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Welches Geheimnis hüten die alten Mauern der Elite-Universität Lund? Eine verschwundene Studentin, ein Sommer voller Lügen An einem drückend heißen Sommerabend verschwindet die Studentin Isabelle Karlsson von der Party eines erfolgreichen Technologieunternehmens, gegründet von zwei ehemaligen Studenten der Universität Lund. Der charismatische CEO Martin Zenberg beteuert, weder er noch sein Unternehmen hätten irgendeine Verbindung zu der jungen Frau – doch ist er wirklich glaubwürdig? Ein Fall, der nie wirklich abgeschlossen war Fredrika Storm und Henry Calment entdecken Parallelen zum Mord an der Studentin Petra Olsen, die sieben Jahre zuvor getötet wurde. Zwar gibt es einen verurteilten Täter, doch die damaligen Ermittlungen zeigen eklatante Mängel. Was ist wirklich mit den beiden Frauen passiert? Und wer profitiert bis heute von der offiziellen Wahrheit? Ein Ermittlerduo gegen ein Netzwerk aus Macht und Schweigen Zwischen Elite-Universität, Start-up-Glitzerwelt und einer Kultur des Wegschauens stoßen Fredrika und Henry auf widersprüchliche Aussagen, verschwiegene Beziehungen und Spuren, die nie hätten verschwinden dürfen. Je näher sie den Kreisen um Martin Zenberg kommen, desto gefährlicher wird die Suche nach Isabelle Karlsson – und nach Gerechtigkeit für Petra Olsen. Atmosphärisch, vielschichtig, klug – mit einem unvorhersehbaren Ende ›Schattenmädchen‹ beruht auf wahren Verbrechen an der Elite-Universität Lund und führt die Erfolgsserie um Fredrika Storm eindringlich fort. Frida Skybäck, 1980 in Göteryd geboren, lebt heute mit ihrer Familie in Lund – dem Schauplatz ihrer Reihe – und hat als Autorin internationale Bekanntheit erreicht. Bei dtv sind bereits erschienen: ›Schwarzvogel‹ und ›Eisenblume‹, die beide auf wochenlang auf schwedischen Bestsellerliste standen. »Frida Skybäck schreibt hervorragend. ›Schattenmädchen‹ ist unglaublich spannend!« Pascal Engman, schwedischer Bestsellerautor Bisher sind von der Frederika Storm-Reihe von Frida Skybäck bereits erschienen: Band 1: Schwarzvogel Band 2: Eisenblume
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Welches Geheimnis hüten die alten Mauern der Elite-Universität Lund?
An einem drückend heißen Sommerabend verschwindet die Studentin Isabelle Karlsson von der Party eines erfolgreichen Technologieunternehmens, das von zwei ehemaligen Studenten der Universität Lund gegründet wurde. Der charismatische CEO Martin Zenberg behauptet, weder er noch das Unternehmen hätten irgendeine Verbindung zu der jungen Frau – aber ist er wirklich glaubwürdig?
Fredrika Storm und Henry Calment entdecken Gemeinsamkeiten mit dem Mord an der Studentin Petra Olsson, die sieben Jahre zuvor getötet wurde. Zwar gibt es einen verurteilten Mörder, aber die damaligen Ermittlungen weisen erhebliche Mängel auf.
Was ist wirklich mit den beiden Frauen passiert?
Von Frida Skybäck ist bei dtv außerdem erschienen:
Eisenblume
Schwarzvogel
Frida Skybäck
Ein Fall für Fredrika Storm
Aus dem Schwedischen von Julia Gschwilm
Ad utrumque paratus – Zu beidem bereit
Motto der Universität Lund
Benommen blickte sie sich um. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Sie wusste nicht, wo sie war, und als sie sich zu erinnern versuchte, war da nichts.
Die Finsternis um sie herum war kompakt, doch sie meinte, die Konturen einiger Möbel zu erkennen. Einen Schrank in der Ecke und einen Nachttisch gleich neben ihr. Außerdem war der Untergrund weich und sie begriff, dass sie auf einem Bett lag.
Sie schluckte mühsam. Wieder versuchte sie, sich zu erinnern, aber das Einzige, was ihr einfiel, war die Klausur: Das metallische Klicken der Kugelschreiber, der unangenehme Geruch unzähliger schwitzender Studenten und das Brummen des Lüftungssystems, das sich ab und zu einschaltete. Und dann das Gefühl danach, die Erleichterung, als alles vorbei war. Sein Lächeln, als er draußen auf sie wartete und fröhlich von der Party erzählte.
Das musste doch heute gewesen sein?
Ein plötzlicher Schmerz pulsierte in ihrem Kopf, und sie spürte, wie Übelkeit in ihr aufstieg. Ermahnte sich, still zu liegen, und begriff, dass sie offenbar zu viel getrunken hatte. Sich zu erbrechen, womöglich im Bett eines wildfremden Menschen, war das Letzte, was sie jetzt wollte. Gleichzeitig war es eigenartig, dass sie sich nicht an mehr erinnerte. Sie trank eigentlich nie besonders viel.
Erneut rumorte es in ihrem Magen, ein brennendes Aufstoßen, das ihr durch die Brust in den Mund schoss. Instinktiv drehte sie sich zur Seite, doch sie wurde in der Bewegung gestoppt. Etwas hielt ihre Handgelenke fest.
Sie spuckte und hustete, Galle lief ihr über die Wange, während sie es noch einmal versuchte. Sie riss und zerrte, aber ihre Arme waren links und rechts festgezurrt, und jetzt merkte sie, dass auch die Füße gefesselt waren.
Erlaubte sich jemand aus ihrem Kurs einen Scherz mit ihr? Wenn, dann war das auf jeden Fall ein verdammt schlechter Scherz.
»Hallo?«, rief sie mit Panik in der Stimme. »Ist da jemand? Hilfe! Ich werde hier festgehalten!«
Doch niemand antwortete.
Weitere Bilder tauchten aus dem Nebel auf. Sie sah den Partyraum und Grüppchen von lachenden Menschen, spürte das Pulsieren der Beats und den Drink in ihrer Hand. Aber sosehr sie sich auch anstrengte, sie konnte sich nicht erinnern, die Party verlassen zu haben.
Ihr Herz schlug wie verrückt.
Sie musste noch im Gebäude sein.
Wieder versuchte sie, sich loszureißen, fühlte mit den Fingern an dem Stoff, der um ihre Handgelenke gebunden war. Die linke Hand saß lockerer als die rechte, und sie drehte und wand sich, damit der Stoff nachgab. Nahm all ihre Kraft zusammen, aber es half nichts.
Da hörte sie ein Geräusch. Mit einem leisen Quietschen ging die Tür auf. Kein Licht drang herein, doch sie spürte die Anwesenheit eines anderen Menschen.
»Bitte«, flehte sie. »Lass mich frei. Ich will einfach nur nach Hause.«
Stille. Alles, was sie vernahm, war ihr eigener Atem und für einen Moment fragte sie sich, ob es nur Einbildung gewesen war. Vielleicht war sie noch immer allein. Doch plötzlich räusperte sich jemand.
»Es ist alles in Ordnung«, flüsterte eine Männerstimme. »Bleib einfach still liegen, dann darfst du bald gehen.«
Die Stimme war kalt und besonnen. Das hier war kein Versehen, kein schlechter Scherz, der aus dem Ruder gelaufen war.
Eine Welle von Todesangst brach über sie herein. Sie fing an zu rufen, brüllte, so laut sie konnte. Wenn sie noch immer auf dem Fest war, musste es irgendjemanden geben, der sie hörte.
Sie rief und schrie und trat mit den Füßen, doch nichts passierte.
Warum kam niemand?
Erschöpft hielt sie inne, blieb regungslos liegen. Sie versuchte, die Konturen des Mannes zu erkennen. Wenn sie ruhig mit ihm sprach, konnte sie ihn vielleicht überreden, sie freizulassen. Aber sie sah noch immer nichts, wusste noch nicht einmal, auf welcher Seite des Bettes er sich befand.
»Mach mich los, dann zeige ich dich nicht bei der Polizei an«, sagte sie mit fester Stimme, obwohl ihr Herz raste, und versuchte gleichzeitig, ihre linke Hand freizubekommen.
Als er nicht antwortete, stieg erneut Todesangst in ihr auf. Aus dem Augenwinkel nahm sie eine Bewegung wahr und plötzlich war er ganz nahe. Sie spürte seinen Atem auf ihrer Haut, roch einen unangenehmen, süßlichen Geruch.
Ihr ganzer Körper zitterte und sie zuckte zusammen, als seine Hand ihren Oberschenkel berührte.
Schaudernd kniff sie die Augen zusammen.
Wimmerte.
»Bitte«, flehte sie. »Ich tue alles, wenn du mich nur freilässt.«
Doch sie bekam keine Antwort.
Montag, 25. Mai
Obwohl es erst zehn Uhr war, stand die Sonne bereits hoch am Himmel. Sie schien unbarmherzig durchs Fenster und verwandelte das Besprechungszimmer in eine Sauna.
Fredrika Storm zupfte an ihrem Hemd, damit es nicht am Körper klebte, und sah zu ihrem Chef Kent Holmström hinüber, der fieberhaft versuchte, die Jalousien zu schließen. Doch zu viele der Aluminiumlamellen waren verbogen und wie sehr er es auch versuchte, sie drehten sich einfach nicht in die richtige Richtung. Schließlich gab er es auf und ließ sich auf den Stuhl am Kopfende des Tisches sinken.
»Soll ich vielleicht mal nachfragen, ob sie die Jalousien auswechseln können?«, schlug Helmi Mäkinen vor, während sie mit einem Papierstapel vor ihrem Gesicht herumwedelte, um sich abzukühlen.
»Ich fordere schon seit Jahren neue an«, keuchte Kent. »Aber es passiert einfach nichts. Wenigstens einen verdammten Ventilator sollten sie doch wohl organisieren können, wenn diese Gluthitze hier noch länger anhält.« Er rückte seinen Stuhl in den Schatten. »Okay, lasst uns schnell alles durchgehen, damit wir hier rauskommen. Dragan!«, sagte er auffordernd.
Dragan Popovic, der Einzige aus der Gruppe, der nicht unter der Hitze zu leiden schien, die seit Tagen in Südschweden herrschte, streckte sich auf seinem Stuhl.
»Kent hat mich gebeten, die Sicherheitsmaßnahmen für eine Delegation aus China zu planen, die in gut zwei Wochen nach Lund kommt, und je nach Lage könnte ich vielleicht noch Hilfe gebrauchen.«
»Worum geht es dabei?«, wollte Fredrika wissen.
»Ein Unternehmen, das BubbleBuy kaufen will.«
»BubbleBuy?« Bengt »Blitz« Runge blickte ihn fragend an und Fredrika sah, wie Henry Calments Miene sich aufhellte. Er liebte es, Dinge zu erklären.
»BubbleBuy ist eine App, die Martin Zenberg und Richard Paulsson entwickelt haben, als sie noch Studenten an der Technischen Hochschule in Lund waren. Sie basiert auf einem Programm, das Menschen hilft, ihre Einkäufe zu planen, und ist, soweit ich verstanden habe, unglaublich erfolgreich.«
Dragan nickte.
»Die App hat über zwanzig Millionen Nutzer in Europa und jetzt will eine chinesische Firma sie kaufen.«
»Okay.« Fredrika runzelte die Stirn. »Und warum sind dafür besondere Sicherheitsmaßnahmen notwendig?«
»Die Nutzer registrieren eine ganze Menge persönliche Informationen in der App und manche halten es für eine schlechte Idee, dass China Zugang dazu bekommt«, sagte Dragan. »Deshalb war die Stimmung teilweise sehr aufgeladen und BubbleBuy musste einiges an Kritik einstecken. Sie haben sogar Drohungen bekommen.«
Kent räusperte sich.
»Dragan, du hältst Kontakt mit dem Außendienst und bringst in Erfahrung, was für Hilfe sie von uns brauchen.«
Dragan nickte und Kent öffnete eine Mappe, die vor ihm auf dem Tisch lag.
»Dann gibt es noch eine andere Sache, die uns zugeteilt wurde. Eine Studentin, die am Wochenende als vermisst gemeldet wurde.« Er schob ein Foto in ihre Richtung, auf dem eine junge Frau zu sehen war. »Isabelle Karlsson, fünfundzwanzig Jahre alt. Sie wohnt im Studentenwohnheim in Delphi und studiert am Institut für Soziologie. Am Samstag hätte Isabelle ihre Mutter Karna besuchen sollen, aber sie ist dort nicht aufgetaucht. Weil sie Isabelle telefonisch nicht erreichen konnte, ist die Mutter dann zu ihrem Wohnheim gefahren, aber die Wohnung war leer.«
Fredrika nahm das Bild und betrachtete die Studentin, die auf einer Parkbank saß. Das dunkle Haar rahmte ein hübsches Gesicht ein und sie lächelte geheimnisvoll in die Kamera.
Vermisstenfälle bereiteten Fredrika immer Unbehagen. Besonders, wenn es um junge Frauen ging. Die meisten von ihnen tauchten zwar wohlbehalten wieder auf, aber sie hatte auch schon andere Fälle erlebt.
»Wann hat die Mutter zuletzt etwas von ihr gehört?«
»Am Freitagnachmittag.«
Kent wurde von einem lauten Dröhnen von der Straße unterbrochen. Wahrscheinlich ein schwerer Lastwagen, der vorbeifuhr, doch niemand hatte Lust, die Jalousien hochzuziehen, um nachzusehen, also warteten sie stattdessen ab, bis das Geräusch vorbei war.
»Gibt es irgendeine Vorgeschichte mit Missbrauch oder psychischen Problemen?«, fuhr Fredrika fort.
»Nicht, dass wir wüssten«, sagte Kent. »Aber der ursprüngliche Bericht ist nicht sehr umfangreich. Wir bräuchten mehr Information.«
»Vermutlich ist sie bei irgendeiner Freundin«, warf Henry ein.
»Ja.« Kent nickte. »In den meisten Fällen handelt es sich um ein Missverständnis oder jemand will einfach in Ruhe gelassen werden. Aber ich möchte trotzdem, dass Fredrika und du hinfahrt und mit der Mutter redet, damit wir uns ein besseres Bild machen und dann eine Risikoeinschätzung vornehmen können.«
Das Haus befand sich in Nilstorp, einem südlichen Stadtteil von Lund. Als Fredrika die Autotür öffnete, schlug ihr die Hitze entgegen. Sie blickte auf ihre Jeans hinunter und bereute, dass sie sie angezogen hatte, wusste aber gleichzeitig, dass es nicht sonderlich viele Alternativen gab. Als Ermittlerin musste sie keine Uniform tragen, aber sie konnte auch nicht im Rock oder Blumenkleid in der Dienststelle auftauchen und dünne Leinenhosen oder Shorts wirkten ebenfalls nicht besonders vertrauenerweckend. Also griff sie zu Jeans oder Anzughosen. Was von beidem bei der Hitze schlimmer war, konnte sie nur schwer entscheiden.
Sie blickte zum Haus hinüber. Es wirkte ein wenig vernachlässigt. Die Dachpfannen waren fleckig von Flechten und Moos, die kleine Garage sah aus, als müsste sie dringend gestrichen werden, und hier und da bröckelte der Putz von der Hauswand.
Fredrika und Henry traten in den Garten, der trotz der frühen Jahreszeit schon ziemlich zugewachsen war. Auf dem Grundstück lagen alle möglichen Dinge herum: Säcke mit Pflanzenerde, ein rostiger Handrasenmäher, Pflanzkisten, Spielsachen. Es gab zwei kleine Schuppen und Spaliere, an denen Grünpflanzen hochrankten und neben einem wackeligen Zaun pickten fünf braungefleckte Hühner in der Erde.
Eine Frau mit einem Tuch um das helle Haar kam durch die Terrassentür heraus, einen verstrubbelten blonden Jungen auf der Hüfte. Er sah eigentlich zu groß aus, um getragen zu werden, vermutlich war er vier oder fünf Jahre alt. Die Frau trug geflickte Jeans-Shorts und ein T-Shirt, das ihre muskulösen Arme erkennen ließ. Sie hatte ein hübsches Gesicht und denselben breiten Mund wie Isabelle, doch etwas an ihr wirkte verhärtet. Die Furchen unter den Augen zogen sich bis zu den Wangenknochen und verliehen ihr einen müden Ausdruck, der nicht zu den puppenhaften Zügen passte. Wenn das Isabelles Mutter war, musste sie ihre Tochter recht jung bekommen haben.
»Karna?« Fredrika wartete, bis die Frau nickte, dann stellte sie sich und Henry vor.
Die Frau zog das Kind höher auf die Hüfte.
»Haben Sie sie gefunden?«, fragte sie übergangslos.
Henry deutete auf ein paar abgewetzte Gartenmöbel, die im Schatten eines Baumes standen. »Können wir uns setzen?«
Karnas Miene verriet Misstrauen.
»Sagen Sie einfach, was Sie wissen. Haben Sie meine Tochter gefunden?«
Henry öffnete den Mund, um zu antworten, doch Fredrika kam ihm zuvor.
»Nein, noch nicht. Wir sind hier, um Ihnen ein paar Fragen zu stellen.«
»Damit Sie beurteilen können, ob sie es wert ist, nach ihr zu suchen«, schnaubte sie. »Isabelle ist seit Freitag verschwunden und Sie haben noch nicht einmal angefangen.«
»Es wurden Ermittlungen eingeleitet«, sagte Fredrika, obwohl sie wusste, dass Karna recht hatte. Die Anzahl an Personen, die jedes Jahr verschwanden, war viel zu hoch, als dass die Polizei aktiv nach allen suchen konnte. Deshalb wurde vorab eine Einschätzung vorgenommen, wie groß die Gefahr war, in der sich der oder die Vermisste befand. Handelte es sich um jemanden, der ernsthaft krank, alt oder minderjährig war, wurde der Fall priorisiert.
Dass eine pflichtbewusste Fünfundzwanzigjährige, die weder an einer psychischen Krankheit litt, noch auf irgendeine andere Art gefährdet war, sich ein paar Tage nicht bei ihrer Familie meldete, war dagegen nicht ungewöhnlich und wurde dementsprechend auch nicht priorisiert.
Karna starrte sie wütend an.
»Was macht das für einen Unterschied, wenn Sie sowieso nicht suchen?« Ihre Stimme klang hart. »Meine Nachbarn und ich sind die ganze Nacht draußen gewesen. Wir sind zu all den Orten gefahren, wo Isabelle sich normalerweise aufhält, aber sie war nirgends.«
»Wann haben Sie zuletzt etwas von Ihrer Tochter gehört?«, wollte Henry wissen. Die Angabe stand zwar bereits im Polizeibericht, aber sie wussten aus Erfahrung, dass es sich immer lohnte, diese Art von Information noch einmal zu kontrollieren. Nicht selten änderte sich die ursprüngliche Aussage, wenn die Angehörigen mehr Zeit zum Nachdenken gehabt hatten. Manchmal tauchten neue sachdienliche Details auf.
Karna blickte den Jungen an.
»Ich bringe ihn nur kurz rein zu seiner großen Schwester.«
Sie verschwand im Haus, kam aber gleich darauf zurück. In der Hand hielt sie ein gerahmtes Foto, das sie Fredrika reichte. Es zeigte Isabelle auf einem Sofa sitzend. Sie trug T-Shirt und Shorts und sah mit einem ähnlich durchdringenden Blick in die Kamera wie auf dem anderen Foto. Auf dem Schoß hatte sie den Jungen, den sie gerade gesehen hatten, und ein Mädchen, ihre Schwester, wie Fredrika vermutete.
»Ich möchte, dass Sie das Bild mitnehmen«, sagte Karna, »damit Sie nicht vergessen, dass Sie nach einem echten Menschen suchen, der von vielen geliebt und vermisst wird.«
Fredrika nahm das Foto entgegen. Sie verstand Karna. Es war normal, dass Angehörige den Kontakt mit der Polizei als steif und bürokratisch erlebten.
»Wann hatten Sie zuletzt Kontakt zu ihr?«
»Am Freitagnachmittag«, antwortete Karna. »Ich habe ihr eine WhatsApp geschrieben und gefragt, wie die Klausur war, und sie hat geantwortet, dass es gut gelaufen ist. Aber das habe ich schon den Polizisten erzählt, mit denen ich am Samstag gesprochen habe.«
»Und dann haben Sie vereinbart, dass Isabelle am Samstag zum Mittagessen zu Ihnen kommen sollte?«
Karna fuhr mit den Händen über ihre nackten Arme.
»Ja. Sie kommt manchmal am Wochenende her, um ihre Geschwister zu sehen und mir zu helfen.« Sie hob den Kopf und nagelte Fredrika mit dem Blick fest. »Es sieht ihr nicht ähnlich, sich nicht zu melden. Isabelle ist immer zuverlässig. Wenn sie sagt, dass sie kommt, dann macht sie das auch. Als sie mittags nicht aufgetaucht ist, hab ich sie angerufen, aber ich kam nicht durch. Da bin ich zu ihrem Wohnheim gefahren. Ich dachte, sie ist vielleicht krank geworden und schläft und merkt nicht, dass ihr Handy-Akku leer ist. Aber in der Wohnung war niemand.«
»Okay.« Fredrika nickte. »Sie waren also in ihrer Studentenwohnung?«
»Das hab ich doch gerade gesagt.«
»Gab es irgendetwas in der Wohnung, das Ihnen aufgefallen ist? Irgendetwas, das ungewöhnlich wirkte?«
Karna steckte die Hand in die Tasche ihrer Shorts und zog ein Schlüsselbund heraus. »Nein. Sie können selbst nachsehen, wenn Sie wollen.« Sie machte einen Schlüssel los, den sie Fredrika reichte.
»Ist so etwas noch nie vorgekommen? Dass sie irgendwo hinfährt und vergisst, sich abzumelden? Oder hat sie schon mal ihr Handy verloren?«, fragte Henry.
»Nein, nie.«
»Wissen Sie, ob sie am Freitagabend irgendwas unternehmen wollte?«
Karna schüttelte den Kopf und blickte zu Boden.
»Hat sie einen Partner?«, erkundigte sich Fredrika.
»Einen Freund? Nein«, antwortete Karna.
»Im Bericht steht, dass sie an der Uni studiert. Sozialanthropologie«, las Fredrika aus ihren Notizen.
»Sie ist im zweiten Semester.«
»Hat sie engeren Kontakt zu jemandem aus ihrem Studiengang? Oder hat sie andere Freunde, die sie öfter trifft und denen sie sich anvertraut?«
Karna sah nachdenklich aus.
»Soweit ich weiß, hat Isabelle keinen Kontakt mehr zu ihren Schulfreunden, aber sie lernt oft zusammen mit einer Kommilitonin. Leider bin ich furchtbar schlecht in Namen.« Sie presste zwei Finger gegen ihre Stirn, als würde ihr das beim Nachdenken helfen. »Irgendwas mit D, glaube ich.« Sie zog eine Grimasse und seufzte. »Isabelle ist ziemlich introvertiert. Sie bleibt meistens für sich, sitzt gerne zu Hause und zeichnet und hört Musik und solche Dinge.«
»Und sie hat keine Interessen, die erklären könnten, dass sie nicht zu erreichen ist?«
»Was meinen Sie?«
»Wandern zum Beispiel oder Angeln.«
Karna stieß hörbar Luft aus.
»Darauf habe ich schon geantwortet. Nein, sie ist nicht beim Campen und sie hat auch keine Freunde oder Verwandte im Ausland oder in anderen Teilen Schwedens, zu denen sie gefahren sein könnte.«
Henry blinzelte verlegen in die Sonne.
»Hat Isabelle jemals finanzielle Probleme gehabt?«
»Nicht, dass ich wüsste. Sie hat einen Studienkredit.«
»Jobbt sie irgendwo?«
Karna schüttelte den Kopf.
»Isabelle ist es gewohnt, mit sehr wenig auszukommen. In den letzten Jahren ist sie viel herumgereist, vor allem in Asien. Ihren Lebensunterhalt hat sie mit allem Möglichen verdient.« Ihre Augen wurden feucht. »Ich dachte schon, sie würde nicht mehr nach Hause kommen, und war so froh, als sie beschlossen hat, zu studieren. Isabelle war immer rastlos, aber sie hat ein gutes Herz. Sie setzt sich immer für andere Menschen ein. Sie ist ein ganzes Jahr in Jakarta geblieben, weil es ihr so schwerfiel, die Kinder in dem Kinderheim zu verlassen, in dem sie gearbeitet hat, und sie hat Indonesisch und Mandarin gelernt, um sich mit ihnen verständigen zu können. Wenn sie mit ihrem Studium fertig ist, will sie in der Entwicklungshilfe arbeiten.«
Karna verstummte. Sie schwankte leicht, als würde der Gedanke an ihre Tochter sie aus dem Gleichgewicht bringen.
Fredrika wechselte einen Blick mit Henry. Sie musste ein heikles Thema ansprechen, aber sie hatte keine andere Wahl.
»Wie ging es Isabelle in letzter Zeit?«
Karna blickte sie verständnislos an.
»Wie meinen Sie das?«
»War sie deprimiert oder hatte sie Drogenprobleme oder irgendwelche anderen Schwierigkeiten?«, fragte Fredrika vorsichtig.
»Dann hätte ich das ja wohl erzählt.« Karna verschränkte die Arme vor der Brust. »Es gibt keine logische Erklärung für Isabelles Verschwinden. Sie würde niemals etwas tun, um mich oder ihre Geschwister zu verletzen.«
»Sie hat nicht traurig gewirkt oder von irgendwelchen Ängsten oder Ähnlichem gesprochen?«, ergänzte Henry.
Eines der Hühner gab plötzlich ein lautes Gackern von sich, woraufhin die ganze Schar quer über den Rasen rannte.
Karna sah aus, als würde sie sich sammeln, bevor sie sich Henry zuwandte. In ihre Augen waren Tränen getreten.
»Nein, das sage ich doch. Deshalb bin ich ja so beunruhigt. Irgendwas muss meiner Tochter passiert sein.«
Verwundert blickte sich Fredrika auf dem alten Krankenhausgelände um, das inzwischen ein Teil der Universität war. Es herrschte hier eine ganz eigene Stimmung, fast als befände man sich in einer anderen Welt.
Sie gingen zum Institut für Soziologie, das früher eine Lungenklinik gewesen war. Das stattliche Gebäude nördlich des Paradisvägen bestand aus zwei miteinander verbundenen Teilen, einem älteren aus gelblich grauen und einem neueren aus roten Ziegelsteinen. Die Fassade war teilweise mit wildem Wein bedeckt. Momentan war er knallgrün, doch im Herbst wechselte er die Farbe zu orangerot, und das ganze Gelände erinnerte an alte englische Universitäten wie Oxford und Cambridge.
Wie erwartet war das Gebäude voller Studenten. Die Mehrheit von ihnen mochte Anfang zwanzig sein, doch viele wirkten noch wie Teenager mit ihren roten Wangen und den ungekämmten Haaren. Andere gaben sich betont erwachsen. Mit geradem Rücken und ernstem Blick stolzierten sie durch die Flure, die Arme voller Bücher.
Ein junger Mann in einem bis oben zugeknüpften Hemd, mit einer altmodischen Brille auf der Nase, stand an einem Fensterbrett und schrieb eifrig, während ein anderer ihm aus einem voluminösen Buch vorlas.
Fredrika fand, sie sahen alle sehr beschäftigt aus, in wichtige Gespräche vertieft oder mit einem klaren Ziel vor Augen, einer Bibliothek oder einer Lerngruppe in einem abgelegenen Gruppenraum.
»Ich liebe diesen Ort«, sagte Henry.
»Was genau liebst du daran?« Fredrika musterte einen Papierkorb, der von leeren Energy-Drink-Flaschen und Bananenschalen überquoll, während eine Gruppe Mädchen mit schweren Rucksäcken sich an ihnen vorbeidrängte. »Den Geruch nach Schweiß und Snus oder den Geräuschpegel?«
»Die Energie.« Henry lächelte. »Das aufregend Neue. Ich habe selbst ein paar Semester hier studiert und es geliebt.«
»Geliebt? Wirklich?«
»Es ist ein herrliches Gefühl, die ganze Zukunft vor sich zu haben. Jede Vorlesung, die man in den ersten Semestern hört, eröffnet einem neue Welten. Man beschäftigt sich den ganzen Tag mit Themen, die einen wirklich interessieren, wird immer selbstständiger auf seinem Gebiet. Hattest du während deines Studiums nicht dieses Gefühl?«
Fredrika schüttelte den Kopf. Sie konnte sich nicht erinnern, dass sie beim Lernen je derart in Euphorie geraten wäre. Für sie war die Polizeihochschule ein Mittel gewesen, um ein Ziel zu erreichen, und sie hatte es weder genossen, in Vorlesungen zu sitzen, noch Fachliteratur zu lesen und Prüfungen zu schreiben.
»Wo müssen wir hin?«, fragte sie.
Henry blickte auf sein Handy, in dem er Isabelle Karlssons Stundenplan gespeichert hatte, und deutete mit einem Kopfnicken auf eine Tür vor ihnen. Sie war nur angelehnt.
Als Fredrika durch den Türspalt spähte, war sie fast enttäuscht. Aus irgendeinem Grund hatte sie gedacht, die Kursräume einer traditionsreichen Universität würden anders aussehen als die aller anderen Bildungseinrichtungen, die sie besucht hatte, aber das taten sie nicht. Der Raum bestand aus fünf Bankreihen aus hellem Holzlaminat, einem kathederähnlichen Tisch und einem Whiteboard. Ganz vorne stand ein Mann um die sechzig mit einer farbenfrohen Weste, grauem wallendem Haar und einer Lesebrille auf der hohen Stirn. Er war gerade mitten in einem Satz, unterbrach sich jedoch, als er sie sah.
»Kann ich Ihnen helfen?«
Mit leiser Stimme erklärte Henry ihr Anliegen, während Fredrika in etwa dreißig neugierige Augenpaare blickte. Die Studenten saßen still da und warteten.
Der Mann kam auf sie zu, streckte die Hand aus und begrüßte sie.
»Peder Sturfeldt. Ich bin Professor hier am Institut und leite diesen Kurs.«
»War Isabelle Karlsson heute hier?«, fragte Henry.
»Nicht in meinen Vorlesungen.«
»Wann haben Sie sie zuletzt gesehen?«
Er zog einen kleinen Kalender aus der Westentasche, schob die Lesebrille auf seine Nasenspitze hinunter und blätterte konzentriert.
»Sie war am Donnerstagnachmittag hier. Und dann hat sie am Freitag eine Klausur geschrieben, zwischen zwölf und vier, im Mathe-Anbau in der Sölvesgatan. Ich selbst war nicht dort«, fügte er hinzu. »Aber sie wurde als anwesend registriert.«
»Wäre es in Ordnung, wenn wir Ihren Studenten ein paar Fragen stellen?«, erkundigte sich Fredrika.
Er nickte, und sie wandte sich den aufmerksamen Gesichtern zu.
»Wir sind von der Polizei und versuchen, Kontakt zu Isabelle Karlsson aufzunehmen. Gibt es hier jemanden, der sie in den letzten Tagen gesehen oder mit ihr gesprochen hat?«
Niemand antwortete, aber mehrere schüttelten den Kopf.
»Niemand, der am Wochenende etwas von ihr gehört hat?«, versuchte es Henry.
Wieder blieb es still. Doch dann hob eine junge Frau mit Pferdeschwanz und Strickjacke die Hand.
»Ich hab sie gesehen, als wir Klausur geschrieben haben.«
Mehrere Studenten begannen, miteinander zu tuscheln.
»Ja, das letzte Mal am Freitag«, ergänzte ein Junge mit schiefer Nase.
»Okay. Hat jemand von Ihnen auch außerhalb der Uni Kontakt mit ihr?«
Die Gesichter wandten sich nach hinten, zu einem Mädchen, das ganz in der Ecke saß. Sie hatte hellbraunes Haar, das unvorteilhaft geschnitten war. Die allgemeine Aufmerksamkeit war ihr sichtlich unangenehm. Ihre Augen flackerten und ihr Hals wurde rot.
»Denise«, rief jemand. »Du bist doch öfter mit Isabelle unterwegs.«
Es dauerte ein paar Sekunden, dann brachte das Mädchen ein dünnes »Ja« heraus.
»Dann möchten wir gern mit Ihnen sprechen«, sagte Fredrika, so sanft sie konnte, und folgte Denise mit dem Blick, als sie verlegen ihre Sachen zusammenraffte und aus dem Zimmer eilte.
Sie gingen ein Stück den Flur entlang, bis sie außer Hörweite des Kursraums waren, dann stellte Henry sich und Fredrika noch einmal vor.
»Sie sind also mit Isabelle befreundet?«, fuhr er fort.
»Ja«, antwortete sie schüchtern.
»Wie lange kennen Sie sich?«
»Wir haben uns bei der Erstsemester-Party kennengelernt. Im August.«
»Sind Sie viel zusammen?«
»Ziemlich. Wir lernen zusammen und so.« Die Röte wanderte weiter ihre Wangen hinauf.
»Und wann hatten Sie zuletzt Kontakt mit Isabelle?«, wollte Fredrika wissen.
»Am Freitag. Glauben Sie, ihr ist was passiert?«
Eine Gruppe Studenten kam auf sie zu und Fredrika wartete, bis sie vorbeigegangen waren.
»Isabelles Mutter hat sie am Wochenende als vermisst gemeldet. Sie hätte zum Mittagessen nach Hause kommen sollen, ist aber nicht dort aufgetaucht. Sie hatten nach der Klausur keinen Kontakt mehr mit ihr?«
Denise schüttelte den Kopf, ihre Augen weiteten sich.
»Ich hab ihr gestern eine Nachricht geschrieben, aber keine Antwort bekommen. Ich dachte, sie ist nur müde«, sagte sie mit leichter Panik in der Stimme. »Waren Sie in ihrer Wohnung?«
»Ihre Mutter war dort«, antwortete Fredrika. »Und wir fahren jetzt hin. Wissen Sie, ob Fredrika am Wochenende irgendwelche Pläne hatte?«
Denises Handy vibrierte in ihrer Hosentasche und sie legte rasch die Hand darüber, um den Klang zu dämpfen.
»Nein. Ich hab gefragt, ob sie am Freitagabend mit weggehen will, aber sie hat gesagt, sie ist zu fertig.«
»Wohin weggehen?«
»In die Blekingska Nation. Da gibt es einen Club.«
Henry räusperte sich.
»Ist das schon einmal vorgekommen? Also, dass Isabelle verschwunden ist?«
»Nicht, dass ich wüsste.«
»Und Sie haben in der letzten Zeit keine Veränderung in ihrem Verhalten bemerkt?«, fuhr Fredrika fort.
»Was für eine Veränderung?«
»War sie deprimiert oder hatte sie vor irgendetwas Angst?«
Denise drückte wieder die Hand auf ihr Telefon, als es erneut vibrierte.
»Wir waren beide ziemlich gestresst wegen der Klausur, aber sonst war Isabelle so wie immer. Aber jetzt mache ich mir Sorgen. Was könnte ihr denn zugestoßen sein?«
»Wir wissen es nicht. Vermutlich gibt für ihr Verschwinden eine ganz harmlose Erklärung«, sagte Fredrika.
Die Vorlesung war zu Ende und Denises Mitstudenten kamen in den Flur hinaus. Ein großer junger Mann mit weichen Locken, die ihm in die Stirn fielen, sah zu ihnen herüber und Fredrika registrierte, dass Denise seinen Blick suchte.
»Wissen Sie, ob es noch jemand anderen gibt, mit dem Isabelle regelmäßig Kontakt hat? Oder mit dem sie sich trifft?«
»Einen Jungen?«, fragte Denise abwesend und sah zu ihrem Kurs hinüber, der sich gerade in Auflösung befand und nach und nach durch das grüne Holztor verschwand. »Nein, das glaube ich nicht.« Sie verstummte und richtete den Blick wieder auf Fredrika. »Besser gesagt, sie hat am Anfang des Herbstsemesters jemanden gedatet, aber dann haben sie Schluss gemacht.«
»Wer hat die Sache beendet?«
»Isabelle hat ihn abserviert. Ich hab sie dazu ermuntert«, fügte sie hinzu. »Sie hat was Besseres verdient.«
»Wie heißt er?«, fragte Henry.
»Niclas. Göransson, glaube ich. Er arbeitet als Barista im Espresso House am Stortorget. Deshalb können wir da jetzt nicht mehr hingehen.«
Henry machte sich Notizen auf seinem kleinen Block.
»Haben sie sich gestritten?«
Sie zuckte mit den Schultern.
»Er war ein Idiot.«
Fredrika schluckte. Wenn Frauen verschwanden oder ihnen etwas passierte, nahm man immer als Erstes die Männer in ihrer Nähe unter die Lupe. Besonders Personen, mit denen sie eine Liebesbeziehung gehabt hatten.
»Hat er ihr irgendetwas getan?«
»Also, es fiel ihm schwer, zu akzeptieren, dass sie Schluss gemacht hat. Er ist nach unseren Seminaren aufgetaucht und wollte mit ihr reden. Obwohl sie ihn gebeten hat, sie in Ruhe zu lassen, ist er ihr nachgegangen. Und er hat ihr unangenehme Nachrichten geschickt«, murmelte sie, bevor ihr Blick wieder abschweifte. »Es tut mir leid, aber ich muss jetzt gehen. Ich muss noch mit dem Kursleiter reden, bevor seine nächste Vorlesung anfängt.«
Henry schrieb Denises Kontaktdaten auf und Fredrika gab ihr eine ihrer Visitenkarten.
»Wenn Sie etwas von Isabelle hören oder Ihnen etwas einfällt, was wichtig sein könnte, müssen Sie uns kontaktieren.« Sie versuchte, so viel Autorität wie möglich in ihre Stimme zu legen. Aber die einzige Reaktion, die Fredrika auslöste, war ein halbherziges Nicken, bevor Denise sich umdrehte und zum Kursraum zurückging.
Henry blickte zu dem Stückchen Himmel hinauf, das zwischen den dicht nebeneinander gebauten Häusern sichtbar war. Isabelle Karlssons Wohnung lag in einem unscheinbaren Ziegelblock in Delphi im Norden von Lund.
Das Studentenviertel, das Ende der Sechzigerjahre gebaut worden war, war für seine vielen Traditionen bekannt, wie beispielsweise das Elf-Uhr-Gebrüll, bei dem es darum ging, dass Studenten um Punkt elf Uhr abends ihre Panik vor Prüfungen hinausbrüllten. Früher hatte es hier auch die berühmten »Vierblättrigen Kleeblätter« gegeben, kreuzförmig angeordnete Häuser, auch »Selbstmordbaracken« genannt, weil sie Gemeinschaftsräume mit Deckenbalken hatten, an denen sich angeblich mehrere junge Menschen aus Angst vor ihren Prüfungen erhängt hatten. Doch die waren inzwischen abgerissen worden.
In der starken Sonne spendeten sich die Gebäude gegenseitig Schatten, was den kleinen Spaziergang vom Parkplatz bis zu Isabelles Haus erträglich machte.
Stirnrunzelnd musterte Henry die nüchternen Wohnblöcke. Immer wenn er derartige Studentenwohnheime sah, beschlich ihn ein ungutes Gefühl. An der Uni zu studieren konnte unglaublich viel Spaß machen, aber auch anstrengend sein. Die meisten Studenten waren jung und studierten in einer Zeit, in der alles im Ungewissen war. Das in Kombination mit dem hohen Druck, einer schwierigen finanziellen Lage und schlechten Angewohnheiten führte dazu, dass viele psychische Probleme bekamen. Auch wenn es Henry als Student gutgegangen war, hatte er viele Freunde gehabt, die auf diesem schmalen Grat balanciert waren und sich durch ihre Studienzeit gekämpft hatten.
Er lächelte Fredrika an, die in ihre eigenen Gedanken versunken schien.
»Hast du schon eine Entscheidung getroffen?«
»In Bezug auf was?«
»Deine Mutter.«
Sie sah auf einmal niedergeschlagen aus, als hätte er sie aus einem Zustand der Ahnungslosigkeit herausgerissen und in die Wirklichkeit gezerrt, bevor sie dafür bereit war.
Zwei Monate zuvor war Fredrika bei ihm aufgetaucht, nachdem es ihr endlich gelungen war, ihre Mutter aufzuspüren. Henry wusste damals bereits, dass Annika Fredrikas Familie verlassen hatte, als Fredrika noch ein Kind gewesen war, aber nicht, dass sie so intensiv nach ihr gesucht hatte. Es war ein Schock für sie gewesen, herauszufinden, dass ihre Mutter in einer Wohnung in Malmö wohnte, zusammen mit einer weiteren Tochter, einer Halbschwester, von deren Existenz Fredrika keine Ahnung gehabt hatte. Sie war völlig verzweifelt gewesen, als sie an diesem Abend bei Henry gewesen war. Zu erfahren, dass die Mutter noch am Leben war, war ein doppelter Schock, denn es bedeutete, dass sie sich bewusst gegen eine Beziehung zu Fredrika entschieden hatte. Annika war weder krank noch tot, sie lebte zwanzig Kilometer von ihr entfernt. Und sie hatte eine neue Familie.
Henry hatte Käse und Wein aufgetischt und zugehört und getröstet. Seitdem hatten sie die Sache mehrmals diskutiert. Fredrika war hin und her gerissen. Am einen Tag wollte sie einfach alles vergessen, um am nächsten zu dem Schluss zu kommen, dass sie Annika mit der ganzen Sache konfrontieren sollte. Man merkte, dass die Situation an ihr zerrte.
»Nein. Ich weiß immer noch nicht, was ich machen soll.«
»Hast du schon mit Jonas darüber geredet?«
Fredrika runzelte die Stirn.
»Auch das nicht.«
Henry seufzte. Er hatte Fredrika dazu ermuntert, ihrem Freund, dem Rechtsmediziner Jonas Chen, von Annika zu erzählen. Er begriff nicht, warum es ihr so schwerfiel, sich anderen Menschen zu öffnen. Henry war alles andere als ein Beziehungsexperte, aber sogar ihm war klar, dass es gefährlich war, den eigenen Partner über eine so wichtige Sache in Unkenntnis zu lassen.
Henry machte Anstalten, ihr seine Meinung diesbezüglich mitzuteilen, doch Fredrika hob abwehrend die Hände.
»Ich will nicht darüber reden«, sagte sie und ging zu Isabelle Karlssons Wohnungstür.
Sie klopften zweimal und kündigten sich an, doch als niemand öffnete, benutzten sie den Schlüssel, den sie von Isabelles Mutter bekommen hatten, und betraten eine kleine Diele. An einer Wand hing ein bunter Fächer und auf einem niedrigen Schuhregal standen drei Paar Schuhe.
Henry untersuchte die Tür. Es gab keinerlei Anzeichen dafür, dass jemand eingebrochen war oder dass irgendetwas Dramatisches in der Wohnung passiert war. Möbel und Bilder schienen dort zu stehen und zu hängen, wo sie sollten, und der Teppich in der Diele lag akkurat in der Mitte des Bodens.
»Hübsches Apartment«, konstatierte Fredrika.
Henry ging zu der kleinen Kochnische hinüber. Durch die dünnen Gardinen strömte das Sonnenlicht herein und auf dem Fensterbrett standen mehrere Topfpflanzen.
Die Wohnung war klein, aber sie wirkte gemütlich, und Henry sah ein, dass er seine Meinung über diese Art von Studentenwohnheimen vielleicht noch einmal überdenken sollte. Er fuhr mit den Fingern über die abgewischte Arbeitsfläche. Neben dem Herd lag ein halber, in Frischhaltefolie gewickelter Sandkuchen. Auf dem runden Tisch standen ein schmutziger Teller und eine Kaffeetasse.
Henry öffnete den Kühlschrank, in dem sich ein Stück Gurke, ein paar Karotten, Zwiebeln, Butter, Käse, Joghurt und Milch befanden. Er hob die Milchpackung an. Sie war halb voll und lief in zwei Tagen ab. Als er die Kühlschranktür schloss, fiel sein Blick auf die Konzertkarte einer populären Rockband, die unter einem Magneten an der Tür hing. Die Band war am Samstag im Kulturzentrum Mejeriet aufgetreten. Henry hatte davon in der Zeitung gelesen.
Fredrika stand im Schlafzimmer vor einem großen Spiegel, wo sie einen kleinen Zettel studierte, der unter dem Rahmen steckte.
»Was denkst du?«, fragte Henry und betrachtete das ungemachte Bett, das mit Kleidungsstücken bedeckt war.
Fredrika wies auf den offenen Kleiderschrank, in dem unter anderem ein mittelgroßer Koffer stand.
»Wenn ich wegfahre, hinterlasse ich die Wohnung nicht so.«
»Nein, wirkt eher so, als hätte sie gleich wieder zurückkommen wollen.«
Auf der Kommode lag ein umgekippter Kulturbeutel, mehrere Schminksachen waren herausgefallen.
Fredrika berührte eine Puderdose und deutete mit einem Kopfnicken auf die nebeneinanderliegenden Kleider auf dem Bett und die hochhackigen Schuhe, die davorstanden.
»Ich finde, es sieht so aus, als hätte sie sich fertig gemacht, um auszugehen.«
Henry nickte. Sein Blick fiel auf zwei Flyer in Postkartengröße, die an einer Pinnwand hingen. Auf dem einen stand nur Garbo in verschnörkelten Buchstaben, doch der andere enthielt jede Menge Text in bunten Farben.
»Was ist das?«
Henry nahm den zweiten Flyer und reichte ihn Fredrika.
»Finde deine innere Kraft – auf dem Langegården«, las sie. »Das scheint eine Art Seminarzentrum in der Nähe von Genarp zu sein.«
»Ich hab auch eine ungenutzte Konzertkarte gefunden. Für ein Konzert, das am Samstag war.«
»Steht drauf, wie teuer sie war?«
»Dreihundertfünfundsiebzig Kronen.«
Fredrika hob die Augenbrauen.
»Als Studentin lässt man so etwas Teures doch eigentlich nicht verfallen.«
»Nein, das hab ich auch gedacht«, sagte Henry. »Was steht auf dem Zettel da am Spiegel?«
»Isabelle und ein Herz.«
»Eine Liebeserklärung?«
»Sieht so aus. Auch wenn es für eine Fünfundzwanzigjährige etwas kindisch wirkt.«
»Für Romantik ist man doch nie zu alt!«, protestierte Henry. »Und sie hat den Zettel wohl kaum selbst geschrieben.«
Fredrika hielt ihm eine Literaturliste hin, die sie von der Kommode genommen hatte, und die Notizen darauf zeigten eine völlig andere Handschrift, was seine Annahme bestätigte, dass jemand anders den Zettel geschrieben haben musste.
»Könnte Isabelle einen heimlichen Freund gehabt haben, den sie vor ihrer Mutter und Denise verbergen wollte?«
»Vielleicht«, antwortete Fredrika nachdenklich.
Gedankenversunken betrachtete Henry das Bett. Langsam verstand er, warum Karna sich Sorgen um ihre Tochter machte. Nichts in der Wohnung deutete darauf hin, dass sie freiwillig verschwunden war.
»Sie kann immer noch aus freiem Willen weggegangen sein«, sagte er und hörte den Zweifel in seiner eigenen Stimme.
Fredrika zog die oberste Schublade der Kommode heraus.
»Auf jeden Fall nicht ins Ausland«, erwiderte sie und hielt Isabelles Pass hoch. »Siehst du irgendwo eine Handtasche?«
»Nicht jeder hat eine Handtasche, oder?«
»Nein, das stimmt.«
»Das Handyladegerät ist auch noch da«, stellte Henry fest. »Das nimmt man doch wohl mit, wenn man verreist?«
»Ich glaube, wir sollten Helmi bitten, die Funkzellenabfrage zu beschleunigen«, meinte Fredrika.
»Ja. Und jemanden hierherschicken, der DNA-Proben nehmen kann«, seufzte Henry. »Denn das hier sieht gar nicht gut aus.«
Als Denise aus dem Universitätsgebäude trat, sah sie Ted. Er stand im Schatten eines Baumes und für einen Augenblick hatte sie das Gefühl, dass er auf sie wartete.
Denise war sich unsicher, was sie jetzt tun sollte. Normalerweise nahm Ted kaum Notiz von ihr. Er hatte nur immer gern mit Isabelle geredet, aber jetzt blickte er sie direkt an und hob die Hand zum Gruß.
Ihr Herz machte einen Sprung, als er auf sie zukam.
»Worum ging es gerade?«
Denise schluckte. Sie wusste nicht, wie viel sie erzählen durfte. Die Polizisten hatten allerdings nicht gesagt, dass die Umstände um Isabelles Verschwinden geheim waren. Eigentlich war es doch nur von Vorteil, wenn noch mehr Leute wussten, was passiert war, und nach ihr Ausschau halten konnten.
»Die Polizei sucht nach Isabelle«, sagte sie leise.
»Ja, aber warum?«
»Seit Freitag hat sie niemand mehr gesehen. Sie wurde offenbar als vermisst gemeldet.«
Teds Augenbrauen hoben sich und verschwanden unter den dunklen Locken. Er trat einen Schritt näher und Denise wurde heiß.
»Also wirklich verschwunden?«
Sie nickte.
»Shit«, sagte er. »Was passiert jetzt?«
»Ich weiß nicht. Sie suchen wohl weiter nach ihr.«
Ted fuhr sich mit der Hand durchs Haar.
»Wir sollten ihnen helfen.«
»Wie denn?«
Er lächelte.
»Du bist doch wohl diejenige, die sie am besten kennt. Was, glaubst du, könnte passiert sein?«
Denise sah auf den Asphalt hinunter. Teds intensiver Blick machte sie nervös.
»Keine Ahnung«, antwortete sie.
»Hat sie einen Freund?«
Denise sah verunsichert zu ihm auf, versuchte herauszufinden, ob er es ernst meinte. Sie wusste, dass Ted und Isabelle sich manchmal nach der Uni getroffen hatten. Das hatte sie selbst gesehen, hatte Isabelle aber nie darauf angesprochen. Vielleicht versuchte Ted herauszufinden, wie viel sie wusste.
»Einen Ex«, erwiderte sie. »Aber der ist bescheuert.«
»Glaubst du, er könnte Isabelle etwas angetan haben?«
Denise zögerte. Soweit sie wusste, hatte Isabelle seit September keinen Kontakt mehr mit Niclas gehabt, aber gleichzeitig wollte sie nicht, dass das Gespräch zu Ende ging.
»Vielleicht.«
»Hast du das der Polizei gesagt?«
»Ja. Sie wollen mit ihm sprechen.«
Ein drückendes Schweigen entstand. Denise überlegte fieberhaft, was sie noch sagen konnte.
»Wie lief es in der Klausur?«
»Weiß nicht.« Ted begann mit seinem Handy herumzuspielen. »Ich muss los. Du kannst dich ja melden, wenn es etwas Neues gibt. Hast du meine Nummer?«
Es flatterte in ihrer Brust. Woher sollte sie seine Nummer haben? Ted hatte noch nie auf diese Art mit ihr geredet. Fast seit einem Jahr saßen sie nun jeden Tag in demselben Kursraum und sie wusste ziemlich viel über ihn. Wo er wohnte, woher er kam und dass seine Familie gut betucht war. Dass er Badminton spielte, Horrorfilme mochte, vom Backpacking träumte, gern Pizza von Vespa aß und oft in der Blekingska Nation feiern ging. Aber gleichzeitig war sie sich ziemlich sicher, dass er absolut nichts über sie wusste.
Ted reichte ihr sein Handy, damit sie ihre Telefonnummer eintippen konnte. Mit zitternden Fingern drückte sie auf die Ziffern, dann rief er an, sodass sie auch seine Nummer hatte.
»Bis morgen«, sagte er.
Denise schluckte. Eigentlich wollte sie Ted direkt nach seiner Beziehung zu Isabelle fragen, aber sie wollte ihn nicht in Verlegenheit bringen. Außerdem irrte sie sich vielleicht. Sie war noch immer verwirrt von dem, was am Vorabend des 1. Mai passiert war.
Die Sonne hatte sich zwar weiterbewegt, doch im Besprechungszimmer war es noch genauso stickig wie am Vormittag. Es roch nach Schweiß und warmen Körpern, und Fredrika musste einen Brechreiz unterdrücken, als ihr die schlechte Luft entgegenschlug.
»Ich habe Ventilatoren angefordert, aber sie sind noch nicht gekommen, mein Vorschlag ist also, dass wir sofort anfangen, damit wir so schnell wie möglich hier rauskommen«, brummte Kent.
Die feuchte Stirn und das ergraute Haar, das an den Schläfen klebte, ließ ihn ungefähr so ausgewrungen aussehen, wie Fredrika sich fühlte.
»Was meint ihr zu dem Verschwinden?«, fuhr er fort, sobald sie sich gesetzt hatten.
»Dass irgendetwas nicht stimmt«, antwortete Fredrika. »Isabelle Karlssons Mutter hat keinen Zweifel daran gelassen, dass ihre Tochter zuverlässig ist und niemals wegfahren würde, ohne es der Familie zu sagen.«
»Und in ihrer Wohnung gab es auch keine Anzeichen dafür, dass sie irgendwohin verreist ist«, fügte Henry hinzu. Trotz der Hitze sah er unverschämt frisch aus. »Der Kühlschrank war voller Essen, das in den nächsten Tagen schlecht wird. Isabelles Koffer, Pass und Handyladegerät sind noch im Schlafzimmer und sie hatte sich ein relativ teures Konzertticket für Samstag gekauft, das offensichtlich nicht genutzt wurde. Wir haben den Veranstaltungsort kontaktiert und nachgefragt, ob man irgendwie herausfinden kann, ob sie trotzdem auf dem Konzert war, aber momentan sieht es eher nicht danach aus.«
»Hat sie ihre Bankkarte in den letzten Tagen verwendet?«
Helmi schüttelte den Kopf.
»Das letzte Mal am Freitagvormittag, als sie beim Lidl in Norra Fäladen Schokowaffeln und einen Energy-Drink gekauft hat. Danach wurde die Karte nicht mehr benutzt.«
»Freund?«, fragte Kent.
»Nein, aber ein Ex«, antwortete Fredrika. »Wir werden mit ihm sprechen.«
»Und es gibt nichts anderes, was ihr Verschwinden erklären könnte?«
Fredrika blickte Henry an.
»Nichts, von dem wir derzeit wüssten. Auf Basis der Informationen, die wir gesammelt haben, scheint es nicht sonderlich glaubhaft, dass Isabelle weggefahren ist und sowohl das Mittagessen mit ihrer Familie als auch ihre Vorlesungen verpasst hat, ohne jemandem Bescheid zu geben.«
»Okay«, sagte Kent. »Habt ihr eine Funkzellenabfrage beantragt?«
»Natürlich.« Helmi nickte.
»Gut. Sagt Bescheid, sobald wir die Position ihres Handys bekommen. Wo wurde sie nochmal zuletzt gesehen?«
»Beim Mathe-Anbau in der Sölvesgatan, da hat sie eine Klausur geschrieben«, antwortete Henry.
»Und wir haben keine Informationen darüber, wo sie danach hingegangen ist?«
Fredrika räusperte sich.
»Laut Denise Sten, der Kommilitonin, mit der Isabelle den engsten Kontakt gehabt zu haben scheint, hatten sie darüber gesprochen, abends in die Blekingska Nation zu gehen. Aber Isabelle sagte, sie sei zu müde. Denise hat das so interpretiert, als wäre sie auf dem Heimweg.«
»Danach hat sie niemanden mehr angerufen oder etwas in den sozialen Medien gepostet?«
»Ich hab ihren Einzelverbindungsnachweis noch nicht«, erwiderte Helmi und machte eine kleine Pause, um Atem zu holen. »Aber soweit ich sehen kann, hat sie nichts auf Instagram oder Tiktok gestellt.«
»Das Einzige, was wir wissen«, ergänzte Fredrika, »ist, dass sie ihrer Mutter geschrieben hat, die Klausur sei gut gelaufen.«
»Und es gibt keine anderen Freunde oder Verwandten, die etwas von ihr gehört haben?«
»Wir haben bisher keine gefunden«, sagte Henry. »Aber wir arbeiten weiter daran.«
Kent stützte sein Kinn in die Hand und seufzte.
»Ich gebe euch recht, Isabelle Karlssons Leben könnte in Gefahr sein. Wir leiten eine Fahndung ein. Haben wir irgendwelche Berichte, dass am Wochenende in Lund etwas Außergewöhnliches passiert ist?«
Blitz, der die ganze Zeit zurückgelehnt dagesessen hatte, löste sich aus seiner Erstarrung und begann in seinen Papieren zu blättern.
»Nicht direkt. Zwei Personenwagen sind im Fjelie-Kreisel kollidiert und jemand hat versucht, den Geldautomaten in Södra Sandby aufzubrechen, allerdings ohne Erfolg. Dann sind noch einige Beschwerden wegen zu lauter Musik in der Innenstadt reingekommen. Offenbar hat BubbleBuy eine Release-Party veranstaltet für eine neue Version der App und gleichzeitig irgendeinen Preis verliehen. Halb Lund scheint dort gewesen zu sein.«
»Ich nicht«, schnaubte Fredrika und erntete einen verwunderten Blick von Henry. »An welchem Tag war diese Party?«
»Am Freitag. Die ersten Beschwerden kamen schon um Viertel vor elf, und um zwölf ist ein Streifenwagen hingefahren und hat die Gastgeber gebeten, die Musik leiser zu drehen. Das haben sie dann auch gemacht.«
»Alright«, sagte Kent. »Jetzt tun wir unser Bestes, um Isabelle Karlsson zu finden. Vergesst nicht, ausreichend zu trinken. Also, Wasser«, verdeutlichte er und bekam ein Grinsen von Blitz zur Antwort. »Und an alle, die es noch nicht getan haben, investiert zum Henker nochmal in ein Extra-Deo, das ihr hier im Büro deponiert, sonst werden die kommenden Wochen unerträglich.«
Sie flohen aus dem heißen Besprechungsraum. Im Flur nahm Henry Fredrika beiseite.
»Magst du BubbleBuy nicht?«, fragte er.
»Ich hatte vorher noch nie davon gehört, aber generell nervt es mich, wie diese Tech-Gurus vergöttert werden. Ich verstehe nicht, warum sie so viel mehr wertgeschätzt werden als andere Menschen«, sagte sie barsch.
»Es steht jedem frei, Apps zu programmieren«, erwiderte Henry scherzhaft, doch sein Lächeln erstarb, als Fredrika ihm einen grimmigen Blick zuwarf.
»Leider haben die meisten Leute wohl genug damit zu tun, einen sinnvollen Beitrag zu unserer Gesellschaft zu leisten.«
»Die Entwicklung von Technik ist auch ein sinnvoller Beitrag«, wandte Henry ein.
»Eine App, die die Shopping-Gewohnheiten der Menschen zusammenstellt. Du meinst, das ist notwendig für die Gesellschaft?«
Henry zuckte die Schultern.
»Sie schaffen Arbeitsplätze«, entgegnete er. »Deshalb ist Martin Zenberg so beliebt. Er hat ein Haus in der Nähe des Freilichtmuseums gebaut, das als Firmensitz fungiert, und er hat versprochen, dass er immer in Lund bleiben wird, auch wenn die Firma aufgekauft wird. Die Leute hier sind stolz auf ihn. Sie betrachten ihn als eine Art Rockstar.«
»Rockstar«, knurrte Fredrika. »Weil er eine Shopping-App entwickelt hat?«
»Er macht schon jetzt mehrere Milliarden Umsatz«, erklärte Henry. »Ich hab Zenberg vor ein paar Wochen in der Stadt gesehen. Alle drehen sich nach ihm um. Die Leute sprechen ihn an und wollen Selfies mit ihm machen.«
»Du aber nicht?«
Henry verdrehte die Augen.
»Ich bin leider etwas zu alt für so was. Aber er benimmt sich wie ein echter Star.« Er hielt ihr sein Handy hin, um ein Foto zu zeigen.
Fredrika betrachtete den breitschultrigen jungen Mann mit braunen Augen und halb langem, zurückgekämmtem Haar. Er hatte eine außergewöhnliche Ausstrahlung. Sein gutsitzendes weißes Jackett über dem schwarzen Hemd mit hochgestelltem Kragen und dem dünnen Schal schuf ein perfektes Gleichgewicht zwischen maskulinen und femininen Attributen, der durchdringende Blick und das kryptische Lächeln verstärkten die geheimnisvolle Aura, die ihn umgab. Martin Zenberg war sich seiner Strahlkraft ganz klar bewusst und Fredrika musste zugeben, dass er wirklich aussah wie ein Star.
»Er fällt auf jeden Fall auf«, sagte sie. »Wollen wir uns hinsetzen und die Informationen durchgehen, die wir bisher haben?«
Henry warf einen Blick auf seine Armbanduhr.
»Ich bin völlig fertig, und ehrlich gesagt sehne ich mich nach einer ausgiebigen Dusche. Morgen?«
Fredrika nickte. Sie war selbst ziemlich erschöpft von dem anstrengenden Tag.
»Wir sehen uns um Punkt acht«, antwortete sie im gespielt strengen Ton.
»Ich bringe Eiskaffee mit.« Henry lächelte.
Als Fredrika ihre Wohnung in der Bankgatan betrat, öffnete sie als Erstes alle Fenster, musste aber bald einsehen, dass es nichts half, da die Luft völlig stillstand.
Sie nahm eine kühle Dusche und setzte sich mit einem großen Glas Wasser und ein paar übriggebliebenen Stücken der Pizza, die Jonas am Wochenende für sie gebacken hatte, vor den Computer. Der Bilderrahmen mit dem Foto von Isabelle Karlsson war nach dem Besuch in Nilstorp versehentlich in ihrer Tasche geblieben. Jetzt nahm sie ihn heraus und betrachtete das Foto. Die junge Frau strahlte etwas aus, das Fredrika nicht richtig benennen konnte. Ihre Augen leuchteten, doch in ihrem schiefen Lächeln lag auch etwas Zweideutiges.
Sie musste an Jasmina denken, ein vierzehnjähriges Mädchen, das in Fredrikas erstem Jahr bei der Polizei in Stockholm an einem kalten Novemberabend aus ihrem Zuhause in Hässelby verschwunden war. Zu den Eltern hatte Jasmina gesagt, sie wolle zum nahe gelegenen Supermarkt gehen und Chips kaufen, aber laut dem Kassierer des Ladens war sie nie dort aufgetaucht. Da Jasmina minderjährig war, leitete man sofort eine Vermisstenfahndung ein. Die Polizei suchte die ganze Nacht, aber ohne Erfolg. Am nächste Morgen wurde das Mädchen von einem Hundebesitzer entdeckt, der mit seinem Schäferhund im Wald von Grimsta Gassi ging.
Fredrika würde den Anblick nie vergessen, der sich ihnen damals geboten hatte. Jasmina lag tot auf dem kalten Boden, mit Stichwunden im Bauch. Viel später kam heraus, dass ein Mädchen und drei Jungen aus Jasminas Schule sich mit ihr verabredet hatten, um ihr eine Lektion zu erteilen. Sie fanden sie zu arrogant und wollten ihr Angst einjagen, aber das Messer war abgerutscht und tief eingedrungen und die vier Jugendlichen bekamen Panik und rannten davon.
Jasmina zusammengekrümmt mit blutigem Pullover auf dem Boden liegen zu sehen, war eines der schlimmsten Erlebnisse, die Fredrika je gehabt hatte, und obwohl sie die ganze Nacht nach ihr gesucht hatten, wurde sie von einem massiven Gefühl des Versagens überwältigt. Jasmina war die ganze Zeit da gewesen, weniger als neunhundert Meter entfernt. Vermutlich hätte man sie noch retten können, wenn sie sie nur früher gefunden hätten.
Seitdem dachte Fredrika immer daran, wenn jemand als vermisst gemeldet wurde. Irgendwo war da eine Person und brauchte ihre Hilfe. Also mussten sie sie finden – wo immer sie war.
Ein Strom von Bildern ging ihr durch den Kopf und sie versuchte, sich zu bremsen. Nur weil ein paar Tage lang niemand etwas von Isabelle Karlsson gehört hatte, hieß das nicht zwangsläufig, dass ihr etwas zugestoßen war. Sie konnte verreist sein, weil sie nach ihrer Klausur einen Tapetenwechsel brauchte. Vielleicht hatte sie dabei ihr Handy verloren. Oder sie hatte zu spät bemerkt, dass ihr Ladegerät noch zu Hause lag. Das war vielleicht nicht die wahrscheinlichste Erklärung, aber es waren schon seltsamere Dinge vorgekommen.
Fredrika stellte den Bilderrahmen auf den Tisch und öffnete ein Suchfenster auf dem Computer. Wenn Isabelle trotz allem am Freitagabend ausgegangen war, bestand in der Tat ein Risiko, dass ihr irgendetwas zugestoßen war. Immer wieder kam es vor, dass junge Frauen in Clubs unter Drogen gesetzt und dann fortgeschafft wurden. Die meisten Leute zuckten nicht einmal mit der Wimper, wenn eine unter Drogeneinfluss stehende Person zu einem Taxi oder einem wartenden Auto gebracht wurde.
Natürlich konnte Isabelle auch etwas zugestoßen sein, als sie den Müll weggebracht hatte oder einkaufen gegangen war, aber da hätte es wahrscheinlich jemand gesehen oder gehört. Norra Fäladen war ein dicht bebautes Viertel, wo stets Menschen auf den Straßen waren.
Es bestand auch die Möglichkeit, dass Isabelle weggefahren war, um irgendwo anders jemanden zu treffen. Fredrika dachte an den Zettel, den sie in der Wohnung gefunden hatten, mit dem Herzen hinter Isabelles Namen. Weder Karna noch Denise wussten etwas von einem Freund. Aber heimliche Liebesbeziehungen waren häufiger, als die Leute glaubten. Sobald sie Zugang zu Isabelles Einzelverbindungsnachweis bekamen oder ihr Handy orten konnten, würden die Dinge hoffentlich klarer werden.
Fredrika überlegte, was sie sonst noch bei Isabelle zu Hause gefunden hatten. Sie erinnerte sich an den Flyer an der Pinnwand, gab den Suchbegriff Langegården ein und kam auf eine Website in hellen Pastellfarben.
Sie musterte die Bilder auf der Seite. Die meisten zeigten Frauen unterschiedlichen Alters, die gemeinsam posierten. Sie trugen alle Freizeitkleidung: Yoga-Leggings, Jogginghosen und Kleider in Naturfarben. Manche hatten sich Tücher um den Kopf gewickelt, andere trugen das Haar offen, sodass es im Wind wehte. Ein Menüpunkt versprach Informationen über den ehemaligen Bauernhof und Fredrika klickte darauf.
Sie las interessiert, während sie auf der kalten Pizza herumkaute. Der Langegården lag hoch oben am Romeleåsen, Schwedens südlichstem Bergkamm, zwanzig Autominuten von Lund entfernt. Es gab dort alle möglichen Kurse von Yoga und Meditation bis zu Bastel-, Handwerk- und Outdoor-Workshops, und sie richteten sich an Frauen, die mitihrer inneren Kraft in Kontakt kommenwollen.
Der Bauernhof war bereits im 16.Jahrhundert erbaut und nach seiner Besitzerin Lange Jansdotter benannt worden, die ihn von ihrem Ehemann geerbt hatte. Auf der Website hieß es, Lange sei wohlhabend und heilkundig gewesen, und der Hof wurde zu einem Zufluchtsort für Frauen, die in Schwierigkeiten geraten waren. 1583 wurde Lange der Hexerei bezichtigt und in Malmö auf dem Scheiterhaufen verbrannt, doch der Hof war erhalten geblieben und wurde jetzt als ein heilender Ort voller Frauenpower bezeichnet.
Fredrika schnaubte verächtlich. Sie hatte noch nie an diesen Eso-Kram geglaubt. In ihren Augen war auch das Angebot des Langegården nichts als Augenwischerei. Mit falschen Versprechungen wurde den Frauen das Geld aus der Tasche gezogen. Doch es bestand natürlich die Möglichkeit, dass Isabelle dort gewesen war. Vielleicht hatte sie Probleme und war auf der Suche nach jemandem, an den sie sich wenden konnte.
Doch so sehr sie auf der Website auch suchte, sie fand weder eine Telefonnummer noch eine E-Mail-Adresse. Schließlich gab sie auf und konzentrierte sich auf Recherchen rund um das Institut für Soziologie, ohne dabei auf relevante Fakten zu stoßen.
Im Lauf des Tages hatte sie alle Personen, mit denen sie gesprochen hatten, im Polizeiregister überprüft, inklusive Isabelles Kursleiter. Dabei war nichts herausgekommen, aber manchmal konnte einfaches Googeln unerwartete Informationen ans Licht bringen.
Fredrika tippte den Namen des Kursleiters, Peder Sturfeldt, ins Suchfeld und schloss eine Suche nach Denise Sten an. Außerdem fügte sie den Begriff Isis Nodus hinzu.
Isis Nodus war eine Art Geheimgesellschaft, deren Hauptsitz sich in einem Gebäude befand, das nur einen Steinwurf vom Institut für Soziologie entfernt lag. Fredrika war dem Orden gegenüber misstrauisch gewesen, seit sie von seiner Existenz erfahren hatte. Im Zusammenhang mit der Sankt-Lars-Ermittlung hatte Henry, der selbst Mitglied in Isis Nodus war, zugegeben, dass die Gesellschaft versucht hatte, ihre Arbeit zu beeinflussen, doch Google zufolge gab es keine Verbindungen zwischen dem Institut für Soziologie und der Geheimgesellschaft. Andererseits würde eine solche Verbindung, falls sie existierte, vermutlich auch nicht im Internet zu finden sein.
Als Fredrika ihr Wasserglas leerte, hörte sie ihr Handy vibrieren. Es war Jonas, der fragte, ob sie Lust auf ein Treffen hatte. Morgen Abendessen bei mir?, schrieb er.
Sie zögerte, wusste, wie sehr der neue Fall sie schon jetzt in Beschlag nahm. Die ersten Tage waren oft entscheidend, wenn jemand vermisst wurde, aber gleichzeitig wollte sie Jonas nicht zurückweisen. Seit ihrem Gespräch, in dem er erklärt hatte, dass er sich aus ihrem Leben ausgeschlossen fühlte, hatte sie sich bemüht, offener zu sein. Aber es war nicht leicht, vor allem, weil das meiste, womit sie ihre Zeit verbrachte, der Schweigepflicht unterlag. Sie war auch niemand, der nine to five arbeiten konnte, um dann nach Hause zu gehen und die Arbeit zu vergessen. Ihre Stärke als Ermittlerin lag darin, dass sie nicht lockerließ. Die Fälle, die ihr zugeteilt wurden, spukten ihr ständig im Kopf herum.
Sie legte den Zeigefinger auf die Tastatur des Handys und schrieb: Gerade viel Arbeit, aber vielleicht später in der Woche?
Klar, antwortete er. Fredrika atmete auf, likte die Nachricht, öffnete Instagram und suchte nach Isabelle Karlsson, doch es gab keine neuen Postings.
Ihr Blick blieb an einem Foto von Isabelle vor dem großen weißen Universitätsgebäude hängen. Das Gesicht der jungen Frau war halb abgewandt und wirkte beunruhigt. Hinter ihr streckte sich ein dunkler Schatten aus, als wartete jemand knapp außerhalb des Bildes auf sie.
Fredrika suchte das Bild nach Details ab. Das mächtige Gebäude trug zu der etwas unheimlichen Stimmung bei. Es war in antikem Stil gebaut, mit Säulen und vier Sphinxen. Die goldene Inschrift lautete Regia Academia Carolina, was, wie Henry ihr erklärt hatte, Königliche Karolinische Akademie bedeutete, ein Name, den die Universität bei ihrer Gründung im Jahr 1666 bekommen hatte. Offenbar hatten früher vier überdimensionale Frauenstatuen vor dem Eingang gestanden, die die ursprünglichen Fakultäten repräsentierten, aber die waren entfernt worden. Laut Henry lag es daran, dass sie im Dunkeln einfach zu bedrohlich ausgesehen hatten.
Ohne groß nachzudenken, gab Fredrika einen weiteren Namen ein, nach dem sie nicht zum ersten Mal suchte, und ein Schachbrettmuster von Bildern aus dem Profil ihrer Halbschwester tauchte auf. Auf den meisten waren Tiere zu sehen: Katzen, Hunde, Meerschweinchen und Kaninchen.
Fredrika spürte ein Ziehen in der Magengrube. Sie sollte das nicht anschauen, aber sie konnte nicht anders.
Sie klickte auf ein Bild, auf dem Liv die Arme um einen Bernhardiner gelegt hatte. Das sechzehnjährige Mädchen bohrte seine Nase in das weiche Fell und sah dabei rundum glücklich aus. Glücklich und zufrieden.
Fredrika spürte, wie sich ein Kloß in ihrem Hals bildete. Sie wusste noch immer nicht, wie sie mit der Tatsache umgehen sollte, dass sie ihre Mutter gefunden hatte. Ein Teil von ihr wollte Abstand halten, bis ihr klar geworden wäre, was sie wirklich fühlte. Deshalb hatte sie auch Jonas noch nichts davon erzählt, weil sie befürchtete, er würde sie dazu drängen, Kontakt zu Annika aufzunehmen.
Jonas hatte eine ganz andere Art von Verhältnis zu seiner Familie. In seiner Welt gab es keine Beziehungen, die so problematisch waren, dass man sich ohne sie besser fühlte. Doch all die unausgesprochenen Dinge standen wie eine Wand zwischen ihnen und sie fragte sich besorgt, wie Jonas reagieren würde, wenn er erfuhr, was sie alles vor ihm verbarg. Der Sinn einer Partnerschaft war doch, dass man sich erzählte, was einem zu schaffen machte.
Es fühlte sich auch nicht richtig an, Liv auf diese Art auszuspionieren, aber sie wusste nicht, wie sie sich ihr sonst nähern sollte. Sie waren trotz allem miteinander verwandt und Fredrika hatte das Bedürfnis, mehr über ihre Schwester zu erfahren.
Manchmal stellte sie sich vor, was passieren würde, wenn ihre Mutter herausfand, wer sie war. Sie stellte sich vor, dass sie glücklich sein würde, Fredrika wiedergefunden zu haben, dass sie sie sofort treffen wollen, sie umarmen und fest an sich drücken würde. Dass sie sagen würde, dass es ihr leidtat, was passiert war, und dass kein Tag vergangen war, an dem sie nicht an Fredrika gedacht hatte. Dass sie bereute, was sie getan hatte, aber dass jetzt alles gut werden würde. Dass sie einander jetzt wiederhatten.
Fredrika starrte das letzte Bild in Livs Profil an und schluckte, doch der Kloß im Hals wurde nicht kleiner und es kostete sie Überwindung, den Blick von dem Foto loszureißen.
Schnell legte sie das Handy weg, den Bildschirm nach unten gedreht. Sie musste damit aufhören.
Sie musste eine gesündere Art und Weise finden, mit der Situation umzugehen, aber das war nicht so einfach. Sobald sie an Annika dachte, ergriffen widersprüchlichste Gefühle von ihr Besitz und legten jede Logik lahm. Das beunruhigte Fredrika am meisten. Dass sie die Kontrolle verlieren und etwas Dummes tun könnte, das sie später bereuen würde.
Dienstag, 26. Mai
Fredrika und Henry gingen über den Stortorget in Richtung Espresso House. Nirgends konnte man der grellen Morgensonne entkommen und sie traten schnell durch die Glastür.
Im Inneren des Cafés war es im Vergleich zu draußen geradezu düster. Die Einrichtung bestand aus dunklem Holz, Ledersesseln, staubigen Büchern und Wanddekorationen im Steampunk-Stil.
Fredrika war erstaunt, wie viele bereits ihren Weg dorthin gefunden hatten, obwohl es erst halb zehn war. Ganz hinten saßen Gruppen von Studenten um aufgeschlagene Bücher und Laptops herum. Im vorderen Teil des Cafés bestand das Publikum dagegen aus Familien mit Kindern, Senioren, einsamen Kaffeetrinkern und Müttern und Vätern in Elternzeit, die hier die Zeit totschlagen wollten.
Sie stellten sich vor einen gläsernen Tresen, der mit Backwaren gefüllt war, und ein junges Mädchen grüßte sie fröhlich und fragte nach ihren Wünschen.
»Wir sind hier, um mit Niclas Göransson zu sprechen«, sagte Henry. »Arbeitet er gerade?«
Das Mädchen schien nicht recht zu wissen, was sie antworten sollte, doch nach ein paar Sekunden nickte sie.
»Er ist in der Küche. Ich hole ihn.«
Eine Minute später kam ein Mann heraus. Er trug eine grüne Schürze über seinem weißen T-Shirt. Das schwarze Haar war streng gescheitelt.
»Sie wollen mich sprechen?«, fragte er erstaunt.
»Niclas Göransson?«, fragte Henry nach. Als der junge Mann nickte, stellte Henry sie vor und fragte, ob sie irgendwo in Ruhe reden konnten.
Sie setzten sich an einen Tisch am Fenster, der offenbar wegen des Sonnenlichts von den Gästen gemieden wurde.
»Worum geht es?«, erkundigte sich Niclas. Er sah sie argwöhnisch an, seine Stimme klang wachsam.
»Stimmt es, dass Sie mit einem Mädchen namens Isabelle Karlsson zusammen waren?«
»Ja, letzten Sommer. Warum wollen Sie das wissen?«
»Haben Sie seitdem Kontakt mit ihr gehabt?«
Er schüttelte den Kopf.
»Können Sie ein bisschen über Ihre Beziehung erzählen?«
