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Was würdest du tun, wenn sich dein gesamtes bisheriges Leben als Lüge entpuppt? König Roderich ist tot! Doch nun stellt sich die Frage, wer das Land weiterregieren soll. Aus diesem Grund lüftet Norwin ein lang gehütetes Geheimnis, welches Aurelia an allem und jedem zweifeln lässt. Während sie sich auf die Suche nach ihrer wahren Identität begibt, wartet bereits das nächste Unheil auf Canthan. Wird sie ihr Schicksal annehmen und ihre Pflicht erfüllen? Wird es ihr gelingen das Land zu retten?
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Seitenzahl: 273
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Azura Schattensang
Schattenkönig
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Epilog
Danksagung
Impressum neobooks
Der feuerrote Drache schälte sich aus dem flammenden Inferno des brennenden Hauses. Mit wenigen Flügelschlägen erhob er sich in den dunklen Nachthimmel. Ein wütendes Brüllen löste sich aus der seiner Kehle, als er sich Richtung Norden wandte. Wie ein funkelnder Stern zog er über das Firmament und hinterließ glitzernde Funken, die langsam herabsanken und verglühten. Die Menschen, die ihn sahen, hielten mit offenstehenden Mündern inne und beäugten das Schauspiel. Schließlich schälten sich die dunklen Umrisse eines Schlosses aus der Finsternis und ein weiteres Brüllen erklang. König Roderich stand am Fenster und sah den leuchtenden Feuerball in Drachengestalt auf den Turm des Schlosses zu fliegen. Gelassen hob er eine Hand.
„Du kommst Jahre zu spät, Ansgard. Noch einmal gelingt es dir nicht, mich aufzuhalten“, sagte die dunkle Stimme, die nicht zu König Roderich gehörte.
Der Drache schien ihm eine Antwort entgegen zubrüllen, dann warf er sich mit voller Wucht gegen die Mauern des Schlosses. Flammen stoben auf und leckten am dunklen Stein, doch hinterließen keinerlei Spuren. Ein dunkler Schleier hatte sich wie eine Haut, schützend über die Flanke des Turmes gelegt. Die Flammen erloschen und hinterließen tiefe Finsternis. König Roderich ließ langsam die Hand sinken, dann brach ein hässliches Lachen aus ihm hervor.
Brachmanoth – 323 n. DK
Aurelia erwachte und starrte an die helle Zimmerdecke. Sie lag in einem großen, weichen Bett und das Licht der Morgensonne fiel durch ein breites Fenster herein. Sie drehte den Kopf und staunte über die irrwitzige Größe des Zimmers. Sie zog die Bettdecke ans Kinn und rollte sich zur Seite. Die Laken und Decken waren samtig und rochen nach frischem Leinen. Jemand hatte sie gebadet und ihr ein Nachthemd angezogen. Ihre Haare dufteten nach Seife und Blumen. Seit einer Ewigkeit hatte sie sich nicht mehr so sauber gefühlt. Für einen Moment schloss sie die Augen und versuchte sich daran zu erinnern was geschehen war. Ihr Magen verkrampfte sich, als die schrecklichen Bilder mit Macht in ihr Bewusstsein stürmten. Sie erinnerte sich an das Blut an ihren Händen, den Ausdruck in Roderichs Augen und wie sein Körper leblos zusammenbrach. Seine letzten Worte hallten in ihren Ohren nach, auch wenn sie ihre Bedeutung immer noch nicht verstand. Er schien sie ebenso mit der Schwester des Königs verwechselt zu haben wie Kyle damals. Warum nur? Sie warf die Bettdecke zurück und setzte sich auf. Wo genau war sie eigentlich und wo war Kyle? Dem luxuriös ausgestatteten Zimmer nach zu urteilen, befand sie sich immer noch auf Schloss Ehrenthal. Daran bestand für sie kein Zweifel. Ein leises Klopfen an der Tür ließ sie herumfahren.
„Herein“, sagte sie unsicher.
Die Tür öffnete sich einen Spalt breit und Kyle streckte den Kopf ins Zimmer.
„Oh, du bist wach“, sagte er lächelnd und trat ein.
Aurelia stockte der Atem. Sie hatte Kyle für gutaussehend gehalten, doch jetzt hatte seine Attraktivität ein neues Ausmaß gefunden. Sein braunes Haar war gewaschen und frisch gekämmt. Er trug ein dunkelbraunes Hemd aus feiner Wolle, eine dazu passende Hose und schwarze Lederstiefel. Sein Schwert hing locker an seiner Taille. Während sie ihn so ansah, regte sich eine weitere Erinnerung in ihrem Geist und ließ ihr die Röte ins Gesicht schießen. Schnell wandte sie sich ab und stand auf.
Kyle beobachtete sie aufmerksam. Verlegen lächelte sie ihn an und ging zu ihm herüber. Seine irritierend grünen Augen schickten einen warmen Schauer durch ihren Körper und sie sehnte sich nach seiner Umarmung. Sie wollte bereits die Arme nach ihm ausstrecken, als sie merkte, dass etwas nicht stimmte. Kyle trat einen Schritt zurück und verwundert ließ sie die Arme sinken.
Er verbeugte sich knapp, steckte eine Hand in die Tasche seiner Hose und zog einen glatten, roten Stein an einer goldenen Kette heraus. Wortlos ließ er ihn in Aurelias Hand fallen. Überrascht zog sie die Augenbrauen hoch. „Mein Amulett...“
„Ich habe die Kette bei einem Goldschmied reparieren lassen“, sagte er schulterzuckend.
Sie musterte ihn kritisch. „Kyle, was ist los?“
„Nichts“, wiegelte er ab. „Zieh dich an. In einer Stunde komme ich dich abholen. Wir treffen uns mit den anderen, um die Lage zu besprechen.“ Damit verließ er ihr Zimmer und ließ sie allein zurück. Verwundert ging sie zum Bett und setzte sich auf die Kante, während sie gedankenverloren das Amulett betrachtete.
Wenig später tauchten einige Bedienstete auf, um ihr beim Ankleiden zu helfen. Zumindest wollten sie es versuchen, denn Aurelia wehrte sich vehement dagegen. Für ihr befinden war sie alt genug um sich selbst anzukleiden und eines der vielen pompösen Kleider, die man ihr vorhielt, kam erst gar nicht in Frage. Verzweifelt gaben die Bediensteten schließlich auf und legten ihr stattdessen eine dunkelgrüne Bluse und enge, braune Hosen zurecht. Dazu stellten sie ein Paar Stiefel aus Wildleder parat.
Zufrieden betrachtete Aurelia sich im Spiegel. Der Stoff war glatt und schmiegte sich eng an ihre Haut. Ihr Haar hatte man zu einem langen Zopf geflochten und kleine weiße Blüten hineingesteckt. Sie wusste nicht, warum die Bediensteten so viel Aufhebens um ihr Äußeres gemacht hatten, doch das Ergebnis gefiel ihr.
Es klopfte an der Tür und Kyle trat ein.
„Bist du soweit?“, wollte er wissen und vergaß beinahe den Mund zu schließen, als er sie sah.
Sie schenkte ihm ein gewinnendes Lächeln und hakte sich bei ihm unter.
„Aber natürlich“, säuselte sie und lotste ihn aus dem Zimmer. Draußen auf dem Flur schien er seine Fassung wiedergewonnen zu haben, denn er ging forschen Schrittes den Gang entlang und zog sie mit sich.
„Kyle, wir befinden uns immer noch auf Schloss Ehrenthal, richtig? Ich schätze, ich war einige Zeit außer Gefecht gesetzt. Was ist bisher geschehen und was ist das für ein Treffen?“, wollte sie wissen und versuchte vergeblich sein Tempo zu drosseln.
„Wir befinden uns immer noch auf Schloss Ehrenthal, das ist korrekt. Seit dem Tode König Roderichs sind zwei Tage vergangen...“
„Was?!“ Sie blieb ruckartig stehen und riss ihn zu sich herum.
„Du warst erschöpft und brauchtest Ruhe.“ Er wich ihrem Blick aus.
„Aber ich habe noch nie zwei ganze Tage verschlafen. Zwei Tage!“
Kyle sah sie immer noch nicht an. „Die Nachricht vom Tode Roderichs hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Canthan steht kurz vor einem Bürgerkrieg. Die Rebellen wollen eine unabhängige Regierung, wohingegen viele aus der ländlichen Bevölkerung der Monarchie verbunden sind. Wir versuchen eine Möglichkeit zu finden beide Seite zufrieden zu stellen“, fasste er die Ereignisse der vergangenen Tage kurz zusammen.
„Wie stellt ihr euch das vor? Mit Roderich hat das letzte verbliebene Mitglied der königlichen Familie den Tod gefunden.“ Endlich sah Kyle sie an. Sein Blick war schwer zu deuten, doch sie wusste, dass er ihr etwas verschwieg und dass es ihr nicht gefallen würde, wenn sie es erfuhr.
Sie stellte keine weiteren Fragen, sondern ließ sich von ihm den Gang hinunterführen, bis sie einen kleinen Saal erreichten. In der Mitte des Saals stand ein runder Tisch, an dem bereits mehrere Leute auf dick gepolsterten Stühlen saßen. Unter ihnen waren Sharon, Orias und ein blonder Mann, der zweifelsfrei Sharons Bruder Levin sein musste. Die Ähnlichkeit der beiden war frappierend.
Alle Anwesenden wandten sich ihr zu, als sie den Raum betrat. Auf der anderen Seite des Tisches saßen Meister Albion und noch jemand, den sie nicht kannte. Es war ein sehr dünner Mann mit einem langen, grauen Bart und stechenden grauen Augen. Er schien mit dem Meister in ein tiefes Gespräch versunken zu sein, doch als er sie sah, verstummte er und sprang überraschend geschmeidig von seinem Stuhl. Auch Meister Albion erhob sich. Sie ließ den Blick weiter durch den Raum wandern und entdeckte eine weitere vertraute Person.
„Constantin!“ rief sie und stürmte auf ihn zu.
Lachend schloss er sie in seine Arme.
„Ein Glück, du bist wohl auf“, sagte er erleichtert.
„Dir scheint es ebenfalls nicht schlecht ergangen zu sein“, erwiderte sie und knuffte ihn in die Seite. Dann löste sie sich aus seiner Umarmung und fasste Kyle am Arm. „Ich fürchte, ihr kennt euch bereits. Das erste Zusammentreffen war vielleicht nicht das Beste, aber das lässt sich hoffentlich noch ändern.“ Sie sah zu Kyle auf und ihr Lächeln erlosch, als sie seinen Blick sah. Sie wandte sich zu Constantin und fand den gleichen Ausdruck in seinem Gesicht.
Die beiden maßen sich mit finsterer Miene und es schien, als versuchten sie den jeweils anderen zu Tode zu starren. Die Luft um sie herum gefror förmlich zu Eis. Aurelia wusste nicht, was dies zu bedeuten hatte, doch ehe die Situation eskalierte, ergriff der hagere Mann neben Meister Albion das Wort.
„Da nun endlich alle eingetroffen sind, schlage ich vor, dass wir Platz nehmen und mit den wichtigsten Themen beginnen.“ Er klatschte auffordernd in die Hände und die Anwesenden, Aurelia und Kyle eingeschlossen, suchten sich einen Platz am Tisch. Constantin ließ sich neben Meister Albion nieder und zwinkerte ihr aufmunternd zu, während sie und Kyle sich schräg gegenüber an den Tisch setzten.
„Da nicht jedem die Namen aller anwesenden Person bekannt sind, nehme ich mir die Freiheit mich selbst und sämtliche Anwesenden kurz vorzustellen.“ Der dünne Mann machte eine kurze Pause. „Mein Name lautet Norwin Weyhers. Ich war der oberste Zauberer des königlichen Rates und engster Vertrauter König Heinrichs. Neben mir sitzen Meister Albion und sein Schüler Constantin Korell vom Orden der weißen Zauberer.“ Er nickte den beiden zu. „Ebenfalls anwesend sind Aurelia Nachtschatten, eine weitere Schülerin des Ordens und der ehemalige General der königlichen Leibgarde Kyle Farland.“ Er räusperte sich kurz, als leises Gemurmel aufbrandete, als Kyles Name genannt wurde. „Zu meiner linken darf ich Arvid Nader, oberster Berater König Roderichs und den Schatzmeister Ludbrock vorstellen. Des Weiteren begrüße ich Lord Roxley und unsere Gäste aus Arthenholm in unserer illustren Runde.“ Mit einer Hand deutete er auf Sharon. „Mir gegenüber sitzen die Hohe Magierin Quoos, ihr Bruder Oberst Levin Quoos und Leutnant Orias Moll.“
Aurelia beobachtete verstohlen die Anwesenden, während Norwin fortfuhr, die restlichen Personen vorzustellen. Mit am Tisch saßen noch die Rebellenführer Thoumas und Jorg. Beides waren grobschlächtige Kerle, wobei Thoumas einen scharfen Verstand zu besitzen schien. Er hatte die Augen eines Raubvogels und ließ den Blick, ebenso wie sie, umherschweifen. Als sein Blick auf sie fiel, stellten sich ihr die Nackenhaare auf. Es lag ein mörderischer Ausdruck in seinen Augen. Sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen, während sie sich tiefer in ihren Stuhl presste. Der Rebellenführer wirkte, als würde er ihr am liebsten einen Dolch ins Herz rammen und sie hegte keine Zweifel daran, dass er es wirklich tat, wenn sich die Gelegenheit dazu bot. Doch warum nur? Was hatte sie ihm getan?
Sie spürte, dass Kyle sie von der Seite her ansah, doch sie hielt den Blick auf die Tischplatte gerichtet. Kyle hatte sich ihr gegenüber ebenfalls seltsam verhalten. Was wurde hier nur gespielt?
„Der Grund weswegen wir uns heute hier eingefunden haben, ist die Entscheidung über das weitere Schicksal Canthans.“ Norwin setzte sich und riss Aurelia aus ihren Gedanken. „Das Land ist aktuell ohne Führung und steht kurz davor in Chaos zu versinken. Wir werden später die bestehenden Möglichkeiten besprechen, doch zunächst möchte ich kurz die Ereignisse, welche sich auf Schloss Ehrenthal vor zwanzig Jahren ereignet haben, zusammenfassen.“
„Das sollte interessant werden“, murmelte Constantin halblaut und fing sich einen vernichtenden Blick von Meister Albion und Sharon ein. Er hob entschuldigend die Hände, doch kam nicht umhin Aurelia grinsend zu zuzwinkern. Sie erwiderte sein Grinsen, dann setzte sie sich auf und sah Norwin aufmerksam an. Je länger sie ihn betrachtete, umso deutlicher wurde seine Verwandtschaft mit Meister Albion. Sie entdeckte immer mehr Details, die er sich mit seinem jüngeren Bruder teilte, auch wenn die Ähnlichkeiten nicht so hervorstachen wie bei Sharon und Levin. Dann sprach Norwin weiter.
„Vieles liegt noch immer im Dunkeln, doch einige Teile des Puzzles konnten wir bereits zusammenfügen.“ Er räusperte sich. „Alles begann, nachdem Roderich von einer seiner vielen Expeditionsreisen zurückkehrte. Seine Leidenschaft galt hauptsächlich dem Sammeln von historischen Artefakten und der Erforschung längst vergangener Kulturen. Eines Tages kehrte er zurück und war wie verwandelt. Der sonst so freundliche und offenherzige Roderich hatte sich in einen kalten, grausamen Mann verwandelt.“
Bei diesen Worten begann Kyle kaum merklich zu nickten. Scheinbar erinnerte er sich an diesen Tag.
„Ich hielt ein wachsames Auge auf Roderich gerichtet, denn seine Wesensveränderung gefiel mir nicht. Er war nie ein starker Zauberer gewesen und doch spürte ich plötzlich einen starken Anstieg seiner Macht. Auch seine Geschwister waren in Sorge, denn er zog sich immer mehr zurück.“ Norwin hielt inne und sein Blick suchte Kyle. Die beiden sahen sich einen Moment lang schweigend an. Dann fuhr er fort und es wirkte, als würde er die nächsten Worte direkt an Kyle richten. „In jener Nacht vor zwanzig Jahren, unterhielt ich mich mit seiner hochschwangeren Schwester Amelia und ihrem Mann Thjark darüber. König Heinrich und Königin Gwendolyn waren noch in einer Konferenz, weswegen sie nicht dabei sein konnten. Es war schon spät und ich wollte mich auf mein Zimmer zurückziehen, als ich den Flur betrat und die Schreie hörte. Ich hastete zum Ort des Geschehens und musste mit Entsetzen feststellen, was sich im kleinen Ratssaal zugetragen hatte. Ohne zu zögern machte ich kehrt und eilte, so schnell es ging, zu Amelia und Thjark zurück.“
Wie gebannt hing Aurelia an Norwins Lippen. Auch die anderen hörten ihm aufmerksam zu. Keiner verursachte auch nur den leisesten Laut, sodass in den kurzen Pausen eine gespenstische Stille im Raum hing.
„Wir wussten, was es zu bedeuten hatte und was getan werden musste. Thjark hielt uns den Rücken frei, während ich Amelia aus dem Schloss hinausbrachte. In ihrem Zustand war das Reisen nicht einfach, doch sie biss die Zähne zusammen und wir schafften es bis ans andere Ende des Königreiches. Bei der Familie einer guten Freundin von mir, suchten wir Unterschlupf.“ Norwin richtete den Blick auf Aurelia. „Amelia brachte ihre Tochter zur Welt, doch die Strapazen der Reise hatten ihr so zugesetzt, dass sie wenige Tage später verstarb. Die Familie versprach ihr am Sterbebett, gut auf ihre Tochter zu achten und sie wie ihr eigenes Kind groß zu ziehen. Ich kehrte zum Schloss zurück, um die Entwicklungen zu verfolgen. Mit dem guten Gewissen, dass die Letzte aus dem Geschlecht der Algrims weit ab von allem ein wohlbehütetes Leben führen würde.“ Er faltete die Hände und stützte sein Kinn darauf, während er Aurelia noch immer unverwandt ansah.
Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken und eine bittere Erkenntnis zupfte an den Rändern ihres Verstandes. Sie spürte eine Berührung und sah, dass Kyle ihre Hand gefasst hatte. Auch die anderen warfen nun interessierte Blicke in ihre Richtung. Constantin runzelte die Stirn und verschränkte die Arme vor der Brust, während er über Norwins Worte nachzudenken schien.
„Vieles deutet darauf hin, dass Roderich von einer dunklen Macht besessen wurde. Wie dies geschehen konnte und aus welchem Grund wissen wir noch nicht. Jedoch steht fest, dass uns eine viel größere Gefahr droht. Darum ist es umso wichtiger, dass Canthan vereint unter einem Banner steht. Die Rufe nach Veränderung sind nicht zu überhören und wir werden sie nicht ignorieren“, brachte Norwin das Thema zurück zum eigentlichen Grund ihres Zusammentreffens. Er machte eine kurze Pause, in welcher Jorg und Thoumas gewichtige Blicke miteinander tauschten.
„Wir Rebellen wünschen ein größeres Mitspracherecht des einfachen Volkes“, ergriff Thoumas das Wort. „Wir wollen eine Gewaltenteilung. Das Volk soll in Bereichen wie der Gesetzgebung und den Steuern Einfluss nehmen können.“
Norwin nickte ihm verständnisvoll zu. „Jedoch geht dies nur in Zusammenarbeit mit dem König oder der Königin...“, wies er den Rebellenführer darauf hin.
Thoumas schnaubte abfällig.
„Na schön. Kommt endlich zum Punkt, alter Mann. Die Spannung ist kaum noch auszuhalten“, grollte er und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, ehe er Aurelia mit einem finsteren Blick bedachte.
Falls Norwin über diese Frechheit erzürnt war, ließ er es sich nicht anmerken. Stattdessen strich er über sein Gewand und holte Luft.
„Verzeiht“, unterbrach Aurelia Norwin, ehe er zu reden begann. „Scheinbar muss mit etwas entgangen sein. Ihr wollt einen neuen König oder eine Königin auf den Thron setzen. Aber wie Ihr selber sagtet, wurde die königliche Familie bis auf eine einzige Ausnahme ausgelöscht. Woher wisst Ihr, ob Amelias Tochter noch am Leben ist?“ Sie fürchtete die Antwort auf diese Frage. Inständig hoffte sie, dass sie dies alles nur missverstanden hatte. Vielleicht war es nur ein Produkt ihrer wilden Fantasie. Vermutlich hatte sie einfach zu viele Geschichten gelesen. Kyle drückte ihre Hand fester und verstärkte damit ihre Befürchtungen.
„Wenn mich meine Augen nicht täuschen, sitzt sie mir sehr lebendig gegenüber. Aurelia Algrim, Tochter von Amelia und Thjark. Aufgezogen von Elmar und Lorain Nachtschatten, gemeinsam mit ihrer Tochter Loreley.“
Aurelia sprang so heftig von ihrem Stuhl auf, dass er umkippte. „Dieses Märchen soll ich Euch glauben?! Das kann nicht stimmen!“ Kyle fasste sie am Arm, doch sie riss sich los. „Das ist... das ist gelogen. Ihr sucht doch nur eine Marionette für Euren ausgeklügelten Plan.“ Sie trat einen Schritt zurück. „Ich glaube Euch kein Wort!“ Damit wirbelte sie herum und stürmte aus dem Saal.
In ihrem Kopf herrschte ein einziges Durcheinander. Alles an was sie bis jetzt geglaubt hatte, jede Erinnerung, jede vermeintliche Wahrheit, erschien plötzlich wie ein Trugbild. Ihre Welt stürzte polternd in sich zusammen.
Sie rannte den Gang entlang, bis zu dem Zimmer, in dem sie vor wenigen Stunden erwacht war. Zögernd hielt sie inne, dann öffnete sie die Tür und schloss sie hinter sich mit einem Knall. Hastig drehte sie den Schlüssel und verriegelte die Tür. Dann lehnte sie sich dagegen und versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Eines stand fest - sie musste fort von hier. Sie würde keine Sekunde länger auf diesem Schloss verweilen. Vermutlich war Kyle schon auf dem Weg zu ihrem Zimmer. So, wie sie ihn kannte, würde er nicht zögern und das Schloss der Tür aufbrechen. Kyle. Ein scharfer Stich durchfuhr ihr Herz, als sie an ihn dachte. Er hatte es gewusst. Er musste es die ganze Zeit über gewusst haben. Wütend schlug sie mit der Faust gegen die Wand. Der Schmerz fuhr bis in ihre Schulter. Fluchend ging sie zum Fenster und sah hinaus. In der Ferne konnte sie die Berge sehen und eine Idee formte sich in ihrem Kopf. Lächelnd öffnete sie die Fensterläden, blickte hinunter und musterte dann die Vorhänge. Ein freudloses Grinsen stahl sich auf ihre Lippen. Oh nein. Sie würde keinen weiteren Augenblick hier verbringen.
„Ich hatte Euch davor gewarnt, dass sie so reagieren würde!“ Gereizt erhob sich Kyle von seinem Platz und folgte Aurelia. Er war von Anfang an gegen dieses Vorhaben gewesen, doch Norwin hatte sich nicht davon abbringen lassen. Am Morgen hatte er noch mit dem Gedanken gespielt, ihr selbst die Wahrheit über ihre Vergangenheit zu sagen, doch er fürchtete um ihre Reaktion. Wahrscheinlich hätte sie ihm gar nicht erst geglaubt. Er fluchte. Warum musste die ganze Situation nur so verworren sein? Wütend auf sich selbst und auf Norwin, schritt er den Gang entlang. Hoffentlich beging Aurelia keine Dummheit. Er erreichte die Tür zu ihrem Zimmer und blieb unsicher stehen. War sie hineingegangen oder hatte sie sich einen anderen Platz gesucht? Aber wohin hätte sie gehen sollen? Sie kannte sich im Schloss nicht aus. Versuchsweise klopfte er an die Tür. Erleichtert atmete er auf, als er ihre Stimme hörte.
„Wer ist da?“ Die Worte klangen gedämpft durch das Holz.
„Ich bin es. Kyle. Aurelia, ich komme rein“, sagte er und drückte die Klinke hinunter. Verdutzt sah er auf. Sie hatte die Tür von innen verschlossen. „Aurelia. Bitte, mach die Tür auf!“
„Verschwinde!“ War alles was sie darauf zu sagen hatte.
Wenn er es gewollte hätte, hätte er die Tür mit Leichtigkeit aufbrechen können, doch zu welchem Zweck? „Aurelia!“, versuchte er es erneut.
„Ich will dich nicht mehr sehen! Verschwinde endlich!“
Ihre Worte trafen ihn härter, als er es für möglich gehalten hatte. Betrübt ließ er den Kopf hängen. Er konnte sie verstehen. Immerhin hatte man soeben ihre Vergangenheit, ihre gesamte Existenz, als Lüge enttarnt.
„Aurelia... egal was gesagt wurde. Du bist immer noch du! Daran wird sich nichts ändern.“ Er trat dicht an die Tür und lehnte die Stirn gegen das Holz. „Auch, wenn du es gerade nicht hören willst. Ich bin für dich da. Ich werde immer da sein!“ Er musste sich fest auf die Unterlippe beißen, um nicht mehr zu sagen. Das Verlangen sie in seine Arme zu schließen, wie in jener Nacht vor wenigen Tagen, war schier unerträglich. Doch sie war seine Königin. Mehr als dieses Versprechen, konnte er ihr nicht geben. Auch wenn sein Herz daran zerbrach. Zerknirscht wandte er sich von der Tür ab und ging davon. Vielleicht würde sie sich bis zum Abend beruhigt haben. Ziellos begann er durch das Schloss zu wandern.
Am Abend erschienen die Bediensteten, welche Aurelia zugeteilt waren, an seinem Zimmer. Die beiden Frauen baten ihn eindringlich um Hilfe, denn Aurelia hielt die Tür immer noch verschlossen. Constantin hatte am Nachmittag ebenfalls sein Glück versucht und war ebenso gescheitert. Sie schien ihm nicht einmal geantwortet zu haben.
Allmählich verlor Kyle die Geduld. Dass sie ihn oder Constantin nicht sehen wollte, konnte er verstehen, aber wenigstens die Bediensteten sollte sie hineinlassen.
Zusammen mit den beiden Frauen erreichte er ihr Zimmer.
Laut pochte er mit der Faust gegen die Tür. „Aurelia, mach die Tür auf. Lass die Leute ihre Arbeit verrichten, danach lassen sie dich wieder in Ruhe.“
Keine Antwort.
Er pochte wieder gegen das Holz. „Aurelia! Ich breche die Tür auf!“
Stille. Kein Laut war zu hören.
„Nun gut“, sagte er zu sich selbst und zückte einen Dolch. Er hatte nicht vor die Tür zu zerstören. Dies war auch gar nicht nötig. Als Kinder hatten er und Lex sich öfter unerlaubt Zutritt zu irgendwelchen Räumen verschafft und so wusste er, wie man die Schlösser an den Türen aufhebelte. Mit wenigen, flinken Bewegungen ließ er den Hebel im Schloss klackend zurückschnappen und die Tür aufgleiten. Kyle gab ihr einen kleinen Schubs mit der Hand, sodass sie vollständig aufschwang und den Blick in das Zimmer frei gab. Er sah hinein und fühlte sich, als hätte man ihm den Boden unter den Füßen weggerissen.
Das Zimmer war leer, die Fensterläden standen offen und die Vorhänge waren heruntergerissen worden. Aurelia hatte das Bett ans Fenster geschoben, die Vorhänge an dessen Beine geknotet und scheinbar als Seil benutzt.
Kyle durchquerte das Zimmer und sah nach draußen. In Höhe des ersten Stocks endeten die Vorhänge. Die restliche Distanz musste sie sich fallen gelassen haben. Wütend über seine eigene Naivität, schlug er mit der Faust auf den Sims. Er war lange genug mit ihr zusammen unterwegs gewesen, um zu wissen, dass sie sich nicht aufhalten lassen würde, wenn sie es nicht wollte. Sie war die Klippen des Magaerus herabgestürzt und hatte überlebt!
„General Farland?“ Eine der beiden Bediensteten war an ihn herangetreten und sah ihn bestürzt an. „Was ist mit der Lady geschehen?“
Seufzend wandte er sich vom Fenster ab. „Sie hat einen Ausflug unternommen.“ Zögernd sah er sie einen Moment lang an. „Ich hoffe auf eure völlige Verschwiegenheit. Wenn sich jemand nach der Lady erkundigt, sagt ihnen, dass sie sich nicht wohl fühlt und unpässlich ist.“ Er wusste nicht warum, aber er wollte nicht, dass Aurelias Verschwinden bekannt wurde. „Verschließt die Tür und lasst niemanden herein. Auch den großen, blonden Mann mit den braunen Augen nicht.“
Die beiden Frauen warfen sich vielsagende Blicke zu. Natürlich wussten sie von wem die Rede war.
„Ich werde die Lady schnellstmöglich zurückbringen. Bis dahin...“ Er legte einen Finger auf die Lippen und die Frauen kicherten. Schnellen Schrittes verließ er das Zimmer, eilte die Gänge und Treppen hinab und marschierte geradewegs auf die Stallungen zu. Das Fenster in Aurelias Zimmer lag zwar auf der Rückseite des Hauptgebäudes, aber wenn sie Schloss Ehrenthal verlassen wollte, musste sie zwangsweise das Innentor passieren. Anderenfalls bliebe ihr nur ein waghalsiges Klettermanöver über die Mauer und die steile Bergflanke hinab. Kyle schmunzelte. Aurelia war mutig, aber nicht dumm. Sie würde nicht ihr Leben riskieren, wenn es eine wesentlich simplere Möglichkeit gab.
Ohne zu klopfen stürmte er in die Sattelkammer. Ein Stallbursche sprang erschrocken auf.
„Hat sich heute Mittag eine Lady ein Pferd geliehen und ist bisher noch nicht zurückgekehrt?“
Der Stallbursche zählte gerade vierzehn Sommer und reichte Kyle nicht einmal bis zur Schulter. Von der Frage und der schärfe der Worte völlig überrumpelt, begann er zu stottern und sein Gesicht lief puterrot an.
„Ähm... äh“, war alles was er herausbekam.
„Die Lady war ungefähr so groß.“ Kyle hob die Hand an seine Schulter. „Sie hat lange, schwarze Haare und blaue Augen.“
Dies schien dem Jungen auf die Sprünge zu helfen, denn sein Gesicht hellte sich auf und ein verträumter Blick trat in seine Augen. „Ja. Die schöne Lady war hier. Sie wollte ein Pferd, um in die Stadt zu reiten...“
Kyle ließ den Jungen mit seinen Tagträumen in der Sattelkammer zurück, schnappte sich sein Sattelzeug und begab sich zu seinem Pferd. In Windes eile hatte er das Tier gesattelt und gezäumt. Die Sonne war bereits fast untergegangen, als er das Pferd aus dem Stall führte und aufsaß. Die Wachen an den Toren warfen ihm fragende Blicke hinterher, als er wortlos an ihnen vorbei preschte.
Aurelia ließ ihr Pferd in einem gemächlichen Tempo traben. Schloss Ehrenthal zu verlassen war einfacher gewesen, als sie gedacht hatte. Der junge Stallbursche hatte sie so liebestoll angesehen, dass sie wahrscheinlich alles von ihm hätte bekommen können. Sie hatte sich jedoch auf ein Pferd und einen Mantel beschränkt. Selbst die Wachen hatten keine Fragen gestellt, als sie an ihnen vorbeigeritten war. Grinsend blickte sie zurück, als das Schloss schon einige Meilen hinter ihr lag. Danach wandte sie sich nach Osten und ritt auf die beständig anwachsenden Gipfel des Schattengebirges zu.
Die Sonne senkte sich herab und zwang sie ein Lager für die Nacht aufzuschlagen. Sie stieg vom Pferd und führte es vom Weg herunter. Nach kurzem Suchen fand sie einen niedrigen Baum, an dem sie das Tier festband und sich selbst in einer Nische zwischen seinen Wurzeln niederließ.
Die Nacht war warm und angenehm. Bald würde der Sommer Einzug halten. Definitiv eine der schönsten Jahreszeiten in Canthan.
An die raue Rinde des Baumes gelehnt, lag sie noch eine ganze Weile wach und dachte über ihr weiteres Vorhaben nach. Sie musste gestehen, dass ihr Aufbruch ziemlich überstürzt und unüberlegt gewesen war. Doch sie hätte es auf dem Schloss keinen Moment länger ausgehalten.
Als erstes würde sie weiter Richtung Osten reiten und sich einige Tage in den Bergen aufhalten. Vielleicht klärte dies ihre Gedanken. Danach würde sie entscheiden, wie es weitergehen sollte. Vielleicht würde sie nach Arthenholm gehen, oder in die Länder, die dahinter lagen. Der Kontinent war so riesig, sie könnte ein ganzes Leben darauf verwenden, die einzelnen Länder zu bereisen. Warum hatte sie nicht schon früher daran gedacht?
Wahrscheinlich, weil sie ihre Zukunft immer im Orden gesehen hatte. Wenn die Inquestoren sie nicht gefunden hätten, wäre sie vermutlich immer noch dort. Vermutlich würde auch Roderich noch leben. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht hätten Sharon und die Rebellen es auch ohne ihre Hilfe geschafft, den König zu stürzen. Vielleicht...
Immer dieses Hätte, Wenn und Aber!
Wenn so vieles nicht so fürchterlich schiefgegangen wäre, würde ihre Familie noch leben. Sie würde immer noch in dem kleinen Dorf, nahe der Grenze, wohnen und wäre womöglich längst verheiratet. Aurelia rollte sich zur Seite. Ihre Familie. Bei diesem Gedanken begann ihr Magen zu schmerzen. Sollte das alles wirklich eine Lüge gewesen sein? Sie konnte es nicht glauben. Sie wollte es nicht glauben! Sie schloss die Augen und zwang sich sämtliche Gedanken aus ihrem Geist zu verdrängen. Schließlich fiel sie in einen traumlosen Schlaf.
Wenige Tage später erreichte Aurelia den Fuß des Gebirges. Dunkel reckten sich die schroffen Gipfel in den Himmel und auf den höchsten Kämmen glitzerte der ewig währende Schnee. Im Schatten des Gebirges duckte sich eine kleine Ansammlung von Bauerngehöften. Die Menschen waren emsig auf den Feldern beschäftigt und nahmen kaum Notiz von ihr, als sie die Siedlung passierte.
An einem kleinen Gehöft weiter außerhalb, traf sie auf den Sohn eines der Bauern und erzählte ihm, dass sie ihr Pferd aus dem Schloss gestohlen hatte und eine reiche Belohnung auf ihn warten würde, wenn er es zurückbrachte. Er sah sie skeptisch an, schien ihr die Geschichte aber zu glauben. Aurelia musste sich ein Lachen verbeißen. Ganz so frei erfunden war es schließlich nicht. Netterweise gab er ihr zum Tausch ein Messer und einige Vorräte. Unter den erstaunten Blicken der restlichen Familie, schulterte sie die Tasche und marschierte davon.
Sie verbrachte einige Stunden damit, einen Pfad hinauf in das Gebirge zu suchen. Endlich fand sie einen und begann den steinigen Aufstieg.
Der Pfad war nicht sehr breit und wand sich in engen Windungen die Hänge hinauf. Zwischenzeitlich wurde er so schmal und unwegsam, dass Aurelia schon fast ans Umkehren dachte. Doch sie riss sich zusammen und kletterte weiter. Immerhin zwang sie der Pfad dazu, sich auf jeden ihrer Schritte und jeden Handgriff zu konzentrieren sodass sie keine Zeit hatte, über andere Dinge nachzudenken.
Obwohl die Tage im Land immer länger wurden, schwand das Licht in den Bergen rasch. Nach nur wenigen Stunden war sie gezwungen, sich einen Unterschlupf zu suchen.
Die Nacht auf dem harten, felsigen Grund war kalt und ließ sie am nächsten Morgen mit steifen Gliedern erwachen. Nach einem kargen Frühstück, machte sie sich an die nächste Etappe. Sie wusste nicht, wohin der Pfad sie führte und wie lange sie ihm folgen würde, aber das war ihr im Moment egal. Stundenlang suchte sie sich kletternd ihren Weg hinauf. Gelegentlich hielt sie an und spähte hinunter auf die Ebene. Die Luft war klar und der Himmel blau, sodass sie das Land meilenweit überblicken konnte. Es erstreckte sich in einer Mischung aus grünen und braunen Flecken unter ihr. Als kleiner Punkt am Horizont, konnte sie sogar Schloss Ehrenthal und die Stadt Syndia ausmachen. Der Anblick war atemberaubend.
Gegen Abend erreichte sie schließlich ein kleines Plateau. Den Kopf in den Nacken gelegt, spähte sie in das Blau der Nacht, doch der Blick in den Himmel verhieß nichts Gutes. Dunkle Wolken zogen auf und Donner rollte bereits leise heran. Langsam verfluchte sie ihre Idee, völlig planlos in die Berge zu klettern. Ein Unwetter so hoch oben, war gewiss kein Vergnügen.
Im letzten Licht des Tages suchte sie nach etwas, dass ihr Schutz bieten würde. Noch während sie die steilen Felswände absuchte, fielen bereits die ersten Tropfen hinab und der Wind frischte auf. Sie beeilte sich, konnte aber keinen geeigneten Unterschlupf finden. Der Wind wurde stärker und peitschte nun die Regentropfen vor sich her. Grell zuckte ein Blitz über den Himmel und erleuchtete die Umgebung in einem fahlen Licht. Dann folgte ein ohrenbetäubender Donner. Er hallte von den Berghängen wieder und potenzierte sich zu einem unerträglichen Kanon. Aurelia hatte das Gefühl ihr Herz würde stehen bleiben. Innerhalb weniger Minuten war ihre Kleidung völlig durchnässt und sie begann zu frieren. Vorsichtig tastete sie sich an den nassen Felsen entlang, auch wenn sie die Hoffnung auf einen Unterschlupf längst aufgegeben hatte. Das Letzte, was sie gebrauchen konnte, war ein unfreiwilliger Absturz. Plötzlich griffen ihre Hände ins Leere. Wie angewurzelt blieb sie stehen und starrte in die Dunkelheit. In einer Hand formte sie eine kleine, leuchtende Kugel und schleuderte sie in die Finsternis hinein. Vor ihr klaffte ein weiter Spalt im Fels. Scheinbar handelte es sich um den Eingang in eine Höhle. Erleichtert darüber, das Unwetter doch nicht ungeschützt über sich ergehen lassen zu müssen, ging sie hinein. Sie formte eine zweite, diesmal größere Lichtkugel und schickte sie in die Höhe. Die Höhle war groß und das Licht reichte nicht aus, um auch das hintere Ende zu erleuchten. Kurz überlegte Aurelia, wie weit sie die Höhle erkunden sollte und entschied sich dafür nur im vorderen Teil zu bleiben. Ihre nasse Kleidung klebte an ihrem Körper und ihre Arme und Beine schmerzten vom vielen Klettern. Sie suchte sich eine ebene Stelle nahe der Höhlenwand und wickelte sich fest in ihren Mantel. Dann erwärmte sie die Luft um sich herum mit magischer Energie. Es war nicht viel und sie würde es nicht die ganze Nacht aufrechterhalten können. Dafür kostete dieses Kunststück zu viel Kraft. Aber immerhin würde ihre Kleidung nur noch klamm und nicht mehr triefend nass auf ihrer Haut liegen.
Draußen tobte der Gewittersturm. Blitze erhellten die Nacht und der Donner wurde mit ohrenbetäubendem Lärm von den Hängen zurückgeworfen. Sie lehnte den Kopf gegen den Felsen und beobachtete das Unwetter.
