Überfahrt - Christina Kupczak - E-Book

Überfahrt E-Book

Christina Kupczak

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Beschreibung

An einem Spätsommertag bringt die Fähre Tagestouristen auf Hallig Hooge. Aber mit den Besuchern sind auch andere, merkwürdige Gäste angekommen: Buntschatten. Unerkannt und unsichtbar wandern sie über das Eiland und finden sich schließlich in einer Gruppe von 12 zusammen. Wer sind sie? Warum kamen sie auf die Hallig? In drei Tagen und Nächten erfahren die Buntschatten warum sie hierher kommen mussten und wie ihre Reise weitergeht.

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Seitenzahl: 94

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Eine phantastische Erzählung aus Nordfriesland

mit Zeichnungen der Autorin

Gewidmet der einmaligen und geheimnisvollen Welt

der Halligen in der Nordsee1

1 Der Grabstein mit dem Boot der Toten befindet sich auf dem Friedhof von Hallig Hooge/Kirchwarft. Er ist ein Kunstwerk des Bildhauers Ulrich Lindow, Husum-Schobüll

Dank an Lutz Riehl

für Lektorat, Editierung sowie Rat und Tat

ÜBERFAHRT

Spiegelglatt, völlig ruhig schien die See – darüber ein strahlend festlicher Spätherbsthimmel auf dem sich riesige weiße Kumuluswolken bewegten.

Was war Meer? Was war Himmel? Der Himmel erschien wie ein hochgewölbtes irreales Meer mit seltsamen Wolkenschiffen. – Nur die Fähre wirkte real, geradezu alltäglich in dieser traumhaften Szenerie. Es war ruhig, fast still, obwohl viele Menschen auf dem Deck saßen und die Spätsommersonne genossen. Kaum jemand sprach, die meisten schauten fasziniert auf die See hinaus. – Der Blanke Hans, so wird die Nordsee von den Friesen genannt, zeigte sich von seiner freundlichen Seite. Ein merkwürdiger Begriff, eine Mischung aus Vertraulichkeit, Zärtlichkeit und auch Furcht. Der Blanke Hans kann sich ganz anders zeigen und im Laufe der langen Besiedlungsgeschichte der nordfriesischen Inseln hatte er immer wieder Häuser, Dörfer und ganze Landschaften zerstört. Unvergessen ist die große Mandränke von 1362 und die Sturmflut von 1634, als die Insel Strand zerrissen wurde und die heutige Halligwelt entstand. 1962 und 1976 gab es weitere Sturmfluten, die jedoch glimpflich abgingen. Die Menschen hatten gelernt mit dem Blanken Hans zu leben. Aber der Respekt blieb. – Nun aber ein Bild des Friedens. Keine Geräusche, kein Wellenschlag. Die Möwen waren zurückgeblieben, die Fähre glitt lautlos durch das Wasser.

Aus dem Wasser kommt das Leben, auch die Landtiere waren zunächst Amphibien, bis sich weitere Arten ausbildeten und die Erde eroberten. Das Wasser ist auch eine Metapher für das Unbewusste, Vorbewusste. In Träumen erleben wir oft dieses Element als befreiend oder auch schrecklich. Es ist merkwürdig wie sich Schwimmen und Fliegen ähnlich sind. Beide Male scheint man körperlos geworden zu sein, beide Elemente ähneln sich in den Farben, auch in der Wirkung auf den menschlichen Körper. Weit auf das Meer hinausschwimmen oder mit dem Gleitschirm hoch über der Erde zu fliegen sind Grenzerfahrungen, eine andere Dimension wird spürbar.

In Mythen und Märchen trennt das Wasser das Diesseits vom Jenseits. Die Griechen erzählten vom Styx, einem Fluss auf welchem die Toten in eine andere Welt gebracht werden. Im Er–Mythos von Platon müssen die Seelen am Fluss Lethe trinken bevor sie wieder auf die Welt kommen. Wer zu viel Wasser aus dem Lethefluss trinkt vergisst sein Vorleben, wer sich beherrscht und trotz großem Durst wenig trinkt, behält ein Ahnen von einem früheren Dasein. Im Wort lethargisch blitzt diese alte Vorstellung auf. Wasser beruhigt, trägt, erfrischt, heilt. Aber es ist auch das Gegenteil: der Schwimmer, der in einen Strudel gerät, das untergehende Schiff, Überschwemmungen und Sturmfluten töten Menschen. Menschen werden auf dem Wasser still, nachdenklich und ein seltsames Loslassen regt sich in vielen.

Die Halligwelt ist mit ihrem Ausgeliefertsein in den Sturmfluten der Nordsee ein Ort scheinbar zwischen Himmel und Erde. Geist und Seele werden weit, gelöst, merkwürdig getröstet in den wenigen Urlaubstagen, die ein Festlandbewohner hier erleben darf. – Zauberhaft der Anblick dieser winzigen Eilande mit ihren Warften, die wie auf einer Schnur aufgereiht erscheinen und scheinbar wie kleine Rasenstücke auf dem Wasser liegen. Die Flüchtigkeit und Zerbrechlichkeit unserer Erde und des eigenen Lebens werden so greifbar wie nirgends sonst. Vergänglichkeit und auch Schönheit wehen uns an. –

Für die Menschen, die dort geboren sind und ihre Leben auf den Halligen verbringen, sind dies romantische Gedanken - und doch: Viele haben sich das Bewusstsein für ihre außerordentliche Heimat bewahrt. Die Halligen wurden nicht vermarktet, es gibt keine Hotelburgen, kein Strandleben, keine Bars und keine Bespaßungsindustrie. So erfahren auch die Gäste diese merkwürdigen Eilande in ihrem ursprünglichen Zauber. Die Friesen, die seit 1000 Jahren hier leben und sich der Natur immer wieder so angepasst haben, dass es Existenzmöglichkeiten gab, sind ein weltoffener, freier und gastfreundlicher Menschenschlag. Man fühlt sich gleich willkommen, schnell ist man im Gespräch, bereitwillig wird erzählt und die neugierigen Fragen beantwortet. Lange Zeit haben die Männer auf den Halligen als Walfänger die Weltmeere befahren und die kleinen Heimatmuseen, Kirchen und Pesel künden von einer Zeit, wo kaum jemand so weit reisen konnte. Preziosen aus China und Japan, wundervolle holländische Kacheln und Exponate der religiösen Kunst überraschen die Besucher.

Da berühren sich Himmel und Erde… heißt es in einem Lied. Wer weiß? Wenn es Orte gibt, an denen dies möglich ist - dann sind es die Halligen.

Die ersten Möwen erreichten die Fähre. Auf dem Unterdeck wurde es unruhig, Menschen stiegen in Autos, suchten ihre Gepäckstücke, zwangen sich wieder zurück in die Gegenwart. Immer mehr Möwen umkreisten das Schiff, schrien ihr Willkommen den Reisenden entgegen. Ein hohes gelbes Tor kam ins Blickfeld: Willkommen auf Hallig Hooge war zu lesen. Viele Menschen warteten an der Anlegestelle auf die Fähre, Abreisende und Einheimische, die ihre Gäste abholen wollten. Dann ein kurzes Rucken und Scheppern als die Landungsbrücke ausgefahren wurde, viele Stimmen riefen durcheinander, eine freudige Ankunftsstimmung verbreitete sich. Gemächlich fuhren die Autos los, einige Baufahrzeuge folgten und die Menge der Urlauber betrat hoffnungsfroh dieses magische Fleckchen Erde. Die wunderbar salzige Seeluft, der ständig wehende Wind, die wärmende, aber nicht stechende Sonne… die Erwartungen der stadtmüden Reisenden wurden erfüllt. Da wartete auch der urige gelbe Pferdebus mit den stämmigen Kaltblütern auf die Fahrgäste.

Hier war alles anders – jedenfalls für die Touristen. Für die Einheimischen gab es wie überall einen Alltag, Pflichten und die Terminmühle, die ständig zu befolgen war. Trotzdem: Ist es nicht ein Privileg hier geboren zu sein, hier eine Heimat zu haben?

Nach und nach leerte sich die Anlegestelle, alle eilten zu ihrem Feriendomizil, die Fähre hatte schon wieder abgelegt und steuerte Langeneß an.

Und doch: da war doch etwas…oder war es die untergehende Sonne, die ein merkwürdiges Farbenspiel hervorbrachte? Da glitzerte und irisierte eine Wolke von kleinen Lichtern. Eine Wolke? Nein, die Umrisse eines Menschen wurden sichtbar, vermutlich ein Mann, recht groß, stattlich, ein mächtiger Kopf… Aber mehr war nicht zu erkennen, kein Gesicht, keine Kleidung, nur die Umrisse. Er bewegte sich etwas unsicher, tappte hin und her, blieb stehen, schien sich umzuschauen. Suchte er etwas? Dann senkte er den Kopf und bewegte sich auf das Ufer zu, langsam näherte er sich dem Alten Anleger. Es war merkwürdig, wie er durch eine Gruppe laut lachender Urlauber hindurchging. Keiner schien ihn zu bemerken und er schien sich um die anderen auch nicht zu kümmern, er ging einfach durch die Menschen hindurch. Der frische Wind am Ufer beeinträchtigte ihn nicht. Er lief bis zum Windstein, setzte sich auf eine Bank und schaute auf die See hinaus. So saß er lange Zeit unbewegt, teilnahmslos. Doch er war nicht der einzige Buntschatten – oder wie soll man die Erscheinung sonst nennen? Eine weitere kleinere Figur, ebenfalls schillernd und glänzend, in den Umrissen als Frau erkennbar, stieg von den Stufen des Alten Anlegers hoch, stutzte als sie den Ankömmling bemerkte und trat langsam auf ihn zu. Dieser schien überrascht, streckte den Arm aus, machte eine einladende Bewegung. Aber die zweite Erscheinung blieb stehen. Unterhielten sich die beiden? Ja, offensichtlich, aber Worte wurden nicht gewechselt, sehr merkwürdig. Es waren Gedanken, die ausgetauscht wurden, lautlos, sprachlos und doch klar zu verstehen.

Waren Sie auch auf der Fähre?, begann der Sitzende und die Antwort kam sofort:

Ja, natürlich und viele andere auch. Wo sind sie nur? Hektisch bewegte der Buntschatten seinen Kopf, schien zu suchen.

Da waren keine anderen!

Doch, sicher, da waren noch viele andere, aber jetzt habe ich sie verloren. Was soll das alles? Wo bin ich? Wer sind Sie? Was ist mit mir los? Eine lautlose Verzweiflung wurde spürbar.

Ach, machen Sie sich keine Gedanken. Es geschieht was geschieht. Die Möglichkeit zu handeln, zu entscheiden, haben wir nicht mehr. Das ist vorbei. Wir müssen uns fügen.

Fügen? Was soll das heißen? Ich will mein Leben zurück, meinen Alltag. Wo bin ich hier? Was ist das für ein Zustand? Mein Körper…, meine Stimme… Ich verlange Aufklärung! Was ist los mit uns?

Wir sind tot, meine Liebe. Das ist das Einzige, was ich momentan erkennen kann, und alles andere kann ich Ihnen auch nicht beantworten.

Tot? Sie sind verrückt! Das ist alles Blödsinn…sowas gibt es nicht.

Ich fürchte: das gibt es doch. Was soll sonst mit uns los sein? Wir lösen uns auf, verlieren unser Leben, das was wir waren. Schauen Sie mal das Liebespaar, das gerade auf uns zukommt. Die müssten uns doch sehen, die müssten doch erschrecken – vor uns komischen Figuren: keine Kleider, keine Körper, keine Gesichter. Und was machen sie?

Tatsächlich kamen auf dem Uferweg ein junger Mann und eine junge Frau in lebhafter Unterhaltung vorbei. Nun blieben sie stehen, umarmten sich, schauten auf die See hinaus, liefen eng umschlungen weiter.

Na, sagte der sitzende Buntschatten, die hätten uns doch sehen müssen? Aber sie haben nichts gesehen, sind einfach vorbeigegangen. Wir sind für die nicht mehr erkennbar, unsichtbar.

Ich protestiere! Der gedankliche Aufschrei war unhörbar, doch vernehmlich. Das glaube ich nicht, ich war eben noch zuhause, habe die Vorhänge aufgehängt, das habe ich auch den anderen erzählt, die mit auf der Fähre waren. Wo sind sie jetzt? Halloo… Die Figur hob die Hände ans Gesicht, schien zu rufen.

Beruhigen Sie sich, es dauert wohl eine Weile, bis man begriffen hat, dass man tot ist, ging wohl sehr schnell bei Ihnen? Bei mir übrigens auch.

Was heißt das? Ging schnell?

Na, bei mir war es ein Autounfall. Glatte Straße, Regen, Nebel, Scheinwerfer, die mich blendeten… daran erinnere ich mich noch. Dann war ich plötzlich auf der Fähre. Ich stand auf dem Unterdeck am Heck. Die ganze Überfahrt war ich verstört, hilflos, ungern sage ich es. Verzweifelt. Aber spätestens jetzt, wo ich erkenne, dass ich kein Einzelfall bin, jetzt ist mir eindeutig klar: Ich bin tot.

Der kleinere Buntschatten stieß ein unhörbares hysterisches Gelächter aus: Tot? Hören Sie auf mit dem Quatsch, das kann doch alles nicht wahr sein. Ja, vielleicht bin ich von der Leiter gefallen und bewusstlos, ich habe Phantasien.

Sie sind nicht bewusstlos, meine Gnädigste, Sie sind tot.

Ich muss zurück! Mein Mann, mein Sohn, was sollen sie ohne mich machen? Das Abendessen steht auf dem Herd. Herrjeh… hoffentlich brennt es nicht an.

Es ist schon angebrannt, aber es geht Sie nichts mehr an. Vorbei.

Vorbei? Die Gestalt sank in sich zusammen, suchte Halt an der Bank und setzte sich neben den großen Buntschatten. Ich habe Angst… flüsterten ihre Gedanken. Angst…das darf doch nicht sein, eben noch auf der Leiter und jetzt? Was tue ich hier? Warum hier?

Darauf habe ich auch keine Antwort. Jedenfalls scheinen wir noch auf der Erde zu sein, die Welt ist real: Nordsee, Inseln, diese seltsamen Halligen. Was unterscheidet eigentlich eine Hallig von einer Insel? Er fuhr fort, ohne eine Antwort zu erwarten: Aber warum hier? Ich lebte im Süden, hier war ich noch nie.

O Gott… o Gott… o Gott… was soll aus uns werden?

Ich glaube darüber entscheiden andere, wir jedenfalls nicht. Mir ist auch mulmig, können Sie mir glauben. Aber Sie haben von anderen erzählt. Wo sind sie?

Ich weiß es nicht, da war eine Gruppe auf dem Schiff, aber die haben alle nicht geredet. Ich habe sie angefleht, aber niemand wollte mir antworten.

Wundert Sie das? Wenn die so sind wie wir, dann wissen sie auch nicht mehr.