Stürmische Wogen der Sehnsucht - Johannes Heggland - E-Book

Stürmische Wogen der Sehnsucht E-Book

Johannes Heggland

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Beschreibung

Es ist ein hartes Leben für Sonja und Harald an dem einsamen norwegischen Fjord. Als ihr Heimatort, der als bester Handelsplatz der Gegend gilt, die begehrte Dampfer-Anlegestelle bekommt, scheint hier endlich bescheidener Wohlstand einziehen zu wollen. Doch mit ihm kommen auch Zwist und Auseinandersetzungen in diese weltabgeschiedene Gegend. Björn, Haralds Ziehsohn und Sonjas besonderer Liebling, überwirft sich mit Harald und gleichzeitig beginnt es auch in Sonjas Ehe zu kriseln. Bis Sonja einen in den Augen aller unerhörten Schritt unternimmt: Sie verlässt ihren Mann und sucht Zuflucht bei ihrer Tochter Sanna …

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Veröffentlichungsjahr: 2018

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LESEPROBE zu

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2018

Titel der norwegischen Originalausgabe: »Lyhamar«

© Gyldendal Norsk Forlag AS, Oslo

© 2018 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim

www.rosenheimer.com

Übersetzung aus dem Norwegischen (Nynorsk): Aase Birkenheier, Koblenz

Titelfoto: © mooseshop – Fotolia.com

Endredaktion: Dr. Elisabeth Hirschberger, München

Worum geht es im Buch?

Johannes Heggland

Stürmische Wogen der Sehnsucht

Es ist ein hartes Leben für Sonja und Harald an dem einsamen norwegischen Fjord. Als ihr Heimatort, der als bester Handelsplatz der Gegend gilt, die begehrte Dampfer-Anlegestelle bekommt, scheint hier endlich bescheidener Wohlstand einziehen zu wollen. Doch mit ihm kommen auch Zwist und Auseinandersetzungen in diese weltabgeschiedene Gegend. Björn, Haralds Ziehsohn und Sonjas besonderer Liebling, überwirft sich mit Harald und gleichzeitig beginnt es auch in Sonjas Ehe zu kriseln. Bis Sonja einen in den Augen aller unerhörten Schritt unternimmt: Sie verlässt ihren Mann und sucht Zuflucht bei ihrer Tochter Sanna …

I

In der ersten milden Frühlingswoche fühlte sich Sonja an manchen Tagen so sonderbar. Es war beinahe wie damals, als ihr zum ersten Mal bewusst wurde, dass sie schwanger war. Jetzt war sie in die Jahre gekommen, diese Möglichkeit konnte sie getrost ausschließen, doch trotzdem kam es ihr vor, als würde sie auf etwas Besonderes warten. Sie wusste, dass sie nicht die Einzige war, die im Frühjahr derartige Gedanken mit sich herumtrug, denn sie konnte sich noch gut an den Tratsch erinnern, den sie im Laden hier in Lyhamar schon seit vielen Jahren mitbekam. Immer wieder hatten die Frauen hier sich Sorgen gemacht, als sie neues Leben in sich spürten. Sie hatten ihr Geheimnis und ihre Nöte Sonja flüsternd anvertraut und hofften im Geheimen, dass sie sich geirrt hatten.

Doch heutzutage glaubten die Menschen nicht mehr an Wunder wie zur Zeit Abrahams und Saras. Damals war sogar der Herrgott selbst auf die Erde herabgestiegen, hatte in seiner Allmacht das berührt, was er erschaffen hatte, und sogar am trockenen Ast wuchsen neue Triebe.

Die schwierige Zeit von Krieg und Leiden war jetzt endlich vorbei, und nach den wirtschaftlich schlimmen Jahren passierten sowieso keine Wunder mehr. Der Herrgott schien unendlich weit entfernt, oder vielleicht ließ er auch nur die Menschen in ihrer Unwissenheit schalten und walten, denn irgendwann müssten sie doch endlich vernünftig werden.

Die Menschen dort draußen leckten ihre Wunden nach dem Krieg in der großen Welt. Lyhamar, die ganze Bucht und ihre Umgebung machten sich für den Frühling bereit, erlöst von allem Bösen – so schien es jedenfalls.

Aber so einfach war es nicht. Zwar hatte Sonja selbst keine Verluste zu beklagen, aber viele hatten Angehörige verloren und Entbehrungen gelitten.

Damals, als sie zu Harald nach Lyhamar gezogen war, hatte sie sich oft darüber Gedanken gemacht, wie es wohl wäre, wenn Harald und sie gemeinsame Kinder bekämen. Ob sie mehr Ähnlichkeiten mit ihr oder mit ihm haben würden? Bei diesem Gedanken hatte sie Angst bekommen, obwohl sie wusste, dass es Blödsinn war. Die Fähigkeiten und die Anlagen der Nachkommen waren anscheinend oft dem Zufall überlassen, Kinder waren manchmal völlig anders als ihre Eltern.

Es müsste ein Zeichen des Älterwerdens sein, dass sie sich immer wieder über die Jugend um sich herum wunderte: Junge Menschen schienen keine Angst vor dem Krieg und dem Bösen dieser Welt zu haben. Sie zeugten Kinder, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, in was für eine Welt diese hineingeboren würden. Ihr Sohn Magnus hatte drei Kinder und war noch jung genug, um das Dutzend voll zu bekommen. Die Tochter Sanna und ihr Mann Tjerand auf dem kleinen Hof Krokatveit hatten zwei, ein drittes war schon unterwegs.

Sonja musste über ihre eigenen Gedanken lachen. War sie schon so alt geworden, dass sie sich nicht mehr an die erste aufregende Zeit mit Lars erinnerte? Die Welt war ihnen egal gewesen! Hatte sie bei den ersten stürmischen Begegnungen an Kinder gedacht? Das Blut war in Wallung geraten, sie hatte Feuer gefangen – und es war um sie herum, auch wenn sie selbst das Bett mit einem alten Mann teilte.

Für Sonja war es in letzter Zeit zur Gewohnheit geworden, sich die Hände ihrer Mitmenschen anzuschauen: Sie verrieten so viel über menschliche Wärme und ihre Verletzlichkeit, dachte sie. Da waren Frauenhände, die nicht nur behutsam Kinder streichelten, sondern auch Leinentücher glätteten und Essen zubereiteten. Es gab aber auch die Hände der jungen Burschen, die sich zu einem unüberlegten Schwur ballten oder ungestüm über den Körper eines jungen Mädchens tasteten. Manchmal schämte sie sich, weil ihr solche Gedanken einfielen – es kam ihr vor, als würde der Herrgott sie auslachen. Aber sie selbst hatte doch auch einmal diese heißen Hände gespürt, die alles in ihr zum Schwingen gebracht hatten.

Sonja fühlte sich alt und gleichzeitig auch nicht. Gerade dafür war sie ihrem Schöpfer dankbar.

Ansonsten hatte sie in vielen Dingen ihre Einstellung geändert. Manchmal bedauerte sie im Stillen, dass sie so weltlich geworden war und sich irgendwie in eine falsche Richtung entwickelte: Wenn sie sich Frauen in ihrem Alter anschaute, kam es ihr vor, als hätte Gott sie durch die Sorgen und Nöten des Alters nur noch näher an sich gebunden. Sonja war zwar genauso alt wie die anderen, aber die Welt hatte sie noch fest im Griff. Vielleicht lag es an Harald und an seinem ganzen Wesen, es war wahrhaftig in diesen ärmlichen Nachkriegsjahren nicht besser geworden! Wenn er am schlimmsten tobte, so dass Haus und Hof zitterten, spürte sie einen eiskalten Schauer über den Rücken, erschrocken über diesen Mann: »Und Satan glich einem brüllenden Löwen, suchend, wen er verschlingen könnte –«!

Anschließend musste sie sich selber beruhigen, denn es hatte keinen Sinn, dabei an Bibelworte zu denken. Sie war doch nur eine Frau, sollte sich hier auf Erden gesittet und schweigsam um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern.

Doch bei diesem Gedanken musste Sonja leise vor sich hin fluchen: Nein, zum Teufel noch mal! Und das, obwohl es mitten in der Nacht war und sie ihr Leben vor dem Schlafengehen in Gottes Obhut gelegt hatte.

»Du sollst deinen Mann lieben!«, sagte die unermüdliche Stimme ihres Gewissens. Das auch noch! Sonja stützte sich auf den Arm und schaute sich den großen, alten Mann an, der neben ihr lag.

Im Licht der kleinen Nachttischlampe sah sie nur schemenhaft das aufgedunsene Gesicht, das ihr Harald beim Schnarchen zugedreht hatte. Seine Nachtmütze war ihm vom Kopf geglitten, sie sah den blanken haarlosen Schädel.

Ihr Harald war ein alter Mann geworden. Das wilde Mannesfeuer in ihm hatte der Herr der Schöpfung behutsam beruhigt, so dass es nur ab und zu aufloderte, wie schwelende Glut. Statt dessen hatte diese sündige Welt seine Seele immer fester in den Griff bekommen. Wenn Sonja für ihn betete – und das tat sie recht oft – war es ihr am wichtigsten, dass der Herrgott seiner ungezügelten Wut Einhalt gebieten möge, wenn das überhaupt möglich wäre, denn wenn es über ihn kam, sagte Harald die schlimmsten Wörter, die ihm gerade in den Sinn kamen. Es ging ihr nicht mehr darum, dass Gott seinen Geiz mildern oder seine Gedanken von der prallen Brieftasche ablenken möge, denn keine Macht dieser Welt könnte Harald in diesen weltlichen Dingen mäßigen. Ob sie ihn wirklich liebte?

Sie musste an ihre erste gemeinsame Nacht hier in Lyhamar denken. Den Segen der Kirche hatten sie schon bekommen – alles war rechtmäßig verlaufen. Harald war ganz verrückt nach ihr gewesen. Gegen Morgen war sie aufgewacht: Harald lag neben ihr und schaute sie unentwegt an, in seinem Gesicht eine stille Freude, die sie niemals vergessen würde. Aber hatte sie ihn jemals geliebt?

Nach dem schlechten Wetter und dem kalten Nordwind der letzten Wochen schien Sonja dieser Frühlingstag besonders herrlich und klar. Der Buvikgipfel spiegelte sich wie ins Meer gegossen, die Fernsicht war unendlich: Man konnte sogar das kleine Wohnhaus draußen in Öyo – den äußersten Inseln – deutlich erkennen. Sonja konnte nicht begreifen, warum Magnus sich damit abmühte, das Dach dieses alten Wohnhauses zu reparieren – er hatte doch mehr als genug damit zu tun, alles auf seinem Hof Hustveit in Ordnung zu halten.

Der milde Frühlingstag machte Sonja aber nicht glücklicher und wie immer hatte sie ihren großen Haushalt zu versorgen. Dem Dienstmädchen war vor kurzem gekündigt worden, und jetzt gab es für alle mehr zu tun. Es musste gespart werden, die Zeiten waren schlecht. Das waren Haralds Worte gewesen, aber auch sonst hörte Sonja nichts als Klagen, wenn sie im Laden aushelfen musste, wo die Leute immer um die Preise feilschten. Sie hätten das Dienstmädchen noch ein Jahr behalten können, das war Sonjas Meinung. In diesen Zeiten gab es für die Jugend kaum Verdienstmöglichkeiten, und obwohl Harald nur sehr wenig Geld im Monat bezahlte, war es für einen allein stehenden jungen Menschen besser als nichts. An dem Morgen, als das Mädchen auszog, hatte sie es Harald noch einmal gesagt, aber sie konnte ihn nicht umstimmen. Sonja hatte kein eigenes Geld und normalerweise machte ihr das nichts aus. Nur manchmal, wenn ihr Ziehsohn Björn eine Kleinigkeit brauchte und beim Herrn des Hauses ein Nein bekam, bereute Sonja, dass sie nicht von Anfang an ihre Geldangelegenheiten anders geregelt hatte. Sie hatte nicht allzu viel gehabt, und gutgläubig hatte sie Harald sowohl Sparbuch als auch Bargeld überlassen.

Björn war oft ein richtiger Dickkopf. Wenn ihm danach war, gab er Harald die verkehrtesten Antworten. Sonja ging immer wieder dazwischen, wenn Harald das Kuckuckskind, so nannte er Björn manchmal, zur Rechenschaft ziehen wollte. Sie hatte diesem Jungen so viel Liebe geschenkt, möge der Herrgott dafür sorgen, dass er im Leben seinen Weg machen würde. Meistens war er recht fleißig, am besten arbeitete er, wenn er Sachen aus Holz herstellen oder ausbessern durfte. Er war dabei so geschickt, dass Sonja staunen musste. Große Sorgen machte sie sich allerdings wegen seines Jähzorns, dabei konnte sie die Erbanlagen seines dunkelhaarigen Vaters aus Nordnorwegen nur zu gut erkennen.

Früher hatte sie davon geträumt, dass ihr Enkel, der kleine Lars, der seinem Großvater wie aus dem Gesicht geschnitten war, eines Tages Lyhamar übernehmen würde, denn ihr Sohn Per und Harald kamen eher schlecht miteinander aus. Dann war aber die Sache mit Haralds kleinem Kutter passiert. In den ersten Jahren nach dem Krieg war Per auf dem Schiff Steuermann gewesen und hatte bei einem Unwetter oben im Norden Schiffbruch erlitten. Es wurde erzählt, dass die Ladung verrutscht sei, Harald bekam auch die volle Versicherungssumme und verlor nichts dabei. Andere wiederum wussten zu berichten, dass Per Alkohol getrunken habe und nicht mehr fähig gewesen sei, das Schiff zu lenken. Dieses Gerücht kam auch Harald zu Ohren und es gab eine böse Auseinandersetzung. Das Schlimmste aber war, dass Per nach diesem Vorfall keine Anstellung mehr als Steuermann bekam. Haralds Gerede war wohl schuld daran. Per war gerade dabei gewesen, sich ein Haus außerhalb der Flureinzäunung zu bauen, doch anschließend hatte er die Flinte ins Korn geworfen und war nach Vikseidet gezogen, um in der Fabrik dort eine richtige Knochenarbeit anzunehmen. Die Mauern des angefangenen Hauses waren schon zugewachsen und Sonja ging nie daran vorbei, ohne einen Stich in der Brust zu verspüren.

Und dann der kleine Lars? Er war schon groß, ja, fast erwachsen, und als er alt genug war, wollte er zur See. Nein, nach Lyhamar wollte er nicht, er habe nie einen Sinn für Handel und Geschäfte gehabt, meinte er. Aber das war nicht der einzige Grund – denn wer kam schon mit einem so eigensinnigen Mann wie Harald aus? Ab und zu kamen Briefe, an Sonja adressiert, irgendwo in der weiten Welt abgestempelt.

An diesem Frühlingstag traf Sonja Harald unten am Kai, er stand da, auf einen Stock gestützt, und starrte landeinwärts. Sie wusste nur zu gut, wonach er Ausschau hielt. In der Bucht dort drinnen, kurz vor der Landzunge, lagen Waldstücke und ein kleines Anwesen: ein langes gelbes Wohnhaus, der graue Giebel eines Kuhstalls und unten am Strand einzelne Bootsschuppen. Wenn sie früher die Bucht einwärts gerudert war, hatte sie oft in Kvitaberget vorbeigeschaut. Die Menschen dort hatten ihr Leid getan, denn das Schicksal war nicht gerade zimperlich mit ihnen umgegangen.

Harald war schadenfroh: »Das Kvitabergsweib macht wohl heute kein Feuer«, meinte er, ohne Sonja anzuschauen.

Zuerst wollte sie ihm keine Antwort geben und hatte sich schon seit Wochen über diese Zwangsversteigerung geärgert. Es graute ihr vor dem heutigen Tag.

Harald drehte sich um, schaute sie von oben bis unten an: »Sie tun dir sicher auch noch Leid, oder?«

Sonja wollte gehen. »Wenn man selbst erlebt hat, wie es ist, wenn alles, was einem gehört hat, aus dem Haus getragen und zum Verkauf angeboten wird, dann weiß man auch, wie es den armen Schluckern jetzt zu Mute ist.«

Harald klopfte mit seinem Stock gegen die Kaisteine: »Soll Lyhamar den Bach hinuntergehen, nur weil ich ein zu weiches Herz habe? An den Stränden entlang sind viele bankrott gegangen, weil sie sich nicht dazu aufraffen konnten, Schulden einzutreiben!«

Das wusste Sonja natürlich auch. In diesen schweren Nachkriegszeiten mit Geldmangel und allem, was dazu gehörte, hatten viele der kleinen Läden in Vikseidet und auch weiter südlich aufgeben müssen. Zwar hatten einige von ihnen nach kurzer Zeit wieder anfangen können, andere mussten aber für immer aufhören. In dem Zusammenhang sah Sonja keine Gefahr für Lyhamar, denn Harald hatte eine besondere Begabung, wenn es darum ging, sein Geld zu vermehren. Es war allerdings schon das dritte Mal, dass er mit Gewalt Schulden eintreiben wollte und dabei war er in Verruf gekommen. Sie selbst hatte in letzter Zeit vom Fenster aus beobachten können, wie einige Boote an Lyhamar vorbeigerudert waren und weiter zum nächsten größeren Ort, um dort ihre Einkäufe zu tätigen. Auch Harald hatte es gesehen, hatte leise vor sich hin geflucht, aber ansonsten machte er sich nichts daraus. Außerdem waren die Preise weiter südlich sehr hoch, das wusste jeder!

»Lars war mit den Leuten in Kvitaberget verwandt!« Die Worte waren Sonja unversehens herausgerutscht, obwohl sie Harald gegenüber fast nie ihren ersten Mann erwähnte.

»Ja, Vetter zweiten Grades!«, meinte Harald verächtlich und wollte keine Schwäche zeigen. So gesagt, drehte er sich um und stolzierte zum Lagerschuppen, aber auf dem Weg dorthin fiel sein Blick auf einen Haufen Säcke an der Wand. Sie lagen da, wie man sie am Abend zuvor vom Dampfer abgeladen hatte.

»Dieser Faulpelz und Nichtsnutz! Ich habe ihn doch ausdrücklich gebeten, die Mehlsäcke zuzudecken!« Harald legte seine Hand auf einen der Säcke. »Schon feucht und verdorben!«

So schlimm sei es wohl noch nicht, meinte Sonja, aber auch sie wurde böse.

»Ich werde Björn holen«, sagte sie nur und verschwand um die Ecke.

Björn hatte seinen Schlafplatz in der Kammer mit den vielen Fenstern. Er lag noch im Bett, schlief tief und fest, dabei hatte er seine Bettdecke weggestrampelt.

Sonja stellte ihn sofort zur Rede: »Du hast die neuen Mehlsäcke nicht zugedeckt! Du kannst dir sicher schon vorstellen, wie Harald tobt!«

Björn setzte sich jäh im Bett auf, fuhr mit der Hand durch seine schwarze Mähne. »Oh, das hab ich glatt vergessen …«

Er tat ihr beinahe Leid, als er zur Tür hinausrannte.

Die Leute im Laden lauschten. Alle lauschten, wenn Harald der ganzen Welt verkündete, dass er schlecht gelaunt war. Sonja konnte nicht hören, was Björn dem Alten antwortete, vielleicht war er auch klug genug, nichts zu sagen. Sie ging schnell zum Fenster und schaute hinaus. Dabei konnte sie sehen, wie Björn auf der Schulter die schweren Säcke zum Lagerschuppen trug, einen nach dem anderen.

»Du darfst nicht so schwer tragen«, sagte sie durch das offene Fenster, doch Björn hörte nicht zu, strengte sich nur weiter an, obwohl die Säcke sicher schwerer als er selbst waren.

Harald sagte nichts mehr, ließ den jungen Mann aber nicht aus den Augen, bis der letzte Sack im Schuppen lag. Björn kam heraus, der Staub stand wie eine Wolke um ihn herum, als er sich das Mehl abklopfte. Harald wollte gerade etwas sagen, Björn vielleicht sogar loben, als etwas Unerwartetes passierte. Björn ging ganz nah an den alten Mann mit dem Stock heran, blieb vor ihm stehen und schaute ihn von oben bis unten an. Erst jetzt wurde Sonja bewusst, wie groß Björn war, verglichen mit Harald, obwohl der Alte in seinen besten Tagen auch ein Kraftkerl gewesen war.

»Du kannst schon wie ein Mann zupacken«, ließ Harald verlauten, wollte anscheinend noch mehr sagen, doch ehe er sich versah, umfasste ihn der Junge. Dann drückte er zu und hob den Alten mit gestreckten Armen hoch. Harald schrie auf, zappelte und schlug auf Björn ein, wo er nur treffen konnte. Björn aber trug ihn ohne viel Aufhebens ins Lager zu den Mehlsäcken.

Sonja rannte hinaus und bog gerade noch rechtzeitig um die Ecke, um Björn in der Bank verschwinden zu sehen. Harald stand mitten im schummrigen Lager und klopfte sich den Mehlstaub ab. Sie wusste nicht, ob sie bei seinem Anblick lachen oder weinen sollte. Sie gab ihm den Stock, den er ihr schroff aus der Hand riss. Er sagte kein Wort, atmete nur schwer, als wäre er bergauf gegangen. Dann ließ er sie stehen und humpelte zur Tür hinaus.

Björn ließ sich eine ganze Weile nicht blicken. Vielleicht war er zur Werft gegangen, obwohl er genau wusste, dass er daheim genug zu tun hatte. Sonja war es allerdings nur recht, dass er Harald eine Zeit lang aus dem Weg ging. Sie konnte Björn nur zu gut verstehen, aber diesen Streich hätte er Harald nicht spielen dürfen.

Gegen Mittag kamen die Leute in ihren Ruderbooten oder in ihren Kutschen an, einige hatten sogar den weiten Weg aus Vikseidet gemacht. Auch Olaf kam angerudert, stolzierte kerzengerade umher, zog den Hut und grüßte wie ein angesehener Pfarrer. Als gehörte er nicht in ihre Welt, musste Sonja unwillkürlich denken. Sein Gesicht war mit den Jahren sehr mager geworden und sah verlebt aus, so, als hätte er eine schwere Last tragen müssen. Er hatte Inga, seine Frau, um die er sich noch kümmern musste, ansonsten ging er keiner geregelten Arbeit mehr nach. Sonja blieb am Küchenfenster stehen und konnte sich vom Anblick dieses stattlichen Mannes dort oben an der Bank nur schwer losreißen. Dieser Olaf hatte etwas an sich; er war nicht wie die anderen. »Er ist kein guter Mann«, dachte sie, um im nächsten Augenblick Gott um Verzeihung zu bitten, dass sie schlecht von ihren Mitmenschen dachte.

Jetzt kamen auch die Leute von Kvitaberget. Sigrid, die Mutter, sah alt und gebrechlich aus. In Begleitung hatte sie ihren Sohn Martin und seine sonderbare Frau. Es war für einen Mann sicher nicht einfach, mit einer derart unfähigen Frau zusammenzuleben, aber er hatte sie ja selbst ausgesucht. Schon oft hatte Martin in Kvitaberget Sonja in früheren Jahren geholfen.

Die meisten Schulden hatten sie beim Einkaufen in Haralds Laden gemacht, das wusste Sonja. Sie wusste auch, dass viele sich heutzutage abrackern mussten, um überhaupt durchzukommen. Wie oft hatte Harald in seiner Büroecke über seiner Buchhaltung und den Schuldbriefen gebrütet, als Sonja ihn zum Abendessen rief. Manchmal hatte er ihr Namen und Zahlen gezeigt, und sie machte sich Sorgen, weil so viele Leute Schulden bei ihm hatten, egal ob Bauern oder Häusler. »Du darfst die Leute nicht so viel anschreiben lassen«, hatte sie noch gesagt. »Wir sind nur einmal hier auf Erden«, hatte Harald dann gemeint, »und die Ärmsten müssen uns doch Leid tun, nicht wahr, Sonja?«

Harald hatte es so kommen sehen müssen und er hatte es auch so gewollt, dessen war sie sich sicher. Er dachte wie die Adligen in uralter Zeit, er ließ die Armen anschreiben, bis er schließlich ihre Höfe einkassieren konnte. Einer der größten Höfe in der Gegend gehörte ihm schon, einen anderen besaß er schon zur Hälfte. Er hatte zwar Gnade vor Recht gehen lassen und die Leute auf einem der Höfe durften dort wohnen bleiben, doch auf dem anderen waren alle nach Kanada ausgewandert. Was hatte er wohl jetzt mit denen in Kvitaberget vor? »Sie haben schlecht gewirtschaftet«, meinte Harald und damit hatte er sogar Recht. Nach dem Tod des alten Bauern war es auf dem Hof nur bergab gegangen.

Sonja ließ sich nicht oben im Bankraum blicken, wo die Leute sich um den Auktionator versammelt hatten. Sie hatte dort nichts zu suchen, denn an solchen Tagen war der Abstand meilenweit zwischen ihr und Haralds Schalten und Walten.

Doch die Leute kamen auch zu ihr in den Laden, brauchten Mehl und noch vieles mehr, dabei redeten sie über dieses und jenes, und Sonja musste zuhören, obwohl sie eigentlich nicht wollte.

Harald habe den Zuschlag bekommen, obwohl Sigrid und ihr Sohn versucht hätten, mit Harald mitzuhalten. Die Bank habe ihr Angebot aber nicht annehmen können, Harald auch nicht, denn sie hätten keine Sicherheiten zu bieten. Schließlich sei Kvitaberget für nur wenig Geld verkauft worden, obwohl Wälder und Fischgründe zum Hof gehörten, eine überaus günstig gelegene Bucht für den Fischfang mit Wurfnetzen sei auch vorhanden.

Harald kam nach der Versteigerung nicht sofort nach Hause, wollte sich wohl mit den Großen und Einflussreichen unterhalten. Als die Leute anfingen, sich voneinander zu verabschieden, schickte Sonja Björn hin, um die drei von Kvitaberget bei sich einzuladen.

Sie kamen, blieben eine Weile an der Treppe stehen und wollten nur ungern ins Wohnzimmer. »Hier haben wir nichts zu suchen«, meinte Sigrid, trat aber doch in die Stube, Martin trocknete sich die Füße ab und kam mit seiner Frau nach.

Sie saßen um den Abendbrottisch, aßen Brot vom Bäcker und Kuchen. Sonja dachte: »Harald soll nur kommen!« Sie wollte sich nicht an ihm rächen, aber sie wollte die Leute von Kvitaberget nicht zu ihrem leeren Haus zurückkehren lassen, ohne ihnen eine Mahlzeit und ein gutes Wort mit auf den Weg zu geben. Das zweite war wohl das wichtigere, das ließ auch Sigrid durchblicken, die als Erste zu reden anfing. Sie haderte mit ihrem Schicksal. »Für Martin ist es am schlimmsten«, meinte sie und schnäuzte sich. Martin selbst nahm einen tüchtigen Bissen vom frischen Bäckerbrot, trank Kaffee und schaute zur Seite. Seine junge Frau schluchzte und weinte. Daheim hatten sie ein Kleinkind, außerdem hatte die Frau schon ein älteres Kind mit in die Ehe gebracht.

»Ich habe bei Harald und bei der Bank gebettelt und gebeten«, meinte Sigrid und steckte sich ein Zuckerstückchen in den Mund.

»Und der Wald?«, fragte Sonja an Martin gewandt.

Martin schaute seine Mutter an und schüttelte den Kopf.

»Wir durften nicht viel abholzen«, sagte Sigrid, »denn der Wald wächst sehr langsam an den kargen Berghängen, und nachdem er verpfändet wurde, dürfen wir nirgendwo mehr die Axt ansetzen.« Dann erwachte die Wut in ihr: »Was will denn Harald mit unserem Hof? Hat er nicht genug? Es geht nicht gegen dich, Sonja, du bist ein guter Mensch.«

»Ich weiß, wie ihr euch dabei fühlt«, meinte Sonja und schenkte Kaffee ein.

Ja, Sigrid konnte sich noch gut daran erinnern, wie es auf Hustveit gewesen war. Doch jetzt hatte sie genug mit ihren eigenen Sorgen zu tun: »Alles ist verpfändet, Sonja. Sie wollen mir alles aus den Händen reißen!«

Martin sagte nichts, schaute nur auf die Tischplatte herunter. Es war schwer zu erraten, was er dachte.

»Ihr werdet doch sicher auf dem Hof bleiben dürfen«, meinte Sonja.

Sigrid weinte bei ihren Worten.

»Gott segne dich, Sonja, aber ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll. Martin sagt, dass er nach Kanada auswandern möchte. Aber wer wird ihm das Geld für die Fahrkarte vorstrecken?«

Die junge Frau griff nach dem Arm ihres Mannes: »Du darfst aber nicht fahren, Martin!«

Sonja fühlte die Wut, die sie die letzten Jahre mit sich herumgetragen hatte, in sich hochsteigen. Sie richtete sich nicht nur gegen Harald, der immer mit dem Kopf durch die Wand wollte. Vielmehr ging es ihr um das Schicksal der Armen, die sich abmühten und trotzdem so viel ertragen mussten. Sie dachte daran, als Sigrid erzählte – über die Krankheit ihres Mannes, der so früh sterben musste, über das Pech mit dem Vieh, über ihre Bucht, die beim Fischen so wenig abgeworfen hatte, über den Heringsfang, bei dem Martin sich so ungeschickt angestellt hatte, dass Netze und Fischfanggeräte verloren gingen, als die vielen Fischer von auswärts kamen und sich vordrängten. So war eins zum anderen gekommen. Ein Acker wurde vom Fluss überflutet, bevor sie die Ernte retten konnten. Ihr Pech hatte irgendwie kein Ende nehmen wollen.

Sonja konnte nur wenig Trost spenden. Auch Björn war hereingekommen, als sie sich unterhielten, jetzt lauschte er wortlos dem Gespräch. Welche Gedanken ihm dabei durch den Kopf gingen, sah man ihm nicht an. Er ließ Sonja nicht aus den Augen, als sie die Gäste zur Tür begleitete.

Etwas später kam auch Harald die Treppe hoch. Er schaute sich prüfend um, bevor er in die Wohnstube trat. »Du hast ja vornehmen Besuch gehabt«, meinte er spöttisch. Dann erblickte er Björn, der am Tischende saß und die kleine Lokalzeitung durchblätterte.

Harald ging näher, riss Björn die Zeitung aus den Händen.

»Und du treibst dich nur herum, wenn ich deine Hilfe benötige?«

Björn wollte aufstehen, aber Harald schob ihn auf den Stuhl zurück.

Jetzt hatte Björn Angst bekommen. Nur wenn er wütend war, konnte er solche Streiche wie am Vormittag spielen.

Sonja hatte sich mit der Zeit daran gewöhnt, dass die beiden nicht besonders gut miteinander auskamen. »Hört doch damit auf, ich möchte heute keinen Streit«, meinte sie nur.

Aber jetzt war Harald nicht mehr aufzuhalten.

»Bei deiner Herkunft war nichts Besseres zu erwarten!«, schrie er.

Björn wurde hochrot im Gesicht und klammerte sich an die Tischplatte. »Es tut mir ja auch Leid«, kam es unerwartet. »Aber ich bin wütend geworden, weil du wegen der Mehlsäcke so einen Aufstand gemacht hast –!«

Harald ließ sich aber nicht besänftigen: »Du hast mich vor allen Leuten blamiert, jawohl, das hast du! Heute haben mich alle damit aufgezogen, dass ich mir von diesem Kuckuckskind alles gefallen lassen muss! Aber ich werde dir und den anderen noch zeigen, dass mit Harald nicht zu spaßen ist.«

Er ballte die Fäuste, als wollte er zuschlagen, setzte sich nicht, blieb nur stehen und atmete schwer.

Björn schaute zu Boden und sagte nichts.

»Nehmt euch zusammen«, ermahnte Sonja.

Dann drehte sich Harald ihr zu, er hatte diesen besonderen Blick, den sie nur zu gut kannte: »Du wolltest ja unbedingt diesen Kerl hier im Haus haben, du hast ihn die ganzen Jahre nur verwöhnt. Und das ist der Dank dafür! Er verhöhnt mich und stellt mich bloß!«

»Sag nichts, was du später bereuen könntest!« Sonjas Stimme hatte einen drohenden Ton bekommen.

Aber Harald ließ sich jetzt nicht mehr einschüchtern.

»Schweig jetzt, Frau! Ich möchte, dass dieser Kerl hier mein Haus verlässt, nur damit du es weißt!«

Seine Worte hatten auf Björn eine seltsame Wirkung. Er lehnte sich nach vorne und hielt eine Weile die Hände vors Gesicht. Dann sprang er so plötzlich auf, dass der Stuhl nach hinten umfiel. Harald hielt inne, hatte wohl etwas Angst bekommen, denn jetzt stand Björn groß und kerzengerade vor dem Alten. »Ja«, sagte er mit rauer Stimme, »ich werde gehen, dessen kannst du dir sicher sein.«

Er ging einige Schritte, wollte zur Tür hinaus, blieb aber kurz stehen: »Du bist ein alter Geizhals ohne Einsicht und Verstand. Du hast nur noch das eine im Kopf, und zwar, dein Geld zu horten – !«

Und ehe Sonja sich’s versah, war Björn gegangen. Sie vernahm seine schweren Schritte im Flur, bevor die Tür zu seiner Kammer zugeschlagen wurde.

In der Wohnstube wurde es still. Das ganze Haus schien zu schweigen. Es kochte in Sonja, doch gleichzeitig spürte sie eine tiefe Trauer, die sie zu überwältigen drohte. Worauf hatte sie eigentlich gehofft?

Harald hatte sich hingesetzt, hielt den Stock mit zitternden Händen fest. Sonja schaute ihn nur schweigend an, fand aber keine Worte mehr für diesen Mann.

Unten im Laden wurde wieder gesprochen, das Haus schien zu erwachen. Die Leute hatten sie sicher gehört, das machte aber nichts. Harald hatte sein Leben immer zur Schau gestellt. Das war auch ein Teil seiner Kraft. Er hatte vor nichts und niemandem Angst. Aber wenn eines Tages diese Kraft nachlassen sollte? Sonja musste den Gedanken, der jetzt in ihr wach wurde, zu Ende denken. An dem Tag würde sich kein Mensch mehr um Harald kümmern, denn er hatte in seinen besten Jahren keine Hilfe benötigt. Dann würde …

»Warum flennst du, Frau? Deck den Tisch!«

Sie weinte gar nicht, das sagte er nur, um sie aufzuziehen. Sie spürte eine schwere Faust in der Brust, eine bösartige Freude ohne Verzeihung. Ohne ein Wort ging sie in die Küche.

Sie deckte den Tisch wie immer, genauso wie es Harald haben wollte, aber nicht für sich selbst. Er sah es und sagte: »Isst du nichts?«

»Nein, heute Abend möchte ich nichts essen«, meinte sie nur.

Sie ließ ihn allein zurück. Sie hörte ihn mit Gabel und Messer hantieren, wollte aber in dem Augenblick nichts mehr von ihm wissen. Sie ging zur Kammer mit den vielen Fenstern, doch die Tür war verschlossen.

»Ich bin es, Björn. Mach doch bitte auf!«

Zuerst vernahm sie keine Geräusche, dann aber bewegte sich etwas dort drinnen. Sie vernahm ein Murmeln, das sollte wohl heißen, dass er mit niemandem reden wollte. Aber Sonja gab nicht nach. Sie wiederholte seinen Namen immer wieder, machte sich klein für ihn, dem sie die vielen Jahre hindurch so viel gegeben hatte.

Schließlich öffnete er, ein blasser Björn mit wirrem Haar und flackernden Augen stand vor ihr. Er hatte sich umgezogen, seine Arbeitskleidung lag zusammengerollt auf dem Bett.

Sie hätte ihn am liebsten umarmt so wie früher, als er noch ein Kind war, aber etwas an ihm hielt sie davon ab. Sie setzte sich auf den Schemel, Björn stand am Fenster und drehte ihr den Rücken zu.

»Du darfst Harald nicht ernst nehmen«, versuchte sie. »Morgen ist er wieder der alte. Und was soll er ohne dich tun?«

Er lachte dort drüben am Fenster, so hart und grausam, dass es Sonja kalt über den Rücken lief.

»Morgen bin ich nicht mehr hier.«

Alles um sie herum wurde schwarz.

»Aber wo willst du denn hin?«

Es dauerte eine Weile, bevor er antwortete. »Das weiß ich nicht. Zum Teufel noch mal, das ist auch egal!« Er fluchte in den dämmerigen Raum hinaus.

Von weit her kam eine Stimme, die ihren Namen rief, sie hörte Harald schwer auftreten, wollte aber keinerlei Notiz davon nehmen. Es gab inzwischen zu viele verschlossene Türen, zu viele Wände, die sie von ihm trennten. Es kam Sonja vor, als würden sich in ihrem Inneren Bande lösen, die bis zu ihrem Lebensende hätten halten sollen.

Plötzlich drehte Björn sich um, die Worte kamen wie ein Wasserfall: »Es geht nicht gegen dich, du hast immer … Aber jetzt brauchst du dich meinetwegen nicht mehr aufzuregen, Mutter. Natürlich weiß ich, dass du nicht meine Mutter bist, aber ich habe keine andere gehabt. Jetzt kann er brüllen, bis ihm die Luft ausgeht. Mich wird er nicht mehr fertig machen –!«

Nur die Jugend konnte in ihrem Übermut so reden, aber für Björn war es kein Übermut.

Viele Worte lagen ihr auf der Zunge, Worte, die sie im Laufe der Jahre immer wieder benutzt hatte, Worte über Verzicht und Versöhnung. Alles würde sich wieder einrenken, Harald sei im Grunde gut, wenn er nur …

»Nein, zum Teufel!« sagte sie auf einmal, zuckte aber zusammen, als Björn fragte, was sie damit meine. Dann rief sie: »Ein Mensch sollte vor niemandem herumkriechen, das sage ich dir. Man sollte zum Teufel noch mal herumtrampeln, damit es jeder hören kann! Jetzt habe ich seinetwegen auch noch fluchen müssen.«

Das waren aber keine hilfreichen Worte für Björn. Sie sah seine Arbeitskleidung, die er ordentlich hingelegt hatte, schaute sich in der Kammer um, wo er die vielen Jahre geschlafen hatte.

»Was hast du denn vor?«, fragte sie zum wiederholten Male.

Björn antwortete nicht, hatte sich aufs Bett gesetzt. Sie spürte seine Nähe. Wenn sie ihn nur umarmen und festhalten könnte!

»Wenn du weggehst, Björn, dann weiß ich nicht, was ich tue.«

Sie hätte es nicht sagen sollen, aber die Worte waren auf einmal da.

Doch Björn hatte seine eigenen Probleme: »Wie war er eigentlich, mein Vater?«

Sonja sah den dunklen Bootsbauer vor sich, der kräftige Kerl, der hinter Björns Mutter her gewesen war.

»Das habe ich dir doch erzählt, und es war auch eine andere Zeit damals. Du weißt ja, wie es ist, wenn Kinder nicht ins Muster passen. Dein Vater hat sich aus dem Staub gemacht, er zog wieder in den Norden, glaube ich, wo er auch herkam.«

»Hat er niemals geschrieben und sich nach mir erkundigt?«

Es lag eine sonderbare Erwartung in den Worten des jungen Mannes.

»Doch, schon. Es kam einmal ein Brief, du warst damals acht Jahre alt. Er erzählte, dass er eine Frau und viele Kinder habe. Aber den Anspruch auf dich hatte er schon lange vorher abgegeben.«

»Den Anspruch auf mich …«, wiederholte Björn, sagte aber nichts mehr.

»Du hast sicher oft an ihn gedacht, Björn. Wir hätten mehr über deine Probleme reden müssen. Man sagt meistens zu wenig über die Dinge, die einem am meisten bedeuten.«

»Er bedeutet mir nichts!«

»Du hast aber noch die Familie deiner Mutter, ein paar Schwestern deiner Mutter sollen noch am Leben sein.«

Björn schnaufte verächtlich.

»Es bedeutet mir alles nichts, das hab ich doch gesagt!«

»Ich habe deinen Vater, er hieß übrigens auch Harald, kaum gekannt. Es war eine schlimme Zeit, alles stand Kopf.«

»Dein Harald hat aber gesagt, dass er verwegen und ungestüm war!«

Sonja sah wieder den Mann aus dem Norden vor sich: ein Mann, der seinen eigenen Willen immer durchsetzte und alles zerstörte, was ihm dabei in den Weg kam! Gott behüte, Björn würde hoffentlich nicht nach seinem Vater kommen.

»Und Lyhamar!« Plötzlich wurde sie berechnend. Björn und Lyhamar – sie hatte sich so sehr gewünscht, dass diese Rechnung aufgehen würde.

»Und das alles hier, Björn?«

»Meinst du wirklich, dass es hier so viel gibt?«

Sonja wusste nichts zu antworten.

»Was soll bloß nur einmal aus dir werden?«, meinte sie stattdessen.

Björn zuckte die Achseln.

»Auf der Werft können sie mich sicher gut gebrauchen. Ich kann Bretter tragen und Sägemehl fahren.«

Sonja erhob sich. Sie mochte nichts mehr sagen, drehte sich nur um und tastete nach dem Türgriff.

Dann hörte sie ihn sagen: »Hast du das ehrlich gemeint, dass du auch nicht bei ihm bleiben möchtest?«

So hatte sie sich nicht ausgedrückt, und sie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte.

»Für dich gibt es immer einen Platz hier in Lyhamar, Björn. Dafür stehe ich ein.«

Damit verließ sie ihn, hatte keine Worte mehr.

Später hörte sie ihn die Treppe heruntergehen, ganz leise, als würde er sich heimlich davonschleichen.

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Im Farbenspiel der Liebe

eISBN 978-3-475-54510-8 (epub)

Die Hobbyköchin Molly kümmert sich im Pferdeasyl ihrer Freundin Maura um die Finanzen und baut sich nebenbei eine kleine Cateringfirma auf. Zusammen mit Erin, einer jungen Frau mit Down-Syndrom, produziert sie gesunde Fertiggerichte. Während der turbulenten Vorbereitungen lernt Molly Erins Bruder Ronán kennen, der sie sofort in seinen Bann zieht. Doch die Journalistin Nancy bemüht sich ebenfalls um den attraktiven Mann. Als Molly entführt wird und in Lebensgefahr schwebt, zögert Ronán nicht, alles für ihre Rettung zu tun. Werden die beiden zueinander finden?

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