Schattenkämpfer - Mark Lawrence - E-Book

Schattenkämpfer E-Book

Mark Lawrence

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Beschreibung

Der fesselnde Abschluss von Mark Lawrence' düsterer Fantasy-Trilogie voller kämpferischer Frauen. Das Eis rückt näher, und mit ihm der Krieg. Vor den Toren des Klosters zur süßen Gnade brennen die ersten Ortschaften, und Nona weiß nicht, ob sie den Tag ihrer Ordination noch erleben wird. Mithilfe eines streng verbotenen Buches will Nona das Schicksal des Reiches in die eigene Hand nehmen. Allerdings braucht sie dafür vier verschiedene magische Schiffsherzen – und solch mächtige Artefakte haben ihren Preis. Nona trifft auf alte und neue Feinde, aber eine Wahrheit ist unumstößlich: Für ihre Freunde würde sie ihr Leben riskieren. Und genau das muss sie auch tun. Für Leser*innen von Joe Abercrombie, Jay Kristoff, Anthony Ryan und Peter V. Brett. »Schattenkämpfer« ist der dritte Band der »Buch des Ahnen«-Trilogie von Mark Lawrence. »Ein exzellenter Autor.« George R. R. Martin

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Seitenzahl: 542

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Mark Lawrence

Schattenkämpfer – Das dritte Buch des Ahnen

Aus dem Englischen von Frank Böhmert

FISCHER E-Books

Für meinen Großvater William »Bill« George Cook, der seine ersten Jahre unter der Herrschaft von Königin Victoria verlebt und mir mit großer Geduld beim Bau meines ersten Schatzkästchens geholfen hat.

Was bisher geschah

Für diejenigen, die schon eine Weile auf dieses Buch warten mussten, fasse ich an dieser Stelle kurz die Handlung zusammen, damit sie ihre Erinnerungen auffrischen können und mir die Peinlichkeit erspart bleibt, meine Figuren einander Dinge erzählen zu lassen, die sie doch längst wissen. Hier erwähne ich nur, was wichtig für die weitere Handlung ist.

 

Abeth ist ein Planet, der um eine sterbende rote Sonne kreist. Er ist von Eis bedeckt, und der Großteil seiner Bewohner lebt in einer fünfzig Meilen breiten, von Eiswänden umschlossenen Schneise entlang des Äquators. Ein künstlicher Mond, ein gewaltiger Spiegel, bündelt nachts die Sonnenstrahlen und hält die Schneise mit seinem wandernden Brennpunkt frei von Eis.

 

Als die vier ursprünglichen Stämme der Menschheit vor Jahrtausenden von den Sternen nach Abeth kamen, stießen sie auf Ruinen unbekannter Ureinwohner, die sie »die Verschwundenen« nannten.

 

Das Reich grenzt im Osten an das Land Sgidgrol und im Westen an die Marnsee. Jenseits des Meeres herrschen die Durnen. Am Ende des zweiten Buchs sammeln sich Horden der Sgidgrol unter ihrer Kriegerkönigin Adoma auf ihrer Seite des Gebirgszugs, der die Kampflinien trennt.

 

Von ihrem Palast in den Bergen aus befehligt Sherzal, eine der zwei Kaiserschwestern, die Verteidigung gegen die Sgidgrol. Eigentlich wollte sie den Kaiser verraten und den Streitkräften der Königin Adoma freien Zug durch den Prachtpass gewähren. Vereinbart war das Zusammenführen des Schiffsherzens der Noi-Guin und des aus dem Konvent zur süßen Gnade gestohlenen Herzens mit den beiden Herzen, die Adoma besitzt, weil sich alten Schriften zufolge mit vier Schiffsherzen die Lade öffnen lässt. Die Lade befindet sich unter dem Kaiserpalast und ist entweder von den Verschwundenen oder den ersten Menschen errichtet worden. Angeblich kann man mit ihr den Brennmond steuern.

 

Die Schiffsherzen, deren Ursprung umstritten ist, haben einst vermutlich die Schiffe angetrieben, mit denen die Stämme der Menschen nach Abeth gekommen sind. Je näher Magiebegabte einer solchen Kugel kommen, desto stärker werden ihre Fähigkeiten. Bei zu großer Annäherung jedoch nimmt der Verstand Schaden. Dann spalten sich unerwünschte Persönlichkeitsbestandteile wie Zorn, Gier oder Boshaftigkeit zu vernunftbegabten Fragmenten ab, die als Teufel bezeichnet werden und versuchen, auf das Handeln der Person Einfluss zu nehmen.

 

Während die Sonne erlischt, rückt das Eis trotz der nächtlichen Wärme des Brennmonds langsam vor. In der schrumpfenden Schneise richten die Nationen ihren begehrlichen Blick auf das Territorium der Nachbarstaaten.

 

Die Adelsschicht des Reiches sind die Sis. Diese Endung wird an die Namen der Familien angehängt, wenn sie in den Adelsstand erhoben werden, also Tacsis, Jotsis usw.

 

Die vier ursprünglichen Stämme, die nach Abeth kamen, waren die Geranten, Hunska, Marjal und Quantale. Ihr Blut zeigt sich gelegentlich in der heutigen Bevölkerung und verleiht besondere Kräfte. Die Geranten sind von hohem Wuchs, die Hunska unfassbar flink, die Marjal können alle möglichen kleinen bis mittleren Zauber wirken, darunter Schattenweben, Sigillenschreiben und das Beherrschen der Elemente. Die Quantale können auf die rohe Kraft des Pfades zugreifen und die Fäden des Seins manipulieren, aus deren Geflecht die Realität hervorgeht.

 

Nona Grey stammt aus einem namenlosen Dorf in der Provinz. Sie wurde dem Kindersammler Giljohn überlassen, der sie an die Caltess-Kampfhalle verkaufte, wo Ringkämpfer trainiert werden und in Wettkämpfen gegeneinander antreten müssen. Schließlich landete sie im Konvent zur süßen Gnade, wo Novizinnen dazu ausgebildet werden, dem Ahnen zu dienen. Novizinnen treten in einen von vier Nonnenständen ein: Heiligschwester (religiöse Pflichten), Rotschwester/Kampfschwester (ausgebildet im Nahkampf), Grauschwester/Schwester der Verschwiegenheit (ausgebildet in Töten und Tarnen), Heilighexe/Mystikschwester (ausgebildet im Pfadwandeln).

 

Nona hat sich als Dreiblut erwiesen, ein unglaublich seltenes Vorkommnis. Sie besitzt Hunska-, Marjal- und Quantalfähigkeiten. Seit der Einnahme eines gefährlichen Gegengifts sind ihre Augen vollständig schwarz. Sie besitzt keinen Schatten mehr, da sie ihn während ihres Kampfes gegen Yisht abgetrennt hat.

 

Yisht ist eine Frau der Eisstämme und steht in den Diensten der Kaiserschwester Sherzal. Yisht stahl das Schiffsherz des Konvents und tötete Nonas Freundin Hessa.

 

Nona zog sich den Hass von Lano Tacsis zu, weil sie erst seinen Bruder tötete und später seinen Vater, Baron Thuran Tacsis, gefesselt unter seinem eigenen Folterinstrument zurückließ.

 

Joeli Namsis ist die Tochter eines Barons mit engen Verbindungen zur Familie Tacsis. Sie versteht sich auf das Fadenwerk der Quantale und kennt sich mit Giften aus. Im Konvent hat sie sich zu Nonas Feindin entwickelt.

 

Während des Kampfes um das Schiffsherz wurde Nona von ihrer Freundin und Mitnovizin Klera Ghomal verraten. Zu Nonas verbliebenen Freundinnen zählen die Novizinnen Ara, Zole, Ruli und Jula. Arabella Jotsis stammt aus einer mächtigen Familie und ist ein seltenes Zweiblut; in ihr vereinen sich Hunska- und Quantalfähigkeiten. Ruli besitzt niedere Marjalfähigkeiten. Jula ist eine kleine Gelehrte und möchte einmal Heiligschwester werden.

 

Von Nonas Freundinnen ist noch Zole zu erwähnen. Das Mädchen der Eisstämme kam auf Sherzals Geheiß zum Konvent und diente unwissentlich als Ablenkungsmanöver für den Diebstahl des Schiffsherzens. Sie ist das einzige bekannte Vierblut, in dem sich sämtliche Fähigkeiten der ursprünglichen Stämme vereinen.

 

Dem Konvent zur süßen Gnade stand Äbtissin Glas vor, eine Frau, deren Verbindungen innerhalb und außerhalb der Kirche weiter reichen, als gemeinhin angenommen wird.

 

Oberschwestern des Konvents sind Schwester Rad und Schwester Rose. Rad unterrichtet das Fach Geist, Rose leitet das Sanatorium. Andere wichtige Lehrerinnen sind Schwester Talg (Unterrichtsfach Klinge), Schwester Tiegel (Pfad) und Schwester Apfel (Schatten). Schwester Kessel ist eine Grauschwester des Konvents. Sie und Apfel sind ein Paar.

 

Es gibt vier Klassen bzw. Ausbildungsstufen der Novizinnen auf dem Weg zu den Nonnenweihen: Rote Klasse, Graue Klasse, Mystische Klasse und Heilige Klasse. Zum Ende des zweiten Buches ist Nona in der Mystischen Klasse.

 

Novizinnen nehmen neue Namen an, wenn sie als Nonnen ordiniert werden. Nona wird dann Schwester Käfig sein und Ara Schwester Dorn.

 

Das zweite Buch endet damit, wie die inzwischen rund fünfzehn Jahre alte Nona aus Sherzals Palast flieht und von Soldaten verfolgt wird. Freundinnen und Freunde begleiten sie, darunter Zole, Ara, Regol, Äbtissin Glas und Schwester Kessel sowie einige andere Überlebende. Zole stahl das Schiffsherz der Noi-Guin aus dem Hauptquartier der Assassinen unter dem Palast. Klera half Nona bei der Flucht, kehrte aber in Sherzals Dienste zurück. Nonas Feindin aus dem Konvent, die Novizin Joeli Namsis, befindet sich noch immer im Palast; ihretwegen musste Nonas Freundin Darla sterben. Nona und ihre Gefährten befinden sich weit vom Konvent entfernt in den Bergen an der Grenze zu Sgidgrol. Die Geschichte beginnt nicht mit dieser Szene, wird aber rasch dorthin zurückkehren.

Prolog

Das Brüllen einer Menge dringt wie etwas Lebendiges in uns ein, das in unserer Brust dröhnt und sich seine Antwort unerlaubt von unseren Lippen holt. Der Druck der Leiber überschwemmt die Dämme, und unbemerkt wird aus den vielen eins, dieselbe Emotion sickert aus der Haut verschiedener Menschen, derselbe Gedanke hallt in hundert Schädeln wider oder in tausend. Für einen Marjalempathen kann so eine Erfahrung schrecklich und schön zugleich sein, weil sie seine Macht vergrößert und es ihm erleichtert, in den Verstand der Leute um ihn herum einzudringen. Doch genauso gut könnte er sich in diesem Sturm des menschlichen Seins verlieren, aus seinem Körper herausgerissen werden und nie mehr zurückfinden.

Markus sah zu, wie dem geschlagenen Kämpfer unter dem Johlen und Schimpfen der Menge aus dem Ring geholfen wurde. Der Sieger stolzierte noch immer im erhöhten Kampfrund umher, die Arme hochgereckt, Ströme von Schweiß auf den Rippen. Die Zuschauer jedoch verloren bereits das Interesse an ihm, wandten sich mit Spekulationen, Beobachtungen oder Scherzen ihren Nachbarn zu, setzten rasch bei den Wetthändlern das nächste Geld oder füllten am Tresen in der gegenüberliegenden Ecke ihre Becher mit Wein.

Der hinter den Seilen bereitstehende Gerantkämpfer ragte bedrohliche zwei Meter siebzig empor, und Markus bezweifelte, dass er je einen größeren Mann gesehen hatte. Der Kämpfer war noch jung, Anfang zwanzig vielleicht, die Knochen schwer, die Muskeln aderndurchzogene Massen. Er musterte die Welt aus blassen Augen unter einem Dickicht kurzer roter Haare.

In der Caltess waren die Gerantenwettkämpfe am beliebtesten. Der Anblick riesenhafter Kämpfer, die aneinander ihre Kräfte maßen, zog noch jedes Mal Unmengen an, und an Abenden mit offenem Ring sah das Volk von Verity liebend gern dabei zu, wie sich diese Kraft gegen glücklose Herausforderer richtete. Kämpfe zwischen Hunska zogen erfahrenere Zuschauer an, überforderten die Mehrheit jedoch durch ihre Schnelligkeit. Gemischte Kämpfe kamen selten vor, doch wusste der Wettstreit zwischen Flinkheit und Stärke stets zu faszinieren.

Aus dem blutrünstigen Geschiebe am Ring löste sich ein Herausforderer. Ein imposant gebauter Mann, dessen Kopf und Schultern aus der dichten Menge ragten. Unter normalen Umständen wäre Markus von seiner Statur beeindruckt gewesen und hätte bei einem Kampf gegen drei beliebige Kneipenschläger auf ihn gesetzt.

Geflüster und Spekulation breiteten sich durch die Halle aus. Der Mann war ein Flüchtling aus der Hafenstadt Ren, die von den Durnen erobert worden war. Er hatte sich in Grubenkämpfen in den Froststädten der nördlichen Grenzlande einen Namen gemacht.

»Fünf Sovereigns, dass er keine Runde gegen Denam durchhält.« Hinter Markus bot jemand eine private Wette an.

Das Brüllen, als der Neuankömmling in den Ring stieg, übertönte weitere Gespräche. Markus war noch nie in der großen Halle der Caltess gewesen, er hatte nur vor Jahren einmal stundenlang zusammen mit den anderen Kindern aus Giljohns Käfig auf dem Gelände warten müssen. Der Kindersammler hatte jedoch nie die Absicht gehabt, ihn an Partnis Reeve zu verkaufen. Er hatte sein Marjalblut gewittert und ihn lieber für besseres Geld woandershin verkauft. Die große Halle hatte in jener längst vergangenen Nacht still und dunkel dagestanden, und während die Schatten dem Morgen wichen, hatte der junge Markus bibbernd die Arme um sich geschlungen und wäre nie auf die Idee gekommen, dass er eines Tages in ihrem Inneren stehen und Teil einer schwitzenden, schiebenden Masse sein würde, die nach Blut gierte.

Markus stand zwar zum ersten Mal vor den Ringen, doch von Denam hatte er bereits gehört. Trotz seiner jungen Jahre war er der Champion der Gerantenkämpfer und berühmt für seine Gnadenlosigkeit. An einem Abend mit offenem Ring hatte er oft nicht mehr zu tun, als das Meer mürrischer Gesichter finster anzustarren. Wenn er seinen Platz dann einem anderen Kämpfer überließ, weil niemand seine Herausforderung annehmen wollte, fand die Menge ihren Mut wieder.

»Milos aus Ren«, verkündete der Kampfmeister.

Milos hob bestätigend den Arm und ging in seine Ecke, um auf die Glocke zu warten.

In dem Gebrüll hörte Markus das Signal nicht, doch die beiden Männer näherten sich einander, Milos klein gegen Denam. Das Gerantvollblut behielt die Hände unten und überließ Milos den ersten Schlag. Es war wie der Hieb gegen einen Baumstamm. Denams Kopf ruckte leicht nach links. Milos drosch ihm beidhändig über die andere Gesichtshälfte, und Denams Kopf wurde nach rechts geworfen. Denam wandte den Blick wieder seinem Gegner zu und grinste mit blutigen Zähnen. Milos schien nicht zu begreifen. Er sah auf seine Fäuste hinab, als hätten sie ihren Dienst verweigert.

Denam fegte ihm die Arme beiseite und verpasste ihm eine Ohrfeige. Blutstropfen flogen Milos vom Mund weg, und er stolperte wie betrunken. Denam ergriff ihn mit beiden Pranken, eine um den Hals gekrallt, die andere um seinen Schenkel, und hob ihn vier Meter über die Bretter empor, bevor er ihn mit Macht nach unten warf, Gesicht voran.

Milos stand nicht wieder auf. Als sie ihn unter den Seilen hindurchzogen, eilte ein Lehrling herbei und streute Sand über die rote Schmierspur.

Markus glaubte nicht als Einziger, dass Denam für den Abend fertig war, doch der Strom der Menge deutete darauf hin, dass ein weiterer Herausforderer nach vorn kam. Der Neuankömmling tauchte aus der Menge auf und stieg auf das Podest. Von hinten sah Markus nur einen dunklen Umhang und schwarzes Haar. Dieser Herausforderer war sogar noch kleiner als Milos, kaum mehr als eins achtzig groß und deutlich leichter gebaut. Die Zuschauer dämpften vor Verblüffung die Stimmen.

»Hunska?«, kam ein Flüstern.

»Blödsinn!«, kam die Antwort.

Der Herausforderer war vielleicht kein Riese, dennoch waren Hunska nie so groß oder breitschultrig. Denam fixierte den Neuankömmling mit einem so mörderischen Starrblick, dass Markus’ Fluchtinstinkte erwachten. Als Empath war er es gewohnt, in den Strömungen fremder Emotionen zu schwimmen, doch der Zorn des Ringkämpfers floss schneller und tiefer als alles, was Markus je empfunden hatte, und drohte jeden Moment seine Sinne zu überwältigen.

Der Herausforderer duckte sich zwischen den Seilen hindurch.

»Betrunken«, spekulierte jemand.

Markus versuchte sich vorzustellen, wie betrunken jemand sein musste, um so einen Kampf für eine gute Idee zu halten. Sturzbetrunken wahrscheinlich. Nur hatten seine Bewegungen nichts Alkoholisiertes.

Auch das letzte Flüstern verstummte noch, als der Umhang des Herausforderers aus dem Ring flatterte. Die Frau trug wie die anderen Ringkämpferinnen nur ein weißes Lendentuch und um die Brust ein fest gewickeltes weißes Stoffband. Ihre blasse Haut stand in scharfem Kontrast zu Denams gerötetem Gesicht.

Der Kampfmeister näherte sich nicht, um den Namen der Herausforderin zu erfahren. Stattdessen hob er die Stimme: »Nona vom Konvent.«

Nona reckte als Antwort auf das Brüllen der Menge nicht den Arm, sondern drehte sich langsam um die eigene Achse, und als der Blick ihrer vollständig schwarzen Augen ihn streifte, wusste Markus, dass sie ihn gesehen hatte.

»Kämpft!«

Denam näherte sich langsam der Novizin, deckte Kehle und Augen mit den Fäusten, ein Fuß voran, um den Schritt zu schützen. Markus musterte Nona eindringlich und versuchte, in ihr etwas von dem jungen Mädchen wiederzufinden, das er damals in jenen Wochen in Giljohns Käfig kennengelernt hatte. Sie war zwei Jahre jünger als er, musste jetzt also ungefähr siebzehn sein, sah jedoch von Kopf bis Fuß nach Frau aus. Lange Gliedmaßen, schlank, athletisch gebaut, jeder Muskel zu einem harten Relief herausgemeißelt, der Bauch flach über den hervorstehenden Hüftknochen. Trotz aller Angst um sie konnte Markus nicht leugnen, dass sie seinen Blick auch aus Gründen fesselte, die sich für einen heiligen Bruder nicht gehörten.

Nona griff selbstbewusst und ohne Zögern an und hämmerte Denam fünf oder sechs Schläge unterhalb der Rippen in die linke Seite, schnell wie ein Specht, der auf einen Baum einhackte. Sie legte ihr ganzes Körpergewicht dahinter. Denam lachte nur und schwang eine Hand nach der Novizin. Sie wich ihm mit Leichtigkeit aus und landete drei oder vier weitere Hiebe an derselben Stelle.

So hart sie offensichtlich auch zuschlug, Markus konnte nicht sagen, woher sie ihre Hoffnung auf einen Sieg nahm. Die Muskeln lagen mehrere Fingerbreit dick um Denams Knochen, die vermutlich gebaut waren wie bei einem Zugpferd. Ebenso gut hätte sie versuchen können, einen Bären mit Boxhieben zu unterwerfen.

Denam ging in die Offensive, und obwohl er über Nonas Bemühungen zu lachen versuchte, war ihm sein Hass auf sie anzusehen. Nona wich nicht zurück. Die Menge hielt den Atem an. Denam holte mit einem Arm aus, der breiter schien als Markus’ Brust. Die Faust, mit der er nach Nona hieb, war so groß wie ihr Kopf.

Sie bekam den Schlag ins Gesicht, ihr Kopf flog nach rechts. Der nächste ließ ihren Kopf nach links fliegen. Markus konnte sich vorstellen, dass diese Fäuste einen Schädel zerschmetterten, Wangenknochen pulverisierten, ein Genick brachen …

Nona sah zu dem riesenhaften Kämpfer nach oben und lächelte ohne einen Tropfen Blut an den Zähnen. Denam wirkte fassungslos, die Menge brüllte vor Staunen. Magie? Aber Markus hatte keinen Zauber gespürt, nicht das leiseste Knistern. Er konnte es sich lediglich damit erklären, dass sie den Kopf mitbewegt und nur einen leichten Kontakt der Fäuste zugelassen hatte.

Wieder feuerte Nona binnen ein, zwei Herzschlägen ein halbes Dutzend Hiebe auf dieselbe Stelle unter Denams Rippen ab. Sie sprang nach hinten, duckte sich unter einem Schwinger weg, kam in derselben Bewegung wieder hoch, versetzte ihrem Ziel einen Tritt, wich einem zweiten Schwinger aus und trat aus der Drehung wieder gegen dieselbe Stelle.

Denam kam auf sie zu, und sein Brüllen übertönte die Menge. Während er sich voranschob, schonte er seine linke Seite. Ein Kleinigkeit, die sich leicht übersehen ließ. Nona warf sich rückwärts in die Seile, prallte ab und landete im Flug einen Tritt, genau unterhalb seiner Rippen.

So ging der Kampf eine ganze Weile weiter, und Denams Angriffe streiften Nonas helle Haut immer nur fast, erwischten sie nie richtig. Nona platzierte ein Dutzend Hiebe und Tritte, vielleicht auch zwei Dutzend. Denams Wut wuchs, er fauchte und spuckte, brüllte Drohungen und Versprechen. Doch inzwischen beugte er sich über seine verletzte Seite und schützte die lädierten unteren Rippen mit dem Ellbogen. Er stützte sich auf den Eckpfosten, holte Luft.

»Na komm, Großer.« Nonas erste Worte in diesem Kampf.

Sie zündeten wie ein Funke im Blitzpulver. Denam warf sich mit einem Aufschrei nach vorn. Nona duckte sich unter seinen ausgestreckten Armen hindurch, rollte zwischen seinen Beinen durch die Öffnung, die entstanden war, weil Zorn über Vorsicht siegte, und trieb ihm mit aller Flinkheit und Kraft, die sie besaß, die Ferse ins Gemächt.

Denam tat noch zwei große Schritte, bevor er begriff, dass Nona sich nicht länger vor ihm befand, und einen weiteren, bevor mit Wucht die Schmerzen kamen. Die Beine des Geranten verweigerten jedweden Befehl und warfen ihn auf die Bretter, wo er sich zusammenrollte und von der Welt nichts mehr mitbekam.

Nona sprang auf, Zähne gebleckt, kampfbereit. Nun, da sich der schreckliche Ansturm von Denams Hass in seiner wortlosen Qual verlor, spürte Markus Nonas Gefühle und ertappte sich dabei, wie er vor der rohen, tierhaften Aggression zurückwich, die sie ausstrahlte. Etwas Vergleichbares hatte er erlebt, als er einmal versehentlich unter die Zuschauer der Hundekämpfe außerhalb der Altstadt geraten war. Damals hatte sich eine blutbesudelte Dogge in der Kehle eines anderen Jagdhundes verbissen und dieselbe explosive Brutalität ausgedünstet wie jetzt die Novizin. Markus rechnete jeden Moment damit, dass Nona sich auf ihre Beute stürzte und Denam die Augen ausstach oder das Gesicht zu Brei trat. Stattdessen jedoch zog sie all die Emotion binnen fünf Atemzügen wieder in sich hinein, bis Markus davon in der allgemeinen Aufregung nichts mehr erspüren konnte. Dieses Einkapseln des Zorns beeindruckte ihn mehr als alles andere an diesem Abend.

Nona ignorierte die Jubelrufe und den Kampfmeister, der sie befragen oder belohnen wollte, schwang sich über die Seile und hinunter in die Menge. Kurz darauf stand sie bei Markus, kraftvoll, schweißdurchtränkt, lebendig, ihre fremdartigen schwarzen Augen auf seiner Höhe.

»Du bist gekommen«, sagte sie.

Markus zuckte die Schultern. »Du hast mich gebeten.«

1

Heilige Klasse ∙ Gegenwart

Markus übertraf Nonas Erwartungen. Sie erinnerte sich an einen wilden Bauernjungen mit abstehenden Haaren, der sie gleich bei ihrer Ankunft in Giljohns Käfig nach ihrem Alter gefragt und seine Überlegenheit herausgestrichen hatte. Ein schlechter Start, aber da er sich immer so hingebungsvoll um das Maultier des Kindersammlers gekümmert hatte, war er in Nonas Ansehen gegen Ende der Fahrt deutlich gestiegen. Nun maß er solide eins fünfundachtzig und sah auf einnehmende Weise gut aus; ein Gesicht, aus dem einem Sympathie entgegenschlug. Die schwarzen Haare waren mit Öl gebändigt und lagen als typische Mönchfrisur glatt am Schädel. Allein die Schärfe seiner Gesichtszüge und der hellwache Blick, mit denen seine dunklen Augen Nona musterten, ließen noch den Jungen aus dem Käfig erahnen.

Nona hatte sich wieder in den Umhang gehüllt. Der Schweiß klebte ihr den Stoff an den Rücken und bereitete ihr Unbehagen, oder vielleicht rührte es auch von der Offenheit her, mit der Markus sie betrachtete. Sie erwiderte sein Lächeln und klemmte sich die Hände unter die Achseln. Von den Faustschlägen taten ihr die Knöchel weh. Selbst die Holzbalken, an denen sie ihre Hände abhärtete, mussten nachgiebiger als die Flanke des Geranten sein. Dennoch fühlte Nona sich gut, ihr Körper glühte, und ihr Gang war so leicht, dass sie mit nur ein wenig Anstrengung mehr die Schwerkraft vielleicht ganz überwand.

Sie beugte sich zu Markus. »Lass uns draußen reden.«

Er nickte. Sie bahnten sich einen Weg zum Haupttor. Schon sammelte sich die Kundschaft der Caltess beim zweiten Ring. Ein paar hochgewachsene Lehrlinge halfen Denam über die Seile des ersten.

»Ich bin überrascht, dass der Konvent den Novizinnen gestattet, hier zum Kämpfen herunterzukommen«, sagte Markus hinter ihr.

»Tut er nicht.« Nona schlüpfte zwischen den Türflügeln hindurch, als sie für die nächsten Schaulustigen öffneten.

»Wieso bist du dann …« Markus brach ab und zog sein Gewand um sich, das Habit eines Heiligen Bruders. Er folgte ihr hinaus in den kalten, windgepeitschten Regen.

»Wir hatten noch eine alte Rechnung offen«, sagte Nona. Das stimmte zum Teil. Vor allem hatte sie jemanden verdreschen wollen, und zwar richtig. So viel wusste Markus wahrscheinlich schon; geheime Unterlagen der Kirche führten ihn unter den fähigsten Empathen auf, die derzeit dem Ahnen dienten.

Nona lenkte Markus um die Ecke der großen Halle, wo sie vor dem Wetter geschützt waren. Dunkel ragten ringsum die Mauern auf, hinter fliehenden Wolkenfetzen blinkte das rote Licht von tausend sterbenden Sternen.

»Und was willst du von mir? Wieso die Nachricht, meine ich?« Markus wirkte weniger selbstsicher, als sie erwartet hatte. Jemand, für den sie ein offenes Buch war, musste doch eigentlich mehr Selbstvertrauen haben, oder? Von ihren eigenen empathischen Fähigkeiten hätte sie jedenfalls gern mehr über seine Stimmung erfahren, als die Intensität seines Blicks und der verkniffene Mund ahnen ließen.

»Damals, in der Akademie.« Die Worte platzten aus ihr heraus. »Hast du dafür gesorgt, dass dieses Mädchen mich angreift?« Nona schloss mit Mühe den Mund. Sie hatte sich doch alles genau überlegt; was sie sagen wollte, wie sie es sagen wollte und wann. Und nun hatte ihre blöde Zunge ihr alles verdorben.

»Sie … sie hatte dich doch schon angegriffen.« Schuldgefühle strahlten wellenförmig von ihm ab.

»Sie wollte mir mit dem Schattendunkel Angst machen. Was nicht geklappt hat. Aber dann ist sie durchgedreht.« Nona sah das in tierhafter Wut verzerrte Gesicht des Mädchens noch vor sich. »Das war dein Werk!«

»Stimmt.« Ein Stirnrunzeln jetzt, sein Gesicht bleich und voller Regentropfen.

»Sie hat versucht, mich mit ihrem Schatten zu reißen. Dabei hätte ich sterben können!«

Markus hob die Hände. »Ich hab sie wütend gemacht. Dass sie so etwas kann, wusste ich nicht.«

»Tja, konnte sie aber!« Nona spürte, wie ihr Zorn aus der Quelle aufstieg, die sie im Ring geleert zu haben glaubte.

»Das tut mir leid.« Er sah zu Boden.

»Aber …« Er wirkte ehrlich. Allerdings ging Nona davon aus, dass er diesen Eindruck besser erzeugen konnte als jeder andere. »Aber wieso?«

»Anweisung von Abt Jakob.«

»Jakob?« Ihr wurde ganz anders. »Hohepriester Jakob? Also der ehemalige Hohepriester?«

Markus nickte, den Blick nach wie vor gesenkt.

»Aber … er ist doch nicht … du musstest ihm doch nicht …«

»Er ist ein Jahr, nachdem Äbtissin Glas für seine Absetzung gesorgt hat, zum Abt von Sankt Croyus berufen worden.«

»Sankt Croyus? Aber Jakob ist ein Scheusal!« Nona konnte nicht verstehen, wie der in Ungnade gefallene Hohepriester so schnell wieder hatte aufsteigen können.

»Ein Scheusal mit mächtigen Freunden. Darunter die Tacsis.« Markus zuckte die Schultern. »Und er ist zwar grausam und gierig, aber nicht dumm.«

»Also hat er dich gekauft und nach Sankt Croyus geschickt, und dann ist er dir dorthin gefolgt und hat das Kloster übernommen?« Nona hatte gesehen, wie der Hohepriester Giljohns Maultier zu Tode geprügelt und Markus damit gebrochen hatte. Und das schon am allerersten Tag. Wie musste es erst gewesen sein, unter der Knute dieses Mannes aufzuwachsen?

»Es tut mir leid.« Markus sah hoch und begegnete ihrem Blick. Immerhin versuchte er nicht, sie mit seiner Macht zu beeinflussen. Das hätte sie gemerkt. Hoffte sie jedenfalls. So gut konnte er gar nicht sein, oder doch? Markus hustete. »Also, hast du mich hierhergebeten, damit du mich verprügeln kannst? Oder mir zwischen die Beine treten? Oder genügt dir meine Entschuldigung?«

Bevor Nona antworten konnte, kam ein Mann um die Ecke geeilt. Er hatte im Regen den Kopf eingezogen und näherte sich ihnen.

»Regol?« Nona hatte sich vor dem Kampf nach ihm umgesehen, ihn aber nirgends in der Menge entdeckt.

»Zu Diensten, meine Teure!« Er verneigte sich mit großer Geste und schaffte es, Markus dabei nicht aus den Augen zu lassen.

Nona musste gegen ihren Willen lächeln. »Ich bin nicht deine Teure und gehöre auch sonst niemandem.«

»Ein bemerkenswerter Sieg, Novizin.« Regol richtete sich auf. »Unser rothaariger Freund kann ganz schön halsstarrig sein.« In seinem Blick lag eine gewisse Distanz, als sähe er sie mit neuen Augen.

»Du hast zugesehen?« Sie hatte gewollt, dass er es sah.

»Von Anfang bis Ende. Und hast du den Jubel der Jüngsten oben unterm Dach gehört?«

Nona bewegte die Finger und verzog das Gesicht. »Ich dachte schon, der geht nie zu Boden.«

Regol schnitt eine Grimasse. »Die eigentliche Frage ist, ob er je wieder aufsteht und wie er dann klingt.« Den letzten Teil piepste er. Dann wandte er sich zu Markus um, als habe er ihn jetzt erst bemerkt. »Ich würde ja fragen, ob dieser Mönch dich belästigt, aber dann würde er wohl längst auf dem Boden herumkriechen und seine Zähne suchen.« Wieder dieser Blick, als sähe er sie zum ersten Mal.

»Nona kann gewiss eine Auseinandersetzung führen, ohne ihrem Gegenüber ins Gesicht zu schlagen.« Markus musterte Regol. »Nicht jeder, der den Ring verlässt, steigt nur in einen größeren.«

Regol zuckte die Schultern, das übliche spöttische Lächeln im Gesicht. »Die ganze Schneise ist ein Ring um Abeth, Bruder. Und wenn das Eis herandrängt, kämpfen alle.«

»Geh weg«, sagte Markus.

Regol öffnete den Mund zu einer Erwiderung, dann ergriff Verwirrung seine Züge. Er wandte sich zum Gehen und drehte sich wieder zurück, als wäre ihm noch etwas eingefallen.

»Du möchtest dir lieber die Kämpfe ansehen.« Markus sagte es ohne Nachdruck, aber die Kraftwellen, die ihm entströmten, schockierten Nona in ihrer Intensität. Als hätte jemand eine Ofentür geöffnet und sie einem unerwarteten Hitzeschwall ausgesetzt.

Regol wandte sich erneut ab und ging kommentarlos davon.

»Wenn die Wirkung nachlässt, ist er bestimmt stinksauer«, sagte Nona.

»Ja.« Markus nickte. »Aber wenn er noch geblieben wäre, hätte das auch nichts gebracht. Er kann mich nicht ausstehen, und wir wissen beide, warum.«

»Ach.« Nona lachte, aber es kam falsch heraus. »So ist Regol nicht. Er flirtet mit allen Mädchen. Die Damen der Sis verehren ihn geradezu …«

»Er will dich, Nona. Um das zu erkennen, braucht man kein Empath zu sein.«

»Nein, er ist nur …« Sie brach ab, als Markus mit einem halb traurigen Lächeln den Kopf schüttelte. »Jedenfalls bist du ihn ganz leicht losgeworden.« Was sie durchaus enttäuschte.

»Ganz leicht?« Markus lehnte sich erneut an die Wand. »Er hat sich mörderisch gewehrt. Damit hätte ich bei einem Caltess-Schläger nie gerechnet.« Er legte die Finger an die Schläfen. »Wahrscheinlich quälen mich die ganze Nacht Kopfschmerzen …«

Nona sagte nichts, sah nur zur Ecke, um die Regol verschwunden war. Nachdem er Darla in Sherzals Palast unter Joelis Einfluss im Stich gelassen hatte, war er mit der Bitte an Nona herangetreten, ihm zu helfen. Er hatte nie wieder so manipuliert werden wollen. Nona hatte ihn stundenlang darin trainiert, innere Barrieren gegen solches Fadenwerk zu errichten. Diese Niederlage würde ihm zu schaffen machen.

Nona ließ ihren Blick unscharf werden und betrachtete Markus inmitten der strahlenden Fäden, im Hof des Pfads. Marjalempathie war im Wesentlichen Fadenwerk, das sich einzig auf lebende Fäden konzentrierte und sie eher intuitiv manipulierte, an den emotionalen Knotenpunkten. Ein Werkzeug für einen ganz bestimmten Zweck. Wohingegen ein Quantalfadenwerker deutlich mehr Potential und Flexibilität besaß, was seine Arbeit komplizierter und schwieriger machte. Die Fäden um Markus bildeten eine glühende Aura, heller und bewegter, als Nona es je gesehen hatte. Die vielen Verbindungen zwischen ihnen beiden – manche Jahre alt, andere frisch gebildet – waren straff gespannt und zitterten vor Möglichkeiten und unausgesprochenen Gefühlen. Markus konnte sie bestimmt besser deuten als Nona, spürte die Antwort aber wahrscheinlich eher, als dass er sie in dem komplexen Gebilde sah, das den Raum zwischen ihnen füllte.

Schwester Tiegel zufolge beruhte sämtliche Marjalmagie tatsächlich schlicht auf der Pfadenergie und der Beherrschung des Fadenwerks, nur bereits verarbeitet zu einzelnen nützlichen Werkzeugen; wie sich aus Eisen und Holz diverse Geräte bauen ließen, die deutlich schneller einsetzbar waren als ein roher Holzbalken und ein ungestalteter Eisenbarren.

»Nona?«

Offensichtlich hatte Markus gerade etwas gesagt. Sie sah ihn an.

»Du hast mich hierhergebeten? …«

»Ja.« Sie trat näher, und er drückte sich rückwärts an die Wand. Jeder Faden seiner Aura bog sich ihr reflexhaft entgegen. »Ich brauche deine Hilfe.«

»Ich kann dir helfen?«

»Ich muss etwas Gefährliches erledigen, das gegen das Gesetz verstößt.«

Seine Stirn runzelte sich noch mehr. »Wieso solltest du mir vertrauen? Weil wir als Kinder ein paar Wochen lang zusammen in einen Käfig gesteckt wurden? Zwei Jahre später hätte ich dich fast getötet.«

»Ich vertraue dir, weil du mich nicht gefragt hast, wieso du mir helfen solltest, sondern nur, wieso ich dieser Hilfe vertrauen sollte. Und weil du mir ehrlich erzählt hast, was in der Akademie passiert ist.«

»Na schön.« Er sah ihr in die Augen. »Wieso sollte ich dir bei deinem Vorhaben helfen? Es ist gefährlich und verstößt gegen das Gesetz.«

»Du hilfst mir, weil wir in Wirklichkeit immer noch in diesem Käfig drinstecken. Und weil dein Abt Jakob zusammen mit den Tacsis immer noch große Zukunftspläne schmiedet. Wenn du mir hilfst, werden sie nie umgesetzt. Hessa hat mir erzählt, was er Vierfuß vor euren Augen angetan hat.«

»Du hältst mich wohl für einen Schwächling, weil ich diesem Mann diene? Du hättest ihn wohl einfach erschlagen?« Markus machte keine Anstalten, den Zorn und die Scham zu verbergen, die in ihm brodelten.

»Kann sein, dass ich ihn getötet hätte, aber du bist ein besserer Mensch als ich. Ich bin nicht stolz auf meinen Jähzorn.«

Markus verzog die Lippen zu einem zweifelnden Lächeln. »Du brauchst mich also, und du vertraust mir. Wofür brauchst du mich, und wobei traust du mir keinen Verrat zu?«

Nona sah über die Schulter in die Nacht hinaus. In der Caltess johlte die Menge auf. Offensichtlich fand gerade wieder ein Kampf sein blutiges Ende. »Ich muss in die Kathedrale von Sankt Allam einbrechen und ein verbotenes Buch aus dem Geheimarchiv von Hohepriester Nevis stehlen.«

2

Drei Jahre zuvor ∙ Die Flucht

Im Monddunkel am Rand des Prachtpasses duckten sich zwei Dutzend Reichsbewohner vor dem Wind. Die Dämmerung würde ihnen einen unvergleichlichen Ausblick auf dieses Reich gewähren, das sich nach Westen hin zwischen dem Eis bis hinunter zur Marnsee ausbreitete.

Nona stand dicht an der Felswand, eingequetscht zwischen Ara und Kessel. Ihr tat das Bein weh, wo der Stumpf von Yishts Schwert eingedrungen war; bei jeder Gewichtsverlagerung flammten heftige Schmerzen auf, und es wurde allmählich steif.

Äbtissin Glas hatte die Überlebenden in einer Kurve um sich geschart, wo die Faltungen des Felshangs einigermaßen Schutz boten. Unter ihnen waren Männer und Frauen, die über ansehnliche Teile der Schneise herrschten und seit ihrer Geburt feudale Privilegien genossen. Hier in ihrem blutbesudelten Prunk jedoch, wo hinter ihnen Flammen aus dem Palast der Kaiserschwester in die Nacht emporloderten, wandten sie sich an Äbtissin Glas um Führung.

»Sherzals Soldaten werden eine Weile brauchen, bis sie Zoles Erdrutsch umgangen haben, aber sie werden kommen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie die Garnisonen alarmieren und Reiter auf die Straße nach Verity schicken. Da werden wir es kaum bis zur Hauptstadt schaffen.«

»Müssen wir auch nicht«, machte sich Baron Jotsis vernehmlich. »Meine Ländereien liegen näher.«

»Burg Jotsis ist gewaltig«, sagte Ara und sah zwischen ihrem Onkel und der Äbtissin hin und her.

Glas schüttelte den Kopf. »Außer in der Hauptstadt wird uns Sherzal überall einkesseln. Ihr Größenwahn reicht vielleicht nicht so weit, dass sie Ihre Burg unter Belagerung nimmt, Herr Baron, aber sie würde definitiv Ihre Ländereien umstellen, damit der Kaiser nichts von dieser ganzen Angelegenheit erfährt. Und außerdem ist näher nicht nahe genug, fürchte ich.«

»Also sind wir nur entkommen, um jetzt die Straße hinuntergehetzt zu werden?« Baronin Glosis’ Gesichtshälfte war völlig zugeschwollen, aber die Frau besaß noch Kraft genug für einen Temperamentsausbruch. »Empörend.«

»Sherzal will vor allem das Schiffsherz.« Die Äbtissin nickte zu Zole, die dreißig Meter näher am Erdrutsch wartete. Ihre Hände lagen als schwarze Umrisse auf der lila Kugel, die sie aus der Tetragode geborgen hatte. »Wenn wir ihr Grund zu der Annahme geben, dass es in eine andere Richtung unterwegs ist, wird sie uns nur wenige Soldaten hinterherschicken. Vielleicht gar keine.«

»Und wie«, fragte Baron Jotsis, »können wir sie glauben machen, dass wir das Schiffsherz nicht bei uns führen?«

Äbtissin Glas sah zu den hohen dunklen Bergflanken ringsum. »Indem wir sie denken lassen, dass es nach Süden gegangen ist, Richtung Eis.«

»Und wie soll uns das gelingen?«, fragte Baronin Glosis, auf den Arm eines jungen Verwandten gestützt.

»Indem wir es tatsächlich südwärts zum Eis schicken«, erklärte die Äbtissin. »Zole wird es so tragen, dass sein Glühen weithin zu sehen ist.«

»Aber das ist Wahnsinn.« Baron Jotsis richtete sich zu seiner vollen Höhe auf. »Einen solchen Schatz können Sie doch nicht einer einzelnen Novizin anvertrauen!«

»Das kann ich durchaus, wenn genau diese einzelne Novizin den Schatz überhaupt erst mitten aus der Festung der Noi-Guin gestohlen hat.«

»Außerdem macht sie das nicht allein.« Nona trat mühsam vor.

Ara hinkte herüber und stellte sich neben sie.

Kessel legte den beiden die Hände auf die Schultern. »In unserem Zustand bremsen wir schon die Äbtissin auf der Straße aus. In den Bergen nutzen wir Zole erst recht nicht, wenn sie die Soldaten abhängen will.«

Kessel hatte recht. Nona biss die Zähne gegen den Schmerz im Oberschenkel zusammen.

Die Äbtissin trat heran, die grauen Haare vom Wind zerzaust. »Das Schiffsherz der Noi-Guin ist den Marjal zugeordnet. Es heißt, in den Händen eines Marjalheilers kann es nicht nur verletzen, sondern Wunden heilen.«

»Ich will jedenfalls nicht in seine Nähe.« Nona erschauderte. Sie wusste, welches Leid das Schiffsherz bringen konnte. Es hatte sogar aus Zole einen Dämon herausgepresst, und verschlossener als Zole war wirklich niemand. »Außerdem haben wir gar keinen Marjalheiler.«

»Wir haben Zole.« Glas hob die Stimme. »Zole, zeig uns doch mal, was Schwester Rose dir beigebracht hat.«

 

Anstatt selbst zu kommen und sie alle dem grässlichen Druck des Schiffsherzens auszusetzen, winkte Zole die Verletzten heran. Nona machte ein paar unsichere Schritte auf das Mädchen zu, Ara hinter sich, dann Kessel. Alle drei hinkten, die Novizin wegen der Pfeilwunde in ihrer Wade, die Nonne wegen der Stichverletzung im Oberschenkel.

»Wir sollten das besser bleiben lassen, Frau Äbtissin.« Nona sah nach hinten. »Das Schiffsherz von Süße Gnade hat Yisht Schreckliches angetan.«

»Und dennoch ist Zole verschont geblieben.« Die Äbtissin und die anderen wurden zu schwarzen Umrissen in der Dunkelheit, nur an wenigen Stellen hob das dunkelviolette Licht des Schiffsherzens einige Ränder hervor.

Aber genau genommen war Zole nicht verschont geblieben …

»Findet euren Gleichmut.« Zoles Stimme hallte durch die Nacht. »Gleichmut beschützt euch.«

Nona empfand keinen Gleichmut, sondern Angst und Schmerzen. Trotzdem suchte sie ihre Trance in den Versen des alten Lieds vom fallenden Mond. Sie stellte sich sein langsames Absinken vor, das die Dorfkinder in einem Kreis um das Feuer herum besangen. Und mit dem Fallen des Mondes fiel ein Schleier des Gleichmuts über sie und trennte sie von der Welt. Ihre Schmerzen waren zwar immer noch da, aber nichts Persönliches mehr, eher ein seltsames Studienobjekt.

Zole reckte ihnen mit beiden Händen das Schiffsherz entgegen, eine Kugel von Kinderkopfgröße, dunkellila, schwarz fast, doch sein violett glühendes Licht schien Schatten jenseits des Sichtbaren zu werfen. Nona ging näher. Auf ihr lastete ein Druck, als wäre sie tief unter Wasser. Sie war bereits einmal in die schwarzen Tiefen des Spiegellochs gesprungen, und das hier fühlte sich mindestens genauso unheimlich an. Das Bedürfnis, Luft zu holen, wurde immer größer und bedrohte ihren Gleichmut, bis ihr einfiel, dass sie den Atem ja gar nicht anhalten musste.

Bei einem Meter Abstand begann Nonas Haut erst zu kribbeln und dann zu brennen, als wären die Teufel bereits da und würden nur noch darauf warten, ihr wahres Gesicht zu zeigen. Nona hatte ihre Haut schon einmal mit einem Teufel geteilt, mit Keot. Nicht absichtlich, sondern weil er in sie hineingeschlüpft war, als sie Raymel Tacsis getötet hatte. Die Felsen um seine Leiche herum waren unter dem Rot voller schwarzer Flecken gewesen.

»Mach dich bereit.« Zole schloss die verbliebene Distanz, die Nonas Füße nicht überwinden wollten. Sie hatte Nonas Teufel damals gesehen und das Geheimnis für sich behalten. Zole zufolge wurden sie auf dem Eis Klaulathu genannt. Eine Hinterlassenschaft der Verschwundenen.

Ohne Vorwarnung drückte Zole das runde Herz auf die Wunde über Nonas Knie. Nona hatte erwartet, dass ihr Fleisch zischen und ihr das Blut in den Adern kochen würde wie das Öl in den Rohrleitungen von Süße Gnade, doch stattdessen legten sich Eisfinger um ihre Knochen, und ein schwarzviolettes Licht löschte ihr die Sicht. Einen Moment lang sah sie die Umrisse fremdartiger Türme vor einem indigoblauen Himmel, aber schon beim nächsten Herzschlag wehten sie fort wie durch einen starken Wind. Der Pfad öffnete sich vor ihr, nicht als schmale und trügerische Linie, die es zu suchen galt, sondern breit, gleißend, in solcher Ausdehnung, dass seine Richtung unklar wurde, eine Straße, auf der sich machttrunken dahinwandern ließ bis ans Ende der Tage. Stimmen ertönten in Nonas Kopf, immer ihre eigene Stimme, aber immer von woanders her, hier wütend, dort eifersüchtig, dort ein geflüstertes Aussprechen geheimer Ängste oder Wünsche, undeutliche Stimmen zunächst, doch dann wurden sie rasch klarer, deutlicher, und nahmen eigene Identitäten an.

»Fertig.« Zole legte Nona die Hand auf die Brust und schob sie nach hinten.

Nona taumelte und wurde von Ara und Kessel aufgefangen. Das Herzlicht fing ihre Gesichter, ließ beide fremd erscheinen.

»Geht es dir gut?«, fragte Kessel.

»Ich …« Nona richtete sich auf, belastete ihr Bein. Es tat noch weh, aber das Gewebe war wieder heil. Eine dünne weiße Narbe markierte die Stelle, wo Yishts Messer eingedrungen war. »Ja.« Die Stimmen, die ihren Kopf ausgefüllt hatten, vermengten sich wieder und verloren sich in den Schatten.

»Geh.« Kessel schob sie an der Schulter leicht zur Äbtissin und ihren Begleitern.

Als Nona bei den Überresten der Kutsche ankam, mit der sie aus dem Palast geflohen waren, hatte sie ihre innere Ruhe und ihren Gleichmut wiedergefunden.

»Wie fühlst du dich?« Die Äbtissin sah Nona mit einer unbehaglichen Intensität in die Augen.

»Keine Ahnung«, sagte Nona. »Müde. Aber voller Energie. Wenn das zusammenpasst.« Sie sah wieder auf ihr Bein, auf die unter dem löchrigen Kittel sichtbare Narbe. Die Kälte machte ihr nichts mehr aus. »Ich weiß nicht, wie Zole das aushält.« Am liebsten hätte sie der Äbtissin von dem Teufel an Zoles Handgelenk erzählt. Doch Nona bezwang den Drang. Sie hatte jahrelang mit Keot gelebt, und Zole hatte sie nicht verraten. Zole musste selbst mit ihren Dämonen fertig werden. Die Äbtissin konnte dabei wahrscheinlich ohnehin nicht helfen. Und die Inquisitoren in ihrer Begleitung würden den Teufel nur mit Feuer austreiben wollen.

Glas nahm Nona bei der Hand und führte sie hinüber zu den anderen Geflüchteten. »Bist du wiederhergestellt? Schaffst du die Strecke jetzt zu Fuß?«

»Ich könnte sie rennen!« Ara holte die beiden ein. Ihr stand das Haar vom Kopf ab wie toupiert, ein blonder Wirrwarr, der dem Wind trotzte. Ein wilder Ausdruck stand ihr in den Augen. Nona begegnete ihrem Blick, und die beiden brachen in ein Grinsen aus, eine gemeinsame Erkenntnis und noch etwas Komplexeres, das vielleicht keine von ihnen verstand. Nona wollte mit ihr rennen, wollte sie jagen. Nona wollte ihre Freundin.

Die drei wandten sich um und sahen Kessels Silhouette vor dem Glühen des Schiffsherzens, sahen Zole auf einem Knie, wie sie der Nonne das Herz an den Innenschenkel hielt. Nach nur einem Moment des Kontakts entzog Kessel sich mit einem Aufschrei. Sie kam die Straße heruntergeeilt und sah nicht zurück. Sie bewegte sich schnell, wenn auch noch immer mit einem leichten Hinken.

»Schwester Kessel?« Die Äbtissin trat ihr entgegen.

»Mutter …« Kessels aufgerissene Augen suchten die Äbtissin, als wäre sie nachtblind.

»Hier.« Glas nahm ihre Hände. »Sie sind in Sicherheit.«

Nona zog angesichts dieser schamlosen Lüge die Augenbrauen hoch, sagte jedoch nichts.

»Ich kann das nicht an mich ranlassen. Auf gar keinen Fall.« Kessel warf einen Blick über die Schulter, als könnte Zole sich gerade mit dem Schiffsherzen nähern.

»Ist gut, Schwester.« Die Äbtissin führte die drei weiter weg. »Ich brauche Sie zu unserem Schutz auf dem Weg nach Westen. Selbst wenn Sherzals sämtliche Truppen dem Schiffsherzen zum Eis folgen, sind die Straßen des Reichs nicht länger sicher. Und ohne Geleitschutz dürften Barone der Sis verlockende Beute für sämtliche Räuberbanden darstellen, die hier vielleicht ihr Unwesen treiben.«

»Aber Zole …«

»Zole hat ihren Schild.«

3

Heilige Klasse ∙ Gegenwart

Nachdem sie Markus bei der Caltess zurückgelassen hatte, lief Nona zum Stadttor. Die fünf Meilen bis zum Fuß des Klosterbergs legte sie fast im Sprint zurück. Das Brennen ihrer Muskeln und das heiße Rauschen in ihren Adern vertrieben die Kälte des Nachtwinds.

Zweifel hing an ihren Fersen, jede Meile und jeden Meter. Die Stimmen ihres Misstrauens waren fast so real, fast so geisterhaft wie Keots Stimme damals, als er unter ihrer Haut gewohnt hatte. Wird er Wort halten? Kann ich ihm trauen? Fragen, auf die Nona keine Antwort hatte, nur ein Bauchgefühl. Klera hat dich hintergangen, flüsterten die Stimmen, und sie war deine Freundin.

»Sie hat mich auch gerettet.« Zwischen Atemzügen herausgekeucht, als Nona das Tempo anzog, um ihren Zweifeln davonzulaufen.

Sie schüttelte den Kopf, dass Schweißtropfen im Wind flogen. Bald würde sie eine Nonne sein. Würde sich für eine der Disziplinen entscheiden, die ihr angeboten wurden. Nur noch eine Handvoll Prüfungen trennten sie von dem Gelübde. Sie würde ihr Leben auf ein Fundament des Glaubens stellen. Auf den Glauben, dass die Zweige des Ahnenbaums sie hielten, dass sie die ganze Menschheit in eine Zukunft trugen, die weniger finster als befürchtet wäre. Wenn eine Nonne nicht glauben konnte, wer dann? Die Bande der Freundschaft hatten Nona stets besseren Halt gegeben als die des Blutes. Markus war mit ihr im Käfig gefahren, und dieses Band würde genügen. Sie glaubte fest daran. Außerdem hatte sie einen Ausweichplan.

Keuchend lief sie noch schneller, und wären in dieser Nacht noch andere zum Klosterberg unterwegs gewesen, Nona hätte sie allesamt überholt.

Schließlich blieb sie schnaufend stehen. Eine Kalksteinwand ragte vor ihr in die Höhe. Von ganz oben boten die Fenster der Klingenhalle einen Blick auf die Stadt und das zwanzig Meilen entfernte Eis, das rot unter dem Mond schimmerte. Es war herangerückt, seit die Äbtissin Nona zum Konvent gebracht hatte. Von Norden und Süden her quetschte es die Schneise zusammen, und alle Nationen darin bluteten.

Der Stille Weg fing nicht weit von hier an, nur wenige Fußminuten um den Berg herum, aber seit einiger Zeit wurde er von Rad bewacht. Die Alte verbrachte ganze Nächte an seiner engsten Stelle, saß in eine große Decke gehüllt da, starrte mit wässrigen Augen in die Dunkelheit und wartete nur darauf, eine Novizin auf Abwegen zu erwischen. Wieso sie nicht einfach die Schlafsäle überprüfte, blieb unklar, aber Ruli zufolge hatte die frühere Äbtissin ihr nach einem nicht näher ausgeführten »Zwischenfall« das Versprechen abgenommen, das Gebäude nie wieder zu betreten. Angeblich war eine Novizin ums Leben gekommen; auf Nachhaken hatte Ruli allerdings zugegeben, dass sie sich diesen Teil ausgedacht hatte.

Nona legte den Kopf in den Nacken und sah zu der dunklen Gesteinsmasse auf. Hier und da hob das Mondlicht eine Felskante hervor. Nona holte tief Luft, machte sich lang und kletterte los. Sie folgte einem alten Riss, der gute Stellen zum Festhalten und genug Raum für ihre Schuhspitzen bot. Mit ihren Fehlklingen wäre es schneller und leichter gegangen, aber nach schmerzlicher Erfahrung verließ Nona sich inzwischen nicht mehr ausschließlich auf Dinge, die möglicherweise einmal ausfielen. Außerdem wäre das wiederkehrende Muster von Löchern im Fels vielleicht eines Tages aufgefallen, und sie hätte den Verdacht kaum von sich weisen können.

Während sie an Höhe gewann, schlossen ihre Arme sich dem Protest ihrer Beine an. Ihre Hände schmerzten von den vielen Schlägen, die sie Denam versetzt hatte. Aber der Gedanke daran, wie er umgefallen war, verlieh ihr neue Kraft. Seit Jahren hatte sie gegen ihn kämpfen wollen. Sie hätte behaupten können, dass er dringend ein, zwei Dämpfer nötig gehabt hatte, als Strafe für seine ewige Tyrannei oder als Rache dafür, dass er sie auf Anweisung von Raymel Tacsis im Ring zum Krüppel hatte schlagen wollen. Die Wahrheit jedoch war weniger rühmlich und bestand aus zwei Teilen, die sich ihr jetzt, wo sie an nichts denken, sondern nur schuften musste, offenbarten.

Sie hatte gegen Denam gekämpft, weil sie auch ohne Keot noch immer nach Gewalt gierte, und wenn sie diesem Drang zu lange widerstand, brach er sich in gefährlichen Aktionen Bahn. Vieles, was sie Raymels Teufel zugeschoben hatte, schien in Wirklichkeit fundamentaler Bestandteil ihrer erwachsenen Persönlichkeit zu sein. Denam bot die seltene Gelegenheit eines Gegners, auf den sie einprügeln konnte, ohne Gefahr zu laufen, dass sie ihn umbrachte oder sich anschließend Vorwürfe wegen ihrer Brutalität machte.

Die anderen Gründe für den Wettkampf waren Markus und Regol gewesen. Sie hatte Markus gebeten, heiliges Gesetz zu brechen. Da gehörte es sich einfach, ihm zu zeigen, für wen er gegen diese Regeln verstieß. Und Regol … Regol musste das auch sehen. Regol, der Albernheiten in die Kissen sagte, wenn sie zu ihm unter das Dach stieg, das Partnis Reeve ihm bot. Regol, der sie als etwas Heiliges betrachtete, so heilig wie die Gelübde, die sie brach. Er musste sehen, was wirklich hinter diesen Augen lag, in denen er sich angeblich verlor. Etwas Schroffes und Gewalttätiges – keine Prinzessin, wie er sich gern einredete. Nona wollte nicht dulden, dass er seine Hoffnungen auf eine Lüge setzte. Regol erfüllte ein Bedürfnis, genau wie Denam, der eine im Ring, der andere in den Federn. Regol und sie waren Freunde, die einander körperlich anzogen. Sie durfte nicht zulassen, dass ein Freund seine Hoffnungen in einen so fehlbaren Menschen wie sie setzte. Sie hatte weder Saida noch Hessa oder Darla retten können. Selbst als Instrument der Rache hatte sie versagt. Sherzal, die so viele Morde orchestriert hatte, erfreute sich noch immer ihres Lebens, genauso wie viele ihrer Marionetten.

Nona zog sich über die Felskante und wälzte sich wenige Fingerbreit neben dem Abgrund auf den Rücken. Kalt lag der Stein unter ihr. Ihre Arme zitterten, sie spürte die knochentiefe Erschöpfung langer Quälerei, doch noch immer rasten ihre Gedanken und stiegen aus der Dunkelheit Bilder empor, eines nach dem anderen. Denams Zorn, Regols Verblüffung, Markus’ Vorsicht und hundert andere Szenen, herangezogen mit den Fäden der Erinnerung.

Nach einer Weile rollte sie sich auf den Bauch und stemmte sich hoch. Sie umrundete die Klingenhalle, schlich am Rand des Hofs vor der Herzhalle entlang. Von Mondschatten zu Mondschatten huschte sie durch die Klosteranlage, setzte jeden Fuß mit der Vorsicht einer geborenen Grauschwester.

»Novizin Nona.« Eine leise Stimme an ihrer Schulter. »Du riechst nach Männerschweiß.«

Nona wandte sich um und konnte in der Dunkelheit niemanden erkennen. »Und Sie riechen nach Äpfeln, Schwester. Nach einem roten Apfel, um genau zu sein.«

»Dann nehmen sich unsere Sünden nichts.« Die Schatten schmolzen von Schwester Kessel, und sie trat mit der Andeutung eines Lächelns vor.

»Gut möglich.« Nona grinste. »Aber meine haben vor Publikum stattgefunden.«

»Na, das ist neu.« Kessels Augen und ihr Lächeln weiteten sich.

»In der Caltess, im Ring.«

»Kein Regol heute?« Kessel runzelte die Stirn.

»Den sollte ich mir abgewöhnen. Das hier dagegen will ich gern behalten.« Sie klopfte auf ihr Habit. »Ich lege demnächst das Nonnengelübde ab. Wenn mir das nicht mehr bedeutet als die Versprechen einer Novizin, sollte ich es gar nicht erst aussprechen.«

»Es gibt noch andere Möglichkeiten zu dienen.« Kessel spitzte die Lippen. »Du musst nicht bleiben. Du musst auch nicht vollkommen sein. Aber … du musst ins Bett.« Sie zeigte zum Schlafhaus.

Nona nickte. »Bett klingt gut. Ein Bad wäre auch gut. Aber da würde ich wohl einschlafen und ertrinken.« Sie zuckte die Achseln und wandte sich ab.

»Behalt Joeli im Blick«, zischte es hinter ihr noch.

 

Nona näherte sich dem Haus. Sie untersuchte die Eingangstür, dann machte sie auf und betrat die Halle. Aus dem Schlafsaal der Roten schlurfte eine Novizin, Laterne in der Hand, und ging auf dem Weg zum Abort an ihr vorbei, ohne hochzusehen. Nona stieg die Treppe zum Trakt der Heiligen Klasse ganz oben im Gebäude hinauf.

Die Tür zu ihrem Schlafsaal überprüfte sie sorgfältiger als die Eingangstür. Als sie ihren Blick unscharf werden ließ, entdeckte sie einen glühenden Faden, der unmittelbar vor der Tür quer über den Boden gelegt war, ein zweiter hing in einer Schlaufe über der Klinke, beide führten in seltsamen Winkeln zur Welt davon. Stolperfäden höchstwahrscheinlich, mit denen Joeli ihr Kommen und Gehen überwachen wollte, aber es konnte auch noch mehr an ihnen sein. Manche Fäden schnitten, andere lösten nur Schmerzen aus, die sich wie ein Schnitt anfühlten, noch andere wiederum richteten komplexere Schäden an oder blieben haften, sodass man sie unbemerkt mitnahm und jeden, der sie näher bei ihrer Verbindung zum Pfad berührte, über seine Aktivitäten informierte. Wie viele dieser Tricks Joeli beherrschte, konnte Nona nicht sagen, nur dass sie in der Vergangenheit definitiv schon Stolper- und Schmerzfäden benutzt hatte. Nona hinkte da hinterher, aber nicht mehr ganz so weit wie früher.

Sie löste die Fäden und schob sie vorübergehend aus ihrer Übereinstimmung mit der Welt. Bald würden sie wieder an ihren Platz zurückrutschen und unberührt wirken. Den dritten Faden entdeckte sie, als sie gerade die Hand nach dem Türgriff ausstreckte; er war hauchdünn und nahm unter ihrem Blick einen giftgrünen Farbton an. Das war neu. Und bösartig. Zum Glück ließ sich auch dieser Faden verschieben, doch danach brannten ihr die Fingerspitzen.

Einen Moment darauf betrat Nona den Schlafsaal. Das obere Stockwerk war fast zur Hälfte mit einzelnen Lernzimmern belegt. Die Novizinnen der Heiligen Klasse schliefen in einem langen Raum, der kaum größer als der für die Rote Klasse war. Die Abgeschiedenheit einer Nonnenzelle traute man den Mädchen noch nicht zu, Klassenregel war jedoch, jedwede Indiskretionen gegenseitig zu übersehen, und falls Schwester Rad einmal zu sehen bekam, was an einem durchschnittlichen Abend alles passierte, traf sie zweifelsohne der Schlag.

Leise bewegte sich Nona die Reihe der Betten entlang und sah immer wieder zu den langgestreckten Kurven unter Joelis Bettdecke. Ein Jahr zuvor hatte die Äbtissin das Mädchen notgedrungen wieder ins Kloster aufgenommen. Eine weitere Bemühung des Kaisers, nach den Ereignissen bei Sherzals Palast Einheit und Frieden im Reich wiederherzustellen. Baron Namsis hatte den Wiedereintritt des Mädchens dadurch gesichert, dass sie sich zuvor in die Hände der Inquisition begab. Die Vernehmung hatte mit Hilfe einer von Schwester Apfels bitteren kleinen Wahrheitspillen stattgefunden. Zum Erstaunen aller, die Joeli kannten, hatte sie mit schwarzer Zunge auf ihrer Unschuld beharrt. Sie wollte ihr Fadenwerk nur gegen Darla und Regol eingesetzt haben, um ihnen Angst zu machen und sie so zum Rückzug zu zwingen, in der Hoffnung, das Blutvergießen auf diese Weise zu beenden.

Nona schlüpfte in ihr Bett und beobachtete Joeli weiterhin im schwachen Schein der Nachtlampe. Ihrer Vermutung nach hatte sich Baron Namsis einen Akademiker genommen, einen Quantal-Fadenwerker, und ihn mit seinen diffizilen Künsten Joelis Erinnerungen verändern lassen. Dadurch glaubte das Mädchen die eigene Geschichte und hatte nicht gelogen, obwohl das Gesagte nicht der Wahrheit entsprach.

In der Wärme ihres Bettes ließ Nona den angehaltenen Atem entweichen und ergab sich ihrer Erschöpfung. Ihr stand ein langer Tag bevor. Sie musste nicht nur ihre letzte Klingenprüfung ablegen, sondern obendrein der Äbtissin das Amtssiegel stehlen. Beides würde nicht einfach sein.

4

Drei Jahre zuvor ∙ Die Flucht

Nona geht doch nicht allein!«

»Das stimmt, sie geht nicht allein. Sie geht zusammen mit Zole.« Die Äbtissin, die Nona noch einen Rat mit auf den Weg geben wollte, wandte sich um und legte Ara eine Hand auf die Schulter. »Wir haben einen langen Weg vor uns, Novizin, und es ist an uns, die Untertanen des Kaisers zu beschützen, darunter viele seiner mächtigsten Unterstützer, so auch dein eigener Onkel. Möchtest du uns dem Schutz einer einzigen Grauschwester und eines einzigen Inquisitionsgardisten überlassen? Wir werden wahrscheinlich jemanden brauchen, der sich auf die Macht des Pfades versteht …«

Nona sah die Verzweiflung in Aras Gesicht und versuchte, sie zu beruhigen. »Wenn wir den Konvent wiederherstellen wollen, müssen wir zweierlei nach Süße Gnade zurückbringen. Zole und ich kümmern uns um das Schiffsherz. Kümmere du dich um die Frau Äbtissin.«

»Aber …« Ara sah die Kurve der Straße hinauf zu Zole, die inmitten der Dunkelheit in violettes Licht getaucht war. »Sherzal wird ein ganzes Heer auf euch hetzen!«

»Wenn wir es bis zum Eis schaffen, nützt ihr kein Heer mehr was.«

»Weil euch ja das Eis schon umbringt!« Ara schüttelte die Hand der Äbtissin ab.

»Zole ist auf dem Eis aufgewachsen.« Nona lächelte. »Ihr seid nachher unten in der Ebene mehr in Gefahr als wir da oben.«

»Und bedenke noch etwas«, mischte sich Glas ein. »Wenn Sherzal sich das Schiffsherz nicht zurückholen kann, ruiniert das definitiv ihre Allianz mit den Sgidgrol. Und die Noi-Guin wenden sich dann wahrscheinlich gegen sie. Sobald also keine Chance mehr besteht, das Herz zurückzubekommen, wird Sherzal vernünftigerweise ihre Streitkräfte zurückbeordern, damit sie den Prachtpass gegen die Horden der Kriegerkönigin verteidigen. Niemand bei klarem Verstand würde anders entscheiden. Sobald ihr das Eis erreicht, wagt sie es nach meiner Einschätzung nicht, euch eine nennenswerte Zahl Verfolger nachzuschicken.«

 

Die Reisevorbereitungen waren schnell getroffen. Rationen zum Verteilen gab es nicht und auch kaum Ausrüstung. In Kessels Mantel gehüllt, stand Nona rasch aufbruchsbereit da. Sie war mit einem Noi-Guin-Schwert, einem Messer und achtzehn Wurfsternen bewaffnet.

Als Nächstes umarmte Kessel sie. »Ich setze dir keine Spinnen auf den Rücken, Nona, ich drücke dich nur. Entspann dich.«

Nona versuchte, ihre Steifheit abzuschütteln, und lächelte. »Bringen Sie die Äbtissin heil nach Hause.«

Dann umarmte Ara sie. Einer hunskaflinken Freundin war nicht zu entkommen. »Komm ja zurück zu uns«, hauchte sie Nona ins Ohr. »Zu mir.« Sie drückte ihr einige Münzen in die Hand. »Kannst du vielleicht gebrauchen.«

Kessel und Ara zogen sich zurück und ließen Regol vor ihr stehen, der fast schon nervös guckte.

»Schön vorsichtig auf dem Eis.« Sein altes Lächeln überdeckte jede Unsicherheit.

»Dann soll ich auf Hulas und Eisbären aufpassen?«

»Wenn du magst. Ich meinte bloß, dass man da leicht ausrutscht.« Er wandte sich zum Gehen. »Komm uns mal in der Caltess besuchen, wenn du wieder da bist.« Und stiefelte zu den anderen davon. »Denam fehlst du, das weiß ich genau.«

Nona sah zu, wie Äbtissin Glas, auf der bergabgewandten Seite von dem Inquisitionsgardisten Melkir flankiert, den Weg hinunter zur Hauptstraße und zum langen Abstieg ins Tal anführte. Ara übernahm die Nachhut, Regol an ihrer Seite. Nona erlebte einen Moment der Eifersucht. Einen Tag zuvor hätte sie es noch auf Keot geschoben. Sie wandte sich zu Zole um, die weiter oben auf dem Pfad stand. In der Ferne erleuchteten die Flammen aus Sherzals Palast die Hänge, doch das Lodern schien bereits nachzulassen.

»Zeit zu gehen«, sagte sie zu niemand Besonderem: Nun, da sie ihren Teufel losgeworden war, fehlte ihr sowohl ein Publikum für ihre flüchtigen Gedanken als auch ein Sündenbock für verachtenswerte Gefühle. Irgendwo über ihr in der Dunkelheit dräuten die Gipfel, und vor ihr lag eine gefahrvolle Reise mit Zole als einziger Begleitung.

 

»Pass auf, dass du nicht zurückfällst.« Den Blick fest auf das geborstene Gestein vor sich gerichtet, ging Zole voran.

»Ich will überhaupt nicht fallen, egal in welche Richtung.« Nona holte eiskalte Luft und zog sich nach oben.

Kessels Mantel nahm dem Wind den Biss. Weitere warme Kleidungsstücke hatte Nona zwei Gästen abgenommen, die es zwar in die Kutsche geschafft hatten, aber durch die Pfeile von Sherzals Soldaten nicht wieder hinaus. Sie trug die Schuhe eines Toten, die ihr zu groß, aber besser waren als nackte Füße auf vereisten Felsen. Unten auf der Straße hatte sie noch das Gefühl gehabt, warm angezogen zu sein. Hier oben jedoch schlotterte sie trotz der anstrengenden Kletterei bei jeder Rast.

Nona hielt nicht mehr als zwei, drei Meter Abstand zu Zole. Wenn sie näher kam, spürte sie den Puls des Schiffsherzens in den Knochen, und jeder Gedanke drohte zu einem eigenständigen Geschöpf zu gerinnen, das dann in ihrem Kopf herumlärmte. Hielt sie größeren Abstand, fehlte ihr sein Licht.

Das Glühen des Schiffsherzens leuchtete nicht nur ihren Verfolgern den Weg, sondern auch ihnen. Nona lernte rasch, das Durcheinander nachtschwarzer Schatten und mattvioletter Oberflächen zu deuten, die Zoles seltsame Laterne hervorhob. Schwerkraft und Felsen bilden eine ebenso schmerzhafte wie lehrreiche Kombination.

Sich durch die rauen Flanken der Graupianberge einen Weg zu suchen erwies sich als verstörend zeitraubende Angelegenheit. Nona hatte keine Erfahrung im Bergsteigen und Zole kaum mehr. Das Eis war ihr zufolge überwiegend flach. Der erste Schock war die Entdeckung, wie schnell eine scharfe Steigung an den Kräften zehrte. Trotz ihres regelmäßigen Trainings konnte Nona nach einer halben Stunde nur noch schnaufen, und ihr frisch verheiltes Bein tat fast wieder so weh wie unmittelbar nach der Verletzung. Auf die Entdeckung, wie stark und kalt der Wind hier oben wehte, hätte sie auch gern verzichtet. Der Graupian zwang die Luftmassen ebenso zum Aufstieg wie die Novizinnen, und das schien den Wind so sehr zu erzürnen, dass er jede Wärme, die er im Tal vielleicht noch gehabt hatte, abwarf wie eine Last. Über ihnen glitzerte Frost auf den Felsen, und in jedem Spalt sammelte sich Eis.

»Sie holen auf.« Eine Schlange Glühwürmchen bewegte sich einen Berggrat entlang, den die Novizinnen sich vor kurzem hinaufgekämpft hatten. Die Soldaten gingen regelmäßig im Gebirge auf Patrouille und kannten sich hier aus. Der Vorteil lag auf ihrer Seite. »Fehlt nicht mehr viel.«

Zole grunzte.

»Wir werden es nicht schaffen, ihnen davonzulaufen.« Selbst in Nonas Ohren klang das nach Gejammer, aber sie war durchgefroren und erschöpft. Außerdem hatte sie ständig Angst vor den unsichtbaren Abgründen jenseits dieser zerklüfteten Kanten, die das violette Licht zu beiden Seiten hervorhob. Diese verborgenen Gefälle ängstigten sie mehr, als es die Tiefe unter dem Klingenpfad je vermocht hatte. »Zole!«

Zole blieb stehen, ohne nach hinten zu sehen. »Wir wollen ihnen ja gar nicht davonlaufen.«

»Sondern?« Nona machte ein finsteres Gesicht.

»Ich suche nach einer geeigneten Stelle, wo ich sie töten kann.«

»Töten …« Nona wandte sich zu den Verfolgern um. »Aber das sind Hunderte.«

»Hunderte, die dumm genug sind, jemanden im Gebirge zu verfolgen, der vor ihren Augen schon einen Erdrutsch ausgelöst hat.«

Nona beobachtete die blinkenden Lichtpunkte, deren Herannahen sich kaum wahrnehmen ließ. Jede dieser Laternen wurde von einer warmen Hand gehalten, und dazwischen kletterten weitere Soldaten herauf.

»Können wir uns nicht stattdessen verstecken?« Einen Feind zu töten, der die Waffe gegen sie erhob, fiel ihr nicht schwer. Aber so vielen Leben ein Ende zu setzen, Soldaten des Kaisers, die den Befehlen ihres Hauptmanns folgten … Das kam ihr falsch vor. Sie dachte wieder an Zoles Gesicht, als sie sich auf die Straße hochgezogen hatte, wie das Herzlicht es von unten erhellt hatte und im Spiel der Schatten etwas Dämonisches zu sehen gewesen war. Beherrschten jetzt die Teufel sie, ihr Herz fest in ihren Klauen?

Zole wandte sich um, und das Licht fiel über Nonas Schultern. Der Druck stieg, ein fast körperliches Herandrängen. »Es ist schwerer, uns im Fels zu verstecken, als sie darunter zu begraben. Und wenn wir uns verstecken, kommen wir nicht voran. Sie würden uns einkesseln. Es sind bestimmt auch Noi-Guin unter ihnen, und von denen können manche vielleicht genauso wie du und ich die Nähe des Schiffsherzens spüren. Da hätten sie uns rasch gefunden.«

Nona schlang sich die Arme um den Leib und sagte nichts. Es gab ja nichts zu sagen. Dieses eine Mal hatte Zole schon alles gesagt.

Über den Gipfeln brach die Dämmerung an, eine graue Welle, die blasses Licht auf die Hänge warf. Die schwarze Schlange, deren Kopf sich nur noch wenige hundert Meter hinter ihnen befand, löste sich in einzelne Gestalten auf.

Zole erklomm eine Felswand, die nahezu senkrecht hinaufführte und durchaus die Bezeichnung »Kliff« verdient hatte. Nona starrte auf das glatte Gestein und hatte keine Ahnung, wie Zole dort hinaufkam, und dennoch stieg die Auserwählte problemlos höher, das Schiffsherz jetzt, wo sein Licht nicht mehr gebraucht wurde, im Rucksack verstaut.

»Wie um alles in der Welt …?« Nona zuckte die Achseln, sammelte ihre Kraft und kletterte los, indem sie ihre Fehlklingen in den Fels rammte.

Hier und da stieß sie auf Stellen, wo die Oberfläche des Gesteins anders aussah, gewellt irgendwie, als wäre Butter geschmolzen und wieder fest geworden, bevor sie herunterfließen konnte. Zole formte sich Grifflöcher, die sich hinter ihr wieder schlossen. Das verschaffte ihnen Zeit. Die Soldaten mussten sich erst einmal von einem richtigen Bergsteiger ein Seil legen lassen oder einen Umweg finden.