Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Als die 33-jährige Amelie wegen fahrlässiger Tötung mit unterlassener Hilfeleistung zu einer fünfjährigen Haftstrafe verurteilt wird, ändert sich das Leben der jungen Frau von einem Tag auf den anderen für immer! Das bekommt sie auch nach ihrer Haftentlassung bitter zu spüren. Sie fasst einen Entschluss: Sie will ihre Unschuld beweisen, koste es, was es wolle! Welchen Gefahren sie sich dabei aussetzt, ist ihr zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht bewusst.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 269
Veröffentlichungsjahr: 2019
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Oktober 2017
Ein neuer Anfang
Die erste Nacht außerhalb der JVA
Kanzlei Schmidt
Auf den Spuren nach Erinnerungen
Melitta
Villa Roth
Ein Hoffnungsschimmer?
Im brandenburgischen Süden
Hohler 26
Reichenbach an der Fils
Eine unsichtbare Falle
Unerwartete Hilfe
Die Wende
Der Durchbruch
Gerichtsverhandlung gegen Rebecca
Aussage von Rebecca Zeltis
Weitere van Marvik Bücher
Zusätzlich erschienen
Amelie schreckte auf, und obwohl sie jetzt auf einen Schlag hellwach war, sah sie Eva weiter vor sich. Sie lag im Abgrund – ihr Körper verdreht, den Kopf in einer Blutlache, das Gesicht verzerrt. Amelies Herz raste. Sie setzte sich auf. Es dauerte einige Sekunden, bis sie realisierte, dass sie nicht auf der Almhütte, sondern im Bett ihrer Zelle lag. Der schwache Lichtkegel aus dem Innenhof des Gefängnisses erhellte auf seiner Runde für einen kurzen Augenblick den Raum, dann war er auch schon wieder weg.
Noch verwirrt von dem Albtraum, wischte sie sich die schweißnassen Haare aus der Stirn und starrte an die Wand, die ebenso leer war wie ihr Inneres. Sie zog das durchgeschwitzte T-Shirt aus und rieb sich damit ihren Körper trocken. Ein Blick auf die Armbanduhr zeigte ihr, dass sie sich erst in zwei Stunden auf den Weg in die Freiheit machen würde, eine Freiheit, die man ihr vor fünf Jahren genommen hatte. Bis heute wusste sie nicht, ob sie das, wofür sie verurteilt worden war, wirklich getan hatte. Es fehlte ihr die Erinnerung von dem Abend, an dem das alles passiert war. Sosehr sie sich auch das Gehirn zermarterte – dieser Abend blieb wie ausgelöscht, nicht vorhanden. Fünf Jahre wegen fahrlässiger Tötung hatte sie bekommen …
Mit einem Gefühl endloser Schwere schob sie die Bettdecke von sich und ging die vier Schritte bis zum Waschbecken. Erst als sie sich das eiskalte Wasser ins Gesicht spritzte, nahm sie sich selbst wieder wahr und der Albtraum verblasste. Anschließend drückte sie das Gesicht kurz in das raue Handtuch und wandte sich danach dem Stuhl zu, auf dem seit gestern Abend neben der Gefängniskleidung auch ihre eigene lag. Sie ging hinüber, strich über die alte, verwaschene Jeans und den dünnen hellbeigefarbenen Pullover und zog beides an. Als sie den Knopf der Jeans schloss, fiel ihr auf, dass die Hose am Bauch fast eine Handbreit Luft hatte. Auch der Pullover, der ihren Oberkörper früher eng umschlossen hatte, schlabberte um sie herum.
„Wenigstens die Turnschuhe werden noch passen“, murmelte sie, holte sie unter dem Bett hervor und zog sie an. Anschließend nahm sie die Strickmütze vom Regal und stülpte sie sich tief in die Stirn. Nur die schwarze Strähne ließ sie hervorschauen. Danach blieb ihr nur noch übrig, die Bettwäsche abzuziehen und die Handtücher und die Gefängniskleidung zusammenzulegen, die sie später in der Wäschekammer abgeben musste. Der Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass noch immer viel Zeit übrig war. Sie setzte sie sich auf den Stuhl und starrte auf die Tür. In weniger als zwei Stunden konnte sie endlich wieder eigene Entscheidungen treffen, ohne dass das Regelwerk der JVA ihr dazwischenfunken konnte. Und … das Erste, was sie tun würde, war, herauszufinden, ob sie wirklich zu Recht verurteilt worden war. Trotzdem, zuerst würde sie sich um die neue Arbeit kümmern müssen. Sie hatte unverschämtes Glück, dass eine ihrer vielen Bewerbungen scheinbar den richtigen Adressaten gefunden hatte. Schon am Mittwoch hatte sie das Einstellungsgespräch. Sie verdrängte den Gedanken daran, dass es eventuell schiefgehen konnte. Hilfe bei dem, was sie da draußen zu bewältigen hatte, konnte sie so oder so keine erwarten. Ihre Freunde hatten sich nach ihrer Verurteilung schneller von ihr abgewandt, als sie gucken konnte. Ihr Verlobter hatte sich unmittelbar nach ihrer Verhaftung von ihr getrennt. Es tat noch immer weh.
Sie erhob sich vom Stuhl und lief unruhig hin und her. Warum ging die Zeit so langsam rum? Doch dann hielt sie an und horchte. Es waren Schritte auf dem Gang zu hören. Sie endeten vor ihrer Zellentür. Kurz darauf wurde sie aufgeschlossen. Max trat ein. Kaum war er drin, schloss sich die Tür auch schon wieder hinter ihm.
„Guten Morgen, meine Liebe, lass dich ansehen.“ Er nahm sie an den Schultern und strahlte sie über das ganze Gesicht an, wofür er den Kopf ein Stück weit in den Nacken legen musste, denn Amelie überragte ihn um fast einen Kopf. „Ich freue mich so für dich, dass du das alles hier jetzt hinter dir hast! Aber trotzdem werde ich dich vermissen.“
„Ach Max!“ Sie umarmte ihn. „Mir werden die Gespräche mit dir auch fehlen. Ohne dich hätte ich die Zeit hier drin nie überstanden. Ich wäre an meiner Wut erstickt.“
Max strich sich verlegen über sein spitzes Kinn. „Ich habe gehört, dass du den alten Laptop an Sybille weitergegeben hast. Das freut mich. Sie gehört ja auch zu meinen Schützlingen.“
„Du bist ein echter Freund.“
Er grinste spitzbübisch, griff in seine Tasche und brachte ein Handy zum Vorschein. „Hier, für dich! So kannst du mich anrufen, wenn du Hilfe brauchst.“
„Du bist der Beste! Und klar werde ich dich anrufen, aber ich hoffe nur, um dir berichten zu können, wie gut alles läuft!“
„Das wird es, du wirst sehen! Pass gut auf dich auf, du weißt, dass ich dich hier hinter diesen Mauern nicht mehr sehen will.“
„Logisch nicht.“ Sie musste lächeln. „Ich hoffe nur, ich vermassele das Einstellungsgespräch nicht. Wenn ich diese Arbeit bei diesem Rechtsanwalt Schmidt bekommen würde, wäre das wirklich der ideale Start für da draußen!“
„Das wird schon klappen, mach dir keine Sorgen. Ich habe gestern noch einmal mit ihm telefoniert. Er ist total beeindruckt, dass du hier im Knast acht Semester Jura studiert hast. Er wartet schon auf dich! Ihm ist es egal, ob du vorbestraft bist. Im Übrigen hat er sich darauf spezialisiert, zu Unrecht Verurteilten zu ihrem Recht zu verhelfen. Du bist dort genau richtig! Also, hol dir dein Leben zurück!“
„Und ob, ich schwöre es.“
„Bevor ich es vergesse …“ Max griff in seine Hosentasche und zog einen Zettel und einen Schlüssel hervor. „Das hier sind der Schlüssel und die Adresse für die Wohnung, die ich dir besorgt habe. Sie ist sogar in der Nähe deiner neuen Arbeitsstelle. Und fürs Erste übernimmt das Amt die Kosten.“
Die Zellentür ging auf. Eine der Wärterinnen schaute herein. Es war Regina. „Du kannst frühstücken gehen“, meinte sie und ließ die Tür gleich offen.
„Jetzt heißt es Abschied nehmen.“ Amelie bückte sich zu Max hinunter, umarmte ihn und hielt ihn einige Sekunden fest. Als er die Umarmung löste, wirkte er gerührt und drückte ihr noch einmal fest die Hände. Er ging aus der Zelle, drehte sich um, winkte ihr aufmunternd zu und verschwand um die Ecke. Sie lauschte den hallenden Schritten hinterher, bis sie nicht mehr zu hören waren.
Für einen Augenblick glaubte sie, es wirklich schaffen zu können. Es wurde Zeit, den Aufenthaltsraum aufzusuchen. Etwas essen konnte sie sicherlich nicht, dazu war sie viel zu aufgeregt. Dennoch nahm sie ihr Frühstück, das am Vorabend ausgegeben worden war, vom Regal und machte sich auf den Weg. Es war ihr wichtig, ein letztes Mal mit diesen Frauen zu frühstücken, bevor sie sich verabschieden würde. Mit gemischten Gefühlen betrat sie den hellgrau gestrichenen Aufenthaltsraum. Nur die Bilder mit den Motiven der Schwäbischen Alb an den Wänden unterbrachen den ansonsten in eintönigem Hellgrau gestrichenen Raum. Vier Frauen waren bereits am Frühstücken. Mit keiner von ihnen hatte sie einen engeren Kontakt gehabt, und auch heute rief sie ihnen nur ein kurzes „Guten Morgen“ zu.
Erst als sie weiter in den Raum trat, sah sie auch Sybille. Mit ihr war sie sehr eng befreundet. Sybille stand an der kleinen Küchenzeile und kochte Kaffee. Sie hatte ihr den Rücken zugewandt, aber mit den raspelkurzen Haaren und dem Tattoo im ausrasierten Nacken konnte man sie kaum verwechseln. Amelie rief auch ihr einen Gruß zu und nahm wie gewöhnlich ihren Stammplatz an dem hintersten Tisch ein. Sybille brachte den Kaffee und setzte sich mit einem breiten Grinsen links neben sie. „Na … und …? Kannst es sicher kaum noch erwarten, wie?“
Jetzt betrat auch Vicky den Raum. Sie war klein, hager und hatte Brandwunden auf ihrer linken Gesichtshälfte. Auch mit ihr war Amelie befreundet. Vicky setzte sich neben sie und stupste sie in die Seite. „Wow, du bist überhaupt nicht wiederzuerkennen in deiner privaten Kleidung. Was sagst du, Sybille? Ich habe doch recht, oder?“ Vicki lachte. „Komm, steh noch mal auf, ich will dich ansehen!“
„Mach schon – uns zuliebe“, bettelte nun auch Sybille.
Amelie gab sich geschlagen und stellte sich lachend vor ihnen auf.
„Wenn es mit deinem Job nicht klappt, bewirb dich als Model. Bei deiner Figur und deinen langen Beinen reißen sie sich bestimmt um dich. Du wirst sehen! Die Hose enger geschnallt und einen Gürtel um den zu weiten Pulli und schon ist alles im grünen Bereich.“ Sybille kicherte.
Es tat so gut, ihre Freundinnen lachen zu hören. Sie würde sie vermissen. „Mädels, macht mal halblang. Ich bin 33 – viel zu alt, um noch Model zu werden. Aber danke für das Kompliment.“
Ihre Freundinnen nickten und widmeten sich weiter dem Frühstück. Auch sie schmierte sich ein Brot, obwohl sie noch immer befürchtete, keinen Bissen herunterzubekommen.
Die Tür flog auf und Roswitha trat in den Raum – übellaunig wie immer. Ihr Hängebackengesicht hätte jedem Bluthund zur Ehre gereicht, dachte Amelie und sah, wie Roswitha auf sie zugewalzt kam. In der Tat machte sie erst vor ihrem Tisch halt, stellte sich breitbeinig vor ihr auf und schaute Amelie mit hasserfüllten Augen an. Roswitha stützte ihre dickwanstigen Hände auf der Tischplatte ab und sah sie mit zusammengekniffenen Augen an. „Du bist bald wieder hier drinnen, wetten?“
Amelie zwang sich, ruhig zu bleiben. Betont langsam erhob sie sich von ihrem Stuhl. „Lass uns in Ruhe frühstücken.“
„Ach, wie? Jetzt, wo du entlassen wirst, riskierst du ’ne große Lippe?“
Gerade noch rechtzeitig sah sie, wie Roswithas tätowierter Arm nach vorn schoss, blitzschnell wich sie zurück. Das Auftreten dieses Mannsweibes nervte sie gewaltig. Sie schluckte die Wut, die in ihr aufstieg, hinunter und zischte nur: „Lass – uns – in – Ruhe – frühstücken.“
„Ah, du willst Streit!“ Roswitha griente.
Amelie fühlte regelrecht die frostige Stille, die schlagartig den Raum erfüllte. Kaum machte Roswitha einen neuen Schritt auf sie zu, erhoben sich Sybille und Vicky von ihren Stühlen. Ihre Freundinnen schoben sich zwischen sie und Roswitha. Auch die anderen vier Frauen legten ihr Frühstück zurück auf die Teller, standen auf und bildeten einen Halbkreis um Amelie. Es war allen klar, was Roswita mit dem Streit bezwecken wollte: Sie wollte einen Aufschub für Amelies Entlassung bewirken.
„Du hast es offensichtlich noch immer nicht überwunden, dass ich deinen Drogenhandel hier drinnen vereitelt habe, oder?“ Amelie hielt ihrem Blick stand. „Du hast dich doch dafür gerächt, indem du mich krankenhausreif geschlagen hast. Was willst du jetzt noch?“
Die anderen Frauen machten Roswitha unmissverständlich Zeichen zu verschwinden. „Wie du siehst, kannst du heute nichts erreichen“, knurrte Sybille Roswitha an. „Wir sind zu viele. Also lass es gut sein.“
Roswithas Versuch, die Frauen mit ihrem schweren Körper zurückzudrängen, misslang.
Amelie wusste, dass sie diesem Spuk hier ein Ende setzen musste. Sie wollte nicht, dass die Frauen jetzt doch noch in ihren alten Kampf mit Roswitha reingezogen wurden. Sie bat die vier Frauen, wieder ihren Frühstücksplatz einzunehmen. Doch kaum setzten sich die Frauen in Bewegung, trat Roswitha erneut schwer schnaufend an sie heran. Im gleichen Moment ging die Tür erneut auf. Petra, eine der Aufseherinnen, schaute herein und erfasste auf einen Blick die Situation. Sie forderte Roswitha auf, den Frühstücksraum zu verlassen. Diese protestierte lautstark, schimpfte und fluchte. Kurz bevor sie den Raum verließ, drehte sie sich noch einmal um und bullerte: „Dann tragen wir das eben draußen aus! Ich habe nur noch acht Monate und sei gewiss: Ich finde dich. Zieh dich schon mal warm an!“
„Wenn du nicht aufhörst mit den Drohungen, sorge ich dafür, dass dir ein paar Monate drangehängt werden“, hörte Amelie Petra kontern, während sie Roswitha nach draußen zerrte und die Tür hinter sich schloss.
„Wieso ist Petra aufgetaucht?“, fragte Sybille verwundert.
„Ich … ich habe sie gerufen.“ Alle drehten sich um. Es war Ilona, die Neue. Amelie hatte sie gar nicht hereinkommen sehen.
„Das darf Roswitha nie erfahren, hört ihr?“ Amelie sah alle beschwörend an. „Sonst hat Ilona keine ruhige Minute mehr. Versprecht es mir!“
„Danke, du hast was gut bei uns, Ilona“, erwiderte Vicky. Keine der Frauen dachte noch ans Frühstücken. Sybille zog Amelie an sich. „Komm, lass dich noch mal richtig drücken!“ Sybille umarmte sie so fest, dass Amelie kaum noch Luft bekam.
„Bau ja kein Mist“, hörte sie Sybille in ihr Ohr flüstern.
„Lass sie los, du erdrückst sie ja. Ich will mich auch verabschieden“, vernahm sie Vickys Stimme. Kaum hatte Sybille sie freigegeben, drückte Vicky sie auch schon. „Finde den, der dich in den Knast gebracht hat!“
„Mach ich!“ Amelie spürte plötzlich einen Kloß im Hals, der auch nach mehrmaligem Schlucken nicht weichen wollte. Sie hatte die beiden Frauen in ihr Herz geschlossen. Fast vier Jahre verbrachten sie miteinander in diesem Trakt.
Die schrille allmorgendliche Sirene ertönte. Schlagartig wurde es still. Sie alle wussten, die Arbeitszeit begann. Sie mussten pünktlich sein.
Die vier anderen Frauen verabschiedeten sich mit einem Handschlag und einem aufmunternden Spruch auf den Lippen. Leonie drückte ihr ein Erinnerungsstück in die Hand. Sybille und Vicky umarmten sie erneut. Amelie war überwältigt und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Tschüss“, mehr konnte sie nicht sagen. Nie hätte sie es für möglich gehalten, dass es ihr so schwerfallen würde, sich zu verabschieden. Dann gingen auch die Freundinnen und der Raum wirkte plötzlich wie leer gefegt. Amelie atmete flach, schloss für einige Sekunden ihre Augen und war überwältigt von der Solidarität, die ihr vor wenigen Minuten entgegengebracht worden war.
Nachdenklich ging sie durch den Gang, zurück in ihre Zelle. Wieder wurde sie zum Warten gezwungen. Aber es würde das letzte Mal sein.
Eine knappe halbe Stunde später erschien Marlies im Türspalt.
„Guten Morgen Amelie. Ich habe extra meinen Dienst getauscht. Es ist doch in Ordnung, dass ich dich hinausbegleite?“ Ein verschmitztes Lächeln folgte. Ihr breites, sommersprossiges Gesicht strahlte noch heller als sonst.
„Und wie das für mich in Ordnung ist!“ Amelie trat ihr erfreut entgegen und hätte Marlies am liebsten umarmt, aber sie wusste genau, dass jeder körperliche Kontakt zu den Wärterinnen verboten war.
„Oh Mann!“ Marlies strich ihr feines Haar zurück und sah sie an. „Ich werde dich echt vermissen!“
„Meinst du meine Tipps beim Schachspielen oder wirklich mich?“, feixte Amelie.
„Natürlich nur die Tipps!“ Marlies lachte auf. „Komm, pack deine Wäsche, wir müssen eine Etage tiefer.“ Sie steckte ihre Hände in die Hosentasche ihrer Uniform und wartete. Amelie griff nach dem Bündel und gemeinsam liefen sie den schmalen Gang entlang. „Mensch, Marlies, meinst du, ich werde mich da draußen überhaupt noch zurechtfinden?“
„Nanu, höre ich da etwa Panik in deiner Stimme?“
Amelie schwieg. Sie konnte es sich selbst nicht erklären, ob es Panik vor dem Ungewissen war, die ihren Puls schneller schlagen ließ. „Da habe ich so lange auf diesen Tag gewartet – und jetzt habe ich Fracksausen. Ist das nicht verrückt?“
„Nein, das ist normal. Du kannst nicht abschätzen, was auf dich zukommt. Aber du wirst bald wieder auf eigenen Beinen stehen. Du bist stark, hast Biss. Du schaffst den Sprung da draußen. Bevor du hierhergekommen bist, hattest du einen tollen Beruf, Freunde und gutes Auskommen. Hol es dir zurück! Sieh nach vorn.“ Marlies blieb stehen. „Du wirst die Wahrheit herausfinden. Den Rest lässt du die Justiz machen.“
„Die Justiz?“ Amelie biss sich auf die Lippen. „Die hat mich doch hiereingebracht!“
„Hey, lass keine Wut aufkommen. Du bremst dich nur selbst. Hier meine private Handynummer, ruf mich an, wenn du Hilfe brauchst.“ Sie drückte ihr einen Zettel in die Hand. Amelie steckte ihn in ihre Hosentasche. Mehr zu sich selbst sagte sie: „Ja, ich werde die Wahrheit herausfinden. Egal wie lange es dauern wird.“
Marlies nickte. Es war alles gesagt. Ihre Schritte hallten, als sie den langen, dunkelgelb gestrichenen Gang hinunterliefen. Im Vorbeigehen registrierte Amelie die Namensschilder, die an jeder der verschlossenen Stahltüren hingen. Plötzlich hatte sie es sehr eilig, hier herauszukommen. Ihre Schritte wurden augenblicklich schneller. Kurz darauf kamen sie an der Tür zur Wäschekammer an. Die Wärterin, die die Wäsche entgegennehmen sollte, grüßte mit einem Kopfnicken. Als Amelie ihr alles ausgehändigt hatte, bekam sie, nachdem die Wärterin es kontrolliert hatte, die Empfangsbestätigung. Sie gingen weiter in den nächsten Raum. Dort würde sie ihre Entlassungspapiere bekommen. Wieder ein vergitterter grauer Raum, fast ohne Licht. Hinter dem Schreibtisch erhob sich ein Wärter, dessen Mundwinkel nach unten gezogen waren. Schlecht gelaunt kam er auf sie zu.
„Sind Sie Amelie Hardt?“
Sie bejahte. Marlies drückte sich an ihr vorbei und überreichte dem Mann die Papiere zum Abstempeln. Er nickte, holte die übrigen Papiere aus dem Regal und schob sie Amelie hin. Ihre Hände zitterten, als sie das angesparte Geld von 1.088,75 € und das Kästchen mit dem Verlobungsring und der Halskette, die sie am Tag ihrer Verhaftung getragen hatte, entgegennahm. Als Letztes griff sie ihren kleinen verschlissenen Rucksack und packte die gerade erhaltenen Utensilien hinein. Als sie die Empfangsbestätigung unterschreiben musste, war sie so aufgeregt, dass sie kaum den Kuli halten konnte. Hastig legte sie den Stift zurück in die dafür vorgesehene Schale, drehte sich ohne einen weiteren Gruß um und ging zum Ausgang. Marlies folgte ihr.
„Bald ist es geschafft“, hörte sie Marlies hinter sich sagen, als sie den Gang überquerten, der zum Ausgang des Gebäudes führte. Langsam öffnete sich die große eiserne Schiebetür der JVA vor ihr.
„Holt dich jemand ab?“, wollte Marlies wissen.
„Nein. Es gibt niemand, der sich für mich interessiert.“
Marlies griff nach ihrer Hand, hielt sie fest und warf ihr einen eindringlichen Blick zu. „Du schaffst das, ganz bestimmt.“
Amelie nickte, sie schluckte die Tränen hinunter. Es fiel ihr schwerer als gedacht, sich von Marlies zu verabschieden. Sie drückte ihre Hand. Das Tor stand nun offen und Marlies lächelte ihr aufmunternd zu. Amelie atmete tief ein, hielt die Luft an und stieß sie dann mit einem kurzen kräftigen Stoß aus ihrer Lunge. Als sie durch das Tor hindurchging, hörte sie, wie sich hinter ihr die große eiserne Schiebetür schloss.
Nun stand sie außerhalb der Gefängnismauern … Sie kniff ihre Augen zu und zog tief die feuchte Luft durch ihre Nase. Es roch anders, frischer als hinter den Mauern.
Sie war frei! Geschafft!
Aber es fühlte sich unwirklich – nicht real – an. Dennoch … Sie war draußen! Sie durfte nun kochen und essen, was ihr schmeckte, fernsehen, wann sie wollte, Musik hören, durchschlafen können, ohne Angst haben zu müssen, nachts angefasst oder aus dem Bett geholt zu werden … Endlich … selbst im Leben stehen und keine Bevormundung mehr. Es war vorbei, wirklich vorbei!
Sie sog die feuchte Luft so tief in ihre Lungen, dass ihr schwindlig wurde. Amelie riss sich zusammen, konzentrierte sich auf die Umgebung und hob den Kopf. Ihr Blick blieb an den tief hängenden, dunkelgrauen Wolken haften. Als Nächstes sah sie auf die Straße und bemerkte, dass sie noch menschenleer war. Auf dem Vordach eines Hauses hörte sie eine Taube gurren. Ein unangenehmer Nieselregen setzte ein. Sie zog ihre Mütze tiefer in die Stirn. Ihr fiel ein, dass Marlies von einem Café hier in der Nähe gesprochen hatte. Es sollte bereits in den Morgenstunden geöffnet haben. Amelie zog ihre Lederjacke enger an den Körper, schulterte ihren Rucksack neu und machte sich auf den Weg. Als sie einige Schritte gelaufen war, entdeckte sie ein kleines Haus mit einer dunkelblauen Eingangstür, hellblauen, mit Ornamenten versehenen Rollläden aus Holz und ein großes Schild: Muriels Café. Dort würde sie ihren ersten vernünftigen Kaffee trinken, darauf freute sie sich. Es war genügend Zeit, bis ihr Zug Richtung Stuttgart ging.
Ein Auto näherte sich vom Ende der Straße. Es kam langsam auf sie zu. Als sie ihren Kopf hob und zu dem Fahrer hinsah, gab er plötzlich Gas. Komisch, kannte sie den? Nein, unwahrscheinlich, überlegte sie. An der Bushaltestelle hielt sie an, schrieb sich von der Tafel die Fahrzeiten zum Bahnhof auf und schaute über ihre Schulter. Der Wagen von eben hatte ein Stück weiter hinten geparkt. „Hör auf, da hinzusehen, das hat doch nichts mit dir zu tun“, murmelte sie. Die letzten Schritte bis zum Café lief sie zügig. Dort angekommen, drückte sie erleichtert die Tür auf. Ein herrlicher Duft von warmen Brötchen und frisch gebrühtem Kaffee wehte ihr entgegen. Wie bei Omas Stuben, dachte sie sofort und schaute sich in dem kleinen, gemütlich eingerichteten Café um. Amelie entschied sich für den runden Tisch in der Nische und ließ sich in einen der alten, mit Plüsch bezogenen Sessel fallen. Schon kurz darauf kam die Bedienung. Sie bestellte sich einen Kaffee und ein Croissant. Es dauerte nur wenige Minuten, bis das Gewünschte vor ihr stand. Langsam, Schluck für Schluck, genoss sie den frisch gebrühten Kaffee und pickte später auch noch den letzten Krümel ihres Croissants auf. Sie bat um die Rechnung, bezahlte und machte sich auf den Weg zum Bus, der sie zu ihrem neuen Leben bringen sollte.
Amelie stieg in den Bus und ergatterte sich den letzten Platz am Fenster. Während der Fahrt zum Bahnhof sah sie hinaus und genoss die Lebendigkeit auf der Straße. Sie beobachtete den Verkehr, die Fußgänger, einfach alles! Sie lauschte dem Gemurmel im Bus. Einzelne Blätter einer Zeitung raschelten. Es klang wie Musik in ihren Ohren. Augenblicklich wurde ihr bewusst, wie sehr ihr die Lebendigkeit des freien Lebens gefehlt hatte. Marlies hatte recht, sie würde Zeit brauchen, um sich wieder zurechtzufinden. Das laute Bremsgeräusch des Busses holte sie aus ihren Gedanken. Sie war am Bahnhof angekommen, stieg aus, lief zum Hauptbahnhof und zog sich die Bahnfahrkarte. Schon wurde der ankommende Zug ausgerufen. Na, das ging ja reibungslos, dachte sie und hastete zum Bahngleis. Erst als die mit ihr eingestiegenen Fahrgäste ihre Plätze aufgesucht hatten, lief sie durch die Waggons, bis sie ein leeres Abteil für sich entdeckte. Hinter ihr schien ebenfalls jemand einen ruhigen Platz zu suchen und sie hoffte inständig, dass er sich nicht im selben Abteil niederlassen würde. Doch der Mann lief mit gesenktem Kopf an ihr vorbei. Erst als er aus ihrem Blickfeld verschwunden war, zog sie die Schiebetür auf, trat ein und setzte sich ans Fenster. Den kleinen Rucksack mit den Papieren, dem Geld und der Tüte Lakritze, die sie sich in der Bahnhofshalle am Kiosk gekauft hatte, legte sie neben sich auf die Sitzbank. Der Zug setzte sich in Bewegung. Der Gedanke, ein völlig neues Leben anfangen zu müssen, ließ ihr Herz schneller schlagen. Was hatte sich verändert in den letzten Jahren? Diese Frage, die sie sich immer wieder stellte, ließ ihre Kehle trocken werden. Sie nahm die Wasserflasche aus dem Rucksack und trank einen kräftigen Schluck. Trotzdem … ihre Kehle blieb trocken, als sie an die Verhaftung denken musste.
Der Schuldspruch klang noch immer in ihren Ohren:
„Die Angeklagte wird nach Auffassung des Gerichts nach § 212 StGB wegen Totschlags im minderschweren Fall zu fünf Jahren Haft verurteilt. Begründung: Wer einen Menschen tötet, ohne Mörder zu sein, wird als Totschläger mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft. Das Gericht hält fünf Jahre für ausreichend, da Sie bisher keinerlei Eintragungen im Strafregister haben. Das Gericht ist jedoch davon überzeugt, dass Sie Eva Roth in einem Streit den Abhang hinuntergestoßen haben. Der Diebstahl des mit Diamanten besetzen Rings im Wert von 50.000 € konnte Ihnen nicht nachgewiesen werden.“
Amelie erschrak vom eigenen Stöhnen, als Bilder wie Blitze an ihrem inneren Auge vorbeischossen. Da war die Almhütte – die Polizei – der Durchsuchungsbefehl – das Blut unter den Fingernägeln – die Fasern von Evas Schal an ihrer Kleidung – Handschellen – Kommissariat – und die Untersuchungshaft. Die Indizienkette war erdrückend gewesen. Einzig der gestohlene Ring war bei ihr nie gefunden worden. Nur deshalb plädierte die Staatsanwaltschaft auf Tötung. Amelie schloss die Augen und versuchte die Bilder zu verscheuchen. Doch stattdessen sah sie sich selbst vor Augen, wie sie die Anschuldigungen hilflos hinnehmen musste. Bis heute war es ihr nicht möglich gewesen zu erfahren, was an diesem Abend tatsächlich passiert war. Sie konnte sich an nichts erinnern, bis heute nicht. Mit diesem Urteil war ihr bisheriges Leben ausgelöscht gewesen. Am schwersten war es ihr gefallen, sich nach den Regeln der Strafanstalt zu richten. Das fing schon damit an, dass man ihr alles genommen hatte. Noch nicht einmal die Haarbürste, die Zahnseide und die Nagelschere hatte sie behalten dürfen. Der Gürtel, die Haarklammern und die Halskette wurden eingeschlossen. Für die Leibesvisite musste sie sich komplett ausziehen. Sämtliche Körperöffnungen wurden nach Drogen durchsucht. Nach dem Duschen drückte man ihr ein Morgenmantel mit der eingestickten Nummer 324 im Kragen in die Hand. Wie in Trance nahm sie anschließend die graue Gefängniskleidung, die Bettwäsche und die Handtücher entgegen. Nur die widerlichen Schritte, die abstoßend in ihren Ohren hallten, waren zu hören, als sie mit der Wärterin über mehrere Gänge lief. Die geordneten schweren verschlossenen Stahltüren ließen ihr keine Luft zum Atmen. Dann die 4-Bett-Zelle. Zwei Stockbetten, ein vergittertes Fenster. Ein dumpfer Plopp – und die Zellentür schlug hinter ihr zu –. Nur dreißig Quadratmeter, die sanitäre Anlage mit eingerechnet, war die Zelle groß. Mit dem Bündel in der Hand stand sie mitten in dem trostlosen Raum. Drei Frauen starrten sie an und sie hatte das Gefühl, ein zweites Mal ausgezogen zu werden.
Die erste Woche war die Hölle pur. Wecken um 6 Uhr, frühstücken in der Zelle. Zelle auf – Hofgang – Zelle zu. Mittagessen um 12 Uhr – Zelle auf – Speisesaal – Zelle zu um 13.30 Uhr. Um 14.40 Uhr Zelle wieder auf – Entgegennahme des Abendbrots und des Frühstücks für den nächsten Tag. Die Zellen blieben nun fünfundsiebzig Minuten lang offen. In dieser Zeit durften sie sich alle auf dem Flur bewegen und der Nachbarzelle einen Besuch abstatten. Gegen 16 Uhr erneut Zelleneinschluss bis zum nächsten Vormittag. Der Stress am Nachmittag begann, wenn sich alle Zellen geschlossen hatten. Fernseher ohne Kopfhörer, Schnarchen, werden die Fenster in der Nacht geöffnet oder geschlossen, werden die Vorhänge zugezogen oder nicht? Es gab genügend Gründe für Hassattacken innerhalb einer Zelle. Dann die Hofgänge! Alle Nationen waren vertreten. Schwere Fälle wie Mord, heimtückischer Mord und Drogenhandel waren keine Seltenheit. Und sie bekam es am eigenen Körper zu spüren. Sie wurde anrempelt und ärgerte sich, dass diese Roswitha sich nicht bei ihr entschuldigte. Unwillig steckte sie die Hände in die Jackentasche und fühlte etwas, was nicht dort hingehörte. Sie holte es heraus und erkannte, dass es ein Päckchen von dem Stoff war, der gegen Geld im Knast verhökert wurde. Ihr war klar, dass nur Roswitha ihr das Zeug zugesteckt haben konnte. Sofort nahm sie es und warf es vor ihre Füße. Blitzschnell, bevor eines der Aufseher es mitbekam, hob diese das Päckchen auf und steckte es in die eigene Tasche. An dem Nachmittag hatte sie es sich bei dieser Frau verscherzt. Noch vor Einschluss in die Zellen drosch Roswitha mit einem klatschnassen Handtuch auf sie ein. Als sie am Boden liegen blieb, rief jemand eine Aufseherin. Roswitha wanderte für fünf Tage in eine Einzelzelle, sie selbst musste auf die Krankenstation. Nach diesem Vorfall wurde sie in einen anderen Trakt verlegt, in die Zelle von Vicky. Über Vicky lernte sie Max kennen. Er betreute sie danach die letzten vier Jahre. Amelie griff in ihren Rucksack, holte sich die Tüte mit der Lakritze heraus und steckte sich ein Stück in den Mund. Sie wollte nicht weiter an das Vergangene denken. Deshalb konzentrierte sie sich auf ihre Lakritze, die sie langsam im Mund zergehen ließ.
„Ankunft Plochingen in fünf Minuten“, hörte sie mit einem Mal über eine Lautersprecheranlage. Sie nahm ihren Rucksack und wartete, bis der Zug hielt. Erst als fast alle Reisenden den Zug verlassen hatten, stieg sie aus. Mit schnellen Schritten lief sie am Bahngleis entlang bis zur Treppe, die nach unten in die Bahnhofshalle führte. Als sie die Bushaltestelle erblickte, lief sie darauf zu und stieg in den Bus Nr. 378. Den Fahrer bat sie ihre Haltestation auszurufen. In Gedanken richtete sie bereits die Wohnung ein, in der sie demnächst untergebracht sein würde. Sie hoffte, dass diese vernünftig und ein wenig farbenfroh möbliert war. Sie wünschte sich große Fenster, eine funktionierende Küche, gute Nachbarn, natürlich auch ein Einkaufszentrum in ihrer Nähe.
Zweimal musste der Busfahrer die angegebene Haltestelle ausrufen, bevor sie begriff, dass es ihre Haltestelle war, die ausgerufen worden war. Die Türen im Mittelgang öffneten sich und Amelies Blick blieb an den hohen aneinandergereihten Hochhäusern hängen. Fassadenplatten hingen teilweise herunter und schienen bald abfallen zu wollen. Das war nun wirklich nicht ihre Vorstellung von wiedergewonnener Freiheit.
„Junge Frau, Sie müssen aussteigen!“, hörte sie erneut die Stimme des Busfahrers.
„Sind Sie sicher?“
„Ja, das hier ist die gewünschte Haltestelle.“
„Danke“, murmelte sie und stieg aus. Der Bus fuhr sofort weiter. Etwas unschlüssig blieb sie stehen, den Rucksack fest an den Bauch gepresst. Ihr Blick wanderte die Straße entlang, bevor sie sich langsam in Bewegung setzte. Amelie suchte die Hausnummer, die Max auf den Zettel geschrieben hatte. Während sie lief, wich sie den überquellenden Mülltonnen, Plastiktüten, Pappbechern, Glasscherben und Zigarettenstummeln aus. Etwas krallte sich an ihrer Jeans fest. Sie sah an sich hinunter und blickte in kleine traurige Augen eines blonden Jungen. An seiner Nase lief der Rotz herunter.
„Haste was Süßes?“
Automatisch griff sie in ihre Jackentasche, holte die Tüte mit der Lakritze heraus und drückte ihm eine Handvoll in seine flach ausgestreckte Hand. Den Rest schob sie wieder in ihre Jackentasche. „Teil es mit den anderen, hörst du?“ Sie drehte sich von ihm weg, sie hatte genug Elend in den Augen des Jungen gesehen. Schnell lief sie weiter. „Hier muss es sein“, murmelte sie und blieb vor einem der Hochhäuser stehen. Amelie ging näher an die Klingeltafel heran und überflog die teils stark beschädigten Schilder. Mit ihrem Taschentuch wischte sie den Schweiß aus ihrem Nacken.
Das mussten über hundert Wohnungen sein!
Schlimmer als im Knast wird es wohl nicht sein, versuchte sie sich zu beruhigen. Dennoch, ihren Neuanfang hatte sie sich anders vorgestellt, ein bisschen freundlicher. Sie zog den Jackenärmel über ihre rechte Hand und drückte die Tür zum Treppenhaus auf. Sofort streifte ein muffliger Geruch ihre Nase, als sie die Schwelle übertrat.
„Guten Tag, wollen Sie zu jemand Bestimmtem?“ Ein schwergewichtiger Mann mit rundem Gesicht und einem Stoppelbart trat ihr entgegen.
„Ja.“ Sie fischte Max’ Zettel aus der Tasche und hielt ihm diesen hin.
„Da müssen Sie sich gedulden. Der Aufzug klemmt wieder oder wollen Sie 12 Etagen laufen? Sie könnten zwar über den zweiten Aufzug hochfahren, aber da müsste ich mit Ihnen einsteigen. Der Übergang vom zweiten Lift zu diesem Haus ist kompliziert. Verstehen Sie? Viele verwinkelte Ecken und so. Besser, Sie warten bis wir hier fertig sind.“
Sein schmieriges Grinsen war nicht zu übersehen. „Wie lange wird es noch dauern?“
„Bin ich Hellseher? Weiß ich, wann dieser Monteur auftaucht?“
„Dann werde ich wohl ausharren müssen.“ Insgeheim war es ihr egal. Es wartete sowieso niemand auf sie.
„Übrigens, ich bin Melzer, der Hausmeister. Ich versuche hier Ordnung zu halten.“ Er nahm seine Pranke aus der Hosentasche und reichte sie ihr. Geistesgegenwärtig wischte sie sich eine schwarze Strähne aus der Stirn. Keinesfalls war sie gewillt, ihre Hand in diese Pranke des Hausmeisters zu legen. Melzer fing an, auf dieses Haus zu schimpfen, während er mit seinen kräftigen Armen vor ihr herumfuchtelte.
„Wer kann, zieht weg aus dem Plattenbau mit den dünnen Wohnungstüren und den Fluren, in denen es nach Armut riecht, nach billigem Essen, Haustieren und Tabakrauch. Ständig hört man die Streitereien der Nachbarn. Fast täglich erstatte ich Anzeige wegen beschmierter Wände, eingetretener Türen und gestohlener Kabel. Und Sie wollen hier einziehen? Ehrlich? Sie passen hier nicht rein.“
Amelie spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss. Schnell sah sie in eine andere Richtung. Klar würde sie lieber woanders hinziehen. Aber sie hatte keine andere Wahl. Kein Wohnsitz – kein Job. So war das nun mal in ihrer Situation.
Ein kleiner drahtiger Mann mit blauer Schirmmütze trat in den Hausflur.
„Grüß Gott“, hörte sie ihn sagen, als er an ihr vorbeilief, direkt auf den Aufzug zu. Mit wenigen Handgriffen öffnete er die Tür.
