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Jan Tades sucht Gott. Oder sucht Gott Jan Tades? Ein junger Mann, 30 Jahre alt, aus atheistischer Familie, wohlhabend und gebildet, gerät ohne Absicht in die Spur Jesu. Die alten Menschheitsfragen brechen auf: Hat mein Leben einen Sinn? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Jan gerät in den Umkreis der von Insolvenz bedrohten Dreikönigsbuchhandlung. Er ist fasziniert von Menschen, die ganz einfach das Evangelium leben. Und dann ist da auch noch Judith, die ernste Studentin, in die er sich verliebt. Gott fügt im Unfug unserer Zeit... Nur ein frommer Wunsch?
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Seitenzahl: 347
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Für die Narren in Christo
Mein Dank gilt den Menschen meines Alltags, die mich zu dieser Geschichte inspiriert haben.
Dank an Dr. Lutz Riehl, der meine handschriftliche Fassung in eine lesbare Form brachte, die dialektalen Passagen korrigierte und neu fasste sowie für die Einrichtung des Buchdrucks. Besonderen Dank an ihn auch für die Gespräche über „Gott und die Welt“, ebenso an Dr. Kornelia Siedlaczek, die ein stets offenes theologisches Ohr hatte, und mich immer wieder ermunterte weiter zu schreiben.
Prolog
I.
Teil - Christkönig
II.
Teil - Advent
III.
Teil - Weihnachten
IV.
Teil - Epiphanie
Epilog
Am Morgen lag Zwielicht über der Stadt, eine diffuse Spätherbstsonne, die nur ab und zu im weichen Hochnebel sichtbar wurde. Manchmal nieselte es leicht, Wolkenbänder verhüllten die Bankentürme in ein weiches, trübes Szenario.
Die Stadt – kaum eine Großstadt im eigentlichen Sinn, doch merkwürdig anziehend für alle, die bereit sind sich auf Neues einzulassen ohne Tradition zu verachten – die Stadt liegt dicht gedrängt zwischen einem Mittelgebirge und dem Fluss. Diese Lage erzwang geradezu den Bau von Hochhaustürmen, denn in der Fläche gab es kaum Platz. Für die Skyline, die Ähnlichkeit mit amerikanischen Cities hat, ist die Stadt bekannt, jährlich wachsen neue Hochhäuser, die Kathedralen des Geldes, über den Wohnvierteln empor. Ein Heer von Beschäftigten, in Grau und Schwarz gekleidet, überschwemmt früh morgens und am Spätnachmittag die U-Bahn-Stationen. – Die Bankangestellten, ein Volk für sich in dieser merkwürdigen Uniformierung, diesen stereotypen Gesichtern und einer eingelernten Körpersprache. Fast wundert man sich, dass sie die Sprache des Landes sprechen. Sie fallen heraus aus der Buntheit des Völkergemischs, bleiben auf einem Areal, eilen in die Bürotürme, sind dominant, doch nicht wirklich da im Leben der Stadt.
Aber auch hier in dieser durchgestylten Welt gibt es Einsprengsel, die bizarr und am falschen Ort erscheinen. Ein Lokal im Stil der 50er Jahre, ohne Dekoration, ohne den ganzen Schnickschnack der sonst auf Gemütlichkeit getrimmten Kneipen. Wie nach einem Sprung in die Vergangenheit betritt man einen nüchternen Raum, sitzt an kahlen Tischen, bekommt ein einfaches und solides Mittagessen, ganz traditionell zubereitet, wie bei Muttern. Da hockt die anthrazitfarbige Masse, die Zahlenknechte beiderlei Geschlechts, und hat ihre virtuelle Welt mit der graumäusigen Nachkriegszeit vertauscht.
Eng ist alles in der Stadt, die Straßen und Geschäfte. Kurz sind die Wege, alles ist schnell zu erreichen, keine Stadt hat ein höheres Tempo. Bereits im Mittelalter baute man auf engstem Raum die größte Fachwerkstadt des Landes, welche im Bombenhagel des Weltkrieges in nur zwei Nächten abgefackelt wurde. Beim Wiederaufbau bevorzugte man autogerechte Schneisen, die rücksichtslos durch den Kern der 800jährigen Altstadt gelegt wurden. Inzwischen hat man diese Modernisierung mit breiten Schnellstraßen, Containerbauten und eintönigen Beton- und Glasfassaden bereut. Seit zwei Jahrzehnten ist ein zweiter Umbau im Gange, teilweise eine Rekonstruktion der zerstörten Fachwerkidylle, sowie im krassen Gegensatz dazu eine Hochhauslandschaft, die von den einen gelobt, von anderen gescholten wird. Nichtsdestotrotz, neben den supermodernen Wolkenkratzern entstand eine pittoresk gebaute Altstadt mit herausgeputzten Fachwerkhäusern und sauber angelegten, schnuckeligen Gässchen, welche der beschaulichen guten alten Zeit wieder einen Platz in der Gegenwart geben sollten.
Noch gibt es Neunzigjährige, die sich an die originale Altstadt vor dem Krieg erinnern. Mitnichten klingen aber die Schilderungen der Betagten schwärmerisch oder verklärend.
Nein, man spricht offen von verdreckten Gassen ohne Kanalisation, von schrecklich beengten Wohnverhältnissen in den dunklen Fachwerkhäusern, vom unerträglichen Gestank der Schirne, der offenen Fleischerläden rings um den Dom und den überall herumhuschenden Ratten. Unbeeindruckt von diesen Schilderungen waren jedoch die Enkel dieser Generation entschlossen, ein Stück romantisches Mittelalter wieder entstehen zu lassen. Natürlich nur die äußere Architekturhaut, in den Häusern sollten Hygiene, Komfort und moderne Wohnkultur herrschen. Typisch für die Stadt; man stritt darüber, lachte, ärgerte oder begeisterte sich und ließ es zu.
Widersprüchliche Welten nebeneinander sind hier Normalität. Der ankommende Reisende erlebt wie er, vom riesigen Hauptbahnhof stadteinwärts gehend, ein geradezu basarähnliches Viertel, durchsetzt mit Bordellen und Drogenhandel durchqueren muss, und bereits nach einer Viertelstunde übergangslos die glatte und sterile Bankenwelt erreicht hat.
Die verglasten, nüchtern wirkenden Städtischen Bühnen sind drei Minuten vom Orient entfernt. Das Völkergemisch lässt jeden Besucher regelrecht erstarren. Wo bin ich hier? Ist das noch eine deutsche Stadt? Es ist ein Geheimnis wie hier über 180 Nationen, Religionen und Weltanschauungen neben- und auch miteinander existieren. Mittendrin eine bodenständige und doch aufgeschlossene Bürgerschaft, die sich merkwürdig unbedroht fühlt. Seit Jahrhunderten hat die Stadt die Kraft zur Assimilation und Integration. Ja, sehr schnell wird der Fremde hier heimisch, übernimmt manche Traditionen ohne eigenes aufgeben zu müssen.
In der Kernstadt stößt man fast alle hundert Meter auf andern Orts unvereinbare Gegenwelten. Manche halten das nicht aus, ziehen weg, weil sie die Widersprüche und die ungeschminkte Wahrheit nicht ertragen können. Wer hier bleibt muss wahrhaft tolerant sein, muss die verschiedenen Lebensentwürfe auf engstem Raum akzeptieren können. Modernste Hochhäuser, protzige Gründerzeitbauten, seelenlose Containerwohnungen, Fachwerkidylle und gelungene, sowie misslungene Versuche einer neuen Architektur stehen einfach so nebeneinander. Dazwischen viel Grün, schöne große und kleine Parkanlagen, eine zauberhafte Uferlandschaft am Fluss und ein komplett erhaltener Anlagengürtel trennt die Kernstadt von den modernen Stadtteilen.
Die Besucher schwanken zwischen Kopfschütteln und lachender Begeisterung. Tagsüber ist diese kleinste Großstadt mit 1,2 Millionen Menschen überfüllt, nachts sinkt die Bevölkerungszahl auf 700 000 Einwohner. Man muss die Gegensätze lieben, die Wahrheit aushalten können, dann ist diese Stadt eine Heimat, die einem ganzen Leben Raum und Herberge geben kann.
Jenseits des Flusses, Dribbdebach, ist alles etwas abgemildert. Keine glitzernden Hochhäuser, keine herausgeputzten Fachwerkbauten, obwohl hier, in Gestalt eines unscheinbaren Häuschens, das älteste seiner Art im Lande steht. Keine weitflächigen Kaufhäuser, dafür mehr Schäbigkeit, verlotterter Prunk der Gründerzeit und ein sogenanntes Touristenviertel, welches die verbliebenen Altstadtreste regelrecht verhunzt hat. Bekannt ist die ehemalige Fischersiedlung durch ihre Apfelweinkneipen. Die Geschäftswelt ist kleinteilig, es gibt ein Minikaufhaus für den alltäglichen Bedarf, alternative Lädchen, ein kommunales Kino und zwei originelle Kirchen.
Die eine trotzt an der Flussfront dem mächtigen Domturm auf der gegenüberliegenden Seite. Es ist eine Epiphaniaskirche, die an Stelle einer abgerissenen Dreikönigskapelle gebaut wurde.
Man fragt sich, was in dieser amerikanisch geprägten, umtriebigen Stadt die Legende von den Heiligen Drei Königen zu suchen hat. Nun wird erzählt, dass bei der Überführung der Reliquien aus Mailand nach Köln 1162 Reinald von Dassel, der Erzbischof Kölns, hier am linken Ufer des Flusses Rast machen ließ. Seither blieb ein Hauch des Orients, ein bisschen Sternenglanz in der Stadt hängen. Ein hochberühmtes Dreikönigstympanon, eine Epiphaniaskirche und ein Dreikönigsbrunnen erinnern an diese Episode. - Die zweite Kirche schummelt: Die Fassade erhebt sich in süddeutschem Barock, angegliedert der riesige Verwaltungskomplex einer mittelalterlichen Ordensgemeinschaft. Betritt man die Kirche, so steht man unvermittelt in einer gotischen Halle mit angebauter Taufkapelle und einer etwas zusammengewürfelten Kunstlandschaft. Dies ist die einzige Kirche, die nicht im Besitz der Stadt ist.
Niemals war die Stadt, in der Mitte des alten Reichs gelegen, Bischofs-, Königs-, oder Landeshauptstadt, stets dominierte hier ein selbstbewusstes Bürgertum welches die innere und äußere Freiheit hochhielt. Mit Gleichmut und einer ausgeprägten Nüchternheit nahm und nimmt sie das Urteil der Menschen zur Kenntnis. Unabhängigkeit gilt ihr als höchste Tugend.
In dieser Stadt spielt die Geschichte von GAUDETE, das heißt:
„Freut Euch!“
Halloween, Allerheiligen, Allerseelen, St. Martin, Christkönig
Die Straßenbahn ruckte um die Ecke, zuckelte durch die dicht befahrene Brückentorstraße und bremste noch einmal kurz vor der Haltestelle. Ein schlanker, fast elegant aussehender Mann dessen Mantel geöffnet war und dem ein dunkelblauer Seidenschal unordentlich vom Hals hing, kommentierte mit schwerer Zunge: „Jetzt muss es ein Ende haben mit dem Geruckel! Ich will raus hier!“ Nur knapp verfehlte er die Haltestange, torkelte mit dem weichen Schritt des Betrunkenen auf die Straße und brach dort zusammen.
Es entstand ein kleiner Tumult, als die einsteigenden Fahrgäste kopfschüttelnd um ihn herum gingen. Ein etwas vierschrötig aussehender Mann packte den Zusammengestürzten ohne irgendein Einfühlungsvermögen an Genick und Mantel, schleppte ihn über die Bordsteinkante auf den
Bürgersteig, wobei er den herabfallenden Schal geschickt auffing, dem Torkelnden um den Hals warf und diesem mit seinen beiden Händen an einem Abfallkorb Halt gab. Er schlug ihm wortlos und leicht grinsend auf den Rücken, so dass der eher zierlich Gebaute fast wieder den Halt verlor, rückte seine Batschkappe zurecht, und verschwand in der Menge der Fußgänger.
Der Mann in vornehmen Kamelhaarmantel begann vor sich hin zu kichern, versuchte einen Schritt vom eisernen Korb wegzumachen, was ihn sofort wieder in ein gefährliches Schwanken versetzte, so dass er mit knapper Müh und Not Halt an der Stange des Straßenbahnschildes fand. Seine schwarzen, glatten, ziemlich langen Haare flogen dabei zurück und gaben ein fein geschnittenes, ausdrucksvolles Gesicht frei. Er unterließ einen weiteren Versuch sich frei zu bewegen und beide Hände umklammerten die Stange, während er die Augen schloss und murmelte: „Kein Wind ist demjenigen günstig, der nicht weiß, wohin er segeln will.“ So stand er einige Minuten, die Vorübergehenden lächelten, grinsten oder wandten sich gleich ab.
Ein Pulk von Menschen war gerade dabei, in die nächste Straßenbahn einzusteigen, als eine sehr hohe kräftige Stimme rief: „Ja, dat jibt et doch nit! Herr Lichtenbersch, wat machen Sie denn hier?“ Eine Frau mit einem Rucksack, die auf dem Weg zur Straßenbahn war, blieb stehen und näherte sich dem Betrunkenen. Nun blieben auch andere stehen denn die Frau trug Ordenskleidung, einen schwarzen Schleier, sehr helle Haare schauten darunter hervor und ihre Augen flackerten unruhig hin und her. Sie packte den Mann an der Stange resolut mit beiden Armen und näherte ihr Gesicht dem seinen. „Ja, Sie sin et wirklisch“, stellte sie kopfschüttelnd fest. Dann drehte sie sich zu den Fußgängern um, die unaufhörlich an dieser Szene vorbeidrängten, und rief mit ihrer leicht schrillen Stimme: „Hier is einer, der Hilfe braucht! – He, Sie da, junger Mann, packen Se mal mit an!“
Ihre sehr hellen Augen richteten sich auf einen großen, kräftigen, jungen Mann, der sie leicht erschrocken anblickte. Sein volles Gesicht hatte noch weiche Züge, und er deutete erschrocken auf sich: „Ich – meinen Sie mich?“
„Ja, wen denn sonst!“, kam die energische Antwort, „Se haben doch Muckis und können wohl noch besser zupacken als isch. Also los, Sie hier nach links! Isch weiß, wo der hinjehört!“
Tatsächlich folgte der junge Mann der Aufforderung der energischen Ordensfrau, die noch kurz ihren Rucksack zurechtrückte, den Schleier über die Schulter warf und dann mit festem Schritt losging. „Wohin?“, fragte der andere, der leicht verunsichert auf die seltsame Samariterin hinunterschaute.
„Na, immer jerade aus! Seh’n Se, jar nit weit, da vorne, die Buchhandlung. Da müssen wir ihn hinbringen!“
Die beiden schleppten den Betrunkenen mit schnellem Schritt durch die dicht bevölkerte Straße. Einige Kinder in Gruselkostümen und schaurigen Gesichtsmasken stellten sich den dreien in den Weg. Aber nicht lange, denn die couragierte Nonne rief: „Macht Platz, hier is ene Notfall!“ Doch die Kinder wollten nicht weichen, streckten die offenen Hände der kleinen Gruppe entgegen und riefen: „Süßes oder Saures!“
„Wat? Wat soll dat sein?“
„Halloween“, war die Antwort.
Die Ordensfrau war nun stehengeblieben, die unruhigen, farblosen Augen musterten die Kinder: „Un da könnt Ihr nit emal ene Spruch aufsajen?“
Die Kinder verstummten vor dieser merkwürdigen Autorität. Der Mann in der Mitte lallte: „Ich will in diesem Leben nur den Ruhm erwerben, dass ich es friedlich verbracht habe.“
Energisch ging die Ordensfrau auf die Kinder zu, die nun den Weg freimachten. Es waren nur noch wenige Meter bis zur Buchhandlung, dort sprang die Tür auf. Eine hell gekleidete Frau stand in der Öffnung, sie streckte die Arme nach dem Mann aus. Größere Gegensätze waren kaum denkbar.
Die Frau hatte etwas unendlich Weiches, Helles. Fülle und
Liebenswürdigkeit strömten von ihr aus, wenn auch das
Gesicht großen Kummer zeigte. Der Mann, in seiner feingliedrigen
Schärfe, ein eher mediterraner Typ mit dunklen
Augen, schaute nur kurz auf und lallte: „Mit den Ehen ist es
wie mit den Vogelbauern. Die Vögel, die nicht darin sind,
wollen mit aller Gewalt hinein und die, welche darin sind,
wieder heraus.“ Da packte der junge Mann den Betrunkenen
kurzerhand um die Hüfte und schleppte ihn die wenigen
Stufen hinauf. Die Nonne ließ los, hielt die Tür auf und
schloss diese behutsam hinter den beiden.
Die Türglocke schrillte und schreckte die wenigen Kunden auf. Betroffene Blicke richteten sich auf die Eintretenden, der junge Mann blieb mit seiner menschlichen Last ratlos stehen. „Hierher, hierher!“, deutete die Sanfte, und hinter einem Vorhang wurde eine steile Treppe sichtbar, „Können Sie meinen Mann nach oben bringen?“ Die sanfte Stimme hatte bayrische Färbung, ein leicht rollendes „r“, die Vokale schienen dunkler gefärbt, gaben den Worten mehr Tiefe und Substanz. Dieser hielt den inzwischen Zappelnden fest, nickte und zog ihn die Treppe hoch.
„Schwester Pauline, können Sie bitte solange hierbleiben, bis ich wieder zurück bin?“
„Aber selbstverständlisch!“, schmetterte diese, nahm ihren Rucksack ab und legte ihn neben einen altmodischen Schreibtisch. Dann wandte sie sich ganz ruhig, geradezu professionell an eine verstört um sich blickende, ältere Frau, die offensichtlich ihren Enkel dabei hatte: „Kann isch Ihnen helfen?“
„Also…, also, ich bin erschüttert!“, begann diese mit gespielter Empörung, „ich dachte, das hier wäre eine Fachbuchhandlung! Mein Enkel, er geht nächstes Jahr zur ersten heiligen Kommunion, und ich wollte ihm eine gute Kinderbibel kaufen. Also, jetzt bin ich ganz durcheinander, sowas!“
„Ja, wat ist denn daran so furschtbar?“, war die sehr schnelle Entgegnung, „Menschen machen Fehler, Menschen trinken mal zu viel, auch Buchhändler, auch Fachbuchhändler, liebe Frau! – So, du bist nun dat Kommunionkind?“ Sie beugte sich zu dem Jungen hinunter, der jetzt sein Smartphone nicht mehr anschaute, sondern gespannt zu der resoluten Ordensfrau aufblickte. Diese fuhr gleich fort: „Du musst disch nit wundern, dat meine Aujen so unruhisch sin. Isch hab nämlisch eine Behinderung, dat is nit so schlimm. Bei mir fehlt einfach die Farbe, keine Farbe in de Aujen, keine im Haar und keine in de Haut. Sehen tu isch auch nit so jut, aber et jeht schon. Und wie heißt du?“
„Mischa“, antwortete der Junge, „und Sie haben wirklich keine Farbe? Aber Ihre Haare sind doch ganz blond.“
„Ja, dat denkst du“, lachte Schwester Pauline und fasste ihre Haare an, „aber dat is nit blond, dat is farblos. Dat is so bei den Albinos. Albino bedeutet `weiß´, un dat sin Menschen, die so jeboren werden. Vor der Sonne, da muss isch misch in Acht nehmen, weil dat verträgt meine Haut nit.“
„Darf ich mal anfassen?“, fragte der Junge vorsichtig.
„Aber Mischa, das macht man doch nicht!“, warf seine Großmutter ein.
„Doch, doch“, bestätigte Pauline, „so isset Rescht, mein Jung. Immer schön frajen, höflisch und freundlisch, dann kriegt man allet erklärt.“
Mischa strich inzwischen mit seinen Fingern auf der weißen Hand der Ordensfrau hin und her. „Hm!“, machte er.
„Na, auch nit anders als bei dir“, lachte Pauline und setzte sich auf einen Sessel, „aber jetzt muss isch disch auch wat frajen: Für die Erstkommunion bist du schon ein bisschen jroß. Isch denke mal…, na, du bist so zwölf Jahre alt. Stimmt‘s?“ Pauline hatte ihren Daumen ausgestreckt und bewegte ihn hin und her, dabei schaute sie den Jungen prüfend an.
„Cool!“, platzte Mischa gleich los, „Also, das kannst du doch sehen. Ja, ich bin schon zwölf, und meine Oma will unbedingt, dass ich zur Erstkommunion gehe. Ich auch, da gibt’s nämlich viele Geschenke. Und weil ich nichts weiss, also, ich meine, über Jesus und so, und der Reliunterricht immer ausgefallen ist, deshalb hab ich Extraunterricht bei Herrn Sieblos, weil ich ein Heidenkind bin, sagt meine Oma.“
Frau Reichwein waren diese Ausführungen sichtlich peinlich. Sie versuchte sofort abzuschwächen, aber Schwester Pauline ließ sie gar nicht zu Wort kommen und gluckste: „So, ein Heidenkind bist du? Na, dat is nit so schlimm, der Lewe Jott macht da keine Unterschiede.“
Inzwischen waren zwei junge Frauen aus dem rückwärtigen Teil der Buchhandlung nach vorn gekommen und umstanden amüsiert die Szene. Nur Mischas Oma war immer noch verunsichert und wollte den Enkel mit verschiedenen Büchern ablenken, doch Mischa fand diese weiße Frau mit dem dunklen Schleier viel interessanter als alle buntbebilderten Bücher und digitales Spielzeug. Er näherte sich noch weiter der schwarzgekleideten Frau, die nun mit ihm auf Augenhöhe war.
„Siehst du mich gut?“, war seine nächste Frage, in der er unbewusst wieder ins kindliche „Du“ verfallen war. Die Zurechtweisung der Großmutter schnitt die Ordensfrau mit einer scharfen Gebärde ab. Dann beugte sie sich nach vorne und meinte: „Isch kann schon sehen, aber ziemlisch schlescht, sagt man. Aber wat jutes Sehen is, weiß ich jar nit, denn isch bin so jeboren. Für misch is dat Sehen normal. Also, wie soll isch dat erklären: Meine Aujen können ssich schlescht umstellen, zum Beispiel hier auf das Buch schauen und dann da hinten auf die Wand – dat fällt mir schwer. So ein Buch lesen, dat ist für misch Schwerarbeit, aber da hab isch zuhause meinen Computer, und da kann isch allet jroß einstellen, dann kann isch prima lesen.“
Sofort schnellte Mischas Interesse wieder in die Höhe: „Einen Computer? Du hast Zuhause einen Spezialcomputer? Oh, und da kannst du alles machen? Ins Internet gehen, in Facebook, scannen?“
„Ja, selbstverständlisch!“, war die fröhliche Antwort, „Weißt du, Technik is wat Tolles! Dat is für misch eine jroße Hilfe.“
„Aber Autofahren? Autofahren kannst du nicht, oder?“
„Nein“, schüttelte Schwester Pauline den Kopf, „Autofahren jeht nit, aber dat is nit schlimm. Weißt du, der Lewe Jott hat misch so jemacht, da is dat jute Sehen nit wichtig.“
Mischa platzte heraus: „Aber Gott ist doch gut und macht alles gut. Und warum bei dir nicht?“
Pauline lachte laut auf: „Ja, da hast du jut jefragt, dat frajen sisch viele Menschen. Also, für misch is dat so in Ordnung.
Manschmal kriegt man wat wegjenommen, damit man wat anderes macht.“
Mischa runzelte die Stirn, wollte weiterfragen, da kam die Buchhändlerin mit dem jungen Mann zurück. Sofort stürzte sich Mischas Oma auf sie, präsentierte ihr drei verschiedene Kinderbibeln. „Entschuldigen Sie, Frau Reichwein“, unterbrach sie diese nervös, „ich muss mich zuerst bei dem jungen Mann bedanken, er hat mir wirklich sehr geholfen“. Sie ging zur Kasse, kam kurz darauf mit einem zusammengefalteten Schein zurück, steckte ihn in ihre Tasche, packte die Hände des Mannes und sagte: „Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr…, ich weiß nicht einmal Ihren Namen.“
„Tades, Jan Tades“, antwortete dieser freundlich und drückte die Hände der Frau, „aber das war doch selbstverständlich.“
„Nein!“, sagte diese in sehr energischem Ton, den man ihr so nicht zugetraut hätte, „nein, das war es nicht!“ Dann griff sie in die Tasche ihrer weißen Wolljacke, zog den Schein heraus und wollte diesen dem Mann in die Hand drücken. Der trat einen Schritt zurück, hob beide Hände abwehrend und sagte sehr streng: „Nein, nein, das kommt nicht infrage!“
„Aber bitte, bitte“, meinte die Frau ganz verzagt, „Sie täten mir einen großen Gefallen.“ Hilflos schaute sie in die Runde und blieb bei den jungen Frauen hängen. „Herr Tades“, begann sie wieder, „ich muss die Buchhandlung heute früher schließen. Meinen Mann kann ich nicht allzu lange oben allein lassen. Bitte, tun Sie mir einen Gefallen und gehen Sie mit den beiden jungen Damen – sie gehören zu meiner Stammkundschaft – hinüber in die Brezel und trinken dort einen Apfelwein, essen eine Kleinigkeit. Bitte! Schwester Pauline wird mir noch helfen.“
Jans Augen hatten sich schon längere Zeit auf die beiden Freundinnen geheftet, er kam ins Schwanken. Besonders die eine, die Blonde mit dem ernsten Gesicht zog ihn an. Die andere wirkte leicht abweisend. Er gab sich einen Ruck und dachte: Einmalige Gelegenheit, mit der Blonden in Kontakt zu kommen. Da bräuchte ich Wochen, um unauffällig meine Netze auszuwerfen. Also gut, ich lass mich drauf ein.
Er nahm den Geldschein, verneigte sich leicht und meinte: „Gut, ich nehme den Schein, aber nur, wenn die beiden Damen die Einladung akzeptieren.“ Jan schaute forschend auf die Freundinnen, die sich gegenseitig anblickten, lächelten und gleichzeitig nickten. „Aber“, fuhr er zur Buchhändlerin gewandt fort, „Sie müssen mir erlauben, die nächsten Tage wieder bei Ihnen vorbeizuschauen und mich nach dem Befinden Ihres Mannes zu erkundigen. Und außerdem: die eigentliche Initiatorin“, er räusperte sich und fuhr unsicher fort, „war die Schwester hier.“ Er wies auf die sitzende Pauline, die schlagfertig antwortete: „Dat war doch nischts Besonderes. Isch kenne Herrn Lichtenbersch un habe die Gabe jenau dat zu sehen, wat isch eijentlisch nit sehen sollte. So sajen dat immer meine Mitschwestern. Junger Mann, ohne Sie hätt ich dat aber nit jeschafft. Nun jeh’n Se mal mit den netten Mädels zur Brezel. – Judith, wir seh’n uns bestimmt bald. Du hilfst doch wieder mit beim Martinszug?“ Die Blonde lächelte und nickte. Jan war fasziniert von der Veränderung in ihrem Gesicht, das plötzlich strahlte und völlig gelöst wirkte.
Auch die scharfe Falte zwischen den Augenbrauen war verschwunden.
Schwester Pauline winkte energisch und wies zur Tür, als diese sich öffnete und ein orientalisch aussehender Mann eintrat. Er eilte besorgt zur Buchhändlerin und erkundigte sich nach ihrem Mann.
Frau Reichwein zerrte den Enkel Mischa zu sich und kommentierte leicht beleidigt: „Mischa, hier stören wir nur! Ich glaube, ich muss mich nach einer anderen Fachbuchhandlung umsehen. Das hier ist doch kein Service!“
„Nein Oma“, rief der Kleine trotzig, „ich will hierbleiben, hier gefällt’s mir!“
Schwester Pauline lachte einfach los und beschwichtigte: „Junge, heute isset besser, wenn Ihr jetzt jeht, zu viel Durscheinander. Aber isch hoffe, dat du beim Martinszug dabei bist, da helfen wir alle mit, un deine Oma bringt disch sischer hierher. Nit wahr, Frau Reichwein?“
Diese reagierte geziert und unsicher, gab dann aber nach: „Na gut. Das ist ja auch was Praktisches und so stimmungsvoll. Gibt es auch einen Sankt Martin zu Pferd?“
„Natürlich!“, schloss Pauline das Gespräch ab, „und das mit der Kinderbibel, das können wir noch besprechen. – Hier Jung, haste meine Karte. Wenn de willst, treffen wir uns wieder. Musste nur anrufen.“ Schnell zog sie eine Visitenkarte aus dem Ordenskleid und reichte diese Mischa. Der war nun beruhigt, und unter den Versicherungen der Erwachsenen verließ er leicht widerstrebend die Buchhandlung.
Jan nutzte die Aufbruchsstimmung und wies zur Tür, während er die Freundinnen anschaute: „Geh’n wir auch?“ Dann verabschiedete er sich von Frau Lichtenberg und versicherte ihr nochmal seinen Besuch. Draußen atmete er durch, und um keine Zeit für Überlegungen abzugeben fragte er: „Wo ist die Brezel?“
Die kleine Apfelweinwirtschaft lag auf der anderen Straßenseite. Der Eingang mit dem traditionellen Fichtekränzi und Bembel war so unscheinbar, dass man ihn gerne übersah. Jan schritt voraus, die beiden Freundinnen folgten etwas unsicher.
*
Die Brezel war ein kleines, ja winziges Apfelweinlokal. Höchstens 25 Gäste konnten hier in der völlig mit Holz ausgekleideten Stube sitzen. Obwohl das Touristenviertel mit künstlich aufgepeppten Apfelweinschenken nicht weit war, verirrten sich hierher kaum Fremde. So saßen auch an diesem herbstlichen Spätnachmittag nur einige Schoppepetzer vor ihren gerippten Apfelweingläsern, zwei waren im Gespräch mit der Wirtin.
Ursula Köllner, die Gastwirtin, groß, blond und eine fast aristokratische Erscheinung, ließ keine Zweifel daran, wo ihre Wurzeln lagen. Ihre Mundart verriet, dass sie in dieser Stadt geboren, aufgewachsen und ihr ein Leben lang treu geblieben war. Berufung ist ein Wort, das man früher nur auf geistliche Berufe anwandte. Wer aber Ursula Köllner kennenlernte, merkte sofort, dass sie eine Berufung hatte, nämlich Gastwirtin. Die Brezel war ihre Heimat, Familie und Arbeitsfeld. Auf diesen 70 Quadratmetern gestaltete sie ihre Welt, schaffte Wohlbehagen, Ruhe und immerwährendes Verständnis für ihre Stammkundschaft, die zur Brezel wie zu einer Wallfahrtsstätte pilgerten. Das ständige Schließen, Renovieren und Wiedereröffnen von anderen kleinen Gaststätten und Geschäften rührte sie nicht – ihre Brezel stand wie ein Fels in der Brandung. Schon in dritter Generation wirkte Familie Köllner hier, und Ursula kam nach einem jugendlich ungestümen Ausflug – weg von den Fesseln der Familie, wie sie es damals nannte – reumütig zurück. Das war schon gut dreißig Jahre her, bedeutete in ihrer Lebensgeschichte aber einen Abgrund der Prüfung, von dem sie immer wieder gerne und ausführlich erzählte. Auch heute drehte sich das Gespräch um die Schrecken der Heimatlosigkeit und Unmenschlichkeit in der freien Wirtschaft.
Als die drei das Lokal betraten, war die Diskussion des Schreckens mal wieder auf einem Höhepunkt angelangt.
Irina, die Bedienung, schilderte geradezu in glühenden Farben ihre Tätigkeit als Köchin in einem Seniorenheim, wo sie angehalten wurde, die täglichen vier Mahlzeiten pro Kopf unter vier Euro zu berechnen. Vor einigen Jahren hatten sich die beiden Frauen zusammengetan und die Brezel wieder hochgebracht, die vom alten Köllner nur noch notdürftig bewirtschaftet worden war. Die Kundschaft war bodenständig und treu, und da die Frauen keinerlei Ehrgeiz hatten, das Lokal zu vergrößern, sich modischen Gerichten und ausgeklügelten, neuen Rezepten zu öffnen, konnte man sicher sein jederzeit in der Brezel eine treue Stammkundschaft anzutreffen. Insofern richteten sich alle Augen erstaunt auf die eintretenden jungen Leute, die in dieser Welt der 60er Jahre als unpassende Gäste erschienen.
Jan Tades blieb verblüfft stehen, musterte amüsiert die holzverkleideten Wände, den uralten Tresen, die Holzbänke und Stühle, die graublau gemusterten Bembel und den großen Korb mit frischen Brezeln, der in einer Ecke stand. Judith ließ den schweren Wintervorhang hinter sich zufallen und nickte der Wirtin freundlich zu.
„Ach Sie, Sie kenn isch doch!“, schoss Ursula Köllner gleich los, „Sie komme doch von der Buchhandlung, Sie helfe doch immer dere Frau Lischtenbersch. Aha, heut habbe Se Feierabend un Ihre Freunde mitgebracht. Des freut misch!“
Sie kam hinter dem Tresen hervor, begrüßte freundlich die jungen Gäste und wies auf einen gemütlichen Platz auf der Eckbank. Ein großer graugrüner Kachelofen stand dort, und Ursula Köllner klopfte geheimnisvoll auf die Kachel: „Nächst Woch, da is November, da werd der wiedder aangemacht. Des duht so gut, wenn da die Wärm rauskommt. Isch halt misch an die alt Wetterreschel: Sankt Martin zünd de Ofe aa. – Was derf isch eusch bringe?“
Sie legte drei Speisekarten auf den Tisch und schaute erwartungsvoll auf die jungen Leute. Bevor einer antworten konnte schlug sie schon vor: „Drei Gespritzte, odder en Pure?“ Die Speisekarte war ganz im Stil der Brezel-Atmosphäre: Handkäs mit Musik, Grüne Soße mit Eier oder Rindfleisch, Rippchen mit Sauerkraut, Kartoffelsuppe. Im Handumdrehen standen drei große Ebbelwoi auf dem Tisch. Jan erhob sein Geripptes, prostete den jungen Frauen zu und sagte: „Auf unsre Bekanntschaft!“
Die dritte im Bunde stellte sich als Verena Mann vor, sie beäugte das große Glas mit vielen kleinen Dellen. „Was bedeutet das?“, fragte sie kritisch und hielt es hoch. Bevor Jan oder Judith antworten konnten, erscholl es vom Tresen: „Jung Fraa, des is e rischdisch Ebbelwoiglas, un wenn die Leut früher feddische Finger vom Leiderscheesse gehabbt habbe, dann sinse am Glas net abgerutscht. Ach herrje! Sie wisse bestimmt net, was e Leidersche is. Also des is des Schulterblatt vom Schwein. Leiderscher wern gepökelt un aus de Hand gegesse.“ Sie hob wie zur Bekräftigung ihr Apfelweinglas und prostete den Gästen zu.
Jan lachte und schüttelte den Kopf vor Verwunderung: „Also, hier gefällt es mir!“ Und an Judith gewandt: „Sie sind also öfter hier?“
„Nein, nein“, wehrte diese ab, „eher selten. Aber ich wohne hier in der Gegend, und in der Dreikönigsbuchhandlung helfe ich immer mal aus. Herrn und Frau Lichtenberg kenne ich gut und habe ihnen viel zu verdanken. Herr Lichtenberg hat mich in die Literatur eingeführt, damals, als er noch nicht…“ Sie verstummte, wollte nicht weitersprechen.
Jan hakte ein: „Damals, als er noch nicht Alkoholiker war. Aber er trinkt keinen Apfelwein, er roch stark nach Rotwein.“
Judith nickte: „Ja leider, und er hat keine Einsicht über seine Sucht – die arme Frau“, schloss sie leise.
„Was redet er?“, bohrte Jan weiter, „er hat dreimal merkwürdige Bemerkungen gemacht. Aber es waren keine eigenen Sätze, es klang wie Aphorismen.“
„Montaigne, Michel de Montaigne“, erklärte Judith, „ er ist sozusagen sein Lebensphilosoph, sein großes Vorbild. Am liebsten würde er seine Tage auch so zurückgezogen verbringen, aber schließlich müssen die beiden auch von etwas leben. Und das ist die Buchhandlung, die kaum noch zu halten ist. Allein und mit der Last ihres Mannes schafft es Agnes Lichtenberg nicht mehr lange. Ich helfe ab und zu, aber das hält die Schließung nicht auf. Es wird ein unersetzlicher Verlust in dieser Stadt sein, dabei hatten wir alle so viel Hoffnung. Nachdem die Buchhandlung in der Innenstadt gekündigt wurde und hierher, fast ins Notquartier, umzog. Alles entwickelte sich so positiv, doch dann schlitterte Maurice immer mehr in den Alkohol hinein. Ich fürchte, dass Ende des Jahres alles aus ist.“
„Die Buchhandlung war früher in der Innenstadt? Wo?“ Jans Interesse war geweckt.
„Ganz in der Nähe der alten Wache, zwischen Dom und Unserer Lieben Frau.“, erklärte Judith eifrig, „dann wurde die Miete erhöht, und die Lichtenbergs konnten sie nicht mehr zahlen. Es sah damals schon nach endgültiger Schließung aus. Viele verloren den Arbeitsplatz, doch Agnes fand die Räume in der Brückentorstraße, und wenn auch verkleinert, schien es erst- mal weiterzugehen. Sicher hätte die Dreikönigsbuchhandlung auch eine Zukunft gehabt, denn viele aus der alten Kundschaft blieben treu, folgten nach. Nur hier gibt es philosophische und theologische Fachliteratur, und auch alles was zur religiösen Kindererziehung notwendig ist – vom Gesangbuch bis zur Kommunionkerze. Das ist nun bald aus, und die Leute werden im Internet bestellen müssen oder in die nächste Stadt fahren. Ja, sehr traurig. Aber, um ehrlich zu sein, wird das Ende nun schneller kommen, abwendbar ist es nicht. Maurice und Agnes sind Mitte Sechzig, allzu lange hätten sie das auch nicht mehr geschafft. Die Buchhandlung ist veraltet, wie es so schön heißt, dem Druck des Onlinehandels nicht mehr gewachsen. Neulich sagte Maurice: ´Es ist aus, da kann ich auch trinken.´
Mit Schwung servierte Irina zwei Handkäs mit Musik und eine Grüne Soße. Das Gespräch war unterbrochen, Jan aber wollte unbedingt am Thema anknüpfen und fuhr nach einer Essenspause fort: „Aber das verstehe ich nicht. Die Kirche müsste doch ein Interesse daran haben, dass es eine theologische Fachbuchhandlung im Zentrum der Stadt gibt.“
Judith lachte kurz auf und winkte ab: „Die Kirche, oder sagen wir mal, die Verantwortlichen, die so genannten Entscheidungsträger, sind vorwiegend mit dem Erhalt des status quo beschäftigt. Zwar gibt es dauernd neue pastorale Pläne, aber das ist nur ein Herumkurieren an den Symptomen, niemand führt den Schnitt aus, der schon seit hundert Jahren überfällig ist: die Abschaffung der Ständegesellschaft, und: die Rechnung stimmt nicht, das wurde ihnen von den Unternehmensberatern beigebracht. Deshalb lässt man eine Traditionsbuchhandlung einfach fallen. Ich weiß, wovon ich rede.
Der größte Störfaktor dieser Berufs-Christen sind die Bedürfnisse der Basis. Kinder und Jugendliche aus Patchworkfamilien, wohlstandsverwöhnte Menschen mit gescheiterten Lebensentwürfen, Entwurzelte an den Glauben heranführen – das ist doch lästig, unbequem und meistens erfolglos. `Die kommen nach dem Kommunionunterricht sowieso nicht mehr´, sagte neulich ein Pfarrer. Also, was soll’s, Schließen ist eben eine bequeme Alternative.“
Verena lachte kurz auf, Judith aber vertiefte die Problematik: „Zu lange wurden die Erkenntnisse der Wissenschaften, seien es historische oder naturwissenschaftliche Fakten, ignoriert. Glaubensaussagen müssten schon lange neu gefasst, neu erklärt werden, aber man hat die Zeit verpasst. Es geht inzwischen nicht nur um äußerliche Formen, Gleichstellung der Geschlechter, eine neue Struktur, die Zölibatsfrage, nein, die Krise hat das Innere des Glaubens erfasst: Was wollte Jesus von Nazareth? Was bedeutet seine Botschaft heute? Sind wir in unserer Tradition auf dem richtigen Weg?“
In Jan rumorte es. Plötzlich stand seine Arbeit als Unternehmensberater der Diözese vor ihm. Wann war das? Schon wieder drei Jahre her. Stimmt, damals hatte er auch nur den Kopf geschüttelt über diese merkwürdige Art der Selbstfesselung, wie er die Einstellungen vieler Kirchenfunktionäre nannte.
Hatte seine Beratungstätigkeit zu diesen Ergebnissen geführt? Schließung einer renommierten alten Buchhandlung? Jan beschlich ein ungutes Gefühl. Er hatte in dieser Zeit profitiert, materiell und ideell, seine Liebe zu kunstvollen Kirchen entdeckt, diese Räume, die wie außerhalb von Zeit und Raum erscheinen. Heute nutzte er jede Gelegenheit, in einer Kirche ruhig zu sitzen, aufzutanken. Aber was tankte er auf?
Plötzlich fiel ihm das Buch wieder ein, das Buch, das er am letzten Tag seiner Beratertätigkeit am Schriftenstand gekauft hatte:Die Evangelien in heutiger Sprache. Er hatte darin gelesen, eine Zeit lang ließ ihn das Buch nicht los, es war so ganz anders, als er vermutet hatte. Sehr klar, direkt, geradezu realistisch, wie für unsere Gegenwart geschrieben. Dieser Jesus war kein Wohlfühl-Guru, kein Allesversteher, nein, ein Fordernder, ein Mensch mit einer sehr harten und eindringlichen Sprache. Irgendwann hatte er das Buch wieder erschreckt weggelegt. Jesus, der Firmengründer, wie er ihn spöttisch nannte. Spott, ja Spott traf auch damals ihn. Seine Freundin Alex machte sich ständig über diese Lektüre lustig.
War sie es, die ihn davon abbrachte? Ernsthafte Gespräche waren mit Alex nur schwer möglich, und schon gar nicht über das Thema Glauben, Jesus, Kirche. Jan kam ins Grübeln.
Ich wollte so gern mit jemand darüber sprechen, erinnerte er sich, aber in meinem Freundeskreis war niemand. Versuchte er das Thema anzubringen, stieß er auf Häme, Unverständnis, Gelächter. Und gab es zwischen dem heutigen Weltkonzern Kirche und diesem exotischen Jesus überhaupt einen Zusammenhang? Kirche – eine bizarre, ja chaotische Organisation in seinen Augen.
Die Tür wurde heftig geöffnet, herein stürzten einige Jugendliche mit Masken und einem ausgehöhlten Kürbiskopf mit Fratzengesicht, den sie hoch über sich hielten. Sie gebärdeten sich wie Geister, schrien „Huhu!“, drehten einige Stühle um und näherten sich bedrohlich dem Tresen. Dort stand die Wirtin, hatte einen Besen gepackt, schwang diesen dramatisch über dem Kopf und schrie in einer Lautstärke, dass alle zusammenzuckten und wie erstarrt auf die Szene schauten: „Ihr Stromer! Wart nur, isch komm Eusch gleisch!
Ihr seid uff Krawall geberscht! Was? Halloween? Haut ab zu dene Amis, des brauche mir hier net un schon gar net schleschtes Benehme! Raus mit Eusch!“ Ihr furchtloses Auftreten, ihre Körpergröße und ihre erboste Stimme zeigten sofort Wirkung. Die selbsternannten Geister wagten sich nicht weiter vor, traten kleinlaut den Rückzug an, während Ursula Köllner den Besen geradezu wie einen Degen vor sich her bewegte. Die Tür fiel zu, die Wirtin stieß befriedigt den Besenstiel auf den Boden und verkündete: „Des fange mir hier garnet erst aa, so e dummes Gedöns ohne Inhalt!“ Und zu den Gästen gewandt: „Lasse Se sisch net störe, die komme net wieder.“ Allgemeines Gelächter und Zuprosten.
Die drei waren aus ihrer ursprünglichen Diskussion herausgerissen. Verena Mann sagte nach einer Pause: „Naja, man muss auch Neues akzeptieren. Also, ich finde den Halloween-Brauch und die Partys ganz nett. Mit Fastnacht kann ich nichts anfangen, aber Halloween hat was. Geht auch mal ausnahmsweise nicht auf ein kirchliches Fest zurück.“
„Stopp!“, unterbrach sie Judith, „da irrst du dich, meine Liebe. Halloween bedeutet ursprünglich All Hallows´ Eve und bezieht sich auf die Nacht vor Allerheiligen. Damit wurde die dunkle Jahreszeit begrüßt, so ähnlich wie die Walpurgisnacht vor dem 1. Mai den Winter verabschiedete.“
Verena lächelte etwas herablassend: „Naja, du kannst es nicht gelten lassen, dass es auch vorchristliche, keltische Traditionen gab, die ebenfalls der Toten gedachten. Das Christentum hat vielfach die alten Bräuche, Orte und Kulturen nur umgedeutet – leider. So wissen wir wenig über die Ursprünge.“
„Verena, deine Keltenbegeisterung in allen Ehren“, erwiderte Judith leicht scharf, „aber die Kelten waren längst verschwunden, als sich das Christentum im achten Jahrhundert durchsetzte. Diese Vorstellungen von einem Totenfest und Totengott Samhain sind wissenschaftlich nicht haltbar. Da wurde einiges zusammengestrickt, was es so gar nicht gab.“ Verena zuckte mit den Schultern, trank einen Schluck aus ihrem Glas und meinte dann: „Allerheiligen ist nun auch nicht gerade glaubwürdig. Ein Heiligenhimmel, bestehend aus 80 Prozent Männern, natürlich Klerikale. Und die paar Frauen, die es gibt, mussten mindestens Jungfrauen, Märtyrerinnen oder Nonnen sein. Für eine normale Frau gibt’s da keinen Platz. – Prost!“, schloss sie ironisch und hob ihr Glas.
Jan hatte interessiert den Schlagabtausch der Freundinnen verfolgt. „Woher kommt das Fest Allerheiligen?“, versuchte er die Schärfe aus der Unterhaltung zu nehmen.
Judith antwortete prompt: „Es ist ein sehr altes Fest, das sich auf die Umwidmung des römischen Pantheons, das allen heidnischen Göttern gewidmet war, bezieht. Man wollte so anstatt des heidnischen Götterhimmels der ersten Märtyrer gedenken. Das Pantheon als große Rundkirche war ja ein bekanntes Gebäude, das erst Jahrhunderte später übertroffen wurde. Also hat man es nicht wie die Tempel zerstört, sondern einfach umbenannt.“
„Eben!“, kommentierte Verena leicht spitz und schaute die Freundin provokant an.
„Lass gut sein!“, dämpfte diese ab, „wir sollten unseren Grabenkrieg unter vier Augen austragen, nicht vor Unbeteiligten.“
„Nein, nein“, wehrte Jan ab, „im Gegenteil, das interessiert mich sehr. Ich komme aus einer streng atheistischen Familie – schon in dritter Generation, wie mein Vater stolz sagt. Also, ich bin ein echter Heide und habe durchaus Aufklärungsbedarf. Wisst Ihr – übrigens, wir könnten uns doch duzen – also ich habe diesen Traditionsballast nicht, schau mir alles von außen und neugierig an. Und eines muss man zugeben: So richtig ist es den Ungläubigen bisher nicht gelungen, etwas wirklich Echtes, Eigenständiges neben den christlichen Festen einzuführen. Da bleiben alle Sport -, Altstadt-, Erdbeer-, Sommerfeste irgendwie leer und schal. Also wirft man sich auf das Umdeuten der christlichen Feste. Als Atheist finde ich das aber ziemlich armselig, muss ich bekennen, und auch kleingeistig, ja neidisch.“
Judiths Gesicht strahlte auf, und Jan war fasziniert von diesem inneren Leuchten. Das Blond ihrer Haare ist echt, dachte er, ein wahnsinnig goldenes Blond. Aber sie präsentiert sich nicht. Seine Gedanken wanderten zu seiner Kollegin Mira, die vom Typ her ähnlich war, aber wie eines dieser Retorten-Models daherkam.
„Ich glaub, ich muss jetzt geh’n.“ Verena war schon aufgestanden, wollte der Bedienung zuwinken.
„Nein, nein“, wehrte Jan ab, „das ist meine Sache. Schließlich muss ich den Schein von Frau Lichtenberg ausgeben.“
Verena nickte kurz, bedankte sich und meinte flüchtig zur Freundin: „Bis bald.“ Sie griff nach ihrem Mantel und verließ schnell das Lokal.
Jetzt bloß keinen Fehler machen, dachte Jan, nun muss ich alle meine Talente ausfahren, damit es hier eine Fortsetzung gibt. Judith schaute unruhig hin und her und meinte: „Ja, ich sollte mich auch auf den Weg machen. War jedenfalls interessant, Sie…, äh dich kennenzulernen.“
Jan spielte den Enttäuschten: „Also, jetzt fliehe nicht vor der atheistischen Unkenntnis. Du scheinst dich richtig auszukennen in den Untergründen der Kirche. Weißt du, ich war mal vor ein paar Jahren Unternehmensberater bei der Diözese, und seither komme ich vom Thema Christentum - nein, ich meine nicht Kirche, das ist für mich eine Firma – ich meine von der christlichen Lehre und diesen Kirchenräumen nicht los. Wenn das mein Vater wüsste“, lachte er plötzlich auf.
Judith hatte sich aufgerichtet, ihre Neugierde war geweckt: „Das interessiert mich, erzähl mal!“
Jan klopfte sich im Geist auf die Schulter, winkte Irina für zwei weitere Schoppen und legte in seiner ganzen sprachlichen Brillanz los. Es wurde dann doch noch ein längerer Abend.
*
Kälte und äußerste Sauberkeit strahlte die moderne Kapelle der Franziskanerinnen aus. Im riesigen Komplex der Seniorenwohnanlage, des Pflegeheims und des Klosters war die Kapelle von außen unsichtbar im Trakt zum Garten verborgen. Die Schwestern strömten aus verschiedenen Richtungen zur Frühmesse und füllten mit den Senioren, Angestellten und einigen Gästen aus der Nachbarschaft den nüchternen Raum.
Schwester Pauline versah den Sakristeidienst, konzentrierte sich mühsam auf die bevorstehende heilige Messe. Agnes Lichtenberg beherrschte ihr Denken – wie würde das alles enden? Der Niedergang der Dreikönigsbuchhandlung war nicht mehr aufzuhalten. Maurice Lichtenberg hatte den Überlebenskampf schon lange aufgegeben, suchte Vergessen im Alkohol. Alles hing an Agnes, die in dieser merkwürdigen Haltung des ergebenen und dienenden Menschen dem Ende tapfer entgegensah. Warum quälte sie sich seit Jahren mit dieser Arbeit und dem immer haltloser werdenden Mann?
Schon im letzten Jahr um diese Zeit wurde offen von Schließung gesprochen, doch Agnes Lichtenberg widerstand. Befragt, warum sie diese Arbeitslast weitertragen wolle, antwortete sie in ihrer sanftmütigen, festen Art: „Ich warte, warte auf jemanden. Ich weiß nicht, auf wen, aber ich warte.“ Paulines Pragmatismus, ihre nüchterne und kämpferische Weltsicht verstummten stets vor dieser stillen Wand des Widerstands. Weit entfernt von mystischen Versenkungen und Beschäftigungen mit ihrem Innenleben bewunderte sie diese so weiche und doch entschlossene Frau. Warten? Worauf warten? Auf ein Wunder? Wer sollte eine überlebte und in der Einrichtung veraltete Buchhandlung retten wollen? Maurice Lichtenberg, ein exzellenter Kenner der klassischen und modernen Theologie, hatte schon vor Jahren resigniert. Die Fachkundschaft wurde immer weniger, die interessierten und kenntnisreichen Theologen immer älter. Die Suche nach eingängiger, aufgehübschter theologischer Literatur, nach Leichtverdaulichem, wie Maurice spottend die Bedürfnisse vieler Kunden nannte, näherte sich immer mehr der Esoterik, einer Wohlfühl-Literatur, die auf alles eine unverbindliche Antwort wusste.
Warten, Advent, spann Pauline ihre Gedanken weiter. Und wie hatte ihr Gemeindepfarrer im heimatlichen Eifeldorf gerne gepredigt: Alles mündet in Weihnachten – die Ankunft Gottes in einem Kind.
Mechanisch zog sie die Sakristeiglocke, der Priester mit einem Ministranten schritt zum Altar. Pauline suchte ihren Platz in der vorderen Reihe, während der kleine Schwesternchor mit kräftigen und sehr reinen Stimmen das Eingangslied intonierte. Ja, der kleine Chor war der ganze Stolz der Oberin, mit Recht. Obwohl der Orden überaltert war – ein dummer Begriff, fand Pauline immer, als wäre Alter eine Art Krankheit – erstrahlten die Stimmen der Schwestern in makellosem Glanz und erstaunlicher Vitalität. Die jahrelange gute Schulung der Sängerinnen trotzte den fortschreitenden Jahren. Man könnte glauben, die Stimmen von jungen Frauen zu vernehmen. Pauline lachte innerlich: Wir bräuchten jedenfalls keine Unterweisung einer Barsängerin wie in Sister Act. Unser Gesang hat nichts von Piepsigkeit und Atemnot, wie viele Choralscholen in anderen Nonnenkonventen. Ach ja, aber auch das wird das Ende des Ordens nicht aufhalten, dachte sie traurig und doch auch gelassen, mit Mitte Fünfzig bin ich eine der Jüngsten.
Ihr unruhiger Blick richtete sich auf den Kruzifixus, der über dem Altar hing. Nur von dort kann Hilfe kommen, überlegte sie fast trotzig. Will Gott diese Form der Kirche noch? Eine Kirche, die sich vielfach beleidigt in ihre Mauern zurückge zogen hat, sich der Gegenwart verweigert, mit sich selbst beschäftigt ist. Sind nicht unaufhaltsam die Laien auf dem Vormarsch? Warum nicht? War Jesus Kleriker? Offensichtlich wurde er von den theologischen Autoritäten seiner Zeit nicht ernst genommen, immer wieder wurden ihm Fallen gestellt, er war den Gelehrten suspekt, bestenfalls ein Dorfrabbi. Das Christentum begann als Laienbewegung und scheint wieder zu den Laien, zum Volk, zurückzukehren.
