze. Aber Jüdin bin ich auch nicht mehr … es ist so lange her und keiner weiß mehr von der Sache, deshalb rede ich so offen. Dann kam der Zeloten-Aufstand, der Krieg mit den Römern, der vier Jahre dauerte und allem ein Ende bereitete …“
Die alte Frau schwieg und hing ihren Erinnerungen nach. Salome hatte atemlos gelauscht. So ein Glück, gleich beim ersten Versuch war sie fündig geworden! Sie sah darin ein Zeichen des Himmels und fragte vorsichtig weiter: „Und von Susanna habt ihr nichts mehr gehört?“
Die Alte schüttelte langsam den Kopf, „nein, aber wir erfuhren vom Ende des Wunderrabbis in Jerusalem: Kreuzigung, schrecklich! Pilatus, der römische Statthalter der hier residierte, hat ihn kreuzigen lassen. So wurde erzählt. Vielleicht war Susanna dabei? Ich weiß es nicht.“ Salome überlegte kurz: Wenn Susanna bei der Kreuzigung dabei war dann würde sie vielleicht in Jerusalem leben? Eine schwache Hoffnung glomm in ihr auf und sofort stand der Entschluss fest noch in diesem Jahr nach Jerusalem zu reisen. Aber jetzt? Unmöglich, der Reiseplan für Galiläa lag fest, sie mussten planvoll vorgehen. Doch vielleicht sollte man eine zweite Reise im Spätsommer nach Judäa unternehmen? Die Gedanken rasten durch ihren Kopf … Unsinn … Wahnsinn … wie alt wäre Susanna? Zwischen siebzig und achtzig Jahren … so alt wurden Frauen selten. Die meisten starben vor dem vierzigsten Lebensjahr, erschöpft von den vielen Geburten, der harten Arbeit, der Sorge um die hungrigen Kinder … Aber vielleicht hatte sich Susanna nicht verehelicht? Vielleicht lebte sie wie Jeshua ehelos? … was wird Lukas sagen, wenn ich ihm davon berichte? dachte sie stolz. Dann wandte sie sich der Alten wieder zu und fragte noch dies und das, bekam aber keine verwertbaren Auskünfte mehr.
Den Spätnachmittag verbrachte Salome damit die Reisetaschen einzuräumen, weitere Münzen in die Kleidung einzunähen. Lukas kam am Abend etwas entmutigt zurück. Er hatte einige Bauarbeiter angesprochen, die leicht als Galiläer erkennbar waren, denn sie trugen die Haare schulterlang und auch Vollbärte. Aber Auskünfte bekam er nicht. Im Gegenteil, man verlachte ihn, dass er nach einem Wanderprediger fragte, der vor fünfzig Jahren gekreuzigt wurde! Trotzdem hatte Lukas ein Gefühl, dasses durchaus Wissen gab, man aber nicht sprechen wollte. Sein Missmut schlug auf ihn selbst um, denn sicher war sein schlechtes Aramäisch mit die Ursache, dass man ihn nicht ernst genommen hatte. Salome, Salome hätte da etwas rausgekriegt, gestand er sich verzweifelt ein. Aber es war unmöglich, dass eine Frau auf offener Straße Männer befragte. Doch Lukas war nicht gekränkt wie viele Männer, die mit Salome nicht gleichziehen konnten und schlimmer noch, die auf sie angewiesen waren. Er hatte frühzeitig seine Rolle gefunden und als Hinkender war er auch in der Männergesellschaft mehr gelitten als geschätzt. Seine Nüchternheit und auch seine uneitle, ausgeglichene Natur hatte früh die Nische entdeckt in der er überleben konnte und auf seine Weise unverzichtbar wurde: Seine Kunst des Lesens und Schreibens. Diese nahmen alle gern in Anspruch. – Umso mehr erfreute er sich über Salomes Nachricht. Nur dass sie bereits für den Spätsommer eine weitere Reise plante, ließ ihn innerlich aufseufzen. Doch sie hatte – wie so oft – leider recht. Die Zeugen waren nur noch wenige und von Tag zu Tag verringerte sich die Möglichkeit noch sichere Nachrichten über Jesus von Nazaret zu bekommen.
Am nächsten Morgen verließen sie die Stadt, nachdem sie zwei Esel gekauft hatten und machten sich auf den Weg nach Sepphoris.
Die Außenbezirke von Caesarea waren nicht glanzvoll und edel wie die Kernstadt. Armselige Lehmhütten, notdürftig mit Stroh und Holz zusammengeflickt, das waren die Behausungen des Am – Haarez, des einfachen Volkes. Elendsviertel, überfüllt mit Kindern, Frauen, die an den Ausfallstraßen standen, mit Tand geschmückt, grell geschminkt, in der Hoffnung einen Freier zu finden. Prostitution war das Los vieler, die Ehemänner und Väter im Krieg verloren hatten, oder gar verstoßen wurden oder keine Söhne geboren hatten. Und überall die schreienden und lärmenden Kinderhorden. Dann das Schlimmste: rechts und links an der Straße Dutzende von Kreuzen mit verwesten Körpern. Hunde und Raben betätigten sich als Aasfresser. Der Gestank war entsetzlich. Immer noch gab es Zeloten die auch nach dem vernichtenden Krieg nicht aufgeben wollten, die immer wieder als Sicarier, als Dolchmänner, Attentate auf die Besatzer verübten und dies dann mit dem schmachvollen Tod am Kreuz büßten. Es gab noch einige Lebende unter den Gekreuzigten, die nur noch aufstöhnen konnten. Lukas trieb die beiden Esel zur Eile an, ermahnte Salome nicht hinzuschauen, möglichst schnell an diesem Elend vorbei zu kommen, denn es war bei Strafe verboten den Gepeinigten Erleichterung zu verschaffen oder die Toten zu begraben. Die Reste der Unglücklichen wurden zusammengefegt und in eine Grube geworfen, dort verscharrt. Jeshua … Jeshua hatte diesen Tod erlitten … unvorstellbar. Salome zog den Schleier übers Gesicht, der Verwesungsgeruch war kaum auszuhalten. Dann endlich erreichten sie freies Gelände, die Stadt lag hinter ihnen.
Schreckliche Bilder in einer berückend schönen Landschaft. Welchen Zauber der Frühling in einem heißen und trockenen Land entfaltet, kann nur derjenige ermessen, der nach dieser kurzen Zeitspanne die unbarmherzige Glut des Sommers ertragen muss. Salome hatte ganz gezielt den Aprilis ausgewählt um genau dann zu reisen wenn sich über der trockenen Erde ein zarter Grünschleier ausbreitet, sogar Blumen erblühen und frisches junges Grün an den Bäumen sprosst. In dieser Zeit ist das Karmelgebirge am schönsten, lieblich, geradezu paradiesisch. Karmel bedeutet Weingarten Gottes und kein Name konnte diese Landschaft treffender beschreiben. Salome wusste welchen Trost, welche Zuversicht und Hoffnung die Natur sprachlos vermittelte, ein Trost den sie damals nach Apollos Tod in Antiochia nicht fand. So zog es sie zurück auf das Familiengut um dort noch einmal neu anzufangen.
Noch bewegten sie die Gespräche mit Philippus und der Alten, die schrecklichen Kreuzigungsszenen, aber auch die Schönheit des Karmels erschütterte sie regelrecht.
Die Reise war nicht ungefährlich, auch war die Suche nach Zeitzeugen und Nachkommen abhängig von Glück und Zufall. Aber gab es das? War nicht das ganze Leben ein bunt gewebter und in vielen Einzelheiten stimmiger Teppich? Trat mit dem Älterwerden nicht immer mehr das Muster des Lebens hervor? Und galt das auch für die Gekreuzigten? Für die Gewaltopfer, für die vielen elternlosen und ungeliebten Kinder auf der Straße? Wo war da Gottes Barmherzigkeit, seine Liebe, von der Jeshua immer sprach? Wo waren Sinn und Würde in diesen Schicksalen? Rätsel über Rätsel … und doch waren die Beiden fest davon überzeugt, dass Jeshua von Nazaret der verheißene Messias war. Seine Botschaft hatte sie ins Herz getroffen.
Salome war sich ihrer Talente durchaus bewusst. Klar war ihr aber auch, dass von dem, der viel erhalten hat auch viel zurückgefordert werden wird. So sprach der Wanderprediger, den sie in ihrer Jugend erlebte und der ihr die ersten Worte des Rabbi Jeshua vermacht hatte. Sie fühlte sich getroffen: sie hatte viel erhalten, sie musste ihre Talente umsetzen, von ihr würde viel gefordert werden. Das war der Anfang! Der Anfang auf ihrer Suche nach Jesus aus Nazaret, der schließlich zum Plan einer Palästinareise führte. Das Geschenk des Theophilus aus Rom, die Schriftrolle, die damals an Flavius Julius gesandt wurde … das war die Vorlage für ihr großes Ziel. Sie wollte auch eine Schrift verfassen, aber noch mehr, neue Geschichten, neue Worte des Jeshua erkunden und sie aufschreiben. Und sie wollte ganz eigene Themen setzen, vor allem die Menschen in den paganen Völkern erreichen. Auch sie hatte, wie so viele Juden, das eigene Volk aufgegeben, sah es in der Bedeutungslosigkeit verschwinden, nicht zuletzt auch deshalb, weil sie Jeshua nicht als den Messias erkannten. Jedenfalls fühlte sie sich durch den Auftakt gestern bestätigt und gestärkt.
Geduldig und treu trabten die Esel den Pfad entlang. Die Reisetaschen waren prall gefüllt, es fehlten noch zwei gewebte Teppiche für die Rücken der Tiere. Lukas ritt voraus, umsichtig und pragmatisch wie immer.
Der Karmel besteht aus Kalkgestein und Dolomit. Es gibt viele Höhlen, karge neben fruchtbaren Landschaften. Weit lag die fruchtbare JesreelEbene vor ihnen. Überall Kornfelder, Eichen, Pinien, Ölbäume und die blühenden Mandel- und Orangenbäume ließen an das Paradies denken. Seit altersher hatten die Menschen hier Wein angebaut und natürlich erkundeten die Geschwister wie die Weinberge bepflanzt und gepflegt wurden, denn auf ihrem Landgut gab es ebenfalls ausgedehnte Weinberge.
In der Geschichte des Volkes Israel war der Karmel ein wichtiger Ort: Hier lebte der Prophet Elia in einer Höhle, hier besiegte er die Baalspriester und rettete den Glauben an den einen Gott. In der Tora wurden Sepphoris, Nazaret und auch Kafarnaum nicht erwähnt, sie waren unbedeutende Orte. Überhaupt wurde ganz Galiläa trotz seiner Fruchtbarkeit, trotz des Fischreichtums im See Kinneret von den Juden in Judäa verachtet. Die Bevölkerung hatte sich hier mit Fremden vermischt, viele fremdländische Frauen wurden geheiratet. Waren die Kinder aus diesen Verbindungen noch Juden? Nach jüdischem Gesetz galten nur die Kinder jüdischer Mütter als richtige Juden. Seit der assyrischen Eroberung gab es hier eine Mischbevölkerung, viele Nicht – Juden oder Heiden, wie die Rechtgläubigen sagen, und dann kamen noch die Griechen und Römer mit ihrer hochentwickelten Kultur, mit ganz anderen Gesetzen, die nicht zwischen rein und unrein unterschieden, dazu. – Sogar Fremdländische aus sehr fernen Ländern, nördlich von Rom, waren als Söldner gesehen worden, Männer mit einer blassen, fast weißen Haut, mit sehr hellen, sogar roten Haaren und blauen Augen. Viele vermischten sich mit den Fremden. Dann gab es die Samaritaner, diese abgefallenen Juden, die sogar einen eigenen Tempel auf dem Berg Garizim bauten und den Kult in Jerusalem ablehnten … Überall spaltete sich der Glaube der Väter in kleinste Gruppen auf, die sich gegenseitig bekämpften.
Finsternis, Verwirrung und Endzeitstimmung waren über das Land hereingebrochen seitdem die Römer nun schon 120 Jahre das Land besetzten und auspressten. Sie duldeten die Idumäer, die sie als Könige über Israel einsetzten. Tausende Juden gingen schon vor dem Krieg freiwillig ins Exil. Auch Lukas und Salomes Vorfahren hatten Palästina verlassen und waren nach Syria ausgewandert. Die Wurzeln der eigenen Kultur starben ab, die Traditionen verblassten, die Gesetze wurden kaum noch befolgt. Selbst die heiligen Schriften, die Tora und die Propheten, die Psalmen kannten viele nur noch in griechischer Sprache, besonders seitdem es die Übersetzung, die Septuaginta gab. Die aramäische Sprache verschwand langsam von Generation zu Generation. Aber Salome hatte bereits in der Begegnung mit dem Wanderprediger erkannt: Aramäisch war die Sprache Jeshuas und deshalb musste sie die Sprache pflegen und durfte sie nicht vergessen.
Der Aufstieg auf dem karstigen Bergrücken wurde merklich steiler, die Esel suchten vorsichtig den Pfad. Mit sicherem Instinkt, wenn auch immer langsamer, erreichten sie die Höhe. Unter einem alten Olivenbaum machten sie Halt und sattelten ab. Es war Mittagszeit und sie beschlossen zu rasten. Fruchtbares Land, soweit das Auge schweifen konnte. Hügel, Täler, winzige Dörfer und Städtchen lagen in Mulden oder bekrönten Hügel. Hier wuchs Korn, das Hauptnahrungsmittel der armen Leute. Der Duft von Orangenblüten lag in der Luft. Aber trotz der Schönheit des Landes war Salomes Gesicht grau, in Gedanken war sie bei den Gekreuzigten. Lukas bemerkte es kummervoll und er nahm sich vor ihre Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. So packten sie ihr bescheidenes Mahl mit Brot, Oliven, getrocknetem Fisch, Früchten und Wasser aus.
„Heute müssen wir zumindest Sepphoris erreichen“, mahnte Lukas und deutete auf die Stadt in der Ferne, „von dort ist es nur eine kurze Strecke nach Nazaret. Sicher finden wir dort keine Unterkunft.“ Salomes Gesichtsfarbe hatte sich gebessert, sie atmete tief durch: „Dann weiter an den See Kinneret. In Tiberias soll es heiße Quellen geben, da würde ich gerne baden. Dort lebt auch ein Freund meines verstorbenen Mannes, vielleicht besuchen wir ihn. Und dann immer am Seeufer entlang nach Magdala, Tabga und nach Kafarnaum. Einmal möchte ich mit dem Boot auf dem See fahren und auf die Dörfer und Städte der Dekapolis schauen. Dann zur Jordanquelle, nach Caesarea Philippi wo Petrus den Herrn als Messias erkannte … ob der Hermon der Berg der Verklärung ist? … aber am wichtigsten sind Nazaret und Kafarnaum. Werden wir noch Zeugen finden?“ Lukas hatte die kleine Landkarte ausgepackt und fuhr mit dem Finger vom Hermon bis zum Meer: „Ptolemais, da sollten wir mit dem Schiff zurückfahren“.
„Erst einmal“, sagte Salome fest, „aber ich bin sicher, dass dies nicht unsere letzte Reise sein wird. Wir müssen dem Ewigen vertrauen, dass er uns führt und die Begegnung mit der alten Frau hat mir Mut gemacht“. – Die Beiden gönnten sich einen kurzen Schlummer im Schatten des Baumes, bevor sie wieder die Esel zum Abstieg bereit machten. Langsam ging es den Karmelrücken abwärts. Weit dehnten sich die blau leuchtenden Flachsfelder aus.
Nach zwei Tagen erreichten sie Sepphoris, eine Stadt auf einer Anhöhe, weithin sichtbar. Lukas erspähte beim Annähern an die Stadt auf einer Anhöhe Kreuze. Er nahm sich vor diese Straße beim Weiterreiten zu meiden.
Auch Sepphoris war eine völlig griechische Stadt, kleiner als Caesarea aber nicht weniger prächtig, sogar die Straßen waren mit Marmor ausgelegt. Auch hier gab es in einen Hügel hineingebaut ein römisches Theater, zwei Märkte mit einem reichhaltigen Angebot von Weizen, Oliven, Lammfleisch, Dörrfisch und vielen Früchten. An einem Keramikstand blieben die beiden stehen und Salome wurde von den nebenan angebotenen Webteppichen angezogen. Sie kaufte zwei kleine Teppiche, die sie auf die Rücken ihrer Esel legten.
Bewundernswert auch hier die römische Baukunst: eine gut geplante Wasserversorgung, viele Privatvillen von reichen Römern und Herodes Antipas hatte sich eine Residenz mitten in der Stadt erbauen lassen. Ein Bautrupp von Galiläern führte Verbesserungsarbeiten an einer Umfassungsmauer aus. Während des Kriegs stand Sepphoris auf Seiten der Römer, wurde verschont, fürchtete sich aber vor der Rache der Zeloten. Früher einmal hatte sich die Stadt dem Widerstand angeschlossen und wurde vom römischen General Varus zerstört. Danach erlosch der Widerstand, die Bevölkerung kollaborierte mit den Römern. Von 61 Aufständen gegen die Besatzungsmacht gingen 60 von Galiläa aus.
Die Geschwister waren sehr bewegt auf den Spuren des Nazareners zu wandeln. Musste er nicht auch in Sepphoris gewesen sein? Aber seltsamerweise berichtete die römische Schriftrolle davon nichts. Jeshua und seine Brüder waren Bauhandwerker. Wo haben sie gearbeitet wenn nicht hier? Hier wurde viel gebaut. Unmöglich konnten sie in Nazaret ihr Auskommen finden. Ob sich jemand noch an die fünf Brüder erinnerte?
Sehr bald war eine Unterkunft gefunden, diesmal hatte sich Salome durchgefragt. Es war angeraten mit Geld vorsichtig umzugehen. Gab man zu viel, so geriet man in Verdacht reich zu sein und provozierte vielleicht einen Überfall. Viele Menschen hier waren bettelarm, man musste nur die vielen Tagelöhner sehen, die oft vergeblich nach Arbeit suchten und tagelang an den Straßenecken herumstanden. Salome hatte das meiste Geld in ihre Kleider eingenäht. Bewusst waren sie unauffällig, fast ärmlich gekleidet. Sie wusste, dass sie mit ihrem Auftreten, ihrer Erscheinung und Sprache, mit ihrer naturgegebenen Dominanz vorsichtig sein musste, wollte sie bei Männern nicht Verärgerung oder Schlimmeres hervorrufen. Aber sie war eine gute Menschenkennerin und sah sofort ob sie eine Frage oder ein Gespräch wagen konnte oder nicht. So fragte sie hin und wieder nach dem Wanderprediger aus Nazaret, der auch Bauhandwerker war. Die meisten schienen erstaunt, befremdet und schüttelten den Kopf. Aber zwei Männer wirkten verunsichert, verstockt, und man konnte an ihren Gesichtern ablesen, dass sie mehr wussten aber nichts sagen wollten. Die Geschwister gaben vor Verwandte zu suchen, die damals Jeshua gefolgt wären und deren Spur sich verloren hätte.
Nachdem sie in ihre Unterkunft, dem Gästehaus eines reichen Juden, zurückgekehrt waren, beschloss Lukas noch einmal zu den Bauhandwerkern zu gehen und sie zu befragen. Salome hoffte im Haus Gesprächsmöglichkeiten zu finden.
Oft wurde sie von Frauen wegen ihrer Körpergröße angestarrt und dies benutzte sie geschickt als Überrumpelungsmoment. So auch jetzt. Zwei recht junge Dinger standen kichernd und tuschelnd in gebührendem Abstand und hatten sie im Blick. Festen Schrittes ging Salome auf sie zu und bat sie um Auskunft, was die beiden zum Verstummen brachte. Eine Frau, die sich wie ein Mann benahm und auch wie ein Mann sprach! Salomes alte List führte meistens zum Erfolg, so auch hier. Natürlich ging es zuerst um ihre Größe und da hatte sie ein reichhaltiges Arsenal von kruden Erklärungen, die sie wechselweise einsetzte. Diesmal behauptete sie, dass ihr Vater Ägypter war und diese wären bekannterweise besonders große Menschen. Sie befriedigte die Neugierde der Mädchen indem sie frei erfundene und spannende Geschichten erzählte, alles im Brustton tiefster Überzeugung, so dass die beiden immer zugänglicher wurden. Irgendwie schaffte sie dann die Erzählkurve in Nazaret enden zu lassen. Was das für ein Ort sei? Die Gören brachen in schallendes Gelächter aus und prusteten los: das seien doch nur einige schmutzige Lehmhäuser mit tumben Bauern, das letzte Kaff in Galiläa. Wer will freiwillig nach Nazaret? Dahin gäbe es nicht einmal eine Straße, nur einen Trampelpfad. Was sie dort wolle? – Salome fabulierte von einem entfernt verwandten Onkel, der dort in Armut lebe und den sie auf der Reise nach Tiberias aufsuchen wollten. Ob es weit sei nach Nazaret? Wieder Gekicher und dann das Angebot auf das Flachdach zu steigen, von dort könne man das Drecksdorf sehen … Sie sagten wirklich Drecksdorf. Also stiegen die Drei hoch auf das Flachdach und tatsächlich war in einiger Entfernung ein jämmerliches Dorf an einer Hanglage zu sehen. Salomes Herz fiel wie in eine tiefe Schlucht. In der Schriftrolle stand, dass Jeshua von den Bewohnern und sogar von seiner Familie unfreundlich aufgenommen wurde. Man lehnte ihn ab, misstraute ihm, so steht geschrieben : Woher hat er das alles? Und: Sie nahmen Anstoß an ihm. Das also war Nazaret! Beklommen stieg Salome wieder hinunter, gab den Mädchen zwei Münzen und verschwand in ihrem Raum. Dort vertiefte sie sich ins Gebet und schreckte auf, als es an ihre Tür klopfte.
Lukas war wieder da. Sein Gesicht strahlte, er wirkte geradezu begeistert, seine Bedächtigkeit und sein Zögern waren völlig verschwunden. Ja, er hatte etwas erfahren können. Bei den Bauhandwerkern berichtete einer von seinem verstorbenen Vater, der oft von fünf Brüdern aus Nazaret erzählte. Sie hätten mit ihm gearbeitet und auch der alte, schon schwächliche Vater war dabei gewesen. Der konnte aber nur noch Handlangerdienste übernehmen. Alles tüchtige Männer, ja, aber der Älteste – den Namen hatte er vergessen – also dieser sei sehr merkwürdig gewesen. Der habe nach der Arbeit oft herumgesessen, fremde Leute beobachtet, mit ihnen das Gespräch gesucht, sogar mit Frauen! Und sich ihre Sorgen angehört. Und jedes Mal wenn er zur Baustelle kam, wartete eine Horde von Straßengören auf ihn. Denn er habe mit den Kindern gesprochen, sogar mit ihnen gescherzt und sie getröstet, in den Arm genommen. Manchmal habe er ihnen auch etwas Brot zugesteckt. Wildfremde Bälger! Davon etliche nicht ehelich gezeugt! Eine Schande! Oft legte er ihnen die Hände auf und segnete sie. Das Komischste aber: er selbst habe keine Kinder gehabt, sei ohne Frau gewesen und manche tuschelten, dass der Alte nicht der Vater dieser Menschen gewesen sei. Naja, was soll schon aus Nazaret kommen? Hungerleider mit unehrenhaften Familien. Andererseits habe dieser älteste Sohn so eine seltsame Art gehabt, dass niemand ihn verspottet habe. Er wäre irgendwie anders gewesen und man ging ihm aus dem Weg. Die anderen vier Brüder waren ganz normale Leute, die zum Erstgeborenen auch Abstand hielten.
Der Vater des Erzählers war schon lange tot, aber er konnte sich nicht darüber beruhigen wie sich dieser Mensch um Kinder kümmerte. UnnützeEsser, die den Arbeitenden das Brot wegnahmen … Namen konnte er keine mehr nennen.
Lukas schwieg, er war von seinem Bericht selbst ergriffen. Auch Salome war tief berührt, sie sprach aus was beide dachten: „Das war Jeshua, das war der Herr“. Morgen wollten sie in aller Frühe nach Nazaret aufbrechen.
Es stimmte was die Mädchen gesagt hatten: keine Straße, nur ein Trampelpfad führte zu dem unansehnlichen Dorf. Lukas hatte sich vorher genau erkundigt einen Weg zu finden, der nicht an den Kreuzen vorbeiführte. Gab es eine abgelegenere Gegend? Obwohl in unmittelbarer Nähe Sepphoris, eine blühende Stadt lag, und nicht weit von hier war die Via Maris, die uralte Handelsstraße, die seit altersher Ägypten mit Mesopotamien verband. Die Römer hatten sie befestigt und ausgebaut, sogar Wachstationen gab es. Trotzdem … Nazaret lag in einem toten Winkel.
Je näher die beiden Reisenden den armseligen Behausungen kamen, umso mehr mussten sie den Mädchen Recht geben: Das Dorf bot einen jämmerlichen Anblick. Ein Haufen schäbiger Lehmhütten, eng auf einem Bergabhang gebaut, keine öffentlichen Gebäude, nur eine Wasserstelle und auch keinen Markt. Gab es eine Synagoge? In der römischen Schriftrolle wurde davon berichtet. Auf den ersten Blick konnte man nichts feststellen. Schätzungsweise 200–300 Menschen lebten hier, große Familien mit vielen Kindern. Alte waren nur vereinzelt zu sehen. Wer wurde unter diesen Umständen auch alt? Das also war die Heimat des Herrn. Hier musste es noch Spuren von ihm, Augenzeugen und bestimmt auch Nachkommen geben. Aber es galt sich vorsichtig zu bewegen und nicht als Griechen sondern als Juden aufzutreten. Nur keinen Argwohn erwecken, arme Leute sind immer misstrauisch, vermuten in Fremden nichts Gutes … überlegte Salome. Sie wusste, dass es nun auf sie ankam denn sie sprach fließend Aramäisch. Von ihr würde es abhängen ob sich die Menschen öffneten.
Die Dorfstraße war steil und unübersichtlich, die Behausungen klebten wie kleine Schachteln am Berg. Hühner, etliche Hunde und Scharen von Kindern bevölkerten die Dorfstraße. Aus einem unscheinbaren Haus, das sich nur durch zwei große hölzerne Türen von den anderen Hütten unterschied, trat ein alter Mann mit einem umgelegten Gebetsschal.
„Das muss die Synagoge sein“, rief Salome aufgeregt dem Bruder zu, „lass uns hineingehen“. Natürlich waren die beiden Fremden bereits von einer Schar Kinder und Frauen umringt, die sie neugierig beobachteten. Lukas band die Esel an einem Pflock fest, dann öffneten sie die knarrende Holztüre und betraten einen sehr dunklen Raum. Etwas huschte über den festgestampften Lehmboden, ein Tier das aufgeschreckt worden war. Sehr langsam gewöhnten sich die Augen an das Dunkel. Dann sah man ein primitives, aus Stein gehauenes Lesepult, die Bema, dahinter mit einem verblassten blauen Tuch verhüllt den Toraschrein. Hölzerne Bänke liefen an den Wänden entlang, das war alles. Noch nie hatte Salome eine so erbärmliche Synagoge gesehen. Und hier also hatte Jeshua aus der Jesajaschriftrolle vorgelesen, Ärgernis erregt und er konnte keinen Glauben finden …
Nirgends ist ein Prophet ohne Ehren als in seiner Vaterstadt, bei seiner Verwandtschaft und im eigenen Hause …
So, so hatten sich die beiden diesen Ort nicht vorgestellt. Schweigend drehte sich Lukas um und ging hinaus. Konnte es sein, dass der Messias, der Erlöser und Gottes Sohn hier aufgewachsen war? Leichte Zweifel schlichen sich in die Herzen der beiden.
Salome fasste sich zuerst: Gott, betete sie … ewiger Gott unserer Väter, schicke uns einen Menschen, der uns weiterhilft, der uns leitet. Und es geschah.
Eine ältere Frau mit einem Wasserkrug war inmitten der Kinderhorde stehen geblieben. Ihr Blick traf die große Salome und dieser Blick war frei, offen, anteilnehmend. Da fasste Salome Mut und stellte sich und den Bruder als Juden aus Antiochia vor. Sie suchten die Nachkommen des Rabbi Jeshua, der hier geboren wurde. Seine Familie sei doch von hier? Ob sie weiterhelfen könne? Sofort erschienen Abwehr und Misstrauen auf dem Gesicht der Frau aber Salome hielt dem Blick stand und versuchte durch Freundlichkeit und Offenheit Vertrauen zu erwecken. Unauffällig steckte Lukas der Wasserträgerin eine Münze zu und sie brachte die beiden zu einem Haus, ziemlich in der Mitte des Dorfes gelegen. Es war umlagert von Kleinkindern und zwei junge, bereits abgearbeitete Frauen die ihre Säuglinge auf dem Rücken trugen, erwarteten sie neugierig. Zwei weitere Frauen mahlten Korn mit einer Getreidemühle. Männer waren nicht zu sehen. Vermutlich arbeiteten sie auf den Feldern oder als Bauhandwerker außerhalb. Natürlich erregten die Geschwister Aufsehen, besonders die große Salome, die auf dem Esel geradezu königlich wirkte. Beim Näherreiten umringten sie Scharen von Kindern mit großen Augen und bettelnden Händchen. Eine junge Frau stand vor dem Haus, zu welchem sie geführt wurden.
Wortlos verschwand die Frau mit dem Krug.
