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Ständige Fehden versetzten das Grenzland zwischen Westfalen und Münster in Unruhe. Die junge Grafentochter Brida soll einen wesentlich älteren Ritter ehelichen, um eine Allianz zwischen den adeligen Häusern zu festigen. Eine Zigeunerin warnt sie vor drohender Gefahr. Mit dem Tod des Bruders, verliert sie ihren engsten Vertrauten. Als ihre Stiefmutter sich mit ihrem Bräutigam verbündet, beschließt sie, sich in ihrer Ausweglosigkeit das Leben zu nehmen. Doch das Schicksal hat einen anderen Weg für sie vorgesehen...
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Seitenzahl: 454
Veröffentlichungsjahr: 2024
Schatten über der Homburg
Historischer Roman
Dorothea Möller
Impressum
Texte: © 2024 Dorothea Möller
Umschlag: © 2024 Dorothea Möller
Verantwortlich für den Inhalt:
Dorotohea Möller
Landwehrweg 17a
59065 Hamm
Inhaltsverzeichnis3
Zur Entstehung dieses Romans5
Die Weissagung7
Prolog7
Homburgs Knapp 1217 im Herbstmond8
Cölln im Herbstmond 121717
Homburgs Knapp kurz vor Erntedank 121726
Im Herbstmond 1217 nahe Haus Gemencye32
Homburgs Knapp in den ersten Tagen des Weinmondes 121738
Cölln in den ersten Tagen des Weinmonds 121746
Homburgs Knapp wenige Tage vor Erntedank49
Ein unverhofftes Treffen58
Barbaratag auf der Homburg63
Wintermond 121770
Cölln im Hornung 121875
Karwoche – Merz 121876
Merz 1218 auf dem Weg nach Herringhe79
Begegnung in Herringhe83
April 1218 in den Auen der Homburg90
Mitte April 1218 an der Lupia94
April 1218105
Drei Tage vor dem Pfingstfest113
Hastige Schritte115
Zwischen Dorf Berewich und Soest124
Erzbischöfliche Residenz Cölln128
Pfingstsamstag in Soest132
Der Pfingstmarkt134
Haus Gynegge144
Confluentes am Rhenus146
Juni 1218 in Cölln148
Juni im Paderborner Land153
Sankt Johannistag in Cölln157
Heumond 1218158
Kurz vor Herford164
Gerichtstag in Cölln174
Herforde – Stift auf dem Berge179
Herbstmond 1218 in Herfordia183
Cölln im Augustmond 1218190
Burg Gemenyce – Im Herbstmond 1218195
Cölln am Ende des Weinmondes197
Haus Gemenyce Wintermond 1218202
Allerheiligen in Herforde204
Wintermond 1218212
Im Wintermond nach Tremonia214
Herford am Ende des Wintermondes218
Kurz vor Tremonia224
Herringhe 1218226
Herforde um den Christmond234
Kurz vor dem Christmond238
Im Pfarrhaus von Herringhe246
Geseke am Hellweg251
Herringhe vor dem Christfest269
An der Quappenmühle – Jenner 1219279
Hornung 1219 – Auf dem Besitz derer von Waldlehnes284
Paderborn 1219286
Frühling an der Quabbe 1219291
Ende Merz 1219 – Waschtag an der Quappe299
Finsterwald Merz 1219304
Quappenmühle im Merz 1219311
Auf dem Besitz derer von Waldlehne317
Quappenmühle Ende Merz 1219320
Quappenmühle im April 1219325
Lippborg im April 1219329
Fastenzeit 1219 in Herringhe334
Im Auenwald Nahe Haus Gynegge336
Gut Aue am Wiescher Bach340
Erzbischöflicher Palast Cölln im April 1219342
In den Auenwiesen bei Lippborg345
Entführung348
Die Abrechnung358
Epilog:374
Glossar377
Ortsnamen aus dem Roman382
Historische Person:383
Danksagung384
Über die Autorin386
Wo sich heute im Zuge der Industrialisierung Fabriken, Stromerzeuger, Klär- oder Müllverbrennungsanlagen angesiedelt haben, lag vor Jahrhunderten eine stolze Burg am sogenannten „silbernen Band“.
Dieses „silberne Band“ ist ein Fluss:
Die Lippe, die sich zu jener Zeit in ihrem alten Flussbett durch Wiesen, Auen, Zu- und Nebenflüssen schlängelte. Ihr mittelalterlicher Name zu jener Zeit war „Lupia“.
Über Jahrhunderte floss sie vorbei an Mühlen, Herrensitzen und Schlössern. Ihre Geschichte erzählt von Gutshöfen, welche mittig im Flussbett standen und vom Wasser umspült wurden. Einige Herrenhäuser besaßen so den natürlichen Schutz einer Gräfte.
Viele adelige Häuser verschwanden, doch mystische Sagen und geheimnisvolle Legenden blieben lebendig.
Die Archäologie berichtet von den einstigen Bewohnern, deren Geschichten, die über Jahrhunderte weitererzählt und irgendwann aufgeschrieben wurden. Dabei ist die Grenze zwischen Geschichte und Wahrheit so fließend, wie einst das lebensspendende Gewässer, auf dem schon die Römer mit ihren Schiffen vom Rhein kamen. Sie bauten Brücken und Kastelle, deren Ruinen noch heute existieren. Man erzählte vom Fischreichtum umliegender Gewässer und huldigte einer Seherin mit Namen Veleda. Diese soll, der Überlieferung nach, an der Lupia in einer Hügelburg gelebt haben.
Diese sagenhafte Hügelburg war nach heutigem Wissen eine der größten Motten im Hochmittelalter.
Leider gibt es fast keine Aufzeichnungen über diese Burganlage. Damit fehlen Hinweise auf ihre wahre Größe, wie die dazu gehörigen Handwerkerhöfe. Nicht einmal ihr Mittelaltername ist in den wenigen Dokumenten verzeichnet, obwohl sie eine nicht unerhebliche Rolle in der Geschichte der Grenzgebiete zwischen Westfalen und Münster inne hatte.
Die Homburg war eng verbunden mit der kleinen Stadt Nienbrügge, den Grafen von der Mark und Erzbischof Engelbert von Berg aus Köln.
Bauern, Mägde, Schäfer, Fischer und Waffenknechte übernahmen für das Burgenleben eine ebenso wichtige Rolle wie die Ritterschaft. Gerade dieses oft nur schemenhafte Wissen macht sie noch heute so geheimnisvoll.
Wer weiß, vielleicht lichtet sich eines Tages das sagenumwobene Nebelgespinst um ihren wahren Namen?
Demjenigen, der in den ersten kühlen Herbstnächten die Wälder der Lippeaue durchstreift und der weißen Nebelfrau begegnet, sei das Glück hold, erzählten sich Fischer und Schäfer am Feuer.
Getarnt vor den Augen der Menschen besucht sie die Neugeborenen. Diesen auserwählten Kindern haucht sie ihren nebelzarten Kuss auf die Stirn. Menschen, denen ihr Kuss zuteil wird, sind zeitlebens Glückskinder, die als Sehende zwischen den Welten wandeln.
Bevorzugt sucht die Nebelfrau Sonntagskinder aus. Sie besitzen die Gabe, Kontakt zu Geistern aufzunehmen, um jenen zu helfen, ihre unerfüllten Lebensaufgaben abzuschließen, statt ruhelos weiter zwischen den Welten umherzuirren...
Das zarte Gesicht des Neugeborenen war bläulich verfärbt, als es das Licht der Welt erblickte. Kein Laut kam von seinen Lippen.
„Was ist es?“, fragte die erschöpfte Mutter.
„Ein Junge, Herrin. Er ist sehr schwach und atmet kaum“, sagte die Hebamme mit banger Stimme.
„Gebt ihn mir. Einmal will ich ihn in meinen Armen halten, ehe wir beide diese Welt verlassen“, befahl die Gräfin mit matter Stimme. Sie spürte wie das Leben aus ihrem Körper wich.
„Holt den Grafen“, verlangte die Wöchnerin ihrer Hebamme, während sie das Kind an sich drückte.
„Der Junge soll mit mir bestattet werden, Gesa“, flüsterte sie ihrer alten Amme zu.
„Versprich es mir!“
Flehend sah die Gräfin Gesa an und lehnte sich erschöpft zurück in das Kissen. Ihre Aufgabe, dem Grafen Nachkommen zu gebähren, war erfüllt.
Mit Tränen in den Augen nickte die alte Frau. In jenem Moment gewahrte Gesa den rätselhaften Schatten, der sich über das Kind neigte. Die Nebelfrau verharrte still, blickte mitleidig auf Mutter und Kind herab.
Gesa erschrak, spürte aber, dass die Nebelgestalt zu den Lichtwesen gehörte, die Gutes bewirkten.
Unmerklich schüttelte sie den Kopf und blicke zur Kammertüre die sich gerade öffnete. Ein zartes, etwa sechsjähriges Mädchen mit großen, ängstlich dreinblickenden Augen an der Hand des Grafen, stand in der Türe.
Die Nebelfrau nickte verstehend. Sie streichelte dem Mädchen über das Haar, als würde ein zarter Wind sie liebkosen. Erst dann hauchte sie diesem Kind ihren Kuss auf die Stirn, welcher ihr späteres Leben prägen würde. Ihr letzter, mitfühlender Blick galt der Wöchnerin mit dem mehr tot als lebendigen Kind im Arm, dann glitt sie hinaus und verschwand.
Grünsilbern und geheimnisvoll glitzerte das Wasser im Licht der Sonne, während die ersten Blätter der Bäume rotgolden erstrahlten. Brida liebte die letzten warmen Herbsttage, in denen die Natur all ihre Farbenpracht entfaltete. Von jeher erfüllte sie der Anblick der Aue mit Frieden und Gelassenheit. Heute jedoch fehlte ihr der Blick für die Schönheit der Flussaue und umliegenden Wälder.
Eine innere Unruhe trieb sie an. Zum wiederholten Male lief sie die Treppen zum Mottenturm hinauf.
„Kannst du irgendwen sehen?“, fragte sie den wachhabenden Heinrich.
„Nein Jungfer Brida. Sobald die Reiter den Hudewald passieren, geben sie mit dem Horn ein Signal.“
Als sie die Stufen hinabstieg, rief der Wachhabende Ansgar, auf der gegenüberliegenden Turmseite.
„Reiter in Sicht!“
Ein Signal durchbrach die Stille. Beim zweiten Ton erkannte Brida den Warnruf. Etwas musste passiert sein. Während Heinrich mit dem Horn antwortete, hastete das Mädchen die restlichen Treppenstufen hinunter.
Am Fuß der Treppe jammerte die alte Gesa. „Ich hab`s geahnt. Seit Tagen plagen mich Albträume, ich weiß, etwas Schlimmes ist geschehen.“
Bridas Schritt stockte. Mit fragendem Blick sah sie die alte Frau an. „In diesem Monat gibt es zwei Monde, Kind. Von je her verheißt das unruhige Zeiten.“
Brida glaubte nicht an Gesas Vorahnungen. Mit wippenden Flechten rannte sie weiter zur Vorburg.
So schnell die alte Frau mit ihren kurzen Beinen folgen konnte, lief sie dem Mädchen hinterher.
Reiter kamen aus dem Hudewald. Einer löste sich von der Jagdgesellschaft und preschte auf die Hügelburg zu. Brida erkannte ihren Cousin Konrad von Weitem am flachsblonden Haar. Als er näher kam, entdeckte sie eine weitere Person vor ihm im Sattel.
Ketten rasselten. Langsam senkte sich die Brücke. Vorsorglich öffnete ein Wachhabender das Palisadentor. Vor der Brücke rief Konrad bereits „Sattelt rasch ein frisches Pferd für mich“.
Um schneller laufen zu können, raffte Brida wenig sittsam ihr Kleid. Atemlos kam sie am Stall an. Der Stallmeister führte bereits einen schnellen Rappen am Halfter, den ein Knecht in Windeseile zu satteln begann.
Mit Schrecken erkannte sie ihren Bruder Matthias, der mit bleichem Gesicht vor Konrad im Sattel saß. Zwei Knechte eilten zur Hilfe, als sie die blutgetränkten Stoffstreifen an seinem Oberschenkel bemerkten.
„Matthias, was ist passiert?“
Bestürzt sah Brida vom einen zum anderen. Ihre Unruhe wich der Besorgnis.
„Ein Eber,“ knurrte Matthias mit schmerzverzerrtem Gesicht.
Brida spürte, wie wütend er deswegen war.
„Ein Unglück, an dem vermutlich ich eine Mitschuld trage,“ erklärte Konrad zerknirscht.
„Bringt ihn in die kleine Turmkammer“, kommandierte Gesa japsend, als sie die Vorburg erreichte.
„Kinderchen, ich bin zu alt für diese Aufregungen“, stöhnte sie.
Vorwurfsvoll sah sie Konrad an und bekreuzigte sich, ehe sie den Knechten folgte.
Konrad überließ sein schweißnasses Pferd einem jungen Stallburschen.
„Reibe ihn gut trocken und gib ihm zum Wasser eine Extraportion Hafer, die hat er sich redlich verdient.“
„Ja Herr!“
„Warum trägst du die Schuld am Angriff?“, fragte sie Konrad, als er verschwitzt und blutverschmiert vor ihr stand. Vor Aufregung rieb sie ihre kalten Finger. Mit dem Unterarm wischte er eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Wir verfolgten einen Schwarzkittel durchs Unterholz, den einer der Jagdknechte zuvor mit der Saufeder verwundete. Das Jagdfieber machte uns blind. Wir hätten auf die Spuren rundherum achten müssen. Plötzlich stieg Matthias Hengst auf. Zunächst hielt er sich im Sattel, verlor dann den Halt und stürzte. Während wir dem flüchtenden Hengst und der auseinanderrennen Rotte nachsahen, brach der verletzte Keiler durch das Unterholz und attackierte ihn. Er wehrte ihn mit dem Dolch ab, ehe wir eingreifen konnten.“
„Das klingt schauderhaft. Ist die Verletzung tief?“
„Ich habe die Wunde nicht gesehen. Zwei Reiter versuchten sofort die Blutung zu stillen, anschließend hievten sie ihn auf mein Pferd.“ Konrad schwieg einen Moment, ehe er leise weitersprach. „Pfarrer Sebastinus hat adäquate Kräutervorräte. Zudem kennt er sich mit Verletzungen dieser Art aus. Ich bitte ihn zu kommen.“
Brida nickte. Weitere Reiter erreichten die Palisade und ritten auf die Vorburg. Ihr Vater hatte zahlreiche Gäste zur Jagd geladen. Adelige und Ritter von den Gütern Aquak und Laake, die von Gemeynces, sowie aus dem Hause von der Mark gehörten dazu. Viele erkannte sie an ihren Bannern und Farben, selbst Friedrich von Isenberg war zur Jagd erschienen, obwohl er jetzt auf der Isenburg lebte und kaum noch Zeit in Nienbrügge verbrachte. Sie wusste, dass er und sein Vetter Adolf während des Thronstreits auf unterschiedlichen Seiten standen. Ihr Vater ahnte sehr wohl, das ihre einstige Gegnerschaft das Gerede erneut anfachen würde. Gerade deshalb hatte er fast alle Nachbarn aus dem westfälischen Grenzbereich um die Lupia eingeladen, um ihren Zusammenhalt zu stärken.
Flüchtig erspähte sie ihren Freund Ortwin von Laake, der ihr ihr gut gelaunt zulächelte.
Auf der Vorburg herrschte reges Treiben, als ihre junge Stiefmutter Reinhild erschien.
„Wo ist mein Gemahl? Warum humpelt Matthias mit Knechten in die Kammer?“
„Ein Keiler verletzte Matthias. Euer Gemahl wird Euch Genaueres berichten.“ Reinhild zog die Augenbrauen hoch. Ehe sie weitere Fragen stellte, deutete Konrad eine Verbeugung an und wandte sich dem wartenden Knecht zu, der den gesattelten Rappen am Zügel hielt.
Mit einem Kopfnicken bedankte er sich, stieg in den Sattel und preschte den Hang hinab. Hinter dem Palisadenzaun trieb er das Pferd rasch zu hoher Geschwindigkeit an.
Gedankenverloren sah Brida ihm nach. Erst als die Ritter von Gut Laake, sowie die von der Reckes erschienen, erwachte sie aus ihrer Erstarrung. Endlich traf auch ihr Vater in Begleitung der Marker Ritter ein. Innerhalb kürzester Zeit drängten sich Reiter und Treiber mit Jagdhunden schwatzend in Gruppen zusammen, während Stallknechte eilig alle Tiere versorgten.
Seit ihr Vater mit Reinhild verheiratet war, zeigte er nur wenig Verständnis für ihre Sorgen. Noch hatte Ihre Stiefmutter den Vater nicht entdeckt. Schüchtern trat Brida an die seine Seite.
„Vater, Konrad ist unterwegs um Hilfe bei Pfarrer Sebastinus aus Herringhe zu erbitten".
Als er nicht reagierte, berührte sie seinen Arm.
Ärgerlich, als säße dort ein Insekt, schüttelte er ihre Hand ab. Ungehalten fuhr er sie an:
„Steh hier nicht herum. Kümmere dich um die Gäste, sie müssen bewirtet werden.“
Erschrocken zuckte sie zurück. Nie zuvor hatte der Vater sie so barsch angefahren. War es die Sorge um Matthias? Mühsam hielt sie die Tränen zurück, drehte sie sich um und lief zur Motte. Reinhilds triumphierenden Blick sah sie nicht mehr.
* * * * *
Aufmerksam blickte Alderich von Gemeynce dem Mädchen nach. Schon jetzt sah man, dass sie sich zu einer Schönheit entwickeln würde. Ein begieriges Grinsen stahl sich in sein Gesicht.
Mit verschleiertem Blick stürmte Brida die Treppe hinauf. Energisch wischte sie die Tränen aus dem Gesicht. Seit dem Tod ihrer Mutter hatte sie nur selten geweint. Sie betrat die Kammer, in die man ihren Bruder gebracht hatte.
Matthias stöhnte vor Schmerzen, als Gesa die verdreckte Wunde mit einem Kamillenblütensud reinigte. Beruhigend drückte das Mädchen seine Hand. „Du solltest unten im Hallenhaus sein,“ mahnte ihr Bruder erschöpft.
„Ich will sehen wie tief deine Wunde ist.“ Sie schwieg einen Augenblick, suchte nach passenden Worten. „Konrad erzählte, er glaubt eine Mitschuld zu tragen...“. Mit Ruck zog Gesa den Leinenstreifen aus dem klaffenden Fleisch, die Wundränder der Haut waren zerfetzt.
„Geh hinunter Brida! Gib Reinhild keinen neuerlichen Anlass herumzunörgeln“, warnte Matthias. Unter Schmerzen verzog er das Gesicht, als er den Tonfall der Stiefmutter nachahmte:
„Wie soll je eine junge Dame von Stand aus dir werden, wenn du dich ständig um deine Pflichten herumdrückst?“
Beide grinsten, wobei Brida versuchte, ihre Augenbrauen so hochzuziehen, wie Reinhild es immer tat.
„Au, Brida hör auf,“ bat Matthias feixend. Er richtete sich vom Lager auf und bewegte das Bein.
„Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort,“ rügte die alte Magd, die schon Bridas Mutter großgezogen hatte.
„Geht Jungfer! Nur zu gern sucht die neue Herrin Gründe, Euch zu maßregeln. Nach dem Essen fällt es ihr bei all den Gästen gewiss nicht auf, wenn Ihr Euch davonschleicht,“ ermunterte sie die alte Frau.
* * * * *
Die Sonne stand tief am Horizont, als ein Leiterwagen mit zwei klapprigen Maultieren heranrumpelte. Mit großen Schritten überquerte Pfarrer Sebastinus die Zugbrücke zur Motte.
„Gott zum Gruße“, sagte der hochgewachsene Geistliche in beim Betreten der Kammer.
„Ich habe nicht erwartet, Euch so rasch wiederzusehen.“
„Wir haben dem Eber offensichtlich die Mahlzeit verdorben,“ knirschte Matthias unter Schmerzen durch die Zähne. Prüfend sah der Geistliche ihn an.
„Seid Ihr auf den Kopf gefallen?“
„Nein.“
„Habt Ihr noch andere Verletzungen?“
Matthias zeigte auf seine linke Körperseite. Langsam schob er das Hemd hoch. Gezielt drückte der Pfarrer auf eine Stelle. Matthias unterdrückte ein Fluchen.
„Eine Rippe scheint gebrochen. Ihr braucht Geduld! Nur wie ich Euch kenne...,“ lächelte er und löste mit Ruck den Leinenstreifen am Oberschenkel
Matthias knirschte mit dem Kiefergelenk.
„Die Wunde ist tief“. Sein Blick wurde ernst.
„Es sind arge Schmerzen. Könnt Ihr mir nicht etwas aus Euren Kräutervorräten zusammenbrauen, was mich rasch auf die Beine bringt Vater Sebastinus?“
„Auch meine Fähigkeiten sind begrenzt. Wir müssen den Verlauf der nächsten Tage abwarten. Erst dann kann ich mit Sicherheit mehr sagen.“
Er nestelte an der Tasche, die am Gürtel seiner Hüfte baumelte. Allerlei Leinenbeutel kamen zum Vorscheinen. Er wählte Kamillenblüten, dazu drei Stängel Hirtentäschelkraut zur Blutstillung aus. Selbige zerstieß er mit dem Mörser, ehe er sie mit Salbeiblättern mischte. Sogleich dominierte der würzige Duft des Salbeis. Der Salbei wehrte Entzündungen ab, die Kamillenblüten begünstigten den Heilungsprozess. Die zerstoßenen Pflanzenteile übergoss er mit etwas Wein bis eine Paste entstand. Zuletzt strich er alles auf ein sauberes Leinentuch und legte das gefaltete Päckchen auf die Wunde, ehe er es straff verband.
„Bereitet einen starken Tee aus Weidenrinde, damit spült ihr Wunde zwei Mal am Tag. Mehr kann ich im Moment nicht tun, es liegt in Gottes Hand.“
Die alte Magd nickte. Der Geistliche segnete Matthias ehe er die Kammer verließ. Dann begab er sich ins Hallenhaus, um Graf Friedrich zu berichten.
* * * * *
Die Musiker legten ihre Instrumente beiseite und ließen sich das Essen schmecken, während der Unglücksfall die Gespräche beherrschte. Brida suchte nach einer Gelegenheit sich unbemerkt aus dem Hallenhaus zu schleichen, als ihr Pate Gernot von Wiesch den Becher erhob.
„Ich glaube, ich spreche allen aus der Seele, wenn wir auf Matthias baldige Genesung trinken.“
Gemurmel wie zustimmende Rufe wurden laut.
„Ich möchte jemandem meine Anerkennung aussprechen, ohne den diese Sache keinesfalls so glimpflich verlaufen wäre. Lasst uns auf Konrad von Aue trinken, dessen beherztes wie umsichtiges Eingreifen Schlimmeres verhindern konnte. Ihr könnt stolz auf Euch sein Konrad. Ich bin es auch! Denn ich kann mir keinen besseren Ehemann für meine Tochter Jette wünschen.“
Freudig erhoben alle ihre Becher, gratulierten, sprachen gute Wünsche für die Zukunft aus. Das Stimmengewirr schwoll an. Starr saß Brida an der Tafel.
„Konrad würde Jette von Wiesch heiraten...?“ Als Kinder hatten sie Jette im Spiel die Spitzmaus genannt. Als Kinder hatten sie Jette im Spiel die Spitzmaus genannt. Nie wollte sie mit ihr oder Ortwin vom Nachbargut mitspielen. Immer zog sie ihr spitzes Gesicht, wenn sie vom Ball getroffen wurde. In keiner Weise passten sie und Konrad zueinander. Mit den Augen suchte Brida ihren Jugendfreund Ortwin, doch zwischen all den Gratulanten war er aus ihrem Blickfeld entschwunden. So nutze sie den Moment in dem alle aufstanden, Gernot und Konrad zu gratulieren, um ungesehen durch die Seitentüre hinauszuschlüpfen.
* * * * *
Draußen tat sie einige tiefe Atemzüge. Die unerwartete Hochzeitsankündigung ihres Vetters beschäftigte sie. Ausgerechnet Jette - die Unnahbare?
Mit einem Mal löste sich eine Gestalt aus den Halbdunkel. Einer der geladenen Ritter stand vor ihr. Vor Schreck zuckte sie zusammen und wich verunsichert einen Schritt zurück.
„Ah, die hübsche Tochter der Hohen Burg! Es freut mich Euch zu sehen Jungfer Brida,“ sagte Alderich anzüglich.
„Euer Liebreiz ist sprichwörtlich, ebenso die Ähnlichkeit mit Eurer verstorbenen Mutter.“
„Erzählt, wie geht es Eurem Bruder? Er wirkte recht tapfer, als der Eber ihn angriff.“
Die abwertende Art, wie er über Matthias sprach missfiel ihr. Es klang, als spräche er über einen Heranwachsenden, welcher erstmals mit auf die Jagd durfte und dem ein Missgeschick ereilte.
Ehe sie ihm eine Antwort gab, sprach er weiter.
„Gesellt Euch mit mir zu den Gästen und lasst uns gemeinsam einen Becher Wein trinken. Bei mir seid Ihr in bester Gesellschaft. Brida spürte, wie er ihr mit Blicken die Kleider vom Leib riss. Mit einer raschen Bewegung, die sie dem leicht beleibten Mann nicht zugetraut hätte umschlang er ihre Taille. Er drückte sie eng an sich, dabei schlug ihr sein weindunstiger Atem entgegen. Angeekelt drehte sie ihr Gesicht zur Seite, leistete ihm mit aller Kraft Widerstand.
„Ihr seid anmutig, wie eine Rosenknospe“, flüsterte er heiser vor Erregung.
„Eure Stiefmutter ist hübsch, dennoch besitzt sie nicht Eure Anmut“.
Brida nutzte den Moment, als er den Griff kurz lockerte und wich seinen tastenden Händen mit einer Drehbewegung aus.
Zwischen Vorburg und Hallenhaus brannten nur vereinzelt Fackeln. Sie wusste, der Wachhabende konnte sie in diesem Winkel vom Turm aus nicht sehen.
Ihr ängstlich rasendes Herz ließ sich kaum beruhigen. Fieberhaft suchte sie nach einem Fluchtweg.
„Gewiss müsst Ihr zur Jagdgesellschaft zurück“, flüsterte sie eingeschüchtert.
Unmerklich wich sie mit kleinen Schritten nach hinten aus.
Gerade als sie glaubte, einen sicheren Abstand zwischen sich gebracht zu haben, trat er mit zwei großen Schritten zu ihr, zerrte sie unsanft in seine Arme und versuchte sie zu küssen. Ihre Gedanken überschlugen sich. Angewidert drehte sie den Kopf weg, ein Teil des Festmahls hing noch in seinem struppigen Bart.
Heftig wehrte sie sich gegen seinen Klammergriff. Alderich drückte sie fest gegen die Wand. Grob griff er mit einer Hand in ihre Flechten, seine Lippen waren an ihrem Ohr.
„Ihr seid so widerspenstig wie die Locken, die sich gelöst haben. Ihr habt Temperament - das liebe ich.“
Sie spürte die Erregung zwischen seinen Lenden. Ihre Kräfte erlahmten. Ehe er ihre Unterlegenheit völlig ausnutzen konnte, biss sie ihm kräftig in die Oberlippe. Mit einem unterdrückten Schmerzenslaut ließ er sie los. In dem Moment, wo er sie frei gab, schubste sie ihn mit aller Kraft von sich. Bebend vor Angst rannte sie in den Schatten hinter der Motte.
Sie hörte Alderichs Verwünschungen, als er langsam zum Hallenhaus zurückging. Vor der Türe drehte er sich noch einmal um.
„Ich bekomme immer was ich will“, drohte er mit unbeherrschter Stimme.
Der Wachhabende auf dem Turm beugte sich vor, sah jedoch niemanden außer Alderich.
Zitternd verbarg Brida sich in der Dunkelheit. Aufgewühlt überlegte sie, was geschehen würde, falls Reinhild von ihrer beschämenden Begegnung erführe.
Verborgen im Schutz der Dunkelheit befand sich eine Person, die alles beobachtet hatte. „Dieses Wissen ist möglicherweise mein Vorteil“, dachte er.
Als es erneut an der schweren Holztüre klopfte, reagierte der Erzbischof. Ein Novize überreichte ihm ein gesiegeltes Dokument mit einem verschnürten Päckchen.
„Ein Bote aus Cappenberg brachte Nachricht. Er betonte die Dringlichkeit, Eure Eminenz.“
„Aus Cappenberg?“
„Ja, Herr! Der Bote wurde angewiesen, auf Antwort zu warten.“
„Versorgt den Mann mit einer Mahlzeit und einem Becher Dünnbier. In der Zwischenzeit sehe ich mir das Schreiben an.“
Wenige Augenblicke später klingelte er energisch mit einer kleinen Glocke auf seinem Schreibpult. Erneut erschien der Novize.
„Schickt umgehend Philipp von Eichenweiher zu mir.
„Jetzt, nach über einem Jahr rückst du doch noch mit der Wahrheit heraus“, brummte der Herzog von Westfalen, der zugleich geistliches Oberhaupt Cöllns war, ungehalten. Als es erneut klopfte, rief er: „Tretet ein.“
Ein hochgewachsener junger Ritter mit klugen grauen Augen verbeugte sich.
„Ihr habt mich rufen lassen, hoher Herr.“
„Setzt Euch, Philipp. Es gibt Neuigkeiten von Prior Bertram aus Cappenberg. Überraschende Neuigkeiten.“
„Von Prior Bertram?“ Kritisch sah Philipp ihn an. „Als ich ihn vor einem Jahr aufsuchte, verweigerte er mir nicht nur die Einsicht in die Kirchenbücher, er schimpfte mich Lügner und Bastard.“
„Ich erinnere mich gut. Auch an Eure Empörung. Der Abt aus Cappenberg schreibt, der Prior Bertram sei dem Tod nahe. Offensichtlich erwartet er die Absolution seiner Sünden und will Euch noch einmal sehen. Der Abt befürchtet, man habe Prior Bertram gemächlich vergiftet. Jetzt bliebe ihm nicht mehr lange Zeit auf dieser Welt.“
Besorgnis zeigte sich auf dem Gesicht von Erzbischhof Engelbert.
„Bei meinem letzten Besuch gab er mir in Deutlichkeit und voller Häme zu verstehen, dass ich die Suche nach meiner Herkunft begraben solle. In seinen Augen sei ich im bestmöglichen Fall das uneheliche Kind eines Adeligen.“ Philipps Stimme war gefährlich leise geworden.
Wortlos reichte der Kleriker ihm den eingepackten Gegenstand.
„Dies wäre ein angeblicher Beweis Eurer Herkunft.“
Philipp starrte auf das Bündel, wagte kaum Atmen zu holen. All die Jahre sehnte er sich zu erfahren, woher er stammte. Wer seine Eltern waren. Wo sie lebten. Beinahe jede Erinnerung an die Kindheit fehlte ihm. Dafür besaß er genügend schlechte Erinnerungen an Klosterschulen, in denen er nie lang genug blieb, um Fuß zu fassen. Sollte sich der Schleier seiner Herkunft endlich ein Stück weit lichten?
Unschlüssig drehte er den Gegenstand in seinen Händen.
„Ihr müsst es öffnen“, hörte er die Stimme seines Dienstherren von weit weg.
Ein abgegriffenes Stück Leder mit schwach eingeprägtem, kaum erkennbaren Wappen kam zum Vorschein.
„Es sieht wie das Stück eines Lederbeutels aus... Vielleicht ist es jener, den der Knecht bei sich trug, der mich als Kind nach Cappenberg brachte...“
Seine Stimme geriet ins Stocken.
„Verschafft Euch Gewissheit.“ Der Tonfall seines Dienstherren war eindringlich.
„Ich will, dass er mir ins Gesicht sieht, wenn die Wahrheit über seinen Verrat ans Licht kommt.“
Bitterkeit schwang in Philipps Stimme „Ich bin sicher, er hat Beweise unterschlagen. Aber es fällt mir nicht leicht, ihm aufs Neue zu begegnen. Ich habe Angst vor dem, was er offenbaren könnte.
„Vergesst nicht, er liegt im Sterben. Gewiss will er Frieden mit Euch schließen. Seine Angst, ewig im Seelenfeuer zu büßen, dürfte schwer wiegen. In der nächsten Stunde schicke ich den Boten mit einer Nachricht zurück. Morgen solltet Ihr Euch in Begleitung Jacob von Wiesenrains auf den Weg machen.“
„Hoher Herr, lasst mich den Boten begleiten. Ich bitte Euch. In einer Stunde bin ich bereit zur Abreise. Mich beschleicht das ungute Gefühl, ich könnte zu spät kommen.“
Aufgewühlt blickte Philipp ihn an.
„Also gut. Begleitet den Boten. Morgen schicke ich Ritter Jacob mit einigen Waffenknechten nach. Keinesfalls gestatte ich Euch, allein zurückzukehren. Wer weiß, welche dunklen Geheimnisse der Prior noch bewahrt, die er im Angesicht des Todes zu offenbaren bereit ist. Wechselt die Pferde in den üblichen Stallungen. Gott sei mit Euch, Philipp.“
„Danke für Euer Vertrauen, Eminenz.“
Mit dem wachsenden Gefühl von Erleichterung verbeugte sich Philipp und verließ eilig das Zimmer.
* * * * *
Kurz vor Anbruch der Nacht erreichten die Männer die Anhöhe, auf dem Kloster Cappenberg lag.
„Vor mehr als einem Jahr stand ich schon einmal hier“, erinnerte sich Philipp. Der damalige Besuch hatte schmerzhafte Erinnerungen heraufbeschworen. Was würde der Prior im Angesicht des Todes preisgeben?
Philipp bezog eine karge Stube im Hospiz, welche ihm der sauertöpfisch dreinblickende Hospitarius zuwies.
Erst nach dem Morgengebet führte man ihn in Begleitung des Abtes auf die Krankenstation zum sterbenden Prior.
Seine tief in den Höhlen liegenden Augen blickten Philipp argwöhnisch entgegen. Seine wenigen, ergrauten Haaren standen wie Igelstacheln vom Kopf ab.
„Gelobt sei Jesus Christus“, begrüßte er Philipp mit knarzender Stimme.
„In Ewigkeit Amen“.
Mit Rücksicht auf den Abt erwiderte er höflich den Gruß.
„Ihr habt nach mir geschickt, obwohl Ihr mich vor einem Jahr so schnell wie möglich loswerden wolltet“, eröffnete Philipp das Gespräch. „Jetzt bin ich hier. Sprecht aus, was Ihr seinerzeit für Euch behieltet.
Der Prior nickte. Das Sprechen schien ihm schwerzufallen. Sein Gesicht war gerötet, als habe er Fieber. Mit der Hand bedeutete er Philipp, sich zu setzen. Widerwillig zog er einen Schemel an sein Bett.
„Wollt Ihr mir jetzt erzählen was Jahre zurückliegt, um Euer Gewissen zu erleichtern?“, fragte Philipp nicht ohne
Bitterkeit.
Ein Hustenanfall unterbrach die eingetretene Stille.
„Ihr wurdet mit beinahe fünf Jahren als Findelkind in die Obhut dieses Hauses gebracht“. Sein Atem rasselte, das Sprechen fiel ihm schwer.
„Oh ja, ich erinnere mich gut. Ebenso an Eure Schikanen. Ihr besaßt kein Mitleid mit ärmlichen oder traurigen Kindern. Ihr zogt die der adeligen Familien vor. Nach Tagen voller Gebete und Arbeit im Garten schickte man uns hungrig ins Bett. Wir wurden grundlos gezüchtigt, da wir in Euren Augen schlechtere Menschen waren.“
Philipps lang gehegter Groll kam zum Vorschein. Erst der strenge Blick aus den gütigen Augen des Abtes brachte ihn zur Besinnung.
„An jenem Tag brachte Euch ein Knecht zu uns. Er trug ein paar Münzen in einer Geldkatze bei sich, damit man Euch hier aufnahm und versorgte.“
Ein Hustenanfall unterbrach seinen Redefluss. Unruhig nestelte er an seiner Decke.
„Damals war ich jung und dumm. Ich stand der in der Schuld eines anderen Priesters. Er hätte mich verraten, denn ich war ein Sünder“, stöhnte er.
„War jemanden mit meinem Verschwinden gedient?“ Philipp spürte, die Antworten waren zum Greifen nah.
Stattdessen erzählte der Prior
„... in meiner Stube unter den Dielen liegt ein Schwert. Es heißt, es stammt aus Eurer Familie. So erzählte es der Knecht, der Euch her brachte. Daher nahm ich es an mich und versteckte es für den Fall, dass ich meine Schulden nicht abzahlen konnte. Angenommen Ihr findet Eure Familie, dann ist dies ein weiterer Beweis Eurer adeligen Abstammung...“, röchelte er. Das Sprechen strengte ihn sehr an. „Vergebt mir.“
Ermattet richtete er die aufgerissenen Augen in die Ferne. Gut sichtbar pulsierte sein rascher Herzschlag an der Schläfe.
Erregt sprang Philipp auf.
„All die Jahre wusstet Ihr es! Schimpftet mich einen Bastard...! Ich kann Euch nicht verzeihen.“
Er empfand weder Groll noch Mitleid. Nur eine große Leere, gepaart mit dem Gefühl, um etwas Wichtiges beraubt worden zu sein.
„Euren Frieden müsst Ihr im Himmel machen“, sagte Philipp tonlos, drehte sich um und verließ das Hospitarium.
Der Abt folgte im gebührenden Abstand. Er ließ Philipp einen Moment der Besinnung, ehe er erschüttert drängte:
„Lasst uns in seiner Zelle nachsehen“.
* * * * *
Unter einer Holzplatte im Boden der Zelle fanden sie das in Stoffbahnen eingehüllte Schwert. Es war von außergewöhnlicher Schmiedekunst mit filigranen Verzierungen auf Blatt und Schaft.
Eine vage Erinnerung kam Philipp in den Sinn:
Ein Kamin in einer eindrucksvollen Halle über dem das Wappen mit einer Baumgruppe umrahmt von Kornfeldern wie einem Fluss prangte.
...Silberbecher auf einem Regal...
Die Stimme des Geistlichen holte ihn in die Wirklichkeit zurück.
„All diese Ereignisse sind vor meiner Zeit als Abt geschehen. Es schmerzt mich, dass Prior Bertram sich so schändlich gegen die Findelkinder verhalten hat. Leider blieben Euch und all jenen die christliche Nächstenliebe verwehrt. Verzeiht uns! Man hätte besser Obacht geben müssen.“
„Weiß man, welcher Art seine Vergiftung ist?“, fragte Philipp.
„Wir vermuten eine Mixtur aus rotem Fingerhut und Tollkirsche. Gerade genug, um am Leben zu bleiben, jedoch mit schweren bleibenden Schäden. Kein Mensch kann ihn bestrafen, das hat er selbst getan.“
„Er versuchte sich das Leben nehmen? In der Nachricht an den Erzbischof stand, er sei vergiftet worden“.
„Am Anfang sah es nach einem Giftanschlag aus. Der Prior hatte Zugang zu Kräutern und Giften im Hospitarium.
„Wieder eine Lüge.“
„Ich verstehe, wenn Ihr diesem Ort den Rücken kehren wollt, doch bitt` ich Euch, mit mir in der Kapelle ein Gebet zu sprechen. Nicht für unseren Bruder Bertram, sondern für Euch selbst, damit Friede in Euer Herz einkehrt.“
Die Augen des Abtes baten inständig.
Philipp brachte es nicht übers Herz, ihm den Wunsch abzuschlagen.
Der Abt sollte Recht behalten. Nach dem Gebet spürte Philipp, wie die Ruhe in sein Herz zurückkehrte und sich Unstimmigkeiten in seinem Kopf aufklärten.
* * * * *
Im Speisesaal wartete Jacob mit zwei Waffenknechten im Gefolge.
„Zum ersten Mal seit wir uns kennen, habe ich mir ernstlich Sorgen um dich gemacht“, begrüßte er den Freund. „Ich kenne dich als ausgeglichenen Menschen. In deiner Unruhe und Gereiztheit wirktest du wie ein Fremder...“ Er legte die Hand auf Philipps Schulter und sah ihm prüfend ins Gesicht.
„Es tut gut dich zu sehen“, erwiderte Philipp den Gruß mit großer Herzlichkeit.
Nachdem sie am Folgetag Cappenberg verlasen und Rast hielten, zeigte Philipp allen das abgenutzte Lederstück sowie das Schwert.
Anerkennend pfiff Jacob pfiff durch die Zähne. „Ein Kunstwerk. Die Herstellung muss ein kleines Vermögen gekostet haben. Schaut nur das fein gearbeitete Schaftstück aus Horn an.“ Andächtig strich er mit den Fingern darüber.
„Gehörte es deinem leiblichen Vater?“
„Ich weiß es nicht sicher. Diese, wie andere Antworten blieb mir der Prior schuldig.“
„Jetzt muss er nur noch Gott Rede und Antwort stehen“, sagte Jacob und bekreuzigte sich.
„Nach der Morgenmesse fand man ihn Tod vor seinem Bett. In seiner Hand lagen Tollkirschen. Während ich vor den Stallungen auf dich wartetete unterhielten sich zwei Mönche im Hof darüber. Sag mir, hat deine Suche hier und jetzt wirklich ein Ende?“
Zweifelnd sah er Philipp ihn an.
„Was glaubst du Jacob? Sag mir frei heraus was du denkst.“
Jacob zog ein nachdenkliches Gesicht. „Ich denke, du siehst eine neue Herausforderung... .“
Philipps Lächeln wirkte versonnen.
„Du kennst mich gut! Recht hast du Jacob!“
Entschlossen stieg Philipp in den Sattel und wendete sein Pferd.
„Der Prior nannte keinen Familiennamen. Stattdessen erzählte er vom Schwert. Es gibt etwas zu erledigen, was keinen Aufschub duldet.“
„Was hast du vor?“ Jacob sah ihn in gespannter Erwartung an.
„Lass es uns herausfinden“, war Philipps Antwort, während er geschwind zurück ritt.
* * * * *
Die Kirchenglocke läutete zur Laudes, als sie den verlassen Vorhof erreichten. Flink sprang Philipp aus dem Sattel, sah sich suchend um. Aus der Scheune hörte er gedämpfte Stimmen. Er gab Jacob ein Zeichen. Ein ergrauter Mönch tränkte in der Scheune zwei Ochsen.
„Wer ist da?,“ fragte er ehe er sich umdrehte.
„Seid gegrüßt,“ sagte Philipp leise, ehe er aus dem Zwielicht in den dunkleren Bereich der Stallung trat.
"Ah, der Bote aus Cöllen“, stellte der Mönch beim Ausgießen des Eimers fest.
„Habt Ihr etwas vergessen?“
„Ihr wisst wer ich bin?“
„Hinter diesen Mauern bleibt wenig verborgen. Ich hörte auch, unser verstorbener Prior war im Verbergen geübt.“
„Ich stimme Euch zu. In seinem Besitz befand sich nicht nur ein Schwert, sondern auch ein zerfranster Lederrest, auf dem das Wappen einer vielleicht hier ansässigen Familie zu sehen ist. Möglicherweise könnt Ihr mir weiterhelfen.“
„Warum sollte ausgerechnet ich helfen können?“
„Ich weiß, dass viele der hier lebenden Brüder aus der Umgebung stammen. Was spricht dagegen, einen Blick darauf zu werfen?“
Ein freundlich herausfordernder Unterton lag in Philipps Stimme.
„Sind wir letztendlich in diesem Leben nicht alle auf der Suche nach Antworten?“
„Ihr könnt Euer Anliegen begründen und lasst Euch nicht entmutigen. Das gefällt mir. Lasst es mich im Hellen ansehen“.
Philipp versteckte seine Gefühle und Hoffnungen hinter einem ausdruckslosen Gesicht.
„Die Bäume mit der geschlängelten Linie kommen mir bekannt vor“, sinnierte der Mönch. „Der Verlauf der Strecke könnte ein Hinweis auf den alten Handelsweg oder die Lupia sein. Ich wuchs im Lupiatal auf. Der Fluss wurde als schlängelnde Linie dargestellt. Hier fehlt ein Stück vom Leder. Es kann nicht das vollständige Wappen sein.“
„Kennt Ihr herrschaftliche Familien, die eine Baumgruppe, den Fluss oder die Handelsstraße im Wappen führen?“
Der Mönch spürte Philipps Unruhe. Mit einem Seitenblick musterte er ihn.
„In Hüveli gibt es Familien, die am Fluss leben. Dazu gehören die von Laakes. Es gibt die Gemeynces, deren Ackergut an einem Nebenfluss liegt, der bei Nienbrügge in die Lupia fließt, ebenso wie der Zufluss der Ahse. Da ist noch die Familie von der Mark und im Lupiatal seitlich des Hellwegs, lebten die von Waldlehnes. Sie lebten auf der westfälischen Seite ein Stück von Soest entfernt. Bei ihnen gab es ganz sicher Bäume im Wappenschild. Die Bäume standen für ihren Waldbesitz, einem großen Eichen- und Buchenbestand. Einen Schlüssel und ein Kornfeld gab es auch im Wappen. Möglicherweise waren die Symbole auf dem fehlenden Stück. Diese Familie hatte mehrere Söhne. Sucht Pfarrer Sebastinus in Herringhe auf. Seine Gemeinde erstreckt sich entlang der Lupia bis Nienbrügge weiter bis zum Ahsezufluss. Er kennt alle ansässigen Adelshäuserhäuser bis kurz vor Soest.“
Ehe Philipp weitere Fragen stellen konnte, betrat ein Novize den Hof.
„Ihr solltet Euch auf den Weg machen“, raunte der Mönch mit Verschwörermiene. Richtet Pfarrer Sebastinus Grüße von mir aus, sofern er noch in St. Viktor ist. Mein Name ist Hilarius. Er erinnert sich gewiss an mich".
„Habt Dank für Eure Hilfe“.
„Gott mich Euch auf allen Wegen“, murmelte der Mann.
Als Philipp in den Sattel stieg, brummte Jacob: „Erklärst du mir jetzt, warum wir zurück geritten sind?“
„Wer kennt sich besser mit den Wappen aller Häuser aus der Umgebung aus, als ein ortsgebundener Mönch aus dem Kloster?“
„Hast du herausgefunden welchem Haus das Wappen zugeordnet werden kann?“
„Noch nicht, aber ich erhielt einen aufschlussreichen Hinweis.“
In einer Taverne Nahe Lünen warteten die Waffenknechte. Jacob drängte zum Aufbruch. Sie mussten die verlorene Zeit aufholen.
„Wir nehmen die alte Fernhandelsstraße nach Münster,“ entschied er.
Darauf bedacht knarzende Bodenbretter zu umgehen, öffnete Brida die Türe zur Schlafkammer und lugte hinein.
„Ihr führt etwas im Schilde Jungfer, deshalb schleicht Ihr wie ein Dieb auf Zehenspitzen herum“, tadelte Gesa.
„Es ist ein herrlicher Morgen. Du weißt welcher Tag heute ist“, antwortete Brida leise.
Seufzend nickte die Magd. Auch sie hatte den Todestag ihrer Herrin, wie ihres neugeborenen Kindes nicht vergessen. Neun Jahre waren vergangen. Die Grafentochter zu einem hübschen Mädchen herangewachsen. Glücklicherweise konnte sie sich nur schemenhaft an den Tod der Mutter erinnern. Von ihrer Gabe wusste das Mädchen nichts.
„Ich will zum Friedhof zu reiten“, sagte Brida entschlossen.
Gesa kannte den Tonfall gut. Niemand, außer dem Grafen, konnte sie von ihrem Plan abhalten.
„Keinesfalls reitet Ihr allein.“
„Mach dir keine Sorgen. Durch den Hudewald begleitet mich Junker Heinrich von Tork“, beschwichtigte sie die alte Frau, welche immer noch verärgert aussah.
Feine Röte überzog ihre Wangen.
Hastig drehte sie ihr Gesicht zur Seite.
Brida hasste Lügen. Niemand sollte den Moment stummer Zwiesprache am Grab ihrer Mutter stören. Barfuß huschte sie zur Kleidertruhe in der Ecke und zog eine alte Hose ihres Bruders hervor.
Entgeistert sah Gesa sie an. „Das geht entschieden zu weit.“
„Ich trage sie unter dem Rock,“ beruhigte Brida „dann muss ich nicht im Damensattel reiten.“
Ärgerlich schüttelte Gesa den Kopf, während das Mädchen in die Hose schlüpfte. Flüchtig umarmte sie die alte Frau und lief kurz darauf über die Verbindungsbrücke zwischen den Burghügeln zum Pferdestall.
* * * * *
Die graue Stute war ebenso jung und ungestüm wie ihre Herrin. Im wilden Galopp ritt Brida zum Hudewald. Mit Leichtigkeit übersprang das Tier jedes Hindernis. Am Wiesenrain der Lupia, dem Fluss, an dem sie aufgewachsen war, gab es viele Nebenarme. Hier pflückte sie einen Blumenstrauß und ritt quer durch die Heide. Als der Schäfer die Grafentochter erkannte, grüßte er freundlich. Von weitem leuchtete der grüne Wetterhahn in der Sonne auf dem Turm von Sankt Viktor. Das vertraute Bild der Kirche gab ihr immer wieder das Gefühl heimzukommen.
Direkt neben der Kirche lag der Friedhof. Sie schlang die Trense ihrer Stute locker um einen tiefhängenden Ast eines Baumes und trat durch die eiserne Pforte auf den Friedhof. Vor dem Grab ihrer Mutter nahe der Mauer kniete sie nieder. Andächtig sprach sie ein stummes Gebet. In Gedanken versunken entging ihr das Quietschen des Tores.
„Guten Morgen Jungfer Brida“, sagte eine vertraute Stimme hinter ihr. Hastig erhob sie sich. Knicksend erwiderte sie den freundlichen Gruß.
„Guten Morgen Vater Sebastinus“
„Ihr seid früh unterwegs Jungfer“.
„Heute ist Mutters Todestag. Ich wollte ihr Blumen bringen“. Ihre Stimme klang beinahe trotzig, als sie seinen suchenden Blick auswich.
„Recht so mein Kind! Gott will nicht, dass wir trotz Sorgen unsere Toten vergessen. Es ist gut, wenn wir die Erinnerung an sie in unseren Herzen bewahren.“
Er erinnerte sich genau an den Tod der Gräfin. Bei der schwierigen Geburt kam die Blutung nicht mehr zum Stillstand. Ihr zu früh geborenes Kind lebte nur wenige Stunden. Dem Grafen brach es fast das Herz, Mutter und Kind vereint zur bestatten.
Eine Träne lief über Bridas Wange.
Tröstend legte der Priester eine Hand auf ihre Schulter.
„Sagt mir, wie geht es Matthias?“
„Er hat große Schmerzen. Zum Glück hat sich bislang kein Fieber eingestellt.“
Stumm begleitete der Pfarrer sie zum Tor, wo er ihrer neugierig schnuppernden Stute den Hals tätschelte.
„Wie ich sehe, seid Ihr ohne Begleitschutz gekommen. Dieser Leichtsinn dürfte Eurem Vater nicht gefallen“, tadelte er. „Habt Ihr Euch wieder heimlich davon geschlichen?“ Vorwurfsvoll sah er sie an.
„Die Grenzgebiete sind nicht sicher. Ständig gibt es Aufstände zwischen Bauern mit unzufriedenen oder wütenden Tagelöhnern. Nicht auszudenken, wenn Ihr zwischen die Fronten geratet. Schlimmer noch, wenn man Euch als Geisel nimmt, um Lösegeld zu erpressen...“ Mit einer ausholenden Handbewegung versuchte er die Unwägbarkeiten hervorzuheben. „Vergesst nicht, daheim ein Vaterunser sowie ein Ave Maria für Eure Eigenmächtigkeit zu beten,“ mahnte er.
Schuldbewusst sah Brida ihn an.
„Danke, Vater Sebastinus“, sagte sie leise, während er den Segen über sie sprach.
Geschickt stieg sie in den Sattel und hob grüßend die Hand, ehe sie losritt.
Brida genoss ihren morgendlichen Ausritt. Dennoch, die Ereignisse der vergangenen Tage ließen ihr keine Ruhe.
Das Farbenspiel des rot-goldenen Blätterdaches der Bäume stand im lebhaften Kontrast zu den Nebelgespinsten auf der Wasseroberfläche. Ihr knurrender Magen erinnerte sie, dass es Zeit war zurückzukehren. Sie kürzte den Weg ab, ritt über abgeerntete Leinfelder bis zu einem unscheinbaren Waldweg, den nur ortskundige kannten. Sonnenstrahlen durchdrangen das lichter werdende Blätterdach des Weges, auf dem das herabgefallene Laub wie ein goldener Teppich lag. Mit leichtem Druck ihrer Füße lenkte sie das Tier. Im nächsten Augenblick jagte die Stute mit weit ausholenden Sprüngen über den Weg, bis die Blätter unter den Hufen hochwirbelten. Bald sah Brida den efeuumrankten Turm, auf dem bunte Banner im Wind wogten.
* * * * *
Behände glitt das Mädchen aus dem Sattel. Den Zügel ihrer Stute reichte sie einem jungen Pferdeknecht.
„Sattle sie für mich ab“, bat sie den rothaarigen Jungen freundlich, als ein paar Hühner laut gackernd vor ihren Füßen herliefen.
Ungesehen huschte sie die Stufen zur Kammer hinauf, wusch sich und kleidete sich um. Als sie das Hallenhaus betrat, saßen zu ihrer Überraschung der Vater, wie ihre Stiefmutter zusammen mit Konrad am Tisch.
„Setz dich Brida,“ sagte der Vater streng. „Wo kommst du jetzt her? Du warst wieder allein unterwegs, nicht wahr?“
Eingeschüchtert sah sie ihren Vater an. Sie ahnte, Reinhild hatte ihn angestachelt, sie vor Konrad zu rügen.
„Heute ist Mutters Todestag...“ Brida brach ab. Hilfesuchend wanderten ihre Augen zu Konrad.
Der Blick des Vaters wurde milder. „Ja, bei der Sorge um Matthias hätte ich es fast vergessen.“ Er räusperte sich.
„Hast du ihre Lieblingsblumen in der Aue gepflückt?“
Reinhilds empörter Blick traf Brida, ehe sie mit honigsüßer Stimme einwarf:
„Friedrich, sie ist wieder allein ausgeritten. Du hast es ihr doch verboten.“
Gedankenschwer sah der Graf sie an. Es schien, als sei er aus der Vergangenheit zurückgekehrt.
„Der Weg zum Friedhof nach Herringhe ist nicht weit und Brida ist eine gute Reiterin. Heute sehe ich über dein leichtsinniges Handeln hinweg. Du hast trotz der Ereignisse in den letzten Tagen Verlässlichkeit bewiesen und dich um das Grab deiner Mutter gekümmert.“
Ihre gutgemeinte Geste rührte den Vater mehr an, als er zugeben wollte. „Zukünftig wünsche ich, dass du dich an meine Anweisungen hältst. Keine Ausritte mehr ohne Begleitung!“
Seine Stimmung war für Reinhilds Geschmack zu Milde. Ärgerlich presste sie die Lippen aufeinander.
„Diese Wende scheinst du nicht erwartet zu haben“, dachte Brida nicht ohne Schadenfreude.
„Ich würde jetzt gern Matthias besuchen“, warf Konrad ein und erhob sich. „Zudem wollte ich Euch um Erlaubnis bitten, ob Brida mich zum Herbstmarkt nach Nienbrügge begleiten darf. Ich benötige ihre Hilfe bei der Auswahl eines Schmuckstücks für Jettes Brautgeschenk.“
Flüchtig zwinkerte Konrad Brida zu. „Ich verspreche Acht auf sie zu geben,“ setzte er rasch hinzu, als sein Ohm sich mit der Antwort Zeit ließ.
„Meinetwegen“, brummte Bridas Vater. „Pass auf, dass sie keinen unnützen Tand oder Zierrat kauft.“
Konrad bedankte sich, wobei er Reinhilds wütende Blicke mit Absicht übersah.
Brida hielt ihren Kopf gesenkt.
„Danke Vater. Ich verspreche dir, nur noch mit Begleitschutz die Burg zu verlassen.“
Treuherzig schaute sie den Vater an. Dabei ahnte sie nicht, wie sehr sie in diesem Moment ihrer Mutter ähnelte.
Auf der Treppe drückte sie Konrads Hand. „Danke für deinen Beistand!“, flüsterte sie erleichtert.
* * * * *
Der Nienbrügger Herbstmarkt war, neben dem in Soest stattfindenden Markt, der Vorletzte vor dem Nebelmond. Händler kamen von weit her. Sie boten feine Tuche, Silberschmuck oder Sattelzeug an. Dazwischen standen Bauern mit Obst, Gemüse und Federvieh. Fleischspieße mit Geflügel drehten sich über den Feuern und kleine Küchlein wurden goldgelb in der Fettpfanne ausgebacken.
Konrad ergriff Bridas Hand, als die Menschentraube nahe der Burg dichter wurde. Geschickt umging er die Bäckerstände, da er ihre Schwäche für süßes Honiggebäck kannte.
„Schau, Zigeuner. Sie lesen die Zukunft aus der Hand. Vielleicht möchtest du wissen, ob dir bald dein zukünftiger Ehemann über den Weg läuft“, neckte er sie.
Verunsichert blickte sie ihn an.
„Hast du dir die Zukunft vorhersagen lassen?“
„Ja, nach Vaters plötzlichem Tod. Du weißt doch, schon als Junge glaubte ich, allen meinen Mut zeigen zu müssen, wie zahlreiche Narben beweisen. Die vorhergesagten Ereignisse sind allerdings nicht eingetreten,“ warf er mit einem Lächeln ein.
Eine junge Zigeunerin mit lebhaft dunklen Augen war aufmerksam geworden. Sogleich begann sie ihre Künste anzupreisen.
„Möchten der hohe Herr oder seine schöne Begleiterin wissen, was das Schicksal bereit hält? Es kostet nur einen Silberpfennig“.
„Wie sieht es aus Brida – möchtest du wissen, welche Zukunft dich erwartet? Hast du Mut?“
Prüfend sah ihr Konrad in die Augen, während die Zigeunerin die Entscheidung abwartete. Mit wachen Augen musterte sie das Mädchen, als sie plötzlich nach ihrer Hand griff. Bridas Versuch, ihr die Hand zu entziehen scheiterte. Die Frau hielt sie fest, dabei warf sie ihr einen warnenden Blick zu. Brida fröstelte.
Fasziniert sah ihr die Seherin in die Augen, als suche sie etwas darin. Erst danach konzentrierte sie sich auf ihre Handinnenfläche. Mit monotoner Stimme begann sie zu reden.
„Menschen, die Ihr liebt, werden Euch enttäuschen oder verraten. Ein Widersacher legt seine Netze aus - hütet Euch vor ihm! Er plant Übles! Aber es ist nicht alles verloren, verzagt nicht. Das Schicksal schickt unerwartete Hilfe.“
Die Haltung der Zigeunerin drückte so viel Selbstsicherheit aus, dass Brida kaum zu atmen wagte. Das Gehörte klang zu geheimnisvoll und in ihrem Inneren wusste sie, von wem die Frau sprach. Konrad drückte der Seherin eine Münze in die Hand.
„Komm weiter, du musst mir helfen, ein Geschenk auszusuchen...“ Konrad zog sie mit sich.Zerstreut nickte Brida. Ihre Gedanken kreisten um die Voraussage der Zigeunerin.
Seit Philipp in Diensten des Erzbischofs stand, war sein Leben unstet und rastlos. Oft war er tagelang im Tross mit Waffenknechten unterwegs. Längst hatte sich seine Kehrseite an diesen Zustand gewöhnt. Hin und wieder gönnte er sich den Luxus eines Badehauses oder einer guten Herberge, da Läuse und andere Blutsauger in den Unterkünften nicht selten waren. Wieder kreisten seine Gedanken um die Frage nach seiner Herkunft.
Wie passte das edle Schwert ins Bild eines verarmten Adeligen?, überlegte Philipp.
„Du träumst mit offenen Augen“, beschwerte sich Jacob verdrießlich.
„Entschuldige, mir geht vieles durch den Kopf“.
„Vordringlich müssen wir uns um eine Unterkunft Gedanken machen. Die dunklen Regenwolken gefallen mir nicht. In Begleitung der Waffenknechte ist es schwieriger eine Unterkunft zu finden. Gut, dass wir nur zu Zweit nach einem Quartier Ausschau halten müssen.“
„Um diese Jahreszeit ist das Moosbett selbst ohne Regen feucht. Ich reiße mich nicht darum, die Nacht in unserer schönen Natur zu verbringen“, spottete Philipp gutmütig.
Während des Sommers nächtigten er und seine Begleiter oft unter freiem Himmel. Im Tross baten sie selten in Klöstern um Quartier.
„Ehe die Stadttore schließen erreichen wir Nienbrügge nicht. Dort wüsste ich eine passende Unterkunft“. Jacobs Lächeln war vielversprechend.
„Leider trennen sich unsere Wege bald. Ich werde deine Gesellschaft vermissen.“ Bedauernd sah Philipp zu Jacob.
„Was ich heute nicht von dir behaupten kann“, scherzte Jacob.
„Wir müssen die Nacht im Grenzgebiet der Grafschaft Hüveli verbringen. Hier werden wir kein Gasthaus mehr finden, befürchte ich. Der einzig gastliche Ort ist Haus Gemenyce. Mit etwas Glück gewährt man uns ein bescheidenes Quartier.“
Im Zwielicht des rasch schwindenden Tageslichts erreichten sie die Wasserburg. Ein unfreundlicher Torwächter mit grimmigem Blick fragte nach ihrem Begehren.
„Wir sind Boten im Dienste des Herzogs von Westfalen. An der Heerstraße fanden wir kein Nachtquartier. Wir erbitten bei Eurem Herrn eine Schlafstatt innerhalb der schützenden Mauern seines Hauses“, erklärte Jacob sein Anliegen.
Unverständlich murrte der Torwächter etwas, ehe er sich anschickte, seinen Herrn zu fragen.
Nach endloser Zeit kehrte er zurück und öffnete ihnen das Tor.
Ein Mann im vorgerückten Alter erschien an der Seite des Torwächters. Er musterte die jungen Männer, während ein Waffenknecht mit einer Fackel im gebührenden Abstand wartete.
„Besitzt Ihr ein Amtssiegel?“
Wortlos zog Philipp seine Amtskette unter dem Umhang hervor.
„Gestattet, dass wir uns vorstellen“, mischte sich Jacob ein. „Ritter Philipp von Eichenweiher ist Abgesandter des Erzbischofs von Cölln. Mein Name ist Jacob vom Wiesenrain, ich gehöre zur Erzbischöflichen Garde.“
„Tretet ein, die Grenzgebiete sind unsicher. Gewiss bringt Ihr Neuigkeiten aus der Umgebung. Ich bin Henrycus von Gemenyce.“
Sie passierten den Burggraben vorbei an der Burg und blieben vor einer Stallung stehen.
„Mein Neffe Alderich ist seit Kurzem hier der Herr. Er sieht es nicht gerne, wenn Fremde kommen“ erzählte der Alte, scheinbar froh, Gesellschaft zu haben. „Früher war unser Haus gastfreundlicher.“
Er führte die Ankömmlinge zu einem Schuppen. „Hier ist es trocken. Ich veranlasse, dass man Euch etwas zu Essen bringt. Waschen könnt Ihr Euch vorn am Weiher.
„Danke, dass Ihr uns Unterkunft gewährt“, bedankte sich Philipp freundlich.
„Es ist keine Herberge, doch du musst zugeben, wir haben es trotz aller Widrigkeiten gut getroffen“, stellte Jacob erfreut fest, sobald sie allein waren. Beide sattelten ihre Pferde ab und fielen müde ins Stroh, wo sie wohlig ihre steifen Glieder ausstreckten.
Kurz darauf erschienen zwei Mägde mit Bierkrügen, Brot, Butter sowie einem Stück Ziegenkäse.
Genüßlich ließen sie sich das unerwartet üppige Mahl schmecken und schliefen kurz drauf ein.
* * * * *
Philipp erwachte von einem metallischen Klicken. Alarmiert öffnete er die Augen,
während er gleichzeitig nach dem Schwert an seiner rechten Körperseite tastete. Er griff ins Leere. Erschrocken richtete er sich auf und sah in die Gesichter vier bewaffneter Männer, die sie umstellt hatten. Auf den noch schlafenden Jacob war eine Armbrust gerichtet. Philipps abrupte Bewegungen hatten auch ihn geweckt.
„Warum zum Henker…“, murrte er schlaftrunken, bis er die Männer erblickte. Verstört setzte er sich auf.
Ein dunkelhaariger, finster dreinblickender Kerl hielt Philipps Schwert in der ausgestreckten Hand, wo- mit er auf dessen Brust zielte.
„Was habt Ihr hier verloren?“, schnauzte er. Sein Körper zeigte erste Anzeichen von Fülle. Ein Kampf schien Philipp kaum lohnenswert.
„Wir erreichten dieses Gehöft bei Einbruch der Dunkelheit und baten um Quartier“, antwortete Philipp mit ruhiger Stimme. Beherrscht sah er dem Bärtigen in die Augen.
Verächtlich verzog dieser die Mundwinkel.
„Was ich sehe ist, dass Ihr Euch auf meine Kosten den Wanst vollgeschlagen habt. Verflixtes Gesindel seid Ihr, nichts weiter. Der mildtätige alte Trottel ist auf Euer Gejammer hereingefallen.“
„Der Herr des Hauses hat uns eingelassen“, wagte Jacob einen vorsichtigen Einwand.
„Schweigt, sonst lehre ich Euch, wie Ihr mit einem Herrn zu sprechen habt,“ pöbelte der Bärtige aufgebracht. „Burgherr bin ich!“
„Lass sie doch erklären, was sie hier wollen Alderich“. Ein hochgewachsener Mann versuchte zu vermitteln.
„Halt dich raus Waldemar. Also! Wollt Ihr uns nicht den wahren Grund nennen, warum Ihr hergekommen seid?“, fragte der vermeintliche Burgherr. Dabei bewegte er das Schwert. Jetzt zielte er mit der Spitze auf Philipps Hals, bis er ihn berührte. Philipp spürte einen leichten Schnitt. Er ballte die Rechte zur Faust, als plötzlich Henrycus in der Türe stand.
Sobald der Ältere erschien, senkten Alderichs Männer respektvoll ihre Waffen.
Zornig fuhr der Alte seinen Neffen an. „Welch ein Benehmen maßt du dir an Alderich? Ich war es, der den Männern Zutritt gewährte. Wenn du dir die Mühe gemacht hättest, mich zu fragen, wüsstest du, dass es Boten im Auftrag des Cöllner Erzbischofs sind!“
Ärgerlich starrte Henrycus seinen Neffen an.
„Woher sollte ich das wissen, Onkel“, blaffte der Bärtige aufgebracht.
„Wenn du mehr Zeit hier verbringen würdest, anstatt mit deinen Kumpanen umherzuziehen, wüsstest du was auf dem Gut vor sich geht. Letztendlich wurde Gastfreundlichkeit in diesen Mauern bislang immer gewährt.“
„Damit wären wohl alle Zwistigkeiten beseitigt“, warf Jacob erleichtert ein.
Vorsichtig stand er vom Nachtlager auf.
Deutlich langsamer bewegte sich Philipp. Er maß Alderich mit abschätzenden Blicken, während er spürte, wie ein Blutstropfen an seinem Hals entlang lief. Ärgerlich wischte er ihn ab. Er warf Alderich einen finsteren Blick zu. Der Bärtige wirkte älter, als er war. In seinem Blick lagen Feindseligkeit und Durchtriebenheit, den der harte Zug um seinen Mund verstärkte. Mit einem Mal war Philipp sicher, dem Mann schon begegnet zu sein. Ein Gefühl hilfloser Beklemmung bemächtigte sich seiner. Philipp schalt sich einen Narren. Es war unmöglich! Dennoch - das warnende Gefühl blieb.
„Das Schwert in Eurer Hand gehört mir“, sagte er kühl.
Widerwillig reichte Alderich ihm das Schwert. Im Gehen wandte er sich noch einmal um. „Euer Schwert ist Kleinod der Schmiedekunst. Vor vielen Jahren, während des letzten Kreuzzugs sah ich eines, ähnlich dem Euren. Meint Ihr nicht, dass es mir ebenso gut zu Gesicht gestanden hätte wie Euch? Vielleicht sogar besser." Selbstgefällig grinste Alderich Philipp an.
Statt einer Antwort warf Philipp ihm einen düsteren Blick zu. Als seine Provokation nicht fruchtete, fuhr Alderich Waldemar ärgerlich an. „Was stehst du hier rum und gaffst, komm gefälligst mit.“
Seine Begleiter folgten ihm in gebührendem Abstand.
Während der Unterhaltung war Henrycus neben der Türe stehen geblieben.
„Seht meinem Neffen das schlechte Benehmen nach“, entschuldigte er sich.
„Er ist ein respektloser Hitzkopf. Vor geraumer Zeit starb seine Braut bei einem Ausritt. Über diesen Verlust kommt er nur schwer hinweg. Seither ertränkt er den Schmerz zu oft im Wein oder sucht Zerstreuung im Spiel, anstatt sich um die Aufgaben des Gutes zu kümmern“, klagte der alte Mann vergrämt. „Ich würde ich mich freuen, wenn Ihr mir bei einem guten Frühstück im Haus Gesellschaft leistet.“
„Das würden wir gern“, erwiderte Jacob rasch, ehe Philipp ablehnen konnte.
* * * * *
Wenig später erreichten die jungen Ritter das nördliche Stadttor von Nienbrügge, wo sie buntes Markttreiben empfing.
„Traditionell findet der Nienbrügger Herbstmarkt vor Erntedank statt“, erzählte Jacob. „Nach Erntedank folgt vor dem Winter nur noch der Soester Markt.“
Im Schatten der Burg priesen Händler und Handwerker lautstark ihre Waren an. Vielfältige Gerüche vermischt mit exotischen Gewürzen hingen in der Luft. Jacob verabschiedete sich von Philipp, der sich interessiert auf dem Markt umsah.
In Burgnähe fand er die Tuchmacher. Gut sichtbar, in einer Mauernische, war der Ellenstein eingelassen. Ein Marktvogt überwachte Maße und Gewichte. Dabei achtete er auf die Qualität der Krämerwaren und übte Richterfunktion bei Handelsstreitigkeiten aus.
Philipp erwarb einen warmen Umhang aus fest gewebten, hochwertigen Tuch. Einmal glaubte er, Jacob bei den Gauklern gesehen zu haben, als eine melodische Mädchenstimme ihn ablenkte.
„Konrad sieh nur, welch wundervolles Zaumzeug“.
Interessiert drehte Philipp sich um. Ein junges Mädchen mit honigbraunem Haar zog in ihrer Freude über die Auswahl des Lohgerbers einen jungen Mann mit sich. Ihre Kleidung wies sie als Edelfräulein aus. Einige Male schaute Philipp hinüber, bis ihre Blicke einander begegneten. Ihre Augen waren von einem intensiven grün. Sie erinnerten an dunkle Moose, wie sie nur an schattigen Plätzen im Wald zu finden waren. Unschlüssig besah Philipp die angebotenen Dolche. Abermals blickte er verstohlen zum gegenüberliegenden Stand, wobei er enttäuscht feststellte, dass das Mädchen bereits fort war.
Er passierte den großen Stapelplatz vor der Burg wo Kisten, Fässer und Karren einiger Händler lagerten, ehe er Nienbrügge durch das westliche Stadttor verließ. Noch Tage später spukte die Erinnerung an das Mädchen mit den geheimnisvollen Augen in seinem Kopf herum.
Mit einem Mal wusste er, warum sie ihn so sehr beschäftigte: Ihre Augen hatten dieselbe Farbe wie die seiner Mutter.
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