Schattenfürst - Swantje Berndt - E-Book
Beschreibung

In einem erbitterten Kampf tötet der junge Fürst der Nachtmahre versehentlich seinen grausamen Bruder. Von dessen Geliebten verflucht, verliert er seine menschliche Hülle und ist fortan zu einem Leben im Zwielicht verdammt. Auf der Suche nach seinem Körper durchwandert Ari die Träume der Menschen und begegnet dort der 17-jährigen Patrice. Die Traummelodie der Street Art Künstlerin zieht ihn nicht nur wegen ihrer Sinnlichkeit, sondern auch wegen ihrer Widerstandskraft an. Schnell wird ihm klar, dass er sich schon lange nicht mehr so lebendig gefühlt hat. Doch das vermeintliche Glück ist nur von kurzer Dauer, denn seine Widersacher sind ihm dicht auf den Fersen. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, der ihn durch die Schattenwelt der Bretagne bis nach Amsterdam treibt. Ari wird klar, dass durch seine Liebe zu Patrice mehr als nur ein Leben auf dem Spiel steht.

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Seitenzahl:338

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1. Prolog
2. Das Krähenhaus
3. Zerrupfte Dämonen
4. Dunkle Erinnerungen
5. Traumgespinste
6. Verloren im Nirgendwo
7. Epilog
8. Weitere Romane von Swantje Berndt

Schattenfürst

Geflügelte Seelen

SWANTJE BERNDT

Copyright © 2019 Swantje Berndt

alle Rechte vorbehalten.

Erste Auflage: 2014

E-Books dürfen nicht kopiert oder weiterverkauft werden. Bitte haltet euch daran und wertschätzt mit eurem fairen Verhalten die Arbeit der Autoren, die viel Mühe und Zeit in ihre Werke stecken.

Wie bei allen fiktiven Geschichten gilt auch bei dieser: Sämtliche Personen und Ereignisse sind frei erfunden.

www.swantje-berndt.de

https://sbnachtgeschichten.com

Korrektorat und Lektorat: Melanie Reichert, Antonio Kuklik

Cover: Antonio Kuklik

»Ich habe ihr meine Gefühle in die Seele geflüstert,

und sie hat mir ihre in den Körper geliebt.

Es war das Schönste, das ich je erlebt habe.«

(Ari)

1. Prolog

Handtuchschmal, schwarz und umwabert vom Brackwassergestank der ständig schwappenden Kanäle. Das Haus mit dem verschnörkelten Giebel, das sich in den Schatten der Nachbarhäuser duckte, musste Svanas Hort sein.

Das einzige Helle war ein Schild über der Tür. Ein ausgezackter Kreis in Gold. Sonst versank das Gebäude in dunkler Trostlosigkeit.

Für einen Nachtmahr kein schlechter Platz. Ungehinderter Zugang zu den vor Angst und Irrsinn strotzenden Träumen der Menschen.

Ari schleuderte seine Haare zurück. Sie klatschten regennass auf den steifen Mantelkragen. Es goss in Strömen und nur wenige Augenblicke außerhalb der Kutsche genügten, damit kaltes Wasser seinen Rücken hinab rann. Mit misstrauischem Blick stieg Hákon aus. Die Elsternfedern in seinem Haar standen in alle Richtungen ab. Sein Onkel hatte sich sofort bereit erklärt, ihn zu Svana zu begleiten, der Vertrauten seines Bruders. Es hieß, sie hätte ihm einige Siege mit der alten Magie erkauft. Letztendlich war es umsonst gewesen. Die Hünen mit den gelben Bärten zerschlugen Svanas Zauber mit schweren Äxten und breiten Schwertern.

Eine Alte humpelte dicht an ihm vorbei. Sie erstarrte, als sie die Rabenfedern in Aris Haaren bemerkte. Schnell zog er seine Kapuze über den Kopf. Je weniger sie auffielen, desto besser. Ari wäre es lieber gewesen, die Sonne würde unter- und nicht aufgehen, dann hätte er seinen Körper in der Kutsche ablegen können und wäre unsichtbar für die Breitgesichter. Mit Beginn der Dunkelheit löste sich die Seele eines Nachtmahres und war nur noch für ihresgleichen sichtbar. In Fleisch und Blut ließ sich nicht durch Träume wandern.

»Wenn mir nicht passt, was Svana von uns will, köpfe ich sie, wie es einer Verräterin gebührt.« Hákon griff unter seinen Mantel, wo er ein Schwert verbarg. »Die Luft vibriert vor Träumen. Wir sollten uns beeilen, damit wir sie endlich genießen können.«

Hoch, schrill, manchmal dumpf und schwer. Die Traummelodien der Breitgesichter. Aris Hunger wuchs, doch vorher mussten sie zu Svana.

Von schräg oben, aus einem der bunten Häuser, drang ein leidenschaftlich voller Rhythmus. Die Sehnsucht, diesen Traum zu kosten, kribbelte unter Aris Haut.

Hákon seufzte und neigte den Kopf. »Hör weg, Junge. Das ist noch nichts für dich.«

Ach nein? Ari konnte die Sinnlichkeit auf der Zunge schmecken. Hätten sie mehr Zeit, würde er dem Schläfer einen Besuch abstatten. Wenn er sich beherrschte, dauerte es lang, bis der Träumer seine Anwesenheit bemerkte. Doch ab diesem Moment änderte sich die Melodie, bis sie zu einem angstvollen Kreischen anschwoll. Die Stippvisite eines Nachtmahres war kein Geschenk.

Die Metallpoller an dem Kanal waren schmierig vor Rost und Feuchtigkeit. Amsterdam.

Ari sehnte sich nach Hause.

Bane lenkte die Rappen näher an das träge schwappende Wasser.

Sie brauchten das Gefährt nur zu einem Zweck: um den Leichnam seines Bruders abzuholen und ihn in Brocéliande den heiligen Flammen zu übergeben.

Eine bittere Aufgabe. Zumal Ari ihn getötet hatte.

Nicht aus Absicht.

Es war einfach geschehen.

Hákon sah einem Kind nach, wie es mit der Mutter Schritt zu halten versuchte. Mit einem schiefen Grinsen leckte er sich über die schmalen Lippen. »Zu gern würde ich ihm das Glück aus den Träumen fressen.« Der Glanz in seinen Augen glich kaltem Stahl. »Ein oder zwei Nächte, und es wäre blass wie die Frau, die es auf die Welt geworfen hat.«

»Deshalb sind wir nicht hier.« Ari trieb sich nie in Kinderträumen herum. Die Schonzeit endete, wenn die Breitgesichter erwachsen wurden.

Hákons Vorliebe für Grausamkeit überstieg auch für einen Nachtmahr das übliche Maß. Er nahm sich niemals zurück, sondern durchpflügte jeden Traum, der ihm in die Krallen kam – mit Gewalt und Entsetzen.

Dennoch war Ari froh, dass ihn sein Onkel begleitete. Eine Begegnung mit Svana hätte er allein nicht hinter sich bringen wollen.

»Ari!« Hákon nickte zu einer Toreinfahrt, aus der ein Pulk Männer stolperte.

Breite Gesichter, Schultern wie Gebirge und gelbe Bärte. Wie damals.

Sein Herz schlug schneller.

Vor Dreck und Muskeln strotzende Breitgesichter rannten auf ihn zu. Verfilzte Haare und vor Wahnsinn glühende Augen. Schartige Schwerter zerbrachen seinen Schild, zerschnitten sein Fleisch.

Die Krieger brüllten wie die Winterstürme über dem Nordmeer, während Ari schweigend versuchte, ihren Hieben auszuweichen. Die Gelbbärte waren Menschen. Kein Nachtmahr richtete jemals das Wort an sie. Gleichgültig, ob er meinte, unter ihnen sterben zu müssen oder nicht.

Ari schüttelte die Erinnerung mit den Regentropfen von sich. Hoffentlich hatte Hákon seine Angst nicht bemerkt.

Die Hünen von damals waren tot. Zusammen mit Átthagar versunken oder später von der Zeit geholt. Menschen starben – mit und ohne Krieg.

Zeitalter waren verstrichen, aber für Ari fühlte es sich an, als ob er gestern noch die Sehne gespannt hatte, um einem Gelbbart den Pfeil zwischen die Augen zu schießen.

Das Krächzen der Krähen durchbrach seine Gedanken. Sie kreisten wie dunkle Wolkenfetzen um die Schornsteine des schwarzen Hauses. Svanas Lakaien.

Sie hatten ihre Botschaft bis zum westlichsten Zipfel Brocéliandes getragen und ihn hierher geführt.

Ich kenne deine Taten, junger Fürst. Dein Titel ist mit dem Blut deines Bruders erkauft. Komm und hole ihn, wenn du ertragen kannst, was du in deinem kindlichen Übermut angerichtet hast.

Den Brief hatte er verbrannt, aber die Warnung, die zwischen den Zeilen stand, konnte er weder vernichten noch ignorieren. Kindlicher Übermut.

Jung oder nicht, er war mit den Kriegen um Átthagar groß geworden, hatte in ihnen gekämpft und das Leid gesehen, das sie anrichteten. Immer wieder, bis er es nicht mehr aushielt, in die gebrochenen Blicke seiner Freunde zu starren.

Átthagar war verloren. Seine Kälte, seine karge Schönheit. Wie hatte er seine Heimat geliebt.

»Was ist, wenn dich Svana erpressen will?« Hákon musterte das schwarze Haus mit zusammengezogenen Brauen. »Einer aus deinem Gefolge muss dich verraten haben. Sie weiß, was du getan hast und hat dich in der Hand. Erfährt der Rat davon, wird er dich verbannen lassen.«

»Du, Tian und Bjarki. Sonst weiß niemand, was in Átthagars letzten Stunden geschehen ist.« Bjarki und Tian hatten mehr als einmal ihr Leben für ihn riskiert. Sie waren seine Freunde, seine Lehrer. Vor jeder Schlacht, in die ihn sein Bruder hineingezwungen hatte, waren sie auf die Barrikaden gegangen. Er sei zu jung zum Kämpfen, zu unerfahren und Jarle, ob Fürst oder nicht, gehöre gesteinigt, dass er Kinder in den Krieg schickte. Auf beide konnte sich Ari verlassen. Bevor sie ihn verrieten, schnitten sie sich lieber die Zunge heraus.

Mittlerweile war er kein Kind mehr. Er selbst wusste es. Aber Bjarki und vor allem Tian weigerten sich, dieser Tatsache ins Auge zu sehen. Allerdings spielten sich die Beweise dafür auch fern von ihren Augen ab.

Für einen Moment fühlte sich die nasskalte Luft zu warm auf seinen Wangen an.

Hákon zog eine angewiderte Grimasse. »Dennoch gefällt mir nicht, dass dieses Weib zu viel von damals weiß. Lass sie uns anhören und dann töten.«

Vom Tod und Sterben hatte Ari bis in alle Ewigkeiten die Nase voll.

Aus dem halb unter dem Gehsteig eingelassenen Fenster glomm Licht.

Eine Frau mit eingefallenem Gesicht trat aus der Kellerwohnung. Mit müdem Blick band sie ihr Tuch enger um die Schultern.

Kein Wunder, dass sie elend aussah. Sie musste sich mit einem Nachtmahr die Träume teilen. Nacht für Nacht hielt das kein Mensch aus.

Mit langen Schritten überquerte Hákon die Straße und stieß die Tür auf.

Ari stand noch auf der obersten Stufe, als ihm bereits ein penetranter Geruch nach Schimmel und Feuchtigkeit entgegenschlug.

Nur ein einziger Raum, der durch einen Vorhang vom hinteren Teil abgetrennt war. Ein verdreckter Kohleherd, ein Bett, dessen Kopfkissen Schmutzränder zeigten. Ein Mädchen lag darin. Seine Wangen glühten fiebrig rot und auf der Stirn klebten verschwitzte Haarsträhnen. Unruhig warf es sich im Traum hin und her.

»Was machen wir, wenn es aufwacht?« Hákon stieß es an der Schulter an. »Schreit es, bekommen wir Ärger.«

»Es wird uns für einen Fiebertraum halten.« So krank, wie es war, ging von ihm keine Gefahr aus.

Hákon beugte sich über das Mädchen und legte die Hand auf dessen Stirn. »Ich liebe Fieberträume«, murmelte er und schloss die Augen. »Wild, verworren und berstend voll mit Chaos.«

Das Mädchen wimmerte im Schlaf. Es hatte den ungebetenen Gast bemerkt. Ari nahm Hákons Hand und zog sie von der heißen Stirn. Dem Mädchen ging es auch ohne seine grausamen Späße miserabel genug.

Die Wohnung glich einem Loch.

Die Wände waren bis unter die Zimmerdecke verrußt und die Scheiben beinahe blind. Kälte und Feuchtigkeit herrschten.

Eine Ratte huschte vor seinen Füßen entlang. Hákon zog sein Schwert. Der Stahl blitzte auf. Kein Quicken, nur noch ein Zucken.

»Wo versteckt sich Svana?« Er schleuderte das Tier von der Klinge und es klatschte gegen die Wand. »Je schneller wir wieder verschwinden, desto besser.«

»Hier bin ich, edle Herren. Willkommen in meinem Heim.« Die vor Hohn triefende Stimme schien von überallher zu kommen. Hákon umfasste das Heft seines Schwertes mit beiden Händen. »Zeig dich.«

Der Vorhang schob sich zur Seite und Svana schritt auf sie zu. »Welch eine Freude, meine Feinde zu sehen.« Der Blick der schieferdunklen Augen funkelte durch den Schmutz ihrer Haut. Das Mädchen stöhnte im Schlaf.

»Mein liebstes Opfer.« Sie setzte sich auf die Bettkante und strich dem Kind die Haare aus der Stirn. »Seine Mutter arbeitet in der Druckerei. Hin und wieder bringt sie das Mädchen zu mir, damit ich es für sie hüte. Die Kleine ist oft krank, doch sie träumt dadurch in einer Intensität ...« Seufzend leckte sie sich über die Lippen. »Ihr könnt es euch nicht vorstellen. Aber ich bin unhöflich, verzeiht mir.« Sie erhob sich und nahm aus einem der vor Feuchtigkeit verzogenen Schränke eine Flasche und drei Gläsern. »Ein Willkommenstrunk, mein Fürst?«

»Wir können ihr nicht trauen, Ari.« Hákon stellte sich breitbeinig vor ihn. »Trink deinen Wein ohne uns, Hexe. Wer weiß, was du für ein Gift untergemischt hast?«

»Deine rührende Sorge um deinen Neffen und Fürsten ist unbegründet, Hákon.« Die kratzige Stimme troff vor Häme. »Ich brauche ihn lebend. Du wirst noch erfahren, wozu.«

Dünn floss der Wein in die Gläser. Er roch nach Essig. Ari wurde übel.

Svana prostete ihm zu. »Auf versunkene Träume und erstochene Schicksale.« Sie leerte das Glas in einem Zug.

Sie hasste ihn. Wie sollte es auch anders sein? Er, der Mörder ihres Geliebten. Ari schluckte an dem Kloß in seiner Kehle.

Ein Unfall. Mehr nicht. Doch das würde sie ihm nicht glauben.

Hákon wartete. Ebenso wie er. Nichts geschah. Schließlich bedeutete ihm sein Onkel, zu trinken.

Der Wein war noch saurer als sein Geruch. Ari schüttelte es. Nur einen Schluck. Für mehr reichte seine Höflichkeit nicht aus.

Keine Wirkung? Dann hatte Svana die Wahrheit gesagt. Gut, dass Tian und Bjarki nicht hier waren. Die Torheit, mit Svana anzustoßen, würden sie ihm nie verzeihen. Zuerst hätten sie ihm das Glas aus der Hand geschlagen, anschließend hätte sich Tian Hákon vorgenommen, weil er nicht gut genug auf seinen Fürsten achtgab. Zwischenzeitlich währe Bjarkis Handrücken in Aris Gesicht gelandet. Fürst hin oder her. Bjarki bestrafte Dummheit sofort.

Sein Onkel trank, verzog den Mund. »Der Wein ist erbärmlich, Svana. Willst du deinen Fürsten kränken?«

»Nicht so stolz, Hákon. Ich ducke mich in den Dreck der Breitgesichter, also stinke ich auch.« Sie nahm an dem klapprigen Tisch Platz und faltete ihre Finger unter dem Kinn. »Ich blicke der Wahrheit schon lange ins hässliche Gesicht.«

»Welcher Wahrheit?«

»Dass ich gesunken bin. Gesunken bis zum Grund. Dank des zu jungen und unfähigen Fürsten an deiner Seite.«

Hákon fluchte. Ari verbot ihm mit einer knappen Geste den Mund. »Übergib mir Jarle und sag, was du von mir willst.« Er würde es ihr geben und keinen Moment länger in diesem Loch bleiben.

»Mein Schicksal!« Wie eine Viper schoss sie auf ihn zu. »Ich will Átthagar zurück, das du verraten hast!«

Als wäre es gestern gewesen: Jarles Blut auf Aris Händen und die weißen Schwaden, die sich auftürmten. Er hatte nur tatenlos zusehen können.

Ein Streit. Nicht mehr. Er hatte Jarle angefleht, sich den Bedingungen der Gelbbärte zu beugen. Der Krieg verschlang Tag für Tag mehr von ihnen.

Sein Bruder hatte ihm ins Gesicht gelacht. Vor den Breitgesichtern kröche er nicht.

Plötzlich hielt Ari das Schwert in der Hand und stürzte sich auf seinen Bruder und Fürsten.

Jarle parierte den Schlag nicht.

Sie stritten oft. Kämpften regelmäßig. Warum sein Bruder diesmal keinerlei Anstalten unternahm, die Waffe zu ziehen, verstand Ari bis heute nicht. Jarle lachte immer noch, als es sich bis zum Heft in seine Brust bohrte. Dann sah er ihn voll Erstaunen an. Vor seinem letzten Atemzug stiegen die Nebel auf und die Erde bebte.

Átthagar spie Ari aus, wie ein in den Mund geflogenes Insekt.

Was von seinem Volk übrig war, rettete sich auf die Schiffe der Gelbbärte, die in ihrem ständigen Rausch nicht begriffen, dass die Insel unterging.

Sie segelten gen Süden, da ihnen der Norden nicht mehr gehörte.

Ari blieb bei ihnen. Er war der junge Bruder des toten Fürsten. Damit war er sein Nachfolger und trug die Verantwortung. Bis zur bretonischen Küste schafften sie es, ihren Hunger nach Träumen im Zaum zu halten. Als Ari den Befehl zum Ankern gab, brüllten die Nachtmahre vor Gier und fielen über eine ahnungslose Bevölkerung her.

Die Menschen flohen ins Inland und überließen ihnen ihre Heimat. Nach und nach siedelten sie sich in dem Gebiet an, das die Breitgesichter damals Bróceliande genannt hatten. Einige von ihnen behaupteten heute noch, dass dort Elben und Geister wohnten.

»Ich habe deinen Bruder nicht grundlos vor den eisigen Wellen gerettet, die unsere Welt verschlungen haben.«

Svana lachte auf, während sich ihre Augen mit Tränen füllten.

»Folgt mir.« Sie schritt zum hintersten Teil des Raumes und schob eine Bastmatte zur Seite.

Eine Bodenklappe wurde sichtbar.

»Als die Nebel stiegen und selbst die Gelbbärte flohen, versteckte ich Jarle auf einem ihrer Schiffe. Eines Tages ankerte es vor einer einsamen Küste. Nur Sumpf und Fischerkaten. Seit dieser Zeit hause ich unter den Menschen und koste ihre verlockenden Träume.« Sie öffnete die Klappe. Das spärliche Licht des Zimmers erhellte den Hohlraum darunter nur wenig.

»Aus den Hütten wurden Pfahlhäuser und aus Dörfern eine Stadt. Flut, Feuer und Pest kamen und gingen, aber mir konnten diese Plagen nichts anhaben, obwohl ich mich oft nach dem Tod sehnte.«

»Ein Schmugglerloch«, unterbrach Hákon Svanas Leidensgeschichte und ließ sich hinabgleiten. Ari folgte ihm. Die Kammer war winzig und noch feuchter als das Zimmer über ihnen. Sie mussten sich hinknien, um mit den Köpfen nicht an die Decke zu stoßen.

»Erkennst du deinen Bruder?« Svana schlug eine Decke zurück.

Ein zusammengekauertes, knochiges Bündel.

Die skelettartigen Finger an den Rand der Pritsche geklammert. Abgemagert bis auf die Knochen, die Haut straff und leichenblass gespannt, tiefe Augenhöhlen, strohiges Haar. Die Federn darin waren glanzlos und von Milben zerfressen. Die vertrockneten Lippen hatten sich wie Tierlefzen hochgezogen, entblößten die Zähne wie bei einem Schädel.

Jarle war schön wie der Abendstern gewesen. Schillernd wie die bunten Lichtstreifen am Nachthimmel. Mitgefühl durchströmte Aris Herz bis in die letzte Faser.

»Jede Torf-Mumie ist ansehnlicher.« In Hákons Miene spiegelte sich Abscheu. »Warum hast du ihn mit dir herumgeschleppt?«

»Um ihn euch zu zeigen«, wisperte Svana. »Um Mitleid in das fürstliche Herz zu locken. Ich will, dass er wieder lebt. Er versprach mir den Platz an seiner Seite. Zum nächsten Mittwinterfest sollte ich seine Gefährtin werden. Meine Söhne hätten den Thron geerbt.«

Jarle und Svana als Fürstenpaar? Der Tyrann und die Hexe. Ari schauderte.

»Kennst du den Dolch, der das Leben aus Träumen schneidet?« Svana kroch näher zu ihm. »Reines Kristall, so scharf geschliffen, dass er Seelen ritzen kann.«

»Das ist ein Mythos«, stöhnte Hákon. »Ein Ammenmärchen, um Kinder zu erschrecken.«

Svana überhörte ihn. »Finde ihn, Fürst, und schenke deinem Bruder ein neues Leben.«

Ein Blutopfer? Niemals. Er würde keine Kinder zur Schlachtbank führen. Auch nicht die seiner Feinde. Es gab Gerüchte. Sie waren abscheulich und gehörten in eine graue Vorzeit.

»Jarle ist tot, Svana. Niemand vermag es, ihn zurückholen. Gib seinen Geist frei, damit er in den Flammen Frieden findet.« Jarle in das faulige Stück Fleisch zurückzuzwingen, war grausamer, als ihn erneut zu erstechen.

»Tu es«, flehte Svana und ihre Nägel gruben sich bis aufs Blut in Aris Haut. »Er ist dein Bruder.«

»Und wenn es für mich wäre, ich töte keine Kinder.«

»Du bist nicht der Erste, der mir seine Hilfe verweigert. Aber du bist der Einzige, der meine Rache spüren wird.«

Für einen Moment sah es aus, als wollte sie schreien, doch plötzlich entspannte sich ihre verzerrte Miene.

»Mit deinen dahingespuckten Worten vergiftest du mein Schicksal zum zweiten Mal, junger Fürst.« Ihre Stimme klang wie frisch aus dem Grab. »Dasselbe werde ich mit deinem tun.«

Ein dunkler Glanz überzog ihre Augen. Ari wurde schwindelig.

»Mit giftigen Dornen werde ich es dir aus dem Herzen kratzen und dir ein neues hineinstechen.«

Svanas Blick wurde zu einem schwarzen Sumpf, der ihn in sich hineinzog.

»Willst du nicht wissen, welches es ist?«

Nein, das wollte er nicht. Er wollte aus diesem Loch, dessen stinkende Wände sich auf ihn zuschoben und ihm die Luft zum Atmen nahmen.

»Sieh dir deinen Bruder genau an, Fürst und nimm sein Schicksal auf dich.« Ihre Stimme war ein Band aus Eis. Es legte sich um seinen Hals und zog sich zu.

»Du an seiner statt. Hier, in Dunkelheit und Fäulnis. Eine angemessene Rache für unangemessenes Leid, das du uns beiden zugefügt hast. Ertrage sie bis in die Ewigkeit.«

Ihre Krähen breiteten die Schwingen aus und stürzten sich krächzend auf ihn.

»Nicht nur in den Träumen der Menschen wirst du ein Gespenst sein, auch unter deinem Volk.«

Er musste raus. Weg von diesen entsetzlichen Augen.

»Ruhelos wird deine geflügelte Seele umherstreifen und keinen Frieden finden, während dein Körper verrottet.«

Ihre Worte versanken in Finsternis.

Ari folgte ihnen.

~*~

Dieses Mistweib hatte seinen Neffen verflucht! Hákon packte den Griff seines Schwertes, aber er konnte es nicht ziehen. Die Decke war zu niedrig.

»Bring ihn hinauf!«, herrschte Svana. »Ari ist nicht tot. Diese Gnade werde ich ihm nicht erweisen.«

Hákon zog den schlaffen Körper aus dem feuchten Schlund.

»Aufs Bett«, befahl Svana. »Das Kind ist dunkle Träume gewohnt.«

Hákon legte Ari neben das Breitgesicht-Gör. Was hatte Svana mit ihm vor?

Mit ihren dürren Fingern fuhr sie in Aris Haare und zerrte daran.

Ihr Blick strotzte vor Hass.

Hákon kämpfte um Beherrschung. Dieser Frau in die Quere zu kommen, war das Ende jeglicher Freude. Sie witterte über Aris schweißnasse Haut. Der arme Junge. Noch ein Küken und schon in den Händen einer Hexe.

»Lass uns allein, Hákon oder teile sein Los.«

Bei allen Finsternissen, das würde er auf keinen Fall tun! »Vorher töte ich dich. Dein Leben ist ohnehin nur ein Ärgernis.«

Gelassen sah sie ihn an. »Willst du das riskieren? Wer weiß, welchen Fluch ich dir mit meinem letzten Atemzug in dein Schicksal hauche?«

Boshaftes Drecksweib, das vor keinem dunklen Zauber zurückschreckte.

Svana grinste ihn höhnisch an. »Du solltest mir dankbar sein, Hákon.«

Sollte er das? Der Angstschweiß rann ihm über den Rücken, wenn er dieser Frau nur in die Augen blickte.

»Wer außer dir kann das Fürstenamt übernehmen, wenn dein Neffe dazu nicht mehr imstande sein wird?«

Ja, wer?

Das fürstliche Blut floss nur in Aris und seinen Adern. Sie waren die Letzten ihrer Sippe, zu der niemand einen Kadaver wie Jarle noch zählen würde.

»Ich sehe, du denkst in die richtige Richtung.«

Wenn das Weib nicht gleich dieses Lächeln aufgab!

Herrscher des Zwielichts, Fürst der Nachtmahre. Ehrenhafte Titel, die einen jungen Kerl wie Ari unter ihrer Würde und Pflicht erdrücken mussten.

Verrat?

Ach was!

Er nutzte lediglich seine Aufstiegschancen und bewahrte seinen Neffen vor einer schweren Bürde.

Svana krallte sich in Aris Brust. »Für dich seine Macht, für mich das Vergnügen, ihn leiden zu sehen.«

»Wie willst du das bewerkstelligen, wenn er zurück in Brocéliande ist?« Gedachte Svana, sie dorthin zu begleiten? Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Über tausend Kilometer mit diesem Weib in derselben Kutsche fahren? Es gab angenehmere Reisegefährten.

»Ich werde es können.« Ihr Blick glitt zu einem Spiegel, der neben dem Bett des Kindes hing. »Und nun geh, zukünftiger Fürst.«

Das klang gut. Nicht unbedingt die Aufforderung zum Gehen, aber das mit dem zukünftigen Fürsten. Exakt nach dem, was er immer gewollt und nie bekommen hatte. Sich ständig in den Schatten anderer ducken zu müssen, entsprach nicht seiner Vorstellung von Macht.

Und hatte sie nicht zugesichert, dass sie Aris Leben nicht anrührte? Dann konnte es so schlimm nicht werden.

Hákon verließ das muffige Zimmer. Der Regen prasselte nach wie vor aus dem verhangenen Himmel und ließ den Tag noch dunkler erscheinen.

Herbstkälte waberte durch die Straßen. Bald zog der Winter mit endlosen Nächten ein, gefüllt mit finsteren Träumen.

Hákon rieb sich die Hände. Eine gute Zeit begann, wenn sich Svanas Worte bewahrheiten würden.

Aus der Kellerwohnung drangen seltsame Laute.

Er wartete.

Es ging auf Nachmittag zu.

Er wartete noch immer.

Was bei allen Sumpfgeistern dauerte so lange? Die Kälte kroch ihm in die Knochen.

Schluss jetzt!

Hákon pochte gegen das Holz. Von innen antwortete ihm Stille. Er stieß die Tür auf.

Svana stand über Ari gebeugt. Von ihrer Stirn tropfte der Schweiß auf seine gerötete Brust.

Auf dem Tisch lag eine zierliche Phiole, randvoll mit roter Flüssigkeit. Daneben ein Glasröhrchen. Die haarfeine, ausgezogene Spitze war verschmiert.

Mit einer matten Geste strich sich Svana die Haare aus dem Gesicht. »Hüte dich, meinen Hort zu verraten. Denke stets daran, wem du deinen baldigen Aufstieg verdankst.«

Sie hatte ihn in der Hand. Aber eine Möglichkeit, sie zum Schweigen zu bringen, ergab sich eines Tages mit Sicherheit. Ein Trottel, der den Fluch auf sich lud, war immer zu finden.

»Ich habe die Erinnerung an diesen Tag aus seinem Gedächtnis verbannt. Ich will nicht, dass er sich auf die Suche nach seiner Hülle begibt.«

Wie unheilvoll ihr Lächeln war. Jeder, der von ihr in einem Traum heimgesucht wurde, musste mit grauen Haaren erwachen.

»Herzblut, mein Fürst«, flüsterte sie Ari zu. »Ahnst du, welche Macht es mir über dich verleiht?«

Vorsichtig nahm sie die Phiole auf, als wäre sie unendlich wertvoll. Mit verklärtem Blick durchstach sie mit der Spitze der Glasnadel die Oberfläche. Ari keuchte. Seine Lider blieben geschlossen, aber sein Gesicht wurde aschfahl.

Das Gör schrie Svana an. Vor Wut leuchteten seine Augen in strahlendem Blau. Zu kraftvoll für den kranken Körper.

Svana ignorierte das Mädchen, obwohl es mit seinen dünnen Fingern Aris Wangen streichelte. Es wisperte. Beruhigend und widerlich sanft.

Aris Lider flackerten. Langsam öffnete er sie und sah das Mädchen an. Es lächelte, das alberne Ding. War ihm nicht klar, dass es mit seinem Albtraum schäkerte?

Jetzt kämmten sich seine Fingerchen auch noch durch Aris Haare. Das Kind bemerkte die Federn und seine Iriden weiteten sich.

Jeder Nachtmahr zeigte stolz nach außen, was sich in ihm verbarg.

Flüsternd zog das Balg eine Schmuckfeder aus den Strähnen.

Ein Andenken an eine bittere Nacht?

Das Fieber musste das kümmerliche Hirn bereits verschlungen haben.

Svana schwelgte in ihrer Rache und schien von all dem nichts mitzubekommen. Ihr Lächeln war ähnlich verzückt wie das des Kindes.

»Wie fühlt es sich an, wenn reiner Schmerz das Herz durchbohrt, Fürst?« Svanas Wispern klang kalt und grausam.

Langsam bewegte sich die Nadel in Aris Blut. Durchpflügte es.

Aris Stöhnen stellte Hákon die Haare auf.

»Deine gefiederte Seele wird spüren, wenn mir nach Rache ist«, flüsterte Svana seinem bleichen Neffen zu. »Auch wenn dein Körper mit der Zeit zu keinem Gefühl mehr fähig sein wird.«

Hákon wurde schlecht. Die Hexe wollte die Seele vom Körper trennen. In ein paar Jahren sah Ari aus wie sein schimmeliger Bruder.

Svana ergriff die Weinflasche und zerschlug damit den Spiegel. »Ich kann dich in deinem Leid nicht sehen?« Sie nahm eine der Scherben, zerbrach sie erneut in winzige Splitter. Jeder einzelne glitt in helles Rot.

Bäumte sich auf, schrie.

Bestialisch diese Frau. Hákon schluckte Galle hinunter.

»Zu jedem Mittwinterfest werde ich Zeugin deines Leidens sein, wenn die Scherben durch dein lebendiges Blut tanzen und dich daran erinnern, dass dein Körper noch existiert.« Sie schüttelte die Phiole und Ari verfiel in Krämpfe. »Solange ich dein Herzblut besitze, gehört deine Seele mir.« Sie verkorkte das Kristallfläschchen und verließ mit ihm die ärmliche Behausung.

Ari zitterte und bebte. Der Schmerz stand ihm im Gesicht.

Nur kein Mitleid. Was hier geschah, war grausam, aber zu seinen Gunsten. Hákon fasste diesen Gedanken, der ihn näher zu der Erfüllung seiner Wünsche brachte.

Das Mädchen schlang die Ärmchen um Aris Nacken.

Trotzig bedachte es Hákon mit einer Tirade aus hervorgestoßenen Wutlauten.

Erwartete die Brut wirklich, dass er ihr antwortete? Dazu müsste er sie erstens verstehen und zweitens gewillt sein, mit einem Breitgesicht zu parlieren.

Behutsam zog das Mädchen Aris Lider hoch und redete auf ihn ein.

Der Blick seines Neffen war glasiger als der des Kindes, doch er schien ihm zuzuhören, denn er nickte.

Svana kam zurück. Endlich.

In aller Seelenruhe zog sie dem Mädchen eine angelaufene Kette vom Hals und band daran das mittlerweile versiegelte Fläschchen fest.

Sie schlug Ari ins Gesicht und seine Augen öffneten sich erneut. »Sieh her, Fürst!«

Die Phiole baumelte an der Kette hin und her. Aris Blick folgte der Bewegung.

»Das ist alles, was von deinem Körper noch lebendig ist. Stirbt es, vergeht auch deine Seele, also halte dich von mir fern, damit ich nicht auf die Idee komme, das Fläschchen zu zerschlagen und deinen letzten Rest Blut zu vergießen.«

Sie warf den Kopf in den Nacken und kreischte vor Lachen.

Hákon hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten.

»Nimm Jarle und versenke ihn in der Gracht. Ich brauche ihn nicht mehr.«

Hákon nahm das Bündel Knochen, eilte aus dem Haus und schleuderte Jarles Leichnam ins Wasser. Mochten die Breitgesichter denken, was sie wollten. Als er zurückkam, lag Ari neben seiner Hülle. Blass und durchsichtig erschien er in seiner gefiederten Gestalt.

Beinahe wie Rauch.

Erstaunlich.

Hákon hatte noch nie die geflügelte Seele eines Nachtmahres mit seinen körperlichen Augen gesehen. Sie wirkte fragil und bestandslos. Dennoch war sie unsagbar schön. Die schwarz glänzenden Federn an Armen und Kopf, die Krallen an den Fingern und das scharf geschnittene Gesicht waren nur zu erahnen.

Für ein Breitgesicht wäre das Wesen in Svanas Bett lediglich ein kaum wahrnehmbarer grauer Nebel.

»Bring deinen Neffen nun fort. Bist du klug, betrittst du dieses Haus nie wieder.«

Gewiss nicht. Hákon hob sich Ari auf die Schulter. Er wog nichts, fühlte sich jedoch klamm und kalt an, als schwitze seine Seele Ängste und Schmerzen aus.

»Was ist, wenn Ari auf die Idee kommt, den Fluch zu suchen?« Wenn er mit gezinkten Karten spielte, wollte er auch sicher sein, als Gewinner hervorzugehen.

»Ich verberge ihn in den Träumen der Menschen. Nur dort kann er gefunden, aber nicht genommen werden.«

Erneut lachte sie auf diese schauerliche Weise.

Hákons Gänsehaut breitete sich bis auf die Fingerrücken aus. Aris Schicksal war unerreichbar für ihn.

Er eilte zur Kutsche. Bane reckte den Hals, als er Ari schlaff über der Schulter seines Onkels hängen sah. »Wo ist sein Körper?«

»Keine Fragen«, knurrte Hákon. Einen Lakaien gingen solche Dinge nichts an. Bane nickte grimmig, sprang vom Bock und öffnete die Tür.

Der Kerl roch nach Ruß. Gewiss hatte er sich durch einen Schlot Zutritt zu einem netten Schlafzimmer verschafft.

Wie konnte er es wagen, Träume zu schmatzen, während sich Hákon mit Hexen herumschlug?

Er bettete Ari auf die Bank.

Kein Wort, hatte Svana verlangt.

Natürlich nicht.

Tian und Bjarki würden sich auf Svana stürzen und es am Ende fertigbringen, Aris Körper zu befreien. Das durfte nicht geschehen. Ein körperloser Fürst war außerstande, an den Mittwinterritualen teilzunehmen.

Ein Fürst ohne Blut und Fleisch war kein Fürst.

Er war heimatlos, nur ein Geist, wie die Hexe es gesagt hatte.

Die Reise war lang. Bis nach Brocéliande würde ihm eine gute Geschichte einfallen, die er Tian und Bjarki auftischen konnte.

Das Mitleid, das sich angesichts seines geschundenen Neffen regte, wurde von Zukunftsplänen verdrängt. Fürst Hákon.

Wie schnell sich Schicksale wandelten.

~*~

Leise Worte. Sie trudelten um sein blutendes Herz, das ihm jedes Mal durch die Finger glitt, wenn er es greifen wollte. Es lag in seiner Brust und zuckte vor Schmerz. Oder zuckte er?

Die Stimme wurde lauter. Sie gehörte Hákon. Er redete auf ihn ein, aber die Silben ergaben keinen Sinn. Fluch, Abreise, Ruhe bewahren. Was brabbelte er?

Aris Lider ließen sich nicht öffnen. Sie waren zu schwer. Er versuchte, sich aufzusetzen.

Ein reißender Stich fuhr ihm durch die Brust. Das heisere Keuchen stammte von ihm. Hákon sprach weiter. Warum half er ihm nicht?

»Endlich wirst du wach.« Er klang erleichtert. »Bleib ruhig liegen. Es wird besser, vorerst.«

Wachwerden? Ari sehnte sich in die Dunkelheit zurück. Nichts empfinden, nicht von diesem elenden schwarzen Haus träumen, das ihn in sich aufsaugte und schließlich verschlang. In ihm lauerte etwas. Es riss seine Gedanken in Fetzen. Nur noch Schmerz. Ari keuchte ihn aus sich heraus, presste die Hand auf seine Brust. Was war geschehen? Sein Herz krampfte, immer wieder. Schlug es noch oder krümmte es sich nur wie er? Luft schnappen, keuchen, alles machte es schlimmer.

»Du erholst dich. Bei allen Schneestürmen! Reiß dich zusammen!« Das Fluchen seines Onkels nahm kein Ende.

Ari versuchte, Erinnerungen hervorzuziehen, die sich tief in ihm verkrochen. Sie verblassten, bevor er sie zu fassen bekam.

Müde. So müde. Das wunde Gefühl in ihm ließ ihn nicht einschlafen.

Um ihn herum ruckelte es, schüttelte seine Gedanken weiter durcheinander. Lange Zeit. Der Schmerz kam und ging, nur um wieder zu kommen.

»Hilf mir!« War das Krächzen seine Stimme? »Hilf mir!« Ihm wurde furchtbar schlecht.

Hákon brüllte Bane zu, dass er die Pferde antreiben sollte. Ari würgte seine Übelkeit hinunter.

Warum starb er nicht? Es hätte ihm gutgetan.

~*~

Dieser Rotzbengel!

Tian raufte sich die Haare. Silberfäden in dunklem Braun. Kein Wunder, dass er grau wurde, bei der Sorge um Ari.

Er rannte Tag für Tag die Dielenbretter der Turmmühle dünn.

Wie kam der Junge dazu, sich heimlich davonzustehlen? Mit Hákon, diesem Versager! Kein Wort, wohin. Zu niemandem.

Tian zog Kreise unter der Glaskuppel. Brillante Idee von dem Jungen, das Schindeldach gegen Glasziegel auszutauschen. Sternenlichtfreundlich. Doch nur weil Ari in technischen Dingen nicht auf den Kopf gefallen war, hieß das noch lange nicht, dass er mit seinem verschrobenen Onkel kreuz und quer durch Feindesland reisen durfte. Mit ihm schon. Mit Bjarki? Gerade so. Am besten mit ihnen beiden. Aber mit Hákon? Wie hatte ihm Ari das antun können? Aus wie vielen Schlachten hatte er ihn herausprügeln müssen? Für einen Grünschnabel waren es reichlich gewesen.

Tauchte Ari nicht bald auf, konnte er sich auf etwas gefasst machen.

Tian holte tief Luft.

Ari war kein Kind mehr. Nun ja, fast nicht mehr.

Er hantierte geschickt mit dem Schwert.

Dank ihm.

Er erwischte die Aufwinde des Zwielichtes selbst dann, wenn sie bloß als ein Lüftchen waren.

Ebenfalls dank ihm.

Ari hatte sich bei genauer Betrachtung bereits in vielen brenzligen Situationen als Mann bewiesen.

Nicht in allen. Oder doch? Das Schmunzeln fiel ihm aus dem Gesicht, kaum dass es sich gebildet hatte. Darum ging es jetzt nicht. Bisher hatte Ari nie über dieses Thema mit ihm geredet.

Wohin hatte Hákon den Jungen verschleppt?

Zum tausendsten Mal starrte er aus dem Fenster. Hinter dem Kreis aus Erlen führte der Weg kurz vor dem Hügel auf die Straße. Tian rieb sich die Augen. Sie waren erschöpft wie er.

Violetter Himmel, in der Abenddämmerung grau wirkendes Gras, eine Staubwolke, die ersten Fledermäuse.

Eine Staubwolke!

Tian stellte sich auf die Brüstung, beschirmte die Augen mit der Hand. Wenn das nicht Aris Kutsche war, schmeckte heute noch ein Nachtmahr seine Faust. Einfach nur, weil es ihm danach verlangte. Wo war das Fernrohr? In dem Regal, wo es hingehörte.

Ordnung.

Die hatte Ari auch von ihm gelernt.

Einer der Wachposten trabte an das Gefährt heran, dann preschte er vor, direkt auf das Tor zu. Er zwängte sich mit dem Pferd hindurch, obwohl die Bäume es noch nicht freigegeben hatten. Fetzen seines Mantels blieben in den Zweigen hängen. Das Tier wieherte erschrocken auf, Tian hörte es bis hierher.

Da war etwas passiert. Umsonst riskierte der Bote nicht, von den störrischen Erlen aufgespießt zu werden.

Tian sprang von der Brüstung und rannte die Außentreppe hinab.

Der Reiter galoppierte auf ihn zu, zügelte unverschämt knapp vor ihm das Pferd. »Ari geht es schlecht. Hákon fürchtet um sein Leben, sagt, es sei ein Fluch gewesen. Du sollst kommen. Sofort.«

»Runter vom Gaul.« Seine Stimme flatterte wie der Flaum eines frisch geschlüpften Vogeljungen im Frühlingswind. Er zog den Mann aus dem Sattel, schwang sich selbst hinauf. Mitten durch die Apfelbaumwiesen. Er musste zu Bjarki. Schnell. Dieser hatte Ari oft zusammengeflickt. Er würde ihm erneut helfen können.

Auf welche Geschichten musste sich der Kleine einlassen? Er war ein Küken! Was bedeuteten schon zweitausend Jahre?

Das knarrende Geräusch der Obstpresse drang aus dem Cidre-Haus.

Tian saß ab, stürzte beinahe die Stufen zum Pressenraum hinunter. »Ari!«

Der Esel zuckte zusammen, als er losbrüllte.

Bjarki verdrehte die Augen. »Lass den Jungen doch endlich los. Der ist erwachsen. Der kriegt es hin, auch ohne dass du ihm den Arsch abwischst.«

Ja. Aber nicht mit seinem unfähigen Vormund an der Seite.

»Bjarki, beim Nachtalb! Ari ist etwas geschehen. Vielleicht stirbt er und du stapfst hier im Kreis!« Nein, Ari würde nicht sterben. Selbstverständlich nicht. Er hatte es nur gesagt, um Bjarki aus der Lethargie zu rütteln. Wie lauteten die Worte des Boten? Hákon fürchte um sein Leben?

Unsinn!

War Bjarki taub? Er sah nicht einmal hoch, gab nur dem Esel einen Klaps auf die Kruppe und lief weiter, während die Presse den Saft aus den Äpfeln quetschte.

»Deine Scherze sind kläglich, Tian. Halt den Mund und hilf mir lieber, die Säcke ...«

»Ich scherze nicht mit Aris Leben!«

Bjarki ließ die Hand sinken, die dem Eselhintern einen zweiten Klaps geben wollte. Seine Augen wurden kugelrund, dann rannte er an ihm vorbei.

»Wir haben ein Pferd!«

Bjarki stürmte weiter. Kurz vor dem Tor holte ihn Tian ein. Keuchend hielt er sich die Seite, während die Zweige zum zweiten Mal eine Lücke freigaben. Die Kutsche fuhr direkt auf sie zu. Tian wartete nicht, bis die Pferde ruhig standen. Er griff ihnen in die Zügel und Bjarki riss den Verschlag auf.

Was hatte er? Bleich vor Schreck taumelte er zurück, fing sich und stürzte sich auf Hákon. »Wo ist der Rest von dem Jungen?« Bjarki zerrte Hákon ans Tageslicht. »Los! Rede! Wir vertrauen dir Ari an und du bringst ihn so nach Hause?« Um seine Nase wurde es noch eine Spur weißer. Diesmal aus Zorn.

Hákons Kinn knirschte, als Bjarkis Faust aufschlug. »Das nächste Mal bist du es, der statt eines Herzschlages Stahl in der Brust spürt und ich werde die Klinge in dir genüsslich hin und her ruckeln!«

Hákon hob panisch die Arme. »Warte! Ich kann das erklären!« Er faselte von einem Hinterhalt. Zigeuner hätten ihnen während einer Rast aufgelauert, und als Ari die Reisekasse nicht hergeben wollte, sondern stattdessen einen jungen Kerl köpfte, hatte ihm dessen Vater einen Fluch ins Gesicht gebrüllt. Ari sei zusammengebrochen und der Alte hätte ihm den Körper von der Seele gerissen und mitgenommen.

Ari enthauptete ein Breitgesicht wegen dieser Lappalie? Im Leben nicht! Der Junge weigerte sich hartnäckig, in Kinderträumen plündern zu gehen, um ein wenig Grusel zu verbreiten. Seine Weichherzigkeit trug ihm seit Jahrhunderten Spott und Hohn ein.

Zitternd und blass lag Ari auf der Kutschbank. Er versuchte, etwas sagen, doch Bjarki war schon bei ihm. »Sind keine Worte nötig, wenn kaum Luft zum Atmen da ist. Wir kümmern uns um dich. Das wird wieder.«

Wie Bjarki ein Lächeln zustande brachte, war Tian schleierhaft. Ihm selbst war nach Weinen zumute.

Ari sah furchtbar aus. So, als ob es nie mehr mit ihm werden würde. Damals, als er ihn unter einem Haufen stinkender Gelbbärte herausgezogen hatte, hatte er ihn mit derselben Angst im Blick angesehen.

Mit den Gelbbärten waren Bjarki und er fertig geworden. Die Schlacht hatten sie dennoch verloren. Wie so viele davor, wie einige danach.

Bjarki nahm den Jungen behutsam auf den Arm und trug ihn zur Mühle zurück. Auf jeder Treppenstufe versicherte er ihm, dass sie seinen Körper finden und dass alles wieder gut werden würde.

Oben angekommen bettete er ihn auf sein Lager.

»Das ist gefährlich«, murmelte Bjarki zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch. »Wenn dieser Drecksack Aris Hülle etwas antut, hatten wir mal einen Fürsten.«

»Sag das nicht.« Tians Magen schrumpfte auf Faustgröße. Ein seelenloser Leib, unfähig zu reagieren, in den Händen eines Breitgesichtes mit magischen Kenntnissen. Inklusive abgrundtiefen Hasses. Viel schlimmer ging es wahrlich nicht.

Ari stöhnte, konnte die Augen kaum offenhalten. Plötzlich krümmte er sich zusammen, wollte Tians Arm fassen, doch seine Hand zerfloss wie Nebel. »Mein Herz«, japste er.

Auf Aris Brust leuchtete ein großer dunkler Fleck.

»Wo bei allen Sumpfgeistern wart ihr?« Dem Zigeuner würde er den Gegenfluch aus der Kehle würgen.

»Frag Hákon.« Ari sprach zu leise. »Ich weiß es nicht mehr.«

»Den alten Kerl mache ich fertig!« Dumpfe Wut kochte ihm bis zu den Ohren. An Hákon würde sie sich prächtig entladen.

»Das hilft dem Jungen nicht.« Bjarki rieb sacht über Aris Brust. Wo seine Finger die Seele berührten, bildeten sich Wolkenwirbel. »Es fühlt sich heiß an.« Bjarki blies die Wirbel weiter auseinander. »Eine Seele muss kühl sein. Die von einem Nachtmahr ohnehin. Wie soll ich ein Fieber senken, das nicht in einem Körper steckt?«

»Tu es.«

»Wie?«

»Woher soll ich das wissen?« Wenn Ari starb? In Tians Hals wurde es eng.

Bjarki kaute auf seiner Unterlippe, bis sie rot leuchtete. »Darauf bin ich nicht vorbereitet. Seit wann verfluchen Menschen Nachtmahre?«

»Bei jeder Gelegenheit.« Sprich, nach jedem Albtraum. »Nur bis jetzt waren ihre Flüche wirkungslos.«

»Abgebrochene Pfeilspitzen, Schwertschnitte, offene Rippenbrüche … kein Problem. Doch eine fiebernde Seele?«

»Soll das heißen, du bist ratlos?« Das war er nie. »Trau dich das ja nicht!«

»Tu ich aber. Ich kann`s nicht ändern.« Vorsichtig schob er Ari ein Kissen in den Nacken. »Als wenn man Nebel bettet.« Hilflos sah er zu Tian. »Ich habe noch nie eine Seele mit meinen fleischlichen Händen berührt. Was ist, wenn ich Ari kaputtmache?«

Der Raum drehte sich um Tian.

»Ich wünschte, ich würde einschlafen und aus der Haut fahren. Dann könnte ich Ari besser helfen. Ich wäre wie er und er würde sich für mich wieder fest anfühlen.«

Ari wandte den Kopf, erstickte ein Wimmern im Kissen. Tian hörte es dennoch. Überdeutlich. Bjarki anscheinend auch, denn er zog sich den Jungen an die Brust, obwohl er in Schwaden aus der Umarmung floss. »Ich kenne nur einen, der eine Ahnung von dunklen Flüchen haben könnte: Erec.«

»Den alten Spinner?« Seine Existenz reichte nach eigener Aussage bis weit vor die Erschaffung Átthagars. Allerdings nur, wenn er betrunken war.

Bjarkis Brauen rutschten über seine hohe Stirn. »Willst du grübeln oder helfen?«

»Helfen.«

»Dann los!« Einhändig blätterte er in seinem abgegriffenen Notizbuch. »Ich suche unterdessen das passende Kraut gegen Herzschmerzen. Wenn ich es räuchere, wirkt es vielleicht auch seelisch.«

»Liebe.«

»Was?«

»Liebe hilft gegen Herzschmerzen.« Laut seiner Großmutter half dieses Gefühl bei sämtlichen Zipperlein – egal, welcher Natur sie waren.

»Gute Idee. Stell mir eine Liste mit allen ungebundenen Mädchen zusammen, die Aris Geschmack treffen könnten.«

»Meinst du das ernst?« Da waren Katla, Lilja, Elín …

Bjarki verdrehte die Augen. »Raus!«

Ari stöhnte auf, schlang die Arme um die Brust. »Einen Dolch.«

Er wollte doch nicht sterben? Tian zwang ein Schluchzen zurück. »Junge, so weit ist es noch nicht. Davon abgesehen existiert kein Nachfolger für dich. Bjarki und ich pfeifen auf deinen Titel und Hákon würde ich ihn an deiner Stelle auch dann nicht geben, wenn er darum bettelte.«

»Einen Dolch!«, brüllte Ari. »Sofort!«

»Fürst?« Bjarki sah aus, als stünde er kurz davor, einen Sterbenden zu verprügeln. »Diesen Unsinn will ich von dir nicht hören. Wir brauchen dich und das weißt du. Im Moment kannst du ohnehin keine Waffe halten und zu diesem Zweck werde ich dich nicht in einen Traum schleifen. Uns wird schon etwas einfallen.«

»Schneide die Splitter aus meinem Herz«, japste Ari und verkroch sich erneut in Bjarkis Arm. »Sie müssen raus. Alle.«

»Splitter?« Bjarki tauchte mit flinken Fingern in Aris Brustkorb und verursachte weitere Wolkenwirbel. »Da ist nichts. Wie sollen die in dein Herz gekommen sein?«

Ari stöhnte, sodass sich Tians eigenes Herz zusammenzog.