Salziger Wind - Johannes Heggland - E-Book

Salziger Wind E-Book

Johannes Heggland

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Beschreibung

Auf ungeklärte Weise ist Magnus ums Leben gekommen, und Karen muss sich allein zurechtfinden. Die Kinder wachsen heran und gehen ihre Wege. Doch das Gerede über die Frage, wie Magnus zu Tode kam, will nicht verstummen. Als sein Sohn Markus schließlich unter dem Verdacht, den Vater ermordet zu haben, ins Gefängnis kommt, benötigt er den ganzen Beistand seiner Frau und seiner Familie.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2018

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LESEPROBE zu

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2018

Titel der norwegischen Originalausgabe: »Det saltlause saltet«

© Gyldendal Norsk Forlag AS, Oslo

© 2018 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim

www.rosenheimer.com

Übersetzung aus dem Norwegischen (Nynorsk): Gerd Emely Hovlandsvåg Kersten

Titelfoto: © aleshin – Fotolia.com

Worum geht es im Buch?

Johannes Heggland

Salziger Wind

Auf ungeklärte Weise ist Magnus ums Leben gekommen, und Karen muss sich allein zurechtfinden. Die Kinder wachsen heran und gehen ihre eigenen Wege. Doch das Gerede über die Frage, wie Magnus zu Tode kam, will nicht verstummen. Als sein Sohn Markus schließlich unter dem Verdacht, den Vater ermordet zu haben, ins Gefängnis kommt, benötigt er den ganzen Beistand seiner Frau und seiner Familie.

Ihr seid das Salz der Erde.

Wenn das Salz schal geworden ist,

I

Der Mensch ist eine sonderbare Schöpfung. Zunächst lebt er an einem warmen dunklen Ort, das Tageslicht erblickt er durch das Tor der Welt. Allmählich wacht er auf, weiß aber kaum etwas über die Bürde, die er in sich trägt; die Bürde der Liebe, und über das Gedankengut, mit dem er ausgestattet ist, das einzigartig ist auf der Welt.

Diese Bürde soll er dann später in Kenntnis und Wissen umsetzen – und somit wird die Bürde noch schwerer. Es ist Wissen über Lebensgesetze – sowohl geschriebene als auch ungeschriebene, über den Umgang mit der Gemeinschaft, über das Essen, den Lebensbaum, über Gesellschaft und Politik.

Einige wenige Menschen kommen aber nie voran. Sie bleiben bei dem einfachen Wissen und ihrer Liebe zum Leben stehen – das ist alles, was sie besitzen.

Sie wissen es zwar nicht, aber die Welt braucht sie dennoch dringend.

In jenem Jahr des Herrn, als der Frühling ungewöhnlich früh in die Gemeinden Bygd und Sokn kam und gerade als die gesamte Natur in einem Schimmer von hellem Grün verschleiert war, passierten mehrere merkwürdige Dinge, welche die Menschen mehr oder weniger beunruhigten: Das eine war, dass Magnus Nattvatn diese Welt im Glauben an den Erlöser verließ.

Das zweite war, dass sein Sohn Johannes beschloss, sich in die Fußstapfen seines Vaters zu begeben, und sich sogar mit Gitarre und Liederbuch auf den Weg machte.

Es wurde zwar das eine oder andere über die Verabschiedung von Magnus gemunkelt. Viele waren sich gar nicht so sicher, dass dieser Mann von Nattvatna, wie es in der Anzeige stand, »in den Armen des Erlösers« eingeschlafen sei. Was schreibt man nicht alles in einem Nachruf, wenn jemand diese Erde verlässt?

Eines war schon merkwürdig: Hatte man etwa nicht diesen besagten Laienprediger direkt unterhalb der Felskluft bei Liaskaret, direkt oberhalb des eigenen Nattvatna-Hofes gefunden? Dort war ein schroffer Spalt, oft sind hier schon Schafe abgestürzt. Aber Magnus? Er war trittsicher und hatte gute Augen! Sollte es so gewesen sein, dass er dort womöglich ausgerutscht war?

Das war mehr als merkwürdig.

Gewiss hatte er, nachdem diese Geschichte mit den Weibern bekannt geworden war, als einer der Stillen im Lande gelebt, aber sich so von dieser Welt zu verabschieden, ja direkt eine offene Rechnung mit dem lieben Gott zu hinterlassen, das hätten ihm die Leute nicht zugetraut.

Einige der ganz Eifrigen äußerten ihre Bedenken gegenüber seiner Frau Karen, die nun Witwe geworden war, man tuschelte, dieses Frauenzimmer wäre nicht ganz ohne.

»Magnus hätte das letzte Lebensjahr mit sich selbst Frieden geschlossen, er sei viel draußen in Gottes Natur unterwegs gewesen«, sagte sie nur.

Was war das für eine Redensart?

All diejenigen aber, die in diesen vielen Jahren ihre Seelennahrung von Magnus bekommen hatten, füllten mit vielen anderen zusammen die neue Kirche in Bygd am Beerdigungstag, sie trafen auch hinterher im Gemeindesaal Betesda zusammen. Nach seinem Sündenfall hatte zwar Magnus nicht mehr hier am Pult sprechen dürfen, aber an diesem Tag wurde er reichlich geehrt, sowohl von den Gottesfürchtigen als auch von den »nur« Weltlichen. Ja, einige von denen, die besonders gottesfürchtig waren, wollten ihn sofort in den Himmel schicken – auf direktem Wege.

Die Mitglieder seiner eigenen Familie sagten an diesem Tag nur wenig, sie saßen schweigsam da und hörten zu – der Markus, der Olaf, die Nora und die Rebekka, die heulte, als hätte man sie geschlagen. Sie sprach so gut wie nichts und hatte nur Tränen in den Augen, vielleicht aus Angst davor, dass der Vater in Verdammnis gekommen war.

Johannes griff zur Gitarre, die er in letzter Zeit manchmal gezupft hatte, und sang dazu etwas Selbstgebasteltes von dem Herrn Jesus, der letztendlich nicht alles für einen armen Sünder richten kann: Den Weg muss man selbst gehen, seine eigenen Tränen weinen und solche Sachen …

Einige saßen und ärgerten sich, bereuten dass sie zu dieser Gedenkstunde überhaupt gekommen waren. Es war in letzter Zeit so viel Neues, Unsinniges bei diesen Versammlungen hinzugekommen. Dieses Neue nannte man »Lieder singen«! Und sie waren froh, als Johannes die Gitarre zur Seite legte und wieder ein normaler Mensch wurde.

Andere dachten aber nicht so religiös, sie hatten genug von dem Weltlichen an einem solchen Tag.

Die Älteren und Vernünftigeren unter ihnen guckten auf seine Mutter in dem etwas dämmrigen Gemeindesaal, als ob sie von ihr etwas wissen wollten. Aber Karen saß mit geschlossenen Händen, fernab und weit fortgetragen. Man wurde aus ihr nie schlau! Keine Träne sah man, weder als Andreas von Sjo sich dort am Tischende erhob und würdevolle Worte über die vielen Jahre sprach, in denen Magnus mit dem lieben Herrn zusammen gewandert sei, noch als die gut meinende weibliche Pastorin die bekannten Worte nachäffte über das wie Wasser auslaufende Leben, das man nicht wieder aufsammeln könne.

Nein, die Nattvatna-Witwe saß bloß dort und starrte an die Wand neben dem Rednerpult, die Augen fest auf den Hirten gerichtet, der alle Schafe gleich liebt.

Nun, es war ja in der ersten Woche auch nicht so einfach für Karen gewesen, mit dem Leichnam von Magnus in ihrem Haus – dachten die Leute.

Der Nachbar Lars war da, er saß mit seinen groben Arbeiterhänden und bediente sich kräftig von dem guten Essen, das man mit Worten der Gnade zubereitet hatte. Er sprach wenig mit den Tischnachbarn um ihn herum, aus ihm wurde man sowieso nicht klug – der Lars aus dem Ekre-Hof, der auf der ganzen Welt noch niemals um etwas gebeten hatte.

Schließlich fand Olaf einige Worte. Eigentlich hätte man erwartet, dass Markus etwas sagt, saß er doch nun als ältester und erbberechtigter Sohn mit dem Hof da. Aber Markus war nicht der Mann, der viel zu sagen wusste, wenn viele Menschen versammelt waren.

Der kluge und studierte Olaf schaffte es aber durchaus, etwas Vernünftiges zu sagen, er dankte für die Ehre, die man seinem Vater erwiesen hätte, der viele Fußspuren in Bygd und Sokn hinterlassen hätte, und so weiter …

Sorgfältig gewählte, aber allgemeine Worte. Die Leute konnten sich dabei hinzudenken oder wegdenken, was immer sie wollten, wie so oft bei Anlässen dieser Art. Es wäre schon sonderbar, wenn man alles glauben wollte, was bei Beerdigungen und Gedenkstunden so alles an lieben Worten gesagt wird, man müsste sich fragen, wo sie alle geblieben sind, die Bösen, Sündigen und die Ausschweifenden dieser Erde?

Es kam der Abend. Markus war im Stall und wachte über eine kalbende Kuh. Er nahm sich viel Zeit.

»Geh doch hinein zu den anderen«, sagte Elisabeth, die, selbst hochschwanger, viel zu tun hatte in der neuen, umgebauten Scheune.

Als er nicht antwortete, stellte sie sich dicht hinter ihn: »Du sollst nicht trauern, dazu bist du viel zu gut. Dein Vater – ja, jetzt liegt er nun dort wo er liegt.«

So kann man es auch sagen, dachte Markus und ging über den Hof. Dunst hatte sich über die Felder gelegt, die Glocke eines Schafes läutete oben am Liaskaret. Dort oben hatte er seinen Vater gefunden, zwischen Heide und Stein, das Gesicht nach unten im Moos. Markus hatte alles dem Dorfpolizisten und hinterher auch dem Pfarrer erzählt, was er an dem Abend gesehen hatte. Sie hatten Fragen über Fragen.

Nur seine Mutter, Karen, hatte nicht gefragt. Sie saß mit den Händen im Schoß und las etwas, als er ihr die traurige Botschaft brachte. Sie regte sich nicht auf, weinte keine Träne. Sie sagte nur: »Ruf doch Lars an, er hilft dir, ihn heimzutragen.«

In der Stube war es still, als Markus eintrat, obwohl alle da waren.

Sie sahen Markus an, die meisten von ihnen waren seine Geschwister.

Markus fühlte sich unwohl. Warum sagten sie nichts – über die Beerdigung, die Gedenkstunde, über das Wetter oder irgendetwas, wenn es sein musste!

Johannes saß da und blätterte in der Heiligen Schrift. Vielleicht sollte er daraus etwas vorlesen?

Nora sprang erschrocken auf:

»Bloß nicht! Wenn du das tust, dann stehe ich sofort auf und fahre nach Hause!«

Ihr Freund Reinmar, Geschäftsführer der Holzverarbeitungsfabrik draußen im Fjord, griff nach ihrer Hand. – So, so, Markus musste fast lachen.

Karen saß, als wäre es ein ganz gewöhnlicher Tag, nur das schwarze Kleid zeigte, dass heute ein besonderer Tag war, und natürlich die ganzen Blumen um sie herum.

»Was wollte denn der Vater dort oben in Liaskaret?«

Rebekka fühlte, sie musste etwas sagen. Olaf schüttelte den Kopf. »Der Vater hat doch immer dort oben in der Einöde seine Wanderungen gemacht, fast jeden Tag seitdem.«

»Was weißt du davon, du bist ja kaum zu Hause«, sagte Rebekka.

Karen richtete sich auf, sie zeigte auf die letzte Ausgabe der Lokalzeitung »Bygd og Sokn«: »Sie schreiben nicht die Wahrheit, beileibe nicht!«

Olaf fragte, was sie damit meine.

»Er hat sich dort oben nicht verirrt. Das wird mir keiner weismachen.«

Um den Tisch wurde es auf einmal still.

Olaf sah sie an: »Was meinst du damit, Mutter?«

Rebekka nahm der Mutter das Blatt aus den Händen und las schnell den Nachruf über den Vater. Er war schwarz umrahmt, mit einem kleinen Kreuz drüber.

»Ist das etwa nicht wahr?« Rebekka saß kerzengerade. Ihr mildes Lächeln war das Schönste an ihr, fand Markus.

»War der Vater nicht wie der Liebe Herr selbst gewesen, hatte er nicht die Erlösung in Christus verkündet?« Rebekka sah sich um, aber nur bei Johannes fand sie Trost, der Bruder nickte und fingerte am Testament herum.

»Es stimmt nicht, er hat sich nicht verirrt«, wiederholte Karen, als ob sie die Worte von Rebekka nicht gehört hätte. »Er hat doch die Gegend dort oben wie seine eigene Hosentasche gekannt, jeden Stein, jeden Spalt.«

»Wahrscheinlich ist er im Geröll ausgerutscht und dann in den Spalt abgestürzt?« Markus sprach einfach die Worte aus.

Keiner antwortete.

Etwas stolperte irgendwo im Haus. Eine Katze miaute. Jemand sprach leise zu dem Tier.

Es war Elisabeth, seine Elisabeth, Markus fühlte eine warme Strömung durch seinen Körper gehen.

Olaf sagte, es höre sich ganz vernünftig an: »Aber was bringt dich auf diesen Gedanken, dass der Vater ausgerutscht sei – meinst du etwa mit Absicht?«

Nein, meinte Markus, so hätte er es auch nicht gemeint.

»Nur Verrückte machen so etwas!«, sagte Nora schnell.

»Und verrückt war wohl der Magnus nicht gewesen!«

Die Mutter sah sie alle an: »Wer redet hier von Verrücktheit? Manchmal kommt ein Mensch auf viele Gedanken, ohne dass er verrückt sein muss.«

Olaf wandte sich an Markus: »Du hast ihn doch gefunden. Sah es aus, als ob er – mit Absicht – abgestürzt war?«

Markus hielt sich den Kopf.

»Lars hat mir geholfen, ihn nach Hause zu tragen. Frag doch ihn. Ich stand an der Sägebank, das weißt du doch. Ich hörte einen Schrei. Als ich ihn unterhalb der Kluft fand, war kein Lebenszeichen mehr zu spüren. Wie oft muss ich das noch wiederholen?«

»Ich bin erst heute zur Beerdigung nach Hause gekommen. Was weiß ich, Markus? Viele Leute stellen Fragen, es wird auch viel geredet im Dorf.«

Rebekka sah aus, als wollte sie etwas sagen, aber dann bat sie Nora, ihr in der Küche bei den Vorbereitungen für das Abendessen zu helfen.

Reinmar, der Freund von Nora, fühlte sich unwohl, das sah man ihm an. »Magnus war aber ein guter Mann, trotz seiner Gottesreden«, sagte er zu Karen. »Wenn es nur nicht diese Weibergeschichten gegeben hätte.«

Karen sah ihn an.

»Wie kannst du die Sünden so voneinander trennen? Ist eine körperliche Sünde schlimmer als eine Lüge vor dem Altar oder etwa ein sündiger Gedanke?«, sagte sie leise.

Olaf lächelte. »Wie du dich verändert hast, Mutter. So hast du früher nie gesprochen.«

Seine Mutter erwiderte schmunzelnd: »Ich darf doch auch einmal etwas schlauer sein – ab und zu mal.«

Markus sagte wenig, auch er fühlte sich nicht ganz wohl in seiner Haut. Als er vor einigen Stunden den Sarg mit den anderen zusammen in das dunkle Grab hineingehoben hatte, dachte er, dies sei das Lebewohl von seinem Vater und von allem, was mit ihm zu tun hatte. Ihm blieb der Hof, über den er nun alleine herrschen könnte. Aber es war, als ob der Vater immer noch daheim wäre, als ob er sich überall herumtreiben würde. Nein, er geisterte nicht um die Häuser herum, er geisterte in der Seele von Markus. Er war nicht wie Johannes, der Trost in der Heiligen Schrift suchte, auch nicht wie Olaf, der sein Leben schon längst in die eigenen Hände genommen hatte, er war nur der Markus, und er liebte die Erde, auf der er lebte, und diese Liebe brachte ihm das tägliche Brot, sie brachte ihm auch das grüne Gras, die Blumen und die warmen Hände.

Sie aßen zusammen Abendbrot, heute waren fast alle versammelt. Olaf erzählte von seiner neuen Arbeitsstelle, er wäre jetzt Wirtschaftsprüfer, und würde den Leuten mit Zahlen und Rechenaufgaben helfen. Markus fühlte sich hier ganz fremd. Reinmar, der Geschäftsführer der Fabrik, erzählte, wie fordernd die Arbeiter heute alle wären, und wenn sie nicht das bekämen was sie wollten, dann würde gestreikt, ob legal oder illegal. Er hätte jetzt einen Auftrag für einen Transport mit Stühlen ins Ausland haben können, aber seine Leute verlangten zu viel für die Arbeit.

»Reinmar«, erinnerte Nora, »vergiss bitte nicht, was für ein Tag heute ist!«

Und Johannes. Ihm war es jetzt klar, dass er in die Fußstapfen seines Vaters zu treten habe.

»Ach ja«, seufzte Rebekka. »Es gibt jetzt keinen Markt mehr für den Wanderprediger, Johannes«, sagte Olaf. »Das war früher mal, als es noch alte Weiber gab, die den lieben Gott ernst genommen haben. Solche Sachen kannst du heute nicht mehr bringen, die Leute haben genug mit sich selbst.«

Johannes sah aus, als hätte man ihm einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf geschüttet.

»Aber, viele Menschen glauben doch, und sie brauchen Gott immer noch, oder?«, sagte Johannes mit einem fragenden Blick.

Olaf antwortete nicht.

»Vater war aber nicht so, wie du glaubst, Olaf.«

Der lachte.

»Wir haben alle hier unsere Masken aufgesetzt«, sagte Olaf. »Aber heute sind genug gute Worte über den seligen Magnus Nattvatn gefallen. Nein, er hat nicht nach irdischen Gütern getrachtet. Und die Erde hier auf dem Hof hat ihn auch nicht sonderlich interessiert, nicht wahr, Markus? Wenn er die Möglichkeit sah, sich ein weißes Hemd anzuziehen und davonzurennen, hat er nicht lange gezögert und auch keine Rücksicht auf uns andere genommen, die auf den Feldern hockten und dafür sorgen mussten, dass das Heu in die Scheune kam – war es nicht so, Mutter?«

Die Mutter sah Olaf an. »Du hättest Pfarrer werden sollen, du kannst gut reden«, sagte sie nur.

Die Stimmung um den Tisch wurde etwas lockerer. Sie sprachen über dies und jenes. Aber Markus fühlte sich noch immer unwohl.

Später am Abend kam Lars, der Nachbar, dazu. Lars, dieser Kerl mit struppigen Haaren und ungepflegtem Bart, mit Moos auf dem Pullover und Dreck auf der Hose. Er sah sich um, sie saßen still in der Runde.

»O je«, sagte er. »Gibt es hier den Leichenschmaus? Und ich dachte, der Magnus wäre in geweihte Erde gekommen. Oder vielleicht auch noch weiter?«

»Setz dich doch zu uns, Lars«, sagte Karen.

Nora stand auf: »Wir müssen nach Hause. Wir werden erwartet, stimmt’s, Reinmar?«

»Ja, ja«, sagte Lars, »und wie viele Kinder habt ihr denn schon, die warten?« Dieser freche Lars! Nora zog ihn an den Haaren und lachte.

»Du weißt doch ganz genau, dass wir keine Kinder haben, und auch nicht haben werden! Außerdem geht dich das gar nichts an«, sagte sie.

Reinmar lachte nicht, er schwieg.

Lars beobachtete Karen, als sie weg waren. Karen sah nicht aus, als würde sie allzu sehr trauern. Sie sagte: »Magnus hatte gute Laune die letzten Tage. Ich habe ihn oft singen hören. Das Schwere schien wie weggeblasen.«

»Er war auch mal mit mir im Sägewerk«, schob Markus ein.

»Wirklich?«, Olaf fragte ungläubig.

»Ja, aber er blieb nicht lange. Nahm gleich darauf seinen Wanderstab und weg war er wieder.«

Rebekka hatte die Augen niedergeschlagen.

»Bitte red doch jetzt nicht mehr davon.«

Lars beugte sich zu ihr hinunter: »Vielleicht hast du mehr verloren als die anderen, Rebekka?«

Markus ging hinaus.

So verging der Abend, der Abend der Beerdigung auf Nattvatna. Draußen lagen die Dörfer und die Gegend, wo Magnus sich herumgetrieben hatte. Sie wachten und sie schienen alle zu sagen: War alles richtig mit dir, Magnus? Wer warst du, Magnus? Bist du aus eigenen, freien Stücken hier auf dieser Erde gewandert? Hat der Allmächtige dich nun am Liaskaret in die Tiefe geschickt?

Markus sah über die Felder, die Häuser, alles das, was ihm lieb war. Er ging wieder hinein, aber er fühlte sich an diesem Abend sehr unruhig. Eine kleine Freude spürte er aber trotzdem tief in sich drin: Endlich, nun war der Weg frei für ihn und seine Elisabeth, ohne immer die Augen des Vaters auf sich zu spüren. Es waren merkwürdige Gedanken. Auch unchristlich waren sie. Der Vater hätte ihm doch nie im Wege gestanden, oder?

In Bygd und Sokn bekam er keine Antwort auf seine Fragen. Sie hatten alle tausend eigene Gedanken. Sie alle hatten an diesem Tag so schön geredet. Aber er wusste auch, wenn die Leute nicht alles sagen, dann sagen sie meistens mehr.

Und der See, Nattvatnet, lag dort ruhig zwischen den Hügeln, geheimnisvoll und schwarz wie Pech. Alles hier herum gehörte jetzt ihm. Aber das Wasser selbst, das würde er trotzdem nie fassen können.

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Im Rosenheimer Verlagshaus bereits erschienen:

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