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"Wenn der Leitstern erlischt und sein Funke zerbricht. Wenn das letzte Lied verklingt und der dunkle Mond den Himmel erklimmt." Aurelia ist es unter Einsatz ihres Lebens gelungen, den Schattenkönig zu besiegen, doch noch liegt der Frieden in weiter Ferne. Während das Feuer der Rebellion ungezügelt im Lande brennt, landen an Canthans Küsten Flüchtlinge aus Mherdon an. Die geflohenen Menschen bringen besorgniserregende Kunde mit und schon bald erklingen erneut die Trommeln des Krieges. Aurelia und ihre Freunde müssen erkennen, dass es dieses Mal um weit mehr als den Frieden in ihrem Land geht. Das Schicksal des gesamten Kontinents steht auf dem Spiel!
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Seitenzahl: 387
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Azura Schattensang
Schattendrache
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Epilog
Impressum neobooks
„Sie ist zäh“, sagte er und verrückte den schwarzen Springer. Als Gegenzug verlor er seinen Läufer, aber das machte nichts. Das Spiel hatte er längst gewonnen.
„Hat es also wiedermal geschafft, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen.“ Er lachte leise in sich hinein. „Dass der Schattenkönig so schnell ein endgültiges Ende gefunden hat, hat mich jedoch überrascht.“
Langsam ließ er seine Hand über den Figuren kreisen und überdachte seinen Zug. „Nun gut, auch er war nichts weiter als eine Spielfigur und hat seine Aufgabe bravourös gemeistert.“ Sein verbliebener Läufer rückte einige Felder vor und schlug den gegnerischen Turm. „Wie steht es um die Vorbereitungen?“
Der ihm gegenüberstehende Mann nahm Haltung an. „Es wurden alle Vorkehrungen getroffen, Herr. Ihr müsst nur noch die Botschaft senden.“
Ein boshaftes Lächeln trat auf seine Lippen. Der schwarze Springer rückte vor und stand nun direkt vor dem König.
„Schach matt, meine Teuerste. Dieses Mal gibt es kein Entrinnen.“ Er setzte sich auf und streckte den Rücken. „Somit fällt der Vorhang zum ersten Akt. Versende die Nachricht. Es ist für uns an der Zeit vorzurücken.“
Der Mann verbeugte sich zackig. „Jawohl, mein Herr.“
Mit raschen Schritten verließ der Mann das Zimmer und ließ seinen Herrn alleine zurück.
Die Hände unter dem Kinn gefaltet, betrachtete er das Schachbrett. Lange Zeit hatte er daraufhin gearbeitet. Doch nun war das Ziel zum Greifen nah und er würde jeden einzelnen Moment davon auskosten. Sein Lächeln wurde breiter.
Wintarmanoth – 324 n. DK
Das Feuer im Kamin loderte hell und verbreitete eine wohlige Wärme. Auf dem kleinen Tisch neben dem Bett standen eine Kanne mit warmen Tee und zwei tönerne Becher, sowie ein benutzter Teller.
Nachdem man die Wunde an ihrer Seite versorgt hatte, hatte man ihr einen Teller mit heißer Suppe in die Hand gedrückt. Kyle hatte sorgsam darauf geachtet, dass sie auch den letzten Rest der Mahlzeit zu sich nahm und sie anschließend in mehrere dicke Decken gewickelt. Ihr war immer noch kalt, doch die eisige Kälte in ihrem Inneren war glücklicherweise verschwunden. Es fühlte sich eher so an, als hätte sie sich zu lange im Freien aufgehalten. Nachdenklich betrachtete sie ihre Hände und ballte sie zu Fäusten. Langsam kehrten Gefühl und Kraft in ihre Glieder zurück.
Nachdem sie aus ihrem seltsamen Traum erwacht war, hatte sie sich furchtbar schwach gefühlt. Sie war nicht einmal im Stande gewesen, selbständig zu gehen, weshalb Kyle sie auf ihr Zimmer hatte tragen müssen. So viel Schwäche zu zeigen war ihr unangenehm gewesen, doch es hatte sich nicht ändern lassen.
Natürlich war ihr Kyle seitdem nicht mehr von der Seite gewichen. Mit wachsamen Augen hatte er jede ihrer Bewegungen verfolgt, so als fürchtete er, dass sie jeden Augenblick verschwinden könnte. Sie hatte ihm unermüdlich versichert, dass alles in Ordnung sei und es ihr gut ginge, aber er hatte ihren Worten nicht so Recht glauben wollen. Irgendwann hatte er sich jedoch soweit beruhigt, dass er sich neben sie aufs Bett legte. Wenige Augenblicke später hatten die Anstrengungen der letzten Tage und Stunden ihren Tribut gefordert und ihn in einen seichten Schlaf hinübergleiten lassen.
Aurelia beobachtete zufrieden wie sich seine Brust bei jedem Atemzug gleichmäßig hob und senkte und kuschelte sich an ihn. Ein Ohr an seine Brust gepresst, lauschte sie den beruhigenden Schlägen seines Herzens. Schließlich zog sie die Halskette unter ihrem Hemd hervor und betrachtete sie. Der glatte, runde Stein hatte jegliche Farbe verloren und ein tiefer Riss durchzog sein Inneres.
Ein Jeder hatte wissen wollen, was geschehen war und wie sie aus dem Totenreich hatte zurückkommen können, doch sie konnte ihre Fragen nicht beantworten. Das Letzte, an das sie sich erinnerte, war, wie sie nach dem Sieg über den Schattenkönig durch das Portal geschritten war. Danach war alles dunkel und leer. Dennoch hatte sie eine vage Vermutung, was sie gerettet haben mochte. An Lilliths Blick hatte sie erkannt, dass diese den gleichen Gedanken hegte.
Kyle zuckte plötzlich zusammen und riss die Augen auf. Hektisch sah er sich um und begann mit den Armen zu rudern. Als er sie sah, seufzte er schwer und ließ den Kopf zurück auf das Kissen sinken.
„Wie lange habe ich geschlafen?“, fragte er.
„Nicht lange“, antwortete sie und musterte ihn streng. „Aber es würde dir guttun, wenn du noch etwas schlafen würdest.“
„Für dich gilt das Gleiche“, grollte er. „Die Heiler haben dir absolute Ruhe verordnet, weil sie sich nicht sicher sind, was man jemandem empfiehlt, der gerade von den Toten zurückgekehrt ist.“
„Bisher habe ich mich nicht aus dem Bett fortbewegt“, entgegnete sie. Sie setzte sich auf, zog die Decken enger um ihren Körper und mied seinen Blick. Die Wunde an ihrer Seite pochte dumpf. Glücklicherweise war die Verletzung, die ihr ihr Doppelgänger in Rovans Versteck zugefügt hatte, war nicht sehr schwer gewesen. Die Magie der Heiler hatte sie fast vollständig verheilen lassen. In wenigen Tagen würde sie sie so gut wie nichts mehr davon bemerken.
„Du weißt, dass ich dir eine Predigt von historischem Ausmaß halten wollte - aber ich bin einfach nur froh, dass du lebst“, sagte Kyle leise.
Aurelias Wangen brannten, während sie seinem Blick weiterhin auswich. Das schlechte Gewissen lastete schwer auf ihren Schultern.
„Es tut mir leid“, flüsterte sie. „Ich wollte dir keinen Kummer bereiten.“
„Sag mir nur wieso“, verlangte er. Seine grünen Augen fixierten sie und schienen sich in sie hinein zu bohren.
„Ich...“ Sie stockte. „Du hättest mich unter keinen Umständen gehen lassen. Eher hättest du mich in Ketten gelegt und im Kerker eingesperrt, wenn ich dir gesagt hätte, was ich vorhabe.“
Kyle lachte trocken. „Und es wäre mir völlig egal gewesen, wenn ich dafür selbst in den Kerker gegangen wäre.“
„Ich konnte und wollte niemandem diese Aufgabe aufbürden. Ihr alle hattet schon genug Sorgen - und was wäre ich nur für eine Königin, wenn ich meine Untertanen in eine aussichtslose Schlacht schicke, ohne selbst das Rückgrat zu besitzen, der Gefahr ins Auge zu sehen?“ Endlich schaffte sie es, ihm in die Augen zu sehen. „Nie und nimmer hätte ich mich wie ein verängstigtes Kind hinter den Mauern des Schlosses verstecken können.“
„Das ist, was dich zur großartigsten Königin aller Zeiten macht.“ Er griff nach ihren Händen und zog sie an sich.
„Bist du mir böse?“, fragte sie an seinem Ohr und er schüttelte den Kopf.
„Nein, ich bin einfach nur froh.“ Er schwieg einen Moment. „Manchmal wünschte ich mir nur, ich könnte deine Gedanken lesen.“
„So wie Raik und Lillith?“
„Ungefähr so“, sinnierte er.
„Lieber nicht.“ Aurelia lachte. „Dann wüsstest du um meine unschicklichen Gedanken.“
Er grinste breit. „Oh, vielleicht interessieren mich diese Gedanken ja?“
Sie zwickte ihn in die Seite, dann sah sie ihm fest in die Augen. „Keine Geheimnisse mehr, in Ordnung?“
„Hmm.“ Schmunzelnd legte er einen Finger an sein Kinn. „Was ist mit den Geburtstagsüberraschungen? Müssen die auch verraten werden?“
„Spinner!“ Spielerisch zog sie an einem seiner Ohren.
„Au, au, au. Ich ergebe mich“, sagte er und hob die Hände. Aurelia lächelte und ließ ihn von ihm ab.
„Von jetzt an keine Geheimnisse mehr“, versprach er.
„Keine Geheimnisse“, bestätigte sie und küsste ihn. Plötzlich fasste er sie an den Schultern und schob sie von sich.
„Halt.“ Rasch sprang er aus dem Bett. „Schließe die Augen“, verlangte er und begann in einer Schublade zu kramen.
Verwirrt folgte sie seiner Aufforderung. Es dauerte einen Moment, dann spürte sie, wie sich die Matratze senkte, als er wieder ins Bett stieg.
„Strecke deine Hand aus“, befahl er.
Gehorsam reichte sie ihm ihre Hand. „Kyle, was wird das?“
„Nicht jetzt“, sagte er lediglich.
Sie spürte, wie er etwas Glattes über ihren Ringfinger schob. Unwillkürlich begann ihr Herz schneller zu schlagen.
„Mach deine Augen wieder auf.“ Seine Stimme hatte mit einem Mal etwas Angespanntes an sich. Sein Gesichtsausdruck war dabei so ernst, als stände kurz davor in eine Schlacht zu ziehen.
Aus großen Augen betrachtete sie den Ring an ihrem Finger.
„Eigentlich hatte ich es anders geplant, aber leider neigst du dazu, plötzlich zu verschwinden... oder wahlweise zu sterben.“ Seine Hände zitterten, als er nach ihrer Hand griff und sie festhielt. Er räusperte sich und wollte etwas sagen, doch plötzlich schienen ihm die Worte zu fehlen. Mit einer Hand fuhr er sich über das Gesicht, atmete tief ein und setzte zu einem erneuten Versuch an. „Aurelia Algrim. Ich frage dich hier und jetzt – willst du meine Frau werden?“
Sprachlos starrte sie ihn an. Ihre Welt stand plötzlich Kopf, fiel auseinander und setzte sich neu zusammen. Der einzige Fixpunkt in ihrem chaotischen Leben war er und würde es immer sein. Er war die Fackel im Sturm, das Leuchtfeuer in der Nacht. Er war ihr Anker, ihr Fels in der Brandung. Ihr Herz gehörte ihm, egal was geschehen würde. Nach all den Schrecken der vergangenen Wochen, wirkte dieser Augenblick ungeahnten Glücks wie reine Fantasie. Von ihren überschäumenden Gefühlen überwältigt, fand sie keine Worte um ihren Empfindungen Ausdruck zu verleihen. Stattdessen sah sie hilflos zu Kyle auf, der sie aus hoffnungsvollen Augen ansah. Jedoch begann seine Miene ganz langsam zu bröckeln und Enttäuschung mischte sich hinein. Erst da bemerkte sie, dass sie völlig vergessen hatte ihm zu antworten.
„Ja“, hauchte sie eilig. Kyles Augen begannen zu strahlen und ein breites Lächeln trat in sein Gesicht. „Was für eine Frage. Natürlich will ich!“ Mit den letzten Worten warf sie sich in seine Arme und er fiel rücklings auf das Bett. Sie stützte sich auf die Ellbogen, um ihn ansehen zu können. „Du überraschst mich immer wieder.“
„Na, immerhin gelingt mir wenigstens das noch“, sagte er und verzog das Gesicht zu einer Grimasse. „Als Leibwächter habe ich ja jämmerlich versagt.“
„Du wirst es mir noch eine ganze Weile vorhalten, nicht wahr?“, vermutete sie und strich mit den Fingern über seine Wange.
„Immerhin muss ich dein schlechtes Gewissen für meine Zwecke ausnutzen.“ Kyle grinste hämisch und fing sich einen Schlag gegen die Schulter ein, dann beugte sie sich vor und küsste ihn lang und zärtlich.
Nachdem sich ihre Lippen voneinander gelöst hatten, bettete sie ihren Kopf auf seine Brust und begann abwesend an den Knöpfen seines Hemdes zu spielen.
Eine Weile blieben sie so liegen und genossen die Zweisamkeit. Schließlich runzelte sie die Stirn, hob den Kopf und sah Kyle fragend an. „Wo war eigentlich Meister Albion?“
„Er...“, setzte Kyle an und verstummte gleich darauf. Vorsichtig schob er sie von sich herunter und setzte sich auf. Mit einem enttäuschten Gesichtsausdruck folgte sie seinem Beispiel. Ein schwerer Seufzer entrang sich Kyles Kehle, als er nach ihrer Hand griff.
„Während der Schlacht wurden Meister Albion, Sharon, Norwin und Constantin vom Schattenkönig selbst angegriffen. Meister Albion lenkte den dunklen Herrscher ab, während die anderen eine Möglichkeit zur Flucht suchten.“ Sein Griff wurde stärker und Aurelia ahnte, was als nächstes folgen würde. „Als der Meister sich zurückziehen wollte, warf der Schattenkönig einen Dolch nach ihm.“ Er schwieg, dann sah er sie an. „Aurelia - es tut mir so leid.“
„Nein. Das kann nicht sein.“ Ihre Stimme bebte.
„Leider ja. Sein Leben fand auf dem Schlachtfeld ein Ende“, sagte er mitfühlend.
Stumme Tränen begannen ihre Wangen hinab zu laufen, während sie versuchte die Nachricht zu verarbeiten. „Constantin!“, entfuhr es ihr plötzlich und sie sprang aus dem Bett.
„Aurelia! Bleib hier. Du bist noch nicht wieder bei Kräften!“ Kyle versuchte sie am Arm festzuhalten, doch sie entwischte seinem Griff und war durch die Tür verschwunden, noch ehe er ein weiteres Wort sagen konnte. Die hohen Wände warfen das Geräusch ihrer bloßen Füße auf dem kalten Stein der Gänge zurück, während sie durch das schlafende Schloss rannte.
Ihre Beine hatten ihr Gewicht nur widerwillig tragen wollen, doch mit jedem Schritt gewann sie an Kraft und an Geschwindigkeit zurück.
Sie bog um eine Ecke und in den Gang zu Constantins Zimmer. Mit hämmerndem Herzen erreichte sie seine Tür. Ohne zu überlegen, was sie tat, riss sie die Tür auf und trat ein.
Erschrocken fuhr Constantin von dem Stuhl auf, auf dem er gesessen hatte. Die blonden Haare standen wirr von seinem Kopf und erinnerten an eine Vogelscheuche. Ihre Blicke trafen sich und die traurige Gewissheit schlug wie die eisigen Wogen des Ozeans über ihr zusammen. Auf wackeligen Beinen ging sie zu ihm herüber und er schloss sie in seine Arme. Dann brach der Damm in ihrem Inneren und sie weinte bittere Tränen.
Eine Krähe flog einsam ihre Runden über dem wolkenverhangenen Himmel. In den letzten Tagen waren unaufhörlich dicke, weiße Flocken aus den Wolken zu Boden gesunken und hatten das gesamte Land unter einer kniehohen Decke begraben. Vermutlich hatte Canthan noch nie so viel Schnee gesehen, wie in diesem Winter. Es wirkte fast so, als wolle die Natur die Spuren der vergangenen Schlacht unter dem kalten Weiß verstecken.
Sie standen auf einem weiten Feld außerhalb von Syndia und betrachteten die langen Reihen frischer Gräber. Lillith und Raik hatten mit ihrem Feuer den gefrorenen Boden aufgetaut, sodass das Erdreich ausgehoben werden konnte. Ohne ihre Hilfe wäre dies ein unmögliches Unterfangen gewesen und ihnen wäre nichts weiter als eine Feuerbestattung geblieben. Jedoch hatte Aurelia dies den Familien der gefallenen Soldaten unter allen Umständen ersparen wollen. Jeder Soldat sollte einen Platz bekommen, an welchem man ihm gedenken konnte.
Aurelia faltete ihre behandschuhten Hände und blies ihren warmen Atem hinein, um sie ein wenig aufzuwärmen. Sie trug ein langes, schlichtes, schwarzes Kleid und einen ebenso schwarzen Mantel. Kyle stand dicht an ihrer Seite und beobachtete die versammelten Menschen eingehend. Tausende waren gekommen, um der Trauerfeier für die Gefallenen beizuwohnen. Sie standen am Rande des Feldes und warteten geduldig darauf, dass Aurelia mit ihrer Ansprache begann. Es war nicht das erste Mal, dass sie zu den Menschen ihres Volkes sprach, dennoch sorgte es bei ihr für Unwohlsein. Stundenlang hatte sie darüber nachgedacht, was sie den Familien, Frauen und Kindern sagen sollte, welche ihre geliebten Männer und Väter verloren hatten - für deren Tod sie, als Königin, unweigerlich die Verantwortung trug.
Sie atmete tief durch und fing Kyles Blick auf. Er legte ihr aufmunternd eine Hand auf die Schulter, dann nickte er ihr zu und sie trat vor die wartenden Menschen.
„Wir haben uns heute hier versammelt, um derer zu gedenken, die in der Schlacht ihr Leben ließen, um uns und dieses Land zu schützen“, rief sie laut und klar, damit alle sie verstehen konnten. „Unser aller Dank gilt den tapferen Soldaten, die sich dem unausweichlichen Tod entgegengestellt haben und mit Mut in ihren Herzen der Gefahr die Stirn boten.“
Leises Weinen und Schluchzen wurde hörbar. Viele begannen in ihren Taschen nach Tüchern zu suchen, um sich damit die Tränen der Trauer aus den Augen zu wischen.
„Voller Stolz können sie nun unseren Ahnen gegenübertreten und zusammen mit ihnen über unsere Schritte wachen“, fuhr Aurelia fort und breitete die Arme aus. „Möge die Nacht auch noch so dunkel sein, ihr Stern wird uns den Weg weisen. Wir werden sie niemals vergessen!“ Sie ließ die Arme sinken und die traurigen Klänge eines Klageliedes ertönten.
Eine kleine Gruppe von Musikern hatte sich für die Gedenkfeier erboten und entlockte ihren Instrumenten eine herzergreifende Melodie. Ein Mann mit einer Laute erhob die Stimme und begann zu singen. Nach und nach fielen die Anwesenden mit ein, bis die Luft zu vibrieren schien.
„Fürchtet euch nicht
vor den Schatten der Nacht.
Zum Geleit erstrahlt für euch mein Licht.
Von hier halte ich auf ewig Wacht.
Niemand mag diesen Weg beschreiten,
gerade in den dunkelsten Stunden,
wo es fehlt an den schönen Zeiten
und wir leiden an den Wunden.
Fürchtet euch nicht
vor den Schatten der Nacht.
Zum Geleit erstrahlt für euch mein Licht.
Von hier halte ich auf ewig Wacht.
Sind eure Tränen noch so bitter
und eure Herzen wenig heiter,
so bleibt der Hoffnungssplitter
auf eine Zukunft hell und befreiter.
Fürchtet euch nicht
vor den Schatten der Nacht.
Zum Geleit erstrahlt für euch mein Licht.
Von hier halte ich auf ewig Wacht.“
Das Lied endete, die Melodie verklang und hinterließ eine bleierne Stille.
Schweigend löste sich die Menge auf. Viele traten den Heimweg an, während die Familien die Gräber ihrer verstorbenen Liebsten aufsuchten, um dort Blumen und andere Beigaben niederzulegen.
Aurelia spürte eine leichte Berührung am Arm und blickte in Kyles Gesicht.
„Es ist so weit“, sagte er leise.
Sie nickte und folgte ihm über einen verschneiten Pfad zwischen den Grabreihen hindurch. Etwas abseits der Soldatengräber fand sich ein weiteres Grab, an dem sich bereits vertraute Gesichter versammelt hatten.
„Eine schöne Rede“, lobte Raik leise und reichte ihr grüßend die Hand.
Der Reihe nach umarmte sie Lillith, Constantin und die anderen. Zu guter Letzt folgte Norwin. Der Tod seines Bruders hatte ihn arg mitgenommen, aber er tat sein Bestes um es nicht offen zu zeigen. Doch vielleicht hätte ihm gerade dies Erleichterung gebracht. Es schmerzte Aurelia fürchterlich, ihn so leiden zu sehen. Sie umarmte Norwin fest, dann sah sie ihn ernst in die grauen Augen. „Wir sind für dich da.“
Er schien etwas sagen zu wollen, doch dann schüttelte er nur dankend den Kopf.
Sie ließ ihn los und sie wandten sich gemeinsam dem Grab zu. Ein Künstler hatte ein lebensgroßes Abbild Meister Albions aus Stein gefertigt und es an seinem Grab aufstellen lassen. Insgeheim fragte Aurelia sich, ob bei der Herstellung nicht Magie im Spiel gewesen war, denn die Figur wirkte so lebensecht, als würde der Meister sich jeden Moment aus seiner steinernen Haltung befreien. Ernst und gebieterisch blickte er von seinem Sockel hinab. In der einen Hand hielt er eine unsichtbare Flamme, mit der anderen stützte er sich auf seinen Stab.
Aurelia räusperte sich und öffnete den Mund um etwas zu sagen, ehe sie ihn wieder schloss. Eigentlich hatte sie die letzten Worte für ihren Meister sprechen wollen, doch sie bekam keinen Ton heraus. Constantin erging es ähnlich und so bot sich Raik an, dies für sie zu tun.
Dankbar lächelte sie ihn an, dann fasste sie Kyles Hand und griff mit der anderen nach Constantins Arm. Einer Eingebung folgend, griff Sharon nach Constantins andere Hand und reichte ihre freie Rechte an Levin. Dieser tat es ihr gleich, dann folgten auch Orias, Lillith, Raik und Norwin ihrem Beispiel. Gemeinsam lauschten sie Raiks Worten.
„Hier und heute verabschieden wir uns von einem großartigen Menschen. Er war ein unbeschreiblich großer Zauberer, ein sorgsamer Bruder und für viele von uns ein unvergessener Lehrmeister. Sein Verlust hinterlässt eine Lücke, die nicht gefüllt werden kann“, sagte Raik laut.
Warme Tränen liefen Aurelias Wangen hinab und benetzten den Kragen ihres Kleides. Constantin blickte stumm in den Himmel, doch auch ihm rannen die Tränen aus den Augenwinkeln.
„Doch wir werden nicht den vergangenen Tagen hinterher trauern, sondern uns mit Stolz und mit Freude im Herzen an die gemeinsame Zeit erinnern. Den Blick nach vorne gerichtet, werden wir sein Andenken in Ehren halten und den Weg der Zukunft beschreiten.“ Raiks Stimme verklang und ließ sie in einem stillen Moment zurück.
„Mein Bruder – wir hatten uns nach zwanzig langen Jahren endlich wiedergefunden und nun bist du fort. Doch wir werden uns wiedersehen. Ruhe in Frieden“, sagte Norwin heiser und schnäuzte sich geräuschvoll.
Lillith löste sich aus der Kette und trat auf die steinerne Figur zu. Sachte legte sie die Hände auf den glatt polierten Stein und schloss die Augen. Ein warmes Licht begann von ihr auszustrahlen, griff auf die Figur über und begann sie einzuhüllen. Meister Albions Antlitz verschwand für einen kurzen Augenblick hinter einer Wand aus waberndem Dampf, dann tauchte es wieder auf. Lillith löste ihre Hände und trat zurück. Der Stein hatte eine gläserne Oberfläche bekommen und in Meister Albions offener Hand brannte eine Flamme.
„Lillith, wie...“, hob Aurelia leise an.
„Drachenmagie“, sagte sie und zuckte mit den Schultern. „Ich bin lediglich einer Eingebung gefolgt.“ Sie betrachtete die zuckende Flamme. „Diese Flamme wird brennen, so lange wie ich lebe.“
„Danke“, war alles, was Aurelia sagen konnte.
Sprachlos starrten sie alle Meister Albions Abbild an, in dessen Inneren sich das Licht der Flamme widerspiegelte und ihm damit einen lebendigen Anschein verlieh.
„Wahrhaftig unglaublich“, wisperte Norwin und schnäuzte sich erneut. Dann sah er einen nach dem anderen an und rieb sich fröstelnd über die Arme. „Ich denke, mein Bruder wird nichts dagegen haben, wenn wir seinem Andenken an einem wärmeren Ort gedenken.“ Er grinste schief.
Aurelia legte ihm einen Arm und die Schultern und drückte ihn an sich. „Das denke ich auch.“ Sie blickte über die Schulter zu Meister Albions Statue und musste plötzlich lächeln. Norwin hatte Recht. Irgendwann würden sie sich wiedersehen. Sie wandte sich ab und ging mit den anderen zum Schloss zurück, um sich bei einer Mahlzeit zu wärmen. Nach dem Essen löste sich die Gruppe auf und ein Jeder ging seiner eigenen Wege. Norwin schien es nach der Trauerfeier deutlich besser zu gehen, denn er schnappte sich Constantin, um mit ihm irgendetwas zu besprechen und wirkte dabei fast schon wieder wie sein übliches selbst.
Aurelia zog sich mit Kyle, Lillith und Raik in die Bibliothek zurück. Sie hatte für den Tag einen Trauertag ausgerufen, sodass sie für den Moment von ihren offiziellen Pflichten befreit war. Es war ein befreiendes Gefühl, denn sie hätte in ihrer gegenwärtigen Gemütslage unter keinen Umständen irgendwelche Audienzen abhalten können.
Gemeinsam mit Lillith ließ sie sich auf einem Sofa nieder und sah dabei zu, wie Kyle und Raik einige Tische und Sessel beiseite rückten. Raik war von Kyles Schwertkünsten so fasziniert, dass er ihn fast schon angefleht hatte, ihm einige Techniken zu zeigen. Während die beiden Männer sich mit den Waffen beschäftigten, betrachtete Lillith eingehend den Ring an Aurelias Finger und machte dabei erstaunte Laute.
„Wo hat er dieses Schmuckstück nur her“, wunderte sie sich und riss damit Aurelia aus ihren Gedanken.
Sie musste lachen, als sie Lillith die Frage beantwortete. „Der Herr General ist ein ausgemachter Geheimniskrämer. Er hat den Ring heimlich gekauft, während wir einen Spaziergang in Thyrr unternommen haben.“
„Oho“, machte Lillith und sah zu Kyle und Raik herüber. Die Wand, die sie eingeschlagen hatte, lag immer noch in Trümmern, auch wenn das Meiste an Schutt bereits hinaus geräumt worden war. „Wann wird die Hochzeitsfeier stattfinden?“
„Wir hatten an einen Tag im Sommer gedacht. Doch zunächst müssen die Dinge im Land wieder ins Reine gebracht werden.“ Verlegen spielte Aurelia mit dem Ring an ihrem Finger. „Nicht, dass unsere Hochzeit zu den nächsten Revolten im Land führt.“
„Das glaube ich nicht“, sagte Lillith. „Das Volk liebt dich.“
Aurelia lachte ungläubig auf. „Wieso sollte es?“
„Weil du – ihre Königin – dazu bereit warst, dein Leben für ihr Wohl zu opfern. Das hat sich unter den Leuten wie ein Lauffeuer verbreitet. Du bist ihre Heldin“, meinte Lillith. Aurelia sah sie immer noch skeptisch an. „Und die Bekanntgabe deiner Verlobung mit jemanden aus ihren Reihen hat ihre Begeisterung für dich nur noch geschürt.“ Sie legte Aurelia eine Hand auf den Arm. „Kyle ist nicht von adeligem Blut, vergiss das nicht.“
„Kaum zu glauben, dass es einmal eine Zeit geben würde, in der sich die Königin mit jemanden aus dem einfachen Volk vermählt“, sinnierte Aurelia.
Lillith musterte sie scharf. „Ich wüsste niemanden, der es mehr verdient hätte um deine Hand anzuhalten, als er.“ Ihr Griff um Aurelias Arm wurde fester. „Liebes, du warst tot. Nicht nur nahe dran, sondern wirklich und wahrhaftig. Dein Herz hat aufgehört zu schlagen und dein Geist war fort.“ Ihre Augen glühten in einem intensiven Rot. Sie deutete mit dem Finger auf Aurelias Hals, um den sie immer noch die Kette trug - auch wenn der Stein farblos und gesprungen war. „Du erinnerst dich noch daran, was ich dir damals über das Drachenherz gesagt habe?“
Aurelia nickte. Sie wusste es noch zu gut. Ein Drachenherz entstand, wenn ein Drache sein Leben aus Liebe gab. Es reagierte auf starke Emotionen. Am meisten auf die Kraft der Liebe, welche im Volksmund auch als die stärkste Form der Magie bekannt war.
„Kyle hat dich mit dessen Kraft zurückgeholt. Ich kann mir gar nicht ausmalen wie stark seine Gefühle für dich sein müssen, dass ihm dies gelungen ist“, fuhr Lillith fort.
Aurelia berührte den Stein an der Kette. „Es hat seine gesamte Kraft verloren. Ich kann es spüren.“
„Das wundert mich nicht. Auch die magische Kraft eines Drachen ist begrenzt. Unglaublich, dass es überhaupt so viel Kraft besaß“, meinte Lillith.
Aurelia senkte den Blick und vergrub die Finger im weichen Stoff ihres schwarzen Kleides. „Wir haben unwahrscheinliches Glück gehabt, nicht wahr?“
„Allerdings“, stimmte Lillith ihr zu. „Und dir geht es wirklich gut?“
„Ja, wirklich. Hört auf, mich das ständig zu fragen“, verlangte Aurelia entnervt.
Lillith verengte die Augen zu schlitzen und schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Nun, es ist nicht alltäglich, dass jemand aus dem Totenreich zurückkehrt. Du siehst nicht zufällig Dinge, die du vorher nicht gesehen hast?“
„Nein, ich nehme die Welt genauso wahr wie zuvor“, sagte Aurelia und erklärte das Thema damit für beendet. Sie konnte die Sorge der anderen verstehen, doch ihr ging es gut. Bis auf die anhaltenden Albträume, welche sie jedoch schon vor diesem Zwischenfall geplagt hatten – auch wenn sie nun an Ausmaß und Intensität gewonnen hatten. Doch das brauchte niemanden zu erfahren. Sie würde sich an die immer wiederkehrenden Bilder gewöhnen, so wie sie sich auch an die vorherigen Albträume gewöhnt hatte. Es würde seine Zeit dauern, doch irgendwann würden diese Traumfetzen wieder verschwinden. Das hoffte sie jedenfalls.
Leutzinmanoth – 324 n. DK
„Hört, Leute! Hört mich an! Viele von uns leiden Hunger und frieren in der Nacht. Wie viele von euch haben Haus und Hof verloren? Wie viele von euch haben keine Arbeit mehr?“ Der Mann stand auf einem wackeligen Podest aus Fässern und alten Holzplanken. Seine fleckige, graue Kleidung hing schlaff um seine Schultern und Beine. Eine größere Menschenmenge hatte sich um ihn versammelt. Leises zustimmendes Gemurmel erklang.
„Wessen Schuld ist das? Sicherlich ist es nicht das Verschulden der hart arbeitenden Bevölkerung!“ Einige Menschen klatschten zaghaft. „Es ist die Schuld der Herrscher! Erst wurden wir von der harten Hand König Roderichs geknechtet und nun sitzt seine verschollene Nichte auf dem Thron und will uns weiß machen, dass ab jetzt alles besser wird?! Ich sage euch: Glaubt nicht an diese falschen Versprechungen! Nichts wird sich ändern, wenn wir nicht selbst dafür sorgen!“
Ein wütendes Raunen ging durch die Menge und Stimmen wurden laut. Plötzlich flog ein angebissener Apfel in Richtung des Podestes und verfehlte den Mann knapp.
„Ich weiß nicht, was du hier willst, aber Unruhe kannst du woanders stiften!“ Ein älterer Mann hob drohend die Faust und erhielt unterstützenden Jubel aus der Menge.
„Königin Aurelia hat in ihrer kurzen Amtszeit mehr für uns einfache Leute getan, als ihr uns in hundert Jahren versprechen könnt. Wir sollten dankbar für solch eine gütige Königin sein!“, rief eine Frau und erntete Applaus dafür.
„Pah!“, machte der Sprecher auf dem Podest und stemmte die Fäuste in die Seiten. „Das Zeitalter der Könige ist vorüber! Ihr klammert euch an einen längst verblassten Traum!“
„Es wurden uns Änderungen versprochen und bisher wurden diese Versprechen eingehalten“, argumentierte ein anderer Mann.
„Und dann? Glaubt ihr wirklich, dass die Königin auch nur einen Zipfel ihrer Macht abtreten wird?!“, hielt der Sprecher dagegen. „Diese Königin ist genauso verschlagen wie alle anderen Monarchen. Mit diesen Versprechungen versucht sie nur uns – das Volk – ruhig zu halten, bis sie ihre Macht gefestigt hat!“
„Das stimmt nicht!“, schrie ein kleines Mädchen, welches auf den Schultern seines Großvaters saß. „Königin Aurelia ist gütig und mutig! Sie hat den Schattenkönig ganz alleine besiegt und damit den gesamten Kontinent gerettet!“
Die Menschenmenge stimmte dem Mädchen zu und weiteres verdorbenes Obst wurde dem Sprecher entgegengeworfen.
„Außerdem wird sie jemanden aus dem einfachen Volk heiraten!“, kam es von einer Gruppe von Frauen, welche sich synchron an die Brust fassten und verträumte Blicke miteinander tauschten.
Der Sprecher begann mit den Zähnen zu knirschen. „Das ist meine letzte Warnung!“, schrie er. „Löst euch von diesen Gedanken und schließt euch uns an! Wir sind die Menschen dieses Landes! Wir allein wissen, was gut für uns ist! Wir werden dafür sorgen, dass sich die Gesetze in diesem Land zu unseren Gunsten ändern!“
„Und das ist meine letzte Warnung!“, rief ein kräftiger Mann und sprang mit einem Satz auf das Podest. „Nimm die Beine in die Hand und lauf, wenn du weißt, was gut für dich ist. Wir wollen deine ketzerischen Worte nicht hören!“
„Das wird euch noch leidtun“, fauchte der Sprecher, als er sich unter Pfiffen und Buh-Rufen zurückzog.
Als die Sonne hinter dem Horizont verschwand und die Nacht endlich Einzug hielt, wussten die Dorfbewohner, dass es keine leere Drohung gewesen war. Noch in der gleichen Nacht brannte das halbe Dorf nieder.
Im Schloss war es dunkel und still. Seit der Abendmahlzeit waren einige Stunden vergangen und die meisten Bewohner hatten sich inzwischen auf ihre Gemächer zurückgezogen. Constantin war, wie so oft in den letzten Tagen, von einer inneren Unruhe ergriffen und schlenderte ziellos umher. Als er den Gang zu Aurelias Gemächern passierte, hielt er kurz inne. Er freute sich für sie, dass sie jemanden gefunden hatte, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen wollte. Auch wenn es bei ihm eine Spur der Bitterkeit zurückließ. Tief in seinem Inneren wusste er, dass er ihr niemals das hätte geben können, was sie am meisten brauchte.
Er musste Kyle dafür Respekt zollen, dass er Aurelia ins Leben zurückgeholt hatte. Wie auch immer er es angestellt haben mochte. Niemand schien Genaueres darüber zu wissen. Allerdings er hatte den Verdacht, dass Lillith, Raik und Aurelia sehr genau wussten, was geschehen war. Was auch immer die Gründe waren, weswegen sie sich darüber ausschwiegen: Er hegte kein Interesse daran dies zu hinterfragen. Das Wichtigste war, dass Aurelia lebte.
Außerdem hatte er im Moment Sorgen von ganz anderer Art. In seinem Nachlass hatte Meister Albion darüber verfügt, dass er – Constantin – sein Nachfolger und somit Führer des Ordens der weißen Zauberer werden sollte. Einerseits freute er sich darüber und fühlte sich geehrt, auf der anderen Seite war er sich nicht sicher, ob er der Verantwortung gerecht werden konnte. Immer, wenn er daran dachte, überfiel ihn eine gewisse Art von Panik und er begann rastlos umherzuwandern.
Die Hände in die Taschen seiner Hose gesteckt, ging er weiter. Den Blick auf den steinernen Boden gerichtet, nahm er kaum Notiz von seiner Umgebung.
Schließlich erreichte er den Gang zu seinem Zimmer und stieß beinahe mit Sharon zusammen, als er um die Ecke bog.
„Was zur.…“, fluchte er und sah sie überrascht an. „Was machst du hier?“
„Das Gleiche könnte ich dich fragen“, schnappte sie und trat einen Schritt zurück.
„Ich musste mir mal die Beine vertreten“, grollte er und rieb sich den Nacken.
Sharon legte den Kopf schräg und musterte ihn eingehend.
„Dir geht es nicht gut. Das sieht man dir an“, sagte sie und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Vielen Dank für die Blumen.“ Er wollte an ihr vorbeigehen, doch sie hielt ihn fest.
„Möchtest du darüber reden?“
Erstaunt sah er sie an. „Solch ein Angebot ausgerechnet von dir? Sonst interessierst du dich doch auch nicht für die Belange anderer. Es sei denn, es handelt sich dabei um deinen Bruder oder Orias.“
Geräuschlos schnappte Sharon nach Luft und ließ ihn los. Wortlos schritt Constantin an ihr vorbei und hielt auf die Tür zu seinem Zimmer zu.
„Ich wollte mich lediglich für deine Hilfe während der Schlacht revanchieren“, rief sie ihm hinterher.
Ohne sich umzudrehen hob er eine Hand zum Dank und verschwand in seinem Zimmer. Nachdem er die Tür hinter sich ins Schloss fallen gelassen hatte, warf er sich auf das Bett und vergrub das Gesicht in den Kissen. Wie gern hätte er sich mit Aurelia unterhalten. Er vermisste sie. Sie war so nah und doch schien sie Meilen weit entfernt zu sein.
Aurelia saß kerzengerade auf dem schlichten dunklen Thron. Das Holz der Rückenlehne drückte ihr unangenehm in den Rücken. Der Thron war alles andere als bequem und sollte wohl die Schwere der Bürde der Herrschaft symbolisieren. Unmerklich rutschte sie auf dem Sitz nach vorne, während sie mit den Händen die Lehnen umklammerte. Der schwere Stoff ihres schwarzen Kleides raschelte leise bei der Bewegung. Noch immer trug sie die Farben der Trauer, um an die Gefallenen der Schlacht zu erinnern. Die Schrecken des Kampfes waren noch längst nicht verblasst und hatten im Volk tiefe Spuren hinterlassen. Um den Menschen ihre Anteilnahme zu zeigen, hingen die Flaggen im Schlosshof auf Halbmast. Auch Kyle, sowie sämtliche anderen Bewohner des Schlosses, waren stets in schwarzer Kleidung anzutreffen.
Inzwischen hielt Aurelia fast täglich Audienzen ab, um sich der Belange des Volkes anzunehmen. Neben all den wichtigen oder auch weniger wichtigen Dingen im Land, fand sich ein nicht enden wollender Strom an Menschen, die Aurelia gegenüber ihre Trauer bekunden oder ihr zu ihrer Verlobung gratulieren wollten. Doch im Vergleich zu der Nachricht, welche der alte Mann soeben verkündet hatte, nahmen sich alle anderen Anliegen als dekadente Spitzfindigkeiten aus.
Aurelia biss sich auf die Lippen, während sie den Resten seiner Ausführung lauschte. Wie sie bereits befürchtet hatte, war die Rebellion im Land längst nicht zum Stillstand gekommen. Offensichtlich suchten die Rebellen nach Unterstützung und waren dafür sogar bereit gesamte Dörfer niederzubrennen, wenn diese sich ihnen nicht anschlossen. All das mit dem einzigen Ziel, den Menschen die Machtlosigkeit ihrer neuen Königin vor Augen zu führen. Doch Feuer ließ sich nicht mit Feuer bekämpfen. Wenn sie nicht rasch etwas unternahmen, würde das gesamte Land in dem Flammen eines Bürgerkrieges untergehen. Für einen kurzen Moment schloss sie die Augen und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Schließlich hielt sie es auf dem Thron nicht mehr aus und erhob sich. Langsam schritt sie die wenigen Stufen zu dem alten Mann und seiner Enkelin hinab.
„Welch eine furchtbare Geschichte“, sagte sie heiser und kniete neben dem Mädchen nieder, welches sie mit unverhohlener Neugier anstarrte. „Wurden viele bei dem Feuer verletzt?“
Der alte Mann schüttelte den Kopf. „Glücklicherweise nicht. Aber die Menschen besitzen nun kein Dach mehr über dem Kopf. Einige konnten bei Freunden und Verwandten unterkommen, aber bei Leibe nicht alle.“
„Und Ihr seid Euch sicher, dass das Feuer etwas mit dem Unruhestifter zu tun hat?“
„Sicher können wir uns nicht sein, aber wir gehen davon aus.“ Unbehaglich verlagerte er das Gewicht von einem auf den anderen Fuß und sah zu Aurelia herab. Es schien ihm unangenehm zu sein, dass die Königin auf dem Boden kniete.
Ein Räuspern neben dem Thron ließ Aurelia über die Schulter blicken. Arvid Nader saß an seinem Schreibpult und blätterte in einem der dicken Bücher, die sich rings um ihn herum stapelten.
„Euer Majestät, dies ist nicht der erste Fall von dem wir hören. Die Hinweise verdichten sich zunehmend. Inzwischen können wir uns sicher sein, dass noch immer eine Rebellengruppe im Land agiert und dabei ist einen Bürgerkrieg zu entzünden.“
„Das ist mir durchaus bewusst“, seufzte sie und wandte sich wieder dem Mädchen zu. „Wie heißt du, Kleines?“
Dem Kind schoss die Röte ins Gesicht, als es schüchtern antwortete. „Mein Name lautet Mina.“
„Ein sehr schöner Name. Und du wohnst bei deinem Großvater?“
Das Mädchen nickte heftig.
„Darf ich fragen, wo deine Eltern sind?“
Mina sah Aurelia aus traurigen Augen an. „Meine Mama ist gestorben... und Papa... ist fortgegangen.“
Erstaunt sah Aurelia zu Minas Großvater auf.
„Mein Schwiegersohn hat den Tod meiner Tochter nicht verkraftet und – nun - es war besser, dass er ging“, erklärte er und legte seiner Enkelin eine Hand auf die Schulter.
Aurelias Herz verkrampfte sich unangenehm in ihrer Brust, als sie über die Schulter zum Thron sah und Kyles Blick suchte. Er stand wie immer einen Schritt hinter dem wuchtigen Thron und beobachtete mit wachsamen Augen die anwesenden Personen. Zu ihrem Schutz hatte er mehrere dutzend Soldaten im Thronsaal postiert, wovon die Hälfte sich unbemerkt in den Schatten aufhielt. Sie würden jeden noch so kleinen Versuch eines Angriffs unterbinden. Doch trotz all dieser Vorkehrungen befand sich Kyle stets in höchster Alarmbereitschaft. Nach allem, was bisher geschehen war, konnte sie es ihm nicht verübeln. Dennoch wünschte sie sich, dass er etwas mehr Gelassenheit zeigen würde. Die dauernde Anspannung zehrte an seinen Kräften, auch wenn er es niemals zugeben würde.
Aurelia konnte sich kaum vorstellen, wie es für ihn gewesen sein musste zu glauben, dass er sie für immer verloren hatte. Sie selbst konnte den Gedanken kaum ertragen, die Pfade der Welt möglicherweise eines Tages ohne ihn beschreiten zu müssen. In dieser Hinsicht empfand sie großes Mitleid für Minas Vater. Dennoch konnte sie nicht verstehen, wie man sein eigenes Kind zurücklassen konnte, egal wie sehr man unter dem Verlust seines geliebten Partners litt.
Sanft strich sie dem kleinen Mädchen durch die braunen Haare. „Was möchtest du einmal werden, wenn du groß bist?“, fragte sie.
Minas Augen begannen zu leuchten und sie lächelte. „Ich möchte gerne Heilerin werden!“ Dann verblasste ihr Lächeln. „Aber daraus wird wohl leider nichts. Großvater sagt, die Ausbildung können wir uns nicht leisten. Dafür müsste ich erst zur Schule gehen und Rechnen und Schreiben lernen, aber...“ Sie ließ den Kopf hängen und krallte die Finger in den Saum ihres Hemdes.
Aurelia biss sich auf die Lippen und stand auf. „Ich danke Euch, dass Ihr heute hierhergekommen seid. Ich werde mich um Euer Anliegen kümmern. Ihr dürft nun gehen“, sagte sie an Minas Großvater gewandt und entließ ihn mit einem Kopfnicken. Das Mädchen ergriff die Hand ihres Großvaters und folgte ihm hinaus. Beim Gehen wandte sie sich noch einmal um und sah Aurelia aus großen runden Augen an.
Als sich die Tür hinter den beiden schloss, setzte sich Aurelia schwer auf den Thron und vergrub das Gesicht in den Händen. „Wie viele kommen noch?“
„Nicht mehr viele, Euer Majestät. Es dürften nur noch fünf Personen sein“, meinte Arvid und überflog eine Liste.
„Für heute Nachmittag berufe ich ein Treffen ein. Anwesend zu sein haben neben Euch, Constantin Korell, Sharon Quoos, Schatzmeister Ludbrock und Norwin Weyhers“, sagte sie durch ihre Hände hindurch.
Arvid Nader hob erstaunt eine dunkle Braue. Selbst Kyle wirkte überrascht.
„Was hast du vor?“, fragte er erstaunt.
„Ich werde mein Amt als Königin nutzen und einige Veränderungen bringen“, erwiderte sie. Dann nahm sie die Hände von ihrem Gesicht und straffte die Schultern. Noch war die Zeit zum Ausruhen nicht gekommen.
Schatzmeister Ludbrock saß tief über seine Bücher gebeugt und schob sich in regelmäßigen Abständen seine Lesegläser auf der Nase zurecht. Arvid Nader saß neben ihm und studierte einige Listen. Sharon und Constantin hatten es sich an einem der Fenster gemütlich gemacht, während Norwin in einem der Sessel lümmelte. Alle warteten darauf, dass Aurelia zu ihnen stoßen würde, nachdem sie sie so überraschend zusammengerufen hatte. Endlich öffnete sich die Tür und Aurelia betrat, dicht gefolgt von Kyle, den Raum. Norwin zuckte erschrocken zusammen und setzte sich auf.
„Du hast uns rufen lassen“, sagte er und verschränkte die Hände ineinander.
„Ich habe einige dringende Angelegenheiten mit euch allen zu besprechen“, erwiderte sie und baute sich vor dem Schatzmeister auf. „Zunächst einmal benötige ich aber einige Kalkulationen.“
Der Schatzmeister sah sie abschätzig von unten herauf an und schob sich seine Lesegläser dichter an die Augen. „Wofür genau, Eure Majestät?“
„Ich möchte die allgemeine Lehre in unserem Land reformieren“, sagte sie.
Sharon sah Aurelia interessiert an. „Wie kommst du auf diese Idee? Nicht, dass ich sie nicht begrüßen würde.“
„Mir schwebte dies schon länger vor, nur war ich in der Zwischenzeit mit wichtigeren Dingen beschäftigt. So geriet es etwas in Vergessenheit“, erklärte sie und spielte damit auf ihre Nachforschungen in Thyrr an. In der dortigen Akademie für Zauberei hatte sie lange nach einem Weg gesucht, den Schattenkönig für immer zu vernichten.
„Es hat nicht zufällig etwas mit dem kleinen Mädchen von heute Morgen zu tun?“, warf Arvid Nader ein.
Aurelia sah ihn finster an. „Selbst, wenn es so wäre...“, sagte sie grollen und wandte sich an Sharon. „Wie wird die schulische Ausbildung in Arthenholm gehandhabt?“
„Nun, jedem Kind steht es offen eine Schule zu besuchen, sofern die Eltern das Schulgeld bezahlen.“ Sie legte einen Finger an ihr Kinn. „Soweit ich weiß, ist die Höhe des Schulgeldes vom Lohn der Eltern abhängig. Es wird versucht, eine gewisse Gleichberechtigung herzustellen.“
Aurelia verschränkte die Arme vor der Brust und runzelte die Stirn. „Das ist eine Möglichkeit... aber ich will einen anderen Weg gehen. Ich möchte, dass jedes Kind in Canthan zur Schule gehen kann. Egal, ob dessen Eltern reich oder arm sind. Alle sollen die gleichen Chancen haben.“
„Das ist ein edles Ansinnen, Euer Majestät. Aber wie soll das realisiert werden?“ Schatzmeister Ludbrock nestelte an seiner Feder und betrachtete Aurelia aus schmalen Augen.
„Dafür habe ich Euch, Schatzmeister. Ich wünsche eine Aufstellung der Kosten, wenn das Land die Schulbildung zum großen Teil bezahlt. Möglicherweise werden wir dafür die Steuern erhöhen müssen, aber ich hoffe, dass die Menschen es akzeptieren werden. Immerhin geht es um ihre Kinder.“
Schatzmeister Ludbrock schnaubte empört. „Das ist blanker Irrsinn. Ihr werdet nur die Staatskassen ruinieren. Zu welchem Zweck?“
„Zu dem Zweck, dass ein kleines Mädchen eine Chance auf eine bessere Zukunft haben wird“, fauchte Aurelia.
„Wissen ist Macht. Und es ist gefährlich diese Macht dem einfachen Volk zu überlassen,“ hielt der Schatzmeister dagegen.
„Wissen ermöglicht die Freiheit, sein Leben selbst bestimmen zu können! Welche Möglichkeiten bleiben einem Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen denn? Einen Mann finden und ihm Kinder gebären, sobald sie ihre erste Blutung hatte?!“, brauste sie auf.
„Das wäre ihrem Stand angemessen“, sagte der Schatzmeister halblaut.
Knallend schlug Aurelia mit der flachen Hand auf die Tischplatte. Ihre Augen begannen zu glühen, als sie ihn wutentbrannt anstarrte.
„Damit hat er sich soeben selbst einen Strick gedreht“, flüsterte Sharon an Constantin gewandt und er gluckste zustimmend.
„Genau wegen solch sturer, selbstverliebter, arroganter Schwachköpfe wie Euch steht das Land vor einem Bürgerkrieg!“, fuhr Aurelia ihn an. „Ihr werdet einen Weg finden, meine Idee zu verwirklichen oder ich suche mir einen neuen Schatzmeister!“ Ihre Stimme hallte lautstark durch den kleinen Raum. Der Schatzmeister versank förmlich in seinem Stuhl. Selbst Arvid Nader rutschte zur Seite und zog den Kopf ein.
„Jawohl, Eure Majestät“, fiepte er kleinlaut.
Zufrieden richtete sich Aurelia auf.
„Ich finde dies ist eine wirklich ausgezeichnete Idee“, sagte Norwin und nickte zustimmend. „Ich würde vielleicht sogar so weit gehen und alle Kinder dazu verpflichten für eine bestimmte Zeit zur Schule zu gehen.“
„Ausgezeichnet“, stimmte Aurelia zu und wandte sich an Arvid, doch der schrieb bereits fleißig mit.
„Wie sieht es mit der magischen Bildung aus?“, warf Constantin ein. „Sharon erzählte mir, dass es in Arthenholm überall Schulen für magisch begabte Menschen gibt.“
Norwins Augen begannen zu leuchten, als er Constantin reden hörte. „Solche Schulen gab es vor langer Zeit auch in Canthan. Doch nachdem König Heinrich starb und Roderich König wurde, wurden sie aufgegeben.“ Er seufzte. „Zwar haben manche Zauberer sich auf eigene Faust Schüler gesucht und diese ausgebildet, doch ist dies nicht mit einer Ausbildung wie in der Akademie in Thyrr zu vergleichen. Selbst der Orden stellt nur den kümmerlichen Rest einer blühenden Vergangenheit dar.“
Aurelia betrachtete Norwin und Constantin, während sie überlegte. „Constantin... du und ich wissen, wie wenig Nachwuchs der Orden hat. Was würdest du davon halten, wenn wir dem Orden als neue Hauptaufgabe die Ausbildung von jungen Zauberern übertragen?“
