Sauerländische Friedensboten -  - E-Book

Sauerländische Friedensboten E-Book

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Beschreibung

Dieser Band zur "Friedenslandschaft Sauerland" erschließt über 20 Biographien von Frauen und Männern, die sich für Frieden und Menschenrechte eingesetzt haben. Die Botschaft der nahen Vorbilder lautet: "Versagt euch den völkischen Hetzern und der Kriegsmaschinerie! Sagt NEIN!" Die Geschichten von Mut und Menschlichkeit handeln mehrheitlich von "katholischen Lebenswegen". Der Umschlag zeigt jedoch den israelischen Friedensarbeiter Gabriel Stern (1913-1983), der im Sauerland aufgewachsen ist und ein Mitarbeiter Martin Bubers wurde. Das Buch vereinigt Arbeiten von Peter Bürger, Dr. Ilse Eberhardt, Karl Föster (1915-2010), Paul Lauerwald, Werner Neuhaus, Dr. Wolfgang Regeniter, Dr. Erika Richter, Werner Saure, Dr. Reinhard J. Voß (Geleitwort) und Joachim Wrede ofm cap. In mehreren Kapiteln werden außerdem historische Quellentexte dokumentiert.

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Seitenzahl: 650

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhalt

Geleitwort

Von Reinhard J. Voß

Vorbemerkungen zu diesem Buch

Rektor Ferdinand Wagener (1871-1931) als Seelsorger im Kriegsgefangenenlager Meschede 1914-1919

Von Werner Neuhaus

Der Borberg – Berg des Friedens

Ein sauerländisches ‚Heiligtum für den Frieden‘

Die Friedenskapelle auf dem Borberge (1924)

Franz Hoffmeister: Niu is use Kapelle inwigget (1925)

Die Kapelle auf dem Borberge (1925)

Theodor Pröpper: „Schauderbarste Verirrungen auf dem Gebiet der Kriegerehrungen“ (1925)

Josef Rüther: Von der Friedensbewegung im Sauerlande (1926)

Sagen über den Borberg (1926)

Franz Geuecke: Kriegerkult im Sauerland, „Mahnruf in der zwölften Stunde“ (1928)

Josef Rüther: Die Kapelle der Königin des Friedens (1930)

Berichterstattung der NSDAP-Zeitung „Rote Erde“ über die Kundgebung des Friedensbundes deutscher Katholiken auf dem Borberg (1931)

Die Kundgebung des Friedensbundes deutscher Katholiken 1931 auf dem Borberg als Kapitel der NSDAP-Parteigeschichte Gau Westfalen-Süd (1938)

Josef Rüther: Der Borberg und sein Heiligtum (1950)

F. Hillebrand: Ein Geschichtchen vom Borberg (1957)

Karl Föster: Symbol Sauerländer Friedensgesinnung – Der Borberg (1994)

Aus den Aufzeichnungen des Sekretärs Ferdinand Tönne (1995)

Wolfgang Nickolay: Die Kapelle auf dem Borberg wird 75 Jahre alt (2000)

Paul Hennecke: Zum Bau der Borbergkapelle (2000)

Literatur zum Borberg und zur Friedenskapelle

„Ich bin Pazifist, das gebe ich offen zu“

Egon Matzhäuser (1876-1947) aus Altenhundem wurde wenige Wochen nach Beginn des 2. Weltkrieges wegen „deutsch-feindlichem Denken“ inhaftiert und kehrte aus dem Zuchthaus als gebrochener Mann zurück

„Sie nannten den Kühnen einen Revolutionär ...“

Der linkskatholische Pazifist und Heimatforscher Josef Rüther (1881-1972) gehörte in der Weimarer Republik zu den frühesten Warnrufern, die die Gefahr von rechts erkannten

Engagement in der Sauerländer Heimatbewegung

Wegbereiter des Friedensbundes deutscher Katholiken im Sauerland

Wider den neuheidnischen Abfall vom Christentum

Verfolgung durch die Nationalsozialisten und Nachkriegszeit

Heinrich Thöne (1895-1946)

Ein katholischer Geistlicher im Kampf um Frieden, Völkerverständigung und gegen reaktionär-restaurative Kräfte im Eichsfeld in der Weimarer Republik

Von Paul Lauerwald

Vorbemerkung

Wer war Heinrich Thöne?

Heinrich Thöne und seine Auseinandersetzungen mit dem Jungdeutschen Orden

Heinrich Thöne und die Friedensbewegung

Der weitere Weg von Heinrich Thöne

„Im neuen Deutschland haben Männer von solchem Schlag keinen Platz mehr“

Der Hüstener Bürgermeister Dr. Rudolf Gunst (1883-1965) wirkte für den Friedensbund deutscher Katholiken und galt den Nationalsozialisten schon lange vor 1933 als Feind

Von Karl Föster

Ein Leutnant hört die Friedensnote von Papst Benedikt XV.

„Einer der letzten Kavaliere der alten Schule“?

Einsatz für den „Friedensbund deutscher Katholiken“

Ein von den Nationalsozialisten besonders gehasster Mann

Öffentliches Wirken nach Ende des zweiten Weltkrieges

Textdokumentation: Zwei Briefzeugnisse des Jahres 1922 zum Antisemitismus des Hüstener Vikars Dr. Lorenz Pieper

„Fern sei uns der Geist des Völkerhasses und der Rache“

Der Journalist Franz Geuecke (1887-1942) aus Bracht kam als Gegner des Nationalsozialismus im KZ Groß-Rosen um

Von Peter Bürger

Studium und Berufsweg als katholischer Redakteur

Separatisten-Konflikt, nicht nur in Wiesbaden

Sauerländische Friedenskultur statt Kriegerkult

Tödliche Verfolgung durch die Nationalsozialisten

Textdokumentation A: „Die Krise in der Zentrumspartei“ von Dr. F. Geue[c]ke (1920)

Textdokumentation B: Geueckes Mundartskizze „Noverskops“ (1931), mit Übersetzung

„Wachsender Seelenraum – das Geheimnis des Reisens“

Der Sauerländer Hubert Tigges (1895-1971), pazifistischer Quickborner, Anwalt der europäischen Idee und sehr erfolgreicher Reiseunternehmer

Soldat im ersten Weltkrieg – Visionär eines geeinten Europa

Student und Volkshochschul-Dozent

Von den Gruppenfahrten zum Reiseunternehmen

Neuanfang nach dem zweiten Weltkrieg

Textdokumentation: Festreden über Gruppenfahrten (1936/1937)

„Wer jetzig Zeiten leben will, muss haben ein tapferes Herze“

Junge Katholiken verweigerten die Anpassung, gerieten in die Hände der Gestapo und verloren in vielen Fällen ihr Leben als Soldaten in einem verbrecherischen Krieg

Verhaftungswelle im Herbst 1941

Die Folgen: Schulverweise, Arbeitsplatzverlust und früher Kriegstod

Die Namen: Katholische Jugend in Gestapo-Haft

Textdokumentation: „Der Bischof kann da auch nichts machen ...“

„Diesen Krieg haben verursacht die Partei, der Militarismus und ein großer Teil der Industriellen“

Der Volksgerichtshof verurteilte Pfarrer Peter Grebe (1896-1962) aus dem Kreis Olpe am 16.11.1944 wegen Wehrkraftzersetzung zum Tod ...

Ein Staatsfeind im Priesterrock mit Offiziersrang und drei Kriegsorden

Textdokumentation: KPD-Zeitung 1949 zum Verfahren gegen die Denunzianten von Peter Grebe

„Also lebt wohl, und in der Ewigkeit sehen wir uns wieder“

Der Bauer Josef Hufnagel (1903-1944) aus Dünschede wurde wegen „Hören von Feindsendern“ denunziert und nach kurzem Prozess hingerichtet

Von Werner Saure

Im Zuchthaus Brandenburg-Görden

Keine Sühne

„Wat wohr is, draff me ok sien“

„Alle Menschen stammen von Adam und Eva ab“

Katholische Sauerländer, Antisemiten und „Judenfreunde“

Von Peter Bürger

„Artvergessene Erbhofbauern“ am Pranger

Manche Sauerländer ließen sich durch die Propaganda nicht einschüchtern

Unangepasste Seelsorger und Gläubige: „Das Heil kommt von den Juden“

Sauerländische Juristen verteidigen die Geltung des Rechts

Die Geschichte des Neheimers Johann Ulrich (1899-1967)

Literatur (mit Kurztiteln)

„Da hat keiner gehungert und gefroren ...“

Der Esloher Fabrikant Eberhard Koenig (1908-1981) beschäftigte während des 2. Weltkrieges Zwangsarbeiter in seinem Rüstungsbetrieb und galt noch lange nach 1945 als ein „Freund der Russen“

Von Peter Bürger

Lagerkomplex, „Russenküche“, Krankensorge und Schule

Schnapsbrennerei und Musikkapelle in den Zwangsarbeiterbarracken

Der Fabrikant als „Arbeiterführer“ unter der Sowjetfahne

Unternehmer, unverheirateter Einzelgänger und Wohltäter

„In den Augen Gottes gibt es weder Engländer noch Deutsche noch Franzosen“

Franz Stock (1904-1948) – „Seelsorger in der Hölle“ und Botschafter des universellen Friedens unter den Völkern

Der Neheimer Arbeitersohn entscheidet sich für das Priestertum

Ein „Erzengel“ auf der Hinrichtungsstätte

Das „Stacheldrahtseminar“

Gedenken an Abbé Franz Stock

Günther Keine: Die friedenspolitische und kirchenpolitische Dimension des Wirkens von Franz Stock

„Ein Steppenwolf, der extrem gefährliche Unternehmungen machte“

Nach seiner Ausweisung aus Deutschland wurde der Olper Redakteur und Heimatdichter Carlo Travaglini bewaffneter Partisanenkämpfer in Italien

Von Peter Bürger

Heimatbewegtes Forschen und Schreiben im Kreis Olpe

Eine Wilddiebgeschichte im Roman „Die Heiderhofs“

Ein „judenfreundliches Werk“?

Hetzkampagne der NSDAP Olpe und Ausweisung

Dokumentenfälschung: Travaglini als „Mailänder Oscar Schindler“

Frühe Aktivitäten im gewaltsamen Widerstand und Todesurteil

Die Dokumentenfälschung fliegt auf – Anschluss an die Partisanen

Winter 1944: Rückkehr nach Mailand

Kriegsende: Ein Mann, der in keine Schublade passte

„Ein guter Mensch, der alle Menschen achtete“

Der Sauerländer Gabriel Stern (1913-1983) war schon vor der Gründung des Staates Israel ein Pionier der Verständigung zwischen Juden und Arabern

Ein Kind alteingesessener Sauerländer wird Zionist

Im Kreis friedensbewegter Zionisten – Mitarbeiter Martin Bubers

Journalist bei der linken Zeitung „Al Ha-Mischmar“

Textdokumentation: „Onkel Alex aus Beckum“

Exkurs: Judentum und Pazifismus

Eine Spurenlese gegen den Strich – zugleich ein Beitrag zum jüdisch-christlichen Dialog unter friedensbewegtem Vorzeichen

Von Peter Bürger

Dialog: Einander die Bedürftigkeit offenlegen

Pioniere der deutschen Friedensbewegung im 19. Jahrhundert

Pazifisten aus jüdischen Elternhäusern im Bannkreis des ersten Weltkrieges

Interkonfessionelle Zusammenarbeit gegen Ende der Weimarer Republik

Die Nazi-Sichtweise: „Pazifismus als Handlanger des Judentums“

Jüdische Friedens-Theologie und Pazifismus im Zionismus

„Brit Schalom“ und Martin Bubers „hebräischer Humanismus“

Hannah Arendt über nationalreligiöse Ideologisierung

Prälat Josef Kayser (1895-1993)

Deutsche Geschichte im Spiegel eines bewegten Lebens

Von Erika Richter

Der Lagerkaplan

Der Divisionspfarrer

Der Anstaltsgeistliche

Textdokumentation: „Der tote Pfarrer Kayser spricht: Moskau, den 20. November 1943“

Ergänzende Literatur- und Archivhinweise

„Hier waren noch sehr viele andere Mütter, die alle auf die kleinen Erdenbürger warteten“

Die letzten Wochen des zweiten Weltkriegs im Sauerland. Aufzeichnungen von Else Lindemann (1913-1958) aus Essen-Werden

Eingeleitet von Ilse Eberhardt, geb. Lindemann

Zum Hintergrund der Tagebuch-Aufzeichnungen

Auszüge aus dem Tagebuch meiner Mutter Else Lindemann, Januar bis Juni 1945

„Kein Deutscher darf jemals wieder ein Gewehr tragen“

Der katholische Publizist Georg D. Heidingsfelder (1899-1967) wurde wegen seiner Ablehnung der Wiederbewaffnung in der Adenauer-Republik zum brotlosen Nonkonformisten

„Waren Sie gegen die Nazis?“ – „Ein wenig, Herr Leutnant.“

„Bürger des Niemandslandes“

Erinnerung an Adenauers Votum für ein neutrales Deutschland ohne Kriegsindustrie

„Für den Frieden beten, aber man muss auch was tun“

Die Meschederin Irmgard Rode (1911-1989) war eine streitbare katholische Pazifistin – und eine „Legende der Menschlichkeit“

Karl Föster (1915-2010), pax christi-Pionier im Sauerland

Ansprache zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am 6. November 2006

Von Wolfgang Regeniter

„Versagt euch ihnen, sagt NEIN!“

Theo Köhren (1917-2004) aus Warstein gehörte bei der NS-Machtübernahme zu den friedensbewegten „Kreuzfahrern“ und nahm 1948 an der pax christi-Gründung in Kevelaer teil

Theo Köhren: Erinnerungen eines alten Sturmschärlers an NS- und Kriegszeit

Theo Köhren: Der Tag des Friedens (pax christi-Gründung 1948)

Plattduitske Priäke – Altenwarstein 2015:

„Sierwentig Jaohre naoh me twiären Wiältkruige“

Van Joachim Wrede ofm cap

Zu den Autorinnen und Autoren

Geleitwort

Von Reinhard J. Voß

Der vorliegende Band ist Teil eines Forschungs- und Publikationsprojektes „Friedenslandschaft Sauerland“. Die eigene Heimat als „Friedenslandschaft“ bezeichnen zu dürfen, tut ihr alle Ehre an. Diese Berggegend – zwischen Rhein und Weser, zwischen Ruhr und Rothaarkamm – war allzu lange als „Sauer-Land“, als ein Synonym für Rückständigkeit und Verschlafenheit sowie für das Abgehängtsein von der sich entwickelnden Moderne verschrien. Aber das hat sich grundlegend geändert, und zwar im Verlauf des 20. Jahrhunderts zunächst durch den wachsenden, ja explodierenden Tourismus, besonders aus den Niederlanden, dem Ruhrgebiet und Norddeutschland. Heute lebt das Sauerland im Sommer und im Winter zu großen Teilen vom Tourismus, der traditionelle Landwirtschaft und Kleinindustrie ergänzt oder auch ersetzt hat.

Nun zeigt uns seit Jahren Peter Bürger aus Düsseldorf, selbst geboren im sauerländischen Eslohe und Bearbeiter des Christine-Koch-Mundartarchivs am dortigen DampfLandLeute-Museum, wie in diesem Landstrich die Widerständigkeit gegen das „Dritte Reich“ entstand: neben dem inneren und religiösen auch der politische Widerstand – oftmals mit friedensbewegtem Hintergrund. Gerade den ersteren kennt man als Sauerländer durchaus – wie auch ich persönlich aus meiner alteingesessenen Familie in Lenne an der Lenne; aber man kannte kaum Kriegsdienstverweigerung oder Emigration aus politischen Gründen. Die letzte Emigrationswelle nach Amerika passierte zu Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgrund der großen ökonomischen Not.

Man kannte oder anerkannte bisher also kaum den dortigen politischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus; bei der überwiegend katholischen Bevölkerung dieser Gegend war man durchaus sehr skeptisch bis ablehnend gegenüber den Aktivitäten der Nazis an der Basis; es gab Distanz zur Hitlerjugend und zum BDM (Bund Deutscher Mädchen). Ich erinnere mich, dass meine Mutter es meiner Oma übel nahm, dass diese ihr das Mitmachen beim BDM verboten hatte. Die Vernichtung bzw. Gleichschaltung der heimischen (meist katholischen) Verbände hatte die Ablehnung erhöht; nur der Pakt der Nazis mit dem Vatikan schien die Loyalität notdürftig zu sichern. Walter Dirks erzählte mir einmal in seinen letzten Jahren bei Freiburg, dass er – selbst Dortmunder, aber Sauerlandliebhaber – in der Nazizeit bei aller Ablehnung des Regimes sich in den Kirchenbänken der katholischen Kirche wohl und geerdet gefühlt habe.

Dieser Einheit von innerer Emigration und politischem Widerstand geht Peter Bürger nach, indem er sukzessive mit seinen Veröffentlichungen zum Thema „Friedenslandschaft Sauerland“ ein voluminös-fleißiges Werk vorlegt und damit viele Schleier lüftet – 70 Jahre nach Kriegsende.

In einer Einführung stellt Peter Bürger schon den zuerst erschienenen Buchband „Friedenslandschaft Sauerland“1 in den politisch-ethischen Zusammenhang des Jahres 2015, indem er die neue hemmungslose Kriegstreiberei weltweit anprangert, aber dieser „allgegenwärtigen Militarisierung“ auch den jesuanischen Ansatz der „glücklichen Friedensstifter“ entgegen hält. Heimatverbundenheit und Friedens-Engagement gehören für ihn zusammen.

Dr. Reinhard J. Voß (geb. 1949) stammt aus einer Bauernfamilie in Lenne (Kreis Olpe) und war von 2001 bis 2008 Generalsekretär der deutschen Sektion der Internationalen katholischen Friedensbewegung pax christi.

1Bürger, Peter: Friedenslandschaft Sauerland. Antimilitarismus und Pazifismus in einer katholischen Region. Norderstedt: BoD 2016, S. 7-11.

I.

Vorbemerkungen zu diesem Buch

Glücklich die Friedensarbeiter, denn sie werden

Söhne und Töchter Gottes heißen.

(Matthäus-Evangelium 5,9)

Unser Gemeinwesen nimmt seinen Ausgang bei einem Fundamentalsatz, der wenigstens von Zeit zu Zeit eine Erschütterung in uns bewirken müsste: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Mit diesem Fundamentalsatz sind einige Selbstverständlichkeiten verbunden. Dazu gehört es z.B., Drahtzieher und Kollaborateure des deutschen Faschismus, Rassisten jeglicher Richtung oder Handlanger der verbrecherischen Kriegsapparatur im öffentlichen Raum nicht gedankenlos als „Vorbilder“ auszuweisen. Wo etwa im Rahmen der Straßennamendebatte mit Hilfe historischer Aufklärungsarbeit vergangene Fehler „wieder gutgemacht werden“, tun wir nur unsere minimale Pflicht und Schuldigkeit. Auch wenn es im Zuge der erschreckenden Rechtstendenzen in der Gesellschaft hierbei Gegenwind gibt – bis hin zu hasserfüllten Reaktionen, brauchen Demokraten nicht viel Aufhebens darum zu machen. Wehleidigkeit ist dieser Tage nicht angesagt. Gefragt sind Selbstbewusstsein und Streitbarkeit überall da, wo das Fundament der Würde jedes einzelnen Menschen keine Geltung mehr haben soll. Denn die Demokratie ist keine Naturtatsache und auch nicht nur ein rein formales Politikprinzip. Sie muss in jeder Generation erstritten, gestaltet und gewissermaßen sogar neu erfunden werden. Die Revision unhaltbarer Geschichtsbilder (Straßennamendebatte u.v.a.) und die Abwehr jeder Form von Menschenverachtung gehören aber eben für Demokraten in den Bereich des Selbstverständlichen – oder sollten es zumindest.

Der Fundamentalsatz unserer Verfassung erschöpft sich mitnichten darin, eine Schutzmauer wider den Abgrund aufzurichten. Sein Verständnis setzt vielmehr die Freude am eigenen und gemeinsamen Menschsein voraus. Diese Freude also gilt es zu mehren. Führt unsere Bedürftigkeit zwangsläufig dazu, dass wir bestechlich werden? Oder eröffnet sich in ihr eine Ahnung davon, wie schön der Mensch sein könnte? Wir fangen nicht beim Nullpunkt an. Viele Liebhaber der Menschen und des Menschseins – Frauen und Männer – sind uns als Lehrer, Vor-Bilder oder Bei-Spiele vorausgegangen. Wer die Tuchfühlung mit ihnen sucht, kommt nicht zu spät. Zu spät kommt, wer nur verteidigt oder abwehrt. Zur richtigen Zeit macht sich auf den Weg, wer das „Herz der Menschlichkeit“ sucht und aufsucht. Eine solche Suche führt stets zu Menschen, auch zu Menschen, die schon lange nicht mehr auf der Erde weilen. Die Sache ist ungleich bedeutsamer als etwa die Entzauberung faschistoider Idole, wie sie unter anderem eben auch in der Straßennamendebatte geschieht (und geschehen muss): „Mensch wird man durch andere Menschen.“

Es geht also um Nähe. Auch die räumliche Nähe kann hierbei eine Hilfe sein. Junge Leute sind offen, wenn wir von nahen Menschengeschichten und von überzeugenden Vorbildern aus der Geschichte des heimatlichen Raums erzählen. Es zeigt sich ein neues Bedürfnis nach sogenannter „regionaler Identität“. Das kann leicht zu einer Zunahme des Aggressiven und Hässlichen führen. Wenn keiner da ist, der „aus der Nähe“ etwas zu erzählen weiß, das zu mehr Weite und Schönheit inspiriert, wird es sogar zwangsläufig zur Wiederkehr eines hässlichen ‚Regionalismus‘ mit Phrasen aus der Stammesideologie kommen. Für alle humanistischen ‚Heimatpatrioten‘, die das bekümmert, soll das Projekt „Friedenslandschaft Sauerland“ Materialien und Anregungen bereitstellen. Ich würde gerne von „Dienstleistungen“ sprechen, wenn das Wort in den letzten Jahrzehnten nicht so missbraucht worden wäre.

Die Internetveröffentlichungen unter der Leitüberschrift „Friedenslandschaft Sauerland“ (www.sauerlandmundart.de) werden gegenwärtig überarbeitet und als Buchreihe ediert.2 Der Werkstattcharakter des Unternehmens bleibt hierbei erhalten. Die Leser finden in den Büchern den kurzen ‚Essay‘3 und auch den wissenschaftlichen Aufsatz, die Dokumentation von Quellen oder älteren Arbeiten, Einblicke in neue Forschungen und ebenso den ‚Exkurs‘. Die Neugierigen können sich einen Überblick verschaffen oder entlang des Inhaltsverzeichnisses bewusst auswählen. Die Forschenden sollen die Fußnoten nicht vermissen, die solide Belege und Weiterführendes erschließen. Der hier vorliegende Band ist der erste von zwei bislang geplanten Teilen einer Sammlung zu „Friedensarbeitern, Antifaschisten und Märtyrern des kurkölnischen Sauerlandes“. Das besondere – aber nicht ausschließliche – Augenmerk gilt darin den Friedensboten. Allen, die etwas beigesteuert oder eine Abdruckerlaubnis erteilt haben, sei herzlichst gedankt.

Als Herausgeber und Autor mit einer sehr „katholisch“ geprägten Sauerland-Identität bearbeite ich zwangsläufig nur einen begrenzten Ausschnitt jenes Spektrums, das zum Verständnis des ersten Artikels unserer Verfassung etwas beizutragen vermag. Als Christ bin ich dem Judentum und auch dem Islam geschwisterlich verbunden. Als katholischer Sozialist pflege ich treue Anhänglichkeit an Gefährten meiner ‚christdemokratischen Jugendjahre‘ und bin offen für das Gespräch mit jedem Konservativen, der diesen Namen verdient. Mit allen Sachwaltern einer glaubwürdigen Sozialdemokratie, die sich von der Kapitalismuskritik des gegenwärtigen Papstes berühren lassen, fühle ich mich unabhängig von jeglichem religiösen Bekenntnis verbunden. Schließlich könnte ich nicht sagen, wie eine offene Gesellschaft ohne das Ideal des Liberalismus zu denken wäre – vorausgesetzt, dieses Ideal ist nicht schon mit dem Programm eines aggressiven Wirtschaftens vertauscht worden. Schwer fällt es mir allerdings, Brücken zu bauen zu jenen Mitmenschen, die noch immer der militärischen Heilslehre und dem Märchen von menschenfreundlichen Kriegseinsätzen Glauben schenken.

Diese persönlichen Bekenntnisse mögen manchen Leserinnen und Lesern den Eros einer lagerübergreifenden Freundschaft von Demokraten in Erinnerung rufen. Ohne diesen Eros wäre es schlecht bestellt um unser Gemeinwesen. Dass der hier vorgelegte Band mit Beiträgen über historische Gestalten und Geschichten aus – vermeintlich – vergangenen Zeiten keineswegs dem Geschäft der Staubwedelei nachgeht, braucht jetzt nicht mehr wortreich erläutert werden.

Düsseldorf, im November 2016 Peter Bürger

2 Bislang liegen vor: Bürger, Peter: Friedenslandschaft Sauerland. Antimilitarismus und Pazifismus in einer katholischen Region. Norderstedt: BoD 2016; Bürger, Peter (Hg.): Irmgard Rode (1911-1989). Dokumentation über eine Linkskatholikin und Pazifistin des Sauerlandes. Norderstedt: BoD 2016; Bürger, Peter / Hahnwald, Jens / Heidingsfelder, Georg D.: Sühnekreuz Meschede. Die Massenmorde an sowjetischen und polnischen Zwangsarbeitern im Sauerland während der Endphase des 2. Weltkrieges und die Geschichte eines schwierigen Gedenkens. Norderstedt: BoD 2016.

3 Nicht wenige Beiträge aus meiner eigenen Werkstatt basieren auf einer Reihe mit ‚Porträts‘ für das Landwirtschaftliche Wochenblatt Westfalen-Lippe und zielen auch in sprachlicher Hinsicht nicht auf ein wissenschaftliches Fachpublikum. – Beiträge, in denen ich im Wesentlichen nur die Arbeit eines einzigen Forschenden referiere bzw. zusammenfasse, sind im Inhaltsverzeichnis nicht mit Verfassernamen gekennzeichnet.

II.

Rektor Ferdinand Wagener (1871-1931)

als Seelsorger im

Kriegsgefangenenlager

Meschede 1914-1919

Von Werner Neuhaus

[Zur Erläuterung: Das Kriegsgefangenenlager Meschede wurde im Herbst und Winter 1915/15 unter Federführung des Stellvertretenden Generalkommandos des XVIII. Armeekorps in Frankfurt a. M. auf freiem Felde nördlich von Meschede errichtet. Dort wurden im Verlauf des Ersten Weltkrieges zunächst hauptsächlich bis zu 11.000 französische Kriegsgefangene, im Winter 1916/17 ca. 8.000 belgische Zwangsarbeiter und 1917/18 in erster Linie italienische Kriegsgefangene untergebracht. Hinzu kamen bei ständig wechselnden Belegschaftszahlen britische und russisch-polnische Kriegsgefangene. Gemeinsam war allen Nationalitäten, dass die in Meschede registrierten Gefangenen auf hunderte von Arbeitskommandos in der gesamten Region verteilt wurden, wo sie in Industriebetrieben und in der Landwirtschaft arbeiteten, untergebracht und versorgt wurden. Von 1915 bis 1919 wurden auf dem Mescheder Lagerfriedhof insgesamt 935 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter beerdigt.]

Rektor Ferdinand Wagner (1871-1931), Mescheder Lagergeistlicher im 1. Weltkrieg

Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.

Dieses berühmte Diktum von Karl Marx trifft auch auf das Leben und Wirken Ferdinand Wageners (1871-1931), des Rektors der Höheren Stadtschule von Meschede und katholischen Seelsorgers im Kriegsgefangenenlager Meschede, zu.

Zu den „überkommenen und vorgegebenen Bedingungen“ seines Lebens gehörte zunächst unhinterfragt der Katholizismus, der durch den Bildungsgang des auf einem Bauernhof bei Röhrenspring geborenen Jungen am Gymnasium in Attendorn und dem Priesterseminar in Paderborn ein unerschütterliches Fundament bekam. Hinzu kam dann bei dem Priester und Lehrer nach dem Ende des preußischen Kulturkampfes eine nationalpatriotische Überzeugung, die besonders in den Jahren des Ersten Weltkrieges hervortrat. Dieser Nationalismus ermöglichte es dem katholischen Priester, sich als Lagerseelsorger – bei aller punktuellen Kritik – mit der auf preußischem Kriegsrecht und militärischer Kommandogewalt beruhenden Mescheder Lagerleitung und ihren vorgesetzten militärischen Behörden zu arrangieren. Dabei half ihm, dass er sogenannte preußische Tugenden wie Gehorsam, Ordnungsliebe und Pflichterfüllung als hohe Werte gleichsam internalisiert hatte und als unerlässlich für das Gedeihen von Staat, Kirche und Gesellschaft ansah.

Wie aus seinen „Notizen“ – einer Art Tagebuch, das er über die gesamte Kriegszeit hinweg trotz hoher Arbeitsbelastung gewissenhaft führte – hervorgeht, akzeptierte Wagener die militärische Kommandogewalt mit all ihren teilweise unmenschlichen Härten, die sie für seine Schutzbefohlenen im Lager und auf den auswärtigen Arbeitskommandos bedeutete. Andererseits zögerte er nicht, sich bei der Lagerkommandantur in Meschede, der Lagerinspektion beim Stellvertretenden Generalkommando in Frankfurt a. M. oder beim Bischof in Paderborn zu beschweren, wenn er seine Rechte als Seelsorger unangemessen beschnitten sah. In solchen Fällen konnte er ein sauerländer Dickschädel sein, der keinem Konflikt aus dem Wege ging, wenn es um das Seelenheil der ihm anvertrauten katholischen Kriegsgefangenen ging.

Andererseits, und das brachte ihn häufig in Gewissensnöte, war er aufgrund seiner nationalistischen Überzeugung von der Gerechtigkeit der deutschen Sache im Weltkrieg überzeugt. In seinen Augen hatten die „Herren Alliierten“ den Krieg vom Zaun gebrochen, gegen geltendes Völkerrecht die Hungerblockade auf hoher See installiert, waren in Elsaß-Lothringen und Ostpreußen brutal gegen die deutsche Zivilbevölkerung vorgegangen und hatten deutsche und päpstliche Friedensinitiativen zum Misserfolg verdammt. Daher waren die Verwendung von Giftgas an der Westfront durch deutsche Truppen, die Zerstörungen, Erschießungen und Zwangsdeportationen in Belgien, der uneingeschränkte U-Bootkrieg und das Beharren auf einem „siegreichen Frieden“ für ihn nur deutsche Antworten auf vorher erfolgte Missetaten und Völkerrechtsbrüche der Feinde Deutschlands. In Predigten im Lager und Gesprächen mit ausländischen Priestern und Gefangenen verteidigte er Aspekte der deutschen Besatzungspolitik und die Härten der Zwangsarbeit bis zum Kriegsende ohne Wenn und Aber.

Auf einer anderen Ebene liegen seine persönlichen Gefühle, so weit er diese seinem Tagebuch anvertraute. Hier finden sich im Laufe des Krieges immer öfter Eintragungen, die das Blutvergießen und Massenelend anprangerten und aus denen tiefes Mitleid mit der geschundenen menschlichen Kreatur und den unter Hunger, Kälte, Krankheiten und Knochenarbeit leidenden Gefangenen und Zwangsarbeitern sprach. Da steckte er auch mal einem hungrigen jungen Belgier, obwohl dieser ihm gegenüber auf dem Sakrileg der Verweigerung des Sakramentenempfangs bestand, ein Butterbrot zu, und er sorgte „auf dem kleinen Dienstweg“ dafür, dass Kranke im Lazarett besseres Essen bekamen. Auch setzte er sich auf zahlreichen Inspektionsreisen zu auf über die gesamte Region verstreuten Arbeitskommandos schuftenden Zwangsarbeitern für eine Besserung von deren Lebens- und Arbeitsbedingungen ein.

Dabei ist zu bedenken, dass Wagener nur im Nebenberuf Lagerseelsorger war, denn hauptamtlich war er seit 1912 Leiter der höheren Stadtschule in Meschede, und der Krieg bescherte ihm gerade in dieser Funktion riesige Probleme, da immer mehr Lehrer „zu den Fahnen gerufen“ wurden und der Schulleiter sich z.B. selbst um die Zuteilung von Kohlen zur Heizung der Schule kümmern musste, um den Unterrichtsausfall nicht noch stärker anwachsen zu lassen. Als Hauptkritikpunkt an seiner Arbeit als Schulleiter wirkte sich jedoch seine Beanspruchung als Lagerseelsorger mit zahllosen Gesprächen mit der Lagerkommandantur, Beichten, Gottesdiensten, Predigten und Beerdigungen aus. Diese physische und psychische Doppelbelastung als Lagerseelsorger und Schulleiter führte dann im Winter 1916/17 zu einem ersten körperlichen Zusammenbruch, von dem er sich nur langsam erholte.

Seinen Kritikern in Elternschaft und Stadtrat hielt er entgegen, dass sein Beharren auf schulischer Leistung auch der Kinder „besserer Kreise“ für die Kritik der Mescheder „Patrizier“ an seiner Arbeit verantwortlich sei. Überhaupt geißelte er in seinen Notizen besonders in der zweiten Kriegshälfte die zunehmende Herausbildung einer Zweiklassengesellschaft sowie Habgier und Protzerei der Kriegsgewinnler und Schieber in Meschede.

Ähnliche Motive unterstellte er auch den meisten Mitgliedern des Soldatenrates, der am 11. November 1918 formal die Macht im Lager sowie in der Stadt und im Kreis Meschede übernahm, auch wenn Lagerkommandantur sowie Stadt- und Kreisverwaltung bestehen blieben und weiter arbeiteten. Im Soldatenrat waren in seinen Augen ‚Frankfurter Sozialisten‘ und ‚jüdische Zuhälter‘ tätig, die ihre „roten Lappen“ aufzogen, Chaos verbreiteten, Inkompetenz und Korruption zu ungeahnter Blüte brachten und Stadt und Land in den Abgrund zu reißen drohten.

Um dieses zu verhindern, ließ sich Rektor Wagener im Winter 1918/19 für das Zentrum als Kandidat für die Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung aufstellen und agitierte besonders gegen die sozialistische „antichristliche“ preußische Schulpolitik während der Revolutionszeit.

Seine Arbeit als Lagerseelsorger endete im Februar 1919, und bei den Kommunalwahlen im März 1919 wurde er in den Mescheder Stadtrat gewählt. Er hatte seine Arbeit als Lagerseelsorger nicht aus „selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen Umständen“ getan, und unter den neuen „gegebenen Umständen“ wandelte er sich vom monarchistischen Nationalisten zum Vernunftrepublikaner. Sein Beharren auf den überlieferten Traditionen des katholischen Glaubens blieb dagegen auch in Weltkrieg und Revolution eine unverrückbare Konstante im Leben und Wirken Ferdinand Wageners.

Die hier gemachten Ausführungen beruhen auf meinem Aufsatz „Die ‚Notizen‘ des Gefangenenseelsorgers Ferdinand Wagener als kulturgeschichtliche Quelle für die Geschichte des Gefangenenlagers und der Stadt Meschede 1914-1919“, der im SüdWestfalenArchiv 16 (2016 [2017]) veröffentlicht wird. Dort finden sich auch die Belege für das oben Gesagte.

„Grausige, aber lehrreiche Zahlen“

Nach dem 1. Weltkrieg erschien in einer sauerländischen Zeitung folgender Text („Grausige, aber lehrreiche Zahlen“), der in einem alten Exemplar des „Fotobandes“ zum Mescheder Kriegsgefangenenlager aus dem Archiv von Hans-Peter Grumpe4eingeklebt ist:

Westfälische Friedensmahnung aus dem Jahr 1909

„Es gibt viele Leute in Deutschland, die zwar die furchtbaren Rüstungsausgaben beklagen, aber darin gleichsam eine Versicherungsprämie gegen den Krieg sehen. Liegt die Gefahr nicht allzu nahe, dass, wenn man Milliarden jährlich für ein gutes Werkzeug ausgibt, man auch dazu neigt, im gegebenen Falle davon Gebrauch zu machen? Niemals ist in Europa und außerhalb von Europa mehr gerüstet worden wie im letzten Jahrzehnt. Und das Resultat? Eine ständige Spannung.“

WALTHER SCHÜCKING (1875–1935), Völkerrechtler und Politiker aus Westfalen, 1909 in seiner Schrift „Die Organisation der Welt“5

5 Zitiert nach Strodrees, Gisbert: Ein Vordenker des Friedens. Aus Westfalen auf das internationale Parkett: Das Leben des Völkerrechtlers und Politikers Walther Schücking (1875–1935). In: Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben Nr. 52-53 / 2015, S. 122.

III.

Der Borberg – Berg des Friedens

Ein sauerländisches ‚Heiligtum für den Frieden‘

Die Kapelle auf dem Borberg sollte sein „ein Dank für die Beendigung des Krieges“ 1914-1918 und „eine steinerne Bitte um Frieden“6. Ursprünglicher Ideengeber für den Bau einer Friedenskapelle zwischen Brilon und Olsberg ist mit großer Wahrscheinlichkeit – trotz einiger anderslautenden Chroniknotizen – Josef Rüther (1881-1972) gewesen, der jedenfalls zu den „entschiedensten Verfechtern“ dieses Plans gehörte: „Im Dezember 1923 hatte der Vorstand des Sauerländer Heimatbundes (SHB), zu dem auch Rüther gehörte, in Wennemen einen entsprechenden Entschluß gefaßt, der im Herbst [24. Oktober] 1924 zur Grundsteinlegung führte. Als Standort war eine Terrasse des Borbergs ausgesucht worden, auf der früher zunächst eine fränkische Burg und schließlich ein Kloster gestanden hatten. Das Ereignis wurde als ‚Volksfest edelster Art, ohne Alkohol‘ gefeiert. Die Urkunde, die dreifach miteingemauert wurde (in lateinischer, hochdeutscher und plattdeutscher Sprache), enthielt unter anderem folgenden Satz: >Die Kapelle, die der ;Königin des Friedens‘ geweiht werde, soll sein ein Haus des Friedens mitten im Frieden des Waldes, ein Zeichen des Widerspruchs gegen den Unfrieden der Zeit, gegen den Völker-, Partei- und Standeshaß.< Bei der Namensgebung für die Kapelle knüpfte der SHB an die Friedensbemühungen des Papstes 1917 an, als die ‚Königin des Friedens‘ als weitere Anruferin in die Lauretanische Litanei aufgenommen worden war.“7 Die festliche Einweihung erfolgte unter Teilnahme von etwa dreitausend Bewohnern der Umgebung am Christi-Himmelfahrts-Tag (21. Mai) 1925.

Die Borberg-Kapelle wurde in der Folgezeit ein – weit über die Grenzen des Sauerlandes hinaus bedeutsamer – Begegnungsort für die katholische Friedensbewegung in der Weimarer Republik. Fast 1.000 Menschen nahmen z.B. im September 1926 – kurz nach dem Beitritt Deutschlands zum Völkerbund – teil an einer Friedenskundgebung auf dem Borberg mit Prinz Max von Sachsen, dem Ehrenvorsitzenden des Friedensbundes deutscher Katholiken. Ein Höhepunkt der westfälischen FdK-Arbeit wurde der legendäre Borberg-Friedensgipfel mit französischen Gästen und wiederum etwa 1.500 Besuchern – sowie Pflanzung einer Friedenseiche – am Sonntag, den 13. September 19318. Die Nationalsozialisten, die den Borberg übrigens in ihrem Sinne zur „altgermanischen Thingstätte“ umdeuteten, versuchten den Ablauf dieser Veranstaltung zu torpedieren.

Die in dieser dokumentarischen Abteilung versammelten Beiträge erschließen unterschiedliche Zugänge zur Geschichte des sauerländischen „Friedensheiligtums“ auf dem Borberg, die von Anfang an auch ein Ringen um Deutung und Bedeutung gewesen ist. Genau besehen zieht sich dieses Ringen bis in die jüngste Vergangenheit hinein. Auf einmal taucht für den „Berg des Friedens“ der neue Name „Europa-Berg“9 auf. Damit wird der katholische – universale – Friedensgedanke eingeengt auf einen wirtschaftlichen starken und hochgerüsteten Machtblock des Erdkreises, der im Inneren ein erhebliches soziales Gefälle bis hin zu existenzbedrohender Armut aufweist und an dessen militärisch abgeschotteten Grenzen die Armen eines anderen Kontinentes zu Tausenden im Meer ertrinken. Die internationale katholische Friedensbewegung pax christi steht in einer weltkirchlichen Tradition, der schon die maßgeblichen Initiatoren des Kapellenbaus auf dem Borberg verbunden gewesen sind. Auf dem Berg erinnert seit 1965 ein besonderes Friedenskreuz an das vom ‚Friedenspapst‘ Johannes XXIII. einberufene Konzil: Frieden auf Erden! Dem Eurozentrismus, dessen Ende in der römischkatholischen Weltkirche mit dem Pontifikat von Franziskus eingeläutet worden ist, wird man aus dieser – auf das Ganze der Menschenfamilie schauenden – Tradition heraus heute den überlieferten Namen „Borberg – Friedensberg“ entgegenhalten. Lokale Zeichen wider eine globale „Kultur der Gleichgültigkeit“ tun Not.

Ist aber in diesem Zusammenhang auch die Weihe der Borbergkapelle an die ‚Königin des Friedens‘ noch zeitgemäß? Im April 2016 durfte ich als ein Vertreter der deutschen pax christi-Sektion am Kongress „Gewaltfreiheit, Gerechtigkeit und Frieden“ der Internationalen katholischen Friedensbewegung und der päpstlichen Kommission ;Justitia et Pax‘ in Rom teilnehmen. Der philippinische Bischof Antonio Ledesma SJ (Erzdiözese Cagayan de Oro) hat mir dort erzählt, in seinem Land würden Katholiken und – unter Bezugnahme auf den Koran – Muslime gemeinsam Maria als Botschafterin oder Prophetin des Friedens betrachten. Die Weihewidmung der Friedenskapelle des Sauerlandes aus dem Jahr 1925 ist also alles andere als ‚provinziell‘.

Für weitere Erkundungen kann auch die Bibliographie hilfreich sein, die diese Abteilung beschließt. Nicht berücksichtigt habe ich im Folgenden umfangreichere hoch- und plattdeutsche Manuskripte zum Borberg aus dem Nachlaß des Olsberger Heimatdichters Aloys Sallinger10 (1919-1967). In ihnen dominiert ein lokalpatriotischer, bisweilen sehr bigotter Zugang. Die gut dokumentierten überregionalen Bezüge der Geschichte der Borbergkapelle sowie der Friedensgedanke spielen dagegen in den nach zwei Weltkriegen verfassten Texten so gut wie keine Rolle.

P.B.

1.

Spendenaufruf:

Die Friedenskapelle auf dem Borberge (1924)11

Es ist heute eigentlich keine Zeit mehr, Feld- und Waldkapellen neu zu bauen. Man hat soviel Geld nötig für die allsonntäglichen Ausflüge und Feste, für hundert gesellige Vereine und Vereinchen, für seinen abendlichen Schoppen, für eine neue Schützenhalle usw., und so kann man die alten Kapellen und Feldkreuze nicht einmal vor dem Verfalle schützen. Trotzdem wollen die Ortsgruppen des S.H.B. [Sauerländer Heimatbundes] in der Nachbarschaft des Borberges im Vereine mit den kirchlichen Vereinen eine Waldkapelle auf dem Borberge bauen, zu der schon zahlreiche Scherflein gegeben sind.

Eine Friedenskapelle soll es sein; denn sie soll der Friedenskönigin geweiht sein, soll ein Mittelpunkt für die Vereine der umliegenden Ortschaften sein und so die Gemeinschaft fördern; sie soll eine dauernde Bitte um Frieden in Vaterland, Heimat, Häusern und Herzen sein, aber auch ein Protest gegen die friedlose Gegenwart, in welcher Völkerhaß, Parteihaß, Ständehaß und alle anderen Söhne des Zeitgeistes Materialismus auch unser Volk verwüsten; sie soll auch eine Erinnerung sein an die lieben Heimatgenossen, die im Kampfe um den Frieden der Heimat ihr Leben ließen; sie soll endlich inmitten des heimischen Waldfriedens ein steinerner Dank sein für die Schönheit, die Gott unserer Heimat so reichlich verlieh.

Auf dem Borberg, zwischen Brilon, Olsberg und Elleringhausen, auf einer Klippe ins Land schauend und unschwer erreichbar für alle die umliegenden Ortschaften soll sie ihren Platz finden. An historischer Stätte, an der noch zerfallene Wälle von der einstigen Karolingischen Burg und Mauerreste von einem Kirchlein und einem wahrscheinlich dort einst befindlichen Nonnenklösterchen sprechen, und um die sich die Sage gerankt hat. Auf heiliger Stätte, von der einst das Christentum zuerst in die Umgegend gekommen zu sein scheint. Und so soll das Kapellchen Fäden mit der Vergangenheit wieder anknüpfen und die Erinnerung an sie wachhalten, aber auch das Gedenken an die friedlose und friedebedürftige Zeit, in der es erbaut wurde, forttragen zu den Nachkommen und ihnen sagen, daß auch in unserer Zeit des Materialismus, der Habsucht und Vergnügungssucht der Glaube und das Verlangen nach seinem Frieden noch nicht erstorben war.

Wer zu diesem Denkmal des Friedens, dem Kapellchen der Friedenskönigin, eine Gabe spenden will, richte sie an die Kreissparkasse in Bigge auf das Konto „Baufond für die Borbergkapelle“ (Postscheckk. Köln 115 576).

2.

Niu is use Kapelle inwigget (1925)12

[Von Franz Hoffmeister]

„Kingers, Wilm, gistern hef ik ne Dag hat, diän vergiät’ ik meyn Liäwen nit. Feyf Schützenfeste loot ik derfüär imme Dampe. Wilm, do hiäste fehlt!“

„No, bät sall der dann wiäst seyn? Prohl, bät diu west; wat Schönderes ase ik hiäste sieker nit metmacht. Jiä, ik sin met dem Heimatbund oppem Borberge wiäst.“ „Diu auk oppem Borberge? Dät is jo grad meyn Gekuiere. Awwer me hiät dik jo gar nit te Gesichte kriegen!“

„Is dät en Wunder? Do was jo en Gekriemeltse ase imme Kramänzeltenhaupen. Un sau graut biste nit, dät me dik unger draidiusend Luien foorts riuter fingen könn.“

„Jo, awwer de Hälfte is doch äist no Middag kummen, bo vey dem Aulwersken Frauenbund seyn Fierdagsiäten all praiwet harren. Kingers ey Luie, harren dai en Iärftensöppken roort! Un en Stücke Mettwuarst! Wilm – briukest et meyner Frugge nit te seggen – biäter hiät et mey de äisten Dage no der Hochteyt auk nit schmacht.“

„Äist harr ik gar kännen Tüg doropper. Awwer ik genk no Fritz – hai was no’m Borberge – ik genk no Hendirk – do stonk auk Schmies Kätteken vüär der Düär. Et ganße Duarp was lieg, ments en paar Moihmekes humpeleren no der Kiärke – un ik saggte: No, etwas weste auk hewwen van dem schoinen Hiemelfohrtswiär, do hew ik mik sau imme Middage op de Stöcker macht.“

„Näi, Wilm, dann hiäste ’t Schoinste verpasset. Diu wäißt, ik goh all mol geren in de Froihmisse, weylank mey’t Haugamt te lange duurt, awwer düse Haumisse do uawen – ik segge dey, seyt meynem Witten Sundag heww ik sau nit mehr biäen konnt. Un sungen hef vey unger diän Baiken – jo, se is mey richtig daip un laif in’t Hiärte kummen, use laiwe Mutter Guodes vam gurren Friäen oppem Borberge. Bo di Vikarges, dai’t Kummando harr, no’m Tedeum – Kingers, dät hiät schällert! – saggte, vey söllen niu nette in Prossejaune häime gohn, do heww ik mik naumol sachte int Kapelleken druggt un der laiwen Mutter Guoades „Gurre Nacht“ saggt. Jiä, Wilm, un – suih, ik laupe mey kain Bliekees inter Kiärken – awwer et was mey, ase wann sai saggt härr: ‚Wann diu mol wat hiäst, dann kumm ments hey ropper; ik well ug dät nit vergiäten, dät ey mey met sauviel Schwäit un Mögge düt Kiärksken bugget het.‘“

„Jiä, de Mutter Guades mott wual selwer hulpen hewwen, süß kann ik et nit klain kreygen, biu dät Kapelleken sau fix is ferreg woren. Dät is jo nau nit viel üwwer’n Johr hiär, dät Dr. Körling13 tem äistenmol van düm Plane redet hiät.“

„Sieker, awwer bät manneger äine auk dofüär dohn hiät – de Giersker het nau gar kaine Tiufeln plantet vüär liuter Mutterguadesaarbet.“

„Niu, dai sall use Hiärguatt all wier derbey wassen loten. Awwer in Aulwer un Breylen sall auk manneger wuiste aarbet un offert hewwen.“

„Do is käin Tweywel aane. Van niks kann niks kummen. Awwer auk füär dät Wiggefäst was feyne vüäraarwet. Dät sind sieker auk kaine Packetällen wiäst.“

„Wündert heww ik mik üwer diän allen Breylsken Dechanten. Diäm miärkere me seyne feyfunsiewenzig Johre auk nit aan, bo hai beym Inwiggen de Lettnige van allen Heiligen sank. Un bey de Haumisse, do het ’me de Augen löchtet; hai was düär un düär Füer un Flamme füär de Mutter Guades. Un seyne Priäke, dät was sau richtig wat füär us.“

„Dann dött et mey duwwelt läid, dät ik äist sau late kummen sin. Awwer no der Maiandacht, bo dai Breylske Cäzilienchor un dai Jungfern van Aulwer sau nette inne süngen, was doch auk nau ne schoine Priäke. Sau klor was mey dät nau niemols wiäst met diäm jo un näi.“

„Jo, Wilm, bät was do nit schoine? Bät konnen dai Jungens iut dem Josefsheim blosen! Un dai Breylsken het auk in der Haumisse all sungen – achtstemmeg, segget se, awwer –.“

„Un et Nummedages dät Kapellenlaid, dät peß jo, ase wann’t extro füär diän Daag macht wör. Ment schade – bey diäm Mysterienspiel was ik te weyt af van der Bühne, do was et te unrüggelk.“

„Ik heww et awwer neype saihn. Wäißte, ik hewwe dai ganßen Borbergsgeschichten luasen, awwer dät Spiel is schönder ase dät alles. Un spielen konnen se, ne rainen Stoot!“

„Hiäste dann auk mol kucket, bät de Luie alle vergnaiglek un stillekes gnäiseren, bo de Miäkens van Aulwer de Reigen mächten? Me spuarte, do was en ganz ander Plasäier bey ase bey usem eins, zwei, drei imme Schüttentelte.“

„Wilm, me könn dervan prohlen, bit emme de Tunge droige weert. Ik segge blauts nau äinte: Wann dai Luie vam Heimatbund ment sau vernünfteg sind un haalt us gint Johr imme Mai wier dorop – ik kaffäiere derfüär: use Düärper sind wier daut un lieg, un bey der Mutter Guades oppem Borberge statt se wier tau diusenden – wann’t ok wier kain Bäier git.“

3.

Die Kapelle auf dem Borberge (1925)14

Der Gedanke, auf dem Borberge, einem der landschaftlich schönsten und geschichtlich ehrwürdigsten Punkte am Knie der Ruhr eine Kapelle zu Ehren der „Königin des Friedens“ zu erbauen, tauchte gelegentlich einer Zusammenkunft des weiteren Vorstandes des S.H.B. in den Weihnachtsferien 1923 auf. Die von dem Gedanken erfüllten Personen interessierten im Laufe der folgenden Monate die Ortsgruppen des S.H.B. in der Umgegend, und von diesen Gruppen wurde für den Gedanken in anderen Vereinen und in der Bevölkerung weitergeworben. Es zeigte sich ein weit verbreitetes Interesse für den schönen Gedanken, das sich in Anerbieten von Gratisarbeiten und Lieferungen, sowie in den Erträgen verschiedener Sammlungen in den Ortschaften und bei Vereinsveranstaltungen zeigte. Der Herr Baumeister Matern schenkte dem Plane ebenfalls ein besonderes Interesse und entwarf einen der Landschaft und heimischen Art angemessenen künstlerischen Plan. So konnte man mit dem Bewußtsein, im Sinne der großen Mehrheit der heimischen Bevölkerung zu handeln – – denn, daß es auch hier Leute gab, die nur dann warm werden, wenn die dicke Trommel zu irgend etwas geschlagen wird, zeigte mehrfache unfreundliche Kritik des doch unzweifelhaft schönen Gedankens, war aber auch von vornherein zu erwarten in einer Zeit, in der weite Kreise nur an die Vermehrung der Groschen denken und nur dann etwas übrig haben, wenn es sich um Vergnügen handelt – – so konnte man im Herbst des vergangenen Jahres den Grundstein legen. Das war ein Volksfest edelster Art, ohne Alkohol, aber voll schönster Freude. Den Hauptanteil daran hatten die Vereine von Olsberg, im besonderen der kath. Frauenbund. Die ernste plattdeutsche Ansprache des Vorsitzenden des S.H.B. und die eingelegten Urkunden betonten als den Zweck der Kapelle, daß sie sein sollte eine Stätte der Erinnerung, eine Stätte des Friedens inmitten des heimischen Waldfriedens, eine Stätte des Zusammenschlusses für die Umgebung, wo die Vereine edler Freude und Erhebung sich finden sollen, ein Protest gegen den Unfrieden unserer Zeit und eine steinerne Bitte an Unsere liebe Frau vom Frieden um Erhaltung des Friedens in den Herzen, den Familien der Heimat, dem Volke und unter den Völkern. Schon nach wenigen Wochen erhob sich das fertige Kapellchen und glänzt nun, vom blinkenden Turmhahn gekrönt, weit ins Land. Seine trotz der durch die Lage des Ortes bedingten baulichen Schwierigkeiten so schnelle Fertigstellung ist vor allem der mit großer Mühe und nur um Gotteslohn unternommenen Bauführung des Herrn Stadtbaumeisters Hüttenbrink, Brilon, und der Umsicht des Bauführers Herrn Scheffer, Olsberg, zu danken. Besonders hervorgehoben zu werden verdient auch noch, daß die Herren Schieferdeckermeister Schulte und Tilli in Brilon die Dacharbeiten umsonst geleistet haben. Neben anderen Unterstützungen muß noch mehrerer Briloner Landwirte gedacht werden, die einmal oder mehrmals trotz der Erntezeit Gratisfuhren zum Berge unternahmen, sowie der Schieferbau-Akt.Ges., Nuttlar, deren Direktor Herr Dr. Kohle uns den Dachschiefer zu sehr ermäßigtem Preise lieferte.

Der Opfergeist der Borberggemeinde bewährte sich auch, als es im Frühjahr 1925 galt an die Ausstattung des Kapellchen die letzte Hand anzulegen. Allerdings mußte manches Geld, das zum Erwerb des Barockaltars der alten Hachener Kirche, zur Beschaffung der Fenster und zur Ausmalung des Heiligtums notwendig war, von besonderen Freunden der Kapellensache vorerst zinsfrei geliehen werden. Die Glockengießerei Humpert, Brilon stiftete ein Glöckchen, das nun mit feiner Stimme die Verbindung herstellt zwischen dem Friedenskapellchen im Walde und den betriebsamen Tälern. Nachdem uns noch Dr. Körling und sein besonderer Eifer wiedergegeben war, wurden die Wege zum Kapellchen verbessert, gezeichnet und mit Bänken versehen. Die Quelle wurde praktisch und schön eingefaßt, und der Blick auf das Kapellchen vom Ruhrtal aus durch Fällen mehrerer Bäume freigelegt. Zeichenlehrer Hollekamp und Studienrat Jos. Rüther malten uns nach einem alten Vorbild die Friedensmadonna mit Kind und Oelzweig. Der Hintergrund dieses Altarbildes zeigt rechts die Orte des Ruhrtales und links die Stadt Brilon. Zu den Füßen der Friedenkönigin sieht man das farbenfrohe Borbergkapellchen.

So konnte dann das freudig erwartete Ereignis der Einweihung auf den Christi-Himmelfahrtstag 1925 festgelegt werden.

Dieser Tag hat gezeigt, wie sehr das Kapellchen sich wirklich einen Vorzugsplatz im Herzen der umwohnenden Sauerländer erobert hat. Gegen 3.000 Besucher waren es, die zum Teil einzeln, mehr aber in geschlossenen Prozessionen von Brilon, Altenbüren, Elleringhausen, Bruchhausen, Olsberg, Bigge, Assinghausen und Antfeld zum Borberg wallfahrteten. Morgens 11 Uhr nahm der Geistl. Rat und Päpstliche Geheimkämmerer Pfarrer Dr. Brockhoff, Brilon die Einweihung vor, und las gleich anschließend in der Kapelle ein Hochamt. Es war ein erhebender Gedanke, daß damit zum ersten mal seit 300 Jahren dort wieder das hl. Meßopfer gefeiert wurde. Die Teilnehmer des Gottesdienstes fühlten sich zwischen den schlanken Buchstämmen und unter den Baumkronen wie in einem großen Dom. Die Stimmen, die vorher wohl das Kapellchen als zu klein bezeichneten, verstummten an diesem Tage. Eine von innerer Wärme durchglühte Predigt des Hochwürdigen Herrn Dr. Brockhoff vollendete den erhebenden Eindruck der Feier.

Der Nachmittag vereinte die Besucher, nachdem sie sich durch eine kräftige Erbsensuppe gestärkt hatten, zu einer schlichtschönen Maiandacht, und im Anschluß daran sprach unser Hatzfeld von der neuen Kirchenpatronin, der großen Jasagerin, deren Geist das Kapellchen geschaffen hat. (Siehe Trutznachtigall 1925, Heft 4.15)

Für diejenigen, die trotz der bedauerlichen Unruhe Jakob Brauers16 Mysterienspiel „Die Nonne Pia“ folgen konnten, bot dessen vorzügliche Personenzeichnung und das mitreißende Geschehen sicher eine Überraschung. Das Spiel ist die weitaus beste Bearbeitung der bekannten Borbergsage. Reiche gesangliche Darbietungen des Cäcilienchores, Brilon (Musiklehrer Gräbener) und der Gesangabteilung der Jungfrauenkongregation, Olsberg (Lehrer Schröder), sowie anmutige Reigen von Olsberger Mädchen (Lehrerin Krämer) sorgten für weitere gediegene Unterhaltung. Der Bundesvorsitzende übergab die Kapelle der kath. Kirchengemeinde Brilon zu Eigentum mit der Auflage, den übrigen Borberggemeinden das Benutzungsrecht einzuräumen. Ein paar Schlußworte, das gemeinsam gesungene Tedeum – und der Borberg hatte bei herrlichem Wetter einen Tag und eine Feier gesehen, wie er es sich gewiß nie hätte träumen lassen.

Das Hauptverdienst an dem auch finanziell guten Gelingen des Festes hat der Olsberger Frauenbund unter seiner rührigen Leiterin Frau Dr. Grüne.

Das Kirchweihfest auf dem Borberg hat erneut gezeigt, daß unser Volk auch noch edle, von allem Mißklang freie Feste feiern und auch ohne Alkohol auskommen kann. Dem Heimatbund soll der Christi-Himmelfahrtstag 1925 eine Ermunterung sein, hoffnungsfroh und erfolgessicher an der Veredelung der Volksgeselligkeit in unserer Heimat weiterzuarbeiten.

Das Kapellchen aber und seine Inschrift: „Diär laiwen Mutter Guaddes vam gudden Friäen bugget van diän Luien heyrümme“ [Der lieben Mutter Gottes vom guten Frieden gebaut von den Leuten rundum] soll uns helfen, daß wir auch in Zukunft vor ähnlichen großen Aufgaben des Heimatbundes nicht zurückschrecken.

Die Friedenskapelle auf dem Borberg – gezeichnet von Josef Rüther nach einem Entwurf von Dombaumeister Matern

4.

„Schauderbarste Verirrungen

auf dem Gebiet der Kriegerehrungen“ (1925)17

Von Theodor Pröpper

Es ist gut und ehrenvoll, daß wir der gefallenen Krieger gedenken und unserm Gedenken durch ein Ehrenmal oder Denkmal Ausdruck geben in irgend einer passenden Form. Leider aber mußten wir auch im Sauerlande die schauderbarsten Verirrungen auf dem Gebiete der Kriegerehrungen erleben, Verirrungen, die an die schlimmsten Dinge der [18]70er Jahre erinnern oder sie gar noch überbieten. Da findet man als Denkmal nichtssagende Steinblöcke oder ähnliches, die nichts zu tun haben mit dem Zweck, dem sie doch dienen sollen, die nichts atmen von christlichem Geiste, in dem wir der Toten gedenken sollen, die keine Spur von künstlerischem Empfinden verraten, deren Aufstellung am belebten, lärmenden Platz nichts anderes ist als Verschandelung des Dorfbildes. Ich habe mir oft bei Kriegerehrungen die Frage gestellt, für wen man eigentlich das Denkmal baut, für die Toten und gleichzeitig als Mahnung für die Lebenden, oder für die Oberflächlichkeiten unter den Lebenden, damit sie vor solch einem Denkmal in der Stimmung des Alkohols ein paar mal Hurra! schreien und ein paar leere Phrasen reden können. Es gibt im Sauerlande viele Kriegerehrungen, die der Gefallenen unwürdig sind. – Besser gar kein Kriegerdenkmal als ein unwürdiges.

5.

Von der Friedensbewegung im Sauerlande (1926)18

Von Josef Rüther

Der Weltkrieg hat eine Weltwende gebracht, von deren Folgen noch die wenigsten etwas ahnen, aber auch eine Geisteswende, geistige Strömungen, die wie Gärstoffe wirken, von den einen, die nach rückwärts zum Alten schauen, unverstanden und bekämpft, von den anderen, die in die neue Zukunft sehen, mit Glut und oft auch mit Leidenschaft unterstützt und weitergetragen. Hierzu gehört auch die Friedensbewegung, die in beiden Formen, der weltanschaulich neutralen [DFG] und der katholischen [FdK], ihre Wellen ins Sauerland zu werfen beginnt und den Kampf der Geister eröffnet. Dieser Kampf muß und wird ausgefochten werden, und darum kann auch die Zeitschrift des SHB [Sauerländer Heimatbundes] auf Dauer nicht an ihm vorbeigehen, denn die Fragen der Zukunft sind auch die Fragen der Heimat, die die Zukunft mitgestalten muß. Es ist darum notwendig, der überwiegend katholischen Bevölkerung die Stellung der Päpste in dieser Sache vor Augen zu führen und auch die Frage anzuschneiden, ob die Stellungnahme mancher Katholiken, von der man in letzter Zeit gehört und gelesen hat, mit den Lehren und Weisungen der Päpste übereinstimmt. Nicht weniger als zwei päpstliche Rundschreiben, die aber leider viel zu wenig oder garnicht bekannt sind, sind seit dem Kriege ausdrücklich dem Friedensgedanken gewidmet worden und an die Bischöfe der ganzen Welt gesandt.

Benedikt XV. betont in seinem Rundschreiben „über die Wiederherstellung des Friedens unter den Völkern“ (vom 23. Mai 1920) zunächst, daß kein Friede bestehen könne, „wenn nicht durch die Wiederherstellung der gegenseitigen Liebe der Haß und die Feindschaft zugleich zur Ruhe gebracht werden“ ... „es bedarf“, sagt er, „wahrlich nicht vieler Beweise, daß die menschliche Gesellschaft die schwersten Nachteile erleiden würde, wenn nach Abschluß des Friedens dennoch die verborgenen Feindschaften und eifersüchtigen Spannungen untereinander fortdauern würden ... Aber, was weit wichtiger ist, der Geist und die Gestaltung des christlichen Lebens, dessen ganze Kraft in der Liebe beruht, da ja die Predigt des christlichen Gesetzes selber als Evangelium des Friedens bezeichnet wird, würde die schwerste Verwundung empfangen“. Er schildert dann die Pflicht der Liebe und das Elend des Krieges und fügt an die Bischöfe folgende Mahnung hinzu: „Daher, ehrwürdige Brüder, bitten und beschwören wir euch bei den Ermahnungen der Liebe Christi, verlegt euch mit allem Eifer und aller Sorgfalt darauf, daß ihr alle eurer Obhut Anvertrauten ... dazu antreibt, daß sie den Haß ablegen und die Unbilden verzeihen ... Vor allem aber wollen wir, daß Ihr die Priester, welche die Diener des christlichen Friedens sind, ermahnet, daß sie in diesem Punkte, welcher das christliche Leben vor allem ausmacht, fest sein sollen, nämlich in der Empfehlung der Liebe gegen den Nächsten und auch gegen die Feinde, ... daß sie den anderen mit ihrem Beispiele vorangehen sollen, dem Haß und der Feindschaft den Krieg erklären und ihn scharf führen sollen.“ In weiterer Begründung fügt Benedikt noch hinzu, „das Evangelium kennt kein besonderes Gesetz der Liebe für die einzelnen Menschen und für die Staaten und Völker, die doch zuletzt alle aus einzelnen Menschen zusammengewachsen sind und bestehen“, und empfiehlt dann einen Völkerbund: „Eine solche Vereinigung der Völker zu schließen, dazu mahnt, um vieles andere zu übergehen, die ganz allgemein anerkannte Notwendigkeit, daß man sich alle Mühe gebe, damit unter Abgang oder Verminderung der militärischen Lasten, deren ungeheuren Druck die Staaten nicht mehr ertragen können, künftig solch verhängnisvolle Kriege gar nicht entstehen oder doch ihre Gefahr soweit als möglich abgewendet wird ...“ Benedikt schließt sein Rundschreiben nicht, ohne noch einmal die Bischöfe aller Nationen zu beschwören, „sich gegenseitig durch das Band der christlichen Liebe, dem niemand fremd ist, zu vereinigen.“

Pius XI. übernimmt mit voller Absicht in seinem Rundschreiben „Ueber den Frieden Christi im Reiche Christi“ die Ziele und Lehren seines pazifistischen Vorgängers. „Wahrlich, dieselben Zeitverhältnisse, welche unseren hochgeschätzten Vorgänge, Benedikt XV., während seiner ganzen Regierungszeit mit Sorge erfüllt, dauern fort. Folgerichtig übernehmen auch wir dieselben Pläne und Entschließungen, welche er gehabt hat. Es ist aber zu wünschen, daß alle Guten mit gleichem Fühlen und Wollen sich uns anschließen und mit uns wacker und eifrig am Werke teilnehmen, die Gewährung einer wahren und dauernden Versöhnung der Menschen von Gott zu erlangen.“ Ein Friede könne nicht von Dauer sein, sagt er, solange er „nicht eingeschrieben ist in die Herzen der Menschen“. Von der falschen Vaterlandsliebe sagt er: „Diejenigen, welche von ihr fortgerissen sind, vergessen wahrlich, daß nicht nur alle Glieder der menschlichen Gesamtfamilie durch brüderliche Gemeinschaft unter sich verbunden sind, ... sondern auch, daß es weder erlaubt, noch nützlich ist, das Nützliche und Sittliche von einander zu trennen ... Vorteile, die für ... einen Staat unter Schädigung anderer gewonnen worden sind, mögen vor Menschen als herrliche und ruhmvolle Taten erscheinen, aber sie werden, wie Augustinus ermahnt, weder beständig sein, noch frei von der Furcht vor dem Verderben.“ Es bedürfe eines Friedens, „der in die Seele dringt und sie beruhigt und zu brüderlichem Wohlwollen gegen die anderen geneigt macht und heranbildet“, und der wahre Friede sei, wie der hl. Thomas mit Recht ausführe, vielmehr eine Tat der Liebe als der Gerechtigkeit.

Der Friede, den die Päpste erstreben, ist der „Friede Christi im Reiche Christi“, der Gesamtfriede der Menschheit, der aus dem Leben nach Christi Lehren stammt. Darin ist das Streben nach der Befriedigung der Völker, nach der Ueberwindung des Krieges, den die Päpste als ein Menschheitsunheil beklagen, und dessen Ausschaltung auf dem Wege eines Völkerbundes sie als hohes Ziel hinstellen, ausgesprochen. Hier freilich ist nun ein Unterschied zwischen den nicht auf christlichem Boden stehenden Friedensbewegungen und der katholischen festzustellen. Die ersteren haben nur den politischen, den Frieden der Staaten und den wirtschaftlichen im Auge, der aber nach katholischer Auffassung auf die Dauer nur durch den Gesamtfrieden, durch eine ganze Erneuerung der Menschheit im Geiste Christi gesichert werden kann. Aber wenn auch der Friede Christi mehr erstrebt, so erstrebt er doch nach den ausdrücklichen Worten der Päpste auch, und zwar als vollendetes Ziel, den politischen Frieden der Völker, den auch der nichtkatholische Pazifismus erstrebt. Hier liegen also gemeinsame Wege. Und darum geht [gehen] auch der „Friedensbund deutscher Katholiken“ und überhaupt die katholischen Friedensbünde mit den nichtchristlichen oder doch religiös gemischten Bünden in Kartellen zusammen. Gemeinsame Tagungen und Besprechungen finden statt, und auch sonst arbeiten die Vertreter der einzelnen Richtungen gelegentlich zusammen oder doch Hand in Hand. Der Grund dafür ist sehr einfach. Da mit einem sentimentalen bloß gefühlsmäßigen Pazifismus der Sache nicht gedient ist, und für den Christen die Regel gilt „Bete und arbeite!“, so ist auch für ihn, wenn er die Mahnung der Päpste ernst nehmen will, der organisatorische Pazifismus, d.h. das bundmäßige Zusammenschließen und Zusammenarbeiten durch Propagande [sic] der Friedensidee und Kampf gegen den Nationalismus eine Selbstverständlichkeit. Gerade so wie im politischen Leben die verschiedenen Parteien, im wirtschaftlichen Standeskampfe die verschiedenen Organisationen und die Anhänger verschiedener Konfessionen zusammengehen, so auch hier. Es ist eine unbestreitbare Tatsache, daß der Friede der Völker dann, wenigstens mit politischen Mitteln, gesichert ist, wenn in den Staaten alle oder möglichst alle Bürger ihn unter allen Umständen erhalten wollen. Um diesen Zustand zu erreichen, muß eben der Friedensgedanke wie jeder andere durch Bundes- und Kartellarbeit ausgebreitet werden.

Der Katholik kann sich nun der Friedensbewegung gegenüber zweifach verhalten, er kann sie ablehnen oder bejahen. Lehnt er mit der Friedensarbeit zugleich auch die innere Gesinnung ab, so schädigt er nicht nur die Friedensbewegung, sondern handelt gegen die Lehren der Päpste, die „Um der Erbarmungen der Liebe Christi willen“ (Benedikt XV.) die Katholiken beschwören, den Abbau des Hasses und die Liebe unter den Völkern mit allen Mitteln zu erstreben. Bejaht er sie aber, so hat er pflichtgemäß wenigstens für seine Person den Gedanken des Friedens aufzunehmen und die Bewegung als solche nicht zu stören. Die gegebene Organisation für den Katholiken wäre hier an sich der „Friedensbund deutscher Katholiken“. Aber das muß hier gesagt werden: Wer andere Organisationen bekämpft, ohne selber dem Friedensbund der Katholiken anzugehören und ohne etwas für dessen Ausbreitung zu tun, der erweckt den begründeten Verdacht, daß er den Friedensgedanken als solchen bekämpft. Man mag den Katholiken sagen: Geht in die „Katholische Friedensorganisation!“, aber dann sei man zuvor selber darin, verbreite keine unwahren Nachrichten über andere Organisationen, wie es letztlich mehrfach der Fall war, und zeige nicht eine Einstellung, welcher das „Katholische“ nur der Deckmantel ist, um die Friedensbewegung als solche zu bekämpfen.

Zum Schlusse noch einmal mit aller Deutlichkeit, was schon deutlich genug gesagt wurde: Der Katholik gehört in erster Linie in den „Friedensbund deutscher Katholiken“, aber diejenigen, welche ihm das sagen, ohne selber darin zu sein – ich, der es schreibt, bin darin – und ohne selber für den Frieden zu streben, die haben kein Recht dazu. Wer es also ernst meint, der bekämpfe nicht den Friedensgedanken, sondern trete zunächst in die Organisation, die er anderen zu empfehlen vorgibt.19

(Der Katholik, der sich über das Wesen der Friedensbewegung ein von Zeitungsnotizen und Artikeln ungetrübtes, auf der Lehre der Kirche begründetes Bild machen will – und wer darüber redet oder schreibt, muß ein solches Bild haben, der lese Pater Stratmanns Buch „Weltkirche und Weltfriede“, Verlag Haas & Grabheer, Augsburg.)

6.

Sagen über den Borberg (1926)

Die älteste gedruckte Sagenüberlieferung zum Borberg, die ich finden konnte, ist das Mundartgedicht „Up Buorbiärgs–Kiärkhuof“20 in der Sammlung „Germaniens Völkerstimmen I“ (1843) von Johannes Matthias Firmenich (1808-1889). Es gehört zum Themenkreis ‚Die Nonnen vom Borberg‘. Josef Rüther meint: „Eigentliche Sagen haben sich an die Stätte nicht geknüpft. Die heute als solche umgehenden, wie die von der Nonne Pia, sind Dichtung und entstammen einem Buche, das ein früherer Geistlicher in Antfeld für die Jugend schrieb.“21 Die nachfolgenden hochdeutschen Sagentexte stammen aus der – erstmals 1921 veröffentlichten – Sauerlandsagen-Sammlung von Rektor Friedrich Albert Groeteken.22

DER GOLDENE ROSENKRANZ

Zur Zeit, als in Westfalen die rote Ruhr, eine heimtückische Krankheit, herrschte und viele Opfer forderte, geriet eine Familie in Elleringhausen in bittere Not. Den Vater raffte die Seuche dahin, Mutter und Sohn verfielen dem Siechtum. Die einzige Tochter, Katharina, erwarb den Lebensunterhalt durch Näharbeit. Wegen der traurigen Zeiten fehlte bald auch dieser Unterhalt. Traurig und trostlos kehrte eines Abends das Mädchen durch das Gierskopptal heim. Dunkel hingen die Wolken am grauen Himmel. An einem Felsvorsprung kam auf einmal eine Gestalt auf Katharina zu, die einen weißen im Winde flatternden Mantel um die Schultern, ein dunkles Tusch um den Kopf trug. „Die Nonne vom Borberg“ rief das erschrockene Mädchen und wollte flüchten. „Ja, ich bin es“, sagte die Gestalt, „fürchte dich nicht! Ich kenne deine treue, kindliche Liebe, aber auch eure Not. Nimm diesen Rosenkranz und bete ihn täglich bis zum Johannistage. Dann aber wird von jeder Perle und dem Kreuzlein etwas herabfallen, das du mir am Johannistage um Mitternacht hierherbringen magst.“ Noch bevor ein Dankeswort ihren Lippen entfloh, entschwand die lichte Gestalt. Getröstet kehrte Katharina heim und betete treulich den Rosenkranz.

Am Johannistage früh aber lag, als Katharina zum Rosenkranz vor ihrem kleinen Hausaltärchen kniete, ein Kreuzlein darauf. Von jeder Perle aber tropfte beim Beten ein Körnchen herab, bis endlich 58 an der Zahl waren. Kreuz und Körnchen glichen denen des Rosenkranzes. Um Mitternacht trug Katharina die Perlen und das Kreuzlein zu der Stelle, wo ihr die Nonne begegnet war. Und siehe da: wieder begegnete ihr diese mild und freundlich. Sie nahm die Sachen, berührte sie mit ihrem Gürtel und gab sie Katharina zurück mit den Worten: „Kehre heim, mein Kind; die Perlen sind dein eigen, das Kreuzlein aber bringe am Feste Mariä Heimsuchung der Gottesmutter nach Werl.“ Dann entschwand abermals die lichte Gestalt. Vom Borberge aber klangen leise und lieblich die Weisen des Salve Regina. Voll beseligenden Glückes kehrte Katharina heim und fand zu ihrem größten Staunen, daß Kreuzlein und Perlen gülden waren. Von Herzen dankte sie Gott, der alle Not gehoben. Für die goldenen Perlen kaufte sie in Brilon Arznei und stärkenden Wein für die Mutter, das güldene Kreuzlein aber trug sie zu Fuß zur Gnadenmutter nach Werl.

DER TOTENSANG VOM BORBERGE

In früherer Zeit pflegte den auf der Burg zu Bruchhausen herrschenden Grafen der Tod drei Tage vorher durch den vom längst verschwundenen Kloster auf dem Borberge tönenden Grabesgesang kundgetan zu werden. Wehmütig hörte man dann die traurigen Weisen des Miserere durch die stille Nacht herabklingen. Nur Graf Heinrich von Bruchhausen, ein gottloser Ritter und leidenschaftlicher Jäger, herzlos und ohne Erbarmen mit Menschen und Vieh, lachte darob und kehrte sich nicht daran. Einst zog er in aller Frühe auf die Auerhahnbalz. Das Glück war ihm hold, und er erlegte ein prächtiges Tier. Doch kaum lag es ihm zu Füßen, als ein zartes Glöcklein vom Borberge wimmerte. Und gleich darauf erklangen die wehmütigen Weisen des Miserere. „Bei allen Teufeln“, rief der erbitterte Graf, „wozu dieses Nonnengeplärr, das mir das Weidwerk stört? Ich sollte sterben? Nein, noch bin ich stark und gesund und denke an nichts weniger, denn ans Sterben.“