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Malo, ein junger Erfinder auf der Erde im Jahr 1964, entwickelte als Knabe utopische Spielzeuge. Als Student zieht er enge Grenzen zwischen phantastischen und realisierbaren Ideen. Bald teilen einige bodenständige Kollegen sein Interesse an einem Experiment, das ihn auf wundersame Weise in den Kreis außerirdischer Raumfahrer katapultiert. Zu der Zeit entdeckt Sarah, Thronerbin des Volkes Issel, das den fremden Planeten Oriri bewohnt, den archaischen Sternseher, das komplexe Raum-Teleskop ihrer Vorfahren. Damit finden sie und ihre Freunde das verloren geglaubte Raumerforschungsschiff Aranea. An Bord befinden sich zwei Außerirdische …
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Seitenzahl: 796
Veröffentlichungsjahr: 2020
Inhaltsverzeichnis
Impressum 3
Das Buch Malo 4
Kap.1 4
Das Phänomen 4
Kap. 2 13
Das fremde Universum 13
Kap. 3 27
Eine unglaubliche Erfindung 27
Kap. 4 49
Professor Herrschweg 49
Kap. 5 59
Herbstwetter 60
Kap. 6 62
Entstanden aus dem Schmelzofen der Sonne 63
Kap. 7 67
Ein guter Freund 68
Kap. 8 76
Der fehlende Hinweis 76
Kap. 9 83
Wer war der Däne? 83
Kap. 10 88
Lengsfeld 88
Kap. 11 92
Die Kunst des Malo 92
Kap. 12 95
Der gemeinsame Plan 95
Kap. 13 98
Alte Freunde 99
Kap. 14 103
Mächtiger als die Sonne 103
Kap. 15 107
Ein hochwirksames Prinzip 107
Kap. 16 112
Das Wesen des Orbiters 113
Kap. 17 121
Ein heimlicher Zuhörer 121
Kap. 18 129
Das Reich der Sonne 129
Kap. 19 134
Erbitterte Feinde 134
Kap. 20 155
Außerhalb der Zeit 155
Kap. 21 163
Regenbogenland 163
Das Buch Sarah 176
Kap. 1 176
Kap. 2 181
Der magische Sternseher 181
Kap. 3 209
Malo und Quincy 209
Kap. 4 220
Der das Universum erschuf 220
Kap. 5 226
Die Macht der Heerführer 226
Kap. 6 230
Ein gewagtes Spiel 230
Kap. 7 238
Versammlung der Mächtigen 239
Kap. 8 247
Der ultimative Weg der Feind-Beobachtung 247
Kap. 9 254
Das Mirakel 254
Kap. 10 260
Stärker als das Fleisch ist der Geist 260
Kap. 11 268
Das freie Land 268
Kap. 12 279
Die Macht der Krone 280
Kap. 13 285
Die unheilvolle Prozession der Panzerechsen 285
Kap. 14 299
Am Beginn des neuen Zeitalters 300
Kap. 15 320
Die Kunst des Marionettenspiels 320
Kap. 16 328
Am Anfang der Welt 328
Kap. 17 332
Ein Hauch von Ewigkeit 332
Kap. 18 338
Die schwarze Dame 338
Kap. 19 346
Die Macht der Einheit 346
Kap. 20 354
Die verschlossene Pforte 354
Kap. 21 367
Die Zeit mit Malo 367
Kap. 22 377
Der Mentor 378
Kap. 23 386
Die Rebellin 386
Kap. 24 397
Die Mutprobe 398
Das Buch Joeris 409
Kap. 1 409
Kap. 2 420
Das verbotene Paradies 420
Kap.3 427
Wanderer 427
Kap. 4 451
Der schwarze Mann 451
Kap. 5 474
Ein grausiger Fang 474
Kap.6 482
Der Aufseher Kastor 482
Kap. 7 494
Nikos unschlagbare Waffe 494
Kap. 8 503
Die Wandlung 503
Kap. 9 507
Die Verfolger 507
Kap. 10 518
Kelch und Schwert 518
Kap. 11 527
Der Tod des Rebellen 527
Impressum
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
Für den Inhalt und die Korrektur zeichnet der Autor verantwortlich.
© 2020 united p. c. Verlag
ISBN Printausgabe: 978-3-7103-4026-0
ISBN e-book: 978-3-7103-4540-1
Umschlagfoto: https://pixabay.com/
Umschlaggestaltung, Layout & Satz:united p. c. Verlag
www.united-pc.eu
Das Buch Malo
Kap.1
Das Phänomen
Malo Bonino wuchs auf umsorgt von der zärtlichen Liebe seiner Eltern und geleitet von der Weisheit seines Großvaters Christopher. Seine Welt voller Rätsel zu verstehen, zogen ihn die Schatten der Nacht und der flimmernde Sternenhimmel seit seiner Kindheit magisch an. Der Großvater lehrte ihn die Bedeutung der von dynamischen Kräften gelenkten Sterne und Planeten, die sichtbaren Zeugnisse der göttlichen Schöpfung. Gefangen im Pendel der Zeit, brachte einzig die Erde das Leben hervor. Sie wurde Geburtsstätte und Wiege der Menschen. Als er den Wandel der Sterne erkannte, ward ihm bewusst, wie seine Gedanken und Taten die kindliche Welt veränderten. Der alte Herr Christopher brachte ihm eines Tages eine rätselhafte Schatulle und öffnete diese mit geheimnisvollem Lächeln. Der fünfjährige Knabe reagierte beim Anblick des Inhaltes, malerisch gestaltete Buchstaben und Zahlen, Formen und Figuren, mit ehrfürchtigem Erstaunen. Er entdeckte in der mit Samt ausgeschlagenen Truhe eine ebensolche Tafel. Darauf heftete er samtige Lettern in ein sinngemäßes Ganzes. Seine vornehmen und gebildeten Eltern, der Vater Stephan und seine Ehefrau Suzanne, erlebten mit Sorge, peinlichst bedacht, dem Kind ihre Ängste vorzuenthalten, den Höhenflug seiner Schreibkunst und des Rechnens mit Zahlen. Gleichsam hingerissen verfolgten sie aus elterlicher Distanz, wie Malos gläubiges Wesen die bildhafte Sprache des alten Herrn in sich aufnahm und sie in seinen Darstellungen verdeutlichte. Vor seinem ersten Unterrichtstag kannte er die figürlichen Sternzeichen und ihre mythische Bedeutung ohne Ausnahme, besonders die aus den griechischen Erzählungen. Malo fand das helle Sternbild des Orion, in der antiken Mythologie galt er als der Schutzherr der Menschheit, am meisten faszinierend. Seine kindliche Vorstellungskraft hauchte den Figuren das Leben ein. Er sah den Himmelsjäger, der, bewaffnet mit Pfeil und Bogen, für Menschen das Unheil abwehrte. Nachdem sein Großvater seine Welt verließ und mit ihm ein fesselnder Märchen-erzähler, fand Malo den Mechanismus zum Öffnen des Zauberkastens nicht. Damit keine Seele das Geheimnis seiner Kunst entdecke, verbarg er ihn hinter einem Pfeiler seines Dachzimmers. Mit ihm begrub Malo seinen unsäglichen Schmerz um des alten Herrn Verlust. Er fühlte sich verlassen und glaubte sein lebendiges Abbild im Schattenriss der von der Sonne beschienenen Mondoberfläche zu erkennen. Sein scheinbares Dasein nahm dem Tod nicht nur seine beängstigende Macht. Lange Zeit pflegte Malo die Überzeugung, der selige Ahnherr ruhe droben im Lehnsessel und sende ihm Zeichen, die sein heranwachsendes Leben im Sinne des Guten beeinflussten. Einige turbulente Jahre vergingen, und die straffen Zügel des Vaters bewahrten ihn vor den Gefahren seiner trügerischen Träume und Illusionen. Unterdessen erlernte er das verstandesmäßige Unterscheiden der scheinbaren und wirklichen Vorgänge in seiner Welt.
Malo besuchte das vierte Semester seines Fachstudiums in der Instrumenten-Physik. Mitunter entwickelte er bei der nächtlichen Erforschung des Sternenhimmels gewagte Theorien, wie er Naturkräfte des Kosmos, unter anderem die Gravitation der rotierenden Himmelskörper, für sich nutzen könne. Er dachte einen Raumflug zu starten, der alle bisherigen Versuche in der Raumfahrt übertraf. In einer kühlen Märznacht, für Malo waren unendliche Zeiten vergangen seit er das Gymnasium verließ, sah er die rötliche Fackel des Vollmondes wie eine Verheißung und von mystischem Zauber am Himmel stehen. Dichte Nebel quollen vom Erdreich herauf, sättigten die kahlen Felder mit Feuchtigkeit, und die roten Dachziegel der Häuser trieften vor Nässe. Das Mondlicht öffnete ihm die Himmelsbahn. Zur Erde herab stieg die Mondgöttin Selene, in der römischen Mythologie Frau Luna genannt. Malo glaubte ihre Kraft zu spüren, die das Leben gebiert und es beschützt. Er befand sich in schläfrigem Dämmerzustand, spürte die physische Nähe der Natur und roch den herben Duft des dampfenden Ackerbodens. In solchen Stunden meinte er, die guten Erdgeister seien gegenwärtig und er vernahm ihren beschwörenden Gesang. Heute hörte er stattdessen Pamelas Flüsterstimme:
„Malo betet den Mond an.“ Das Mädchen kniff ihn in seinen Arm: „Was ist los mit dir, träumst du?“
Er fauchte aufgebracht: „Unterlasse den Blödsinn, du Nervensäge.“
„Weswegen müsst ihr sie jedes Mal mitnehmen“, murrte Aaron.
„Wir sind Freunde“, protestierte die Stimme der Schönen laut, und ein derber Rippenstoß seines Bruders Lope brachte Aaron zum Schweigen.
Indessen erreichte das helle Rund des Mondes seinen Stand hinter den senkrechten Gläsern der Giebelfenster des geräumigen Zimmers von Malo, das eine bemessene Fläche unter dem Dach seines einstöckigen Elternhauses einnahm. Der Mond schien ihr so nahe, dass Pamela verwundert ihre Augen schloss. Sie öffnete sie und folgte sehend dem Lichtschein. Der Raum vor dem Fenster und ein Teil der rückwärtigen Bücherwand erschienen ihr taghell. Ihr Mund buchstabierte lautlos englische und französische Buchtitel auf dem Rücken der eng gelagerten Bände. Deren Einband war vom häufigen Lesen abgegriffen, aber die schwarzen und roten Lettern hatten die Tortur unbeschadet überdauert und glänzten auf faserigen Papierfetzen. Pamela war begierig, ihre Bedeutung zu erfahren. Sie entzifferte laut die von Hand gemalten griechischen Schriftzeichen am Kopf der Buchrücken. Vor ihr, unter der Abschrägung des Daches, hockte seltsam verkrümmt Aarons dunkle Gestalt. Um eine Armeslänge von ihm entfernt, fügte Malo verschiedene Teile seines Teleskops in ein Ganzes. Pamela fragte ihn, welche Bedeutung die griechischen Buchstaben, das Alpha, Omikron und Phi, hätten. Er antwortete, führte dabei seelenruhig die erforderlichen Handhabungen aus, die Zeichen ständen im Zusammenhang der inhaltlichen Bedeutung und seien Wegweiser auf dem Pfad der Erkenntnis. Das Alpha stehe für den Anfang seiner Studien, das Phi verfolge eine Erläuterung und das Omikron biete ihm ein zusammenfassendes Ergebnis seiner Themen.
„Die welche Fragen behandeln?“, wollte Lope wissen. Er lag bäuchlings im Schatten des Mondes auf dem nackten Boden. Seine Hände stützten sein Kinn. Pirus, Pamelas Bruder in der Rolle ihres ehrbaren Beschützers, lagerte seinen Kopf auf das Fußende der flachen Bettstelle. Er gähnte laut, mit weit offenem Munde, den Freunden seine Müdigkeit offenbarend. Pamela ersuchte ihn wütend zischend um mehr Selbstbeherrschung. Aaron sah Malo gespannt bei der Arbeit zu. Die fünf Freunde unterhielten sich seit ihrer Ankunft in dem Zimmer gedämpft miteinander. Drunten schliefen Malos Eltern, wie stets ahnungslos, was die Jungen über ihren Köpfen aushecken würden. Die Freunde hatten besorgte Fragen listig abgewehrt: „Och, bloß den Mond ansehen. Wir werden euch nicht wecken, versprochen.“
„Die Psychologie des Menschen“, beantwortete Malo die vorherige Frage von Lope. Er kniete in dem engen Raum vor dem Fenster, und seine Gelenke knackten bei jeder Bewegung. Er wandte den Freunden sein blasses Gesicht zu, eine starre Maske markanter Linien, die den weichen Mund, seine ausgeprägte Stirn und dunkle Augen umschrieben.
„Malo bearbeitet solche Fragen, für die der einfache Verstand vergeblich eine Antwort sucht, geschweige denn eine Lösung findet“, sagte Aaron. Sein Stolz war ihm anzumerken, sein Glück in der Nähe von Malo, der ihm das Gefühl von Klugheit gab.
„Menschen, die nicht begreifen, wie der Wassersturz das Mühlrad dreht, verstehen viel weniger die durch Gravitation bedingten Bewegungen der Sterne“, seufzte Malo. „Was soll´s denn, sie spenden ihnen das Licht. Sie tun es einfach, das seit dem Tage ihrer Geburt. In ihrer Todesstunde verlöschen sie vermutlich alle auf einmal.“
Malos höhnisches Grinsen verzerrte sein Gesicht zur Fratze. Lope verfluchte seine Überheblichkeit und schimpfte halblaut: „Dumm, ja - ja natürlich, wir anderen sind dämlich. Dein Genie sei von mir aus das Höchste.“
Seine Stimme dehnte, den Gegenstand des Gezänks hervorhebend, Sätze aufreizend in die Länge. Darauf bemängelte Malo, wie in all ihren gemeinsamen Jahren, die vernachlässigte Bildung der sozial Schwachen. Pirus fühlte sich jedes Mal der mangelhaften Schulbildung der mittellosen Grundschüler wegen schuldig und murrte:
„Weswegen studierst du Physik, anstatt der Soziologie. Das würde dein gemeinnütziges Bestreben erheblich aufbessern.“ Er erhob sich, stieß seinen Kopf an der Dachschräge an, rieb die schmerzende Stelle und klagte laut: „Wir halten uns zu lange in der schiefwinkligen Dachstube auf. Bringe dein Vorhaben ans Ende, Malo.“
Er hatte die schattenhafte Gegenständlichkeit des Zimmers in allen Einzelheiten durchsucht. Finstere Winkel erschienen als die willkommenen Abstellplätze von allerlei Geräten. Die glänzenden Gleitschienen der beiden Skier steckten in klobigen Stiefeln. Sie blitzten im Mondlicht wie metallische Säbel. Das graue Nachtlicht dämpfte die leuchtenden Farben der Kissen und Decken auf der Bettstelle. Pirus fand, das Zimmer sei im Tageslicht nicht gemütlicher als die staubige Bücherstube in der Altstadt, der magische Anziehungspunkt junger Studenten. Gelegentlich traf er auf freiheitliche Freaks, vernahm ihren Gänsehaut verursachenden, fanatischen Enthusiasmus für den Kampf um Freiheit und Gleichheit der Klassen unter den Völkern. Die Stillen unter ihnen zahlten sichtlich unzufrieden für den Genuss ihres Tees und das Lesen der endlosen Seiten brüchigen Papiers. Dessen verblasste Lettern beschuldigten kapitalistische Ausbeuter der Verbrechen an den Werktätigen. Pirus vermied Gespräche über den Kampf der Werktätigen gegen den Kapitalismus instinktiv. Malo gehörte keiner agierenden Gruppe an, so vermutete er und suchte dessen undurchsichtige Beziehungen in den verdächtigen Kreisen der Esoteriker. Gesellschaftliche Zeitungsartikel beschrieben die Geheimkulte praktizierenden Gruppen, und sagten ihnen verblüffende Erfolge in ihrem Beruf nach. Pirus versagte sich eine beweiskräftige Überführung Malos als Geheimbündler und Feind. Sein nobles Interesse verband ihn als Förderer und Gönner dem einzigartigen Freund.
Malo meldete das Einstellen des Teleskops als beendet und rutschte höflich beiseite. Pamela erwachte spontan aus ihrer demütigen Haltung. Malo verglich sie in seinen Gedanken mit den Opfer bringenden Tempeldienerinnen der alten Pharaonen. Er strich zärtlich über ihr gelöstes Haar, es schimmerte im Mondlicht silbern, und das Lächeln der Sphinx gab ihren weiblichen Zügen etwas Rätselhaftes.
„Wer will zuerst?“, fragte Malo. Er zog seine Beine in die Hockstellung. „Draußen herrschen ideale Bedingungen. Der Mond durchleuchtet die klare Lufthülle. Heute sehe ich keinen Lichthof.“
„Mit bloßem Auge kann ich einen zweifachen Ring erkennen“, erwiderte Lope und stupste ihn unsanft beiseite. Er starrte schweigend durch das Okular.
„Lass mich hindurchsehen, davon verstehst du nichts“, störte Pamela sein Vorhaben. Er rückte überraschend bereitwillig beiseite. Ihre Hände regelten vorsichtig die Brennweite des Strahlenganges. Das Rohr bewegte sich sacht in der Aufhängung. Ihres Zeitgefühls beraubt, verfolgte sie die Mondbahn. Die Jungen bemerkten ihre Faszination und warteten. Dann geschah es. Sie atmete keuchend und starrte wortlos in den geheimnisvollen Nachthimmel. Ihr Kreis beobachtete ihn auf Malos Bitte hin in den beiden vorangegangenen Nächten.
„Ist ES da“, wollte Lope wissen und riss ihr das Teleskop aus den Händen. Er guckte gespannt hinauf. Malo beschimpfte ihn halblaut: „Gehe etwas sanfter mit der Frau um, sie sieht ES. Pamela gerät jedes Mal völlig aus der Fassung.“ Er erneuerte in fliehender Hast die Einstellungen des Teleskops, blickte hindurch, erstarrte und schwieg.
„Weswegen springt meine Schwester total von der Rolle“, fragte Pirus, hellwach geworden.
„Ein starkes Licht verzerrte die linke Umrisslinie des Mondes“, antwortete Malo gequält. „Seit Tagen beobachten wir den Vorgang, und du stellst uns jedes Mal dieselbe Frage.“
„Lasst euch nicht zu kindischen Fehlschlüssen verleiten“, drohte Pirus. „Ich bearbeite die heutigen Filmaufnahmen sehr bald. Sehen wir uns meinen Schnappschuss näher an.“
„Es war deine Idee, die Filmkamera aufzustellen“, sagte Lope, „eine noch viel bessre, die starke Antenne an den Rundfunkempfänger anzuschließen. Deine Schwester schwört, vom Himmel schallte ein hoher Signalton in vier Tonstufen, vor dem Hintergrund instrumentaler Klänge.“
Malo hatte in einem blitzartigen Einfall seines Vaters Radiogerät hervorgeholt. Das Ding reagierte auf die ärgerlichen Fausthiebe des Professors nicht mehr, und für eine Reparatur war er unmodern geworden. Malo versah ihn mit neuen Elektronenröhren, der Himmel mochte wissen, wer sein Lieferant sei. Er besorgte außerdem eine super starke Antenne und ein Modul zur Einstellung der Funkwellen. Sein Empfangsgerät verzeichnete ein breit gefächertes Band an akustischen Schallwellen. Ihr stark gegensätzliches Muster verzeichnete eine zackige Linie auf der Banderole des Schreibers. Malo hatte eine Anzahl der Aufzeichnungen und entsprechende Tonbandaufnahmen gesammelt.
„Ich hörte ein fernes Signal. Die Stille der Nacht steigerte die Fülle der Klänge. Deswegen halte ich einen Irrtum für ausgeschlossen, “ beharrte Pamela.
„Bis dahin sah ich in Malos Schilderungen ein erschütterndes Beispiel seiner übersteigerten Phantasie“, gab Lope ihr zu verstehen, „ich dachte, es sei ein Jammer, kennt eine Frau deines Alters keinen vernünftigeren Zeitvertreib, als in Malos Dachstube einem undeutlichen Phänomen nachzujagen.“
Pirus zerrte das Kissen unter seinem Kopf hervor und knallte es wütend in eine Zimmerecke: „Mir ist der Vorgang klar. Die starke Abstrahlung des Sonnenlichts, ausgesandt vom glitzernden Mondgestein, war die Ursache des Widerscheins. So etwas kommt vor. Dabei denke ich an die blendenden Lichtreflexe über der bewegten Wasserfläche, am Meer zum Beispiel … “
Malo schüttelte widerwillig seinen Kopf: „Kein Blendwerk, mein Lieber. Der Vorgang vollzieht sich rasend schnell und wird ein
Teil meiner bewussten Wahrnehmung. Die blitzartige Erscheinung, einer Sternschnuppe ähnlich, tauchte in den vergangenen Wochen mehrfach auf. Das Objekt bewegt sich gedankenschnell und verschwindet im Sternbild der großen Bären.“
Die Freunde spürten angesichts der ungeklärten Vorgänge im Nachthimmel düstere Beklommenheit und beschlossen, die Nacht hier oben zu verbringen. Pamela hatte ihren Kopf in Malos Armbeuge gelegt und atmete gleichmäßig, wie wenn sie schliefe. Lope umfing ihren Körper mit seinen Armen. Sein Kinn berührte ihr Haar, als er sich flüsternd mit Malo verständigte.
„Sie sah das Phantom“, zischelte Malo.
Lope keuchte: „Außer du und Pamela sah niemand das, was periodisch wie ein Blitz auftauchte und sofort verschwand. Warten wir die Fertigstellung des Filmmaterials ab. Du könntest die Tonaufnahmen der letzten Tage überlagern. Vielleicht erhalten wir dadurch ein qualitativ besseres Signal.“
„Nicht schlecht“. Malo lachte lautlos. Er spürte den bebenden Körper Pamelas und ihre Angst. Lope wiegte sie behutsam wie ein Kind. Malo atmete, der Last enthoben, erleichtert auf. Sie legten ein Kissen unter den Kopf des Mädchens und bedeckten ihren Körper mit einer Wolldecke. Lope blies seinen Atem in ihr Gesicht. Sie lächelte im Schlaf.
Malo erwachte nach wenigen Stunden unruhigen Schlafes. Das dämmrige Licht erhellte das Ziffernblatt seiner Uhr. Er blickte auf die Uhr an seinem Handgelenk und erkannte die siebte Morgenstunde seines arbeitsfreien Samstags. Gewöhnlich schlief er um diese Zeit. Aaron hatte sich vor einer Stunde lautlos aufgerafft und war fortgegangen. Er scheute den Zank mit seinen Eltern. Pirus ruhte in derselben Haltung wie vor Stunden auf der Bettstelle. Sein Atem strich flatternd über seine Lippen. Lope wurde plötzlich hellwach. Als er die fremde Umgebung erkannte, richtete er sich auf. Er mäkelte aufgebracht:
„Keine zweite Nacht verbringe ich auf dem harten Fußboden.“
„Bleibt ihr zum Frühstück“, flüsterte Malo und lächelte ihm verklärt zu.
„Na klar“, antwortete Lope, „aber wie wird deine Mutter unser Hiersein aufnehmen?“
„Sie löchert uns mit ihren Fragen“, vermutete Malo. „Wir erzählen ihr auf keinen Fall von unsrer Entdeckung. Ich gebe die Suche nicht auf, nicht, nachdem Pamela meine Beobachtung bestätigt.“
Lope nickte misslaunig: „Einverstanden.“
In den nächsten Tagen überlagerte Malo drei zeitgleiche Bandaufnahmen und erhielt ein verblüffendes, im Intervall von vier Sekunden wiederholtes, Signal. Die Schwingungen lagen im gleichen akustischen Wellenbereich. Der fremde Fanfarenklang sei künstlicher Natur, erklärte er Lope. Der hörte ihm aufmerksam zu: „Es handelt sich um eine Synthese musikalischer Klänge. Sie liegen außerhalb unsrer bekannten Tonleiter. Das bedeutet, sie klingen heller als das hohe C des Soprans.“
„Stimmt“, nickte Lope, „das Geräusch erinnert mich an das durchdringende Heulen der Alarmsirenen. Sie klingen in der Stille der Nacht intensiver und lauter.“ Er bat Malo, seine Entdeckung auf keinen Fall preiszugeben.
„Einverstanden“, nickte Malo, „zumal sich die sichtbare Erscheinung, in Pirus Augen ein Produkt meiner Phantasie, in den vergangenen Tagen in ein völliges Nichts auflöste. Dieses Ende gibt mir Rätsel auf. Was, wenn eine geheime Organisation zweifelhafte Unternehmungen in der Nähe unsres Mondes durchführte?“
Lope fragte ihn merklich genervt: „Wie kommst du darauf? Aber ja, man wird uns als gefährliche Spione entlarven, bewahrheitete sich dein Verdacht.“
Er lag in vollem Recht. Malo war maßlos in seiner Entdeckerfreude. Zum Leidwesen sah Pamela, genau wie Malo, den grellen Blitz und ein leuchtendes Objekt, das sich im Bruchteil einer Sekunde gegen Osten fortbewegte. Wüsste Malos Vater, wie störrisch sein Sohn an der vermeintlichen Ursache des Phänomens festhielt, er würde ihm weitere Beobachtungen des Nachthimmels verbieten, drohte Lope.
„Das Universum war niemals stumm“, sinnierte er, „Sterne und Galaxien rasen mit Donnerhall durch seine Höhen und Tiefen. Mein Vater sagt, ein aufmerksamer Lauscher in der Nacht vernehme ein dumpfes Raunen, das die Stille durchdringt. Dies sei das Flüstern der Sterne.“
„Wir opferten unsre Zeit nicht einem Phantasiegebilde“, wehrte Malo seinen Einwand ab, „wir erhielten reale Zeichen.“ Lope erhob sich und stöhnte gequält. Vernunft allein würde das mutmaßliche Erscheinen des ungeklärten Himmelskörpers nicht aus Malos Gedanken auslöschen. Zu allem Unglück teilte Pamela Malos Überzeugung. Das Phantom eines Raumschiffes spukte in den Köpfen der Freunde, ja sie liebten ihre Illusion, wenngleich Pirus das erschütternde Beispiel ihrer zwanghaften Vorstellungskraft mit harten Worten anprangerte. Malos Herzschlag pochte stürmisch, mit dem überwältigenden Glück einer außergewöhnlichen Entdeckung, in seiner Brust. „Die Zeichen sprechen für sich“, murmelte er.
Kap. 2
Das fremde Universum
Der logisch aufbauende Verstand des Weltraumforschers Jones King, ein freier Wissenschaftler des fünfzehn Millionen Menschen zählenden Volkes Issel, das den fremden Planeten Oriri bewohnte, glaubte aus Überzeugung an Außerirdische innerhalb des ihn umgebenden Universums. Seine Crew hatte den Auftrag der Erforschung der Kräfte des Universums. Was Malo tief in seinem Innersten erahnte, wurde für Jones King, der Kommandant des gigantischen Raumschiffes Aranea, eines Tages ernüchternde Wahrheit. Noch jung an Lebensjahren, befehligte er seine Mannschaft in dreißig ereignislosen Tagen. Dann kamen sie aus dem Nichts, blitzartig wie der Sturm brachen außerirdische Eroberer durch Luken und Öffnungen an Bord der Aranea ein, noch ehe das für den Kampf ausgerüstete Forschungsschiff sein Sonnensystem verließ. Am Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn sah Jones sich bei seiner Festnahme von einer Truppe gleich gestalteter Wesen umringt. Seine kampfbereite Mannschaft schreckte vor der Hundertschaft zurück; denn wer sie angriff, den warfen rätselhafte, energetische Entladungen bei der Berührung ihrer Hände schmerzhaft zu Boden. Die so Gedemütigten knieten stumm, in der schrecklichen Erwartung des Todes. Als nichts dergleichen geschah und sie im eher freundlichen Verhalten der Fremden keine mörderische Absicht erkannten, erwachten sie aus ihrer Todesangst.
Den Gefangenen war seit der Übernahme des Raumschiffes in fremde Gewalt der Zutritt ihrer Quartiere und der Maschinenräume nicht untersagt, doch sahen sie tatenlos und ohnmächtig zu, wie die Fremden, ihre Totenblässe und absolute Ähnlichkeit erschien den vollblütigen Menschen unheimlich, das Schiff unter ihre Kontrolle brachten. Sie hantierten paarweise und nahmen geschwind merkliche Veränderungen der Steuerungsmechanismen und der das Leben erhaltenden Maschinen vor. Unaufhaltsam verstärkten ihre maschinellen Eingriffe die Antriebskraft der Aranea. Als das gigantische Raumschiff seinen Kurs beschleunigte, eine mächtige Kraft es fortriss in das unbekannte Universum, zog es Jones körperliches Ich in die dunkle Leere des Raumes. Seine Erstarrung löste sich auf als die Besatzer ihn wiederholt, aufgeregt und trillernd im Singsang ihrer Sprechweise, auf ihr gefahrloses Eingreifen hinwiesen. Sie schoben und stupsten ihn, sowie er unter ihnen erschien, energisch auf den Platz seiner Bestimmung, der erhabene Sitz des Kommandanten oberhalb der Bücke. Anfänglich vom Misstrauen geplagt, begriff Jones das tägliche Ritual der zierlich gestalteten Art nicht länger als eine feindliche Handlung. Er erkannte in ihrem schrulligen Betragen ihre ergebene Dienstbarkeit für den höchsten Offizier an Bord. Im Gegenzug übte er Nachsicht und lauschte aufmerksam ihrer für menschliche Ohren unergründlichen Botschaft, dem zarten Pfeifen und Tirilieren ihrer gespitzten Münder. Da die sprachliche Verständigung gründlich missglückte, durchlebte der begabte Mann das zwangsweise Erlernen ihrer gestikulierenden Schilderungen. Sie verdeutlichten ihm lebhaft die Wirkungsweise ihrer Maschinen. Dagegen fand Jones Mannschaft, sie verfolgten misstrauisch ihre blitzschnelle Arbeitsweise, schweigende Duldung.
Jones dachte an den drohenden Tod, würde man sie für längere Zeit in der Gefangenschaft festhalten. Ihre Nahrungsvorräte verringerten sich und es fiel ihm schwer, sein drohendes Geschick anzunehmen. Er verfolgte das undurchsichtige Werk der Außerirdischen in unendlichen Zeiträumen.
Die Fremden seien der menschlichen Wissenschaft weit voraus, bemerkte er eines Tages und legte für seine Mannschaft einen Zeitplan zurecht. Er schulte und ergänzte ihr astronomisches Wissen, trieb mit ihnen Sport, forderte sie zu den Mahlzeiten auf und legte für sie Ruhepausen fest. Unablässig beobachteten sie das Universum. Sie sahen Sterne und Planeten mit unfassbarer Schnelligkeit vorbeiziehen. Zum ersten Mal bestaunten sie die hinreißende Schönheit der leuchtenden kosmischen Nebel aus unmittelbarer Nähe. Es seien die Reste sterbender Sonnen, erklärte Jones. Ihr Feuer erlosch vor unendlicher Zeit, und sie strahlten im Tode energiereiche Wolken ab. Mit der Sonne vergingen ihre Planeten, ein Zeugnis des dramatischen Endes des ganzen Universums. Gewissenhaft nahmen Jones und seine Mannschaft die wechselnden Bilder zu Protokoll. Sie entwarfen graphische Sternkarten, zeichneten bunte Gemälde vom sichtbaren galaktischen Band im fernen All. Er hoffte für sich, er erkenne in den beeindruckenden Bildern bekannte Sonnen und kosmische Nebel aus seinen früheren Beobachtungen. Sein Wunsch war unerfüllt, und Jones wünschte sich eine kurze Rast um das zu erfassen, was außerhalb seines Ichs vorging. Er fühlte sich willenlos in fremdes Geschehen einbezogen und beantwortete die Frage, wie viele Lichtjahre seine Aranea vom heimatlichen Sonnensystem entfernt sei, kurz und treffend mit: „Zwei Lichtjahre.“
„Wie kannst du dir da sicher sein“, fragte ihn seine Mannschaft bestürzt.
„Ganz einfach“, erwiderte er, „ich wählte im sichtbaren galaktischen Raum zwei Sonnen zum Fixpunkt, deren Konstellation eine geringe Veränderung zeigte. Auf Grund des veränderten Abstandes des Raumwinkels berechnete ich ihre Entfernungen zueinander und zum bewegten Objekt, der Aranea. Dieselbe entfernte sich um zwei Lichtjahre vom ursprünglichen Standort fort, hin zum Kern der Galaxis. Der Fahrtenschreiber der Aranea verzeichnet den Kurs als stark gekrümmten Halbkreises.“
„Wer wollte dir keinen Glauben schenken“, antwortete der älteste Offizier Jules Jin, „wir stimmen dir zu. Seit zwei Lichtjahren sitzen wir in der Gewalt der Außerirdischen fest, die Pausen innerhalb der Fahrt mit einbezogen. Ein jeder unter uns beherrscht seine eigne Methode der Zeitmessung. Wir rasten zeitweise mit Lichtgeschwindigkeit durchs Universum. Stellen wir unser Antriebssystem auf die Energiezufuhr durch die Antimaterie um, schafft das Schiff dieselbe Beschleunigung bestenfalls für eine Frist von zwanzig Tagen.“
„Vierzig Tage“, belehrte ihn Jones. „Setzen wir die verfügbare winzige Menge Protonen des Anti-Wasserstoffes ein, katapultiert uns die Explosionskraft der aufeinander treffenden, gegensätzlichen Teilchen an den Rand unsres Sonnensystems und keine Schrittlänge weiter.“
Er betrachtete aufmerksam seinen ersten Offizier und Berater an Bord der Aranea. „Empfängst du mein Entsetzen“, fragte er ihn. „Ich spüre Angst vor ihrer körperlichen Energie, eine sichere Methode ihrer Machtausübung. Ich habe ein krampfartiges Gefühl in der Magengegend. Verdammt fühle ich mich, verurteilt, da ich stumm dasaß und sah, wie sie das Schiff unter ihre Kontrolle bekamen. Was oder wer treibt diese gleich gestaltete Spezies an? Sie krochen ohne Vorwarnung oder ein sichtbares Zeichen durch die Luftschächte und raubten unsre Plätze.“
Jones fixierte verächtlich den Gegenstand seines Zornes. Die Grauen trafen stets paarweise auf der Kommandobrücke ein. Je zwei der einförmigen Lebewesen bedienten geschickt die Front mit den elektronischen Geräten. Sie entnahmen den Maschinen verschiedene Teile und ersetzen diese durch fremdartige Werkstücke. Auffallend vertraut erschien dem Beobachter die Eigenschaft der Halbkugeln aus Edelsteinen. Sie kamen während der Inbetriebnahme der Sprechgeräte zum Einsatz. Die Besatzung erkannte die Aufgabe der Quarz ähnlichen Module als Filter der Funkwellen sofort. Diese grenzten die Schwingungsweite der akustischen Wellen exakt ein, doch sie übertrafen die vorherigen Geräte an Genauigkeit. Beim Abhören des Sprechfunks gelang es den Invasoren, akustische Signale der Raum-Behörde des beheimateten Planeten Oriri aufzufangen. Die Mannschaft empfand die Nachricht aus ihrer vertrauten Welt wie eine seelische Folter. Einige erschienen tagelang nicht auf der Brücke. Jones rang in diesen Stunden verzweifelt um den Zusammenhalt seiner Mannschaft. Seine Überredungskunst verhinderte den angekündigten Boykott der Fremden.
Aranea erfüllte die Voraussetzung eines gewaltigen Schlachtschiffes. Die durchgängige Reihe ihrer Spinnenarme umklammerten die Anzahl der kleineren Explorer. Sie schwärmten in den Gefechten aus und vernichteten feindliche Flugkörper durch den Beschuss von Antimaterie. An Jones Seite befand sich der technisch begabte Quincy, ein elitärer Schüler der einzigen Bildungsanstalt, die den Krieg lehrte, den das Volk Issel, die Bewohner des Planeten Oriri, zu verhindern suchte. Quincy bedeutete Jones: „Sie kennen unsre Kampfstärke und wissen, wir werden sie einsetzen um uns zu befreien.“
Jules Jin starrte nachdenklich versunken zu Boden. Als Jones und Quincy die nackte Angst erwähnten, ein jeder musste sie fühlen, zog er ein griesgrämiges Gesicht: „Sie drängten uns fort vom Platze unsrer völkischen Berufung, das ist wahr. Unsre Aufgabe war die Erforschung der kosmischen Kräfte zum menschlichen Nutzen. Kampflos gaben wir das Schiff nicht in ihre Hand. Wer aber sie angriff, den schleuderten ihre energetischen Kräfte schmerzhaft zu Boden. Es gibt in unsrem Volk wenige Auserwählte, deren übersinnliche Kraft feste Stoffe hochheben oder bewegen kann. Die Frage muss lauten: Wer sind sie? Wie entgehen wir ihrer tödlichen Energie? Wir kennen ihr Vorhaben nicht. Das lässt mich bange um unsre Zukunft hoffen.“
Zu der Stunde befanden sich acht Mitglieder der Besatzung auf ihrem jeweiligen Posten auf der Kommandobrücke. Sie studierten ununterbrochen die Vorgehensweise der Eroberer. Sowie Quincy dem Kommandanten den regelmäßigen Befund seiner beobachtenden Tätigkeit vorlegte, bemerkte derselbe verblüfft die Genauigkeit der logischen Schlussfolgerungen des Jungen. Wieso, dachte er, weshalb hatten sie den klugen Kopf und dessen Begabung nicht den heimatlichen Partisanen zugeteilt? Bei näherem Kennenlernen spürte er, der empfindsame Junge war nicht für das enthaltsame Dasein der frei lebenden Verteidiger geschaffen. Er lauschte daher aufmerksam seinen Ausführungen.
„Wir wissen nichts von denen“, sagte Quincy. „Ihr Gedankenaustausch vollzieht sich blitzartig. Sie informieren und bringen sich gegenseitig auf denselben Wissensstand. Wir nennen es den wissenschaftlichen Gedankenaustausch. Hinzu kommt ihr unbegreifliches Reaktionsvermögen. Ihre Hände arbeiten stetig und ich frage mich, werden sie niemals müde? Unsereiner erwirbt sich durch ein ausdauerndes körperliches Training ein wenig Geschicklichkeit. Hinzu kommt das wiederholte Studium der wissenschaftlichen Bücher.“
„Was ihre Gedankenschnelle angeht“, sagte Jules, „stehen wir ihren Fähigkeiten nicht nach. Wir Geistesarbeiter nehmen uns bewusst die Zeit zum Nachdenken. Trotzdem brachte uns die Klärung der Frage, wie durchbrechen wir ihre lückenlose Überwachung, kein Ergebnis. Verzeihen Sie meine Schlussfolgerung, Kommandant: Es gibt für uns kein Entkommen.“
„Irrtum“, sagte Jones, „denen unterwerfe ich mich nicht.“
Jules schreckte fassungslos hoch: „Wie meinen?“
„Die Frauen und Männer der Besatzung erwarten ihre Befreiung“, entgegnete Jones gelassen. „Sie reagierten bestürzt auf ihre Gefangenschaft, doch die Hoffnung gibt ihrem Freiheitsdrang täglich den nötigen Auftrieb. Quincy beobachtete die Handhabe der Grauen sehr feinsinnig. Er erzielte korrekte Schlussfolgerungen. Die Fremden durchlaufen einen stetigen Lernprozess im Bedienen unsrer Maschinen, um sie danach ihren technischen Errungenschaften anzupassen. Rein äußerlich gleichen ihre Körper denen der Menschen. Mir fiel auf, wie die hohen trillernden Töne ihr augenblickliches Gefühl anzeigten. Sie erschienen mir erregt, freudig, erwartungsvoll, jedoch niemals zornig oder ungehalten.“
Quincy errötete: „Es besteht unter ihnen keine Rangfolge. Es wäre jedoch ein Fehler, die Grauen als ein dressiertes Heer gleichgeschalteter Gehirne zu bezeichnen. Finden wir heraus, für wen sie arbeiten.“
Jones fühlte sich von dem allgegenwärtigen und eintönigen Singsang zermürbt. Er bemerkte: „Sie durchlaufen einen stetigen Lernprozess, das wissen wir. Stecken wir ihnen Rätsel auf. Einige unter euch werden sie von ihrer Arbeit ablenken. Dadurch gewinne ich die nötige Zeit, die elektrisch gesteuerten Anlagen mit Hilfe des Generalschlüssels auszuschalten. Auf mein Signal hin fallen sogar die Triebwerke aus, sofern das System dem Muster der ursprünglichen Eingaben entspricht. Sie veränderten vermutlich den Code der Zugangsdaten der Computer.“
Jules beugte sich interessiert vor: „Wo befindet sich der Schlüssel?“
Jones nickte: „In meinem Quartier.“
Der Älteste bemerkte kühl: „Wie ich feststelle, steht es um das allgemeine Befinden nicht gut, mein Kommandant.“
Jones presste seine Hand in die Magengegend: „In meiner schlechten Verfassung muss ich keinen Schwächeanfall vortäuschen.“
„Nahrung, natürlich“, sagte Jules aufatmend. „Wer prüfte zuletzt unsre Nahrungsvorräte? Die Grauen halten uns in Schach, zeigen aber kein Interesse, uns ganz auszuschalten. Beschleunigen wir den besagten Notfall. Sie haben meine volle Unterstützung, General.“
„Wir beginnen ein Spiel auf Leben und Tod, nicht wahr? Sie tyrannisieren uns. Nicht auszudenken, was mit unsrem Volk geschieht, erlangen wir nicht die Herrschaft über das Schiff zurück“, stöhnte Jones. Er krümmte seinen Körper in der Vortäuschung grässlicher Schmerzen in seinen Eingeweiden, herrührend von der geringen Nahrungsaufnahme. Sein Körper glitt kraftlos vom Hocker und sackte auf den metallischen Boden der Brücke. Jules sank geistesgegenwärtig auf seine Knie, beugte sich über den Kommandanten und stieß laute Hilfeschreie aus. Jones prüfte das außerirdische Kollektiv nach seinem Empfinden. Waren sie am Ende immun gegen jede Art des Mitgefühls? Er tat, als fühlte er sich elend und krank. Droben erzeugte sein klägliches Stöhnen eine erregte Diskussion. Heftig gestikulierend rannten zwei Graue an den Unglücksort. Sie neigten sich über den am Boden liegenden Kommandanten. Ihre weichen Hände erfassten seinen Kopf und richteten ihn auf. Jones spürte das fremde Aroma einer Flüssigkeit. Sie rann kühl in seinen Mund. Er hatte die Fremden vorher als menschliche Roboter bezeichnet, bar jeden Gefühls. Merkwürdigerweise wussten sie von der Notwendigkeit der Nahrungsaufnahme. Jones fühlte den kräftigenden Genuss des Trankes und richtete sich auf. Auf unerklärliche Weise wurde er für ihr Tschilpen und Piepsen, die Art und Weise ihrer Botschaften, empfänglicher. Er wunderte sich nicht, als sie plötzlich verstummten.
Jones hatte den Fremden zuerst bemerkt und zwang sich aufzustehen. Der Mann schritt hoch aufgerichtet an der Front mit den Geräten vorbei und bewältigte die stufenlose Abschrägung des Decks. Er vereinte in seinen bedachten Bewegungen die Würde des betagten Greises und eine unbeeinflussbare Zielstrebigkeit. Das Kollektiv begrüßte ihn in der Pose der Untergebenen, sich wiederholt vor ihm verneigend. Jones durchtriebenes Spiel entlockte dem Fremden eine verzeihende Geste. Er sprach ihn in der fehlerfreien Sprache seines Volkes an:
„Sei erleiden einen Mangel an Nahrung, Kommandant? Verzeihen Sie meinen Begleitern den ihnen unbekannten Zustand. Sie werden den Aufbau der inneren Organe der Geschöpfe des Lebenskreises Hyperion unmittelbarer in der Nahrungsaufnahme und Verwertung vorfinden, als es die verschlungenen Verdauungswege des Menschen zulassen. Weswegen wir flüssige Nahrung bevorzugen, ein schmackhaftes Konzentrat, dessen Kräftigung Sie spüren. Wir zehren lange Zeit von den aufbauenden Reserven in den inneren Speicherorganen. In vielfacher Hinsicht unterscheiden wir uns von den Menschen. Wir leben in der Kälte. Die empfindlichen Organe der Menschen müssten erfrieren, mutete man ihnen einen Aufenthalt in unsrer Welt zu. Die dynamische Flamme, die unser Leben erhält, brennt in mir und meinen Brüdern für ewige Zeiten.“
„Er kann reden, der Fremdling spricht unsre Sprache“, rief Jules entgeistert aus. „Wir fürchteten um unsren Verstand, da man uns ohne eine Erklärung entführte. Welche böse Absicht verbirgt sich hinter unsrer Festnahme?“
Der Fremde blickte sich lächelnd unter Jones Mannschaft um: „Freiwillig wären Sie uns niemals gefolgt. Hören Sie die Beschreibung unsres Gestirns, danach werden Sie Ihre Gefangenschaft besser verstehen.
Wir leben auf der Erde des Circulus, ein flacher Ring kosmischer Materie, der das ewige Licht Hyperion umkreist, in einer Welt außerhalb Ihrer Vorstellungskraft. Unendliche Eisfelder, riesige Flächen von Moosen, Flechten und niedrigem Pflanzenwuchs besiedelt, eine Natur in den Ihnen unbekannten Farben und kristallene Meere gestalten unsre paradiesische Welt. Lebewesen von eurer Art können in der dünnen Atmosphäre nicht überleben. Die elementaren Bestandteile der sauerstoffarmen Luft wären für den organischen Menschen tödlich. Deshalb erzeugten wir die für Sie geeignete Atemluft. Sie leben nach unsrem Plan und Willen.“
„Wer seid Ihr“, wiederholte Jones die Frage seines Offiziers Jules, „ein Gelehrter, das Haupt der wenig mitteilsamen Eisigen, oder gar ein Prophet?“
„Die Eisigen nennen Sie uns?“ Der Mann lachte vergnügt, „das spricht für Ihre Vorstellungskraft. Doch in der Tat ermangelt es uns an der Körperwärme.“ Jones lauschte verwundert der überaus menschlichen Stimme. „Sie wählten eine zutreffende Beschreibung der Erhalter des Lebens und der natürlichen Ordnung des ganzen Universums, wie es Ihrer hohen Sprachkunst entspricht. Sehen Sie in mir den Verwalter des arbeitenden Kollektivs. Der Freiheitsentzug Ihrer Besatzung geschah aus der Notwendigkeit eines Bündnisses mit den Menschen. Wir entführen Sie in ein Ihnen unbekanntes Gebiet der Galaxis. In der Sprache der Bewohner eines fremden Planeten wird die von Ihnen bezeichnete Schleier-Galaxis die Milchstraße genannt. In nicht allzu ferner Zeit nähern wir uns dem Planeten Erde. Alle Völker von Oriri werden von ihren Heldentaten erfahren, Kommandant. Die Menschen der fremden Erde aber werden nicht von unsrer Existenz wissen. Wir meiden ihren Kontakt. Kriegerische Mächte beherrschen die Erde und könnten unsrem Dasein gefährlich werden.“
„Was haben Sie vor?“, fragte Jones gespannt.
„Etwas, das Ihnen hilfreich erscheinen wird. Im Augenblick erhalten Sie ein schwaches Beispiel unsres technischen Könnens. Das Erlernen des Grundwissens meines Kollektivs beanspruchte für ihre Art einen um Jahrzehnte überdauernden Lernprozess. Niemals werden sie uns ebenbürtig sein.“
„Nun, es ist nicht einerlei, was mit uns geschieht“, antwortete Jones. „Unsre gesellschaftliche Stellung fordert den Respekt vor den Gelehrten Ihres Standes. Wir danken für Ihre Offenheit.“
Jones fand die Frage des Schicksals der Aranea zur Genüge beantwortet. Er scheute sich nicht und nahm den Gelehrten in Augenschein. Als der Verwalter des Kollektivs erweckte er den Eindruck eines hochgelehrten Mannes. Sein schlichtes, silberglänzendes Kleid sprach von edler Vornehmheit. Seine Züge strahlten in unendlicher Weisheit und Güte. Den Ansatz seines weichen Haupthaars bedeckte eine Kappe aus weichem Stoff. Deren Rand umfasste ein mit Juwelen bestickter Reif, offenbar ein Merkmal seines hohen Standes. Die aufgebrachten Fragen der Besatzung erheiterten ihn. Jones sperrte sich instinktiv gegen das blinde Vertrauen. Das späte Erscheinen des Gelehrten verunsicherte ihn. Der Fremde schien sich über die Gefühle der Mannschaft im Klaren und zerstreute ihre Zweifel: „Verzeihen Sie, das Kollektiv beherrscht Ihre Sprache nicht, kann diese jedoch erlernen. Ich selbst lernte die harmonische Lautbildung der Menschen in einem zeitraubenden Prozess nachzubilden. Ich trage den Namen Virilio.“
„Virilio“, wiederholte Jones, „die Arbeiter riefen bei Ihrem Erscheinen Ihren Namen aus. Sein Klang war mir vertraut.“
„Eine Frage des Gehörs“, antwortete Virilio und lächelte geschmeichelt, „mit ein wenig Übung lernen Sie unsre Sprache besser verstehen…“ Er hielt inne. Jones deutete sein Schweigen als Erschöpfung. Er rückte ihm den Sessel des Kommandanten zurecht und half ihm Platz zu nehmen. Virilio hauchte kraftlos:
„Wir hören und verstehen Laute, die Sie nicht erahnen. Der stoffliche Körper dient uns zur Arbeit. Unser Geist aber, bei willkürlicher Loslösung, überwindet Raum und Zeit. Trotzdem können wir nicht an zwei Plätzen gleichzeitig agieren, Sie verstehen?“
Jones nickte ihm mühselig beherrscht zu: „Allmählich lerne ich Ihre Art begreifen. Sie erreichen die Fähigkeiten der Auserwählten meines Volkes. Deren bloße Gedankenkraft verändert die Welt, und sie dienen uns im Sinne der Gerechtigkeit, wegen des Erhalts meines Volkes. Wir beschützen ihre besondere Geisteskraft, heiligen diese Menschen und ich denke, Sie erwarten von meinen Männern das Nämliche für sich selbst und das arbeitende Kollektiv.“
„Die Ihnen gestellte Rolle als die Verteidiger des Lebens des ganzen Universums kann nur von den Menschen Ihrer Art ausgeführt werden“, antwortete Virilio.
„Außerirdische“, stieß Jones mit dem Ausdruck von Verzweiflung hervor, „beschlagnahmten mein friedliches Forschungsschiff, ihre tödliche Kraft ließ seine Besatzung wehrlos zuschauen. Unsre verängstigten Familien erwarten unsre Rückkehr. Wir befinden uns in Ihrer Hand, nicht wahr?“
„Hilflos waren Sie niemals“, wehrte der Gelehrte den Angriff milde lächelnd ab. „Erklären Sie mir, weshalb Sie die Maschinen nicht ausschalteten und eine Flucht wagten. Sie kannten Ihre Möglichkeiten. Die Neugier rettete Sie vor der unbedachten Handlung. Ihre Wissbegier war stärker als der Freiheitsdrang. Im Übrigen ließ ich die Besatzung ungestört Zeichnungen von dem Universum anfertigen. Diese Pläne erweisen Ihnen späterhin gute Dienste.“
„Wir leben.“ Jones unterbrach seine Rede kurzerhand. „Sie schenkten uns das Leben. Stehen wir nicht in Ihrer Schuld? Erzählen Sie uns mehr über Ihre Rolle als der Erhalter des lebendigen Universums.“
Zum ersten Mal klang ein schwaches Seufzen aus dem Mund des Gelehrten. Jones wartete. Er hatte die abweichenden Lebensformen seines beheimateten Planeten, ihr unterschiedliches Aussehen und Verhalten studiert. Tiere, Pflanzen und Menschen erschienen ihm in ihrer Anpassungsfähigkeit vollkommen. Nie waren ihm menschliche Wesen von der Art Virilios begegnet. Der bewusste Akt der völligen Loslösung ihres Geistes ließ deren organische Körper in einen reglosen Schlaf fallen. Jones fragte sich, was in ihnen vorging, da ihre Körper in diesem Zustand der Willkür seiner Mannschaft ausgeliefert waren. Dieselben hatten die Zeit der Ruhepause ihrer Körper und des Geistes erkannt. Kehrte ihr Geist aus der Abgeschiedenheit zurück und nahm ihre Körper in Besitz, schillerten die blassen Regenbogenfarben ihrer kristallischen Augen wie eine sprudelnde, silberne Quelle.
„Wir und die Menschen von Ihrer Erde haben vieles gemeinsam“, erinnerte ihn Virilio, „vor allem die Geisteskraft, die Fähigkeit des Unterscheidens. Niemals gelingt den einfachen Menschen die willkürliche Trennung des Geistes vom Körper, wie mein Volk es notwendigerweise ausführt. Wir befolgen unsre Reinkarnation in befristeten Zeiträumen. Unsere Körper verlangen nach der regenerierenden Nahrung.
Von dieser Stunde an will ich die Besatzung der Aranea in unsrem Wissen unterweisen. Ihr werdet das Universum mit meinen Augen sehen und mit reichen Schätzen zurückkehren.
Zeit und Unendlichkeit werden für euch eins werden. Wer den Augenblick liebt, dessen Erinnerung daran verblasst niemals. Nehmt die kommende Zeit wie ein Geschenk. Sie dient einer fernen Zukunft.
Vergleichen wir das Universum mit einem unendlichen Kristall, dessen zahllose Flächen wir drehen, verringern und dehnen können, liegt die Erklärung für die Beeinflussung der Zeit auf der Hand. Zurzeit krümmen wir das Gefüge von Raum und Zeit. Dabei gelangt das Ziel in unsre unmittelbare Nähe. Die Beantwortung der Frage, welche Kräfte wenden wir an, um schneller als das Licht an das Ziel zu gelangen, wird Ihnen unausführbar erscheinen. Weswegen überstehen das Schiff und seine Besatzung unbeschädigt den augenblicklichen, unendlichen Fall ins Universum?“ Virilio erhob sich und schmunzelte zufrieden: „Bereiten Sie sich auf den Unterricht vor, auf Erfolge und Niederlagen. Nun nehmen Sie meine Einladung zur Nahrungsaufnahme in dem Gemeinschaftsraum an. Kommandant King, bitten Sie die Mannschaft zum Mahle. Doch verzeihen Sie mein Fernbleiben. Opulente Mahlzeiten nach Ihrem Brauch wären meinen empfindlichen Organen schädlich.“
***
„Virilio erklärte seine friedliche Absicht, bietet uns aber keine freie Wahl in unsren Entscheidungen“, beschloss Jones, nachdem der Weise seinen Kreis verließ.
„Er wählte mein freies Volk aus, will unsre kämpferischen Kräfte auf den unbekannten Feind vorbereiten“, erwiderte Jules. „Ein echtes Mysterium, das auszuloten wäre. Wer wollte die gesetzmäßige Ordnung in der Galaxis und den umgebenden Universen umformen und zerstören? Das Übel der Welt ist das Böse, und die Natur der Gegensätze schließt die negativen Kräfte nicht aus. Sehen wir uns als die Opfer seines selbstgerechten Plans, oder vielmehr als die Verbündeten des Circulus Hyperion im Feldzug gegen die bösen Mächte?“
„Warten wir es ab“, murmelte Jones abwesend, „hören wir uns das Urteil der versammelten Besatzung an. Ich beordere euch alle ohne Aufenthalt in den Gemeinschaftsraum. Jules, senden Sie die entsprechende Meldung über alle Sprechverbindungen. Wir werden sehen … “
Als Jones die herbeieilende Mannschaft von Virilios Plan unterrichtete, gelangten die Leidgeplagten aus der Mutlosigkeit unmittelbar in das Hochgefühl ihrer unerwarteten Errettung. Ihre Vorhaben prägten von nun an ihren Aufenthalt. Die grundlegenden Bestände in den gigantischen Hallen und Räumen der Aranea waren, im Falle einer Notlage, in der die Mannschaft sich unzweifelhaft befand, für einen längeren Aufenthalt im All berechnet. Sie begannen mit dem Anlegen von biologischen Kulturen und hofften auf gute Erträge zur Bereicherung ihrer Nahrung. Um die Bebauung der Gärten rascher voranzutreiben, entwickelten sie auf den Schienen geführte Elektrokarren und verbesserten die Zuführung der benötigten Atemluft. Da sie Sterbliche waren und die Lebensenergie ihrer Entführer stärker war als die der Menschen, verfolgten sie unmerklich deren Lebensweise. Die unendlichen Zeitalter vor der Begegnung mit den Menschen hatten das Wissen der Außerirdischen vollendet und ihnen unerreichte Macht verliehen. Virilio unterrichtete die Besatzung regelmäßig in ihrer Aufgabe, die Erforschung der Kräfte des Universums. Sie erhielten das neue Wissen in einem um das Zehnfache geringeren Zeitraum als es ihnen, gemessen an ihren Mitteln, möglich gewesen wäre. Jones erkannte Virilios geschickte Durchtriebenheit und setzte auf die Vernunft als das Gegengewicht der selbstgerechten Handlungen des Mannes. Wer waren die Feinde des lebendigen Universums, die laut Virilio das gesetzmäßige Bestehen des Kosmos angriffen? Fragen brannten auf Jones Zunge, doch das begehrliche Schweigen des Gelehrten verhüllte die Wahrheit.
Jones brütete in der Folgezeit gedankenschwer über den beweglichen Objekten der Sternkarte, eine gewaltige leuchtende Graphik auf der Tafel inmitten der Brücke. Er verfolgte den Lauf der Sterne, beantwortete Fragen ihrer elementaren Beschaffenheit, berechnete die Flugbahn der Aranea und die für ihre Reise benötigte Zeit. Eismenschen dagegen berechneten die vergangene und zukünftige Zeit in Phasen, die den bemessenen Sektionen innerhalb des Gitternetzes des spiralförmigen Universums entsprachen. Der rote Punkt im äußersten Drittel der Spirale stand für die Erde Oriri. Innerhalb der Spirallinien ihres Kreisausschnittes bewegte sich ein leuchtender Lichtpunkt, zweifelsfrei das Raumschiff Aranea, in einer von wenigen Sternen besiedelten Zone. Da Erde und Raumschiff Lichtjahre voneinander entfernt waren, bewegte sich die Aranea zweifelsfrei mit der ihr möglichen Lichtgeschwindigkeit. Dagegen widerfuhr der rotierenden Erde im Zentrum der Zeitspirale eine schwächere Beschleunigung. Jones kannte das Gesetz der relativen Zeit wie ein jedes andere Mitglied der Besatzung. Virilios Voraussage, die Mannschaft werde bei ihrer Rückkehr zur Erde feststellen, dass deren Zeitrechnung auf keinen Fall im Verhältnis zur Geschwindigkeit der Aranea und ihrer zurückgelegten Strecke stand, verlangte eine Erklärung.
Die Zeit sei in jedem Fall eine abhängige Größe, erklärte Virilio eines Tages. Im Augenblick verschmolz der Raum durch die von ihm gewollte Raumkrümmung mit der Zeit. Das Spin - Netzwerk des kosmischen Raumes lagerte eng über-einander. Außerhalb des Ereignis-Horizontes, in ihrem Fall ein gigantischer Riss oder Korridor im Gefüge von Raum und Zeit, gelte die gewohnte Zeitrechnung: „Mit einer minimalen Abweichung. Aber wir bewegten uns zeitweilig mit der Lichtgeschwindigkeit durch die eng mit Sternen besiedelte Zone. Das haben Sie sehr gut beobachtet. In dieser Phase verging Ihre Zeit, gefangen im Raumschiff, wesentlich langsamer.“
Jones antwortete ihm kalt: „In einem von Lichtgeschwindigkeit beschleunigten Schiff gehen alle Uhren langsamer. Wir wissen, auf der schwächer beschleunigten Erde Oriri vergingen seit dem Aufbruch der Aranea drei bis vier Jahre nach irdischer Zeitrechnung. Das Ausmaß der Gefahr, der sie uns aussetzten, sollte Ihrem Handeln vereinbar sein. Andernfalls wird mein Volk Ihre Handlungsweise bestrafen.“
„Vertrauen Sie mir“, erwiderte der Gelehrte.
War die Mannschaft der Aranea in den vergangenen Jahren feinfühliger für die Arbeitsweise der Eismenschen geworden, es ermangelte ihnen der sprachlichen Verständigungsbereitschaft, korrigierte und erneuerte Virilio ihr Wissen umso bereitwilliger. Der Kommandeur bemerkte bestürzt, wie die Besatzung der väterlich weisen Stimme des Gelehrten gehorchte und sagte: „Mein lieber Virilio, ich merke, Sie genießen die gottergebene Anbetung meiner Mannschaft. Wären Sie ein Mensch, würde man Sie gleichwertig behandeln. Mangels des Beweises halte ich Ihre Wesensart nach wie vor umstritten. Sie sagen, Sie seien unsterblich, wir aber werden vom Leben in den Tod berufen.“
„Die Meinung der Gelehrten beruft sich auf einen, das Altern beschleunigenden, genetischen Defekt in unsren Erbanlagen. Vielleicht ist das genetische Muster der Unsterblichkeit der Eismenschen auf uns Menschen übertragbar“, gab Jules zu bedenken.
„Unfug“, wies ihn Jones barsch zurecht, „nichts kann uns vom Tod erlösen.“
„Der Gott, der alles werden ließ, es stets erneuert und das Unbekannte hinzufügt, wäre wenig geschmeichelt, hörte er Sie reden, Jones“, sagte Virilio, der ihm aufmerksam zuhörte. „Meine Art, wie auch die Ihre, erhält sich durch die Fähigkeit des Unterscheidens dessen, das gut oder verderblich ist.“ Er sprach, ging um die Tischrunde und nahm bei Jones Platz. Er neigte seinen Oberkörper zurück. Sein Blick umfasste das Bild eines kerngesunden Mannes mit roten Wangen und kräftiger Statur: „Wie ich feststellen kann, war das harte Training Ihrer Gesundheit förderlich, Kommandant. Ebenso Ihre lückenlose Kontrolle der Besatzung.“
Jones sah das gütige, lächelnde Gesicht des Gelehrten. Er schwieg, da er sich über seine Gefühle für ihn im Unklaren war. Darauf bemerkte Virilio: „Das Ziel liegt nahe vor uns. Eine Zeit beginnt, da Sie meine Art zur Hölle verwünschen.“
Kap. 3
Eine unglaubliche Erfindung
Stephan Bonino, ein Lehrer der Weltgeschichte und Vater des genialen Malo, lebte auf dem Planet Erde, weit im Inneren des Sonnensystems. Das Trümmerfeld der Asteroiden und Planetoiden, eins bis zwei Lichtjahre vom Zentralgestirn entfernt, bildete eine unermessliche Wolke. Den irdischen Astronomen war der in das Gravitationsfeld der Sonne eingegliederte Ring bekannt als die Oort´sche Wolke. Ihre logische Erklärung lautete, diese wurden bei der Entstehung des Sonnensystems um Lichtjahre vom Zentralgestirn weggeschleudert. Menschen auf dem Planeten Erde erahnten die Irrfahrt der Außerirdischen und dem Forschungsschiff Aranea nicht, da die den Raum erforschenden Wissenschaftler kein entsprechendes Signal erhielten. Als Malo den Nachthimmel nach fremden Lebensformen durchsuchte, tauchte die Aranea in die Randzone der aus unzähligen Trümmern bestehenden Wolke ein. Vater Stephans berechtigtes Misstrauen bezweifelte derartige Vorkommnisse, außerdem interessierten ihn die Sterne nicht im Geringsten. Er sprach leidenschaftlich bewegt vom Zeitalter der Renaissance und fand die großen Häupter wie Nikolaus Kopernikus, Galileo Galilei und Georg Kepler, Männer, die auf Grund ihrer fortschrittlichen Ideen Bewegungen der Planeten innerhalb des Sonnensystems auf elliptischer Bahn erkannten, nicht erwähnenswert.
„Das bestehende Weltbild zerbrach an ihren unschätzbaren Erkenntnissen um die nachweisliche Gesetzmäßigkeit des bewegten Universums und seiner stofflichen Beschaffenheit“, bemerkte Malo mit einem gewissen Vorwurf gegen seines Vaters Ignoranz.
„In derselben Zeit bekämpften die Verfechter der menschlicheren Gesellschaft, Martin Luther und Philipp Melanchthon, die Macht engstirniger Kirchenfürsten und deren lügnerisches Versprechen an die Gläubigen, des Loskaufens ihrer Sünden durch finanzielle Opfergaben“, belehrte ihn Stephan. „Der Kampf um die Freiheit der unterjochten Bevölkerung wurde ob seiner Ernsthaftigkeit in den Bauernaufständen bewusst und die Namen mutiger Männer, Thomas Münzer und Florian Geyer, gingen unsterblich in die Geschichte ein. Der Absolutismus erreichte seine Vollendung, spürbar bröselte die Macht der Feudalherrschaft Europas, das Zeitalter der Vernunft begann. Die Werke der großen Künstler des fünfzehnten Jahrhunderts, die des Michelangelo, Botticelli und Raffael Santi“, beschloss Vater Stephans Weisheit, das Überragende ihrer Kunst hoch lobend und mit dankbarem Blick gegen den Himmel, „wie auch der christliche Glauben, überdauerten Kriege und Revolutionen.“
Im verschlossenen Schreibtisch verwahrte er die verbriefte Ahnenreihe und die Familienchronik der Boninos. Ein Teil der gebündelten, vergilbten Dokumente war in der verschnörkelten Frakturschrift der frühen Buchdruckerkunst verfasst. Malo schätzte das Andenken seiner adligen Vorfahren, christliche Grafen und Ritter des Spätmittelalters, ansässig in Italien, Spanien und Frankreich, die in zahllosen Eroberungsfeldzügen Ruhm und Ehre erwarben. Sie erhielten bei ihrer Verehelichung nicht selten den gesellschaftlichen Titel ihrer aristokratischen Partner. Malo, der letzte Adelige der Familie, sagte Namen der hohen Vorfahren fließend auf, Zorn sprühend, sein dunkles Augenpaar voll bitterer Anklage auf den Vater gerichtet. Der erwiderte mitfühlend seinen Blick und wiederholte unzählige Male, sein überlieferter Name sei Malo Don Bonino, Chevalier Descartes, Marquise de Celestine. Das seien die ursprünglichen Titel gewesen, versicherte der Junge ernsthaft denen, die ihn fragten und meinte achselzuckend, die Verfechter der Französischen Revolution fielen den Besitzansprüchen der Adeligen in den Rücken. Sie verteilten deren Landgüter erfolgreich an die Armen. Seiner Besitztümer beraubt, legte der letzte ritterliche Graf René seine adlige Betitlung ab und nannte sich schlicht Maitre Bonino, ein ehrlicher Bürger Frankreichs. Die von ihm zur Frau erwählte Corinne von Belle Garde, eine herzogliche Dame, fiel wegen ihres unwürdigen Daseins in eine unheilbare Depression. Ihre edle Gesinnung vermochte das verletzte Feingefühl nicht geraderichten, bemerkte betrübt Malos Vater, doch das werde innerhalb der Familie gewiss nicht mehr vorkommen.
Verständlicherweise gefiel Malo sich in der Rolle des Edelmannes. Das standesgemäße Unterscheiden seines auserlesenen Lebenskreises, hervorgerufen durch die akademische Bildung seines hochrangigen Elternpaares, drängte ihn unter den unbefangen aufwachsenden Gleichaltrigen in die Rolle des Außenseiters. Das aufbrausende Temperament seiner Vorfahren äußerte sich in seinen auseinander strebenden Wesensarten. Standesdünkel und weltmännische Gewandtheit, Überheblichkeit und natürliche Vornehmheit im steten Wechsel, der bestechende Edelmut, das alles beeindruckte Malos Klassenkameraden.
Er selbst hasste das unausweichliche Kräftemessen der Klassenkameraden, aber das Ringen um deren Anerkennung und ein Gefühl der Dankbarkeit trieben ihn in ihre Nähe. Je nach ihrer Laune nahmen sie ihn großherzig auf; denn sie begriffen seine Annäherung als seine Flucht aus der sachlichen, gefühllosen Welt der Geisteswissenschaftler. Da sie neugierig, zum anderen neidisch gegen ihn waren, hänselten sie ihn als den „Professor Malo“. Andere verhielten sich klug und befragten ihn ob seiner Absicht. Er beschenkte sie, anstatt einer direkten Antwort, mit roboterhaften Spielzeugen. Er entwarf in tiefer Nacht und den frühen Morgenstunden hüpfende Metallfiguren und schwebende Fluggeräte, deren Sensoren Hindernisse erkannten und ihnen auswichen. Da die Spielzeuge in ihren unerfahrenen Händen zerbrachen, hielten die weniger Begabten Malo für einen Hexenmeister, die großspurigen Hochschüler aber für einen ehrgeizigen Streber, dem sie im wörtlichen Sinn Daumenschrauben anlegten, um die Wahrheit aus ihm heraus zu quetschen. Über der Unkenntnis der Anderen gewann Malo eine beachtliche Anzahl gutgesinnter Freunde. Sie erkannten und bewunderten seinen genialen Geist. Mit den Automatismen der Kindheit verlor er auch die von ihm erwählten Freunde.
Nach seiner Abiturfeier erwies sich seine verpflichtende Freundschaft mit Lope Balz und dessen jüngerem Bruder Aaron von Bestand, und die mit Pamela und Pirus Lange, den überspannten Abkömmlingen wohlhabender Eltern. Sie kannten sich, da ihre Väter und Mütter miteinander befreundet waren und regelmäßige Treffen vereinbarten. Ihr Unterricht vollzog sich in getrennten Klassenzimmern. Das erschien ihrer Beziehung förderlich; denn das ehrgeizige Überbieten ihrer Leistungen kam nicht auf, eher das grundsätzliche Ergänzen des mangelhaften Wissens. Deswegen erhielten die Freunde, anstatt des Roboters Willi lebloser Greifer, den herzhaften Händedruck Malos zur Begrüßung. Sein Vater hatte den menschenähnlich gestalteten Roboter frühzeitig erworben. Unliebsame Gäste beförderte der schmerzhafte Verweis des liebgewordenen Beschützers auf den Rasen vor der Haustüre.
Indessen wurden Malos eigentümliche Konstruktionen verzwickter. Er bastelte Geräte zur Messung der Windstärke, und sensorische Fühler zur Erfassung des Abstands seines Fahrzeugs zu den vorausfahrenden Wagen. Einige fanden das hörbare Piepsen während der Fahrt unerträglich. Diese für Malo unverzichtbaren Verfeinerungen komplizierten nicht nur die elektrische Anlage seines Autos - Ihre kostspielige Anschaffung war dem durchschnittlichen Einkommen der arbeitenden Bevölkerung nicht angemessen und durchweg abzulehnen. Pamela Lange hatte, inzwischen einundzwanzig Jahre alt, das Studium der physikalischen Chemie begonnen. Sie arbeitete wie Malo, der Geräte-Physiker, in den streng abgeriegelten Bereichen eines staatlichen Forschungsinstituts an der Entwicklung und Herstellung neuer Technologien für die Raumfahrt. Ihr Bruder Pirus leistete in dem elterlichen Betrieb als Finanzberater seinen mühevollen Dienst. Er dirigierte das Anfangskapital der nach dem Krieg neu gegründeten Unternehmen, meistens im Berufszweig der Baumeister und Immobiliengeschäfte, zum Erfolg. Lope Balz ersann energiesparende Motoren für Kraftfahrzeuge, die gleichzeitig eine starke Beschleunigung des Tempos bewirkten. Sein Bruder Aaron bewirtschaftete die einträgliche Landwirtschaft des elterlichen Hofes.
An einem Spätnachmittag im September, die goldig flimmernde Sonne wärmte den häuslichen Garten, saßen die Freunde nahe der Terrassentür des Hauses Bonino beisammen. Sie fühlten die gelinde Brise auf ihrer Haut, hörten das stete Rasseln des Astwerkes der Bäume und Hecken und atmeten die berauschende, mit süßem Blütenduft erfüllte Luft. Malo bot den Freunden Pamelas Häppchen an, sowie sie diese Köstlichkeit in Madame Suzannes Küche zubereitet hatte. Anstatt hochprozentiger Drinks bereitete Malo farbenfreudige Mixgetränke würzigen oder blumigen Aromas zu. Seine Gäste beurteilten deren Inhalte nach der Geschmacksrichtung. Ihre Zweifel ob der Ursache ihres seligen Rausches beim Genuss der rätselhaften Mixturen zerstreute Malo, sie auf den Wohlgeruch des blühenden Gartens hinweisend. Malos Eltern pflegten zu der Zeit ihren Abendspaziergang, willens, ein Glas Wein in dem dörflichen Lokal zu genießen. Malo überlegte und fand, der richtige Zeitpunkt des Bekenntnisses eines bis dahin bewahrten Geheimnisses sei angebrochen. Pamela lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück, das blutleere Gesicht im Schatten der Büsche verborgen und lauschte dem Klang seiner zittrigen Stimme. Malo beschrieb ihnen eine einzigartige Erfindung. Zur Verwunderung der Freunde betraf diese keinen neu erdachten Kunstgriff innerhalb seines giftgrünen Sportwagens, der das Vergnügen am Autofahren steigerte. Pamela erahnte die Wahrheit seiner Geschichte, wie auch Lope Balz, der fachlich mithalten konnte. Malo bat sie, das Gehörte nicht auszuplaudern: „Versteht ihr, meine Entdeckung darf nicht in die Hand falscher Freunde gelangen.“
„Entschuldige, was du sagst, klingt sehr unwahrscheinlich“, entgegnete Lope sonderbar beklommen. „Und ich begreife nicht, weswegen die Idee des Jahrhunderts unter Verschluss in deinem Schreibtisch herumliegt. Das Raumfahrtunter-nehmen, für das Pamela und du arbeiten, kann eine Menge Geld verdienen. Ganz abgesehen davon, der Ruhm des Erfinders wird allein dir zukommen.“
Malo neigte sich aufgebracht vor: „Stelle es dir bloß vor, es gibt einen offiziellen Rahmen für das Projekt. Die großen Häupter unsres Jahrhunderts arbeiten an der Aufhebung der Schwerkraft durch Antigravitation. Nicht ganz erfolglos.“
„Es mag dir hart erscheinen, aber deine Heimlichkeiten schaden unsrem Nervensystem.“ Pamela und Pirus nickten Lope beipflichtend und wie stets gehorsam zu. Er erinnerte Malo an das Phänomen: „Seit dem Frühjahr wurde mir klar, dein komplexer Drang nach der Entdeckung ungewöhnlicher Himmelserscheinungen ist auf den Verlust der elterlichen Nähe zurückzuführen. Ein wissenschaftlich engagiertes Elternteil genügt vollauf in einer Ehe, die einen begabten Sohn hervorbrachte. Handle mit Vernunft und beende die Streitfrage der Gelehrten. Überlasse deine Idee der infrage kommenden Abteilung“, verlangte Lope.
Malo starrte feindselig in Lopes Gesicht: „Auf keinen Fall, das werde ich nicht. Das Universum zieht uns magisch an, und es hält uns unerwartete Türen offen. Der nächtliche Blick durchs Fenster sagt mir mehr, als der durchschnittliche menschliche Geist erfassen kann. Nach der aufreibenden Zeit der Misserfolge hatte ich eine durchschlagende Idee. Ich war es, dem die Erzeugung eines künstlichen Gravitationsfeldes gelang, stärker als die Schwerkraft der Erde. Mit meinen Händen werde ich den Anti-Schwerkraft-Generator erbauen, der einen Flugkörper schwerelos aufsteigen lässt und in die irdische Umlaufbahn leitet. Dasselbe geschieht mit geringem Aufwand.“
Pirus starrte ungläubig in sein Gesicht: „Das glaubst du nicht im Ernst, oder?“
„Entschuldige, ich bin geneigt, ihm zu glauben“, sagte Pamela. „Malo ist krankhaft besessen in seinem ehrgeizigen Verlangen, seinen Eltern eine weltbewegende Neuheit vorzustellen.“
„Pamela sieht das schon richtig, es geht ihm nicht um seinen Ruhm. Er sucht die Anerkennung seiner Eltern. Der Himmel mag wissen, weswegen; denn sie sterben aus Fürsorge für ihren Sohn“, sagte Aaron.
„Was für eine blödsinnige Behauptung, seine Mutter kennt ihn besser als wir. Erzähle, Malo, erkläre uns die Vorgänge im Einzelnen“, forderte Lope ihn auf.
Spontan bildeten die Fünf einen engen Kreis. Den heimlichen Lauscher überlistend, verklangen ihre Stimmen wie ein Lufthauch. Sie hatten das Verfahren in ihrer Kindheit erprobt.
Aaron erklärte ihnen erneut: „Malo ist besessen“. Lope sah aus der Nähe deutlich sein Gesicht. Seine Augen glänzten sogar in der Dunkelheit wie reines Gold. Lope geriet über der Frage ins Grübeln, welcher Elternteil seine seltene Augenfarbe zu verantworten habe. Da hörte er, wie Malo den Jungen zornig angriff. Aarons vorherige Bemerkung hatte diesen auf eine wenig schmeichelhafte Art verletzt, und er schnauzte ihn wütend an: „Halte die Klappe.“
„Weshalb“, fragte Lope gespannt, „muss mein Bruder seinen Mund halten?“
Malo flüsterte in den engen Raum zwischen ihren Köpfen: „Aaron war das Kalkül meiner Geheimhaltung. Noch heute Nacht werde ich euch das, was er als ein utopisches Ding bezeichnet, vorführen.“
„Du arbeitest im Geheimen“, fragte Pirus, „da bin ich gespannt. So etwas geschah früher nicht. Wo befindet sich das Versteck?“
Aaron zuckte schuldbewusst zusammen. Seine schwärmerische Neigung für Malo war für sie beide von Nutzen gewesen. Das erfinderische Genie erklärte Aaron den Aufbau des Universums im Zusammenhang mit der Gravitation, und wie ein Raumschiff der irdischen Schwerkraft entkommt. Aaron fand, er sei verhältnismäßig klug, da er ihn mühelos verstand und erwiderte: „Wir werden das Geheimnis nicht ausgerechnet dir auf die Nase binden, Lope.“
Die Freunde rückten missmutig um eine Armlänge voneinander weg. Sie starrten sich gegenseitig feindselig an. Lope studierte augenblicklich die förmliche Erscheinung Malos. Die Pupillen seiner braunen Augen verengten sich auf die Größe eines Stecknadelkopfes, wie wenn er einen abgrundtiefen Schmerz empfände. Sein Verstand empfing das Bild eines jungen Mannes, dem Knabenalter längst entwachsen. Er erschien an den gemeinsamen Abenden in traditionell dunklem Anzug mit blütenweißem Hemd und knallbunter Krawatte. Malo hatte den auffälligen Schlips als Merkmal seiner Rache ausgesucht. Er litt unter den unverzeihlichen Maßnahmen seiner hochrangigen Eltern, die ihm seit seiner Kindheit Merkmale seines gesellschaftlichen Standes aufzwangen. Sein muskulöser Körper wirkte in der weiten Jacke schmächtig. Sein Protest gegen die elterliche Fessel gipfelte jedes Mal im hechelnd und keuchend angelegten Lockern des breiten Krawattenknotens. Lope verbiss sich ein anzügliches Grinsen, und Malo sog danach befreit die Atemluft ein. Dann fanden die jungen Menschen derselben Tatkraft in atemlosem Staunen zueinander. In dem Drang der Beweisführung seiner nicht erprobten Erfindung, beschrieb ihnen Malo seine, die Anti-Schwerkraft erzeugende, Maschine. Mit ihrer Hilfe würde der eigens dafür gebaute Flugkörper leicht wie eine Feder und unbeschädigt in die Umlaufbahn um die Erde gelangen. Den Freunden war klar, andernorts würde man den Gegenstand ihres gemeinsamen Interesses ein Produkt der Phantasie schelten, darüber man nicht mehr ins Staunen geriet. Ein jeder kannte die Namen der schwerelos kreisenden Satelliten im Orbit der Erde, die unverzichtbaren Überbringer von Nachrichten und der Raumsonden, die in den letzten Jahren zur Erforschung des Erdtrabanten Mond, der Planeten Venus und Mars ausgesandt waren.
„Wie hieß doch gleich der Kosmonaut“, fragte Lope und blickte jeden eindringlich an, „derjenige, der das Verlassen der irdischen Atmosphäre und den Einstieg in die Erdumlaufbahn an Bord einer Raumkapsel bewältigte? Die Medien sprachen vom Beginn der bemannten Raumfahrt.“
Aarons hinterhältiges Grinsen sprach für sich: „Jedes Kind kennt seinen Namen. Der Mann wurde wie ein Held gefeiert, da er das Abenteuer glücklicherweise überlebte.“
„Sein Name stand für alle lesbar in der Tageszeitung“, bemerkte Pirus.
Er betrachtete den Freund aufmerksam. Ein erwiesener Fall sei die bemannte Erdumkreisung, bekräftigte er, als Malos betontes Schweigen ihm dessen unerträgliche Missstimmung verdeutlichte. Dem ein Ende bereitend, fragte er ihn, ob seine Flugmaschine eine charakterliche Ähnlichkeit mit der bemannten Raumkapsel aufweise. Er schlug die Knie lässig übereinander und überlegte: „Die Weltraumbehörde der Vereinigten Staaten war nicht untätig in den letzten Jahren. Sie wollen und müssen im Zeichen des Kräftemessens den Vorsprung der sozialistischen Staaten im Osten mit Abstand aufholen.“
„Mein Flugobjekt wird um einiges größer werden“, behauptete Malo. Er sah den eleganten Flugkörper und die behagliche, lebensnotwendige Ausstattung deutlich vor seinen Augen. In seinen hochfliegenden Plänen stieg der Orbiter auf in den Himmel, weggeschleudert, getragen und festgehalten in seiner Umlaufbahn allein durch die bekannten physikalischen Kräfte der rotierenden Erde, unter anderem die Gravitation.
„Wüssten unsre Eltern doch, was in Malos Kopf vorgeht“, murmelte Lope und barg verzweifelt das Gesicht in seinen Händen.
Dieselben erahnten die tollkühne Narrheit nicht, die sich in ihrer unmittelbaren Nähe anbahnte. Sie, die Gesetze des Lebens fabulieren, die menschliche Moral in den Kopf von Malo einschärfen und ihren Sohn als sittenstrengen Nachfahren einreihen ins unauffällige Bürgertum, wahrten Distanz. Wessen ketzerischer Geist mag meine Erziehung anfechten und die gesunde Entwicklung meines Jungen anzweifeln, besänftigte der Vater die Sorge der Mutter. Er schaute ihr mit verzücktem Lächeln bei der geübten Zubereitung des ausgedehnten Nachtmahles zu. Malo wartete schweigend auf ihr Zeichen zum Beginn und lauschte seines Vaters Stimme. Er sprach Madame Suzanne von den Tollheiten in seiner Jugend. Die zu überbieten unterschätzte er seines einzigen Sohnes Fähigkeiten. Malo dachte für sich, überwinde der Vater die Beziehungslosigkeit seines beruflichen Engagements und lauschte beizeiten den Wortgefechten der Jungen, von deren Harmlosigkeit er stets überzeugt war, er hätte dessen unglaubliche Erfindung augenblicklich mit seinen Händen zertrümmert.
Als Malo dieselbe Einschätzung für seinen Vater aus Pirus Mund vernahm, war ihm klar, dieser sprach die Wahrheit. Doch Wahrheiten vergällten die gute Laune des exzentrischen Erfinders. Er wusste, er übertrat die Schwelle der Zumutbarkeit und in seinen Augen leuchtete ein verräterischer Glanz: „Stunde Null“, sagte er und blickte bezeichnenderweise in Aarons bleiches Gesicht.
