Sarah I - M.J. W. - E-Book

Sarah I E-Book

M.J. W.

0,0
22,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Feuer, Erde, Luft und Wasser, die Bewohner des fernen Planeten Oriri beherrschen die vier Elemente zu ihrem Nutzen. Doch woher stammt das außergewöhnliche Wissen der hochintelligenten Einzelwesen, und wo liegt der Ursprung ihrer Legende? Sarah wird im Zeichen der Könige geboren. Sie und ihre Freunde absolvieren in der Drachenschule eine Ausbildung zum Waffenträger. Sie bewältigen bravourös ihre Examen, überstehen eine turbulente Sonnenfinsternis und verwirklichen ihre berufliche Aufgabe. Sie finden in den überlieferten Sternenkarten ihrer Vorfahren den Sternenpfad, der einige unter ihnen in das Universum führt. Werden Sie zurückkehren?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 827

Veröffentlichungsjahr: 2015

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Impressum

Legende

Kapitel 1

-Sarah-

-Der Drachen-

Freunde und Partner

Kapitel 2

Kampfpilot Orban Öris

-Orbans Fliegerhorst-

-Erste Wintergäste-

Kapitel 3

-Ayrons kluge Entscheidung-

-Nikodemus Joel-

-Leiter der Drachenschule-

-Ein unlösbares Band-

Kapitel 4

-Bruderliebe-

-Ehrensache-

-Vereidigung der Waffenträger-

-Das Geschenk-

-Joeris Liebe-

-Das Wiegenlied-

-Das Glück, Freunde zu haben-

Kapitel 5

-Perigon-

-Der Hochzeitstanz-

-Erinnerungen-

Kapitel 6

-Ken Taros Zorn-

-Ayrons Befehl-

-Die Insel Pharus-

Kapitel 7

-Sonnenfinsternis-

-Schutzburg Veste-

-Mutter Eyna-

-Ein ungewöhnliches Mahl-

-Ein mutiges Abenteuer-

-Das geheime Archiv-

Kapitel 8

-Gläserne Paläste-

-Die Tränen der Mythe-

-Vision und Wirklichkeit-

-Gefährliche Partnerschaft-

Kapitel 9

-Hass und Liebe-

-Samuel Asper-

-Samis merkwürdige Entdeckung-

-Abschied-

-Das Wiegenfest.

Kapitel 10

-Traumtänzer-

-Das Land der weißen Eulen-

Kapitel 11

-Eine ernste Bedrohung-

-Der Pegasus-

Kapitel 12

-Ken Taros Tauchfahrt zur Bergung Schiffbrüchiger-

Kapitel 13

-Das magische Tor-

-Uhlenhorst-

Kapitel 14

-Abba Odulf-

-Drei Paten-

Kapitel 15

-Erzschmied Felix ungewöhnliche Entdeckung-

Kapitel 16

-Issel, der Drachen-

-Die Menschen von Aleph-

Kapitel 17

-Das Geschenk des Himmels-

-Ankunft in Perigon-

Kapitel 18

-Ein neues Bündnis-

Kapitel 19

-Das Versprechen-

-Der Treueeid-

Kapitel 20

-Unter Aylins Schutz-

-Die Zeit der Liebe-

Kapitel 21

-Die Wende-

Kapitel 22

-Das Liebesuniversum-

-Gewappnet-

-Timman, Theta, Thyra und die Anderen-

Kapitel 23

-Brennende Beschlüsse-

-Der Raumpilot Amos-

Kapitel 24

-Die Physikerin Dafne-

Kapitel 25

-Ein beängstigender Zwischenfall-

-Nachtflug-

-Der Weise Inis-

-Die Menschen von Tao-See-

-Die Sternwarte-

-Das Geheimnis des Triton I-

Kapitel 26

-Auf den Flügeln der Sonne-

Kapitel 27

-Das Jahr 1020-

Kapitel 28

-Der Jahresbeginn 1021 in Perigon-

-Die Stunde der Heimkehr-

Kapitel 29

Das epochale Abenteuer -Der Morgen-

-Boos Prüfung-

-Der Abend-

Impressum

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

Für den Inhalt und die Korrektur zeichnet der Autor verantwortlich.

© 2015 united p. c. Verlag

ISBN Printausgabe: 978-3-7103-1147-5

ISBN e-book: 978-3-7103-2202-0

Lektorat: Dr. Gabriele Olveira

Umschlagfoto: pixabay.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz:united p. c. Verlag

Iwww.united-pc.eu

Legende

„Die Sage der Ältesten und Weisesten im Volke Issel erzählt, der himmlische Vater habe Oriri, den wohl unzugänglichsten Planeten des materiellen Universums, einstmals im Zorn erschaffen. Er verfluchte die Bewohner des Planeten Aleph für ihren Ungehorsam gegen sein Gesetz, und entriss ihnen ihre paradiesische Wohnstätte. Mit seinen Händen formte er eine neue Erde und gab sie ihnen. Noch ehe Gottes Geschöpfe ihr mühseliges Dasein in der Verdammnis begriffen, verfielen sie der verwegenen Schönheit ihres neuen Weltenkreises. Als aber der göttliche Fluch sich wirksam erwies, erkannten sie ihr vergebliches Streben. Sie baten den Allvater um den Lohn ihrer Mühsal, und sie erhielten Reichtum und Macht. Wie oft hörtest du, Sarah, diese Erzählung aus dem Munde deiner Erzieherin? Und verfällst du der Erde Zauber nicht an jedem Tag neu? Lerne aus den Fehlern deiner Vorfahren, die sich über die Weisheit ihres Gottes erhoben. Sei nicht leichtfertig gegen dein lebendiges Dasein; denn die vier Elemente, Luft, Feuer, Erde und Wasser, verhalten sich nicht ausschließlich berechenbar. Du liebst den kühlen Abendwind, aber du unterschätzt bewusst dessen Tücken. In voraussehbaren Zeiträumen erkaltet die Sommer-glut, der Felsen bricht unter den Sturmwehen, oder aber eine Windbö wird dich packen und fortfegen“, sprach eine freundliche Stimme. „Es sei denn, du versuchst dich neuerdings in der Schwerelosigkeit.“

Der rätselhafte Hinweis galt dem Erscheinen nach einer jungen Frau von außergewöhnlicher Schönheit, die reglos dastand und das Meer beobachtete. Sie erkannte die stete Flüsterstimme ihres Lehrers, noch ehe sie sich umwandte und sein graues Mönchsgewand sah, das im bescheidenen Gegensatz zu der von drei goldenen Ringen eingefassten, schweren Haarfülle seiner edlen Erscheinung stand. Deswegen wendete sie ihren aufmerksamen Blick nicht ab, sondern prüfte - zum offenbaren Ärgernis des Mannes - schwer nachvollziehbare Vorgänge außerhalb des Felsvorsprunges, der aus der scharfkantigen, schwärzlichen Wand ragte.

„Bruder Niko“, antwortete ihre klangvolle Stimme: „Bevor die Sonne untergeht, dasselbe geschieht in Kürze, schwächt kein kühlender Lufthauch die Sommerglut. Es besteht überhaupt kein Anlass, mich zu beunruhigen.“

Vielleicht, überlegte sie ein wenig später, übte Niko Joels Wort eine geheimnisvolle Macht aus. Unmittelbar ergriff sie ein derber Windstoß, und sie geriet ins Straucheln. Joel trat mit einem Schreckenslaut auf den äußersten Rand der Felsenplatte. Er fing ihren federleichten Körper sekundenschnell auf, umklammerte fest ihren Arm und verhinderte ihren Sturz in die Tiefe. Dann zerrte er sie wie ein ungehorsames Kind auf einen seitlichen Pfad. Dieser führte in steilen Windungen ans feste Ufer.

„Alles in Ordnung, Sarah?“ Der Lehrer wiederholte ihren Namen, diesmal mit stärkerer Betonung. Er neigte sich herab und betrachtete mit dem Ausdruck von Belustigung ihr zornrotes Gesicht: „Dein Anblick gewährt denen Vergebung, die dich für deinen Leichtsinn nicht einmal bestrafen.“

Sarah entzog Niko blitzschnell ihren Arm und lief ihm voraus. Sie fürchtete seine Nähe wie ein jeder Schüler, der eine unbestimmte Angst vor der Bestrafung fühlt. Der erstarkende Wind zerrte an dem losen Faltenwurf ihres hellen Gewandes. Ein breiter, aus Goldfäden gewirkter Gürtel umschnürte das grobe Leinen ihres ärmellosen Überwurfs an ihren Hüften. Auf der Vorderseite glänzten die flachen Wölbungen drei auffälliger Schmucksteine. Sarahs Hände befühlten unmerklich den mittleren Metallring des violett und grau geäderten Juwels. Seine beachtliche Größe unterschied ihn von den gleichartigen Rundungen der seitlichen, mattgrünen und rosaroten Schmucksteine. Sich umblickend rief sie ihm zu: „Die Felsenhöhle war mein Geheimnis. Wie konntest du sie finden?“

„Sarah.“ Er lachte. Das Lachen seiner ebenmäßigen Züge war ihr fremd, doch rätselhaft und anziehend, wie der gestrenge Ausdruck seines Gesichtes in den vergangenen Unterrichtsstunden, da er sie seine Schülerin nannte. „Eigentlich sollte dir klar sein, dass ich den augenblicklichen Aufenthalt meiner Schüler ausnahmslos feststellen kann.“

„Um das zu erreichen benötigst du ein feinabgestimmtes Ortungsgerät. Ich aber sehe dich mit leeren Händen“, antwortete sie. Sie unterzog sein graues Mönchsgewand einer misstrauischen Betrachtung.

„Als Schulleiter eignete ich mir eine nachvollziehbare Form der Allwissenheit an. Wie anders wäre ich der Ausführung meines Amtes berechtigt? Aber es soll nicht deine Sorge sein, wie ich euch ausfindig mache. In deinem Fall, denke darüber nach, wird die Beantwortung der Frage wesentlich vereinfacht. Du vergisst die strenge Kontrolle deines Vaters, ich weile oft als Gast in dessen Haus. Die Sicht aus den Fenstern seines Refugiums umfasst drei Viertel der Horizontlinie. Deshalb blieb mir dein vorheriger Spaziergang zur Felsplatte nicht verborgen. Du suchtest sie an den Sommerabenden regelmäßig auf, allerdings in einem merklich befristeten Zeitraum. Warst du dir der Gefahr nicht bewusst, die dem ebenen Felsen bei feuchter Witterung anhaftet? Der Absprung ins Meer erscheint, obwohl ich dich als eine ausgezeichnete Schwimmerin kenne, lebensbedrohlich. Aber ich kam nicht hierher, dich zu warnen. Dein künftiges Vorhaben, die Unterrichtung der Erstklässler, verlangt eine Prüfung. Eine halbherzige Lehrerin wäre meinen Zöglingen schädlich. Diese Handlungsweise dulde ich nicht. Die kindliche Seele wird zerbrechlich reagieren und dich hassen, treibst du mit ihnen ein launisches Spiel. Du ziehst aus Überzeugung den bürgerlichen Beruf deinem Erbrecht vor, das dich zur Regierenden an deines Vaters Seite bestimmt? Sprich.“

Sie schüttelte traurig ihren Kopf. „Mein Vater Ayron weiß es in seinem Herzen. Ich werde meinen Plan sogar gegen seinen Willen verwirklichen. Unterrichten will ich diejenigen, die ihm späterhin als die vereidigten Waffenträger des Volkes dienen.“

„Er regiert ein autonomes Volk, dessen Entwicklung in den Händen hochintelligenter Einzelwesen liegt. Unsere Bürger erlernten Gesetzmäßigen in der Natur und dem Universum schon in ihrer Kindheit. Ein jeder erbaut handwerkliche Geräte und Maschinen, um die Naturkraft nutzbringend anzuwenden. Siehe die todesmutigen Drachenflieger. Sie stürzen sich zu ihrem Vergnügen vom Felsen ins Meer. Ihren intelligenten Nachkommen wird eine Ausbildung zum Waffenträger nahegelegt. Sie alle nehmen den zehnjährigen Unterricht in meiner Drachenschule wahr. Wir beriefen die besten Wissenschaftler hierzulande in den Lehrkörper. Fragtest du dich niemals, woher die einzigartige geistige Struktur, die große Überlegenheit deines Volkes, rührt?“

Sarah, die vergeblich vor Nikos Fragen floh, rang sich keuchend zu einer Antwort durch: „Das hohe geistige Wissen, die schöpferische Gedankenkraft, erweisen sich als unentbehrlich für das Überleben meines Volkes. Wir Zöglinge der Abschlussklasse befassten uns beispielhaft mit den Problemen Einzelner, die in Freiheit und Unabhängigkeit leben. Erfahrungsgemäß zerstört ihre gesellschaftliche Isolation das soziale Gefüge. Damit deckten wir einen bedeutsamen Widerspruch auf; denn die Einheit des Volkes steht an vorderster Front und sie dient seinem Erhalt.“

Sie hangelte sich auf dem steinigen Weg schrittweise abwärts. Der Lehrer erfasste unnachgiebig ihren Arm und hielt sie fest. Sie hörte ihn ungläubig fragen: „Und wie sieht die Maßnahme der diesjährigen Absolventen zur Aufhebung der menschlichen Vereinsamung aus?“

Ohne sich umzuwenden sprach sie: „Es ist alles eine Frage ihres Zusammenwirkens. Wir fordern keine Auflehnung, verfolgen aber den politischen Grundsatz der verpflichtenden Gemeinschaftsarbeit. Mit der Zeit entstünde eine Generation, die, sich der gesellschaftlichen Verantwortung bewusster, in den sozialen Belangen für die Gemeinschaft eintritt.“

„Die anderen in deiner Klasse, vor allem aber Filis, Joeris, Boo und Andi, nicht zuletzt deren Busenfreund, Jason von Taurus, sie alle entdeckten einen Widerspruch innerhalb des gesellschaftlichen Systems? Eine Umformung der Gesellschaft dient seiner Aufhebung? Da du umwälzende gesellschaftliche Maßnahmen planst, wer wird an deiner Stelle einst das Volk regieren, da die Erbfolge des Thrones dich an die erste Stelle stellt.“

„Du weißt, nach mir steht meinem Oheim Orban die Regierungsgewalt zu“, erwiderte sie und lächelte geheimnisvoll.

„Armes Volk“, jammerte er, „seine einzige Sorge wird es sein, ob es genügend zum essen gibt. Deines Vaters Bruder ist ein Soldat, ein hervorragender Kampfflieger und nicht zuletzt der Chef des Luftheeres.“

„Er ist ein katastrophaler Politiker.“ Sarah warf lachend ihre Arme in die Luft und drehte ihren Körper im Kreis. Niko verfolgte kopfschüttelnd ihr übermütiges Betragen. Sie blieb plötzlich stehen, blickte sich unter den Uferfelsen um und setzte sich auf einen glatten Stein. Sonnenstrahlen brannten auf ihre ausgestreckten, nackten Beine.

„Filis, der mein weit entfernter Vetter ist, wählte die Politik als sein Studienfach. Mein Vater Ayron förderte beizeiten sein Bestreben. Er zögerte nicht, er nimmt ihn nach den Abschlussexamen in der Regierungskanzlei auf. Du merkst, die Zusage des Regenten verschafft mir eine Gnadenfrist. Aus meiner Sicht wird Filis hervorragende Arbeit leisten. Vielleicht bestimmt ihn die freie Wahl des Hohen Rates eines Tages zum Regierenden.“ Sarahführte ihre gestenreiche Schilderung fort mit dem Versprechen: „Wie Boo und Andi, mit denen mich Liebe und Freundschaft verbindet, werde ich einen bürgerlichen Beruf erlernen. Meine Generation wurde in ein Zeitalter geboren, da die geschichtliche und technische Entwicklung ihren stolzen und rühmlichen Höhepunkt erreicht hat. Die bestehende Weltanschauung prägt kommende Generationen. Vieles, das wir schaffen, werden sie als fortschrittliche, vielleicht als eine rückschrittliche Veränderung wahrnehmen. Deswegen ist der Kampf für den Frieden unter den Völkern das Ziel meiner Klassenkameraden. Im Volk Issel sollten sich alle Volksstämme von Oriri vereinen, die des Nordlandes, das freie Volk von Osterland und die Geächteten des Kontinentes Antea.“

„Gesetzesbrecher, Mörder und aufrührerisches Gesindel, von unsrer gerechten Gesellschaft größtenteils verschmäht“, erwiderte Niko, „sie verdienten deine Verachtung.“

„Ausgestoßene des Volkes Issel“, beharrte sie aufbegehrend, „die aufgrund ihrer Verbrechen einen Kontinent besiedeln, den zu neun Zehnteln eine unermessliche Wüste bedeckt. Ihrem Überleben dient ein nicht nennenswerter fruchtbarer Küstenstreifen.“

„Nun, ich denke, zweitausend Jahre waren ein vernünftiger Zeitraum, mordgierige Verbrechen abzubüßen“, entgegnete er. „Sie hatten ausreichenden Verstand und gründeten den neuen Staat Antea. Ihre Nachkommen nennen sich die Unbescholtenen.“ Aus Erfahrung wusste Sarah, dass er keine diesbezügliche Diskussion wünschte. Seine Augen blickten unbeteiligt auf sie herab. Sie bat ihn: „Nimm bei mir Platz.“

Er lehnte kopfschüttelnd ab. Enttäuscht suchte sie eine rechtfertigende Begründung ihrer friedlichen Mission: „Die Mutigsten erschufen aus eigner Kraft ein neues Reich. Ihre Anführer betrachten sich nicht länger als die Feinde des Volkes Issel. Sie erstreben ein neues Bündnis.“

„Das ein menschlicherer Geist befürworten mag als der ihrer einstigen Richter, die ihr Urteil in teuflischer Weise vollzogen“, entgegnete Niko. „Seit einem Jahrtausend wird das nordische Volk von den männlichen Nachkommen der Sippe Öris regiert. Ich will dir dein Wunschdenken bewusst erschweren. Deshalb höre die Wahrheit der Geschichte deines Volkes. Danach entscheidest du selbst, ob dein - für mein Gefühl barmherziges - Vorhaben die Herrscherinnenwürde herabsetzen kann. Bis zum Ende deines Überdenkens werde ich deine Entscheidung nicht beeinflussen, versprochen“, sagte er. Er setzte sich auf den Felsen und verbarg vor ihr sein Gesicht. Seltsam berührt lauschte sie dem Klang der einschmeichelnden Stimme:

„Wir erkannten die wundersamen Kräfte des Universums und sehen in ihnen die Schöpferkraft des Gottes. Die Entstehungsgeschichte in der heiligen Legende durchdringt gleichnishaft die wahren Begebenheiten, die ich dir berichte. Sie bestehen einesteils aus den mündlichen Überlieferungen, zum anderen aus den augenfällig dokumentierten Hinterlassenschaften, die sich in den Händen weniger Auserwählter befinden.

Die Erde Oriri wurde – dies lässt sich mit Gewissheit sagen - wie ihre bekannten Planeten und deren Monde aus Staub- und Gaswolken der energiereichen Sonne geformt. In derselben Art, nämlich im Verschmelzen der kosmischen Materie, entstand der Planet Aleph, der aufgrund der menschlichen Zeugnisse die paradiesische Wohnstätte deines Volkes war. Das Volk lebte in seinen idyllischen Gärten im Frieden miteinander. Eines Tages erlag es der Unterdrückung der rachedurstigen Lebewesen des dunklen Planeten Grey Grave. Die lebensfeindliche Erdkruste zwang diese in tiefgründige Erdhöhlen. Sie aber entdeckten die fruchtbaren Gärten von Aleph und sehnten sich nach dem Paradies. Deshalb schickten sie unbeseelte Kriegsmaschinen aus, Roboterwesen, die gegen die Kinder Gottes einen unvorstellbar grausamen Krieg führten. Eine erwählte Volksgruppe entkam der Gefangennahme in dem legendären Sternenschiff Triton. Sie fand nach langer Irrfahrt durch die beheimatete Galaxis die weiße Sonne und die Erde Oriri, welche im Kraftfeld des mächtigeren Gestirns, des ersten Sonnenplaneten Pinxi, liegt. Die junge Erde bot den unfreiwilligen Sternwanderern Schutz vor ihren einstigen Verfolgern. Sie besiedelten und erschlossen eine feindliche bizarre Welt, geformt aus den Feuerstürmen der Vulkane, den abtauenden Eispanzern der Gletscher und den Urozeanen. Auf den zahllosen Inseln, die aus den zerklüfteten Urkontinenten entstanden, gab es karge Streifen fruchtbaren Landes. Jedoch erschwerte wildes Getier der Menschen Eroberungszüge. Das Wissen um die Gesetzmäßigkeiten in der Natur war in ihren Geist eingebrannt, das verstandesmäßige Rechnen und Schreiben war unverzichtbarer Teil ihres Überlebenskampfes. Davon abgesehen unterschritten ihre Lebensgrundlagen niemals das erforderliche Maß. Du kennst die Ebene Ulala? Aus den Erzählungen? Sie liegt völlig abgeschnitten in einem Gebirgskranz und war einst der Lebensraum anmutiger Tiere, aber auch grässlicher Drachen. Einige der ersten Siedler verließen das Tal und folgten den Tierfährten. Sie fanden die weiten Graslandschaften, fruchtbaren Täler und glitzernde Seen im Mittelland, die faszinierende Welt der Fjordlande. Sie entdeckten die von gigantischen Meeresströmen umgebene große Insel Taurus, die wir mit den einfachen Booten nicht erreichen können. Schon immer überflogen mutige Männer die reißenden Wasser in den Tragekörben der Drachensegler, um dorthin zu gelangen. Wie viel paradiesischer empfinden wir die Ufer des Inselkontinentes Lithos, dein Geburtsland, Sarah.

Aus den ersten Siedlern entstand das Volk der Issel, das streng nach den überlieferten göttlichen Gesetzen lebt und handelt. Sie erkämpften ihr friedliches Leben in dem großen Krieg der Glaubensbrüder. Das geschah vor zweitausend Jahren. Seither trennte das wegen der unberechenbaren Sturmfluten gefürchtete tropische Südmeer den Kontinent der Abtrünnigen, Antea, vom Inselreich des Volkes Issel im Norden.“

Sarah, die Nikos sachliche Erzählung inhaltlich den bekannten lyrischen Volksliedern zuordnete, fragte ihn, der plötzlich verstummte:

„Das Geheimnis der wahrheitsgetreuen Hinterlassenschaft wird von einigen Erwählten verwaltet, zu denen ab heute auch ich zähle?“

Er nickte: „Du erhältst durch uns dasselbe Geheimwissen, das die geistliche Bruderschaft, die Verteidiger der nordischen Gesetze, auszeichnet. Kämpfe mit uns für das Recht, Sarah.“

Sie blickte ihn zweifelnd an: „Beantworte mir zunächst eine Frage: Gebietet die Vernunft den Geheimnisträgern das Öffnen des verschwiegensten Abschnittes der Volkssage, der, wie ich glaube, auf wahren Begebenheiten beruht? Es heißt, zur Zeit der Küstenbesiedlung lebten die freundlichsten Geschöpfe des Erdenkreises, die Meermenschen, friedlich mit den Landbewohnern. Das grünschillernde Schuppenkleid ihrer Fischleiber und zwei mächtige Schwanzflossen rechtfertigen ihren vorwiegenden Aufenthalt im Meer. In den hellen Nächten, in denen sie an die unbesiedelten Ufer schwammen, sahen die Fischer ihre menschenähnliche Gestalt. Ungeachtet der märchenhaften Mischwesen, die des Nachts vom Meer aufs Land krochen, errichteten die Menschen an den fruchtbaren Stränden feste Häuser aus Stein. Man begründet das darauf folgende fluchtartige Verschwinden der scheuen Ureinwohner im Geheimnis ihrer beginnenden Ausrottung. Meine Schwester Mari sagt, seither suchten die fabelhaften Meeresbewohner in den sternklaren Nächten heimlich Lithos Strände auf. Am Morgen finden die Schatzsucher ihre Geschenke, glasklare Kristalle und kostbare Perlen, die Beweise ihrer Dankbarkeit und des Zutrauens, versteckt in den Sandmulden.“

„Erklingt in den seltenen mystischen Nächten ihr Gesang von den Ufern her, fremd, rätselhaft und glückselig zugleich, erfüllt die Nacht ein magischer Zauber. Seit vielen Jahrtausenden hören die Menschen ihr Lied und keiner mag es deuten“, flüsterte der Lehrer. Er erhob sich:

„In den zehn Jahren deiner Schulzeit war ich dein wissenschaftlicher und soldatischer Lehrer. Mein Wissen dessen, das einige eine düstere Prophezeiung nennen, sagt mir, wir Menschen werden das Überleben und damit das Geheimnis der Fabelwesen beschützen.“

„Das denke auch ich“, erwiderte sie, „man sagt, damals ermöglichten die furchtlosesten Menschen ihre Flucht und bewahrten sie solchermaßen vor dem Tod. Seither erscheinen sie den Fischern und Seefahrern, die in einen Sturm geraten, als deren Lebensretter.“

Sarah und Niko sahen einander lächelnd an wie zwei Menschen, die ihre Eigenarten durch das tägliche Kennenlernen billigten und die notwendige Achtung füreinander erkämpften. Er bat sie:

„Kehren wir um, wir werden in wenigen Minuten droben sein. Dein Vater bat mich, dir die historischen Ereignisse erneut einzuschärfen. Es ist wahr, seit eintausend Jahren regiert das königliche Geschlecht der Sippe Öris das Volk. Der Palast, hoch über dem Meer, ist seit zweitausend Jahren der Stammsitz deiner Vorfahren.“ Er blickte, die Augen gegen das Sonnenlicht abschirmend, hinauf und sagte: „Aus der Ferne wirkt der beispiellose Gigant nahezu überirdisch.“

„Er gilt als ein Symbol der Macht“, antwortete Sarah, „die von den Regierenden nicht wie eine Fessel eingesetzt wird.“

Niko Joel nahm Sarahs Arm und führte sie auf den Hauptweg des ansteigenden Ufers. Seine Augen streiften den spätnachmittäglichen Himmel. Ein kometenhafter Schweif erweiterte die goldene Aureole des tief im Westen wandernden Tagesgestirns gegen den Osten. Er berührte den Kreis eines zweiten, hell strahlenden Gestirns. Niko erbrachte eine Unterscheidung der Himmelskörper, indem er den heller erstrahlenden als die Sonne bezeichnete, die den mächtigsten der acht Sonnenplaneten, den Pinxi, ein rosig und hellblau behauchter Riesenplanet, in ihre Bahn zwang. Er war der Schirmherr der Erde bot und einen, auf dem Planeten Oriri den Tag und die Nacht überdauernden, betörenden Anblick. Beim Sonnenaufgang stand er westlich des Tagesgestirns, das im Verlauf einer Stunde die Planetenbahn überschritt, sodass er östlich der Sonne erschien. Im Tagesverlauf nahm der östliche Sonnenabstand des Erdenbegleiters zu. Erst gegen den Morgen erreichte sein helles Licht, sich am Himmelsrand rasch auflösend, den Westhorizont. Es folgten die langen Atemzüge seines Verschwindens, dann stieg der Planet erneut über dem Osthorizont der Erde auf. Niko schaute hinauf und sagte:

„Am letzten Jahrestag verharrt der Riese, dessen Anziehungskraft die Erdumlaufbahn stabilisiert, für dreißig Minuten auf der Radiallinie der irdischen Drehachse um die Sonne. In dem Zeitraum verbirgt er das Angesicht des Zentralgestirns vor unseren Augen. In diesem Jahr hüllt sein Kernschatten Lithos Küste in tiefes Dunkel. Vermutlich durchlebst du deine erste völlige Sonnenfinsternis. Die um die Wintersonnenwende eintretende Überschneidung der Planetenbahnen erscheint uns stets harmlos. Doch bei absoluter Sonnenfinsternis entfesselt der Einfluss des Erdenpartners die elementaren Kräfte des Meeres, er zwingt die Lava der Vulkane zum Überquellen. Der Sturm zieht auf, das Meer tobt in schwarzer und giftgrüner Flut. Schlimmstenfalls wird das Ufer überflutet. Verheerender sind die zahllosen entflammten Erdenfeuer im Innenland, vor allem die in den Sümpfen. Seit zwei Jahrtausenden bietet dein Stammschloss den Küstenbewohnern einen sicheren Platz zum Überleben.

Ich weiß, du bist eine furchtlose junge Frau, Sarah. Vielleicht lasse ich nicht zu, dass der Wille deines Vaters, der das Erbrecht verteidigt, deine Seele zerbricht. In dir erkenne ich eine erzieherische Begabung. Deshalb will ich dein würdiger Fürsprecher sein. Der gemeinsame Plan deiner Schulklasse, der dir das Lehramt überträgt, öffnet dir die Grenze der Sippenordnung, meine Liebe.“

Kapitel 1

-Sarah-

Einige Atemzüge lang verbarg die gleißende Strahlenflut der Sonne den Horizont. Geschwindüberwand das Zentralgestirn der Erde Oriri die klar gezeichneten Berggipfel im Osten und stieg im kobaltblauen Sommerhimmel auf. Die gereinigte Atmosphäre des verheißungsvollen Spätsommertages rief am Morgen vereinzelte Küstenbewohner auf die hölzernen Laufstege am Rand des weitläufigen Dünengürtels. An den Ufern rafften die raubvogelartigen Schattenbilder schwarz gekleideter Inselfrauen Schätze, die die nächtliche Flut dem Meer entriss. In der Frühe lagerten dichte Dunstschwaden um die Grundmauern der Ringfestung, die geniale Baumeister auf jäh abfallendem Uferhang errichtet hatten. Aufmerksame Wanderer entdeckten in der berückenden Vision des Wolkenschlosses, das sich in eigenartigem Schwebezustand über die hohe Landplatte erhob, einen häufig erwähnten Trugschluss. Sobald die Sonnenwärme den wolkigen Nebel auslöschte, erschienen die schneeweißen Mauern auf den natürlichen Felsenformationen fest verankert. Ihr kolossales Ausmaß ward durch die Fülle des Goldes veredelt, das die vielflächigen Glaselemente des Polygons tränkte, die erhabene Kuppel der östlichen Dachfläche. In derselben Weise beindruckend wirkte die tiefblaue Rundkuppel der diagonal verbundenen Sternwarte. Durchsichtige braungoldene Marmoreinfassungen der Mauerkanten, der Fenster und Portale und schlank aufstrebende, geschnitzte Eckpfeiler und Turmspitzen, schufen die grazile Schönheit einer reich verzierten Kathedrale. Seit der Erbauung beanspruchten die Machthaber des Volkes Issel, Bewohner des Planeten Oriri, die Ringfeste als ihren Wohnsitz.

Ayron Öris galt als der letzte männliche Herrscher in der Ahnenfolge. Seine Gemahlin Eyna gebar ihm zwei Töchter. Mari, die Erstgeborene, folgte ihrer Berufung als Hebamme und gewährte den gebärenden Müttern Schutz und Hilfe. Sarahs Geburt stand im Zeichen der Könige. Das charakteristische Merkmal, das Zeichen der Krone auf der Stirne des Kindes, wurde Vater Odulf, dem geistlichen Oberhaupt des Volkes, offenbar. Er segnete das Neugeborene, gab ihm den Namen Sarah und bestimmte es zur nachfolgenden Herrscherin. Es hieß, sie sei mit überragender Geisteskraft gesegnet und, nach dem Tode ihres Vaters Ayron, die fähige Regierende des fünfzehn Millionen Menschen zählenden Volkes Issel.

Sarah anerkannte, wie ein jeder Bewohner des Planeten Oriri, die Gültigkeit der dekadischen Zeiteinteilung des Kalenderjahres, das vierhundert und einen Tag umfasste. Demgemäß entsprach eine Dekade dem Zeitmaß von zehn Tagen. An diesem Spätsommermorgen, dem ersten Tag der vierzigsten Dekade im Jahre 1017, begannen für Sarah die Abschlussprüfungen an der Hohen Schule in der Küstenstadt Lithos. Nach ihrem zehnjährigen Unterricht nahm sie, gemeinsam mit ihren neunzehn Schulkameraden, teil. Nach ihrer erfolgreichen Prüfung erhielt sie das Merkmal der Gelehrten ihres Volkes, die Beurkundung ihrer Lehrjahre. Die Schüler in ihrer Klasse waren alle bestrebt, die begehrte Auszeichnung für sich zu erlangen.

Sie erwachte wie stets bei Sonnenaufgang. Als sie die Augen aufschlug, erinnerte sie sich ihres rätselhaften Traumes, der ihr eine unbekannte Welt offenbarte. Die vertrauten Menschen erschienen ihr wie Fremde, die ihre Gegenwart, fernab der Wirklichkeit, nicht wahrnahmen. Sie fühlte sich unsichtbar unter den Sehenden. Sie schloss, gegen das entsetzliche Grauen ankämpfend, wie betäubt ihre Augen. Die Meeresbrandung rollte in regelmäßiger Abfolge dröhnend gegen die Felswand unterhalb der Veste. Im Nachhall verklang das dumpfe Tosen, der schrille Pfeifengesang des Sturmes strich um die Palastmauern. Sarahs geübtes Gehör verzeichnete den sachten Schritt ihrer Ziehmutter Anina. Sie entfernte sich, ganz entgegen ihrer Gewohnheit, sobald ihre Schutzbefohlene das Erwachen laut verkündete.

Sarah lag still auf der erhöhten Schlafstätte in der Mitte ihres spärlich ausgestatteten Zimmers und lauschte, hoffend, die Tür möge sich öffnen und Mari erschiene. Während die Ältere sorgfältig ihre Kleidung für den Tag zurechtlegte, berichtete ihre melodische Altstimme den neuesten Klatsch, der in der Veste umging: „Man redet allerlei über Nikos gelockertes Verhältnis zur Moral seine Schüler. Eine der Absolventinnen hat ein heimliches Liebesverhältnis, ist das wahr, Sarah?“

„Nein. Weiß man, welche meiner Freundinnen der Verdacht trifft?“, fragte sie gespannt. Sarah unterbrach bisweilen mit ihren neugierigen Fragen Maris einsetzenden Redefluss, der jeden Verdacht zerstreute, weil er alle verdächtigte. Maris Erzählungen hatten sich als ein hilfreiches Mittel gegen Sarahs untergründige Furcht bewährt.

Anstatt Maris erschien an diesem Morgen Eyna, die gewöhnlich vor dem Zubettgehen nach dem Rechten sah, mit mütterlicher Bestimmtheit an ihrem Bett und blickte besorgt lächelnd auf sie herab. Trotz ihres mütterlichen Amtes und des Gebots des Respektes vor der ersten Dame des Landes, riefen ihre Töchter sie zärtlich bei ihrem Vornamen an. Sarah betrachtete verwundert die märchenhafte Schönheit der Mutter, das schlicht aufgesteckte, lichtblonde Haar, ihre engelshafte Erscheinung. Eyna lächelte, als ihr unvermuteter Anblick Sarahs Mund das gewohnte: „Ah, wie schön du bist“, entlockte. Sie fragte scherzhaft: „Darf ich hinter deiner Begeisterung einen wachen Geist vermuten? So sage mir, wie war deine Nacht?“

Eyna packte mit energischem Griff ihre Hände. Sarah erkannte rechtzeitig ihre Absicht. Sie erhob sich blitzschnell und antwortete:

„Mich ängstigte ein Traum. Darin war ich eine Fremde unter meinen Weggefährten. Sie bemerkten mich nicht und gingen ungerührt ihren Gewohnheiten nach.“

Eynas lächelnder Blick wandte sich von ihr ab. Sie sprach und ordnete die achtlos abgelegten Gegenstände, darunter ein Buch, das sie einer eingehenden Betrachtung unterzog. Sie legte es beiseite und seufzte:

„Du stehst an der Schwelle des Erwachsenseins. Niemand kann wissen, wie dein Leben nach der Schulzeit aussieht, doch es wird neu und anders sein als das vergangene. Lerne dem Unvorhersehbaren, das sicher eintrifft, würdig zu begegnen.“

„Seltsam, sogar mein Zimmer ist mir fremd. Weshalb sollten, wie in meinem Traum, furchtbare Veränderungen geschehen?“, antwortete sie.

Eynas Augen betrachteten prüfend ihr Gesicht:

„Kind, ich bin in Sorge um dich. Anina, deine Amme, begegnete mir auf meinem Weg in merklich kopfloser Verfassung. Sie ließ mir keine Zeit, die Ursache ihrer Wirrheit auszuforschen. Nun, sorgt sie sich um dein Examen, so will ich ihr vergeben. Vermutlich befinden sich alle Examinanden in Aufregung. Meine Tochter nahm sich die notwendige Zeit zur Vorbereitung. Antworte mir, ist meine Besorgnis unbegründet?“

Sarah lächelte sie dankbar an:

„Mutter, du bist rührend. Was Anina angeht, ihr Eigenleben unterscheidet sich nicht grundlegend von dem der Familie. Und meine Klassenkameraden waren wundervoll. Unser erlerntes Wissen steht in ausgezeichnetem Gleichgewicht zueinander. Wir alle bestehen die Prüfungsarbeiten glänzend. Allerorts zollt man uns schon jetzt den Respekt, der den Gelehrten zuteil ist.“

Eyna schüttelte abweisend den Kopf: „Es besteht kein Anlass zur Überheblichkeit, meine Tochter. Antworte nicht unbedacht, stellt dein Vater dir grundsätzliche Fragen. Er will dich in den schicksalhaften Stunden ein wenig aufrichten.“

Sarah murmelte: „Ayron würde mir die Schande meines Versagens niemals vergeben.“

Eyna packte ihre Schultern und blickte eindringlich in ihr Gesicht:

„Das, wovor wir alle uns fürchten, ist dein Stolz. Du lehntest Erziehungsmaßnahmen ab, die dem Überleben der Soldaten dienten. Ja, du fühltest Hass gegen Niko, der dir mit dem Entzug deines wohlverdienten Siegels drohte, da du seine Ausbilder blutige Schinder nanntest. Es war immer Maris Aufgabe, dich anzukleiden. Heute aber erachte ich es als meine Pflicht.“

Sie nahm sich energisch ihrer Verwandlung an. Im Vergleich zur Schwester arbeitete sie unmerklich und geschickt. Es mochte daran liegen, dass Mari seit einigen Jahren als ihre Leibgardistin im militärischen Dienst stand und an den Vorschriften festhielt. Während Eyna ihr hüftenlanges Haar in einer strengen Frisur bändigte, dachte Sarah an die neunzehn Absolventen ihrer Abschlussklasse, zu denen ihre engsten Freunde Filis und Boo, Andi und Jason von Taurus und zuletzt Joeris Asper, der eigensinnige Sohn des Hohen Lord Sami Asper, zählten. Erbittert über ihre Benachteiligung, sie war mit siebzehn Jahren die jüngste unter den achtzehn- bis zweiundzwanzigjährigen Schülern, empfand sie die Prüfungen als ein unerträgliches Joch, das auf ihren Schultern lastete. Sie verdankte das notwendige Wissen und Können größtenteils Ayrons sachlicher Übermittlung. Sie tröstete sich mit dem Gedanken, sie ginge mit ihres Vaters Hilfe gewappnet in das bevorstehende Examen.

„Die Startphase beginnt in zwei Stunden“, empfing Ayron seine Jüngste und legte beruhigend seine Hand auf ihren Arm. Sarah nickte. Die erste Mahlzeit in der Anwesenheit der Familie zählte zu ihren häuslichen Verpflichtungen. An diesem Morgen nahm sie die taktvolle Verschwiegenheit der Anwesenden erleichtert wahr. Sie zerkaute mechanisch die Speisen, die Eyna ihr freundlich lächelnd reichte. Als der Zeitzeiger der Uhr, ein mächtiges globales Gitterwerk aus rund gebogenen Metallstäben, die naturgetreue Darstellung der angezeigten Längen und Breitenkreise des Erdkörpers, neunmal gegen die äquatoriale Metallscheibe im Innern des Globus hämmerte, vernahm Sarah Schreckenslaute aus Eynas Mund. Das Hämmern verstummte. In Maris Augen blitzte ein unterdrücktes Lachen. Sarah bemerkte es und ein zischender Laut sprang über ihre Lippen, der schmerzhaft an die unfassbaren Albernheiten der Dienstboten erinnerte. Mari stellte das Gefäß duftenden Tees, das sie genüsslich an die Lippen geführt hatte, hastig beiseite:

„Tore wird dich heute begleiten, Sarah. Eyna benötigt in der Veste meine Hilfe.“

Sie fragte sie neugierig: „Weshalb?“

Mari kaute angestrengt auf einem Bissen Brot:

„Als die Landesmutter übernimmt sie in jedem Jahr die Vorbereitung des Festaktes zur Vereidigung der Schulabgänger. Die feierliche Aufnahme der neuen Bürger in die Gemeinschaft betrifft dich in diesem Jahr geradeso.“

Sarah überlegte und erwiderte: „Vielleicht bin ich aufgeregt. Es ist doch meine erste Ballnacht. Boo und Andi werden in den zehn Tagen nach den Examen und zur Sonnenwendfeier meine Gäste sein. Andi kehrt zur Insel Taurus zurück. Merkwürdig, es ist ein Abschied...“

Sie unterdrückte die aufsteigende Tränenflut und rief: „Ich will nachprüfen, wie Tibis Pferdeverstand auf meinen Vorschlag eines morgendlichen Ausrittes reagiert. Er ist das eigensinnigste Geschöpf, das ich kenne.“

„Gut“, sagte Ayron rasch. Er legte sein Besteck entschlossen beiseite. „Ich will dich zur Weide begleiten.“

Sarah zog ihre ebenmäßige Stirn in grimmige Falten und sagte: „Ja, Vater.“

Ayron, nach planetarischer Zeitrechnung erst sechzigjährig, bei einer Lebenserwartung von zweihundert Sonnenjahren, hatte sein junges Aussehen bewahrt. Er bewegte sich flink neben Sarah einher und sprach lebhaft auf sie ein. Sie durchquerten den halbdunklen Gang im westlichen Erdgeschoss der bewohnbaren Veste. Sarah trat aus der verborgenen Pforte, blinzelte in das gleißende Morgenlicht und schloss geblendet ihre Augen. Vorsichtig setzte sie ihren Fuß auf den mit samtweichem Gras überwucherten Pfad. Er umlief die mit spärlichen Holzlatten eingezäunte Weide. Die lanzettförmigen Blätter der schattenspendenden Bäume längs des Weges knisterten im Wind wie getrocknetes Papier. Sie stieg auf das Holzgatter und blickte sich suchend um. Aus Ayrons zugespitztem Mund klang ein greller Pfiff. Tibis runder Schädel richtete sich ruckartig auf. Das Pferd wieherte zustimmend und trabte gemächlich auf die beiden Menschen zu.

„Tibi“, befahl ihm der Vater, „bringe meine Tochter wohlbehalten und auf sicherem Pfad zur Schule, verstanden?“ Der braune Hengst stieß schnarrende Warnlaute aus. Sarah lachte und sagte, Ayron habe in Tibi einen Verschwörer gefunden, der sie in der wilden Natur beschützte.

„Er ist nervös“, bemerkte sie, „ich spüre seine Unruhe.“

„Er erahnt instinktiv deine Unsicherheit“, behauptete Ayron, „aber ich weiß um deine Fähigkeiten. Die Examen machen mir keine Sorge.“

„Plagt dich etwas, das ich wissen muss?“, klang es verwundert zurück. Sein Blick ruhte zweifelnd auf ihrem Gesicht. Er entgegnete kurz angebunden: „Nein. Halte dich hinter Tore, er hat unbestechliche Augen, bei ihm kann dir nichts geschehen.“

Sie erblickte Tore, ihren von Ayron erwählten Leibwächter. Er war unbemerkt hinzugetreten und tätschelte liebevoll Tibis Hals. Aus der Herde inmitten der Weide löste sich die grauweiße Stute Santa. Sie trottete gemächlich an das Gatter und knabberte an Tores dunklem Haarschopf. Der sympathische Mann in Maris Alter war, wie Mari öfters bemerkte, unter geheimnisvollen Zeichen in der Stadt Lithos geboren. Er wuchs seither mit den Töchtern des Regierenden - betont gleichberechtigt - in seinem Hause auf. Nach seiner Waffenausbildung diente er als ein Offizier in der Leibgarde des Herrscherhauses.

„Die Graue ist sehr stolz“, sagte Ayron, „und, was ich lobend anerkenne, ihrem Herrn treu zugetan.“

„Was soll´s, ich bin zufrieden“, antwortete Tore einsilbig. Er stützte mit beiden Händen Sarahs Fuß, als sie sich über das Gatter hinweg auf denRücken ihres Pferdes hangelte. Sie erinnerte sich nicht mehr an den Tag, als Tibi ihr erstmals die Gunst gewährte, sie seitlich im Sattel sitzend und in halsbrecherischem Ritt zur Schule zu bringen; sie trug den doppelsinnigen Namen Drachenstein. Sarah war von dem Gehorsam des schönen Tieres überzeugt und genoss mit leuchtenden Augen den einzigartigen Erfolg, den ihr Freund Jason bei der Bändigung erzielt hatte. Jason war auf der Pferdeinsel Taurus geboren und übte, wie seine Vorfahren, den Beruf des Pferdezüchters aus.

Tibi trug seine Herrin nach liebevollem Geplänkel über die blau und violett blühende Heide, entlang der geradlinigen Kämme des Dünengürtels, an dessen Ostgrenze das Schulgebäude lag.

Die Luft war glasklar. Silberheller Tau benetzte das mattgrüne Gras und die starrblättrigen Staudengewächse entlang ihres Weges. In den feinen Nebelschleiern schillerten die Farben des Regenbogens. Sarah hatte den physikalischen Vorgang der Lichtbrechung und Spiegelung an den heißen Sommertagen beobachtet. Plötzlich zogen dunkle Regenwolken auf und der Küstenhimmel verfinsterte sich in Windeseile. Wolkenbrüche prasselten herab und unmäßige Wassermassen strömten auf die schwammige Erde. Der Sturm drängte die schwere Wolkendecke nach Westen, der Sonnenball erschien und brach sein Licht in Myriaden von Regentropfen. Am Himmel erstrahlte der Regenbogen. Es gab wenige glückselige Augenblicke, da den Menschen der Küstenstadt Lithos das himmlische Schauspiel vergönnt war.

Tore ritt Sarah im leichten Trab schräg voraus. Er beobachtete unentwegt den weiten Dünengürtel, aber außer den aufstiebenden Staubwolken bestand keine ernste Gefahr. Sie gelangten nach kurzer Zeit an das Tor der eingezäunten Pferdekoppel vor der Schule. Sarahs mit weichem Wildleder bekleideter Fuß suchte in den Querbalken Halt. Sie hielt die Zügel fest in ihrer Hand, kletterte vom Rücken des Pferdes und setzte sich auf den obersten Balken. Dann verknotete sie die Riemen, gab ihm einen Klaps und rief:

„Lauf Tibi, geschwind.“ Der Hengst wusste mit seiner neuen Lebenslage offenbar nichts Rechtes anzufangen. Er trat zögernd auf der Stelle. „Gehorche“, rief sie, „laufe, geh endlich.“ Sein Schädel wandte sich mit gespitzten Lauschern dem freudigen Wiehern einer schlankgliedrigen Stute entgegen. Sarah erkannte Filis Pferd. Filis´ war der Sohn eines Mitgliedes des Hohen Rates und einer ihrer engen Freunde. Tore verschloss das Holzgatter. Sie wandte sich besorgt um. Tibis blonde Mähne leuchtete inmitten der kleinen Herde. Der schwarze Hengst Zeal, der eigensinnige Wegbegleiter des jungen Lord Joeris Asper, drehte mit aufgebäumten Vorderläufen tänzerische Pirouetten. Die meisten ihrer Freunde galten als leidenschaftliche Reiter und waren vor ihr auf der Pferdekoppel eingetroffen. Außer der elektrischen Inselbahn, die sich endlos durch die flachen und gebirgigen Regionen der Insel schlängelte, galten die gezähmten Wildpferde als das zweckmäßigste Fortbewegungsmittel.

Sarah verabschiedete sich von Tore. Sie wusste, er würde die umliegenden Weiden und Parkanlagen beobachten und der Sicherheitszentrale das unscheinbarste Augenmerk melden. Sie nahm das Funksprechgerät, das er ihr reichte, in eine Hand und legte mit der anderen den Trageriemen ihrer Umhängetasche fest um die Schultern. Sie nickte Tore zu: „Während des Abfragens werden wir nicht - wie gewöhnlich – durch den Sprechfunk miteinander verbunden sein. Halte dich deswegen in der Nähe der Schule auf. Das Unvorhersehbare tritt im ungünstigsten Augenblick ein.“

Tore brummte: „Sei nicht altklug, Sarah. Überlasse diese Eigenschaft besser den unerzogenen Halbwüchsigen.“

-Der Drachen-

Sarah ging den vom Morgentau durchnässten Pfad hinauf. In der Entfernung von fünfhundert Schritten zeichnete sich die Front des dreiteiligen Schulgebäudes gegen den blassblauen Himmel ab. Der durchsichtige Kristall des Mittelbaues entkräftete das Ausmaß der gleichförmigen Kegelstümpfe und verband sie miteinander. Zur Meeresseite hin bestand der mittlere Trakt in der gläsernen Pyramide. Den ursprünglichen Verteidigungstürmen maß Sarah zurzeit eine geheime militärische Bedeutung bei. Denn die Drachenschule verübte die nicht alltägliche Ausbildung ihrer Schüler im Umgang mit den Waffen. Nach zehnjähriger Schulzeit dienten sie als vereidigte Waffenträger und Offiziere dem Volk Issel zur Verteidigung. Sie befehligten im Kriegsfall eine Hundertschaft waffenfähiger Männer und Frauen.

Sarah wuchs auf wie ein Kind des Drachensteins, ein poetischer Name, der sich meisterhaft in der Gestalt der beiden aus gleichgestalteten Quadern errichteten, mächtigen Kegel und seiner Fensteraugen verwirklichte. Deren riesigen Drachenvierecke waren über drei Stockwerke verteilt und bestanden aus bunten Kristallgläsern. Sie starrten wie feurige Drachenaugen hell und glitzernd in die Nacht.

Der junge Lord Joeris Asper stand, die Augen abwartend auf die junge Frau gerichtet, vor dem Hauptportal. Er half der jungen Sarah bei ihren Entscheidungen, die ihre Stellung als Thronerbin betrafen. Ihr inniges Verhältnis ging über das der Schulkameraden hinaus, und sie spürte bisweilen ihre Abhängigkeit von Joeris. Zielstrebig ging sie auf ihn zu. Zur Uferseite gab es die engen, ungenutzten Zugänge der beiden Türme. Der Küstenwind trug hohe Sandhügel auf und versperrte die Maueröffnungen. Auf dem Campus, der zur Landseite lag, lieferten sich lärmende Schülergruppen Wortgefechte. Sarah reichte Joeris impulsiv ihre Hand. Sie fühlte, wie der glückselige Lebenshauch ihre Wangen rot färbte. Wie es schien, erfreute der junge Mann sich aufrichtig ihres Wiedersehens. Sie spürte seinen zärtlichen Kuss auf ihrer Wange. Er lachte:

„Sei mutig und habe Vertrauen. Ich verspreche dir, wir geleiten dich erfolgreich bis ans Ende der Examen.“

Die Abschlussprüfung fiel auf den neunten Tag vor der Sonnenwende und wurde im zweijährigen Abstand, in der vierzigsten Dekade durchgeführt.

„Klar“, antwortete sie mit gespielter Heiterkeit. „Ich werde euch wie stets nicht enttäuschen.“ Er studierte in geneigter Haltung aufmerksam ihr Gesicht. „Es ist eine Kleinigkeit für dich“, betonte er erneut nachdrücklich. „Du schaffst es, bekommst ein hervorragendes Zeugnis.“

Sie fand seine Art der Ermutigung ein wenig linkisch und lachte ihn belustigt aus:

„Na und. Der Erfolg des Unterrichts hängt auch vom Können unserer Lehrer ab. Die Leistungen der Schüler aber von ihrem Fleiß, sagt mein Vater.“

Um nach den Jahren der Sippenherrschaft dem außergewöhnlichen Bildungsdrang nachzukommen, richtete das Volk Issel Bibliotheken und Schulen ein. Man rüstete sie mit geeigneten Lehrstoffen in der Rechenkunst und in den Naturwissenschaften aus, und beorderte laut Gesetz fähige Bürger und deren Kinder unter die gefürchtete Knute der Gelehrten. Letztere entstammten vorwiegend der religiösen Bruderschaft, die unter dem Vorbehalt der Nächstenliebe belehrende Maßnahmen ergriff. Drachenstein, das militärische Schülerheim nahe der Residenz des Herrschers Ayron aber, war einmalig unter den bildenden Einrichtungen.

Joeris hielt ihre Hand fest, als er für Sarah den Weg durch die Schar tuschelnder Schüler bahnte. Sie wirkte neben dem kräftigen Jungen auf ergreifende Weise zierlich. Joeris nickte verabschiedend, als Niko Joel, der Leiter der Anstalt, unter den überwiegend männlichen Prüflingen einen Platz für Sarah bestimmte. Die Prüflinge besetzten schweigend die halbrunden Bankreihen des Hörsaales in der Pyramide. Flimmernde Lichtschwaden flossen durch das kristallische Dach. In der erwartungsvollen Stille lastete die angstvolle Frage, wem unter den Prüflingen die wohlverdiente Anerkennung als gebildeter Staatsbürger in diesem Jahr versagt bleiben würde. Die Gruppe der Prüfer trat mit unbewegter Miene vor und verneigte sich. Sie nahmen lautlos ihre Plätze ein in der Reihe gewichtiger Lehnstühle, die man eigens für diesen Zweck aufgestellt hatte. Sarah bemerkte erleichtert den bekannten Lehrkörper und oberste Militärangehörige.

Das wechselseitige Abfragen in der Physik und Chemie erforderte ihre höchste Aufmerksamkeit. Die Schüler sagten die bekannten Lehrsätze der physikalischen Wissenschaften fließend auswendig auf. Ihre Kenntnisse des atomaren Aufbaues ausgesuchter chemischer Verbindungen, der Elemente bis hin zum edlen Gold, füllten das lückenlose Archiv ihres ausgezeichneten Wissens. Sarah fühlte sich nach drei zähflüssig verstreichenden Stunden müde und ausgelaugt. Es folgten, nach einstündiger Pause, drei weitere Fragestunden in der Meeresbiologie. Danach erhob sich der Prüfungsausschuss von seinen Plätzen. Sie verneigten sich mit undurchdringlicher Miene und ließen die verstörte Schar der Examinanden zurück. In ihrer Ungewissheit bombardierten diese Niko Joel mit zwingenden Fragen. Er sprach:

„Sechs volle Stunden der Befragungen erscheinen mir persönlich mehr als genug. Haben Sie Geduld, Herrschaften, die Prüfungsergebnisse werden am letzten Tag veröffentlicht.“

Sarah spürte wie Filis, der Sohn des Hohen Konsuls Anse, ein leiblicher Nachkomme ihrer Sippe, sie fragend anstarrte. Filis´ familiäre Bande äußerten sich in stiller Selbstbehauptung im Kreis ihrer Familie. Seine außergewöhnlich hohe Intelligenz und das unbestechliche Wissen machten seine Freundschaft für Sarah, die oft unkontrolliert und gefühlsbetont auf ihre Umwelt reagierte, unentbehrlich. Er nickte ihr heimlich zu, das hieß, sie hatte den ersten Prüfungstag fehlerfrei bestanden.

Niko Joel, das Haupt des sechsköpfigen Lehrkörpers der Schule und der Unterrichter der Abschlussklasse, hatte das Treiben seiner Schüler bemerkt. Er quittierte ihr heimliches Getue mit spöttischem Lächeln. Sie dankten es ihm mit gleichmütiger Duldung. Denn der junge Lehrer wurde wegen der gerechten Handlungsweise von den Schülern wie ein Gott verehrt. Er verwaltete sein pädagogisches Geschick, das sich im Machtanspruch des geistig Überlegeneren festigte, mit dem feinsinnigen Gespür für die Unaufmerksamkeiten der Schüler. Er pflegte sie mit wiederholtem Einpauken der Lehrsätze, unterstützt durch bezeichnende Gesten des Abgrundes, der sich bei ihrem Versagen vor ihnen auftat, heranzubilden. Seine gutgewachsene Erscheinung, der Kupferglanz seines lockigen, im Nacken gebundenen Haupthaares und sein beständiges freundliches Lächeln verwandelten sein hohes Ansehen bereits zu Lebzeiten in einen Mythos. Die Schüler nannten ihn Niko; denn es galt nahezu als Verrat, seinen Geburtsnamen, Nikodemus Joel, auszusprechen.

Die Landesverteidigung galt in der Regel als Aufgabe des gesamten Volkes. Dessen Einheit und Kampfkraft zu unterstützen, bildete der Drachenstein seine Schüler in den Geisteswissenschaften und im Schwergewicht im Umgang mit den Waffen aus. Als ein hervorragender Schwertkämpfer erteilte Niko Joel ihnen eindringliche Lektionen im fairen Kampf. Einige seiner Schüler erinnerten sich schmerzhaft an die Strafmaßnahmen des Schulleiters, unter anderem an den schweißtreibenden Frühsport.

Sarah spürte: Seine Zeit war gekommen. Erfahrungsgemäß bewies der Lehrer im unerwarteten Augenblick seine Macht. Niko forderte Rechenschaft, er verlangte den Beweis des anerzogenen Respektes vor dem Feind. Er nannte es die Feindesliebe. Seine Unnachgiebigkeit bewirkte bei Sarah einen bitteren Geschmack. Niko verschonte sie am Prüfungstage nicht, sondern er befehligte seine Prüflinge zu den Übungsplätzen, in das kultivierte Parkgelände der Schule. Ihr Gespürfür Nikos derbe Späße hatte einige jüngere Zöglinge herbeigelockt. Die Erprobung schwieriger Kampfstellungen geschehe im Sinne der Prüfungen, betonte er selbstherrlich. Sarah bemerkte um sich herum wütende und verbissene Mienen, doch alle nahmen widerspruchslos Aufstellung.

Im Schwertkampf war Sarah eine unschlagbare Gegnerin. Ihre brillante Überlegenheit zwang den Klassensprecher John, danach den angehenden Arzt und Chemiker und Jason von Taurus in die Knie. Sie steckten sichtlich erbost ihr Schwert in den Sand. Nikos Wutschrei befahl ihnen die Einhaltung der fünfzehnminütigen Kampfregel. Sie schüttelten wortlos und ablehnend ihre Köpfe. Danach beobachtete Sarah mit heimlichem Vergnügen ihre Freundin Boo, die in wildem fanatischem Kampf einen Gegner bezwang, der als ein hervorragender Partisan galt, Peter Pastor. Der blonde Junge erklärte lachend, er zwinge niemals eine schöne Frau wie Boo zur Niederlage. Dafür maßregelte ihn Niko:

„Deine Übung ist nicht als beendet anzusehen. Wer tritt gegen Pit an?“ Er blickte sich fragend um. Pit war ein listenreicher, ausdauernder Kämpfer und nur die mutigsten Kampfschüler nahmen seine Herausforderung an. Die Wahl fiel auf Andi, die Heilkundlerin. Sie prügelte gänzlich unsportlich auf ihren Gegner ein. Pit zwang Andi durch das elegante Einflechten einiger Trainingsübungen, wobei er sich die Zeit zur wörtlichen Erklärung der fairen Regeln des Schwertkampfes nahm, zur Einsicht.

„Sie ist zwar keine gute Kämpferin, doch schlägt sie sich tapfer“, bemerkte Jason mit sorgenvoll gefurchter Stirne. „Pit sollte die Frau endlich in Ruhe lassen. Sie gehört mir, ich werde mit ihr das Ehebündnis eingehen.“

Sarah erschrak, als der Freund die Zukunft erwähnte. Sie dachte an die Träume, die sie zu verwirklichen und die Pläne, die sie umzusetzen gedachten. Doch wie würde eine Zukunft für Boo, die rachedurstige Frauenrechtlerin, aussehen? Ihr Vorhaben des Medizinstudiums, ein Beruf, der in dem Volk Issel vorwiegend von Männern ausgeübt wurde, erschien Sarah unfassbar. Wie viel einfacher sah Andis Leben aus, die das Erbe ihres Vaters antrat. Sie träumte davon, Heilsäfte zu kreieren, und sie hielt stets eine geeignete Arznei für die Beschwerden ihrer Mitschüler bereit. Joeris hatte sich für die Offizierslaufbahn auf dem Forschungsschiff Pegasus beworben. Er unterbreitete den Freunden beizeiten eine klare Vorstellung seines Aufgabenbereiches. Sarahs erzieherisches Geschick begann sich in dramatischer Weise in Filis´ Pläne einzuflechten; denn er verschrieb sich der Politologie. Es lag ihr nicht, sich in die Regierungsgeschäfte ihres Vaters einzumischen. Sie bewies sich unnachgiebig in ihrer Entschlossenheit, die Unterrichtung der Erstklässler wahrzunehmen. Ayron verweigerte ihr beharrlich sein Einverständnis. Er liebäugelte seit ihrem Antrag jedoch allzu offen mit Filis´ Plänen und tat alles Mögliche, den begabten Jungen für die Regierungsarbeit zu gewinnen.

Sarah saß im kühlen Schatten der breitblättrigen Stauden, eine Art Feigenbäume, am Rande des Trainingsfeldes. Sie hörte mit geschlossenen Augen das metallische Scheppern der Schwertklingen. „Wieso mit den Schwertern kämpfen?“, hatte sie Ayron vor Jahren verständnislos gefragt.

„Das Gesetz der Waffenträger fordert den betäubenden Einsatz der Giftpfeile, und neuerdings auch die Handhabung der tödlichen Strahlenwaffen“, antwortete er ihr lächelnd. Er erklärte ihr, es sei vor allem ein psychologischer Krieg, den sie gegen die verbrecherischen Partisanen des Wüstenkontinents jenseits des Südmeeres führten. Schließlich handelte es sich bei deren Grenzverletzungen um gelegentliche schurkische, keinesfalls aber tödliche Streiche. Die Erwartung eines fairen Kampfes gegen die wilden Horden der feindlichen Rebellen sei ein unverzeihlicher Selbstbetrug der gewaltfreien Nordländer. Im Schwertkampf lernten sie das vorsätzliche und taktische Verhalten ihrer Gegner einschätzen und auch, wie man unvermittelt zum Gegenschlag ausholt.

Sie hörte das Schlusssignal aus Nikos Pfeife. Die körperlichen und seelischen Belastungen des ersten Prüfungstages hatten sie überanstrengt. Sie fühlte eine Taubheit in ihren Gliedmaßen, eine Unempfindlichkeit gegen den Schmerz, den das Schwertfechten ihr verursachte. Sie dachte an das geächtete Volk des Südens, das vor fünf Jahrtausenden entstanden war, als die Stammväter des Volkes Issel die Hinrichtung von Mördern, Dieben und Verrätern in einen Akt der Nächstenliebe umwandelten. Anstatt der Todesstrafe zwangen sie dieselben in das rote Gewand der Verfemten und führten sie in die Verdammnis der unermesslichen Sandwüste des Kontinents Antea. Die bittere Hoffnung des Überlebens der Ausgestoßenen, denen kein Platz im nordischen Inselreich Issel vergönnt war, mochte für die zurückbleibenden Familien tröstlich sein.

„Die unbescholtenen Nachfahren der Verfemten, die friedlich um die Anerkennung ihrer völkischen Abstammung bitten, im Krieg zu töten, das ist ungerecht“, dachte Sarah und trottete müde zur Weide.

„Deshalb leben und kämpfen wirfür die Gerechtigkeit“, sprach sie laut, als Filis sie zur Weide begleitete. Er wandte ihr sein erstarrtes Gesicht zu. Sie erschrak. Zum ersten Mal wurde ihr die vertraute Nähe des Freundes bewusst. In den gemeinsamen Schuljahren war kein Nachmittag vergangen, den er Sarah nicht zur Koppel begleitet hatte. Sein unterwürfiges Schweigen schmerzte sie in der Seele, doch sie spürte für ihn eine schwesterliche Zuneigung und übte sich in der Geduld.

Filis´ Mund pfiff seine ureigene Melodie: drei Noten in ansteigender und in abfallender Tonlage. Tibi nippte an den Grasstengeln, trabte aber bei der Fühlungnahme der Freunde mit hochmütig aufgerichtetem Schädel herbei. Filis reichte Sarah das geordnete Zaumzeug. Sie nahm es dankbar aus seiner Hand. Er sprach ein Wort nur: „Lebewohl.“

Sie verzog schmerzlich ihr Gesicht:

„Sie nicht traurig, wenn das Unvermeidliche geschieht. Gemeinsam hatten wir eine traumhafte Kindheit, doch das Vergangene wird nicht ausgelöscht, sondern immer zugegen sein. Keine Macht der Welt kann unsere Freundschaft brechen, sie ist ein Teil unsrer Persönlichkeit. Als vollwertige Bürger werden wir frei sein in unseren Entscheidungen. Das ist ein Vorteil - in gewisser Weise - meinst du nicht?“

Filis antwortete ihr nicht. Sein feindseliger Blick traf sie in ihrem Innersten. Sie verbarg, zu hoffnungslosen Tränen gerührt, vor ihm das Gesicht. Er hatte ihr am vergangenen Abend mit männlicher Offenheit seine Liebe erklärt. Sie fürchtete Filis´ Überzeugungskraft und sagte ihm, sie werde zu Stein verwandelt in dem Augenblick, da sie ihm gehörte. Denn sie erwiderte seine Liebe nicht in derselben Weise.

„Wir werden für immer Freunde sein“, hatte Filis ihr geantwortet. „Wir alle, deine Kameraden, stärkten dir den Rücken, als das geschah, wovor Niko Joel sich fürchtet. Die jungen Nachfahren des Volkes Antea sahen uns, die unbefangenen Kinder, als die Mitverschwörer ihrer freiheitlichen Ideologien an.“

„Ach was, die harmlosen Bildstörungen in der holographischen Übertragungskammer“, war Sarahs Antwort gewesen. „Die unschuldigen Geächteten, wie sie sich nennen, gelangten in unseren Empfangsbereich. Wie sie das bloß anstellten? Bei meiner Verpflichtung als die zukünftige Regierende des Nordlandes musste ich ihre Kontaktsuche wahrnehmen. Es ist gut, ihre Lebensweise zu kennen.“

„Viel besser noch, ihre Zwangslage erheblich zu mildern; denn unsre kleinen Freunde zehrten in den vergangenen zehn Jahren, wohl entgegen meiner Erwartungen, von deinem Erbarmen“, hatte Filis geantwortet. Seither verschloss er seine Gedanken vor ihr, aber sie ahnte, was hinter der grimmig gefurchten Stirn vorging.

Er umfasste ihre Hüften und stützte sie, als sie sich kraftlos auf Tibis Rücken schwang. „Mir gefällt nicht, dass du auf der unübersehbaren Strecke allein mit Tore reitest. Das halte ich für ausgesprochen leichtsinnig“, sagte er. „Ginge es nach mir, solltest du den ganzen Weg zu Fuß zurücklegen“.

Sie tätschelte liebevoll Tibis Nacken: „Mein Bild, das deine Seele verzweifelt festhält, wird zerspringen, behandeltest du mich weiterhin wie dein Eigentum. Respektiere meine Entscheidung, und wir werden uns großartig verstehen“.

„Eines Tages kannst du mich begreifen und du wirst deine Ablehnung verzweifelt bereuen“, rief er.

Er versetzte Tibi anfeuernd einen Klaps. Das Pferd schnaufte, schüttelte seine blonde Mähne und trabte gemächlich davon. Sarah traf am Saum der gleichförmigen Kette der haushohen Sanddünen auf Tore. Der Weg über den Kamm vereinte sich an dieser Stelle bogenförmig mit dem breiten Ufer. Tore rief ihr zu: „He, Sarah. Niko muss toll geworden sein. Er sollte eure Kräfte schonen“.

Sarah zuckte ahnungslos die Schultern und antwortete ihm: „Wir reiten ohne Aufenthalt über den Uferweg zur Festung“.

Indessen begrüßte Tibi die Graue des Leibwächters Tore mit freudigem Wiehern. Die Pferde liefen im schnellen Trab über die Sandfläche des Ufers. Sie erreichten den Felsenpfad, der sie zum Osttor des Befestigungsringes führte. Sarah sprang von Tibis Rücken, nahm sein Zügel und führte ihn hinauf. Ehe sie den höhlenartigen Felseneingang durchschritt, drehte sie sich um und blickte zurück. In der Talsenke hinter den Dünen lag die Stadt und südöstlich der Drachenstein. Sie dachte: Zehn Jahre sind vergangen, seit ich als siebenjähriges Kind in die Schar der zweihundert Kampfschüler aufgenommen wurde. Ihre Zeit verging wie ein schwereloser Taumel durch die glücklichen Stunden im Kreis der Freunde. Hass, Unterdrückung und Leid verloren im ungleichen Verhältnis zur Bruderliebe, die sie empfanden, an Kraft.

Freunde und Partner

Die Eingänge des privaten Palas waren an diesem Spätnachmittage unbewacht. Ein erregender Windhauch durchströmte die unteren Hallen und Gänge. Sarah atmete seine wohltuende, belebende Essenz. Die gläserne Kuppel des Polygons dämpfte das einfallende Sonnenlicht, das die untere Halle und die gewundene Treppe über drei Stockwerke hinweg erhellte. Sarah durchquerte die Eingangshalle. Sie begab sich in die Arbeitsräume ihres Vaters. Sein Refugium umfasste eine wohlgeordnete Bibliothek, ein Schreibzimmer und den Konferenzsaal. Das vertraute Ritual der Begrüßung verlief in den vergangenen Jahren im freundschaftlichen Ton. Ayron nahm Sarahs regelmäßige Ereignisberichte mit höflichen Anmerkungen wahr. Sie lauschte eifersüchtig dem nachdenklichen Unterton in ihres Vaters Stimme und hörte richtungweisende Befehle.

Sie traf, als sie in die Bibliothek eintrat, ihre Mutter zu einer für sie ungewöhnlichen Tageszeit an. Die Landesherrin respektierte die Amtsgeschäfte des Regenten und umging weitläufig sein Refugium. Ayron legte bei Sarahs Ankunft nachdrücklich sein Notizbuch beiseite, das für eine dienstliche Zusammenkunft sprach. Sarah erwies Eyna ihre höfliche Referenz. Die ranghöhere Dame erlaubte ihr näherzutreten. Das Paar stand in aufrechter Haltung beisammen. Sarah merkte ihrer stolzen Mutter den Unmut über ihr verspätetes Erscheinen nicht an. Doch Ayron neigte, offenbar misslaunig, sein Haupt: „Er opferte eure Zeit, um Kampfstellungen einzuüben. Was gedachte Joel damit zu erreichen?“

„Er sagt, wir alle seien hervorragende Kämpfer. Er kennt wenige Schüler, die ähnliche Leistungen vollbringen, jedoch verhielten wir uns in manchen Dingen arrogant. Das sei eine Beleidigung für ehrliche Soldaten. Wir gehorchten ihm in diesem besonderen Fall. Unter uns will ihn keiner als Gegner in Kauf nehmen“, antwortete sie ihm gleichgültig.

„Sagen wir, die Ausübung der geschickten Taktik, die fintenreiche Täuschung der Gegner und seine blitzschnelle Entwaffnung, gilt hierzulande als unübertroffen. Entsprechende Schritte erlerntet ihr rasch. Der Feind wird abgelenkt und ist zermürbt, noch ehe er zum Gegenschlag ausholt. Niko Joel ist zwar ein genialer Lehrmeister, doch wählte er den verkehrten Zeitpunkt für euren Feinschliff aus.“

Sarah lachte belustigt auf: „Vater, du kennst Niko recht wenig. Er erinnert uns verzweifelt an unsere genialen Fähigkeiten und daran, dass wir nach dem Verlassen der Schule dieselbe Uniform tragen. Er demonstriert Einigkeit.“

„Gewiss, den Gedanken an die Solidarität darf und kann er nicht vernachlässigen. Trotzdem will ich ihn an die Regeln erinnern. Er verlangt zu viel von seinen Schülern“, antwortete er kühl.

Sarah fühlte sich entnervt und blickte schweigend zu Boden. Als sie aufblickte, stand Eyna vor ihr. Sie trug ein fließendes Gewand aus leichtem, blauem Wollstoff. Der gleichartige, geöffnete Mantel gab ihrer Erscheinung eine gewisse distanzierte Eleganz. Die Hausherrin war in der Art auf den allabendlichen Empfang vorbereitet. Zum Nachtmahl traf gewöhnlich eine malerische Schar der ungewöhnlichsten Gäste ein. Niko Joel war darunter und der jüngere Bruder des Regenten, Orban, ein glänzender Pilot und der Oberste des Luftheeres. Sarah liebte die unkomplizierte Gegenwart ihres Oheims. Sie fühlte sich jedoch müde und fragte: „Widerspreche ich deinen Anordnungen, Mutter, verlasse ich mein Zimmer vor dem Zubettgehen nicht mehr? Ich benötige ein wenig Zeit zur Vorbereitung der morgigen Prüfungen.“

Eyna schüttelte mitleidvoll ihr blondes Haupt: „Geh´ nur. Wir sagten jedes gesellschaftliche Treffen ab. Anina wird sich mit dem Notwendigen befassen.“

Sarah wandte sich müde um und spürte erneut den betäubenden Schmerz ihres geschundenen Körpers. Ihr Zimmer lag im südöstlichen Bereich des Palas. Sie legte den Weg dorthin auf den Stufen der altertümlichen Steintreppe zurück. Als sie unter der Kuppel des Polygons einherging, atmete sie befreit auf. Die eingestreuten Goldpartikel der ebenmäßigen Kunstgläser tränkten das einfallende Licht. Gegen den Osten sah sie in den dunklen Nächten die vertraute Gestalt des Drachensteins. Das Karree der bunten Glasfenster fing das helle Sternenlicht ein, und funkelnde Reflexe durchdrangen die Dämmerung, in denen Sarah die glühenden Augen eines furchterregenden Drachens erkannte.

Sie durchquerte rasch das Polygon und ging durch die geöffnete Türe in ihr Zimmer. Es enthielt wenige schlichte Truhen, Bänke und Regale, die nach ihren pragmatischen Grundsätzen akkurat an den Steinwänden standen. Die rechtwinklige Fensterfront ersetzte in gleichen Abmessungen die Süd- und Ostwand des an sich gewaltigen Raumes. Hinter den Glaswänden leuchtete bei Tage der kobaltblaue Küstenhimmel. Sarah fand den Durchgang zum Altan an der Meeresseite weit geöffnet. Der schwache Luftzug trug fremdartigen Blütenduft und den herben Geruch trockner Hölzer in die klimatisierte Atmosphäre ihres Zimmers. Sie näherte sich der Tür und ging rasch zur Brüstung des Freiganges, der den Dachraum mit den beiden Wohnblöcken, die blaue Kuppel und das Polygon umringte. Sie neigte sich über die rundgewölbte Kante der Mauerbrüstung. Ihre Augen empfingen das Bild der lichthellen, geschärften Silhouetten der Tannenwälder und des Lotsenturmes im Fliegerhorst, der in der östlichen Hochlage über der Stadt Lithos lag. Im darunterliegenden Tal lag die gespenstische Schattenwelt der Stadt in der Abenddämmerung. Wie rote Farbklekse leuchteten die ziegelroten Schirmdächer der Wohnhäuser mit den eng angefügten, trichterförmigen Aussenkaminen in den letzten Sonnenstrahlen. Hier und dort entzündeten die Stadtbewohner in den Feuerstellen sprühende Feuergarben. Im Süden, tief über dem Ozean, stand der Planet Pinxi, der erdennächste Wandelstern des Sonnensystems. Sein hemmendes Licht färbte die spiegelklare Wasserfläche tiefblau, lag glitzernd auf den Felsen des schwarzen Riffes, das die Meeresbucht umklammerte.

Die einsame Stunde gewährte Sarah eine kurze Rast, rief tröstliche Erinnerungen wach und gemahnte sie zur Besinnung. Ihr wacher Verstand spiegelte die letzten Ereignisse. Das Erleben verknüpfte sich mit der Erfahrung, untrügliche Gedankenbilder prägten ihr Gedächtnis. Die schier unlösbaren Prüfungsfragen erschienen ihr plötzlich wie die einfachste Sache der Welt.

„Beim Empfang des Regenten und seiner Gattin nimmt uns die Gemeinschaft als vollwertige Bürger auf“, hatte Joeris am Morgen bei ihrer ersten Begegnung gesagt. „Für den Tanz in der anschließenden Ballnacht wählte ich dich zur Partnerin. Deine Mutter Eyna gab mir ihr Einverständnis, deine Zustimmung natürlich vorausgesetzt.“

Joeris weltbewegende Entscheidung klang gänzlich unromantisch. Der ernstzunehmende Sachverhalt hatte ihre Wut entfacht. Sie spürte: Er machte es ihr unmöglich, sich seinen Wünschen zu widersetzen. Er war unter ihren fünf engen Freunden der einzige, dem sie ihre Gedanken nicht verschloss. Entgegen der wohlerzogenen Zurückhaltung, die dem Grundmuster ihrer Erziehung als die Thronerbin entsprach, erlaubte sie ihm Nähe. Seine Freundschaft gestattete ihr ein freies und ungezwungenes Dasein fernab der gesellschaftlichen Regeln. Sie dachte an Niko Joel, ihren Lehrer, der sie mit eiserner Disziplin die Gesetze der Vernunft lehrte. Den Sachverhalt an seinen Ursachen und deren Auswirkungen systematisch zu erforschen, stand als eine Grundregel in Nikos Erziehung. Er verdeutlichte Sarah die starke gefühlsmäßige Beziehung, die Joeris und sie verband, beizeiten. Die Freundschaft des Paars schien sich zu Nikos offensichtlichem Unmut in eine ernsthafte Romanze auszudehnen, die beständig in Richtung Vollendung reifte. Sarah verspürte ein lästiges Unbehagen, als er sie zeitweilig auf die Ohnmacht ansprach, die ihn als Lehrer hinderte, die Neigungen der Schüler in eine erwünschte Richtung zu lenken.

Joeris war seit Anbeginn die Antwort ihrer Fragen. Sein Bild unterlag nicht dem Zauberbann, in die Erinnerung einzutauchen. Sie sah im Geiste sein bleiches Gesicht, in das die verzweifelte Ablehnung geschrieben stand gegen die ihre Verbindung betreffenden Fragen. Er widerstand den Anfechtungen, seine Augen leuchteten in ihrer Gegenwart voller Wärme.

Sarah fürchtete die Dunkelheit. Sie lauschte und wünschte sich, Maris huschender Schritt würde erklingen und ihr Plaudern, das Allheilmittel gegen ihre kindlichen Ängste. Es geschah nichts und auch Anina blieb ihr fern. Hin und wieder unterbrach das zornige Klatschen der Wellen das eintönige Rollen der Meeresbrandung. In einem erregenden Augenblick hörte sie den Aufschrei eines Flugsauriers. In der Nacht verließen die Tiere ihre angestammten Fangplätze auf den Klippen; denn das Meer bot ihnen wenig Aussicht auf eine fette Beute. Die pechschwarzen Ungeheuer flatterten aufgeschreckt in die Dunkelheit der Ufergestade. Ihre Schatten schienen sich im hell glänzenden Sand in unendliche Weiten auszudehnen.

„Sarah.“ Maris einschmeichelnde Stimme überlagerte das entfernte Kreischen der Ureinwohner des Planeten Oriri. Sarah war auf ihr Erscheinen nicht gefasst. Sie drehte sich um und erschrak vor ihrer dunklen Gestalt, die sich schwach im Zwielicht der Nacht abzeichnete. Selbst in der Dunkelheit leuchteten die roten Wangen, die Maris sympathischen Gesichtszügen den Anschein strotzender Gesundheit verliehen.

„Das ist eine märchenhafte Sternennacht, meinst du nicht auch? Der Planet Pinxi zeigt uns sein klares Angesicht. Er ist der Sohn der Sonne, Traumwandler und getreuer Begleiter zugleich“, flüsterte die Schwester. „Wie behaglich er in den Wolkenfeldern zieht.“

„Du tust geradeso, als sei er dein Verbündeter“, lachte Sarah. „Gewiss ist er der Freund aller Menschen; denn sein Kraftfeld stabilisiert die Erdumlaufbahn. Eine schwache Veränderung in ihrer Gravitationsebene führte die Erde in eine gewaltige Katastrophe. Alles Leben auf der Oberfläche würde augenblicklich ausgelöscht.“

„Er ist von zauberhafter Schönheit“, sagte entzückt das nonnenhafte Geschöpf, das in den wenigen vertrauten Momenten, die sie beisammen waren, ihr mädchenhaftes Wesen offenbarte. Mari, die kein Verlangen nach leiblichen Kindern zeigte, liebte ihre erfrischende Nähe. Sie wich voller Scheu den infrage kommenden Ehepartnern aus. So war ihre natürliche Berufung als Mutter bis dahin unerfüllt. Zwar gebaren die Frauen im Volk Issel im Verlauf ihres Lebens wenigstens zwei Kinder; denn ihre Fruchtbarkeit gereichte ihnen bis ins hundertste Lebensjahr. „Es besteht ein Hoffnungsfunken für Mari, sollte Niko Joel, den sie heimlich anbetet, ihre Sehnsucht erfüllen“, dachte Sarah und ihr Gesicht verfinsterte sich.

Kapitel 2

Kampfpilot Orban Öris

Orban Öris, ein schlanker Mann von kräftigem Wuchs, mit jungenhaften Gesichtszügen und früh ergrautem Haarschopf, galt in der rechtmäßigen Thronfolge als der dritte Anwärter. Mit Leib und Seele der Raumfahrt verschrieben, amtierte er als der Oberste des Luftheeres. Der enge Familienkreis benannte ihn liebevoll „Benn“; denn er war der jüngere und verzärtelte Bruder des Regenten. Sarah liebte und bewunderte ihren charmanten, gutaussehenden Oheim, der im Rufe stand, sein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden treibe die Erzfeinde des Reiches zur ehrenvollen Aufgabe des Kampfes und wahlweise in den Ruin. Der gestutzte graue Kinnbart verlieh seinen edlen Zügen eine gewisse Erhabenheit. Sein schulterlanges Haar bändigte im Nacken ein schmuckes Band. Die umstrittene Tradition des langen Haupthaares galt unter den Männern im Volke Issel als ein Zeichen ihrer vortrefflichen Ehre. Seit dem Bestehen des nordischen Inselreiches schnitt man den Gesetzesbrechern, bezeichnenderweise den Mördern, Ehebrechern und Dieben, im öffentlichen Prozess „den Zopf ab“. Sie galten fortan als entehrt, verließen zwangsweise ihr Geburtsland und führten, im festen Glauben der Nordländer, auf dem Wüstenkontinent der südlichen Halbkugel der Erde ein abbüßendes Dasein.

Sarah empfand ihren Oheim als eine Art Schutzengel, der sie in ihrer Kindheit, häufig und gänzlich unerwartet, vor den Folgen ihres kindlichen Ungestüms bewahrte. Orban hing mit abgöttischer Liebe an dem Bruderkind. Der um zwanzig Jahre ältere Ayron duldete, mit angemessenem Respekt für die außergewöhnliche Begabung des Wissenschaftlers der Astrophysik, dessen Vorliebe für Sarah. Orban war unter anderem der Alleinherrscher der häuslichen Sternwarte, die sich in der blauen Kuppel auf dem Dach der Veste befand. Als Kind übte die Sternenbeobachtung eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf Sarah aus. Sie suchte deshalb häufig die Nähe des sympathischen Oheims und nahm hingerissen die neuesten Erkenntnisse des Alls auf. Er belehrte das Kind, und dieses erkannte scharfsinnig die Gesetze des wundersamen Bestehens der Erde, des Sonnensystems und des ganzen Weltalles.

Der leidenschaftliche Astrophysiker erwies sich als ein hervorragender Streiter für sein Land. Der kampferprobte Mann stand nach den heldenhaften Kämpfen gegen die Landesfeinde auf den Stufen des Ruhmes. Ayron ernannte ihn zum Obersten der Luftabwehr. Sein Stützpunkt befand sich in der Küstenregion, auf der Hochfläche östlich der Stadt Lithos. Er erteilte den Schülern des Drachensteins höchstpersönlich den notwendigen Flugunterricht. Als Schulabgänger beherrschten sie, mit wenigen Ausnahmen, den Einsatz der viersitzigen Flugjäger zur Landesverteidigung. Orban hatte sich während der Flugstunden in seine sch