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Buchrückseitentext: “Tod auf dem Friedhof!” So lautet am Montagmorgen die Schlagzeile im Kie-ler Stadtreporter, die Hauptkommissar Horst Krabbe an seinem Schreibtisch im Kommissariat liest. Eine Leiche auf einem Friedhof ist ja an sich nichts Ungewöhnliches. Doch wenn diese sich außerhalb eines Grabes befindet, wirft das einige Fragen auf. Als das Ermittlerteam in der Nacht am Tatort auftaucht, ahnt noch niemand, dass dieser Mord nicht der einzige bleiben wird, und dass im Zuge der Aufklärung weitere Verbrechen ans Tageslicht kommen werden, deren Ausmaße zunächst unüberschaubar erscheinen. Klappentext: In der Halloween-Nacht kam es auf dem Parkfriedhof Eichhof zu einem grausigen Fund. Ein Mann mittleren Alters lag abgestochen auf einer Parkbank. Das Opfer hatte sich als Dracula verkleidet und in der nahe gelegenen Diskothek Moritz an einer Halloween-Party teilgenommen. Aufgefunden wurde die Leiche von zwei männlichen Jugendlichen, die ebenfalls Gäste dieser Veranstaltung waren. Nach Zeugenaussagen hatte das Mordopfer zuvor einen heftigen Streit mit seinem besten Freund. Bei dieser Auseinandersetzung war ein sehr großes Jagdmesser im Spiel, dabei handelt es sich höchstwahrscheinlich um die Tatwaffe. Zu einer offiziellen Stellungnahme ist die Polizei zurzeit leider nicht bereit. Der Stadtreporter
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Seitenzahl: 367
Veröffentlichungsjahr: 2019
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In der Halloween-Nacht kam es auf dem Parkfriedhof Eichhof zu einem grausigen Fund. Ein Mann mittleren Alters lag abgestochen auf einer Parkbank. Das Opfer hatte sich als Dracula verkleidet und in der nahe gelegenen Diskothek Moritz an einer Halloween-Party teilgenommen. Aufgefunden wurde die Leiche von zwei männlichen Jugendlichen, die ebenfalls Gäste dieser Veranstaltung waren. Nach Zeugenaussagen hatte das Mordopfer zuvor einen heftigen Streit mit seinem besten Freund. Bei dieser Auseinandersetzung war ein sehr großes Jagdmesser im Spiel, dabei handelt es sich höchstwahrscheinlich um die Tatwaffe. Zu einer offiziellen Stellungnahme ist die Polizei zurzeit leider nicht bereit.
Der Stadtreporter
Werner C. Fröhlich
Schabernack
Kriminalroman
Noxlupus Verlag
Weitere Veröffentlichungen des Noxlupus-Verlags
Nick Francis 1 – Die Burg
Nick Francis 2 – Die Stadt
Nick Francis 3 – Die Festung
Nick Francis 4 – Der Keller
Zeit für mich (CD, basierend auf Yoga-Nidra)
Dieses eBook entspricht der ungekürzten Originalausgabe des gedruckten Taschenbuches ISBN 978-3-9819550-0-2
© 2019 Noxlupus Verlag, Kiel
www.noxlupus.de
Alle Rechte, auch die der fotomechanischen und elektronischen Wiedergabe, sind dem Verlag vorbehalten.
ISBN: 978-3-9819550-1-9
Die Schauplätze des vorliegenden Kriminalromans befinden sich in Kiel und Umgebung. Die Handlung sowie die agierenden Personen sind, trotz der realen Kulisse, frei erfunden. Etwaige Übereinstimmungen oder Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder Begebenheiten wären daher rein zufällig und nicht beabsichtigt. Des Weiteren geht es hier darum, eine Geschichte zu erzählen und nicht darum, den polizeilich korrekten Dienstablauf zu schildern, denn wer eine Kriminalgeschichte erzählen will, muss sich zum Teil von der Realität entfernen. Trotzdem wurde sehr darauf geachtet, dass die Arbeitsweise der Polizei nicht gänzlich der Fantasie des Autors entsprungen ist.
Der Herausgeber
Für Donja
Während der Wind den Bäumen der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt die gold-braunen Blätter entriss, standen in jener Nacht die Telefone der Kieler Polizeireviere und -stationen nicht still. Die einen beschwerten sich über ihre Nachbarn, die es wagten, die Musikanlage aufzureißen, andere behaupteten, jemanden beim Autodiebstahl ertappt zu haben. Häusliche Streitigkeiten wurden angezeigt, und auch vor obskuren Meldungen wurde nicht haltgemacht: Ein Mann im schwarz-weiß gestreiften pyjamaähnlichen Anzug und einer schweren Eisenkugel ums Fußgelenk streife axtschwingend durch die Nacht, hieß es, und eine Zombiearmee wurde angezeigt, die stöhnend durch die Holstenstraße stapfe. »Meine Nachbarin ist eine Hexe und hat mich mit einem Fluch belegt«, schrie ein Anrufer durchs Telefon und legte auf. Kneipenschlägereien wurden gemeldet, und die Beamten mussten fortwährend ausrücken. An die fünfzehn Anrufe dieser Art waren allein schon in der Polizeistation Wik eingegangen.
Das Wetter hatte sich für diese Jahreszeit einigermaßen gut gehalten, zumindest hatte Polizeioberkommissar Krause nur ein paar kleinere Schauer mitbekommen. Seit einigen Minuten jedoch prasselte der Regen gegen die Fenster und das Telefon schrillte einmal mehr. Krause hob den Hörer hoch und ein dumpfes Stimmen-Musik-Gewirr drang an sein Ohr.
»Polizeistation Wik, Sie sprechen mit Polizeioberkommissar Krause. Was kann ich für Sie tun?«, meldete er sich und schaltete auf Lautsprecher um, damit sein Kollege mithören konnte, welche aberwitzige Geschichte dieser Anrufer auf Lager hatte.
Etwas raschelte am Hörer, dann flüsterte jemand: »Nu red schon!«, »Wiescho ich? Du hascht ihn doch als Erstes gescheen!«, »Du bisch ’n Idiot … gib her«. Ein Geräusch, als würde der Hörer dem Anrufer aus der Hand gerissen.
»Ja … äh, hallo … is’ da die Polizei?«, lallte es aus dem Lautsprecher.
»Das sagte ich bereits, mit wem spreche ich bitte?«
»Tut nichts zu Sache. Ich hab ’n Leich gefunden … also wir zwei, wobei ich zuerst … hicks.«
Polizeioberkommissar Krause verdrehte die Augen und schaute zu seinem Kollegen, der sich mit der flachen Hand an die Stirn klatschte und sich anschließend übers Gesicht fuhr.
»Okay, Sie wollen mir Ihren Namen nicht nennen.«
»Jawohl, hihi.«
»Wollen Sie mir dann wenigstens verraten, wo Sie die Leiche entdeckt haben?« Krause atmete tief durch.
»Na sischer doch … hähä! Drum ruf isch doch an … hicks.«
»Das freut mich. Also: wo?«
»Was wohl?! Ach so, wooo! … Na, aufn Friedhof. Da liegt … puh … also der Draggula, der Graf halt, liegt da tot aufn Bank rum.«
»Ah ja, verstehe, Graf Dracula liegt da tot auf einer Bank …«
Krause blickte mit verzerrten Mundwinkeln und einem dezenten Seufzer zu seinem Kollegen. Dieser machte mit der rechten Hand eine Ab- und Auf-Bewegung vor dem offenen Mund und verzog diesen angewidert.
»… und welcher Friedhof jetzt genau?«, fragte Krause den Anrufer.
»Frieeedhooof? … Ja! Na, der grosche da … in, in Eichhof.«
»Sie meinen den Parkfriedhof Eichhofstraße?«
»Jau! … hicks.«
Vor seinem geistigen Auge sah Polizeioberkommissar Krause förmlich das dämliche Grinsen des jungen Mannes, der seiner Stimme nach die Volljährigkeit vermutlich noch nicht ganz erreicht hatte.
»Schön, und wo sind Sie jetzt?«
»Wir haben Party!«
»Party!«, schrie jemand im Hintergrund.
»Im Moritz … voll supi! Wobei, schon krass mit däm Todden. Aber Leben geht weiter ... Party! … rülps!«
Klick.
»Das wars, aufgelegt!«, sagte Krause und ließ seine Hand samt Hörer auf den Schreibtisch fallen.
»Oh Mann, Gerd! Womit haben wir das verdient?«, klagte Krauses Kollege.
»Tja, nützt nichts, auch auf die Gefahr hin, dass es ein weiterer Schabernack ist«, erwiderte Krause, »müssen wir jemanden hinschicken. Auch wenn die Kollegen mächtig sauer sein werden.«
»Wen soll ich ordern?«
Krause bewegte die Computermaus und klickte ein paar Mal, um dann festzustellen, dass die Kollegen Behrens und Ohrt ganz in der Nähe sein sollten.
Teil 1
Der Regenschauer hatte sich nicht lange gehalten und lag schon einige Zeit zurück. Der Wind ebbte ab, und der zunehmende Halbmond zeigte sich in seiner ganzen Pracht, als ein VW Passat des Kieler Taxiunternehmens Blei vor dem Haupteingang des Parkfriedhofs Eichhof mit seinem reichhaltigen Angebot an den verschiedensten Bäumen und Sträuchern zum Stehen kam. Es war bereits halb eins in der Nacht.
Vor genau anderthalb Stunden war die Meldung von dem Leichenfund auf der Polizeistation Wik eingegangen. Die Polizeibeamten Behrens und Ohrt, die als Erste am Tatort angekommen waren, hatten den Fundort umgehend weiträumig abgesperrt und den Kriminaldauerdienst verständigt. Dieser wiederum bestellte die Staatsanwaltschaft, die Rechtsmedizin und den Erkennungsdienst an den Einsatzort.
Die vielen Menschen, die sich jetzt vor und auf dem Friedhof versammelten, sowie die Fahrzeuge auf dem Parkplatz am Krematorium, waren zu dieser Stunde an diesem Ort recht befremdlich. Blaulichter von drei Polizeiautos drehten sich in der Dunkelheit. Die Hecktüren des Rettungswagens der Kieler Feuerwehr waren geöffnet und zwei Sanitäter standen rauchend neben dem Fahrzeug. Gleich daneben parkte der silberne Bestattungskraftwagen, an dessen hinteren Seitenscheiben und der Heckscheibe anthrazitfarbene Vorhänge den Blick ins Innere verbargen. Auf der Heckscheibe und den beiden vorderen Türen stand eher unauffällig der Name des Bestattungsunternehmens. Zwei Mitarbeiter warteten im Wagen darauf, dass sie ihre kalte Fracht verladen durften.
Zwei uniformierte Polizeibeamte standen vor dem offenen schmiedeeisernen Doppeltor, um die Schaulustigen, die sich trotz der nächtlichen Stunde hier versammelt hatten, daran zu hindern, den Friedhof zu betreten. Die kleineren Tore links und rechts waren verschlossen. Von den Neugierigen waren einige als Monster verkleidet, andere als Fabelwesen, wieder andere bibberten in Bademänteln vor dem Tor, sie hatten sich lediglich eine Jacke übergeworfen. Es wurden an die zwanzig Personen gezählt, die immer wieder versuchten, auf den Friedhof zu gelangen, um Teil dieser Sensation zu werden. Die aufgestellten Warndreiecke, in deren weißer Innenfläche jeweils ein schwarzes Ausrufezeichen, und darunter der Schriftzug POLIZEI Durchgang verboten gedruckt waren, halfen nur bedingt. Auch die orangenen LED–Blitzleuchten, mit denen die Aufmerksamkeit auf die Schilder gelenkt werden sollte, wurden kaum beachtet. Immer wieder kamen einige Schaulustige aus der Menge und redeten auf die Polizisten ein. Es müsse dringend ein Verwandter besucht werden, der auf dem Friedhof seine letzte Ruhestätte habe, wurde behauptet. Oder: Man müsse dringend über den Friedhof ans andere Ende nach Kronshagen. Der Alkoholspiegel bei den Kostümierten vereinfachte die Arbeit der Beamten nicht gerade. Hinzu kamen noch die hartnäckigen Pressevertreter, die hinter der Absperrung auf schlagzeilenbringende Sensationen und neue Informationen hofften. Die Journalisten scherten sich keinen Deut um die Anweisungen der Polizisten. Immer wieder versuchte einer, an den Wachposten vorbeizukommen, wenn diese gerade mit den Gaffern diskutierten. Doch die beiden Beamten hatten ihre Augen überall und versperrten dem jeweiligen Reporter sofort den Weg.
Auf dem Friedhofsgelände arbeitete währenddessen das Ermittlerteam. Steinchen für Steinchen setzten sie das Mosaik der Tat zusammen. Einige trugen Polizeiuniform, andere Zivilkleidung. Zwei Beamte sprachen in Funkgeräte. Auf der Freifläche hinter dem Haupttor bei dem Kreuzdenkmal mit der Inschrift Siehe ich mache alles neu strahlten die Scheinwerfer von zwei Polizeiautos, die rückwärts vor dem Verwaltungsgebäude parkten, zwei Uniformierte und einen jungen, schlanken schwarzhaarigen Mann im Regenmantel an. Für weitere Helligkeit auf den Wegen sorgten große akkubetriebene LED-Strahler.
Vor dem Haupteingang öffnete sich währenddessen eine der hinteren Türen des Taxis und ein dunkelblonder Kopf, leicht angegraut mit Geheimratsecken im Anfangsstadium, kam zum Vorschein. Den grau-blonden Geheimratsecken folgte ein mattschwarzes Sakko, worunter sich ein weißes Hemd mit einer schwarzen, notdürftig gebundenen Fliege verbarg. Abgerundet wurde das Outfit von einer Hose in der Farbe des Sakkos und Lackschuhen, die sogleich in einer Pfütze landeten. Der zirka eins dreiundachtzig große Mann schaute nach unten. Schnaufte. Griff in das Taxi, holte einen Mantel heraus, streifte ihn über, schlug die Tür des Fahrzeugs zu und watete durch die Pfütze. Am Friedhofstor angekommen, drängelte er sich durch die Menge zu den Polizisten durch, zeigte einen Dienstausweis vor und wurde durchgewunken. Er war noch nicht ganz auf dem Friedhofsgelände, da löste sich der Schwarzhaarige im Regenmantel von den beiden Polizisten, trat aus dem Scheinwerferlicht und ging auf den Neuankömmling zu, der ihn um fast einen Kopf überragte.
»Moin, Chef!«, grüßte er und streckte seine rechte Hand nach vorne.
Hauptkommissar Horst Krabbe nickte und schüttelte die ihm entgegengebrachte Hand.
»Sie hier? Gar nicht auf einer Halloween-Party?«
»Sehr witzig, Chef. Wer hat mich denn zum Bereitschaftsdienst an diesem Wochenende eingeteilt? Aber Sie sehen aus, als hätten Sie Ihren Spaß gehabt.«
Der Schwarzhaarige im Regenmantel schaute seinen Vorgesetzten von oben bis unten an.
»Genau: gehabt!«, entgegnete Krabbe unwirsch. »Dann erzählen Sie mal, Uygun!«, forderte er sein Gegenüber auf und setzte sich in Bewegung, da er bereits die Location des Todes entdeckt hatte.
Kriminalkommissar Nasir Uygun ging mit seinem Vorgesetzten vorbei an einem grünen Schild mit weißer Schrift Kriegs- und Bombenopferfeld der Landeshauptstadt Kiel. Hauptkommissar Krabbe wusste nicht genau, was ihn erwartete, aber aus seiner langjährigen Erfahrung als Kriminalpolizist wusste er, dass der Tote ihm in der nächsten Zeit viel Kopfzerbrechen bereiten und die eine oder andere schlaflose Nacht verursachen würde. Immer tiefer würde er in das Privatleben dieses Mannes vordringen müssen. Anfangen würde er bei seinem Namen und nicht selten endete es bei den sexuellen Vorlieben des Opfers. Er würde sehr wahrscheinlich Dinge ans Tageslicht befördern, von denen so manch einer hoffte, dass sie für immer im Dunkeln verborgen blieben. All das gehörte zu seinem Beruf. Im Dreck der Menschen zu wühlen, auf dem dann die Staatsanwaltschaft einen Prozess aufbauen konnte.
»Also«, begann der junge Kriminalbeamte, »das Opfer heißt Stefan Rasmus, ist vierzig Jahre alt und wohnt drüben in Gaarden. Die beiden Kollegen von der Schutzpolizei, mit denen ich eben gesprochen habe, waren als Erste hier am Fundort. Sie werden jetzt auf ihre Station fahren und einen Bericht schreiben. Der Leichenfund wurde aus dem Münzapparat der Disko Moritz, hier oben gleich an der Eckernförder Straße, gemeldet.«
»Ich weiß, wo die Disko ist, so alt bin ich nun auch wieder nicht«, knurrte der Hauptkommissar.
»Natürlich, Chef, ich meinte ja auch nur wegen der Vollständigkeit. Was wollte ich gleich noch sagen? Ach ja, dass unser Opfer anscheinend auf der im besagten Moritz stattfindenden Halloween-Party war.«
»Ach, isses möglich!?«
»Ja, denn, er ist gekleidet wie ein …«, sie gingen den kleinen Weg entlang und passierten eine offen stehende Drehschranke, »… Vampir«. Bei dem Wort blieb Uygun stehen. Vor den beiden Ermittlern der Kriminalpolizei flatterte rot-weißes Absperrband mit der Aufschrift POLIZEI, dahinter sahen sie auf eine teilweise mit Laub bedeckte Rasenfläche, auf der zwei Gedenksteine standen. Ebenfalls befand sich dort ein kleiner viereckiger Granitstein mit einer eingravierten Sechs, der darauf hinwies, dass sie sich auf dem sechsten Planquadrat des etwa vierzig Hektar großen Friedhofs befanden. Hinten wurde der Rasen durch eine Buchsbaumhecke abgegrenzt, vor der sich eine fest installierte Bank befand. Von vorn war die Grünfläche von dem Weg, der sich an zwei Seiten herumschlängelte, frei zugänglich.
Ein mit viel Make-up, Rouge, Smokey Eyes und Lippenstift verziertes rundes Frauengesicht schaute aus der Kapuze eines weißen antistatischen Kunstfaser-Einweg-Overalls heraus. Die Frau sicherte verwertbare Spuren auf dem etwa siebzig Quadratmeter großen Areal um den Leichnam auf der Bank herum. Neben ihr arbeiteten drei Kollegen. Auch sie steckten in weißen Overalls mit dem Aufdruck POLIZEI auf dem Rücken, der kleinste Beamte hatte sich allerdings eine gelbe Öljacke darüber gezogen. Zudem trug das Team des Erkennungsdienstes antistatische Überstiefel über den Schuhen. Ihre Hände steckten in bläulichen Gummihandschuhen. Weitere LED-Strahler auf Stativen tauchten das nächtliche Szenario in Tageshelligkeit. Eine Plane war auf einem Gestänge über die Bank gespannt und ähnelte einem Party-Pavillon.
Abgesehen von den sich bewegenden weißen Overalls erinnerte Krabbe das Bild, das sich ihm hinter dem rot-weißen Flatterband offenbarte, sehr an die alten Dracula-Filme aus den 1950er- und 60er-Jahren. Nur der düstere Nebelschleier fehlte. Auf der Friedhofsbank saß ein schwarz gekleideter Mann mit einem pechschwarzen Umhang. Sein Kopf war nach hinten gekippt, die Augen weit aufgerissen, der Mund geschlossen. Der sonst so übliche Eichenpflock war hier durch ein Messer ersetzt. Dieses steckte allerdings nicht im Herz, sondern tief in dem gut genährten Bauch des Opfers. Das Moos-Matsch-Rasen-Gemisch unter den Füßen des Toten war mit dessen Blut getränkt. Nach all seinen Berufsjahren hatte sich Hauptkommissar Krabbe an den Geruch einer Leiche gewöhnt, wobei dieser Tote noch sehr frisch war und ein leichter Wind wehte, sodass es geruchsmäßig hier gar keine Leiche zu geben schien. Und auch beim Anblick einer alten Leiche verzog er keine Miene mehr, das Übergeben war vorbei. Doch der Ekel vor der Tat würde bei ihm nie verblassen, da war Krabbe sich sicher.
»Schöne Bescherung, bei so einem Wetter … ähm, ähm, Wetter. Wie soll ich da vernünftig arbeiten … arbeiten«, schimpfte der kleine rundliche Mann in dem gelben Friesennerz, während er auf den Hauptkommissar und seinen Mitarbeiter zukam, allerdings auf der anderen Seite des Absperrbandes stehen blieb.
»Das kriegen Sie doch trotzdem hin. Sie sind unser bester Mann, Klinke«, baute der Hauptkommissar den Spurensicherer auf, der über sein rundes Gesicht wischte und die dünnen langen Haare, die daran klebten, zurück unter die Kapuze schob. »Ähm, ähm ja, … Sie haben leicht reden, Herr Hauptkommissar, ich darf hier die ganzen Spuren aufnehmen, doch wie soll ich bei diesem miserablen Wetter …«, er zeigte nach oben und wiederholte, »miserablen Wetter! und diesem Licht alles finden … jawohl, finden? Denn schon ein einzelnes Haar könnte … jawohl, könnte Sie schließlich zum Mörder führen, und wenn ich dieses Relikt hier in diesem Modder übersehe, was dann … ja, ja, was dann?«, nickte er mit erhobenem Zeigefinger.
»Ich weiß, mein lieber Herr Klinke! Ohne Sie und Ihre akribische Arbeit könnten wir die meisten Fälle nicht zu einem positiven Abschluss bringen.«
»Nett, dass Sie das endlich einsehen! Was machen Sie überhaupt hier in meinem Dunstkreis? Sie wissen ganz genau, dass ich es nicht mag, wenn hier so viele so dicht bei mir sind und womöglich Spuren vernichten … ähm, ähm, jawohl, vernichten. Wenn ich mit meiner Arbeit fertig bin, können Sie sich hier austoben, aber erst dann … erst dann.« Abrupt drehte sich der kleine Mann zu der übermäßig geschminkten Frau, die gerade gelbe Tatort-Nummerntafeln aus Kunststoff mit schwarzen Ziffern verteilte.
»So, Fräulein Milke, jetzt machen Sie bitte die Fotos und dann können wir endlich von diesem Ort fortgehen und unsere Arbeit im Institut beginnen … im Institut.«
»Bin schon dabei, Chef!«, säuselte die Angesprochene, strahlte mit ihrem roten Mund und den stark betonten Augen.
»Also, darf ich bitten, Herr Krabbe, noch ein paar Schritte zurückzutreten und sich noch einen Augenblick hinter der Absperrung zu gedulden.«
»Mit dem größten Vergnügen.«
Hauptkommissar Krabbe und Kommissar Uygun machten einen Schritt nach hinten. Schon blitzte eine Kamera unzählige Male in das Scheinwerferlicht und erhellte den Bereich des Toten für einige Sekunden um ein Vielfaches. Das Eichhörnchen, welches neugierig hinter der Jahrzehntealten Buche, die zusammen mit einigen Sträuchern hinter der Buchsbaumhecke stand, hervorlugte, um sich die nächtlichen Ruhestörer etwas genauer anzusehen, huschte bei den plötzlichen grellen Lichtblitzen weiter in den Baumwipfel hinauf. Es hatte genug von dem Szenario gesehen, welches sich vor seiner Haustür abspielte.
»Wo steckt eigentlich unser Leichenleser?«, fragte Krabbe Uygun indes.
»Doktor Jensen war bereits hier. Er ist gerade weggefahren, als Sie ankamen. Er war ungefähr zehn Minuten bei der Leiche.«
»Na, is es denn! Hat er wieder im Eiltempo gearbeitet?«
»Er meinte, das sei hier alles nur Routine und er stellte die Prognose, dass es sich sehr wahrscheinlich um einen … ich zitiere: kaltblütigen Mord handelt.«
»Ach, guck an. Das hat der Herr Doktor Jensen in ein paar Minuten ermittelt.«
Uygun zuckte mit den Achseln.
»Auf den Bericht bin ich mal gespannt«, fügte der Hauptkommissar noch hinzu.
»Na ja, alles scheint darauf hinzuweisen. Wer auch immer das getan hat, der schien sich nicht sonderlich viel Mühe gegeben zu haben, um die Leiche irgendwie zu verbergen.«
»Ist das so?«, murmelte der Hauptkommissar, betrachtete den Mond und fragte dann: »Gerade deshalb kann es doch auch ein Mord im Affekt sein?«
»Sicherlich«, erwiderte Uygun kurz, »auch das ist möglich.«
»Denn wenn es ein – kaltblütiger Mord – war, wieso hat der Täter dann das Messer dagelassen? Ist doch schließlich ein Beweismittel, was man nicht so einfach rumliegen lässt.«
»Das wusste Doktor Jensen auch nicht.«
»Nein, sagen Sie nicht so was! Ich dachte, der allwissende Doktor hätte auch dafür schon eine Theorie. Aber egal …« Krabbe schaute sich um. »War Walden auch schon hier?«
»Der Erste Kriminalhauptkommissar ist doch übers Wochenende nach Dänemark gefahren.«
»Richtig, ich vergaß. Davon hat er uns ja die ganze letzte Woche vorgeschwärmt. Dann wollen wir ihn da mal nicht stören«, entschied Krabbe.
»Und der Kollege Siemens? War der nicht mit Ihnen zusammen?«, fragte Uygun im Gegenzug.
»Nun, ja, der … also …«, druckste Krabbe herum.
»Sie brauchen nichts weiter zu sagen. Ich kann es mir schon denken. Der Gute hat mal wieder bei Mutti aus den anfänglichen Lütt un’ LüttGroot un’ Groot gemacht.«
Krabbe konnte nicht antworten, denn auf einmal hallte Hundegebell durch die Nacht.
»Der Hund ist zurück, ich werde mal rübergehen«, sagte Uygun. Der Hauptkommissar nickte und sein junger Kollege machte sich auf den Weg. Der Hundeführer kam mit seinem deutschen Schäferhund aus Richtung Kronshagen den Hauptweg des Parks entlang und hielt beim Kreuzdenkmal im Eingangsbereich des Friedhofs. Krabbe ließ seinen Blick derweil über den Tatort schweifen, konnte aber keinen klaren Gedanken fassen, denn es dauerte keine Minute, da kam Uygun auch schon mit dem Hundeführer zurück. Der Hund sei einer Spur vom Tatort bis zum Ausgang Kronshagen gefolgt, berichtete der Hundeführer. Dort habe sich das Tier links gehalten und noch etwas weiter die Kopperpahler Allee entlanggeschnüffelt, nach etwa hundert Metern aber habe sich die Spur verloren. Die Gründe dafür könnten vielfältig sein. Eine fremde Substanz könnte beispielsweise plötzlich so dominiert haben, dass der Hund den Geruch verlor, dem er bis dahin gefolgt war. Dann käme noch die Nässe hinzu. Die werde immer zum Problem bei so einer Aktion, seufzte der Hundeführer. Der Hauptkommissar machte sich in einem kleinen schwarzen Buch, welches er aus seiner Manteltasche holte, Notizen.
Als sich der Hundeführer schließlich verabschiedete, rief plötzlich eine Frau: »Ach du Schande!«
Die drei Männer drehten sich um und schauten einer elfengleichen Gestalt ins Gesicht, die ansonsten allerdings aussah wie ein Zombie. Schwarz umrandete Augen, das Gesicht war grellweiß geschminkt, darauf verteilten sich Flecken aus grüner, gelber und roter Theaterschminke, die offenbar blutende und eiternde Hautfetzen darstellen sollten.
»Das ist ja Stefan«, sagte die Zombie-Elfe und wies auf den Toten. Der Hundeführer begrüßte die Frau mit einem Kopfnicken, dann verließ er die Gruppe.
»Moin, Frau Glanz. Sie sehen aber heute besonders entzückend aus«, begrüßte Krabbe das Zombie-Elfen-Wesen vor sich.
»Oh, danke … Chef«, erwiderte Kriminalanwärterin Jenny Glanz mit einem verlegenen Lächeln. »Ich war gerade im Moritz bei der Halloween-Party.«
»Ach wirklich? Wäre ich jetzt nicht drauf gekommen«, witzelte ihr Vorgesetzter, »und was machen Sie jetzt hier, und wieso kennen Sie den Namen des Mannes, der sich hier anscheinend nicht hingesetzt hat, um ein Nickerchen zu machen?«
»Also, erstens ging im Moritz das Gerücht um, dass hier auf dem Friedhof einer abgestochen wurde, und da dachte ich mir, es könnte nicht schaden, mal nachzusehen. Und zweitens kenne ich diesen Stefan nur aus dem Moritz. Der war fast jedes Wochenende da. Hält sich für den total Tollen … äh, also hielt sich … aber benahm sich wie ein pubertierender Teenager, dabei ist der schon voll alt. So um die vierzig.«
»Um die vierzig, verstehe … voll alt«, nickte Krabbe. »Hmm, ist richtig!«, murmelte er und verzog das Gesicht.
Verlegen schaute die Zombie-Elfe auf den feuchten Boden unter ihren Füßen. »Vierzig, fünfzig, ist doch auch egal, ist eigentlich nicht voll alt … halt nur ein bisschen.«
»Aus der Nummer kommst du nicht mehr raus«, lachte Nasir Uygun seine Kollegin an.
»Ich wollte damit auch nur sagen, dass vierzig voll zu alt ist, um noch bei seiner Mutter zu wohnen und an jedem Wochenende zwischen Sechzehn- bis Zwanzigjährigen in einer Disko abzuhängen!«, konterte Jenny Glanz mit einem abschließenden »Pfff!« in Uyguns Richtung.
»Bei seiner Mutter? Das ist ja interessant«, beteiligte sich der Hauptkommissar wieder am Gespräch, »woher wissen Sie das?«
»Was man so redet. Er wurde damit oft aufgezogen, doch ihn störte das nicht, er schien auch noch stolz darauf zu sein, dass seine Mutter alles für ihn macht, wie eine Haushälterin, obwohl sie schon fast achtzig ist. Hotel Mama halt. Er kam und ging scheinbar, wie es ihm passte.«
»Somit wird sie ihn heute Nacht nicht unbedingt vermissen«, überlegte Uygun laut.
»Das prüfen Sie bitte, und wenn dem so ist, werden wir erst morgen zu ihr gehen und der alten Dame nicht mitten in der Nacht diese Botschaft überbringen.«
»Klar, Chef«, nickte Uygun. Dann trat er zur Seite, denn Spurensicherer Klinke kam auf die Gruppe zu.
»Falls es jemanden interessiert, wir sind dann hier fertig. Das Objekt und der Tatort gehören Ihnen, Herr Hauptkommissar … Ihnen«, verkündete er. »Fräulein Milke, packen Sie bitte mit den beiden Kollegen die Ausrüstung zusammen«, wandte er sich dann an seine Assistentin.
»Es fehlen nur noch ein paar Kleinigkeiten. Packen wir sie doch schnell gemeinsam in die Koffer. Die großen Teile haben bereits die Kollegen übernommen, Herr Klinke«, flötete Fräulein Milke.
»Richtig … richtig, zusammen … machen wir, Fräulein Milke. Packen wir zusammen alles weitere ein«, erwiderte er mit Augen, die strahlten wie die LED-Leuchten.
»Fräulein«, flüsterte Jenny Glanz mit hochgezogenen Augenbrauen in Richtung ihres Chefs, als sich der Spurensicherer und die Assistentin wieder ihrer Arbeit widmeten, »wenn ich das immer höre.«
»Tja, das Fräulein Milke steht anscheinend voll da drauf wenn er sie so nennt.«
»Na, ich denke, die steht noch auf viel mehr bei ihrem Chef.«
»Sie sind doch nicht etwa eifersüchtig, Frau Glanz?«, erkundigte sich Krabbe.
»Ganz bestimmt nicht!« Jenny Glanz verzog angewidert das Gesicht.
»War Frau Doktor Keiler eigentlich schon hier?«, wechselte Krabbe das Thema.
»Nein«, Uygun schüttelte den Kopf, »die Staatsanwältin ist auf einer Party und hat schon ein paar Sekt intus. In ein paar Stunden wird sie aber frisch und munter bei der Besprechung sein. Bis dahin setzt sie vollstes Vertrauen in Sie, Chef.«
»Na, das is was! Und wann soll diese Besprechung stattfinden?«
»Ein Uhr mittags.«
Der Hauptkommissar schaute auf seine Armbanduhr.
»Zwölf Stunden. Wenn man bedenkt, dass es hier und in der Rechtsmedizin noch so einiges zu tun gibt, wird das eine lange Nacht.«
Herr Klinke kam mit seiner Assistentin wieder auf die Gruppe der drei Beamten zu. Die beiden anderen Spurensicherer hatten die Gegenstände verladen und befreiten sich bereits an ihrem Einsatzfahrzeug von ihren Schutzanzügen.
»So, wir sind jetzt aber wirklich fertig. Wenn Sie dann nichts mehr haben, Herr Hauptkommissar, würden wir …«
Weiter kam Herr Klinke nicht, denn Krabbe unterbrach ihn: »Da wäre tatsächlich noch was.«
»Oh, noch was?« Der Chef des Erkennungsdienstes drehte sich zu Fräulein Milke: »Seien Sie doch so gut, mein liebes Kind, und gehen Sie schon mal vor, ich komme gleich nach ... gleich nach.«
»Ich warte im Wagen auf Sie«, strahlte das Fräulein.
»Was kann ich also noch für Sie tun, Herr Hauptkommissar?«, fragte Herr Klinke.
Krabbe wollte gerade antworten, als die Männer vom Beerdigungsinstitut auf sie zukamen. Sie trugen einen Metallsarg, der aussah wie eine Bahre mit Deckel. Einer fragte den Hauptkommissar, ob sie den Verstorbenen jetzt wegbringen könnten. Krabbe gab die Leiche frei, ihm genügte, was er aus der Ferne gesehen hatte. Die restlichen Informationen würde er von den Fachleuten der Spurensicherung und der Rechtsmedizin erhalten. Der Hauptkommissar riss das Absperrband durch und die Bestatter betraten das Areal, auf dem vor wenigen Stunden ein Mensch sein Leben verloren hatte.
Nun konnte Krabbe dem Spurensicherer seine Frage stellen, die da lautete: Ob der Leichenfundort auch der Tatort sei. Der Mann sei zweifellos vor Ort erstochen worden, antwortete Herr Klinke. Es gebe keine Schleifspuren oder irgendetwas anderes, was darauf hinweise, dass der Leichnam auf der Bank abgelegt wurde. Nach seiner Tatrekonstruktion habe das Opfer mit dem Rücken zur Bank gestanden, als ihn das Messer traf. Dann sei er vermutlich auf die Bank gesackt, der Oberkörper sei nach vorne gefallen und so sei er dann eine Zeit lang liegen geblieben, was die konzentrierte Blutmenge am Boden zeige.
Das Gespräch geriet ins Stocken, als der Sarg mit der Leiche an ihnen vorbeigetragen wurde. Für einen Augenblick sahen die Anwesenden den Bestattern schweigend hinterher, die den Sarg zu ihrem Wagen trugen.
Hauptkommissar Krabbe war derjenige, der das Gespräch wieder aufnahm: »Aber der Leichnam saß doch auf der Bank, mit dem Rücken an der Lehne?«
»Jemand hat ihn vielleicht nach hinten gekippt«, entgegnete Herr Klinke.
»Wer könnte das gewesen sein?«, fragte Jenny Glanz.
»Vermutlich der Mörder, oder diejenigen, die die Leiche gefunden haben, wenn es sich nicht sogar um dieselben handelt«, mutmaßte Krabbe.
»Die Kollegen, die den Anruf erhalten haben, gehen nicht davon aus, dass es die Mörder waren, die den Leichenfund gemeldet haben«, erklärte Uygun.
»Wieso meinen die das?«, wollte Krabbe wissen.
»Na, das ganze Verhalten von den Jungs und so.«
»Werde ich noch gebraucht … gebraucht hier, irgendwie?«, fragte Herr Klinke.
»Das war soweit alles von meiner Seite, vielen Dank Herr Klinke.«
»Gern geschehen. Alles Weitere finden Sie detailliert in meinem Bericht … Bericht … ja. Welche Schuhabdrücke wir gefunden haben, soweit das in diesem Morast möglich war, und so weiter. Ich werde mich gleich mit meinem Fräulein Milke daransetzen und Montag haben Sie dann alles auf dem Tisch … ja, auf dem Tisch. Gute Nacht, meine Herren, und natürlich meine Dame.«
»So, das war das. Und Sie Fräul… äh, Frau Glanz, wie haben Sie denn jetzt genau von dem Mord gehört?«, wandte Krabbe sich an seine Assistentin.
Jenny Glanz berichtete, dass zwei Typen in der Disko rumgerannt waren und jedem erzählt hatten, dass sie Dracula tot auf dem Friedhof gefunden hatten. Natürlich habe das anfangs keiner geglaubt, an so einem Tag und auch weil die beiden total besoffen waren. Später sei dann die Polizei ins Moritz gekommen und habe Fragen gestellt. »Na ja, und nun bin ich hier. Und Sie, Chef, Sie sehen auch nicht so aus, als kämen Sie aus dem Bett.«
»Nanu, Jenny! Ich muss mich doch sehr wundern, woher weißt du wie unser Chef aussieht, wenn er aus dem Bett kommt?«, fragte Uygun spitz.
»Echt witzig, Nasir!«, entgegnete Jenny Glanz mit einem gespielten Lachen, »ha, ha!«.
»Das finde ich auch«, bestätigte Krabbe und fügte hinzu, »wie wäre es, Uygun, wenn Sie jetzt ins Moritz rübergehen und nachsehen, ob Sie den Kollegen von der Polizei bei den Befragungen helfen können. Heute um dreizehn Uhr Besprechung im Präsidium. Das ist doch für einen Samstag was Feines, oder?«
»Wie Sie meinen, Chef! Schöne Nacht noch«, stöhnte Uygun und wollte schon gehen, als Krabbe noch hinzufügte: »Und wie vorhin erwähnt, versuchen Sie festzustellen, ob dieser Stefan Rasmus wirklich öfter nachts nicht nach Hause kam. Wenn dem nicht so ist, müssen wir heute Nacht noch zu der alten Dame.«
»Geht klar!«, nickte Uygun und ging dann in Richtung Friedhofstor.
»So, meine liebe Frau Glanz. Ich hatte bis vor einer Stunde genauso einen schönen Abend wie Sie anscheinend. Angefangen mit einem wirklich tollen Jazzkonzert im Kieler Schloss, wobei ich ohne groß zu übertreiben meine, dass das Publikum wirklich begeistert war von den Darbietungen der Künstler«, zwinkerte er, »anschließend ging es dann auf einen Lütt un’ Lütt zu Mutti.«
»Verstehe, Lütt un’ Lütt«, zwinkerte Jenny Glanz, »darum habe ich Ihr Auto auch nicht gesehen. Und stimmt, von dem Konzert haben Sie ja erzählt. Ich dachte allerdings, das wäre erst heute, am Samstagabend, und nicht gestern an Halloween. Sie verstehen, was ich meine?«, fragte sie und schaute demonstrativ auf die Uhr ihres Smartphones, welches sie in der Hand hatte.
»Sicher! Ich denke mal, wir machen hier für heute Schluss und sehen uns bei der Besprechung. Frisch und munter, wenn ich bitten darf. Ach ja, und mit abgeschminktem Gesicht. Sieht ja scheußlich aus.«
»Oh, danke für das zweite Kompliment – diesbezüglich«, lächelte Jenny Glanz, »aber Sie haben recht«, gähnte sie, »ich werde auch nach Hause gehen, meine Partystimmung ist dahin. Und Sie?«
»Na, was denn … ?! Ich werde wohl oder übel bei unserm Leichenleser Doktor Jensen in seinem Bunker vorbeischauen müssen. Wenn Staatsanwältin Keiler das schon nicht für nötig hält. Mein Taxi steht noch vorm Eingangstor, und wie kommen Sie nach Hause?«
»Eine Freundin wartet vor dem Krematorium in ihrem Auto auf mich.«
»Na, dann haben wir denselben Weg.«
Die beiden lächelten und gingen Richtung Friedhofstor. Da piepste Jenny Glanz’ Smartphone. Die WhatsApp, die sie erhielt, ließ ihre kühlen Wangen erglühen.
Der silberne Wagen fuhr rückwärts die Auffahrt hinunter und kam vor dem Rolltor, über dem eine Außenlampe den Bereich oberflächlich ausleuchtete, zum Stehen. Die Türen des Fahrzeugs öffneten sich und die beiden Bestatter traten in die Nacht hinaus. Der Fahrer ging zum Tor und drückte auf den Klingelknopf.
»Bin gleich da!«, knackste einige Sekunden später eine männliche Stimme aus der Sprechanlage.
Die Bestatter gingen zurück zum Auto und öffneten die Hecktür des Fahrzeugs, dessen Laderaum mit Wurzelholzfurnier verkleidet war. Hochglanzpolierte Edelstahlstreifen zogen sich an den Wänden entlang und lockerten das rötlich schimmernde Furnier auf. Beleuchtet wurde der Laderaum durch dezente, in die Deckenverkleidung eingearbeitete Leuchtkörper, die auf dem Metallsarg reflektierten. Plötzlich knackste und quietschte es in die Stille der Nacht hinein. Die Männer zogen den Sarg heraus und trugen diesen durch das offene Rolltor in das Gebäude. Begrüßungsfloskeln hallten durch das Kellergewölbe, wo ein Sektionsassistent neben einem Rollwagen wartete. Die Bestatter platzierten den Sarg auf ein dafür vorgesehenes Gestell und öffneten den Deckel. Der Sektionsassistent schob den Rollwagen daneben und der Leichnam vom Parkfriedhof wechselte das Transportmittel. Der Deckel des Sargs wurde wieder aufgelegt. Die Anwesenden tauschten die nötigsten Informationen aus, dann verabschiedeten sich die Bestatter und hinter ihnen knackste und quietschte sich das Tor wieder nach unten.
Der Sektionsassistent schob den Rollwagen mit dem Leichnam an einer glänzenden Edelstahltür vorbei. Der große Kipphebel an dieser Tür öffnete das Reich der Toten, die in dem gekühlten Raum dahinter darauf warteten, dass ihre Todesursache geklärt wurde und sie der Rechtsmedizin zur Aufklärung ihres Falles nicht mehr von Nutzen waren, um schließlich ihre letzte Ruhestätte beziehen zu können. Der Mann rollte seine Fracht an dem Kühlhaus vorbei, weiter zu einem offenen Lastenaufzug. Mit ihm fuhr er nach oben. Dort schoben sich die Fahrstuhltüren fast geräuschlos auseinander. Vor dem Sektionsassistenten öffnete sich ein weiß gekachelter Raum mit graugrünen Bodenfliesen. Das grelle Neonlicht strahlte die Edelstahlschränke und die Seziertische mit ihren Ablaufrinnen an. An einer Wand hing eine Lichttafel für Röntgenbilder, darunter stand ein Schreibtisch mit einem Monitor und einer Tastatur. Auf dem Monitor wanderte eine weiße Totenkopfkarikatur auf schwarzem Grund von Ecke zu Ecke. Vor und neben dem Tisch stand jeweils ein Stuhl. Ein leicht beißender, süßlicher Geruch hing in der Luft und vermischte sich mit den scharf alkoholisch riechenden Desinfektionsmitteln.
Das war der Leichenbunker, wie der Arbeitsplatz von Doktor Jensen und seinem Team von allen genannt wurde. Die Fenster waren mit milchiger Folie beklebt, um den Raum vor neugierigen Blicken zu schützen. Gegenüber dem Fahrstuhl auf der linken Seite stand eine weiß lackierte Holztür mit einer aufgeklebten Halloween-Fratze leicht offen und ließ den Blick auf eine Reihe grauer Stahlspinde zu. Gegenüber dem Fahrstuhl auf der rechten Seite lag das Büro des Rechtsmediziners, vom übrigen Raum durch eine Glasfront abgetrennt. Dank der hochgezogenen Jalousien war Lars Jensen gut zu sehen. Er stand neben dem Schreibtisch, in seinem Mundwinkel qualmte eine Zigarette, der Blick war auf die Papiere in seinen Händen geheftet.
Die Lüftungsanlage surrte, als der Sektionsassistent von einem Kollegen in Empfang genommen wurde und der Leichnam ein weiteres Mal seine Liegefläche wechselte, indem die beiden Sektionsassistenten den leblosen Körper vom Rollwagen auf einen der drei Seziertische hoben.
Leise Schneide- und Reißgeräusche schwangen durch den Raum. Stoff wurde durchtrennt. Mit einer Chirurgenschere öffneten die Männer vorsichtig die Oberbekleidung seitlich an den Nähten, um sie über das Messer zu bekommen. Anschließend zogen sie dem Toten die Hose aus. Von jedem Arbeitsgang wurden Fotos angefertigt. Von all dem merkte der Mann, der noch vor wenigen Stunden auf seinen Namen, Stefan Rasmus, reagiert hätte, nichts mehr. Die Kleidungsstücke und der Inhalt der Taschen wurden auf einem weiteren Seziertisch übersichtlich ausgebreitet und abgelichtet. Einer der Männer griff immer wieder zum Diktiergerät und dokumentierte die Vorgehensweise, bis der Körper auf dem Edelstahltisch nackt vor ihnen lag, nur das Messer steckte noch in seinem Bauch, und zwar genau so wie auf dem Friedhof. Es bedurfte äußersten Geschicks und großer Erfahrung seitens der Sektionsassistenten, die Position der Tatwaffe nicht zu verändern. Sie durfte weder weiter in den Körper gedrückt werden noch durfte sie ihn auch nur um einen Millimeter verlassen.
Aus dem Raum mit den Stahlspinden kamen zwei weitere Kollegen. Eine Frau und ein Mann. Wie die Anwesenden trugen sie grüne Kittel, unter denen weiße Hosenbeine hervorschauten. Die Füße aller Anwesenden steckten in grünen Chiroclogs, die Hände in milchigen Einweghandschuhen aus Latex. Ihre Köpfe zierten grünliche Kopftuchhauben, die verhinderten, dass auch nur ein einziges Haar auf den Leichnam fiel. Nach einer kurzen Begrüßung holten die beiden Hinzugekommenen chirurgische Instrumente aus den Schränken und legten sie für die bevorstehende Arbeit zurecht. Metallschubladen wurden klappernd geöffnet und geschlossen.
Es war zwei Uhr morgens, als Hauptkommissar Krabbe den Sektionssaal durch eine Tür neben dem Fahrstuhl betrat, an der ein weißes Kunststoffskelett mit Piratentuch, Augenklappe und Säbel neben einem ausgeschnittenen orangefarbenen Papierkürbiskopf baumelte. Er begrüßte die Anwesenden mit einem »Moin, alle miteinander!«
»Moin, moin!«, echote es ihm entgegen. Noch ehe ein weiteres Wort fallen konnte, ging die Tür erneut auf, und Krabbe verschwand ungewollt dahinter. Auf schwarzen Plateauschuhen mit breiten Absätzen betrat eine weitere Person den Raum. Unter dem dunkelroten, knielangen Wollmischgewebemantel mit Kapuze schauten schwarze Nylonnetzstrümpfe heraus.
»Hallo, meine Lieben!«, flötete sie in den Raum.
»Moin«, »Hallo!«, »Moin«, kam aus drei Mündern zurück.
»Moin, Mausberg«, grüßte auch Krabbe. Die Person zuckte zusammen und fuhr herum.
»Tschuldigung«, sagte Krabbe und trat hinter der selbstschließenden Tür hervor, »ich wollte Sie nicht erschrecken. Ich dachte, euch hier kann nichts mehr so leicht aus der Fassung bringen.«
»Ach, Sie sind es!«, atmete die Person beruhigt aus und meinte dann: »Das gilt vielleicht für den da«, mit dem Kopf wies sie in Richtung Büro des Rechtsmediziners, »aber ich habe mir meine sensible Seite noch nicht abjagen lassen.«.
»Na, dann bin ich ja beruhigt … und Sie? Hat man Sie auch von einer Halloween-Party weggeholt?«, fragte Krabbe und schaute in das Gesicht von Ronny Mausberg. Die Lippen waren mit einem kräftigen Bordeauxrot aufgepeppt, Reste von schwarzem Kajal hingen an den mit langen schwarzblauen Kunstwimpern versehenen Augen und an den Brauen. Auf Wangen, Kinn und Stirn waren noch Reste von weißer Theaterschminke zu erkennen.
»Herr Krabbe, wie sind Sie denn darauf gekommen?«, grinste Mausberg. »Na ja, aber ich wusste es ja schon immer, dank Ihrer scharfsinnigen Beobachtungsgabe sind Sie ein so guter Kriminologe«, zwinkerte er.
»Und als scharfsinniger Beobachter lassen Sie mich raten: Unter Ihrem entzückenden Mantel befinden sich Strapse und obenrum tragen Sie so etwas wie ein schwarzes Korsett.«
»Na, da wollen wir doch mal nachsehen, ob Sie recht haben.« Mausberg öffnete den Wollmantel und stellte ein Bein vor das andere. »Tataaa! Na, was sagen Sie?! Frank N. Furter … wie er leibt und lebt«, präsentierte er sich und legte den Kopf mit den leicht gelockten schwarzen Haaren nach hinten.
»Ach, Mäuschen, kannst du deine Rocky Horror Show nicht später abhalten? Wir müssen hier arbeiten«, mischte sich eine rauchige Stimme in das Gespräch. Sie gehörte Rechtsmediziner Jensen, der unbemerkt von Krabbe und Mausberg aus seiner Glasbox getreten war. Jetzt richtete sich der etwas nach vorne gebeugte Mann an den Hauptkommissar: »Moin, Hummer! Du hier zu so früher Stunde?«
»Wie du siehst, Lars.«
Jensen schaute Mausberg abwartend an. Die strohblonden, dünnen, kurzen Haare klebten regelrecht auf seinem Kopf, und im Gegensatz zu seinem Assistenzarzt wies die Haut des Rechtsmediziners immer eine vornehme Blässe auf.
»Und was ist mit dir, Mäuschen?«, knurrte Jensen, »willst du so bleiben oder werden meine Augen von diesem entsetzlichen Bild befreit werden, indem du deinen Körper in die hier angesagte Kleidung verfrachtest? Du bist hier schließlich nicht auf einer deiner fragwürdigen Partys.«
»Pah! … Die Partys, auf die ich zu gehen pflege, sind ganz und gar nicht fragwürdig. Kommen Sie doch endlich mal mit und überzeugen Sie sich selbst.«
»Himmel bewahre, eher würde ich mich auf ewig hier mit unseren kalten Kunden einschließen lassen.«
»Pöh, das tun Sie doch sowieso schon. Wann sind Sie denn das letzte Mal hier rausgekommen? Und außerdem, so einen Griesgram wie Sie wollen wir sowieso nicht bei uns haben.« Mit erhobenem Kopf und großer Geste schloss Mausberg den Mantel.
»Und du, Hummer, willst du unserer fachmännischen Obduktion beiwohnen?«, fragte Jensen den Hauptkommissar.
»Du weißt ganz genau, dass es mich ankotzt, wenn du mich so nennst«, empörte sich Krabbe.
»Klar, darum mache ich es ja auch! Also komm, wir gehen in mein Büro … Schalentier!«, grinste der Mediziner.
»Wie halten Sie es bloß mit diesem Ekel aus, Mausberg?«
»Ach, Sie wissen doch, meiner Meinung nach sind es gerade die bedürftigen Lebewesen, die unsere besondere Zuneigung benötigen.«
»Ich werde dir gleich Zuneigung geben«, drohte Jensen, »und jetzt zieh dich um, nimm dir ein Beispiel an deinen Kollegen.«
Mausberg verzog das Gesicht. Mit einem weiteren »Tsss!« drehte er sich um, ging in Richtung der weiß lackierten Tür und griff im Vorbeigehen nach einem gelben Kaffeebecher, der auf einem Beistelltisch stand. Der Aufdruck des Bechers war einem Stück Käse nachempfunden, aus dessen Löchern Mäuse herausschauten.
Krabbe und Jensen betraten das Büro. Der Blick des Hauptkommissars blieb sofort auf dem Schreibtisch haften. Darauf standen gleich drei überquellende Aschenbecher. Rund um den Monitor und die Tastatur türmten sich stapelweise Papiere; unzählige Kugelschreiber, Büroklammern und Prospekthüllen lagen verstreut herum. Der Rechner unter dem Tisch surrte neben zwei überlaufenden Papierkörben, die Regale an den Wänden waren randvoll bestückt mit Aktenordnern und Fachliteratur.
Hier soll ein Studierter, ein im ganzen Bundesgebiet hoch angesehener Doktor seines Fachs und Universitätsdozent, seiner Arbeit nachgehen? Das glaubt doch keiner!, schoss es Krabbe bei dem Anblick durch den Kopf.
»Mann, was ist das für eine Luft hier drin bei dir?«, schimpfte er, »und das sieht ja noch schlimmer aus als beim letzten Mal, als ich mich hierher verirrt habe.«
»Tut mir wirklich sehr leid, aber die Fenster sind kaputt und die Lüftung ist hier drin leider ausgefallen. Im Sektionssaal funktioniert sie, aber hier! Nach meiner Meinung sollte man den alten Kasten gnadenlos abreißen und neu bauen. Aber auf mich hört ja keiner … und was soll das heißen: schlimmer als beim letzten Mal? Ist doch mindestens ein halbes Jahr her, dass du mir die Ehre erwiesen hast.«
Der Rechtsmediziner griff zu der Zigarettenschachtel auf dem Tisch, fingerte eine Zigarette heraus und zündete sie an.
»Meinst du nicht, dass hier schon genug Qualm ist? Brauchst doch bloß tief einzuatmen. Außerdem ist das Rauchen in diesen Gebäuden verboten.«
»Und wer soll mir das verbieten? Du etwa?«
Krabbe war diese Diskussion zu dumm, er wechselte das Thema. »Wie ich gehört habe, warst du nur kurz am Tatort. Wie bist du so schnell zu dem Ergebnis gekommen, dass es ein … wie sagte Uygun so schön … kaltblütiger Mord gewesen ist, der nicht im Affekt geschah?«
»Also, zum einen ist es auffällig, wie das Messer in dem Toten steckte. Dann der Ort an sich. Ich vermute, da sind zwei in Streit geraten, einer zog das Messer und stach zu.«
»Aber dann ist es doch ein Mord im Affekt?«
»Nicht ganz, da das Messer gezogen wurde, um es zu benutzen, oder der Täter hielt es bereits in der Hand. Es war nicht irgendein herumliegender Gegenstand.«
»Das ist mir zu einfach gedacht.«
»Warum muss es denn immer kompliziert sein? Hat uns nicht unsere jahrelange Erfahrung gelehrt, dass die Lösung in den meisten Fällen in der Einfachheit liegt. Ja, es ist doch geradezu banal, wie ein Mord meist zustande kommt. Denk doch nur an die beiden, die sich wegen eines Parkplatzes fast umgebracht haben.«
»Gut, kommen wir noch mal auf das Jagdmesser zu sprechen.«
»Also, ich bin zwar kein Waffenexperte, aber so, wie es für mich aussieht, handelt es sich nicht um ein Jagdmesser, eher um ein sogenanntes Überlebensmesser … Sehen wir es uns noch mal an.«
Der Rechtsmediziner setzte sich an den Schreibtisch, ließ den Mauszeiger über den Monitor wandern und klickte auf den Ordner mit den Bildern, die er vom Tatort gemacht hatte. Krabbe stand hinter ihm und schaute mit auf den Bildschirm.
»Wie du unschwer auf diesem Foto erkennen kannst, wenn du dir die fünf Zentimeter der Klinge anschaust, die noch aus dem Leichnam herausschauen«, belehrte ihn Jensen und zoomte den Ausschnitt heran, auf dem das Messer zu sehen war, »besitzt dieses Messer eine Art Säge gegenüber der Schneide, der Griff müsste hohl sein und hat einen Schraubverschluss, in dem zumeist ein Kompass eingearbeitet ist. In dem Griff können Kleinteile wie Angelhaken, Pflaster oder Ähnliches wasserdicht untergebracht werden.«
»Mir ist egal, wie genau das Ding heißt und welche Funktionen es hat. Für mich ist in erster Linie von Bedeutung, wer es benutzt hat, um Stefan Rasmus zu erstechen, und warum er oder sie das getan hat. Und wer zum Teufel läuft mit so was hier in Kiel auf offener Straße rum?«
Lars Jensen zog an seiner Zigarette und inhalierte. Krabbe betrachtete intensiv die Mordwaffe auf dem Bildschirm und überlegte dann laut: »Bedarf es nicht einer enormen Kraft, einem ausgewachsenen Mann so ein großes Messer bis fast zum Anschlag in den Bauch zu rammen?«
»Kommt drauf an. Zum einen ist der Bauch ziemlich weich. Denn er hat ja keinen harten Panzer wie das Brustbein oder die Rippen. Und wenn der Gestochene dann auch noch in Richtung Täter kippt, gleitet das Messer wie von selbst in ihn hinein.«
»Aber dann muss der Täter doch erst recht stämmig sein, sonst würde er doch unter seinem Opfer begraben werden, wenn es nach vorne kippt?«
»Das müsste man ausprobieren. Doch ich denke mir, der Täter könnte reflexhaft im richtigen Moment den Körper zurückgestoßen und dabei die Schwungkraft genutzt haben. So könnte das Opfer dann auf seinem Hintern gelandet sein und wie doof auf der Bank gesessen haben.«
Der Rechtsmediziner stand auf und demonstrierte das, indem er den Erstochenen spielte. Er beugte sich kurz vor, kippte dann mit aufgerissenen Augen zurück und landete schließlich mit weit gespreizten Armen auf seinem Stuhl. Zum Abschluss der Darbietung ließ er die Zunge aus dem verzogenen Mund raushängen.
»Du bist so was von unmöglich, Lars Jensen! Warst du eigentlich schon immer so, oder erst seitdem du dich hier eingesperrt hast?«
»Das war nie anders, und ich arbeite täglich daran, meine Technik zu verfeinern.«
