Sämtliche Werke - Band 11 - Ernst Jünger - E-Book

Sämtliche Werke - Band 11 E-Book

Ernst Jünger

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Beschreibung

Beide Fassungen des »Abenteuerlichen Herzens«, dazu der »Sizilischer Brief an den Mann im Mond«, der Brief »An einen verschollenen Freund« sowie die Prosastücke »Sgraffiti« von 1960: der dritte Essayband der Werkausgabe. Der vorliegende Band entspricht Band 9 der gebundenen Ausgabe. Kaum ein anderes Werk überarbeitete Jünger so stark wie das »Abenteuerliche Herz«. Erschien die erste Fassung 1929, als Jünger bereits als Autor von Kriegsbüchern bekannt geworden war, so steht die zweite Fassung mit dem Untertitel »Figuren und Capriccios« von 1938 in einem völlig anderen Kontext. Oftmals wurde »Das abenteuerliche Herz« auch als Wendepunkt im literarischen Schaffen Jüngers gewertet: War er zuvor der Kriegsschriftsteller, so nun Literat. Einer solchen Einschätzung leistete auch die Überarbeitung Vorschub: 63 zumeist kürzere Prosastücke blieben übrig, in denen Jünger seine eigene Poetologie ebenso darlegt und erprobt, wobei er von einer Beobachtung ausgehend zu seiner (Welt-)Anschauung, seinem Denken vordringt.

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Seitenzahl: 684

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ERNST JÜNGER – SÄMTLICHE WERKE

Tagebücher I-VIII

Band 1 Der Erste Weltkrieg

Band 2 Strahlungen I

Band 3 Strahlungen II

Band 4 Strahlungen III

Band 5 Strahlungen IV

Band 6 Strahlungen V

Band 7 Strahlungen VI, VII

Band 8 Reisetagebücher

Essays I-IX

Band 9 Betrachtungen zur Zeit

Band 10 Der Arbeiter

Band 11 Das Abenteuerliche Herz

Band 12 Subtile Jagden

Band 13 Annäherungen

Band 14 Fassungen I

Band 15 Fassungen II

Band 16 Fassungen III

Band 17 Ad hoc

Erzählende Schriften I-IV

Band 18 Erzählungen

Band 19 Heliopolis

Band 20 Eumeswil

Band 21 Die Zwille

Supplement

Band 22 Verstreutes – Aus dem Nachlaß

Ernst Jünger

 

Sämtliche Werke 11

Essays III

Das Abenteuerliche Herz

Klett-Cotta

Die 22 Bände der Sämtlichen Werke, die zwischen 1978 und 2003 bei Klett-Cotta erschienen sind (1–18: 1978–1983; Supplemente 19–22: 1999–2003), enthalten Ernst Jüngers Fassung letzter Hand. Ihr folgt diese Taschenbuchausgabe in Seiten- wie Zeilenumbruch. Offensichtliche Fehler wurden korrigiert, die posthum erschienenen Supplementbände integriert. Der vorliegende Band entspricht Band 9 der gebundenen Ausgabe.

Impressum

Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

© 2015 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Reihengestaltung Ingo Offermanns, Hamburg, unter

Verwendung von Illustrationen von Niklas Sagebiel, Berlin

Gesetzt von pagina, Tübingen

Datenkonvertierung: Lumina Datamatics GmbH

Printausgabe: ISBN 978-3-608-96311-3

E-Book: ISBN 978-3-608-10911-5

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

DAS ABENTEUERLICHE HERZ

INHALT

Sizilischer Briefan den Mann im Mond

An einen verschollenen Freund

Das Abenteuerliche Herz

Erste Fassung

Aufzeichnungen bei Tag und Nacht

Das Abenteuerliche Herz

Zweite Fassung

Figuren und Capriccios

Inhalt

Sgraffiti

Inhalt

SIZILISCHER BRIEF AN DEN MANN IM MOND

ERSTDRUCK 1930

in »Mondstein. Magische Geschichten«

 

1

Ich grüße dich, der du ein Zauberer und ein Freund der Zauberer bist! Freund der Einsamen. Freund der Helden. Freund der Liebenden. Freund der Guten und Bösen. Mitwisser nächtlicher Geheimnisse. Sag an: wo es einen Mitwisser gibt – gibt es da nicht bereits etwas mehr, als gewußt werden kann?

Ich entsinne mich noch recht wohl der Stunden, in denen dein Gesicht groß und schrecklich im Fenster erschien. Dein Licht fiel in den Raum wie jenes Geisterschwert, vor dem, wenn es gezückt wird, jede Bewegung erstarrt. Wenn du aufgehst über den weiten Gefilden aus Stein, siehst du uns schlummern, dicht an dicht, mit bleichen Gesichtern, wie die weißen Puppen, die unzählig in den Winkeln und Gängen der Ameisenstädte ruhn, während der Nachtwind durch die großen Tannenwälder schweift. Leben wir für dich nicht im Abgrunde des Meeres, Wesen der Tiefsee – und versunkener als sie?

Versunken schien mir auch mein kleines Zimmer, in dem ich mich im Bette aufgerichtet hatte, eingetaucht in eine Verlassenheit, die zu tief ist, als daß sie von Menschen durchbrochen werden könnte. Lautlos und regungslos standen die Dinge im fremden Licht wie Meereswesen, die man unter einem Vorhang von Algen auf dem Grund erblickt. Schienen sie nicht rätselhaft verändert – und ist Veränderung nicht die Maske, hinter der sich das Geheimnis des Lebens und des Todes verbirgt? Wer kennt diese Augenblicke einer unbestimmten Erwartung nicht, in denen man horcht, ob die Stimme des Unbekannten, das man nahe fühlt, nicht gleich ertönen wird, und in denen jede Form das Verborgene nur mit Mühe noch in sich verschließt? Ein Knistern im Gebälk, das Schwingen eines Glases, an dem eine unsichtbare Hand vorbeizustreichen scheint – wie doch der Raum von der Anstrengung eines Wesens geladen ist, das nach dem Sinne begehrt, der seine Signale aufzufangen vermag!

Die Sprache hat uns die Dinge zu sehr verachten gelehrt. Die großen Worte sind wie das Gradnetz, das sich über eine Landkarte spannt. Aber ist eine einzige Faust voll Erde nicht mehr als eine ganze Welt, die auf der Landkarte steht? Damals hatte das Raunen der namenlosen Gestalten noch einen seltsameren, zwingenderen Klang. An verfallene Zäune und Kreuzwegpfähle sind Zeichen gekritzelt, an denen der Bürger achtlos vorübergeht. Aber der Landstreicher hat Augen für sie, er ist ihrer kundig, sie sind ihm Schlüssel, in denen sich das Wesen einer ganzen Landschaft offenbart, ihre Gefahren und ihre Sicherheit.

Nun, auch das Kind ist so ein Landstreicher, der noch nicht lange das dunkle Tor durchwanderte, das uns von unserer zeitlosen Heimat trennt. Daher ist es auch noch fähig, auf den Dingen die Sprache der Runen zu lesen, die Kunde geben von einer tieferen Brüderschaft des Seins.

2

Damals fürchtete ich dich als ein Wesen von bösartiger magnetischer Kraft, und ich hatte die Vorstellung, daß man dich in deinem vollen Glanze nicht anstarren dürfe, um nicht der Schwere beraubt und unwiderstehlich hinausgesogen zu werden in den leeren Raum. Zuweilen träumte ich, daß ich die Vorsicht außer acht gelassen hätte, und sah mich dann im langen weißen Hemde, willenlos wie ein Kork auf finsterer Flut, hoch über einer Landschaft dahintreiben, auf deren Grunde nächtliche Wälder lauerten und die Dächer von Dörfern, Schlössern und Kirchen wie schwarzes Silber glimmerten – gleich einer dem Gemüte unmittelbar einsichtigen Zeichensprache einer bedrohlichen Geometrie.

Auf solchen Traumfahrten war der Körper ganz erstarrt. Die Zehen waren nach unten gestreckt, die Fäuste geschlossen, und der Kopf war in den Nacken gebeugt. Ich empfand keine Angst, nur ein Gefühl unentrinnbarer Einsamkeit inmitten einer ausgestorbenen, von schweigenden Mächten geheimnisvoll durchwalteten Welt.

3

Wie änderte sich später dieses Bild unter dem Einflusse des Nordlichts, dessen erster Einbruch von den feurigen und stolzen Herzen als ein hitziges Fieber erlitten wird. Es gibt eine Zeit, in der man sich seiner Räusche schämt, und es gibt eine andere, da man sie wieder anerkennt. So möchte man auch den Verstandesrausch in seiner äußersten Maßlosigkeit nicht missen, weil in jeden der Triumphe des Lebens ein Absolutes eingeschlossen, weil die Aufklärung tiefer als Aufklärung – weil auch in ihr ein Funke des ewigen Lichtes und ein Schatten der ewigen Finsternis verborgen ist.

Finsterer Angriff auf das Unendliche! Soll sich ein mutiges Herz schämen, an ihm beteiligt gewesen zu sein? Soldatische Einsamkeit der Minierstollen, in denen nach Sekunden und Millimetern gearbeitet wird, machtvolle Front der Kampfgräben am Niemandsland, mit der strengen Mathematik der Bastionen und den Postenständen, mit blitzenden Maschinen und phantastischen Instrumenten bestückt!

Gern weilt der Gedanke an jener Grenze, an der die Zahl in das Zeichen verfließt, gern kreist er um die beiden symbolischen Pole des Unendlichen, das Atom und den Stern, und er liebt es, Beute zu machen auf dem Schlachtfeld der unendlichen Möglichkeit. Welcher Zauberlehrling hätte nicht einmal hinter den künstlichen Raubvogelaugen der Teleskope gestanden, die der Gang lautloser Uhren in kosmischen Kurven bewegt, welcher nicht einmal zur geschäftigen Schar der Psychologen gezählt?

Hier wird die Gefahr bedeutend; und wer die Gefahr liebt, der liebt es, sich zu verantworten. Dessen Wunsch ist es, schärfer angegriffen zu werden, damit er sich schärfer verantworten kann. Das Licht scheint bei Tage verborgener als in der Nacht. Wer vom Zweifel geschmeckt hat, dem ist bestimmt, nicht diesseits, sondern jenseits der Grenzen der Klarheit nach dem Wunderbaren auf Suche zu gehen. Wer einmal zweifelte, der muß tüchtiger zweifeln, wenn er nicht verzweifeln will. Ob jemand im Unendlichen eine Zahl oder ein Zeichen zu erblicken vermag – diese Frage ist der einzige und letzte Prüfstein, an dem sich die Art eines Geistes beantwortet. Aber für jeden ist die Position eine andere, die er gewinnen muß, um zur Entscheidung fähig zu sein. Glücklich ist die Einfalt, die die gegabelten Wege des Zweifalls nicht kennt, doch ein wilderes und männlicheres Glück blüht am Rande der Abgründe.

Jedenfalls – war es nicht eine Überraschung, zu erfahren, daß sich hinter dem Mann im Monde ein Licht- und Schattenspiel von Ebenen, Gebirgen, ausgetrockneten Meeren und erloschenen Ringkratern versteckt? Es kommt mir hier der sonderbare Verdacht Sswidrigailows in den Sinn – der Verdacht, daß die Ewigkeit nur eine kahle, weißgetünchte Kammer ist, deren Winkel von schwarzen Spinnen bevölkert sind. Man wird da hineingeführt, und das ist nun die ganze Ewigkeit.

Ja, aber warum denn nicht? Was kümmert denn den Atmenden die Luft? Was kümmert den das Jenseits, für den es nichts gibt, was nicht auch jenseitig ist?

Was not tut, ist eine neue Topographie.

4

Der Bohrer denkt auf andere Art als die Zange, die einen Punkt nach dem anderen ergreift. Sein Gewinde schneidet weit und in verschiedenen Schichten in den Stoff, aber durch jeden der vielen Punkte, die er im Spiralgang berührt, wird dem Stoß der Spitze Richtung und Nachdruck verliehen.1 Dieses Verhältnis zwischen Zufall und Notwendigkeit, die sich nicht ausschließen, sondern einander bedingen, wohnt auch den Worten und Bildern einer Sprache inne, die auf die letzten Möglichkeiten der Verständigung Anspruch erhebt. Jedes Wort wird auf eine Achse bezogen, die selbst keine Worte zu tragen vermag. Die Sprache, von der ich träume, muß bis in den letzten Buchstaben verständlich oder vollkommen unverständlich sein als der Ausdruck einer höchsten Abgeschlossenheit, die allein zur höchsten Liebe fähig macht. Es gibt Kristalle, die nur in einer Richtung durchsichtig sind.

Aber bist du nicht selbst ein Meister, der seine Rätsel kunstvoll zu stellen weiß? jene Rätsel, von denen nur der Text, nicht aber die Lösung mitteilbar ist, so wie der Jäger seine Schlingen wohl knüpfen kann, aber warten muß, ob ein Wild sie zuziehen wird?

Kommt es doch nicht darauf an, daß die Lösung, sondern daß das Rätsel gesehen wird.

5

Du kennst das Leben am Rande der finsteren Wälder, die Gärten, leuchtende Inseln im Glanze der Lampione, eingeschlossen in die Zauberwirbel der Musik. Du kennst die Paare, die sich schweigend im Dunkel verlieren; dein Strahl trifft ihre Gesichter – bleiche Masken, während die Wollust den Atem beschleunigt und die Angst ihn unterdrückt. Du kennst den Trunkenen, der einsam das Dickicht durchbricht.

Du warst groß aufgegangen über dem strohgedeckten Hause am Strom in jener Juninacht, in der einer deiner Lehrlinge mit dir engere Brüderschaft schloß. Der Zechtisch war auf die gestampfte Tenne gestellt, und an den mit Tannenreisern ausgeschlagenen Wänden glänzten die Waffen und roten Mützen im Tabaksrauch. Wo ist diese Jugend geblieben, die so bald die geheimen Siegel des Todes aufbrechen sollte, dessen Botschaft schon für sie bereitet war? Sie war nur einmal, und sie ist immerdar. Wie reißt der erste Rausch das Herz wie mit Segeln dahin! Hattest du diesen nicht lieb, wie er zum ersten Mal in die Tiefen versank, in denen der Elementargeist die Kraft mächtig beschwingt? Gibt es nicht Stunden, in denen man von allem geliebt werden muß, wie eine Blume, die in wilder Unschuld erblüht? Stunden, in denen wir vom Übermaß wie ein Geschoß aus den gezogenen Läufen der Gewohnheit gepreßt werden? Erst dann beginnen wir zu fliegen, und erst im Ungewissen gibt es ein hohes Ziel.

Ich begleite ihn mit meinen Augen, als ob es heute gewesen wäre, denn es gibt Erlebnisse von einer Gültigkeit, die sich allen Gesetzen der Zeit entzieht. Wenn das Feuer des Weines die Jahresringe zerschmilzt, die sich um dieses wunderliche Herz geschlossen haben, entdecken wir, daß wir im Grunde immer dieselben geblieben sind. O Erinnerung, Schlüssel zur innersten Gestalt, die Menschen und Erlebnisse bewohnt! Ich bin gewiß, daß du selbst im dunklen, bitter berauschenden Wein des Todes enthalten bist als der letzte und entscheidende Triumph des Seins über die Existenz. Euch grüße ich vor allen, ihr einsamen Zecher, die ihr mit euch selbst am Tische sitzt und über Zeiten und Zeiten das Glas gegen euch erhebt! Was sind wir anders als die Spiegelbilder unserer selbst, und wo wir so zu zweit zusammensitzen, da ist auch der Dritte, der Gott, nicht fern.

Ich sehe deinen Schützling, wie er aus einem wütenden Lärm vor die niedrige Türe tritt, über der der schmale weiße Pferdeschädel im Nachtlicht gleißt. Die warme Luft, die mit dem Blütenstaub der Gräser wie mit narkotischem Schießpulver geladen ist, ruft einen wilden Ausbruch hervor, der ihn schreiend und blindlings in die schweigende Landschaft treibt. Er läuft auf dem Kamme der hohen Mauer entlang, die die Wiesen begrenzt, und stürzt von ihr, seltsam schmerzlos, in das dichte Gras hinab. Weiter geht der Lauf im Gefühl einer Kraft, die sich aus unbegrenzten Mitteln zu nähren scheint. Die großen weißen Dolden, die wie fremde Signale vorübergleiten, der Geruch einer heißen, gärenden Erde, die bitteren Dünste der wilden Möhre und des gefleckten Schierlings – dies alles gleicht den Seiten eines Buches, die sich von selbst aufschlagen und auf denen von immer tieferen, wunderbareren Verwandtschaften berichtet wird. Keine Gedanken mehr, die Eigenschaften schmelzen dunkel ineinander ein. Das namenlose Leben wird jauchzend begrüßt.

Er bricht in den weiten Schilfgürtel ein, der den Strom umschließt. Aus dem Schlamm treiben die Gase brodelnd empor. Wie mit Armen umfängt das Wasser die glühende Brust, und dann gleitet das Gesicht über den dunklen Spiegel des Flusses dahin. In der Ferne braust ein Wehr, und das Ohr, das der Ursprache nahegekommen ist, fühlt sich gefährlich verlockt. Aus bodenlosen Tiefen schimmern die Sterne herauf und beginnen zu tanzen, wenn das Wasser seine Wirbel zieht.

Am anderen Ufer öffnet sich der Wald; sein Dickicht fängt drohend und in wirren Linien das Leben ein. Die Wurzeln breiten ihr verschlungenes Muster von Fäden und Fangarmen aus, und die Zweige verflechten sich zu einem Netz, an dessen Säumen ein Schwarm wechselnder Gesichter sich bewegt. Über dem Haupte schneiden sich die Gitter der sinnlos zeugenden Kraft, die mit ihren Gestalten zugleich Feindschaft und Untergang gebiert, und der Fuß wirbelt den faden Dunst des Moders auf, in dem sich das Leben mit dem Tode trübe durchdringt.

Doch da bricht die Lichtung auf, und dein Schein fällt wie der Bannstrahl des Gesetzes in die Finsternis. Die Stämme der Buchen glänzen wie Silber und die Eichen wie die dunkle Bronze, aus der die alten Schwerter geschmiedet sind. Ihre Kronen treten in mächtiger Gliederung hervor. Jeder kleinste Zweig und die letzte Ranke der Brombeere sind durch dein Licht berührt, gedeutet, aufgeschlossen, indem sie eingeschlossen sind – von einem großen Augenblick getroffen, vor dem alles bedeutend wird und der den Zufall auf seinen geheimeren Pfaden überrascht. Sie sind in eine Gleichung einbezogen, deren unbekannte Zeichen mit leuchtender Tinte geschrieben sind.

Wie selbst in der verworrensten Landschaft die einfachen Linien der Heimat verborgen sind! Beglückendes Gleichnis, in das ein tieferes Gleichnis eingebettet ist.

6

Was läßt uns bestehen, wenn nicht der geheimnisvolle Lichtstrahl, der zuweilen die innere Wildnis durchzückt? Und der Mensch will sprechen, wie unvollkommen es auch immer sei, von dem, was mehr als menschlich an ihm ist.

Die Versuche der Wissenschaft, mit fremden Gestirnen in Verbindung zu treten, sind ein bedeutungsvoller Zug dieser Zeit. Nicht nur an dem Bestreben selbst, sondern auch an seinen technischen Methoden entzückt eine seltsame Mischung von Nüchternheit und Phantasie. Ist es nicht ein erstaunlicher Vorschlag, über eine Fläche der Sahara mit Leuchtfeuern das rechtwinklige Dreieck des Pythagoras und seine drei Quadrate zu ziehen? Was schiert es denn uns, ob irgendwo im Universum ein Mathematiker lebt! Aber hier ist ein Zug lebendig, der an die Sprache der Pyramiden gemahnt, ein Anklang an den heiligen Ursprung der Kunst, an das feierliche Wissen der Kreatur um ihren verborgenen Sinn – mit allen Voraussetzungen des abstrakten Denkens in Einklang gebracht und von der modernen Technik maskiert.

Ob unsere Funksignale, die wir in die bodenlose Tiefe eisiger Räume schleudern, auch irgendwo empfangen werden? diese Übersetzung von Sprachen, die schon durch irdische Gebirge und Ströme ihre Grenzen finden, in ein elektrisches Pochen, das an den Rändern des Unendlichen um Einlaß wirbt? Und in welche Sprache wird diese Übersetzung übersetzt?

Wunderliche Tibetaner, deren eintöniges Gebet von den Felsklöstern der Observatorien erschallt! Wer möchte über die Gebetsmühlen lachen, der unsere Landschaften mit ihren Myriaden von kreisenden Rädern kennt – diese wütende Unruhe, die den Stundenzeiger der Uhr und die rasende Kurbelwelle des Flugzeugs bewegt? Süßes und gefährliches Opium der Geschwindigkeit!

Aber ist es nicht so, daß im innersten Zentrum des Rades die Ruhe verborgen liegt? Die Ruhe ist die Ursprache der Geschwindigkeit. Durch welche Übersetzungen man auch die Geschwindigkeit steigern möge – jede dieser Steigerungen kann nur eine Übersetzung der Ursprache sein. Aber wie soll der Mensch seine eigene Sprache verstehen?

Siehe, du blickst auf unsere Städte herab. Du hast vor ihnen mancherlei Arten von Städten gesehn und wirst nach ihnen wiederum andere sehen. Jedes einzelne Haus ist wohl eingerichtet und zu seinem besonderen Zweck erbaut. Es gibt enge und winklige Straßen, die der Zufall im Laufe der Zeiten errichtet zu haben scheint, so wie die Felder eines Bauernlandes durch längst vergessene Erbteilungen zugeschnitten sind. Andere sind gerade und breit, und ihre Fluchten sind von Fürsten und großen Baumeistern bestimmt. Die Versteinerungen der Zeiten und Rassen schieben sich mannigfaltig ineinander ein. Die Geologie der menschlichen Seele ist eine besondere Wissenschaft. Zwischen den Kirchen und staatlichen Gebäuden, Villen und Mietskasernen, Bazaren und Vergnügungspalästen, Bahnhöfen und Industrievierteln spannt das Leben seine Kreisläufe aus; der Verkehr ist bedeutend, die Einsamkeit außerordentlich.

Aus einer so großen Höhe jedoch gewinnen diese riesigen Speicher organischer und mechanischer Kräfte ein anderes Bild. Selbst einem Auge, das sie durch die schärfsten Fernrohre betrachten würde, könnte der große Unterschied nicht entgehen. Zwar ändern sich die Dinge nicht für den, der über ihnen steht, aber sie kehren eine andere Seite hervor. So schmilzt in diesem entfernten Bilde die Verschiedenheit der Zeiten ineinander ein. Es ist nicht mehr zu sehen, daß die Kirchen und Burgen tausendjährig und daß die Warenhäuser und Fabriken von gestern sind; dafür tritt etwas hervor, was man ihr Muster nennen könnte – die gemeinsame kristallische Struktur, in der sich der Grundstoff niedergeschlagen hat. Auch von der unermeßlichen Mannigfaltigkeit der Zwecke und der Bewegungen, die sie hervorrufen, nimmt das Auge nichts mehr wahr. Dort unten sind zwei Menschen, die aneinander vorübereilen, zwei Welten für sich, und ein Stadtviertel kann vom anderen entfernter als der Nordpol vom Südpol sein. Aber von dir aus, der du bereits ein kosmisches Wesen und doch noch ein Teil der Erde bist, wird das alles in seiner Ruhe wahrgenommen, gleichsam als die Absonderung, die sich aus den vulkanischen Gärungen und den flüchtigen Säften dieses Lebens gebildet hat. O immer wieder wunderbares Schauspiel, wie aus der Verschiedenheit, aus der Feindschaft der Zeiten und Räume Bildung um Bildung erwächst! Dies ist es, was ich die tiefere Brüderlichkeit des Lebens nenne, in die jede Feindschaft einbezogen ist.

Uns hier unten aber ist es selten vergönnt, den Zweck dem Sinne eingeschmolzen zu sehen. Und doch gilt unser höchstes Bestreben jenem stereoskopischen Blick, der die Dinge in ihrer geheimeren, ruhenderen Körperlichkeit erfaßt. Das Notwendige ist eine besondere Dimension. Wir leben in ihr, und doch vermögen wir nur, und nur im bedeutenden Sein, ihre Projektionen zu schauen. Es gibt Zeichen, Gleichnisse und Schlüssel mancher Art – wir gleichen dem Blinden, der zwar nicht zu sehen vermag, doch der das Licht an seiner dumpferen Eigenschaft der Wärme verspürt.

Ist es nun nicht auch so, daß jede Bewegung des Blinden für ein sehendes Auge sich im Lichte vollzieht, obgleich ihn selbst ewige Dunkelheit umhüllt? So sahen wir niemals unser Gesicht in Spiegeln zeitloserer Art. So aber auch sprechen wir eine Sprache von einer Bedeutung, die uns selbst nicht einsichtig ist – eine Sprache, von der jede Silbe zugleich vergänglich und unvergänglich ist. Symbole sind Zeichen, daß uns, dennoch, das Bewußtsein unseres Wertes gegeben ist. Sie sind einmal Projektionen von Gestalten aus einer verborgenen Dimension, dann aber auch Scheinwerfer, durch die wir unsere Signale ins Unbekannte schleudern in einer Sprache, die den Göttern wohlgefällig ist. Und diese rätselhaften Unterhaltungen, diese Kette wunderbarer Anstrengungen, aus denen der Kern unserer Geschichte besteht, die eine Geschichte der Schlachten der Menschen und Götter ist ––– : sie sind das einzige, was den Menschen des Studiums würdig macht.

7

Der wahre Vergleich, das heißt: die Betrachtung der Dinge nach ihrer Lage im notwendigen Raum, ist das wunderbarste Mittel der Schützenkunst. Seine Basis ist der gemeinsame Ausdruck des Wesentlichen und seine Spitze das Wesentliche selbst.

Das ist eine Art der höheren Trigonometrie, die sich mit dem Messen unsichtbarer Fixsterne befaßt.

8

Ich stieg an diesem leuchtenden Vormittag in den Schluchten des Monte Gallo empor. Die rotbraune Erde der Gärten war noch feucht vom Tau, und unter den Zitronenbäumen standen die roten und gelben Blüten des Sarazenenfrühlings gleich einem Muster, wie es der Morgenländer in seine Teppiche webt. Dort, wo die letzten Blätter der Opuntie nackt und neugierig über die rötlichen Mauern spähten, schlossen sich die Bergtriften an, überragt von Felsen und von den gelben Stauden der Wolfsmilch überflammt. Dann führte der Weg durch ein schmal eingeschnittenes Tal aus kahlem Gestein.

Ich weiß nicht und will auch nicht versuchen, es zu beschreiben, wie mir inmitten dieser Mauern plötzlich die Einsicht auftauchte, daß ein Tal wie dieses mit seiner steinernen Sprache den Wanderer eindringlicher ergreift, als es einer reinen Landschaft möglich wäre, oder daß, anders gesprochen, eine solche Landschaft über tiefere Kräfte verfügt. Nun hat es wohl nie ein Bewußtsein von Rang gegeben, dem das nicht deutlich gewesen wäre, und doch sind Augenblicke selten, in denen man über die Erkenntnis eines beseelten Lebens, das in der Natur waltet, hinaus einem körperlichen Ausdruck dieses Lebens gegenübersteht. Ja ich glaube, daß sie seit ganz kurzer Zeit überhaupt erst wieder möglich geworden sind. Ein solcher Augenblick aber war es gerade, der mich in dieser Stunde überraschte – ich fühlte die Augen dieses Tales voll Aufmerksamkeit auf mir ruhen. Mit anderen Worten: es war unzweifelhaft, daß dieses Tal seinen Dämon besaß.

Gerade jetzt und noch im Taumel der Entdeckung fiel mein Blick auf deine schon sehr bleiche Scheibe, die dicht über dem Höhenkamme und wohl nur aus der Tiefe heraus noch am Himmel zu sehen war. Da stand in einer seltsam blitzhaften Geburt das Bild des Mannes im Monde wieder auf. Gewiß, die Mondlandschaft mit ihren Felsen und Tälern ist eine Fläche, die der astronomischen Topographie ihre Aufgaben stellt. Aber ebenso gewiß ist es, daß sie zugleich jener magischen Trigonometrie, von der wir eben sprachen, zugänglich ist – daß sie zugleich ein Gebiet der Geister ist und daß die Phantasie, die ihr ein Gesicht verlieh, mit der Tiefe des kindlichen Blickes die Urschrift der Runen und die Sprache des Dämons verstand. Aber das Unerhörte für mich in diesem Augenblicke war, diese beiden Masken ein und desselben Seins unzertrennlich ineinander einschmelzen zu sehen. Denn zum ersten Male löste sich hier ein quälender Zwiespalt auf, den ich, Urenkel eines idealistischen, Enkel eines romantischen und Sohn eines materialistischen Geschlechtes, bislang für unlösbar gehalten hatte. Das geschah nicht etwa so, daß sich ein Entweder-oder in ein Sowohl-als-auch verwandelte. Nein, das Wirkliche ist ebenso zauberhaft, wie das Zauberhafte wirklich ist.

Das war das Wunderbare, das uns an den doppelten Bildern entzückte, die wir als Kinder durch das Stereoskop betrachteten: Im gleichen Augenblick, in dem sie in ein einziges Bild zusammenschmolzen, brach auch die neue Dimension der Tiefe in ihnen auf.

Ja, so ist es: die Zeit hat uns den alten Zaubersprüchen, die lange vergessen, aber immer gegenwärtig waren, wieder nahegebracht. Wir fühlen, wie, zögernd noch, Sinn in das große Werk einzuschießen beginnt, an dem wir alle schaffen, das uns im Banne hält.

__________

Anmerkungen

1  »Der Walkschraube Bahn, grad oder krumm, ist ein und dieselbe.« Heraklit

AN EINEN VERSCHOLLENEN FREUND

ENTSTANDEN 1930. ERSTDRUCK in: »Sämtliche Werke«,

Band 9, Stuttgart 1979

 

1

Wie sollte mich die Gewißheit schmerzen, lieber Freund, daß du zugrunde gegangen bist? Unsere Freundschaft galt nicht dem Menschen, daher kann der Tod sie ebensowenig beenden, wie er uns zu beunruhigen vermag. Nichts macht die Erinnerung an ein Leben, mit dem wir irgendwo und irgendwann einmal mit der flüchtigen Innigkeit, die den menschlichen Begegnungen innewohnt, uns verbanden – nichts macht diese Erinnerung klarer als der Gedanke, daß es mit Sicherheit und seinem Wesen gemäß zu Ende geführt worden ist.

*

Du, lieber Benoit, warst ein Abenteurer und hattest den Namen, unter dem ich dich kannte, auf einer Streichholzschachtel gefunden, die im Schmutz eines Hafendammes lag. Was ist natürlicher, als daß auch über deinen Tod niemals eine Nachricht mich erreichen wird. Denn wo könnte dein Grab anders liegen als an jenen äußersten Rändern, zu denen die Unruhe den Verwegenen treibt und an denen Namen und Daten flüchtiger und bedeutungsloser sind als der Sand, der über die Hügel treibt.

*

Namen und Daten sind bedeutungslos für den, der das Leben in seiner Verschwendung liebt. Und wer von uns hätte es nicht auch einmal auf diese Weise geliebt und dächte gern an seine Liebe zurück? Du konntest nicht fallen in einer jener Schlachten, in denen über die Ordnung der Welt entschieden wird. Du mußtest untergehen in den fernsten Wirbeln, in denen die Geschichte in die Natur verfließt und in denen nicht mehr die Richtung der Bewegung, sondern ihre Gewalt das Entscheidende ist.

*

Denn die Ordnungen der Welt stehen geschichtet und gegliedert wie Korallenriffe in den tausendfältigen Wettern und Unwettern der See. Immer aber gibt es Menschen, die das Erinnern an eine wildere und rätselhaftere Heimat treibt, nähere Verwandte der Natur, deren Weckruf sie zum Aufbruch zwingt, in unmittelbarer Verantwortung, auf eigene Faust. Die Ordnung rächt sich an ihnen, indem sie sie verwirft, und ihr Dasein gleicht dem der Wilden, die jenseits der Steinzeit in ihren Wäldern leben, deren Hütten die Zeit schnell zerstört, deren hölzerne Geräte der Moder frißt und von deren Kämpfen die Geschichte nicht Kenntnis nimmt.

*

Aber hegt nicht das Leben für seine natürlichen Söhne, denen es Namen und Sicherheit versagt, eine besondere Liebe, und eröffnet es ihnen nicht Geheimnisse eigener Art? Hitze und Frost der Elemente, den bunten Tropengürtel der Lüste, der ewig um die blauen Eiskappen der Pole kreist? Und fordert es nicht das, was es mit seinen Urstoffen nährte, als Urstoff zurück? Die Erde west aus dem Staub dieser Gräber, die einsam zerfallen sind, und die namenlosen Felder der Tiefsee sind mit Irrfahrern besät, deren Ziel die Ferne war.

*

Daher wird, wenn der Wind sich aus glühenden Einöden erhebt und in die stilleren Räume einbricht oder wenn die See an den felsigen Strandlinien kocht, auch die innerste Unruhe lebendig, die das Leben beengt. In die Stimmen der Elemente sind eure Rufe verstreut, und die Herzen der Einsamen vernehmen sie wohl, wie die Rufe der Zugvögel, die nächtlich über die großen Städte ziehn. Uns verbindet die geheime Bruderschaft jener, die es immer wieder zum Aufbruch treibt – und daß sie sich überall, wo sie sich in der Welt begegnen, erkennen, ist nur ein Zeichen der Verwandtschaft, die jenseits der Zeiten begründet ist.

*

Bei dieser Verwandtschaft! Was kümmert es mich, ob du auf dem schmalen Erdstreifen gefallen bist, auf dem man vor Gallipoli die Söldner landete, ob du zu denen gehörtest, die auf den Wüstenmärschen hinter den Kolonnen zurückblieben und nie wieder im Lager gesehen wurden, oder ob dich auf den Inseln der Sträflinge das Fieber gefressen hat. Was hilft es, daß wir ein wenig länger an den Gräbern verweilen als jene, die sie während einer Marschpause flüchtig bereiteten? Unsere Anstrengungen gegen die Zeit gleichen den Dämmen, die ein Kind am Ufer des Meeres errichtet hat. Aber unsere unbarmherzige Liebe gilt nicht dem Menschen, sondern dem, was unzerstörbar an ihm ist. Unser Gedächtnis ist kurz und undankbar, aber die Erinnerung ist namenlos. So kommt es, daß auch die Vergessenen in der Erinnerung leben; sie wachen in den Träumen jeder neuen Jugend auf, so wie der Saft aus den welkenden Blättern immer wieder in die Bäume steigt. Überall ist das Leben sparsam, nur in der Verschwendung nicht, und wer sich verschwendete, trug das Seine bei zu dem unsichtbaren Kapital, aus dem der Übermut des Lebens sich erhält.

*

Woran sollen wir glauben in dieser Zeit, wenn nicht an den Funken, der nie verloren geht. Steine und Tafeln aus Erz haben ihre Zeit, und auch die bunten Farben müssen verblassen, mit denen das Leben sich in der Dichtung niederschlägt. Nur das innerste Feuer, das dieses Leben antreibt, bleibt bestehen, auch wenn die Erde selbst mit ihren Ruinen und Katakomben, mit ihren Pyramiden und Bibliotheken in Feuer und weiße Glut verwandelt wird. Der Anteil an ihm ist es, der an uns gewogen wird; er ist es, der dem Einsamen den Glauben an sich verleiht.

2

Daß wir mit unseren toten Freunden freier und rücksichtsloser zu sprechen vermögen, liegt daran, daß die Erinnerung es liebt, das Leben im Feuer zu sehen, noch ehe es sich in Asche verwandelt hat. Im Einmaligen verbirgt sich das Unvergängliche, und nur der ermattete Geist liebt es, sich an die Reliquien der Zeit zu heften, denn die Paläste der Vaterstadt hat der Zauberer, der die irrenden Ritter verfolgt, in Krämerläden verwandelt, über unsere Schlachtfelder ist der Pflug gegangen, und die guten Gesellen, denen der Kriegsgott selbst das Maß genommen zu haben schien, sind in den Wechselstuben der Händler untergetaucht.

*

Die Jugend liebt das Lagerfeuer als das Sinnbild des elementaren Raumes, in dem jede Begegnung bedeutend wird. Auch die Form und die Gefahr sind Gleichnisse dieses Raumes, und die Begierde, die dorthin treibt, entspringt dem geheimen Wunsche, Menschen und Dingen im glühenden Medium zu begegnen und mit ihnen in einem tieferen Sinne verbunden zu sein. Aber wo der Verstand herrscht, in der Geometrie der Städte, macht es traurig, die alten Gefährten wiederzusehn. Lieber wollen wir sie in unseren Träumen verfolgen, immer schweifend, immer im Aufbruch, immer im Anstrahl der Sonne, die sich über wilden Landschaften erhebt. Und wer kann uns weniger enttäuschen als der, der die Anker für immer gelichtet hat?

3

Je mehr nun der Zweifel wächst, ob eine Unterhaltung überhaupt möglich ist, desto entscheidender wird die innerste Gültigkeit, die dem Werke innewohnt. Denn die großen Ebenen, auf denen man Frucht zog, sind untergegangen, und die Dämme, die sie begrenzten, sind zerstört. Die Gemeinschaften sind Ansammlungen von Einzelnen, sie gleichen dem mannigfaltigen Gewirr von Tierarten, die eine Überspannung an den Punkten größerer Sicherheit vereint, und sie sprechen unter sich jene Sprache, die die Notdurft lehrt – die Sprache derer, die gern zusammenrücken und ineinanderkriechen, ehe die Menschenfresserei beginnt.

*

Wer den Zustand der Not anerkennt und sich dem Menschlichen anheimgibt, der wählt die billigste Art, auf die man sich verloren geben kann. Wo aber jener unerklärliche Funke der Verantwortung, das Zeichen eines höheren Instinktes, lebendig ist, da herrscht auch der Glaube, daß die Sprache nicht ein Organ der Not, sondern ein Organ des Überflusses ist. Wo die Gemeinschaften zersprengt wurden, bleibt die an Punkten unmittelbare Verantwortung bestehen, die sich Anstrengungen widmet, die vielleicht sinnlos, aber dennoch nicht ohne Würde sind. So sprühen aus den Funkzellen sinkender Schiffe, die von jeder Rettung ausgeschlossen sind, Signale in den Raum, von denen es weit weniger wichtig ist, ob sie aufgefangen werden, als daß sie abgegeben worden sind. So führt unser Geist auf Expeditionen, von denen es keine Rückkehr gibt, ein strenges Tagebuch, und jede Zeile ist wohl aufgehoben, auch wenn sie nie gelesen wird.

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Auch auf Irrfahrten ist es von Bedeutung, daß man das Besteck aufnimmt. Denn das Heil liegt nicht am Ende des Weges, sondern in der Figur, die seine Linie beschreibt. Daher liegt in ihrer Deutung ein Schlüssel zu den Geheimkammern des Lebens, zu den Urcharakteren, von denen der Charakter unserer Bahn die Übersetzung ist.

DAS ABENTEUERLICHE HERZ

Erste Fassung

AUFZEICHNUNGEN BEI TAG UND NACHT

»Den Samen von allem, was ich im Sinn habe, finde ich allenthalben.«

Hamann

ERSTAUSGABE 1929

 

Berlin

Es wäre mir unmöglich, für meine Person die starke Anteilnahme aufzubringen, deren Vorhandensein ich nicht leugnen kann, verliehen mir nicht zwei Umstände eine gewisse Sicherheit.

Einmal besitze ich das bestimmte Gefühl, einem im Grunde fremden und rätselhaften Wesen nachzuspüren, und dies bewahrt vor jener pöbelhaften Eigenwärme, jener Stickluft der inneren Wohn- und Schlafzimmer, die mir am »Anton Reiser« unangenehm ist. Es verleiht dem Zugriff eine größere Sauberkeit, wie der Gummihandschuh den Fingern des Operateurs. Ich habe dieses Gefühl, als ob ein aufmerksam beobachtender Punkt aus exzentrischen Fernen das geheimnisvolle Getriebe kontrollierte und registrierte, selbst in den verworrensten Augenblicken nur selten verloren. Ja es schien mir oft, als ob in sehr menschlichen Augenblicken, etwa denen der Angst, dort oben etwas vorginge, was ungefähr einem mokanten Lächeln verglichen werden könnte. Aber auch andere Zeichen – Trauer, Rührung, Stolz – glaubte ich zuweilen gleich Signalen einer inneren Optik an jenem Fixpunkt zu erkennen, den ich als ein zweites, feineres und unpersönliches Bewußtsein bezeichnen möchte. Von dort aus gesehen, wird das Leben von noch etwas anderem als von Gedanken, Empfindungen und Gefühlen begleitet, seine Werte werden gleichsam noch einmal gewertet, ähnlich wie ein bereits gewogenes Metall trotzdem von einer besonderen Instanz einen zweiten Stempel erhält. Von dort aus gesehen, erhält dieses Treiben auch erst einen fesselnderen Reiz als den innerhalb der Bezirke einer selbstbewußten Vitalität möglichen.

Dann aber weiß ich auch, daß mein Grunderlebnis, das, was eben durch den lebendigen Vorgang sich zum Ausdruck bringt, das für meine Generation typische Erlebnis ist, eine an das Zeitmotiv gebundene Variation oder eine, vielleicht absonderliche, Spezies, die jedoch keineswegs aus dem Rahmen der Gattungskennzeichen fällt. Aus diesem Bewußtsein heraus meine ich auch, wenn ich mich mit mir beschäftige, nicht eigentlich mich, sondern das, was dieser Erscheinung zugrunde liegt und was somit in seinem gültigsten und dem Zufall entzogensten Sinne auch jeder andere für sich in Anspruch nehmen darf.

Leipzig

Seltsame Vorlieben und die Art, in der der Mensch von einem großen, scheinbar ganz geschlossenen Gebiet nichts beachtet als einen bestimmten Teil, sind sehr bezeichnend für das Wesen einer Persönlichkeit. So sehe ich einen Sinn darin, daß ich mich während meiner anatomischen Studien nie mit der Knochenlehre befreunden konnte, daß ich mich für die Geologie nur da erwärmte, wo sie mit der Paläontologie zusammenhing, daß von allen belebten Schichten wiederum die Juraformation für mich von je einen märchenhaften Glanz besaß, daß mir die Erle immer so unangenehm und der Ahorn so prächtig schien und daß mir von allen tausend Ländern, die die Welt trägt, gerade Zentralafrika das verlokkendste war und heute noch ist. Von all diesem weiß ich, warum es so ist – wie aber ist die Abneigung zu erklären, die ich vor den Pflanzen und Tieren Australiens, ganz besonders vor den Beuteltieren, empfinde oder, um noch Seltsameres zu streifen, die Ahnung, daß Huysmans, von dem ich jahrelang nur die Buchstaben des Namens kannte, für mich von großer Bedeutung sein müsse, eine Ahnung, die sich später als durchaus berechtigt erwies? Durch solche Neigungen und Abneigungen spricht unser Innerstes, das uns selbst ewig verborgen bleiben wird, das sich auszudrücken sucht, indem es sich ins Gleichnis setzt, und das mit nachtwandlerischer Sicherheit den Grad der Verwandtschaft spürt, die uns mit allen Dingen der Welt verbindet und unsere innere Perspektive bestimmt.

Es ist stets ein Ereignis für mich gewesen, gerade dem scheinbar ganz nüchternen Leben zu begegnen, das sich an einem Punkte seiner Oberfläche erwärmt, ohne selbst zu wissen, warum, zwecklos, aber keineswegs ohne Sinn, und gar oft in solchem Mißverhältnis zu seiner Umgebung, daß das Lächerliche nicht ausbleiben kann. Der Volksschullehrer auf dem Lande, der alte Scherben und römische Denare sammelt, der kleine Kaufmann, der plötzlich sein Geschäft im Stiche läßt und Griechisch lernt, um besser über den Syllogismus grübeln zu können, der Schlosser, der Walt Whitman gelesen hat und immer wieder liest und sonst kein anderes Buch – in solchen Erscheinungen deutet sich auf das klarste an, daß das Leben sich über sehr geheimnisvollen und so gar nicht zweckmäßigen Gründen bewegt. Überall hängt das Unsichtbare seine geheimen Angeln nach uns aus, und noch das kleinste, entfernteste Ding ist von jenem mystischen Leben erfüllt, von dem wir selbst ein Teilchen sind. Das Erlebnis, durch das Jakob Böhme beim Anblick eines zinnernen Gefäßes plötzlich die ganze Liebe Gottes empfand, ist keineswegs außergewöhnlicher Natur, und vielleicht ist es wichtiger, als wir ahnen, daß dieses Gefäß gerade ein zinnernes war.

Berlin

Ich glaube, daß folgendes Bild das Entsetzen besonders treffend zum Ausdruck bringt: Es gibt eine Art von sehr dünnem und großflächigem Blech, mittels dessen man an kleinen Theatern den Donner vorzutäuschen pflegt. Sehr viele solcher Bleche, noch dünner und klangfähiger, denke ich mir in regelmäßigen Abständen übereinander angebracht, gleich Blättern eines Buches, die jedoch nicht gepreßt liegen, sondern durch irgendeine Vorrichtung voneinander entfernt gehalten werden.

Auf das oberste Blatt dieses gewaltigen Stoßes hebe ich dich empor, und sowie das Gewicht deines Körpers es berührt, reißt es krachend entzwei. Du stürzt, und stürzt auf das zweite Blatt, das ebenfalls, und mit heftigerem Knalle, zerbirst. Der Sturz trifft auf das dritte, vierte und fünfte Blatt und so fort, und die Steigerung der Fallgeschwindigkeit läßt die Detonationen in einer Beschleunigung aufeinander folgen, die den Eindruck eines an Tempo und Heftigkeit ununterbrochen verstärkten Trommelwirbels erweckt. Immer noch rasender werden Fall und Wirbel, in einen mächtig rollenden Donner sich verwandelnd, bis endlich ein einziger, fürchterlicher Lärm die Grenzen des Bewußtseins sprengt.

So pflegt das Entsetzen den Menschen zu vergewaltigen – das Entsetzen, das etwas ganz anderes ist als das Grauen, die Angst oder die Furcht. Eher ist es schon dem Grausen verwandt, das das Gesicht der Gorgo mit gesträubtem Haar und zum Schrei geöffnetem Mund erkennt, während das Grauen das Unheimliche mehr ahnt als sieht, aber gerade deshalb von ihm mit mächtigerem Griffe gefesselt wird. Die Furcht ist noch von der Grenze entfernt und darf mit der Hoffnung Zwiesprache halten, und der Schreck – ja, der Schreck ist das, was empfunden wird, wenn das oberste Blatt zerreißt. Und dann, im tödlichen Sturze, steigern sich die grellen Paukenschläge und roten Glühlichter der Schreckempfindungen bis zum Entsetzlichen.

Ahnst du, was vorgeht in jenem Raume, den wir vielleicht eines Tages durchstürzen werden und der sich zwischen der Erkenntnis des Unterganges und dem Untergange erstreckt?

Leipzig

Traum: Ich schlief in einem altertümlichen Hause und erwachte durch eine Reihe seltsamer Töne, die wie ein nasales »dang, dang, dang« klangen und mich sofort auf das höchste beunruhigten. Ich sprang auf und lief mit gelähmtem Kopfe um einen Tisch. Als ich an der Tischdecke zog, bewegte sie sich. Da wußte ich: es ist kein Traum, du bist wach. Meine Angst steigerte sich, während das »dang, dang« immer schneller und drohender klang. Es wurde durch eine geheimnisvolle, in der Mauer verborgene Warnungsplatte hervorgebracht. Ich lief ans Fenster, aus dem ich auf eine alte, ganz schmale Gasse blickte, die im tiefen Schachte der Häuser lag. Unten stand eine Gruppe von Menschen, Männer mit hohen, spitzen Hüten, Frauen und Mädchen, altertümlich und unordentlich angetan. Sie schienen eben aus den Häusern auf die Gasse gelaufen zu sein; ihre Stimmen schollen zu mir herauf. Ich hörte den Satz: »Der Fremde ist wieder in der Stadt.«

Als ich mich umwandte, saß jemand auf meinem Bette. Ich wollte aus dem Fenster springen, aber ich war wie an den Boden gebannt. Die Gestalt erhob sich ganz langsam und starrte mich an. Ihre Augen waren glühend und nahmen mit der Schärfe des Anstarrens an Umfang zu, was ihnen etwas grauenhaft Drohendes verlieh. In dem Augenblick, in dem ihre Größe und ihr roter Glanz unerträglich wurden, zersprangen sie und rieselten in Funken herab. Es war, als ob glühende Kohlenbrocken einen Rost durchglitten. Nur die schwarzen, ausgebrannten Augenhöhlen blieben zurück, gleichsam das absolute Nichts, das sich hinter dem letzten Schleier des Grauens verbirgt.

Berlin

Es macht mir Vergnügen, daß ich das sonderbarste Verhältnis besitze zu einem der sonderbarsten Bücher, die es gibt, nämlich zum »Tristram Shandy«. Ich trug es während der Gefechte bei Bapaume in einer handlichen Ausgabe in der Kartentasche herum und hatte es auch bei mir, als wir vor Favreuil eingesetzt werden sollten. Da wir in Höhe der Artilleriestellungen vom Morgen bis zum späten Nachmittag in Bereitschaft gehalten wurden, begann es bald, äußerst langweilig zu werden, obwohl die Lage nicht ungefährlich war. Ich fing also an zu blättern, und die verquickte, von mannigfachen Lichtern durchbrochene Manier setzte sich bald in eine seltsame, helldunkle Harmonie zu der äußeren Situation, in der sie aufgenommen werden mußte. Nach vielen Unterbrechungen und nachdem ich einige Kapitel gelesen hatte, erhielten wir endlich Marschbefehl; ich steckte das Buch ein und lag bereits bei Sonnenuntergang mit einer Verwundung da.

Im Lazarett nahm ich die Lektüre wieder auf, gleichsam als ob alles Dazwischenliegende nur ein Traum gewesen wäre oder irgendwie zum Inhalte des Buches selbst gehörte. Ich bekam Morphium und las bald wach, bald in einer seltsamen Dämmerung weiter, so daß die tausend Schachtelungen des Textes noch einmal durch mannigfache seelische Zustände zerstückelt und eingeschachtelt wurden. Fieberanfälle, die mit Burgunder und Kodein bekämpft wurden, Beschießungen und Bombenabwürfe auf den Ort, durch den schon der Rückzug zu fluten begann und in dem man uns zuweilen fast vergaß, steigerten die Verwirrung noch, so daß ich heute von jenen Tagen nur noch die unklare Erinnerung an eine halb empfindsame, halb wilde Exaltation zurückbehalten habe, in der man selbst durch einen Vulkanausbruch nicht mehr in Erstaunen geraten wäre und in der der arme Yorick und der biedere Onkel Toby noch die realsten der Gestalten waren, die sich vorzustellen pflegten.

So trat ich unter würdigen Umständen in den geheimen Orden der Shandysten ein, dem ich bis heute treu geblieben bin.

Berlin

Swedenborg verurteilt den »geistigen Geiz«, der seine Träume und Erkenntnisse verschließt.

Wie aber ist es mit der Verachtung des Geistes davor, sich auszumünzen und in Kurs zu bringen – mit seiner aristokratischen Abgeschlossenheit in den Zauberschlössern Ariosts? Das Unaussprechliche entwürdigt sich, indem es sich ausspricht und mitteilsam macht; es gleicht dem Golde, das man mit Kupfer versetzen muß, wenn man es kursfähig machen will. Welche Sprache ist frei vom Arbeitsgeruche des Gefühlstransports? Wer im Morgenlicht seine Träume zu fixieren sucht, sieht sie dem Gedankennetz entschlüpfen wie der Fischer von Neapel jene flüchtige Silberbrut, die sich zuweilen in die oberen Schichten des Golfes verirrt.

In den Sammlungen des Leipziger Mineralogischen Instituts sah ich einen fußhohen Bergkristall, der bei der Tunnelbohrung aus dem innersten Massiv des Sankt Gotthard gebrochen war – einen sehr einsamen und exklusiven Traum der Materie.

Ich hege einen Verdacht, der die Grenzen der Gewißheit streift: daß unter uns eine erlesene Schar, die sich längst aus den Bibliotheken und dem Staub der Arenen zurückgezogen hat, im innersten Raume, in einem dunkelsten Tibet, an der Arbeit ist. Ich glaube an Menschen, die einsam in nächtlichen Zimmern sitzen, unbeweglich wie Felsen, durch deren Höhlen die Strömung funkelt, die draußen jedes Mühlrad dreht und das Heer der Maschinen in Tempo hält – hier aber jedem Zweck entfremdet und von Herzen aufgefangen, die als die heißen, zitternden Wiegen aller Kräfte und Gewalten jedem äußeren Lichte für immer entzogen sind.

An der Arbeit? Sind es die entscheidenden Adern, an denen das Blut unter der Haut sichtbar wird? Die schwersten Träume werden in namenlosen Fruchtböden geträumt, in Zonen, von denen aus gesehen das Werk etwas Zufälliges, einen minderen Grad der Notwendigkeit besitzt: Michelangelo, der zuletzt die Gesichte nur noch in Umrissen in den Marmor wirft und die rohen Blöcke in Höhlen schlummern läßt wie Schmetterlingspuppen, deren eingefaltetes Leben er der Ewigkeit anvertraut; die Prosa des »Willens zur Macht« – ein unaufgeräumtes Schlachtfeld des Denkens, das Relikt einer einsamen, schrecklichen Verantwortung, Werksäle voll Schlüsseln, fortgeworfen von einem, der keine Zeit mehr hatte, aufzuschließen. Selbst ein im Zenith Schaffender wie der Chevalier Bernini spricht vom Widerwillen gegen das abgeschlossene Werk, Huysmans im späteren Vorwort zu »A Rebours« von der Unmöglichkeit, die eigenen Bücher zu lesen. Dies ist auch ein paradoxes Bild – gleichsam eines Menschen, der das Original besitzt und einen schlechten Kommentar studiert. Die großen Romane, die nicht vollendet wurden, nicht vollendet werden konnten, weil die eigene Konzeption sie erdrückt.

An der Arbeit? Wo sind jene Klöster der Heiligen, in denen die Seele in ihren mitternächtlichen und herrlichen Triumphen den Schatz der Gnade erstritt? die Säulen der Einsiedler als Monumente einer höchsten Sozietät? Wo ist das Bewußtsein geblieben, daß Gedanken und Gefühle ganz unvergänglich sind, daß etwas wie eine geheime doppelte Buchführung besteht, in der jede Ausgabe an einer sehr entfernten Stelle als Einnahme wieder in Erscheinung tritt? Die einzig tröstliche Erinnerung knüpft sich an Augenblicke aus dem Kriege, in denen plötzlich der Feuerschein einer Explosion die einsame Gestalt eines Postens aus dem Dunkel riß, der dort schon lange gestanden haben mußte. Ihr Brüder, durch diese unzähligen und schrecklichen Nachtwachen in der Finsternis habt ihr für Deutschland einen Schatz angesammelt, der nie verzehrt werden kann.

Der Glaube an die Einsamen entspringt der Sehnsucht nach einer namenloseren Brüderlichkeit, nach einem tieferen geistigen Verhältnis, als es unter Menschen möglich ist.

Leipzig

Seien wir auf der Hut vor der größten Gefahr, die es gibt – davor, daß uns das Leben etwas Gewöhnliches wird. Welcher Stoff zu bewältigen ist und welche Mittel zur Verfügung stehen – jene Wärme des Blutes, die unmittelbar Fühlung nimmt, darf nicht verloren gehen. Der Feind, der sie besitzt, ist uns wertvoller als der Freund, der sie nicht kennt. Glaube, Frömmigkeit, Wagemut, Begeisterungsfähigkeit, liebevolle Bindung an irgend etwas, sei es, was es auch sei, kurz alles, was durch diese Zeit haarscharf als Dummheit nachgewiesen ist – überall, wo wir das spüren, geht der Atem leichter, und sei es im beschränktesten Kreis. Mit all diesem ist der einfache Vorgang verbunden, den ich das Erstaunen nenne, jene Innigkeit im Aufnehmen der Welt und die große Lust, nach ihr zu greifen wie ein Kind, das eine gläserne Kugel sieht.

Wenn wir uns der Zeit erinnern, in der wir Kinder waren, des Schweifens durch Wald und Feld, wo das Geheimnis hinter jedem Baum und jeder Hecke verborgen war, der wilden, tobenden Spiele in den dämmerigen Winkeln der kleinen Stadt, der Glut der Freundschaft und der Ehrfurcht vor unseren Idealen, so sehen wir, um wieviel blasser die Welt geworden ist. Können wir noch eine Gestalt so verehren wie Sherlock Holmes, den hageren, nervösen Helden mit der kurzen Pfeife zwischen den Zähnen, oder ist uns irgend etwas noch so wichtig wie der grüne Papagei, der dem armen Robinson auf der Schulter saß? Robert, der Schiffsjunge, und Old Shatterhand, der Rote Freibeuter und Kapitän Morgan, der den Totenkopf im schwarzen Wimpel trug, der Graf von Monte Christo mit seinen Schätzen, Schinderhannes, dieser Freund der Hütten und Feind der Paläste, Dschaudar, der Fischer, dem sein Ring die Herrschaft über dienstbare Genien verlieh, alle diese Abenteurer, Märchenprinzen, Seeräuber und edelmütigen Verbrecher – ich beklage nicht, daß sie dahingegangen sind, aber ich wünschte, daß sie mit jedem neuen Kreis, den das Leben uns öffnet, Nachfolger fänden, auf die die ganze Summe von Liebe und Glauben sich übertragen könnte, die ihnen gewidmet war.

Aber auch später, als man begann, uns mit Sie anzureden, als die Kraft versuchte, sich ganz frisch und ungeschult nach außen zu wenden – was waren das doch für Kerle, mit denen wir zusammen waren, ein Kerl jeder einzelne! – als wir die Zusammenhänge noch nicht sahen, aber wohl ahnten, wie man eine große Landschaft ahnt, wenn aus flutenden Nebeln die ersten Bergspitzen in die Höhe stoßen mit Zinnen, die in der Morgensonne funkeln, und mit Burgen, die zum Erstürmen geschaffen sind. Ja, da setzten sich die Farben zusammen, ganz frisch von der Palette, zu einem leuchtenden, schöneren Bild. Viel erwartete uns, und jeder hatte Angst, zu spät zu kommen, denn unaufhörlich rief und lockte das Wunderbare, so wie der gedehnte, schrille und kühne Schrei eines Raubvogels sich über der Einsamkeit großer Wälder wiederholt.

Damals wollten wir nicht mehr Seeräuber, Trapper und Pelzjäger werden, sondern Minister, Generäle, Bankdirektoren, Dichter, Professoren und Handelsherren. Jeder Einzelne wollte aufs Ganze gehen! Ich höre es noch, wie der kleine Seebohm dieses Wort aussprach: »Exportkaufmann«. Da war das Erstaunen noch da, keine Kontore, keine Ziffern, keine Bilanzen, nein, nur das Klatschen der Wellen an den Kielen der Schiffe, Gold, Gewürze und Elfenbein, ferne Küsten mit großen farbigen Blüten und all dem bunten Dunst, der das Wunderbare verhüllt. Das waren ja keine Berufe, sondern echte, wirkliche Ideale, das durchaus Wesentliche und eigentlich Lebenswerte, von dem ein jeder ergriffen war.

Aber auch später noch! Heidelberger und Jenenser Studenten, Fähnriche mit Gesichtern wie junge Kriegsgötter über dem blutroten Kragen mit der breiten goldenen Kante, andere, die überhaupt nichts taten, um gegen die bürgerliche Ordnung zu protestieren: das waren immer noch Leute, mit denen sich umgehen ließ. Saufen und raufen und hinter den Schürzen herspüren, was schadet denn das? Zum Teufel, der Nächte sind noch nicht genug, in denen wir die Lichter bis zu den Manschetten herunterbrennen ließen. Hatte denn nicht jeder etwas, das sehr ernst genommen wurde – Ehre, Freiheit in allen Schattierungen von 1789 bis 1914, Vaterland, den Sozialismus, die Literatur, die Kunst, die Wissenschaft – sehr ernst genommen nicht aus Einsicht oder Gewohnheit, sondern noch aus dem unmittelbaren Drange des Herzens heraus, das sich an eine Sache zu hängen sucht und nach großen Worten verlangt? Nichts gegen die großen Worte – ich meine, daß es die Begriffe sind, die sich schon zur rechten Zeit einstellen werden. Bewegung muß da sein und Drang nach Bewegung; früh genug fängt das Leben sie ein und leitet sie über seinen Arbeitsgang. Wozu man da ist, das erfährt man vielleicht nie, alle sogenannten Ziele können nur Vorwände der Bestimmung sein; aber daß man da ist, mit Blut, Muskel und Herz, mit Sinnen, Nerven und Gehirn, darauf kommt es an. Immer auf dem Posten sein, immer rüsten, immer bereit sein, dem Ruf zu folgen, der an uns ergeht – und es ist gewiß, daß der Ruf nicht ausbleiben wird.

Ja, auch bei diesen hatte man noch das Gefühl, daß viele Möglichkeiten ihnen offenstanden und daß mancher Weg von ihrem Standpunkt in die Ferne lief. Hätte man nicht mit ihnen allen, je nach dem Geschmack des Einzelnen, Dinge begehen können, die für den normalen Menschen ganz unsinnig sind, etwa mit Garibaldi, mit Hecker, mit dem Griechenmüller oder mit den Buren zu Felde ziehen? Nicht, daß man Derartiges tut, scheint mir wesentlich, wenn auch wir Deutschen überall unser Kontingent gestellt haben, wo auf der Welt so etwas im Gange war. Aber nur Menschen, die überhaupt dazu imstande sind, die diese Möglichkeit in sich tragen, mit sechzig Jahren ebenso wie mit sechzehn, können unsere Freunde sein. Denn nur von diesem Schlage darf man hoffen, daß er sich an Ideen entflammt und daß er sich erhebt, wenn die Gewalt auch noch so mächtig ist. Und nicht, ob solche Erhebungen glücken oder nicht, ist von Wichtigkeit, sondern daß sie stattgefunden haben. Das leuchtet noch lange zurück.

Gern denke ich an jene Zeit kurz vor dem Kriege zurück, in der ich eines Tages meine Schulbücher über die nächste Mauer warf, um nach Afrika zu ziehen. Der Dreißigjährige kann sich nicht entschließen, die Unverfrorenheit des Sechzehnjährigen zu mißbilligen, die auf die Tätigkeit von zwei Dutzend Schulmeistern verzichtete und sich über Nacht eine eindringlichere Schule verschrieb. Es entzückt ihn vielmehr ein früher, instinktiver Protest gegen die Mechanik der Zeit; und er erinnert sich eines einsamen Paktes, der durch eine geleerte Burgunderflasche besiegelt wurde, die er an einem Felsblock des Hafens von Marseille zerschmetterte.

Ich rufe jene Tage des frühen Juni in das Gedächtnis zurück, in denen sich bereits die volle Gewalt des Sommers zusammenfaßt und in denen doch das Laub sein erstes Lichtgrün noch nicht ganz verloren hat, das sich von Monat zu Monat dunkler tönt bis zur metallischen Schwärze des Stahls, auf dem sich endlich der bunte Rost des Herbstes niederschlägt. Der Himmel war blau und golden, von keinem Federwölkchen getrübt, und der Geruch der blühenden Bergwiesen jenseits des Flusses, die vor dem Schnitte standen, drang bis in die Stadt. Das Gymnasium schloß seine Pforten oft schon um elf Uhr, und das Gefühl der Festfreude, diesem zweiflügligen, sehr ernsthaften Gebäude aus gelbem Ziegelstein zu so guter Zeit den Rücken kehren zu dürfen, war um so höher, wenn es eine Mathematikstunde war, die dem Eingriff der Hitze zum Opfer fiel.

Schon beim Aufstehen, wenn die warme Luft aus dem Garten durch das Fenster meines Schlafzimmers wie durch den Rost eines großen Ofens drang, pflegte mein erster Blick dem Thermometer zu gelten, und der Gedanke, daß sie wohl nicht umhin können würden, ausfallen zu lassen, erweckte jedesmal meine Heiterkeit.

Gewiß erinnern wir alle uns gern solcher Tage, deren erster Gedanke ein heiterer war. Die frühen Sonnenstrahlen, die Mannigfaltigkeit des draußen erwachenden Lärms, das Zimmer, seine Möbel und selbst seine Wände, dies alles scheint von einem neuen Sinn erfüllt, der uns ganz und gar umgibt und mit jedem Atemzuge tiefer durchdringt. Die Entdeckung, daß das Leben aus seiner Nüchternheit herausgetreten ist, strahlt auf seine kleinsten Einzelheiten aus, und mit Erstaunen bemerken wir das Vergnügen, das darin liegt, eine Krawatte zu binden oder den Hausgenossen Guten Morgen zu wünschen.

Mit sechzehn Jahren gar besitzt diese Fröhlichkeit, die uns zuweilen beglückend überfällt, ihren besonderen Reiz. Sie ist zwar nicht mehr die ganz in sich geschlossene Freude des Kindes, dafür aber ist auch jene Zeit des Überganges vorbei, in der uns ein quälendes Mißverhältnis, das sich zwischen uns und der Welt aufwirft, bedrückt. Das Bewußtsein hat sich befestigt, und damit freuen wir uns nicht nur, sondern wir freuen uns zugleich über uns selbst.

Das uralte Städtchen, in dem ich damals lebte, war wohl dazu angetan, der Spiegel festlicher Gefühle zu sein. Ich wohnte in einem Hause, das vor Zeiten als Pachthof einer Patrizierfamilie außerhalb der Tore gelegen hatte und dem mächtige Mauern und die mit ausgezackten Eisenstäben bewehrten Fenster den Charakter einer kleinen Festung verliehen. Die Mauer, die den Garten umfaßte, war so hoch, daß nur die benachbarten Kirchtürme hineinblicken konnten, von denen mir besonders noch ein ganz einfacher, vierkantiger, den eine dunkelrote Ziegelhaube bedeckte, in Erinnerung ist. Seine Umrisse tauchen jedesmal zugleich mit dem Worte »Mittelalter« wieder in mir auf. Er war von schmalen Fensteröffnungen unregelmäßig durchbrochen, und die Art ihrer Anordnung gab ihm ein fast menschliches Gesicht. Es war ein sehr seltsames Mittelalter, das da zuweilen des Abends hereinblickte, sehr fern und doch vertraut wie der verwehte Klang von Glocken, den man an Sonntagvormittagen in der Einsamkeit der Wälder vernimmt. Manchmal, während der kurzen Pause, in der der Wind schlafen geht, wenn der Raum ausgestorben und fast luftleer schien, leuchtete die rote Kuppe satter auf vor dem blaßgrünen Streifen, der die Nacht anzukünden pflegt. Wenn dann von den mit breiten Steinplatten belegten Wegen des verwilderten Gartens mein Blick auf diesen durch die Mauerkrone halb abgeschnittenen Sonderling fiel, war es mir nicht anders, als ob sein Sockel einer vergangenen, zauberhaften Landschaft entwachsen müßte, und ich entsinne mich noch recht gut des schmerzlichen Gefühls, das mich in solchen Augenblicken ergriff. Ich habe es seither noch oft vor jenen starken, frommen und männlichen Bildern der frühen Meister empfunden, auf denen sich durch die geöffneten Fenster von Kirchen und Schlössern ein magischer Hintergrund offenbart, lockend und drohend zugleich von Felstälern, Klippen und Burgen erfüllt. Es ist das Gefühl, dem Geist einer Zeit sehr nahe zu sein, deren Wirklichkeit uns jedoch für immer entschwunden ist. In jeder geprägten Form liegt etwas verschlossen, das mehr ist als Form; eine Zeit hat ihr Siegel hinterlassen, das wieder aufglüht, wenn es vom tieferen Blicke getroffen wird. Dann ist es uns zuweilen, als ob wir die Hand nach einem wunderbaren Traumbild ausstreckten, das in demselben Augenblick erlischt, in dem wir es zu berühren wähnen. Diese Sehnsucht nach einer verschollenen Zeit, nach den leuchtenden Farben, die schon so lange verblaßten, nach der reichen und unbegreiflichen Fülle eines Lebens, das unwiderruflich dahingegangen ist – sie ist weit schmerzlicher und unstillbarer als jene andere, die die Schilderung ferner Inseln und üppiger Länder in uns erweckt.

Aber immer noch lag etwas von jener Zeit als ein feiner Hauch über der alten Stadt, als ein Medium zwischen Erinnerung und Substanz, das sich in ihren Winkeln gefangen hatte und ihre Häuser wie mit einem bräunlichen Staub zu pigmentieren schien, der, wo ihn ein Sonnenstrahl traf, überraschend aufleuchtete und goldene Ornamente schimmern ließ. Jedesmal, wenn der Frühling das Land eroberte, fand eine märchenhafte Vermählung des Alters mit der ewigen Jugend statt. Die spitzen roten Dächer, in die der Regen im Laufe der Jahre schwarze Streifen gezeichnet hatte, hoben sich reicher aus dem Grün, und der in eine breite Promenade verwandelte Ringwall war von blühenden Kastanien wie von einer Doppelschnur brennender Riesenkandelaber umstellt.

Über diesen Wall führte mich jeden Morgen mein Weg, um dann in ein Gewirr enger Gassen zu münden, deren Fachwerkhäuser sich fast mit den Giebeln berührten, jenen Giebeln, aus denen noch die behelmten Rollenbalken ragten, an denen man Kaufmannswaren in die Speicher gewunden hatte. Die Stadt hatte früher, obwohl sie tief im Binnenlande lag, der deutschen Hansa angehört. Längst war der große Handel andere Wege gegangen, aber sein Geruch haftete noch in den engen Gassen mit den sonderbaren Namen; oder vielleicht war es nur die Erinnerung an ihn, denn keiner unserer Sinne ist so trügerisch und so an das Verschollene geknüpft. Irgendein Aroma von Spezereien, von Nelkenpfeffer und Koriander, von sagenhaften Fahrten nach Batavia hatte sich eingebürgert, von Lebkuchen, die nach alten Rezepten gebacken sind, vermischt mit dem blassen Dufte des Safrans, der im Rotwein kocht. Dazwischen lagerten in Schichten die handfesteren Gerüche der lebendigen Wirklichkeit, von gegerbtem Leder und frisch gesägtem Holz, der schwere Malzbrodem eines kleinen Brauhauses und der warme Brotdunst aus dem Keller einer Bäckerei. Alle diese Gerüche besaßen ihre strenge Eigenart und waren doch wie jede Erscheinung eines organischen Lebens irgendwie aufeinander abgestimmt; sie waren in keiner Weise zu vergleichen mit dem fahlen Dunst, der sich in unseren modernen Städten eingenistet hat und dessen Bestandteile von desinfizierenden Säuren zerfressen scheinen.

Viele der Häuser waren mit Schnitzwerk bedeckt, mit schwer zu entziffernden lateinischen Worten, an denen die Kinder buchstabierten, und mit plattdeutschen Torsprüchen in gotischer Schrift, wie eine derbere Zeit sie liebte, mit goldenen Rosen und Sternen auf blauem oder rotem Grund, mit Namen und Jahreszahlen zwischen sonderbar steifem Rankengewirr. Hier war das Handwerk noch lebendig; es hatte seine Sinnbilder über die Tore gehängt, verschnörkelte Fahnen aus geschmiedetem Eisen, einen Reiterstiefel mit vorn ausgeschweiftem Schaft und mächtigem Sporn, ein Fäßchen mit Dauben aus zweierlei Holz, blitzende Kupferkessel und dergleichen mehr. Und was von den Gerüchen zu sagen war, das galt auch für die Menschen, die mir jeden Morgen begegneten. Das waren keine Individuen, wie sie der Strudel der Masse flüchtig an uns vorübertreibt, mit Gesichtern, die wie durch Masken verkleidet sind, so daß uns nach unseren Gängen von vielen Tausenden nicht ein einziges in der Erinnerung haften geblieben ist. Es waren Persönlichkeiten, jeder Einzelne, Leute von Charakter, und sogar von dem kleinen, neugierigen Barbier, der, sowie draußen ein Geräusch erscholl, noch mit dem blanken Messer in der Hand aus seinem Laden auf die Straße stürzte, ließ sich sagen, daß er, wenn auch keinen guten Charakter, so doch immerhin einen Charakter besaß. Und ein schlechter Charakter ist dem farblosen Verdienst gegenüber immer noch so überlegen, wie alle Erscheinungen aus der Welt der Werte denen aus der Welt der Maße überlegen sind.

Auch die Hauptstraße, die die Stadt in der Mitte durchschnitt, wies noch ein durchaus altertümliches Gepräge auf. Alles, was die beiden letzten Jahrhunderte an Schulen, Kasernen, Villen, Mietwohnungen, Fabriken und Arbeiterquartieren angegliedert hatten, lag außerhalb, weitläufig zerstreut. In die reichen, seit jenen Zeiten recht müde und verdrossen gewordenen Bürgerhäuser der Renaissance und des Barock hatte man Schaufenster gebrochen, die an solchen Tagen durch rot und weiß gestreifte Planen beschattet wurden.

Und wie es meist Kleinigkeiten sind, an die sich die Erinnerung an Stimmungen knüpft, so ruft das Bild dieser Planen, die der Straße etwas Außerordentliches gaben, verbunden mit dem Farbengewirr der verschiedenartigsten Blumen, die auf dem kleinen Markte feilgeboten wurden, und der trockenen Wärme, die schon früh aus dem Pflaster strahlte, die Erinnerung an das Gefühl eines heiteren Müßigganges zurück. Die Wärme schien mir von je das eigentliche Element des Lebens, als Trägerin einer besonderen sinnlichen Fülle, die sich, wie die Gnade, ohne Anstrengung gibt. Daher pflegte ich mich schon früh im Jahre auf die Tage zu freuen, an denen die Hitze das Harz aus den Baumstämmen kocht und die bei uns so selten sind. Es ärgerte mich, wenn an frischen Tagen im Mai der Atem noch als feiner Hauch in der Luft zu sehen war. Wenn es schon kalt war, so sollte die Kälte auch ausschweifend sein, so wie es ganz alte Leute zu erzählen wußten, mit Bergen von Schnee, unter denen die Häuser begraben wurden, und mit Eis, das die Flüsse bis zum Grund erstarren ließ.