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Der heutige Hotzenwald - früher das Gebiet der Grafschaft Hauenstein unter vorderösterreichischer Regierung - war mit seiner demokratischen Selbstverwaltung und eigener Verfassung aus dem Mittelalter einzigartig im Land. Das Kloster St. Blasien versuchte jedoch mehr und mehr dem Volke abzuringen und so kam es zu Beginn des 18. Jahrhunderts zum ersten massiven Widerstand. Der Salpetersieder Johann Albiez aus Buch, der "Salpetererhans", begann 1719 gegen die vom Kloster verlangte Huldigung aufzubegehren und überzeugte viele Anhänger von seiner "guten Sache". Der erste Salpetereraufstand wurde 1728 militärisch zerschlagen und wird auch als "Huldigungsstreit" bezeichnet. Die Vorgänge des Huldigungsstreits wurden vom Klettgauer Autor Alexander Würtenberger im Jahre 1883 in einer spannenden Volksgeschichte zusammengeschrieben. Die Handlung beginnt 1725 mit den Treffen der Salpeter-Anhänger in der Haselbacher Mühle und endet 1730 mit der Verbannung und dem Tode des Müllers Martin Thoma. Seine Tochter Marie verliebt sich in den Junker von Ofteringen, der die Salpeterer - wie sie später genannt werden - von der Auseinandersetzung mit den Obrigkeiten abzubringen versucht. Marie befindet sich in einem Dilemma, da die Liebe zum Junker sie hindert, ihren Vater in seinem Vorhaben zu unterstützen. Die Liebesgeschichte der beiden begleitet die Handlungen des ersten Salpeteraufstandes und macht daraus einen kurzweiligen Roman. Zu den Orten der Geschehnisse wurden 25 Abbildungen eingefügt, die dem Leser eine Orientierung geben und als Zeitzeugen die Authentizität des geschichtlichen Teiles des Romans unterstreichen. Die Personen der Geschichte sind in einer Übersicht im Anhang zusammengestellt.
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Seitenzahl: 397
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Table of Contents
Impressum
Vorwort
Zur Region
Zum Autor
Vorbericht
1. Kapitel: Auf dem Weg zur Haselbacher Mühle
2. Kapitel: Die Brautwerbung
3. Kapitel: Das Attentat
4. Kapitel: Die Versammlung in der Mühle
5. Kapitel: Die Rivalen treffen aufeinander
6. Kapitel: Der Besuch bei der Klausnerin
7. Kapitel: Der rote Hahn auf der Witznauer Mühle
8. Kapitel: Der Salpeterhans wird verhaftet
9. Kapitel: Verhandlung vor dem Landrichter in Tiengen
10. Kapitel: Der Sturz vom Haselbach-Wasserfall
11. Kapitel: Die Explosion
12. Kapitel: Die zweite Verhaftung des Albiez
13. Kapitel: Albiez wird nach Waldshut abgeführt
14. Kapitel: Befreiung und Flucht
15. Kapitel: Die dritte Verhaftung
16. Kapitel: Befreiungspläne
17. Kapitel: Marie auf der Suche nach dem Junker
18. Kapitel: Von Wölfen verfolgt
19. Kapitel: Die Aufstände gehen ohne Albiez weiter
20. Kapitel: Die Niederlage
21. Kapitel: Maries List
22. Kapitel: Die Bande zieht ab
23. Kapitel: Die Soldaten retten den Junker vor der Bande
24. Kapitel: Das Urteil
Die Personen der Geschichte
Die Wahrheit
Auf Verbannung folgen Hinrichtungen
Abbildungsverzeichnis
Literatur- und Quellenverzeichnis
Salpeterer
Der Hotzenwaldroman
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-949122-02-6
Herausgeber: Norbert Lüttin
Gestaltung Cover: sensdesign GmbH, sensdesign.com
Lektorat: Irmgard Blatter-Kramhöller
© 2020 Norbert Lüttin
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
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Ich möchte als Einstieg mit zwei Zitaten bedeutender Politiker aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beginnen.
Zitat des Bundeskanzlers aus der Bundestagsrede vom 1. Juni 1995 zur Geschichte der Vertreibung, Plenarprotokoll 13/41 vom 01.06.1995:
Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten.
Christa Schyboll erläutert dieses Zitat (Schyboll):
Helmut Kohl weiß als studierter Historiker um die Zusammenhänge von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bestens Bescheid. Deshalb sind seine mahnenden Worte, die Vergangenheit besser kennenzulernen, auch unter dem Gesichtspunkt einer zu gestaltenden Zukunft zu sehen. Auch geschichtliche Ereignisse verlaufen oft zyklisch oder in Rhythmen. Das Antizyklische und das Spontane dabei in den rechten Zusammenhang der Ereignisse zu bringen, es richtig zu werten und zu überschauen, braucht die möglichst genaue Kenntnis der Historie. Unter diesem Blickwinkel lässt sich dann in der Gegenwart so manches anders verstehen und auch bewerten, weil sich neue Sichtweisen erschließen.
Man denke allein an die Frage der Zeitqualität einer bestimmten Epoche oder an die Frage der Werte, die in verschiedenen Zeitaltern jeweils anders beurteilt wurden. Auch die unterschiedlichen Geisteshaltungen in der Gesellschaft, die religiösen oder kulturellen Einflüsse beeinflussten den Lauf der Geschichte je nach Land und Lage enorm. Infolgedessen verhielten sich die Menschen dann eben auch unterschiedlich als ihre Ahnen. Was uns beispielsweise aus heutiger Sicht am Mittelalter alles an Gewalt und Unrecht entsetzte, war den Menschen jener Zeit aber völlig normal und geläufig – auch wenn Einzelne schon über die Sichtweisen ihres eigenen Zeitalters selbst hinweg gereift waren.
Umgekehrt werden auch unsere Auffassungen, Lebenshaltungen und Taten von wesentlich späteren Generationen unter einem anderen Blickwinkel betrachtet und bewertet werden. Je mehr fundierte Geschichtskenntnis vorhanden ist, umso eher die Gewähr, dass man in vielen Dingen urteilskompetenter wird.
Was aus der Zukunft wird, gestalten wir heute. Wir stehen dabei in einem Zeitenstrom stetiger Wandlungen, die wir möglichst hellwach im kritischen Blick zu behalten haben. Dazu gehört auch die Aufmerksamkeit auf die Details in der Gegenwart und den scharfen Blick für die Veränderungen, die Gutes oder Böses fürs Zukünftige im Keim schon in sich tragen können. Ein geschulter Blick für das Gesellschaftliche, das Historische, das Gewachsene und das Potenzial für die Zukunft ist bestes Rüstzeug, um aus der Gegenwart die Zukunft nach bestem Gewissen, Willen und Möglichkeiten zum Wohle aller zu formen.
Thomas Lehner hat dazu passend in (Lehner, 1987) Gustav Heinemann, der als Bundespräsident oft im Ferienhaus seines Freundes Helmut Gollwitzer auf dem Dachsberg Gast war, zitiert:
Kennzeichnend für unser mangelhaftes Geschichtsbewusstsein erscheint mir, dass auch Einwohner des Südschwarzwaldes so gut wie nicht von den Kämpfen der Salpeterer wissen, obwohl sie sich praktisch vor ihren Hoftüren abgespielt haben und in manchen Fällen die eigenen Ur-Ahnen daran beteiligt gewesen sind.
Ich hoffe, in diesem Sinne mit der Herausgabe dieses Buches und der Veröffentlichung dieser Geschichte einige Leser „aufgeweckt“ zu haben, sich intensiver mit der Historie ihrer Region und ihrer Vorfahren zu beschäftigen.
Der Begriff „Salpeterer“ ist heute noch gebräuchlich, allerdings oft in anderen Zusammenhängen als mit Aufständen. So findet sich in Görwihl eine Lokalität „Salpeterer-Keller“, in Birkingen ist eine Guggenmusik danach benannt. Für die Wiederöffnung der seit 2015 gesperrten Albtalstraße setzt sich eine Bürgerinitiative ein, die ebenfalls als Salpetererbewegung bezeichnet wird.
Aber was sind eigentlich Salpeterer? Dr. Rumpf hat folgende Antwort (Dr. Rumpf, Die Salpetererunruhen, 2014):
Die Salpeterer, das waren und sind noch heute - vor allem im Verständnis aller Bürgerinnen und Bürger, für die "Ruhe und Ordnung" die oberste bürgerliche Tugend ist" - anrüchige Leute. Revoluzzer eben, oder, wie es heute heißt, "Alternative". Tatsächlich gilt die Salpetererbewegung als der letzte Bauernkrieg in Deutschland. Darum gelten diese widerständigen Gruppen als ein Synonym für kritisches Denken und Aufbegehren gegen Machtmissbrauch.
Es sind Geschichten und Schauspiele über die Salpeterer geschrieben worden. In den Jahren 2004 und 2005 zum Beispiel wurde auf der Freilichtbühne am Klausenhof in Herrischried „Der Salpetererhans“ von dem Mundartdichter Markus Manfred Jung mit großem Erfolg aufgeführt. Im Sommer 2005 kam ein Spiel um den Salpetererhans auf der Freilichtbühne des Gasthauses Engel in Buch zur Uraufführung. Dieses, in mehreren Aufführungen stets ausverkaufte Schauspiel, das von der Dichterin Christa Kapfer aus Steinen im Wiesental geschrieben und von einer großen Zahl engagierter Bürger aus Buch gespielt wurde, trug viel zum Verständnis der Salpeterergeschichte in der Bevölkerung bei. Die Entstehung und der Inhalt der Aufführung ist in (Dr. Rumpf, Dichtungen Christa Kapfer, 2005) zusammengefasst. Auch 2006 wurde anlässlich der Waldshuter Chilbi in einem Heimatspiel der Salpeterer gedacht.
Mehr zu den Salpeterern ist im Internet von Dr. Joachim Rumpf zusammengestellt (Dr. Rumpf, Die Salpetererunruhen im Hotzenwald, 2006). Dort ist auch eine gute Übersicht über die verschiedenen Phasen der Salpeterer-Aufstände zu finden. Die vorliegende Geschichte findet in der ersten Phase (1725-1730) statt, nachdem Hans Fridolin Albiez aus Buch, der Salpetererhans (er wird in der Geschichte „Salpeterhans“ genannt), die alten Rechte der Hauensteiner einforderte. Einen ausreichenden Fundus an Informationen und Quellen finden Sie am Ende des Buches im Literaturverzeichnis, Zitate und Verweise auf Quellen im Text dieses Buches sind in runden Klammern.
Die Anhänger der Salpeterer werden als „Unruhige“ bezeichnet, sie nennen die Gegner ihrer Bewegung „Halunken“. In der Literatur wird oft zwischen den „Ruhigen“ und „Unruhigen“ unterschieden.
Die hier vorgestellte Geschichte trägt auch zum Verständnis der damaligen Aufstände bei. Es mangelt dabei weder an Spannung noch fehlt die Romantik, es ist also kein Geschichts- oder Lehrbuch, sodass der Leser kaum von der Geschichte ablässt, bevor er sie zu Ende gelesen hat. Der Autor nannte es „Eine Volksgeschichte“, ich sehe es als spannenden Roman, der sich in der damaligen Grafschaft Hauenstein, dem heutigen Hotzenwald, abspielt.
Abbildung 1: Salpetersiederei im Heimatmuseum Görwihl
Der Name „Salpeterer“ ist eine Kurzform von „Salpetersieder“. Er beschreibt einen Beruf, der mit der Einführung des Schwarzpulvers große militärische Bedeutung erlangte, weil Salpetersieder den zur Herstellung des Pulvers notwendigen Salpeter (den Saliter, genauer Kaliumnitrat bzw. das Ausgangsmaterial Kalksalpeter) sammelten und beschafften (Wikipedia, Salpetersieder). Er war häufig an den Wänden in Ställen zu finden, weil er sich dort aus dem im Boden vorhandenen Kalk und den stickstoffhaltigen Exkrementen und Urin der Tiere und Menschen bildete. Im Görwihler Heimatmuseum ist eine Salpetersiederei aus der damaligen Zeit ausgestellt.
Die Aufständischen wurden erst mit der Geschichtsschreibung zu Beginn des 19. Jahrhunderts „Salpeterer“ benannt. In der vorliegenden Geschichte wird der Aufstand stets „die gute Sache“ bezeichnet, wenn die Aufständischen ihre alten Rechte einfordern.
Es sind viele Personen beteiligt, die auch oft mit einem zusätzlichen Namen, einem Pseudonym, genannt werden. Ich habe im Anhang alle Personen in einer Tabelle zum Nachschlagen zusammengestellt.
Der Text stammt aus einer Zeit, bevor es verbindliche Regeln der deutschen Rechtschreibung gab. Es erfolgte eine moderate Anpassung an die geltenden Regeln der Rechtschreibung (Duden, 2020). Warum moderat? Viele Begriffe und Redewendungen aus der damaligen Zeit sind heute nicht mehr gebräuchlich. Alle zu ersetzen würde den Charakter der Geschichte zu sehr verändern. Die vielen Fußnoten werden dem Leser behilflich sein.
Ein herzlicher Dank gilt meiner Kollegin Irmgard Blatter-Kramhöller, die sich spontan für das Lektorat bereit erklärte. Sollte der Druck- oder Fehlerteufel irgendwo zugeschlagen haben, bin ich für Korrekturhinweise dankbar. Senden Sie dazu eine Mail an:
Rüßwihl, im Oktober 2020
Norbert Lüttin
Abbildung 2: Die Region des Geschehens
Aus: (Boll, 2006) und (Wikipedia, Grafschaft Hauenstein)
Der heutige Hotzenwald hat seinen Namen erst im 19. Jahrhundert erhalten. Viktor von Scheffel verwendete ihn 1864 erstmalig, wobei der Begriff „Hotzen“ (altalemannischer Ausdruck für Bauer, Wälder) sehr alt ist. Zuvor wurde die Region zwischen dem Wehra- und Schlüchttal als „Albgau“ nach dem Fluss Alb bezeichnet.
Der Hotzenwald hat eine sehr bewegte Geschichte, die auf die Grafschaft Hauenstein zurückführt. Im Jahre 1254 wurde die Grafschaft Hauenstein habsburgisch und wurde dann in acht Einungen aufgeteilt, vier Einungen ob und vier Einungen nied der Alb1. Die Region gehörte damit zu Vorderösterreich bis ins Jahr 1806, als sie nach dem Wiener Kongress dem Großherzogtum Baden zugewiesen und damit erstmalig deutsch wurde.
Dr. Rumpf beschreibt den Ablauf der Wahlen der Einungsmeister und des Redmanns ausführlich in seinem Buch zu den Salpetererunruhen im Hotzenwald auf Seite 42 (Dr. Rumpf, Die Salpetererunruhen im Hotzenwald, 2006):
Jede der acht Einungen wählte jedes Jahr ihren Einungsmeister am 23. April („Georgi-Tag“). Die Einungsmeister wählten dann Anfang Mai ihren Redmann in Görwihl, nachdem sie vom Waldvogt (Repräsentant der Habsburger Krone mit Sitz in Waldshut) vereidigt worden waren. Dabei waren auch die acht alten Einungsmeister anwesend, die Rechenschaft über das vergangene Jahr ablegten („Landsrechnung“).
Jeder verheiratete Mann durfte gewählt werden, gewählte Personen waren verpflichtet, ihr Amt anzunehmen. Im Amt wechselte die Person jedes Jahr, was ein rollierendes System darstellte.
In (Wikipedia, Grafschaft Hauenstein) findet man dazu:
Ziemlich einzigartig im absolutistischen Zeitalter waren die frühen demokratischen Strukturen der Hauensteinischen Selbstverwaltung, die auch als Einungswesen bezeichnet wird. Im Rahmen der hoheitlichen Vorgaben wurden die Aufteilung und das Eintreiben von Steuern eigenverantwortlich durchgeführt. Des Weiteren wurden die militärischen Dienste und Lasten die meiste Zeit eigenverantwortlich geregelt. Die Einungsmeister hatten in einigen Orten die niedere Gerichtsbarkeit eigenständig inne und saßen bei anderen Gerichten dem Verfahren bei. Die Einungen waren mit zwei Einungsmeistern bei den wöchentlichen Amtstagen im Waldvogteiamt präsent und hatten ein Vorschlagsrecht bei der Benennung der Vögte.
Dr. Josef Bader beschreibt die Einungsverfassung der Grafschaft Hauenstein, die heute auch Hotzenwald genannt wird, folgendermaßen (Dr. Bader, 1843-44):
Eine solche Verfassung konnte nur höchst wohltätig auf die Hauensteiner einwirken, und in der Tat brachte sie viel Ordnung, Wohlstand, Gewandtheit und Selbstgefühl unter das kleine Waldvolk, dass seine Nachbarn lange Zeit weit überstrahlte.
Es würde auch zufrieden und glücklich dabei gelebt haben, hätten nicht die St. Blasier, diese Jesuiten des Schwarzwaldes, das Gift des Zerwürfnisses und den Zunder des Bürgerkrieges unter sie geworfen.
1 ob der Alb: Östlich der Alb. Nied der Alb: Westlich der Alb.
Abbildung 3: Portrait Alexander Würtenberger (Gaston Mayer, 1963)
Die Zeitung „Alb-Bote“ aus Waldshut hatte seine erste Ausgabe am 1. Januar 1850 und war eine kostenlose Beilage zu den amtlichen Bekanntmachungen. Die Ausgabe war wöchentlich. Heinrich Zimmermann übernahm Redaktion und Verlag am 1. September 1860, ab 1861 war der „Alb-Bote“ eine eigenständige Zeitung (Wikipedia, Alb-Bote).
Ab 1874 erschien zusätzlich zum „Alb-Bote“ der „Waldshuter Erzähler“. Es war eine kostenlose Beilage, die zweimal wöchentlich herausgegeben wurde. Durch einen Zufall ist mir eine Ausgabe des „Waldshuter Erzählers“ aus dem Jahre 1883 in die Hände gefallen, die damit vor dem Altpapier gerettet wurde.
In diesem „Waldshuter Erzähler“ wurden Geschichten verschiedenster Art, Gedichte, Wissenswertes, Rezepte, Rätsel usw. veröffentlicht. Im Jahre 1883 wurde dann von Alexander Würtenberger eine Geschichte der Salpeterer über einen Zeitraum von vier Monaten herausgegeben, die in diesem Buch vorgestellt wird. In (Wikipedia, Alexander Würtenberger) ist seine Biografie dargestellt, hier ein Auszug:
Der Autor Alexander Würtenberger wurde am 19. September 1854 als Sohn einer Geologen-Familie in Dettighofen im östlichen Teil des Landkreises Waldshut geboren. Nach dem Besuch der Dorfschule in Dettighofen und in Wil lernte er den Beruf des Gärtners. Bereits mit 17 Jahren veröffentlichte er Gedichte in der lokalen Zeitung „Alb-Bote“, seine Militärdienstzeit von 1872 bis 1874 im 6. badischen Infanterieregiment 114 regte ihn zu manchem bissigen Spottgedicht an. Nach dem Militärdienst begab er sich auf Wanderschaft und wurde am 1. September 1881 Hofgärtner in Baden-Baden. Nebenbei sammelte er Sagen und veröffentlichte diese 1881. Bereits am 1. September 1892 war er gezwungen, seine hoffnungsvolle Stelle aufzugeben, um Zuhause im elterlichen Betrieb mitzuarbeiten. Rosenwildlinge bringen ihn auf den Gedanken, diese zu züchten und zu veredeln, dies baute er später zu einer Anbaufläche über zwei Hektare aus, doch nach 20 Jahren stellte er dies wieder ein. Es gelang ihm die Zucht einer seltenen schwarz-roten Rose.
Er war als Redakteur der 14-täglich in München erscheinenden illustrierten Gartenzeitung und des Gartenbaukalenders tätig, in denen er zahlreiche Artikel verfasste. Nebenbei beschäftigte er sich wie sein Vater mit geologischen und prähistorischen Studien. Daneben war er Sachverständiger für Altertumsfragen und Bezirksrat, sowie ehrenamtlicher Bezirkspfleger für Baudenkmäler im Amtsbezirk Waldshut, Vereinsvorsitzender des Landwirtschaftlichen Vereins Jestetten und der Bienenzüchter Erzingen. Am 11. Februar 1902 erhielt er das Verdienstkreuz des Zähringer Löwenordens.
Alexander Würtenberger war verheiratet und hatte drei Kinder, er starb am 5. Juli 1933 in Dettighofen.
Seine hier veröffentlichte Geschichte beginnt mit dem Vorbericht. Ich habe die Geschichte in ihren Worten weitgehend unverändert abgedruckt. Die Überführung in die aktuelle Rechtschreibung habe ich bei einigen Begriffen bewusst ausgelassen, um den alten Redestil zu erhalten.
Die von Würtenberger vorgegebene Einteilung der Kapitel habe ich mit Überschriften versehen, es lag lediglich eine Nummerierung vor. Damit findet sich der Leser in den Geschehnissen besser zurecht.
Weiterhin habe ich viele Begriffe und Redewendungen, die den meisten Lesern heutzutage nicht mehr geläufig sind, in Fußnoten erklärt oder erläutert. Dank Wikipedia und (Wortbedeutung.info) konnte ich hoffentlich die Geschichte in einigen Teilen verständlicher machen.
Da sich die Geschichte in meiner Heimat abspielt, war es einfach möglich, verschiedene Orte des Geschehens in Bildern abzulichten und den Text damit zu ergänzen.
Der geneigte Leser wird sich immer wieder die Frage stellen: „Ist das alles wirklich so geschehen?“ Die Antwort auf die Frage kann er sich selbst geben, wenn er die Fußnoten aufmerksam liest und die Abbildungen sieht. Im Kapitel „Anmerkungen“ im dritten Teil wird er mehr dazu erfahren.
Zur besseren Übersicht habe ich im dritten Teil des Buches eine Tabelle mit den Personen der Geschichte erstellt. Wenn Sie also beim Lesen der Geschichte Informationen zu einer Person nachlesen möchten, blättern Sie nach hinten. Ich konnte einiges dazu recherchieren.
Nördlich von den Waldstädten Säckingen und Waldshut, zwischen den Flüsschen Schwarza und Werrach1 liegt die alte Grafschaft Hauenstein. Die ersten Nachrichten über die Landschaft bezeichnen dieselbe als ein Besitztum der Habsburger, welche im Laufe des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts den Einwohnern verschiedene uralte Handfesten und Privilegien verbrieften.
Die politische Gestaltung des Ländchens war eine eigentümliche, freie, jedenfalls uralte, wie sie im ganzen südlichen Deutschland nirgends mehr zu finden war.
Die Grafschaft war eingeteilt in acht Einungen, vier ob und vier unter der Alb. Jede Einung wählte alljährlich am Georgitag2 unter freiem Himmel ihren Einungsmeister3. Die acht Einungsmeister ernannten aus ihrer Mitte den Redmann, welcher als erster Einungsmeister die Landschaft nach außen vertrat. Als eine Art Aufsichtsperson war dem Redmann das Redmanns-Gespann beigegeben, der gleich diesem die Schlüssel zum Bundesarchiv in Dogern besaß. Das Waldvogteiamt zu Waldshut nahm jedes Mal das neugewählte Collegium der Einungsmeister im Namen der österreichischen Regierung in Amt und Pflicht. Von den Einungsmeistern gewählt saß zu Waldshut der „Hauensteiner Statthalter“ (Bauernstatthalter), der gewöhnlich ein Bürger dieser Stadt war und welcher die Landschaft beim Waldvogteiamt zu vertreten und die dortigen Geschäfte zu besorgen hatte.
Im Laufe des Mittelalters kam der größte Teil des Landes an das Kloster St. Blasien und zu Anfang des 18. Jahrhunderts übte St. Blasien unter österreichischer Landeshoheit die meisten Herrenrechte in der Grafschaft aus. Macht und Rechte der Einungsmeister, also die freie Selbstverwaltung, war kaum noch ein Schatten gegen früher.
Abbildung 4: Die acht Einungen
Darstellung von Paul Eisenbeis 1996 (Hug, 2002)
Schon in früheren Jahrhunderten erhoben sich die Hauensteiner gegen ihre Herren und schlossen Schutzbündnisse zur Erhaltung ihrer wirklichen oder sagenhaften Freiheiten und Privilegien.
Erst im siebzehnten Jahrhundert, als der schreckliche dreißigjährige Krieg mit seinem ungeheuren Elend die Bevölkerung unseres oberrheinischen Landes fast ausrottete, erlahmte der Freisinn der Wälder.
Aber während der Kriegsdrangsale war auch manches Herrschaftsrecht von St. Blasien nicht ausgeübt worden und als nun zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts im Jahre 1719 der Abt Blasius III. die längst nicht mehr gehaltenen Dinggerichte wieder einführen wollte, widersetzen sich die Bauern und so entstanden die Aufstände der Salpeterer. Aus diesen Zeiten ist unsere Geschichte.
Abbildung 5: Fassadenbild am Greifen in Dogern
Das obere Wirtshaus in Dogern war der Greifen, das untere der Hirschen. Sie liegen nur wenige Schritte auseinander. Das Bild zeigt eine Versammlung der Einungsmeister in der Hauensteiner Tracht mit dem Waldvogt. Ganz links hält ein Einungsmeister die Haueinsteiner Fahne, in der Mitte sitzt ein Protokollant, vermutlich der Einungsschreiber. Der Text an der Fassade lautet:
„Hab ewiges Lob Erzfürstliche Mildigkeit von Deinen Gnaden, dass die Gerechtigkeit durch Waldvogt, Statthalter und 8 Mann allein regiert wird in der Grafschaft Hauenstein.“
1 Werrach: Heute wird der kleine Fluss „Wehra“ genannt.
2 Georgitag: Am 23.April ist der Gedenktag des Hl. Georg.
3 Anmerkung: Die Wahl fand in Görwihl vor dem Adler statt, wo sich heute ein Heimatmuseum mit vielen Exponaten aus der damaligen Zeit befindet.
Über dem Höchenschwander Berge lagen die grauen Herbstnebel, die um die riesigen Tannenwälder ihre Reifgebilde spannen. Der kurze, trübe Tag neigte sich seinem Ende entgegen, als dort ein junger Jäger vom Gebirge her durch die Wälder gegen die Tiefe vordrang. Er schien keine große Eile zu haben, denn, wie er durch den schmalen Waldweg langsam vorwärts ging, sah er bald zu den reifbehangenen Baumwipfeln hinauf, die zusammen das Dach eines ungeheuren Kristallpalastes, mit endlosen, seltsamen Verzierungen zu bilden schienen, bald betrachtete er die kleinen Bäumchen und Stäudlein, die das Unterholz bildeten und welche in ihren weißen Mänteln eine Menge abenteuerlicher Gestalten vorstellten. Wie er aber ob dem Dörflein Weilheim den Waldsaum und zugleich auch den Bergrücken erreicht hatte, blieb er eine gute Weile stehen, spähte durch den Nebel, als ob er sich über die zweckmäßigste Fortsetzung seines Weges besänne.
Den Berg herauf kam ihm jetzt ein anderer verspäteter Wanderer entgegen. Der Jäger fasste den Kommenden scharf ins Auge; über sein gutmütiges Gesicht glitt ein halb höhnisches, halb mitleidiges Lächeln, als er leise vor sich hin sprach: „Der Salpeterhans. — Was wohl den unruhigen Alten so spät noch auf den Wald treiben mag?“
Dieser war indessen näher gekommen und wollte mit flüchtigem Gruße vorbei.
„Guten Abend, Hans Fridolin, habt Ihr’s denn so eilig?“, rief ihm der Jäger zu.
Jetzt blieb der Alte stehen und warf aus seinen kleinen, tief in den Höhlen liegenden Augen dem Frager einen prüfenden Blick entgegen:
„So, Ihr seid’s Junker1!“, rief er dann, „noch spät in unserem Revier.“
„In Eurem Revier? — Sonderbar“, entgegnete der Jäger. „Ich meine, Ihr seid eher in meinem; oder, wem gehört denn die Jagdgerechtigkeit in diesen Wäldern, dem Junker Karl von Ofteringen oder dem Hans Fridolin Albiez, Salpetersieder von Buch?“
„Jagdgerechtigkeit," sprach der alte Mann geringschätzig, „als ob da noch eine Gerechtigkeit dabei wäre, wenn die Reichen uns armen Teufeln das Wild vor der Nase wegschießen, das von Gottes- und Rechtswegen uns gehört. — Aber lasst Euch warnen Junker“, setze er hinzu, „kommt nicht mehr ins Hauensteiner Revier auf die Jagd; es könnte Euch übel bekommen. Wir Bauern möchten jetzt unser altes Eigentum endlich einmal an uns nehmen und selbiges nimmer länger in anderer Leute Hände lassen.“
„Oho! Hans Fridolin,” rief der Junker verwundert, „so ist es also doch wahr, was ich neulich hörte und nicht glauben wollte: der Hauensteiner Rummel solle wieder angehen und Ihr wäret der Rädelsführer der sauberen Bande? — Alter Mann Ihr spielt ein gewagtes Spiel, was Euch leicht den Kopf kosten kann, und ich denke so grau er ist, wird er Euch doch nicht feil sein.“
Der Salpeterhans sandte dem Junker einen stehenden Blick zu, indem er erwiderte: „Ich denke mit Gottes Hilfe und der Gnade Seiner Majestät des Kaisers alles ohne böse Streitigkeiten abmachen zu können, da ja das klare bündige Recht auf unserer Seite liegt.“
„So, so! Steht denn wirklich Euer Recht so felsenfest, dass Ihr meint so sehr darauf gehen zu können?“, fragte der Junker ungläubig. „Wo habt Ihr denn jene märchenhafte Urkunde, den großen Revers des Grafen Hans, auf welchen Ihr alle Eure Ansprüche begründet? Nirgends als in Euren aufrührerischen Köpfen spukt sie, und Ihr wollt in freventlichem Übermut keiner Herrschaft mehr untertan sein. — Salpeterhans, Ihr würdet besser daran tun, wenn Ihr Eure rebellischen Reden ungesprochen ließet, denn sobald die Bauern dumme, gewalttätige Streiche machen, müsst Ihr dafür büßen, da man wohl weiß, dass ohne Eure schlimmen Aufreizungen niemand auf dem Walde daran denken würde, sich gegen die hergebrachte Ordnung aufzulehnen.“
„Junker“, entgegnete der alte Mann und sein stehender Blick glühte noch mehr, „mit Euch will ich keineswegs darüber streiten, ob unsere Ansprüche begründet sind oder nicht, Ihr seid noch viel zu jung, um in dieser Sache ein Urteil haben zu können, Ihr lagt noch in den Windeln, als der Einungsmeister Hans Gäng von Birndorf den großen Revers des Grafen Hans an den sanktblasianischen Klostervogt für tausend Gulden verkaufte, aber trotzdem liegen noch genug Urkunden im Archiv zu Dogern, die sonnenklar beweisen, dass das Hauensteiner Ländchen ehemals frei und selbstständig war und nur durch Gewalt und großes Unrecht vom Kloster St. Blasien und den österreichischen Waldvögten unterdrückt wurde.“
„Auf Eure Versicherungen hin, Salpeterhans, gebe ich mein Jagdrecht in diesen Waldgründen noch nicht auf; will mich aber jemand an der Ausübung desselben hindern, so werde ich mich gewiss zu verteidigen wissen. Ich denke vor diesem da“, er deutete auf sein Jagdgewehr, „fürchtet sich vorläufig auch der kühnste der Rebellen.“
„Ich habe schon gesagt, dass ich weder Zeit noch Lust habe, mich dieser Sache wegen noch länger mit Euch zu zanken“, sprach Albiez und wollte seinen Weg fortsetzen, aber Junker Karl hielt ihn wieder auf.
„Ist’s denn wahr, Hans Fridolin, dass Euch der Waldvogt aus dem Städtlein gestäubt hat und verbot, Waldshut je wieder zu betreten?“
Dem alten Manne juckte es bei diesen Worten in den Armen und er ballte seine starken Fäuste. Er machte eine rasche Bewegung gegen den Junker, trat aber schnell zurück, als derselbe nach seiner Jagdflinte griff.
„Ihr lügt, Junker von Ofteringen“, schrie er laut auf, „und wenn Ihr nicht der Sohn Eures Vaters wäret, wollte ich Euch für diese Beschimpfung eines aufmessen, dass Ihr wochenlang mit blauen Flecken herumlaufen könntet. Aber Euer seliger Vater war ein guter Mensch; er hat mich einst gehegt und gepflegt, wie ich halb nackt als armer Bettelbub mitten im Winter an seine Türe kam. Eine solche Wohltat vergisst der alte Salpeterhans nicht und wenn der Sohn des Guttäters dem leibhaftigen Satan an Bosheit gliche.“
„Ihr vergesst ganz, Hans Fridolin, dass ich eine geladene Flinte bei mir trage, die Euch vielleicht unschädlich gemacht hätte, ehe Ihr dazu gekommen wäret, mein Gesicht mit Euren Fäusten zu bearbeiten!“, antwortete der Junker.
„Lassen wir’s gut sein“, sagte der Salpeterhans ärgerlich. „Unser Streit da auf der Straße nützt ja doch nichts. — Lebt wohl, Junker von Ofteringen! Vergesst die Warnung eines alten Mannes nicht!“ — Damit wandte sich Albiez rasch dem Waldsaume zu.
„Meine Warnung könnte Euch nützlicher sein, als mir die Eurige!“, rief der Junker. „Ihr geht auf schlimmen Pfaden, Salpeterhans!“ — „Ihr wandelt ja auf den nämlichen, junger Herr!“, rief der Salpetersieder lachend zurück. „Wenn ich nicht irre, geht Ihr zur Haselbacher Mühle und ich komme eben auch von jenem Ort. Grüßt mir des Müllers Marie, sie ist ein gutes Kind und hält treu zu den Salpeterern.“
„Ei, was wisst denn Ihr wo ich hingehe, alter Wunderfitz2“, sagte der Junker halb ärgerlich.
„Nur nicht so schnell oben hinaus, Jünkerlein“, lachte der Salpeterhans, „meint Ihr denn, ich wisse etwa nicht, dass des Müllers Töchterlein das sanfte Reh ist, welches Euch zumeist in dieses Jagdrevier lockt? — Nun, meinetwegen! — Ich habe nichts dagegen, wenn Ihr das Mädchen zur Edelfrau machen wollt.“ Nach diesen Worten eilte der Alte rasch davon und verschwand bald in der dunkeln Waldesnacht.
Der Junker stand erstaunt eine gute Weile schweigsam da. „Der alte Spürhund“, murmelte er dann. „Oder sollte ihm Marie das Geheimnis verraten haben? Doch nein, das kann nicht sein, habe ich ihr doch selber versprechen müssen, keinem Menschen ein Wort von unserer Liebe zu sagen.“
Er sann dieser Sache vergeblich nach und setzte endlich seinen Weg fort. Bald hatte er das Dörflein Weilheim erreicht. Es war indessen vollständig Nacht geworden. Aus den kleinen Fenstern der Häuser blinkten die matten Lichter und da und dort konnte man in der niederen Stube die Familie um den runden Tisch versammelt sehen, friedlich ihr einfaches Mahl verzehrend.
Der Junker konnte sich beim Anblick dieses stillen, häuslichen Friedens trüber Gedanken nicht erwehren.
„O, ihr armen Verblendeten“, dachte er, „dem Hirngespinst eines schwärmerischen Toren wollt ihr euer Glück und euern Frieden opfern. — Vielleicht schon in wenigen Tagen sitzen fremde Soldaten an diesen Tischen, während der Vater oder Bruder verwundet auf dem Schlachtfelde ächzt, als wunde Leiche da liegt, oder auf dem traurigen Wege in’s Elend und in die Verbannung reuig dahingeht.“
Junker Karl glaubte eben nicht an den Sieg der Bauern; dass sich aber die verhetzten Köpfe von dem schwärmerischen Salpeterhans zu offenem, blutigem Widerstand gegen die herrschende Gewalt hinreißen ließen, stand außer Zweifel; hieß es doch allgemein, dass die Aufrührer bereits eine große Anzahl Waffen sich zu verschaffen gewusst hätten, welche an einem geheimen Ort im Walde versteckt lägen.
Es fehlte auch nicht an Drohungen gegen diejenigen Bewohner der Grafschaft, die nichts von Empörung wissen wollten, denn auch diese Partei war noch sehr groß und sie wurden von den Anhängern des Hans Fridolin Albiez „Halunken“ genannt, während diese sich nach ihrem Führer den Namen Salpeterer beilegten.
Karl von Ofteringen hatte indessen das Dörfchen schon ein gutes Stück hinter sich und bog jetzt in einen Seitenweg ein, der in ein ostwärts liegendes, waldiges Tälchen führte. Er war in diesem Wege aber noch keine hundert Schritte weit gekommen, als plötzlich eine vierschrötige3 Männergestalt vor ihm auftauchte.
Abbildung 6: Der Haselbachweg zwischen Weilheim und Indlekofen/Aispel
Ein sehr schöner Wanderweg, hier unweit des oberen Haselbach-Wasserfalls, den man über Aispel erreicht (Parkplatz ist ausgeschildert).
Der Junker erhob rasch seine Flinte und schwang deren Kolben über dem Kopf der Erscheinung, indem er mit lauter Stimme ausrief: „Wer bist du und was willst du?“
„So, du bist’s also doch, und es ist wahr, was ich erfahren!“, rief der Fremde und sprang rasch zur Seite. „Gott verdamm’ dich, junges Herrlein!“, fuhr er fort, indem er sich immer weiter entfernte, „wenn du meinen Schatz nicht in Ruh lässt, will ich dir den Meister zeigen4.“
Junker Karl stand noch ganz verblüfft mit erhobenem Gewehrkolben da, als die Tritte des sich Entfernenden kaum mehr hörbar waren.
„Die zweite Drohung an diesem Abend“, sprach er halblaut vor sich hin, „obwohl diese einen anderen Grund haben mag, als die erste. Ein Nebenbuhler um Mariens Gunst“, fuhr er fort. „Aber wer in Teufels Namen hat denn meine Liebe zu des Müllers Töchterlein überall bekannt gemacht? Nun, ohne das liebe Kind glaube ich einmal nicht mehr leben zu können und so gehe ich lieber gleich zu ihrem Vater und werbe in aller Form um Mariens Hand. Hat doch schon mancher Edelmann eine Bürgerliche zur Frau genommen und hat wohl daran getan. Der Müller wird ein paar Augen machen, wenn ich ihm sage, dass ich seine Tochter zur Frau von Ofteringen machen will. Es wird seinem Stolze gewaltig schmeicheln und er wird mit Freuden seine Einwilligung geben, denn Stolz und Ehrgeiz waren ja von jeher die Triebfedern seiner Handlungen.“
Während ihn solcherlei Gedanken beschäftigten, war er unvermerkt in die Nähe seines Zieles gekommen. Ganz aus der nächsten Umgebung tönte die Weise eines halblaut gesungenen Liedchens an sein Ohr:
„Ihr Räder in der Mühle,
Ihr pocht und klappert gar so sehr;
Steht einen Augenblick doch stille,
Ob ich den Liebsten kommen hör?“
„Das ist Mariens Stimme; sie kommt mir entgegen“, rief der Junker erfreut, und wenige Augenblicke nachher sah er eine weibliche Gestalt auf sich zukommen.
„Marie!“, rief er entzückt, und das junge Mädchen flog in seine Arme.
„Endlich kommst du wieder einmal“, rief die Ungestüme. „Glaubte bald du hättest, deinen Schatz vergessen. Karl, Karl! Sage, warum du mich so lange auf dich warten ließest?“
„Aber Marie, ich bin ja erst vor drei Tagen bei dir gewesen“, entgegnete der Jüngling. „Und dann“, setzte er hinzu, „hast du ja auch Gesellschaft, wenn ich nicht da bin. Soeben hat mir ein junger Mann gesagt, du wärest sein Liebchen.“
„Du willst mir wehe tun, Karl!“, rief das Mädchen eifrig. „Weißt du doch ganz genau, dass in Mariens Herz neben dir kein anderer Mann ein Plätzchen bekommt.“
„Gewiss, ich wäre auch nicht so fröhlich, wenn ich das nicht wüsste“, antwortete der Junker, „aber höre, was mir begegnet ist.“ Er erzählte dem Mädchen das Zusammentreffen mit dem fremden Burschen auf dem Weg und die drohenden Worte, die jener gesprochen.
Marie lauschte mit sichtbar wachsender Erregung seinen Worten.
„Wie?“, rief sie aus, als Karl mit seinem Berichte zu Ende war, „dieser Elende wagt es dir zu drohen? — O, fast möchte ich wünschen, du hättest ihm mit dem erhobenen Gewehrkolben einen Schlag versetzt, dass er zeitlebens nimmer aufgestanden wäre.“
„Hu, wie blutdürstig du bist“, sagte der Junker lachend.
„Ich bin weder blutdürstig noch grausam“, sprach die Müllerstochter ernst, „aber wenn ein Mensch kommt und will sich an dich, an mein liebstes, was ich im Himmel und auf Erden habe, heranwagen und droht dir auf Leben und Tod, siehe, den könnte ich kaltblütig sterben sehen.“
„Aber Marie“, unterbrach sie der Junker, „du sprichst ja, als ob wirklich für mein Leben zu fürchten wäre. — Ich hielt die Drohung mehr für den Scherz eines Bauernburschen der Gegend, der dich gerne sieht und mir mit solchen Worten einschüchtern möchte, dass ich nimmer zur Haselbacher Mühle käme.“
„Nein, nein!“, rief das Mädchen leidenschaftlich. „Du nimmst die Sache zu leicht; jener Mensch wird den Meuchelmord nicht scheuen, um dich aus dem Wege zu räumen.“
„Aber kennst du ihn denn, Marie?“, fragte der Junker.
„Er kann kein anderer sein, als der lange Peter“, antwortete die Müllerstochter. „Der hat heute um mich geworben und erhielt meines Vaters Zustimmung, doch nur unter der Bedingung, wenn ich damit einverstanden sei. Siegestrunken suchte er mich auf und fragte mich unter rohen Scherzen, ob ich seine Frau werden wolle. — Du kannst dir meine Antwort denken. — Ich sagte ihm, er solle sich erst ordentlichere Manieren angewöhnen, ehe er ein Weib nehmen wolle, überhaupt solle er aber ein für alle Mal mich in Ruhe lassen, da ich ihn gar nicht leiden könne.“
„Steckt dir die Edelfrau schon im Kopfe!“, hat er mir dann zugerufen. „Warte nur, ich will deinen lieben Junker mal über den Bengel springen lassen5. Ich gebe ihm eine Tracht von denen, die immer fertig sind, dass er für sein ganzes Leben genug hat. — Und gewiss“, setzte Marie hinzu, „der wilde Mensch ist im Stande, seine Drohungen auszuführen.“
„Woher ist denn der Bursche eigentlich?", fragte der Junker.
„Von Remetschwiel“, entgegnete das Mädchen. „Er besitzt einen großen Bauernhof, hat aber auch einen bösen Hochmut und ist überhaupt ein roher, jähzorniger, ränkevoller, böser Mensch, den ich fürchte wie ein Schwert.“
Während des Mädchens Rede hatte der Junker ein leises Geräusch gehört, das aus einem nahen Weidenbusch zu kommen schien.
„Es scheint mir fast, wir werden belauscht“, sagte er darum und schritt mit erhobenem Gewehr gegen das Gebüsch. Aber, sei es, dass er sich getäuscht hatte, oder dass der Horcher schon entflohen war, er konnte nichts Verdächtiges entdecken.
„Wir wollen zusammen etwas näher gegen die Mühle gehen“, flüsterte das Mädchen, „oder besser, ich gehe voraus und du folgst mir in meines Vaters Haus. Er wird es sich zur Ehre rechnen, wenn du ihn besuchst, auch wenn er nicht weiß, dass du seine Tochter liebst.“
„Höre, Marie“, sprach der Junker, „ich will heute noch bei ihm um deine Hand werben. Was meinst du, dass ich für eine Antwort bekomme?“
Das Mädchen blieb stehen und erfasste die beiden Hände ihres Geliebten. „Über die Antwort, die es geben wird, bin ich nicht im Zweifel“, sagte sie. „Aber es wird mir immer so bang um’s Herz, wenn ich daran denke, die heimatliche Mühle und das liebliche Haselbacher Tal verlassen zu müssen. Aber einmal muss es ja doch sein, und es ist vielleicht gut, wenn du dich der Zustimmung meines Vaters bald versicherst. — Vielleicht hören dann die zudringlichen Bewerbungen des mir so sehr verhassten langen Peters auf. — Und”, setzte sie nach einer kleinen Pause hinzu, „man weiß ja auch nicht, ob sich demnächst etwas ereignet, das dich mit deinem zukünftigen Schwiegervater entzweit.“
„Ich kann dich nur halb verstehen, Marie“, entgegnete der Junker. „Was fürchtest du in nächster Zeit für ein Ereignis, welches geeignet wäre, mich mit deinem Vater zu verfeinden? — Aber halt! Da fällt mir etwas ein“, setzte er schnell hinzu. „Heute begegnete mir ob dem Dörfchen Weilheim der alte Salpeterhans, der behauptete, von der Haselbacher Mühle zu kommen. — Ich will doch nicht hoffen, dass dein Vater etwa mit dem unruhigen Manne gemeinsame Sache macht. — Die Regierung missachtet das Treiben dieses gefährlichen Menschen, der nächstens den ganzen Wald in Aufruhr bringen wird. Man sollte ihn für seine Torheiten ein paar Jahre hinter Schloss und Riegel stecken.“
„Du urteilst sehr strenge, Karl“, rief das Mädchen, „es wäre ja doch möglich, dass die Hauensteiner nur ihr gutes Recht verlangten und die alten Privilegien, die sie einstens vom Grafen...….“
„Nicht weiter, meine liebe, kleine Aufständische“, unterbrach sie der Junker, „ich kenne das Märchen von dem großen Revers6 des Grafen Hans, aber ich möchte gerne Beweise dafür haben.“
„Nun, die Beweise wollen ja die Salpeterer, wie sich Hans Fridolins Anhänger nennen, mit dem Schwerte geben“, sagte das Mädchen.
„Du weißt nicht, was du sprichst“, erwiderte der Jüngling ernst, „du redest da von blutigem Aufstande und Krieg wie von deinen Kleidern oder von deines Vaters Müllerei, hast aber gewiss über den schrecklichen Zustand noch nie nachgedacht, in welchen bei einer blutigen Erhebung das Hauensteiner Ländchen notwendig kommen muss!“
„Was versteh ich davon“, sagte das Mädchen ausweichend, „sprechen wir lieber von etwas anderem.“
„Nein Kind“, rief der Junker, „zuerst möchte ich dich bitten, mir eine Frage zu beantworten, aber sei aufrichtig, wie es der Braut dem Bräutigam gegenüber geziemt: Ist dein Vater auf irgendeine Art im Bunde mit den Salpeterern und macht er mit dem alten Hans Fridolin Albiez gemeinsame Sache?“
„Karl“, sagte das Mädchen und dämpfte ihre Stimme rasch zum Flüstertone herab, denn wiederum war es, als ob jemand im nahen Gebüsch herum schliche, „wozu diesen furchtbaren Ernst bei Sachen, die dir doch so ferne liegen?“
„Glaubst du denn“, gegenredete der Junker, „es sei mir ganz gleichgültig, ob der Vater meiner anverlobten Braut gemeinsame Sache macht mit einer Bande von Aufrührern, die vielleicht nächstens zu Galgen und Rad verurteilt werden.“
„Du siehst gewiss zu schwarz“, sprach das Mädchen, konnte sich aber eines Schauers nicht erwehren. „Übrigens“, setzte sie hinzu, „darf ich Geheimnisse, in die ich vertrauensvoll eingeweiht wurde, nicht verraten, selbst dir nicht, Karl.“
„Selbst mir nicht“, rief dieser; „nun ich weiß eigentlich genug. Aus deinen Reden geht’s ja deutlich hervor, dass dein Vater sich mit Hans Fridolin Albiez verbündet hat. Der Grund, warum er das getan, ist leicht zu erraten, wenn man seinen Stolz, Hochmut und herrschsüchtig Wesen kennt.“
„Bedenke, dass du von meinem Vater sprichst“, unterbrach ihn das Mädchen und leiser Unwille klang aus ihrer Stimme.— Aber der Junker ließ sich nicht irre machen.
„Das weißt du so gut wie ich, dass er nicht durch Sorge und Not in die Scharen der Unzufriedenen getrieben wurde; er hat ja doch der irdischen Glücksgüter in Hülle und Fülle. Aber es schmeichelt ihm, von einem Haufen aufrührerischen Bauern vielleicht zum Anführer gewählt zu werden und dann dem Abt von St. Blasien und dem österreichischen Waldvogt trotzen zu können. Das sind die Beweggründe, die deinen Vater bestimmen, mit den Salpeterern zu gehen. Der schlaue Albiez kannte seine schwache Seite und wusste sie trefflich zu nützen.“
„Lass uns hierüber nicht urteilen“, sagte das Mädchen. „Es ist ja kein Mensch frei von Fehlern, und es geziemt einem guten Kinde nicht, diejenigen seines Vaters zu tadeln. Übrigens wollen wir jetzt hinein gehen; es friert mich nicht wenig.“
„Du meinst es nicht so aufrichtig mit mir, wie ich es verdiente“, sprach der Junker, „aber hoffentlich wird das ändern, sobald mich dein Vater als seinen zukünftigen Schwiegersohn anerkennt.“
Sie gingen langsam nach der Mühle.
Abbildung 7: Das Hauensteiner Wappen.
Es befindet sich in Rotzel am Eingang des alten Rathauses.
1 Junker: Von mittelhochdeutsch „Junger Herr“, „Jungherr“. Als Prädikat ursprünglich ein Mitglied des Adels ohne Ritterschlag, später auch allgemein die Söhne des Adels und junge Edelleute ohne sonstigen Titel sowie Großgrundbesitzer (Wikipedia, Junker).
2 Wunderfitz: Mit diesem Ausdruck bezeichnet man den Neugierigen oder Vorwitzigen.
3 Vierschrötiger Mann: Mann von breiter, kräftiger, gedrungener Gestalt und dabei derb-ungehobelt wirkend.
4 Den Meister zeigen: Redewendung für „zeigen, wer der Herr ist“.
5 über den Bengel springen lassen: Redewendung für: Eine Abreibung verpassen.
6 Revers. In diesem Zusammenhang bedeutet es: Verpflichtungserklärung.
Marie verschwand rasch im Hause und wenige Minuten nachher folgte ihr der Junker. Wie er eben die Türe aufmachen und in den Hausgang treten wollte, hörte er Tritte eines sich entfernenden Menschen; er glaubte durch den Nebel dieselbe hochaufgeschossene Gestalt zu erkennen, die ihm heute beim Dörfchen Weilheim begegnet war und ihm dort die Drohung zugerufen hatte. „Sollte mir der lange Peter bis hierher gefolgt sein und die Unterredung mit Marie belauscht haben?“ Dieser Gedanke stieg in ihm auf und eine plötzliche Besorgnis bemächtigte sich seiner. So schnell, als es die undurchdringliche Finsternis zuließ, eilte er im Hausgang vorwärts. Nach einigem Suchen hatte er tastend die Stiege gefunden und ging langsam, doch nicht ohne ein paar Mal zu stolpern, aufwärts. Es wunderte ihn, wie Marie so schnell hier heraufgekommen sei. Doch, wie er etwa die Hälfte der Stiege erklommen hatte, erschien oben ein Mann, der ein Licht in den Händen trug. Das von Mehlstaub völlig bedeckte Kleid verriet den Müller, während das behäbige fette Aussehen den wohlhabenden Bauersmann bekundete. Auf dem sonst gerade nicht unschönen Gesicht lag ein eigentümlich stark ausgeprägter Zug von Härte und Hochmut, der durch die brettmäßige Stirn noch erhöht wurde.
„Guten Abend Meister Thoma“, rief der Junker dem Müller zu, als er gesehen, wie ihn dieser eine gute Weile halb misstrauisch, halb furchtsam betrachtete.
„Ei, Ihr seid’s, Herr Junker“, rief der Müller jetzt, da er den Ankömmling erkannte. „Seid mir recht sehr willkommen, lieber Herr.“
„Ich danke Euch, Meister Martin Thoma“, sagte Junker Karl und klopfte dem Müller vertraulich auf die Schultern, so dass sich der dort gelagerte Mehlstaub zu einer kleinen Wolke erhob.
„Kommt, folgt mir in die Stube“, fuhr der Müller fort. „Marie wird ein paar Augen machen, wenn ich einen so vornehmen Gast bringe.“
„Ich hoffe auch Eurer Tochter willkommen zu sein“, sagte Karl.
„O gewiss, sehr willkommen“, erwiderte der Müller, indem er die Türe zur Wohnstube öffnete. „Marie“, rief er in das Zimmer hinein, „der Junker von Ofteringen schenkt uns die Ehre seines Besuches.“
„Wir sind schon bekannt, Eure Tochter und ich“, rief Karl. Er stellte seine Jagdflinte in eine Ecke und ging Marien entgegen, die auf ihn zukam, ihm die Hand entgegenstreckte und grüßte, als ob sie ihn heute zum ersten Mal sähe. Ein schelmischer Zug um die Mundwinkel und ein verräterisches Rot, das sich über ihr ganzes Gesicht ergoss, würde den Müller vom Gegenteil überzeugt haben, wenn er darauf geachtet hätte. Doch er sah dies nicht aus Freude über den Besuch des Junkers, den der hochmütige Mann als eine große Ehre betrachtete. Er führte den Gast unter vielen ungeschickten Verbeugungen an den großen runden Tisch in der Mitte der Stube, wo auch Marie bereits wieder Platz genommen hatte. Einige Knechte und Mägde entfernten sich auf einen Wink des Müllers.
„Unser Gast wird hungrig sein, denn allem Anscheine nach kommt er von der Jagd“, sagte Marie zu ihrem Vater mit einem lächelnden Seitenblick auf den Junker.
Meister Thoma wollte sogleich hinaus eilen, um den Mägden den Auftrag zu geben, eine Mahlzeit zu richten, und dabei weder die Speckseiten, noch den Schmalzkrug zu schonen, aber der Junker hielt ihn zurück.
„Ich nehme nur dann etwas an“, sagte er, „wenn Ihr mir das Versprechen gebt, mich mitsamt Eurer schönen Tochter recht bald einmal auf meinem Schlosse zu besuchen, damit es mir möglich ist, Euch Eure Mühe und Gastfreundschaft zu vergelten.“
Die brettmäßige, tiefgefurchte Stirn des Müllers schien bei diesen Worten des Junkers um einige Falten glatter zu werden; seine aufgeworfenen Lippen verzogen sich zu einem Lächeln größter Befriedigung. Dass der Junker seine Tochter schön nannte, freute ihn ungemein, dass er aber samt seinem Kinde den Edelmann besuchen sollte, das däuchte ihn geradezu ein Glück zu sein. Was werden die Leute sagen, wenn es heißt: der Müller am Haselbach hat den Junker von Ofteringen besucht, er ist sein guter Freund! — Er entgegnete darum dem Junker, dass er mit Freuden die nächste Gelegenheit ergreifen wolle, um ihn auf seinem Schloss im Wutachtale zu besuchen.
Marie hatte sich erhoben.
„Ich will dem Herrn selber etwas kochen, wenn er vorliebnimmt mit dem, was in einem einfachen Bauernhause vorrätig ist“, sagte sie und eilte behände an dem Vater vorbei in die Küche hinaus. —
„Ihr habt ein hübsches und gutes Kind da, Meister Thoma“, sprach Karl, als Marie verschwunden war. „Ihr werdet sie nicht gern verlieren, wie?“
„Verlieren!“, entgegnete der Müller ganz verblüfft, „wie könnt’ ich sie denn verlieren?“
„Nun, schaut nur nicht so ernst drein, Meister Martin. Eure Tochter ist ein erwachsenes Mädchen, das wohl tauglich ist, in den heiligen Ehestand zu treten. Ewig könnt Ihr sie ja doch nicht in der Mühle behalten. Es werden sich viele um das schöne Kind bewerben, zumal auch bekannt ist, dass der Vater einen ganzen Schrank voll hübscher Goldstücke hat.“
„Es geht so an“, antwortete der Müller, „gerade weil ich reich bin, kann nicht jeder Lump kommen und sagen: gib mir dein Kind. Doch sind auch schon Bauern gekommen, die keine Hungerleider waren, die Batzen im Beutel hatten, aber Marie behauptete immer fest, sie wolle noch nicht heiraten und die reichsten Burschen mussten leer abziehen. Ich glaube bald meine Tochter kann die Männer gar nicht leiden und will ledig sterben.“
„Mit dieser Behauptung seid Ihr jedenfalls im Irrtum, Meister. Man täuscht sich gar leicht in den Weibervölkern und taxiert sie selten richtig“, gegenredete der Junker. „Aber hört einmal Meister — würdet Ihr mich auch an Marie weisen, wenn ich bei Euch um ihre Hand anhielte?“
Der Müller sperrte vor Überraschung den großen Mund auf und glotzte Karl so stiermäßig an, dass dieser fast lachen musste.
„Ihr beliebt Spaß zu machen, Herr”, sagte er endlich, „und doch glaube ich, dass das Mädchen für Euch gar nicht so schlecht passen würde.“
„Das glaube ich auch“, entgegnete Karl von Ofteringen. „Meine Werbung ist auch völlig ernst gemeint; sagt mir nur unverblümten Bescheid, ob Ihr mir Euer Kind zum Weibe geben wollt.“
Der Ausdruck des Erstaunens auf des Müllers Gesicht hatte jetzt demjenigen unerwarteter Freude Platz gemacht. „Freilich sollt Ihr sie haben, und zwar verweise ich Euch nicht an sie, denn das dumme Ding wäre im Stande, Euch auszuschlagen, obwohl doch solche Hochzeiter nicht so häufig sind, wie die roten Hunde. — Ihr habt mein Wort und die Marie muss ja sagen und wenn sie allenfalls nicht will, so weiß ich schon Mittel, ihr den Kopf zu Recht zu setzen; dafür lasst nur mich sorgen.“
„Ich denke, es ist gar nicht notwendig, dass Ihr großen Zwang anwendet“, sprach der Junker und ein viel sagendes Lächeln glitt über seine jugendlichen, schönen Züge.
„Das glaub’ ich auch“, rief der Müller, „denn wenn man Euch so ansieht, so muss man schon sagen, dass Ihr ein so schöner Mann seid, wie sie nicht in jedem Dornhaag wachsen1. Ein Mädchen müsste ja ein töricht Ding sein, das nicht mit Freuden Euer Weib würde, besonders wenn eine obendrein noch gnädige Frau werden kann und unter den Adel gezählt wird. — Aber halt, da, Herr, wir wollen gleich alles in Ordnung machen.“ —
„Ohne Marie vorher zu fragen?“, unterbrach der Junker.
„Was braucht man die viel zu fragen?“, fuhr der Müller fort. „Sie muss Euch nehmen und damit basta. Aber was wollt ich sagen? Richtig wegen der Mitgift! Ihr werdet einen recht großen Beutel voll brauchen, Herr, denn bei den Edelleuten ist das Geldränzchen oft verflucht schmal!“
„Schweigt, Meister Thoma, Ihr wisst nicht, wie sehr Ihr mir durch solche Reden beleidigt! Ich habe um Marie geworben, weil ich sie liebe, nicht Eures schnöden Geldes wegen!“
„Ja ja, ich verstehe schon“, fuhr der Müller fort, „aber es ist Euch doch lieb, wenn Eure Braut auch etwas Rechtes in’s Haus bringt. — Nun, da seid Ihr vor die rechte Schmiede gekommen, denn mir fehlt’s gottlob nicht an gelben Vögeln2! An Euerm Hochzeitstag zahle ich Euch zwanzigtausend Gulden an gutem barem Gelde aus.“
Als ihm aber der Junker einen wilden Blick zuwarf und zornig die Augenbrauen in die Höhe zog, schwieg endlich der Müller einen Augenblick, doch fing er bald wieder davon an, was er seinem Kinde mitzugeben im Stande sei und was sie ferner noch bekomme; denn diese Gelegenheit von seinem Reichtume zu prahlen schien ihm zu günstig, um sie ungenutzt vorbeigehen zu lassen. Da der Junker die Nutzlosigkeit seiner Abwehr einsehend ruhig zuhörte, schwieg der Müller erst, als man von der Küche her Mariens Stimme hörte und sie bald darauf mit einigen dampfenden Schüsseln in die Stube trat.
Sie hatte diese kaum auf den Tisch gestellt, so ging der Junker auf sie zu und ergriff ihre Hand, indem er sprach: „Soeben habe ich bei deinem Vater um dich geworben; er gab seine Einwilligung und nun möchte ich dich fragen, ob du meine Frau werden wollest.“
Meister Thoma war hinzu getreten und wollte jede etwaige Einwendung widerlegen und jede Einwendung unmöglich machen.
Aber wie groß war sein Erstaunen, als er sah, wie sein Kind die weißen Arme um den Edelmann schlang und zwei herzhafte Küsse auf seinen Mund drückte.
„Wahrhaftig Junker“, rief er, „Ihr versteht das Freien! Das geht ja so geschwind wie’s Hosenwaschen. Aber ich hab’s ja schon im Voraus gesagt, ein Mädchen müsste ein Esel sein, das Euch nicht gern zum Manne hätte.“
Marie zog ihr glühendes Gesicht von des Junkers Brust ab, sprang auf ihren Vater zu, und ehe er sich versah, küsste sie ihn auf beide Backen.
„Ei das Teufelskind ist ja heute auf’s Küssen ganz versessen. Wo sie es nur so gelernt hat?“, sagte der Müller lachend.
Eine Magd kam jetzt herein und deckte den Tisch. Der Junker setzte sich neben seine schöne Braut, während Meister Thoma ihnen gegenüber Platz nahm.
Er füllte die Gläser und stieß erst mit seinem zukünftigen Eidam3 und dann mit seiner Tochter an.
„Bei Gott!“, rief er, „das ist mir ein Ehrentag und ich wollte nur, dass ihn meine selige Frau noch erlebt hätte.“ Er trank in hastigen Zügen.
