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Wie bei vielen Pilgerfreunden stand am Anfang eine Krise und die Inspiration durch das Buch von Hape Kerkeling. Nach dem ersten Jakobsweg 2009 von Leon nach Santiago zieht es den Autor immer wieder nach Spanien und Portugal, um neue Camino-Abschnitte kennenzulernen, zeitweise in Begleitung jeweils eines seiner Kinder. Berufsbedingt läuft er nur ein bis zwei Wochen. Die Begeisterung für spirituelle Momente, für landschaftliche Vielfalt, für Geschichte und Mystik, sowie für nicht vorhersehbare, teilweise skurrile, aber auch prägende Begegnungen machen den Reiz der kurzen Expeditionen aus. Auch einsame, nachdenkliche und zweifelnde Phasen sind Teil des suchtartigen Faszinosums Jakobsweg.
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Seitenzahl: 376
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Der Autor
Dr. med. Thomas Schmidt,
aufgewachsen in Herne, lebt in Bocholt an der niederländischen Grenze, wo er seit 1993 als Kinder- und Jugendarzt niedergelassen ist.
Emotionale Momente auf dem Camino Francés,
dem Caminho Português, der Vía de la Plata und
dem Camino Inglés
Si al final del camino,no encuentras lo, que estabas buscando, localiza un nuevo porque la respuesta que esperas
no se ha movido de su sito.
Wenn du am Ende des Caminos nicht gefunden hast, was du
suchtest, mache einen neuen Camino aus, denn die Antwort,
die du erhoffst, hat sich nicht von der Stelle bewegt.
Camino Weisheit
Für meinen Bruder Marcus,
dem ich für seine kreativen Anregungen und
Korrekturvorschläge danke
Buch 1
Prolog
Kapitel 1 Bocholt – Santander
Kapitel 2 León
Kapitel 3 Astorga
Kapitel 4 Rabanal del Camino
Kapitel 5 Molinaseca
Kapitel 6 Villafranca del Bierzo
Kapitel 7 La Faba
Kapitel 8 Tricastella
Kapitel 9 Sarria
Kapitel 10 Gonzar
Kapitel 11 Palas de Rei
Kapitel 12 Ribadiso
Kapitel 13 Pedrouzo
Kapitel 14 Santiago
Nachtrag
Buch 2
Vorwort
Kapitel 1 Bocholt - Weeze - Porto
Kapitel 2 Porto - Rates
Kapitel 3 Rates - Portela de Tamel
Kapitel 4 Portela de Tamel - Ponte da Lima
Kapitel 5 Ponte da Lima - Valenca
Kapitel 6 Valenca - Caminha - Porto - Weeze Daheim im Alltag
Kapitel 7 Bocholt – Weeze - Porto
Kapitel 8 Porto – O Porrino
Kapitel 9 O Porrino - Pontevedra
Kapitel 10 Pontevedra – Caldas de Reis
Kapitel 11 Caldas de Reis - Padròn
Kapitel 12 Padrón – Santiago de Compostela
Lucas Nachwort
Der Geist v. Santiago
Buch 3
Kapitel 1 Ein neuer Weg
Kapitel 2 Bocholt – Madrid – Cáceres
Kapitel 3 Cáceres – Embalse de Alcántara
Kapitel 4 Embalse de Alcántara – Grimaldo
Kapitel 5 Grimaldo - Carcaboso
Kapitel 6 Carcaboso – Plasencia
Kapitel 7 Plasencia – Oliva de Plasencia
Kapitel 8 Oliva de Plasencia – Aldeanueva del Camino
Kapitel 9 Aldeanueva del Camino – Calzada de Bejár
Kapitel 10 Calzada de Bejár – Salamanca
Buch 4
Prolog
Kapitel 1 Bocholt – Madrid – Salamanca
Kapitel 2 Salamanca – Calzada de Bejár – Fuenterroble de Salvatierra
Kapitel 3 Fuenterroble de Salvateirra – San Pedro de Rozados
Kapitel 4 San Pedro de Rozados - Salamanca
Kapitel 5 Salamanca
Kapitel 6 Salamanca – El Cubo de la Tierra del Vino
Kapitel 7 El Cubo de la Tierra del Vino - Zamora
Kapitel 8 Zamora - Montamarta
Kapitel 9 Monta Marta – Granja de Moruela - Tábara
Kapitel 10 Tábara – Santa Croya de Tera
Kapitel 11 Santa Croya de Tera – Rionegro del Puente
Kapitel 12 Rionegro del Puente – Puebla de Sanabria
Kapitel 13 Puebla de Sanabria – Madrid - Bocholt
Carlos‘ Betrachtungen
Buch 5
Kapitel 1 Bocholt – Madrid
Kapitel 2 Madrid – Puebla de Sanabria – Requejo
Kapitel 3 Requejo – Lubián
Kapitel 4 Lubián – A Gudina
Kapitel 5 A Gudina – Campobecerros
Kapitel 6 Campobecerros – Laza
Kapitel 7 Laza – Xunqueira de Ambía
Kapitel 8 Xunqueira de Ambía – Ourense
2. Teil
Kapitel 9 Köln – Santiago de Compostela
Kapitel 10 Santiago – Ourense - Cea
Kapitel 11 Cea – Castro Dozón
Kapitel 12 Castro Dozón - Silleda
Kapitel 13 Silleda – Ponte Ulla
Kapitel 14 Ponte Ulla - Santiago
Kapitel 15 Santiago de Compostela
Laras Eindrücke
Buch 6
Prolog
Kapitel 1 Frankfurt Hahn – Santiago
Kapitel 2 Santiago – A Coruña – Ferrol – Xubia de Neda
Kapitel 3 Xubia de Neda – Pontedeume
Kapitel 4 Pontedeume – Betanzos
Kapitel 5 Betanzos – Hospital de Bruma
Kapitel 6 Hospital de Bruma - Sigüeiro
Kapitel 7 Sigüeiro – Santiago
Kapitel 8 Santiago de Compostela
Stefans Eindrücke
Zugegeben: wie bei vielen Pilgerfreunden fing die Inspiration auch bei mir mit Hape Kerkeling an. Sein Buch kam zum richtigen Zeitpunkt.Als ich es verschlungen hatte, wurde mir klar, dass auch ich bald auf dem Camino sein würde. Schon seit einiger Zeit suchte ich beharrlich nach einem Weg aus der Krise.
Am Cruz de Ferro habe ich meinen Kummerstein abgelegt. Der Wunsch von damals ließ sich nicht erfüllen. Was ich aber zu jenem Zeitpunkt noch nicht ahnen konnte – stattdessen ist etwas Neues Wunderbares entstanden. „Wenn sich eine Tür verschließt, öffnet sich eine andere“, schreibt der französische Nobelpreisträger für Literatur Andre Gidé. Jedoch was nutzt es mir, wenn ich nicht erkenne, dass die Tür offen ist.
Der Jakobsweg hat mir die Augen für einiges Unverstandene geöffnet. Er hat meine Achtsamkeit geschärft. Der Camino hat mir vieles abverlangt, mich immer wieder herausgefordert, sowohl mental, wie auch physisch, sodass ich mich manches Mal gefragt habe: Warum tue ich mir das an? Wenn ich es mir dann angetan habe, hat er mich zuversichtlich gemacht. Ja noch mehr: Er hat mir neuen Mut verliehen. Ohne diesen wäre mein weiterer Lebensweg so nicht entstanden.
Etliche Pilger haben deutlich mehr geleistet, als ich. Sie sind über 800 km am Stück gelaufen, manche noch viel mehr. Ihre Tagesetappen waren wesentlich länger. Ihre Last war sehr viel größer. Es soll sogar Pilger geben, die den Camino barfuß gehen.
Ich habe einen anderen Modus gewählt. Um weiterhin meiner beruflichen Tätigkeit nachzugehen, bin ich immer wieder für ein oder zwei Wochen nach Spanien geflogen, um einen Camino zu laufen. Meine Begeisterung war offensichtlich so authentisch, dass es mir nicht schwer fiel, meine drei Kinder zu überzeugen, jeweils ein Stück des Weges mit mir zurück zu legen. Eine Form der Reflektion und Selbstbesinnung haben sie hier erfahren – das, was uns bei der täglichen Reizüberflutung oft nicht möglich erscheint.
Nicht nur der Bestseller Hape Kerkelings, auch die Bücher und Blogs unbekannter Autoren nährten meine Sucht nach einem neuen Camino.
Jeder, der ihn gepilgert ist, weiß, dass neben der Meditation die Begegnungen mit anderen Menschen in den Herbergen oder unterwegs einen erheblichen Teil der Faszination Jakobsweg ausmachen.
Ich denke an Verena vom Camino Francés 2009, die mir Bilder von Kindern aus Peru schickte, wo die ehemalige Polizistin nach dem Jakobsweg als Kunsttherapeutin in einem Kinderheim arbeitete.
Ich denke an Nina aus Solingen, die ich mehrfach auf dem Caminho Português traf und die mir überraschend in der Adventszeit ein großes Paket mit selbstgebackenem Spritzgebäck in die Praxis sandte.
Ich denke an Hans Ulrich aus Chur, mit dem ich einige Etappen gemeinsam auf der Vía de la Plata pilgerte und der mir im letzten Jahr Bilder von seiner Hochzeit mit der Südamerikanerin Mariza schickte, die er zuvor auf dem Camino kennengelernt hatte.
Die witzigste Geschichte erlebte ich mit dem Australier John, den ich 2016 erstmalig zwischen Requejo und Lubián traf und der mich bis Ourense begleitete: Im März 2017 schickte ich ihm mein gerade fertig gewordenes Buch von der Vía de la Plata. Ich schrieb ihm, dass, falls er zufällig in den nächsten Tagen „one of the most beautiful girls from Germany“ in Melbourne träfe, es sich wahrscheinlich um meine 25-jährige Mitarbeiterin Mandy handeln würde, die sich gerade mit ihrer Schwester auf einem vier Monate langen Trip durch Australien befände. „Du kennst meine E-Mail“, antwortete John mir knapp und trocken in seiner typischen Art – wahrscheinlich mit einem schalkhaften Grinsen im Gesicht. Mandy kontaktierte ihn, als sie in Melbourne angekommen war und am nächsten Morgen hatte ich bereits Bilder über WhatsApp, die sie und ihre Schwester in ausgelassener Stimmung bei John und seiner Frau Joan zeigten. Sie blieben einige Tage und hatten offensichtlich nicht die schlechtesten Reiseführer in der australischen Metropole. „Two nice girls in Melbourne, they gave a credit to their parents and their country”, schrieb mir John via E-Mail zurück. Inzwischen war er bereits mitten in den Vorbereitungen für seinen nächsten Camino, den mozarabischen Weg von Grenada nach Mérida.
Eine nachdenklich stimmende und bis heute nicht erklärliche Wendung nahm der Kontakt mit Jean-Michel, meinem Caminobegleiter auf der Vía de La Plata. Nachdem wir mehrfach E-Mails ausgetauscht und uns noch gegenseitig die besten Wünsche zum Neuen Jahr übermittelt hatten, schickte ich ihm mein Buch von unserem gemeinsamen Wegabschnitt. „Ich komme gerade von einer Südamerikareise zurück und finde Dein Buch im Briefkasten. Jetzt muss ich es nur noch lesen. Vielen Dank, ich freue mich sehr darauf“, schrieb er zurück. Danach habe ich nie mehr etwas von ihm gehört. Alle weiteren E-Mails blieben unbeantwortet. Bin ich ihm vielleicht zu nahe getreten oder gab es einen anderen Grund für den Abbruch des Kontaktes?
Atemberaubende, abwechslungsreiche Landschaften, zuweilen aber auch sehr einsame, öde Landstriche durfte ich durch die Jakobswege kennenlernen. Ich bin eingetaucht in die Geschichte Spaniens und Portugals, die mir aus Schulzeiten nur rudimentär bekannt war und habe in den Dörfern das andere Spanien jenseits von Barcelona und Mallorca erfahren. Gerade das Ankommen und Leben in den kleineren Ortschaften Spaniens und Portugals mit ihren archaischen Strukturen war sehr prägend und hat zur Ruhe und Gelassenheit beigetragen, die mir (zumindest vorrübergehend) zu Teil wurde.
Zurückgekehrt von meinen Jakobswegen nach Deutschland, habe ich meine Notizen und Fotos jeweils in einem kleinen Bildband zusammengefasst und veröffentlicht. Aus der Zusammenfassung dieser Erinnerungen entstand dieses Buch, das ich um meine Erfahrungen und Erlebnisse vom Camino Inglés im September 2017 ergänzt habe.
Für Luca, Lara und Carlo
Seit Tagen steht mein Rucksack fertig gepackt im Anbau. Ich habe es tatsächlich geschafft, mich auf acht Kilogramm zu beschränken. Heute ist endlich Abreisetag. Ich schütte noch einmal alles aus und packe das Gleiche wieder ein. Etwas nervös bin ich schon, nachdem ich Monate auf diesen Tag gewartet habe. Ich hefte noch die Jakobsmuschel an den Rucksack, dann kann´s losgehen.
Hinsichtlich der Muschel als Symbol für den Jakobsweg sind mir zwei Versionen bekannt. Die eine sagt, dass ein Pilger zur Reinigung am Ende des Weges in Fisterra ins Meer geworfen wurde und mit Muscheln bedeckt wieder herauskam und die andere, dass die Pilger im Mittelalter mangels Tellern große Muscheln für ihre Mahlzeiten benutzten.
Ach ja, etwas ganz Wichtiges habe ich noch vergessen: Mein Tagebuch. Die Kinder haben es mir zum Geburtstag, mit einem netten Eintrag versehen, geschenkt. Ich klebe noch ein Bild von der Familie ein, mit der ich mittels SMS in Kontakt bleiben möchte. Telefonieren würde mich auf meinem Weg zu sehr ablenken. In den letzten Jahren habe ich die Kommunikation über SMS als Bereicherung schätzen gelernt. Anders als beim Telefonieren kommt es seltener zu missverständlichen Wahrnehmungen, soweit man die SMS an den richtigen Adressaten schickt.
Mein Freund Klaus fährt mich zum Flughafen nach Weeze, etwa 45 km entfernt. Es ist ein heißer Tag in Bocholt, deutlich über 30 Grad. Als ich den Flughafen betrete, sehe ich überall bewaffnete Sicherheitskräfte. Das wäre jetzt aber wirklich nicht notwendig gewesen! Ich gehe um die Ecke und finde des Rätsels Lösung. Auf einem Plakat lese ich: Wir begrüßen Frau Dr. Angela Merkel. Es ist Wahlkampf und da findet sogar die Bundeskanzlerin den Weg in die tiefste niederrheinische Provinz.
Zum ersten Mal fliege ich mit Ryanair. Was hat man nicht alles für Geschichten von dieser Fluggesellschaft gehört. Sogar für den Toilettenbesuch im Flugzeug soll man jetzt schon Eintritt bezahlen. Meine Erwartungen werden übertroffen. Es ist alles perfekt organisiert. Auf die Minute pünktlich lande ich um 19.40 Uhr in Santander. Vor dem Flughafengebäude tritt Ernüchterung ein: Temperatursturz auf 18 Grad Celsius, Nieselregen, grauer Himmel, auf der Fahrt zur Innenstadt triste Häuserfronten.Am Busbahnhof hellt sich die Stimmung auf, als ich erfahre, dass es morgen am Freitag, dem einzigen Tag in der Woche eine direkte Verbindung nach León gibt. Meine Unterkunft bei Hotel. de für über 50 Euro gebucht, gleicht eher einer Absteige. Immerhin liegt es im Zentrum. So bin ich morgen früh schnell an der Estación de Buses.
Ich laufe noch eine halbe Stunde durch die Stadt, trinke in einer Bar ein, zwei Gläser Vino tinto und lege mich ins Bett. Zum ersten Mal auf dieser Reise hole ich meinen MP3-Player heraus, um dem Hörbuch zu lauschen, das mir Luca freundlicherweise überspielt hat. Das Buch heißt „Außer Dienst“ und ist von Altbundeskanzler Helmut Schmidt. Monika hatte es mir zu Weihnachten geschenkt. Es ist weder eine typische Autobiographie, noch ein politisches Buch, sondern es sind eher philosophische Betrachtungen eines alten, weisen, aber hellwachen Mannes, den ich immer schon sehr geschätzt habe.
Den Kommentaren im Internet über das gebuchte Hotel, dass es sehr hellhörig sei, kann ich nur beipflichten. Auch der Altbundeskanzler kann es nicht verhindern, dass ich einer intensiven partnerschaftlichen Begegnung akustisch beiwohne. Trotz alledem schlafe ich rasch ein und durch bis zum nächsten Morgen um halb sieben.
Ich erreiche morgens pünktlich die Busstation und besteige um halb neun den Bus, nachdem ich mir den ersten von zig in den nächsten Tagen folgenden Café con Leche gegönnt habe. Der Bus der Gesellschaft Ansa ist bequem, gut klimatisiert und enthält ausreichend Platz, um die Beine auszustrecken, und das alles für 13 Euro. Immerhin sind es bis León 300 km. Scheinbar ist das spanische Bussystem gut verbreitet und organisiert. Ich bin erst einmal froh, dass ich im Bus sitze und meinem Ziel wieder ein Stückchen näher komme.
Nach zweieinhalb Stunden sind wir in den Cantabrischen Bergen, die sich über 2500 Meter Höhe erstrecken. Der Himmel reißt auf, die Sonne kommt heraus und wird mich in den nächsten 15 Tagen nicht mehr im Stich lassen. Die kurvenreiche Fahrt bietet traumhafte Kulissen.Als der Bus eine staatlich verordnete Pause macht, kriege ich eine solche Lust aufs Wandern, dass ich am liebsten sofort loslaufen möchte. Dabei hab ich überhaupt keine Erfahrung mit dem Wandern. Bisher dachte ich immer, es sei langweilig. Ich weiß somit auch gar nicht, ob ich den Belastungen standhalte. Wie man mir sagte, hat es mit Joggen nicht viel zu tun. Aber zumindest die Kondition müsste von meinem regelmäßigen Jogging und gelegentlichen Mountainbike - Training her vorhanden sein.
Um 14 Uhr erreiche ich die wunderschöne Stadt León. Dieses Mal habe ich mehr Glück. Das ebenfalls über Internet gebuchte Hotel de Paris ist sein Geld wert und liegt mitten auf der Calle Ansa, 50 Meter von der Kathedrale entfernt. Ich mache mich etwas frisch und besichtige diese lebendige, harmonisch gestaltete und mit prächtigen Gebäuden und Plätzen ausgestattete Stadt. An der Kirche San Isodoro finde ich ein Café mit dem Namen Legio VII, das auf den Ursprung des Namens León hindeutet. Etwa 50 Jahre nach Christus haben die Römer die Stadt als Lager der VII. Legion gegründet. In jedem Reiseführer steht, dass es ein absolutes Muss ist, den Pantheon der Könige neben der Kirche San Isodoro zu besichtigen. Ich folge der Aufforderung, muss aber feststellen, dass mein kulturhistorisches Verständnis zu dünn ausfällt, als dass ich die Schätze, bestehend aus Mosaiken, Särgen und besonderem Schmuck ausreichend würdigen könnte. Schon eher beeindruckt bin ich von den azurblauen Glasfenstern der Kathedrale, auf denen die Jungfrau Maria mit dem Jesuskind, sowie Propheten und Heilige dargestellt werden und die sich bei dem durch die Sonne einfallendem Licht zauberhaft präsentieren.
Zwischendurch suche ich immer mal wieder eine Bar auf, in der ich mich mit einem Bier – immerhin haben wir 30 Grad Celsius – erfrische. Ich lerne eine gastronomische Besonderheit der Spanier schätzen, die in dieser Form wohl einzigartig in der Welt ist. Bei jeder Bestellung reichen sie unaufgefordert Tapas, das heißt kleine leckere Häppchen, meist Brote, die mit unterschiedlichen Köstlichkeiten belegt sind. So werde ich automatisch satt, ohne noch ein zusätzliches Essen bestellen zu müssen. So, wie ich es gerade darstelle, könnte es auf einen überdurchschnittlichen Bierkonsum hindeuten, es lag aber wohl eher an meinem unterdurchschnittlichen Hunger.
Abends sitze ich bei einem Glas Rioja auf der Plaza Mayor. Gerne würde ich jetzt diese besondere Atmosphäre in Gesellschaft genießen. An meinem Nebentisch nimmt eine Familie aus Deutschland mit einem etwa vierjährigem Mädchen Platz. Die Eltern beschäftigen das Kind mit Malen und Puzzeln. Ich fühle, wie in mir eine melancholische Stimmung aufkommt. Was waren das für erfüllende, glückliche Zeiten, als unsere Kinder so klein waren.
Tempora mutantur et nos mutamur in illis!
Im Laufe des Abends spüre ich meine Ungeduld, möchte endlich loslaufen und überlege mir, ob ich schon ab León gehe und nicht wie vorgesehen ab Hospital de Orbigo, ca 30 km von León entfernt. Ich spüre, wie ich mich dadurch unter Zeitdruck setze und genau das will ich mir ja eigentlich abgewöhnen. Und so schlafe ich mit der Entscheidung, bei meinem alten Plan zu bleiben, zufrieden und erwartungsvoll ein.
Ich fahre also (wie ursprünglich geplant) morgens mit dem Bus von León nach Hospital de Órbigo. Am Busbahnhof sehe ich schon die ersten Fußkranken, eine etwa 50-jährige Frau, die mit ihren völlig kaputten Knien ihrem Mann, der weiterhin zu Fuß pilgert, per Bus nachreist. Im Bus sitzt neben mir Julia, eine 35-jährige Engländerin aus Stoke on Trent, die ihren Job als Bankerin geschmissen hat und jetzt Psychologie studiert.
Hospital de Orbigo erreiche ich gegen zehn Uhr. Als erstes steht natürlich die Besichtigung der Ponte de Orbigo, immerhin die längste Brücke des gesamten Camino, auf dem Plan. Mein Führer klärt mich auf, dass hier alljährlich mittelalterliche Spektakel im Andenken an den Adeligen Don Suero de Quinone aufgeführt werden. Basis der Feierlichkeiten ist der Sage nach ein Gelübde des ehrwürdigen Herrn Suero de Quinone, der 1434 in Liebe entbrannt zu einem Rittersfräulein zu deren Ehre gelobte, ein eisernes Halsband zu tragen. Da sich die Dame wohl als recht spröde erwies und Don Suero sich von seinem Gelübde wieder befreien wollte, verkündigte er, mit jedem Ritter, der in den Wochen um den 25. Juli (Geburtstag des Apostel Jakobus) die Brücke überqueren wollte, einen Zweikampf auszutragen. Sage und schreibe 300 Gegner mussten sich Don Suero geschlagen geben, um das Gelübde aufzuheben. Anschließend pilgerte er nach Santiago.
Von der Brücke kommend vernehme ich italienische Stimmen. Euphorisiert von den vertrauten Klängen folge ich der Gruppe. Als ich höre, dass die Leute aus Bologna, meiner zwischenzeitlichen italienischen Heimat sind, hüpft mein erregtes Herz noch schneller. Leider haben sie jedoch keine Ahnung, wo es zum Camino geht und so setze ich mich ab und mache mich allein auf den Weg.
Schon immer bin ich gerne allein gereist. Man fühlt sich autark, aber nicht auf dem Egotrip. Außerdem trifft man wesentlich eher auf interessante Menschen als in der Gruppe, denn als soziales Wesen will ich nicht ständig allein sein und zwinge mich so eher auf Menschen zuzugehen. Zugegeben, bevor es losgeht, bin ich angespannt und von gewissen Ängsten geplagt. Habe ich mich aber erst einmal überwunden, läuft es meistens leichter als gedacht. Viele Erlebnisse wären mir sicherlich verwehrt geblieben, wäre ich nicht allein gereist.
Als Student trampte ich durch Kalifornien und traf dabei auf ein französisches Pärchen, das ebenfalls dort Urlaub machte. Die beiden luden mich ein, sie am Ende meines Trips in ihrer Wohnung in New York – Soho zu besuchen. Als Mitarbeiter der UNO schleusten sie mich an einem Morgen in das Gebäude ein. Wann hat man schon mal die Möglichkeit, einer offiziellen Sitzung der UNO beiwohnen zu dürfen? Hans Dietrich Genscher, unser Rekordaußenminster mit dem gelben Pullover (damals noch ohne) hielt eine Rede. Die Gelegenheit ließ ich mir nicht entgehen.
Dass ich allein reisen kann, liegt aber auch an Monikas positiver Einstellung. So wie vor sechzehn Jahren, als ich meine letzte Weltreise gemacht habe und sie mit Luca schwanger war, hat sie mir auch diesmal keine Steine in den Weg gelegt. Aber hätte Luca sonst zu seiner Geburt eine so einzigartige Karte bekommen?
Im Sommer 1993 traf ich in Tonga damals einen Lehrer, der ein Sabbatjahr eingelegt hatte. Er war ebenso wie ich von der Geschichte der Meuterei auf der Bounty fasziniert und hatte sich vorgenommen, mit einem Containerschiff auf die abgelegene Pazifikinsel Pitcairn zu fahren, an der Fletcher Christian 1789 als Anführer der Meuterei gestrandet war. Heute leben nur noch zwei Dutzend Nachkommen von Fletcher Christian dort. Ich hatte dem Lehrer erzählt, dass ich im Oktober zum ersten Mal Vater werden würde. Auf Pitcairn angekommen, schrieb er Luca eine Karte, die pünktlich zu seiner Geburt im Oktober eintraf.
Nach einer halben Stunde habe ich endlich den Camino gefunden. An einer Weggabelung treffe ich auf Bernd aus Köln, der mit seinem Guide in der Hand Orientierung sucht. Wir laufen zusammen. Auf dem roten Sandweg, gesäumt von Weizenfeldern, wird uns immer wieder ein herzliches ‚Buen Camino‘ zugerufen. Daran darf ich mich für die nächsten zwölf Tage gewöhnen.
Bernd ist seit etwa vierzehn Tagen ab Pamplona unterwegs. So hat er sich den Teil über die Pyrenäen gespart. Insgesamt ist der Camino etwa 800 km lang. Ich habe mir also mit den knapp 300 km von Hospital de Orbigo bis Santiago ein gutes Drittel vorgenommen. Bernd arbeitet als Krankenpfleger im ambulanten Bereich und möchte sich mit seinen 45 Jahren beruflich noch einmal verändern. Er weiß allerdings noch nicht so recht, in welche Richtung. Zudem habe ich den Eindruck, dass er endlich beziehungsmäßig klar kommen möchte. Vielleicht klappt´s auf dem Camino. Bernd ist ein lustiger, humorvoller Typ mit seinem überdimensionalen Strohhut auf dem Kopf. Seinen Laufrhythmus könnte man als sehr gemächlich bezeichnen. Immer wieder erwische ich mich dabei, dass ich ihm davoneilen will. Ich halte mich bewusst zurück, denn ich möchte hier eine Art Langsamkeit erlernen, weniger Programm, weniger Zeitdruck. Zwischendurch werden wir an einem Stand von sympathischen jungen Spaniern mit Obst, Kuchen und Säften versorgt. Das ist ja fast wie beim Marathonlauf!
Gegen vier Uhr ist die erste Etappe nach knapp 20 km in Astorga geschafft. Ich bin gespannt, wie das mit den Herbergen funktioniert und probiere es gleich bei der ersten am Ortseingang. Alles ganz easy; ich muss meinen Pilgerpass vorlegen, man fragt mich nach meinem Alter, dann erhalte ich einen Stempel in den Pass, bezahle vier Euro und bekomme ein Bett in einem Vierbettzimmer zugewiesen. Das Zimmer ist hell und hat einen schönen Blick ins Grüne.
Da Bernd, mein Caminoeinführer, einen Ort weiter will, lade ich ihn noch auf ein Bier ein. Wer weiß, wann ich ihn das nächste Mal sehe? Ich gebe ihm zu verstehen, dass ich froh bin, den ersten Pilgertag ohne Probleme geschafft und für heute Nacht ein Bett gefunden zu haben. Manchmal will man ja einfach nur von der Straße runter – so, wie es mir vor 30 Jahren in Chicago ergangen ist:
Damals lief ich mit meinem Rucksack durch Downtown Chicago und fand mich plötzlich ausschließlich unter Farbigen wieder. Mir wurde ein wenig mulmig, weshalb ich mich entschloss, ins Kino zu flüchten. In der ganzen Stadt liefen jedoch nur Kung-Fu- oder Sexfilme.
„Und wo bist Du reingegangen?“, fragt er mich. Als ich meinen Satz beginne mit: „Kung-Fu-Filme interessieren mich nicht“, kann er sich kaum halten vor Lachen und schüttet mir sein Bier auf die Hose. Schon zuvor hat er das Thema immer gerne auf Männergespräche gelenkt.
Nachdem Bernd gegangen ist, erkunde ich die von den Römern geprägte Stadt. Sie nannten sie Asturica Augusta, was in großen Lettern an ihrer Eintrittspforte nicht zu übersehen ist. Hier kreuzten sich zwei Römerstraßen, zum einen die Vía Traiana aus Bordeaux und zum anderen die Vía della Plata aus dem Süden des Landes, die hier auf den Camino Francés trifft. Ich finde Gefallen an der verspielten Architektur des ehemaligen Bischofspalastes. Typisch Gaudi eben. Ehrlich gesagt, das Gebäude würde sich auch als Schloss in Disneyworld gut machen. Abends ist noch richtig was los auf den Straßen. Man feiert das Stadtfest. Da die Herberge um zehn Uhr schließt, habe ich nicht mehr viel davon.
Nach einer gut durchgeschlafenen Nacht mache ich mich morgens um Viertel nach sieben in der Morgendämmerung auf den Weg. Einige vom Stadtfest Übriggebliebene treiben sich sicht- und hörbar betrunken und mitgenommen in der Stadt herum. Ich sehe zu, dass ich schnell herauskomme und auf die Landstraße gelange.
Hier auf dem Fußgängerweg neben der Landstraße ist es ruhig und um diese Zeit angenehm zu laufen. Ich habe mir heute noch kein festes Ziel vorgenommen und möchte einfach mal in den Tag hineinlaufen. So finde ich auf der roten Asche allmählich meinen Rhythmus, der nicht vergleichbar ist mit dem Spaziergang gestern. Ich genieße es heute, allein zu laufen, den Zeittakt selbst bestimmen zu können.
An einer Ansammlung von Landhäusern vorbei mündet der Camino auf einem Sandweg, auf dem ich rechts und links uneingeschränkte Sicht auf Getreidefelder habe. Mitten auf dem Sandweg sehe ich hinter einem Stein mit gelbem Pfeil, ordentlich gefaltet und übereinandergelegt, einen Stapel Textilien: Sweatshirts, Handtücher, Jacken etc. Zunächst frage ich mich, was das soll, dann wird mir klar, dass vom schweren Gepäck gestresste Pilger sich einiger 100 Gramm entledigt haben. Ein paar Tage später treffe ich jemanden, der sich etwas von dem Stapel mitgenommen hat. Auch so herum funktioniert das also.
Nach etwa acht km mache ich in Santa Catalina de Somoza, einem schön herausgeputzten Dörfchen mit rustikalen Natursteinhäusern eine Pause, freue mich auf einen leckeren Café con Leche. An meinem Tisch sitzen Christiane und Petra. Christiane sei im letzten Jahr von Petra und ihrer Freundin am Flughafen von Biarritz adoptiert worden, nachdem sie ihrerseits kurzfristig von ihrer Freundin versetzt worden war. Gemeinsam sind sie dann von der Ausgangsstation des Camino Francés in Saint–Jean–Pied–de-Port auf der französischen Seite der Pyrenäen gestartet und bis Burgos gelaufen. Für dieses Jahr haben sie sich den Rest von Burgos nach Santiago vorgenommen. Außerdem sitzt an unserem Tisch Nancy, eine sympathische Amerikanerin aus Idaho, die mir begeistert erzählt, dass ihr Reiseführer empfiehlt, den Camino in 33 Tagen zu laufen, für jedes Lebensjahr Jesu einen Tag.
Am Ortsausgang kommen mir die ersten großen Hunde entgegen. Ich mache einen Riesenbogen um sie und bemühe mich, ihnen nicht in die Augen zu sehen, so wie ich es zuvor in der Vorbereitung auf etwaige Begegnungen gelesen hatte. Zum Glück „tun die nix“.
Es geht langsam, aber ständig bergauf und bei der zunehmenden Hitze komme ich ordentlich ins Schwitzen. Ich genieße die körperliche Herausforderung und reflektiere zum ersten Mal bewusst, dass hier jeder seine Geschichte und Gründe für den Camino hat. Auch ich werde natürlich nach meinen Motiven befragt.
Auslöser war sicherlich das Buch von Hape Kerkeling vor vier Jahren, das mich inspirierte. Das hat hier jeder Deutsche gelesen. Was mich aber verblüfft, ist, dass es auch in vielen anderen auch außereuropäischen Ländern bekannt ist. Ich suchte in meiner persönlichen Krise nach neuen Wegen. Zu dem Zeitpunkt hätte ich jedoch in meiner depressiven Stimmungslage und Antriebslosigkeit den Camino nicht angehen können. Das Interesse aber war geweckt und so habe ich alles, was ich in die Finger über den Camino bekam, aufgesogen, egal ob Zeitungsartikel, Bücher oder Dokumentationen. Vor eineinhalb Jahren, als ich mich wieder gefangen hatte, stand für mich fest, ich werde ihn irgendwann gehen. Mein Freund und Kollege Bernd wollte mit, bat mich aber, den Termin um ein Jahr zu verschieben, da er mit Gisela seine Silberhochzeit in Schweden feiern wollte.Anfang des Jahres trafen wir uns bei Matthias in der Sauna, wo wir erneut über den Camino sprachen. Bernd wollte noch einmal verschieben. Da war für mich klar, dass ich ihn allein gehen werde. Ende August schien mir günstig, da zu diesem Zeitpunkt die stärksten Pilgerströme vorbei sind und ich immer schon lieber geschwitzt als gefroren habe.
Um 12.30 Uhr erreiche ich das kleine Örtchen Rabanal del Camino. Obwohl noch Reserven da sind, beschließe ich hierzubleiben. Ich habe den Eindruck, angekommen zu sein auf dem Camino. Direkt am Ortseingang schreibe ich mich in eine Herberge mit einem stilvoll beblumten Innenhof und gemütlichen Sitzecken ein. Blasen habe ich mir zum Glück noch nicht gelaufen und bleibe letztlich auch bis Santiago davon verschont. Zum ersten Mal finde ich die Muße in meinem mitgebrachtem Buch „Tausend strahlende Sonnen“ von Khaled Hosseini, zu lesen. Der Autor hatte mich bereits mit dem Roman „der Drachenläufer“, sehr berührt, in dem er einfühlsam und spannend die Geschichte einer Kindheit in Afghanistan beschreibt. Zwischendurch bekomme ich von meiner Lieblingstochter Lara eine SMS, dass Bochum 1:0 gegen Hertha BSC gewonnen hat. Vielleicht geht da doch noch was in dieser Saison!
Irgendwann gesellt sich Evelyn, eine strohblonde, zarte Estländerin – oder heißt es Estin? – zu mir. Sie dürfte Mitte bis Ende zwanzig sein. Ich frage sie lieber nicht, sonst will sie noch mein Alter wissen. Ich erfahre einige interessante Dinge aus ihrem nur eineinhalb Millionen Einwohner großen Land, nämlich dass der Erfinder von Skype und einige Models aus Estland kommen, worauf sie sehr stolz ist. Es wird ein lustiger Abend und mit jedem Glas Rotwein wird sie anlehnungsbedürftiger (obwohl sie sonst nur Whisky trinke, wie sie sagt). Sie kritzelt einige Wörter in mein Tagebuch und bevor hier mehr passiert, verziehe ich mich auf die obere Ebene meines Etagenbettes und Evelyn wankt in ihre um die Ecke liegende Herberge.
Panikbedingte Schweißperlen verbreiten sich auf meiner Stirn. Sollte hier in Rabanal schon das Ende meiner lang ersehnten Pilgerreise gekommen sein? Verzweifelt taste ich jeden Zentimeter meines Bettes ab, durchforste den Hof und die Waschräume nach meiner Geldbörse und meinem Ausweisgürtel. Die Dunkelheit beeinträchtigt die Suche heute Morgen erheblich. Eine Taschenlampe gehört nicht wie bei vielen Mitpilgern zu meinem Equipment. Ich hatte die Wertsachen gestern vorsichtshalber unter mein Kopfkissen gelegt. Wahrscheinlich sind sie in der Nacht heruntergefallen. Schließlich finde ich sie - von einer Zentnerlast befreit - unter dem Bett auf dem Boden liegend. Bernd, der alte Fuchs hatte mir ja schon gesagt: „Als Kind wolltest du immer oben schlafen, hier bist du froh, wenn du unten ein Bett kriegst.“
Zwischen Heidestauden, Ginster und Wiesenflächen schlängelt sich der Weg herauf nach Foncebadon. Der Ort sieht heute Morgen im Wind und Nebel aus wie ein Geisterdorf, ein paar alte Häuser, ein paar Ruinen, eine kleine Kirche, kaum eine Menschenseele zu sehen. Hier könnte man gut einen Horrorfilm drehen. Ein größerer Hund muss mir jetzt auch nicht unbedingt begegnen. Hat hier nicht Coelho seinen heldenhaften Kampf gegen die Hunde geführt?
Ich ziehe mein Tempo ein wenig an und erreiche dann auch bald das berühmte Cruz de Ferro auf 1500 Meter Höhe, der höchsten Erhebung des Camino Francés jenseits der Pyrenäen. Es ist ein langer Baumstamm mit einem bescheidenen Kreuz sowie ein Haufen Steine um den Baumstamm herum. Ganz schön kalt ist es hier oben. Ohne Jacke geht es nicht. Was mich wundert: Weit und breit kein Mensch zu sehen. Ich bin allein.
Ich lege meinen aus Bocholt mitgebrachten Kummerstein ab und schicke Monika eine SMS. Dieser Brauch, einen Stein abzulegen und sich seiner Sorgen zu entledigen, war bereits in vorrömischer Zeit bekannt. Auch die Römer haben ihn weitergeführt, bis der Eremit Gaucelmo um 1120 das heidnische Symbol zu einem christlichen machte, indem er an dieser Stelle ein Kreuz errichtete.
Die Stimmung an diesem besonderen Ort erzeugt bei mir das Gefühl von Dankbarkeit. Ich denke an Luca`s Anfallsleiden, das sich wieder zurückgebildet hat, ich sehe Carlo, wie er nach seiner Frühgeburt beatmet im Inkubator lag und bin froh, dass er sich trotz seiner Startschwierigkeiten so prächtig entwickelt hat. Ich bin dankbar für meine Fitness, für mein Gottvertrauen und den Optimismus, den ich vermutlich von meiner Mutter geerbt habe. Ich denke an die Freunde und Verwandten, die mir in meiner Krise geholfen haben, ja der Krise selbst kann ich Gutes abgewinnen. Ohne sie wäre ich in meinem Trott geblieben und hätte bestimmte Bereicherungen wie den Camino wahrscheinlich nicht kennengelernt.
Jetzt aber weg hier, sonst fange ich mir noch eine Erkältung ein. Ich wandere durch schöne Wald- und Wiesenwege in den Vormittag hinein und habe eine majestätische Aussicht auf die Montes de León.
In dem Dörfchen El Acebo treffe ich Bernd wieder. Ihm geht’s heute nicht so gut, er plagt sich mit Bauchschmerzen und Durchfällen. Wir trinken trotzdem einen Café con Leche zusammen. Danach gebe ich ihm ein paar Beutel Elektrolytlösung, damit er die nächsten km unbeschadet übersteht. Obwohl das Pulver extrem salzig und nicht gerade schmackhaft ist, schluckt er es tapfer.
Ohne Bernd laufe ich weiter durch unwegsames Gebiet, über und unter Sträuchern. Am Wegesrand sehe ich einen reichlich angefressenen Rehkadaver. Mir wird ein bisschen mulmig. Treiben sich hier etwa Wölfe herum? Auch wenn es immer heißt, sie greifen keine Menschen an: Die muss ich jetzt nicht unbedingt um mich herum haben. Dabei wird mir bewusst, dass ich schon öfter einen Schutzengel hatte, der gut auf mich aufgepasst hat:
Nach dem Abitur fuhr ich mit zwei Freunden an die Côte d’Azur. An einem sonnigen Nachmittag liehen wir uns ein Tretboot aus und trampelten nichts Böses ahnend in der Bucht von Port Grimaud vor uns hin. Als plötzlich wie aus dem Nichts ein Mistral aufkam, trieben wir im wahrsten Sinne des Wortes in Windeseile auf´s offene Meer hinaus. Wir kenterten und kämpften fortan schwimmend mit den hohen Wellen, unser Boot war im Nu verschwunden. Ein wohl eher zufällig vorbeifahrendes Schiff war unsere Rettung.
In Tijuanana stieg ich Anfang der achtziger Jahre nachmittags in einen Bus, der die Baja California herunterfuhr. Ich hatte mir vorgenommen, soweit wie möglich gen Süden die mexikanische Halbinsel herunter zu kommen. Am frühen Abend blieb der Bus mitten in der Kakteenwüste an einem Truckstopp stehen. Der Busfahrer machte mir klar, dass es nicht mehr weiter gehe. Ich fühlte mich in dem Truckstopp sicher und wollte zur Not darin übernachten. Gegen zehn Uhr schmiss man mich raus und schloss den Laden. So stand ich allein auf der stockdunklen Straße und versuchte, von einem vorbeifahrenden Auto mitgenommen zu werden. Es vergingen Stunden, ohne, dass etwas passierte. Plötzlich tippte mir jemand von hinten auf die Schulter. Erschrocken, aber instinktiv reagierend, bot ich dem kleinen kräftigen Mexikaner Zigaretten an. Wohl überrascht von meiner Offerte, nahm er die Schachtel und ließ mich in Ruhe. Es dauerte noch eine Stunde bis ich von einem Bus mitgenommen wurde, der den Rest der Nacht durchfuhr und mich in der Morgendämmerung in einem Dorf raus ließ. „Wie neu geboren“, beschreibt meine damalige Gefühlslage passend.
Nach meiner Famulatur im Roosevelt – Hospital in Guatemala brachte mich Walter an die guatemaltekisch – honduranische Grenze. Wir hatten ein bisschen getrödelt, weshalb ich meinen Autobus verpasste. Ich nahm also den nächsten Bus. Der Fahrer fuhr wie ein Verfolgter über die honduranischen Serpentinen. Irgendwann hielt er an und stieg aus. Der eine Stunde zuvor gestartete Bus war den Abhang heruntergestürzt. Am nächsten Tag konnte ich in Tegucigalpa in der Zeitung lesen, dass 23 Menschen bei dem Unfall ihr Leben verloren.
In Manhattan beobachtete ich die kosovoalbanischen Hütchenspieler auf der Straße. Ich kannte dieses Spiel aus Turin, wo ich schon häufiger erlebt hatte, wie die aufgeforderten Mitspieler abgezockt wurden. Die Halunken waren so geschickt, dass man eigentlich keine Chance hatte, zu gewinnen. Hier in New York war mir nach einer gewissen Zeit klar geworden, dass ein Mitspieler die Teilnahme fingierte. Er hatte natürlich keine Mühe, zu erraten, unter welchem Hütchen sich die Kugel befand. Irgendwann gesellte sich ein junges Schweizer Pärchen zu uns und beabsichtigte, gegen Geldeinsatz mitzuspielen. Ich versuchte sie zu warnen. Plötzlich stürzte einer von den Gaunern mit einem großen Gegenstand auf mich zu. Ohne nach links und rechts zu schauen rannte ich über die viel befahrene Straße. Zum Glück erreichte ich unbeschadet die andere Straßenseite, während mein Verfolger auf halber Strecke abbrechen musste.
Vor mir läuft Florian aus München. Ich schließe zu ihm auf. Er hat auch den Kadaver gesehen. Jetzt können wir wenigstens gemeinsam gegen die Wölfe kämpfen. Wir kommen ins Gespräch und sind somit etwas abgelenkt. Florian sieht an meinem Trikot, dass ich aus Bochum kommen muss. Sein Vater war Regisseur am Bochumer Schauspielhaus unter Peter Zadek.
Gegen 16.00 Uhr erreichen wir das auf 600 m Höhe gelegene Molinaseca – trockene Mühle, wie Florian korrekt übersetzt. Ich suche mir eine private Herberge, bin heute 25 km gelaufen, das reicht. Florian will noch weiter. Die Herberge gefällt mir: Hell, sauber, keine Hochbetten.
Nachdem ich mich zum Abendessen angemeldet habe, gehe ich ins Dorf und treffe Bernd und Nicole. Nicole kommt aus Québec, dort habe ich mal einen wunderschönen Indian Summer verbracht. Was mich beeindruckt, ist, dass sie ohne Reiseführer unterwegs ist; die Erklärung, aus welcher Ecke ich komme, gestaltet sich jedoch schwierig. Von Cologne hat sie noch nie was gehört. Wie ist es ihr nur gelungen, den Weg von Kanada nach Spanien zu finden?
Beim Abendessen nutze ich zunächst einmal die Gelegenheit, meinem Tischnachbarn aus Mainz zum Sieg gegen die Bayern zu gratulieren. Mein Bruder Marcus aus Köln hatte mir das Ergebnis gesimst. Der Mainzer ist aber gar nicht überrascht, wusste bereits von dem freudigen Ereignis, ist sogar Besitzer einer Dauerkarte. Mir gegenüber sitzt ein Schweizer Rentner, der seit Juni unterwegs ist und ab Zürich gelaufen ist. Das sei aber noch gar nichts. Er habe Eheleute aus Hannover getroffen, die von ihrer Heimatstadt losgelaufen seien. Das heißt, sie ist gelaufen und der Ehemann begleitet sie, da er selbst wegen einer Behinderung nicht laufen kann, mit dem Wohnmobil, in dem sie dann zusammen übernachten.
Später sitze ich noch mit Joos aus Amstelveen zusammen. Jetzt kann ich endlich mal mein mühsam erlerntes Niederländisch anwenden, denke ich etwas naiv. Schnell verwerfe ich meinen Vorsatz, da der Holländer natürlich viel besser Deutsch spricht, als ich Niederländisch.
Helmut Schmidt erzählt heute Abend von einem jungen Abgeordneten, der ihn mal gefragt habe, was er tun könne, um seine Karriere zu beschleunigen. Solch eine Absicht sei ihm nie in den Sinn gekommen. Ihm sei es immer um die Res Publica gegangen. Mit Fleiß und Wissen würde man dann automatisch zum Kandidat für eine Position werden. Er habe sich jedenfalls nie aktiv um ein Amt beworben.
Ich laufe heute Morgen um sieben Uhr von Molinaseca aus im Dunkeln los. Von dem vorzüglichen Menü gestern Abend bin ich noch so satt, dass ich auf ein Frühstück verzichten kann. Ich habe mir auch heute kein festes Ziel vorgenommen, möchte wieder so etwa 25 km laufen. Meine Sorge, es könnte schwierig mit dem Auffinden einer noch freien Herberge werden, habe ich weitgehend verdrängt.
Am Ortseingang von Ponferrada, den ich nach einer Stunde erreiche, leistet mir für eine Weile ein niedlicher kleiner Hund Gesellschaft. Eines steht fest: Vor dem brauche ich mich nicht zu fürchten. Die Markierung des Weges auf der Straße mit dem Muschelsymbol scheint klar zu sein. Ich erkenne jedenfalls ein wichtiges Wahrzeichen der Stadt, die Temperburg, die von den Tempelrittern im 13 .Jahrhundert gebaut wurde. Sie hat nicht nur für die Stadt, sondern für den gesamten Camino eine große historische Bedeutung. Die Gründung des Templerordens geht auf das Jahr 1120 zurück. Die erste Niederlassung befand sich in Jerusalem, nicht weit vom Tempel des Salomon, daher der Name Templer. Das Ziel der Templer war, den christlichen Pilgern im Heiligen Land das sichere Reisen zu ermöglichen. Die Aktivitäten der Templer im Heiligen Land waren aber eher glücklos, sie verlegten daher ihren Handlungsraum nach Europa und hier speziell nach Nordspanien. Ein Grund für die Pilgerströme, die ihren Ursprung mit der Entdeckung des Apostelgrabes im neunten Jahrhundert nahmen, war das Bestreben, das Christentum zu stärken und die weitere Ausdehnung der Islamisierung durch die Mauren zu verhindern, was schließlich zur Reconquista führte. Die Mauren wurden weiter nach Süden zurückgedrängt und die Wege im Landesinnern wieder sicherer. Die Templer trugen zum Schutz der Pilger bei, indem sie das Geld der Pilger verwalteten und sich so ein florierendes Banksystem entwickelte.
Ich passiere diese mächtige Templerburg und bewege mich weiter durch die Stadt. Irgendwann an einem Kreisverkehr finde ich keine Wegweiser mehr, hole daher meinen Reiseführer aus der Tasche, um die Wegbeschreibung nachzuschlagen. Eine freundliche Spanierin kommt auf mich zu und erklärt mir, der Camino gehe hier weiter geradeaus. Da mir das Ganze etwas spanisch vorkommt, nehme ich nach ein paar Metern noch mal den Reiseführer zur Hand, als sie wieder hinter mir steht und signalisiert, dass es völlig überflüssig sei, mich in dem Buch zu informieren. „Como he dicho, todo derecho“, sagt sie. „Wie ich schon sagte, immer geradeaus“. Ich bin fügsam und gehe geradeaus. Nach gefühlten zehn Kilometern (wahrscheinlich waren es anderthalb) wird mir klar, dass ich auf dem Holzweg bin. Ich irre durch die Stadt, die den typischen Charme einer mittelgroßen Industriestadt morgens um halb acht versprüht.
Das letzte Mal, dass ich mit einem Führer in der Hand ungefragt freundliche Hilfe von Passanten entgegennahm, war vor 28 Jahren in New Orleans. Genau wie hier in Ponferrada stand ich mit Birgit an einer Kreuzung dort, um in meinem Reiseführer nach einer günstigen Unterkunft zu suchen, als ein freundlicher Amerikaner den Braten roch und uns empfahl, in der Baptist Mission um die Ecke unterzukommen. Sofort nach der Aufnahme wurden wir getrennt. In dem Männerbereich lernte ich John, einen ausgestiegenen ehemaligen Wirtschaftsprofessor kennen. Wir quatschten die halbe Nacht über Gott und die Welt und nachdem wir morgens um sechs Uhr rausgeschmissen wurden, zeigte uns John als absoluter Insider die City von New Orleans. Am Ende fragte er mich nach dem Namen meiner Mutter. Als ich zurück nach Europa kam, hatte Mama einen zehn Seiten langen Brief von John erhalten.
Zurück zum Camino: Irgendwann lande ich an der Estación de Buses, an der ich meinerseits eine Spanierin anspreche. Da ganz hinten, meint sie, mit der rechten Hand in eine Richtung zeigend, habe sie schon einmal Pilger gesehen. Ich bewege mich gefühlsmäßig in diese Richtung und in der Tat sehe ich irgendwann einen Pilger und auch die Wegweiser wieder. Eigentlich nichts Neues für mich: Wie so oft in meinem Leben habe ich die Erfahrung gemacht, dass man manchmal Umwege gehen muss, um auf den angestrebten Pfad zu kommen.
Nach einer halben Stunde schließe ich zu Marina, einer 22-jährigen Brasilianerin aus Belo Horizonte auf. Sie lässt sich ihr Gepäck mit einem speziellen Service vorausschicken, da sie auf Grund ihrer Meniskusverletzungen keinen Rucksack tragen kann. In einem Café treffen wir Bela, Doktorand und Unidozent aus Budapest. Wir wandern zu dritt weiter, haben jede Menge Gesprächsstoff. Es geht überwiegend durch schöne Weingebiete des Bierzo. Marina versorgt uns mit Weintrauben. Ich erzähle Bela, dass ich mit Monika in Budapest gewesen bin und wir uns auf einem Weinfest einige Flaschen von dem hervorragenden Tokaj – Wein mitgenommen hatten. Leider sind die Flaschen im Koffer kaputt gegangen. Bela erklärt mir, wie die besondere Süße des Tokaj zustande kommt und meint, als Parfum für den Koffer sei er doch eigentlich zu schade. Wir diskutieren auch, ob es eine Alternative wäre, mit dem Fahrrad den Camino zu absolvieren, kommen aber alle zu dem Schluss, dass es zu schnell gehen würde und besonders attraktive Wege mit dem Fahrrad gar nicht zu bewältigen sind.
Bei unserer Ankunft in Villafranca gegen vier Uhr fühlen wir uns alle reichlich ausgepowert. Immerhin sind es über 35 km bei mehr als 30 Grad Celsius geworden. Marina und Bela fallen in der etwas sterilen, aber sauberen Herberge ins Koma. Ich halte mich bewusst wach, um nachts schlafen zu können, schaue mir das hübsche Städtchen an. Wegen ihrer zahlreichen Kirchen und Pilgerherbergen wurde die Stadt „Klein Santiago“ genannt. Die im zwölften Jahrhundert gegründete Stadt wurde von den Franzosen besiedelt, daher der Name Villafranca. In der Tat erinnert der Ort an ein Weinstädtchen im Elsass. Dank eines päpstlichen Privilegs erhielten kranke Pilger, die ihre Reise nicht mehr fortsetzen konnten, in den Heiligen Jahren, (das heißt, in den Jahren, in denen der 25. Juli, der Geburtstag des Apostel Jakobus, auf einen Sonntag fällt) bereits in Villafranca einen Erlass ihrer Sünden, wie er sonst nur am Apostelgrab gewährt wurde.
In einem ruhig gelegenen Café auf dem Zentralplatz nehme ich mir Zeit, mein Tagebuch zu schreiben. Petra und Christiane gesellen sich zu mir. Als ich ihnen sage, dass ich das Buch von Helmut Schmidt höre, meint Petra, das passe doch gar nicht zum Camino, sie lese die Bibel. Sind die beiden vielleicht heilig oder einfach nur ein bisschen zickig?
Nach einer Pause in der Herberge laufe ich später noch einmal zur Plaza Mayor hoch, als mich Marina, offensichtlich aus dem Koma erwacht, an ihren Tisch ruft. Zu uns setzt sich Matthias, ein großer, stämmiger Stuttgarter mit Vollglatze, Ende dreißig. Er war mir zuvor bereits in den Weinfeldern wegen seiner lauten Stimme aufgefallen. Matthias redet ohne Punkt und Komma auf mich ein. Elise, seine französische Begleiterin, kündigt an, er würde mir jetzt binnen einer halben Stunde seine ganze Lebensgeschichte erzählen. Was ich spannend finde an seiner Vita ist, dass er angeblich unter einem Pavor nocturnus (Nachtschreck) leiden soll. Dieses Phänomen kannte ich bisher nur von Kindern und allgemein heißt es, es bilde sich bis zum Erwachsenenalter zurück. Matthias berichtet, er habe in solch einem Erregungszustand schon mal einen Spanier in einem Schlafsaal angegriffen. Meine Sinne werden noch einmal deutlich geschärft, als Matthias erzählt, in welcher Herberge er morgen zu übernachten gedenkt.
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