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In einer fremden Welt, wo Schattenwesen die Nacht regieren, muss Eli sich alleine durchkämpfen. Ihr Vater im Kampf gefallen, die Mutter durch eine scheussliche Hinrichtung ermordet, sucht sie Schutz in ihrem Dorf. Doch der schicksalshafte Tag wird auch für Eli kommen. An einen Pfahl gebunden, den Schatten zum Frass vorgeworfen, gibt es nur noch eine Hoffnung. Der kleine Wolf Amon, der seit kurzem an ihrer Seite ist.
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Seitenzahl: 287
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Der erste Schnee fällt, eine Flocke landet sanft auf Elis Arm. Es ist kalt, doch um die fallenden, gefrorenen Sterne zu sehen kriecht Eli aus ihrem Versteck. Es dauert nicht lange und der ganze Boden ist mit einem weissen Flaum bedeckt, es sieht alles so weich und sanft aus. Ein dunkler Wald erstreckt sich hinter dem milchigen Nebel und bereits jetzt dringen die ersten Unheilvollen Geräusche an ihr Ohr. Es wird bald dunkel, dann kommen die Geschöpfe der Nacht und Dunkelheit wieder hervor, aus ihren dunklen, weglosen verstecken. In der Gasse hinter ihr, hört Eli eine Mutter nach ihren Kinder rufen, doch es kommt niemand. Bereits als kleines Mädchen wusste Eli, dass man sich schützen muss vor der Dunkelheit, denn es kommen wilde Kreaturen aus den Schatten und fressen die Menschen bei lebendigem Leibe auf. Um die niemals satt werdenden Geschöpfe fern zu halten, wurde eine Mauer errichtet, aber wenn der Hunger zu gross wird, hilft auch die Mauer nicht. Der Herr dieses Dorfes, in dem Eli seit Kindertagen lebt, opfert daher jede Woche einen Menschen. Er lässt sie vor der Mauer an einen Pfahl binden und ruft mit Trompetenklängen die Monster aus dem Wald. Natürlich trifft es nur Alte, Kranke, Bettler, Diebe und selten auch Reisende. Heute ist es wieder so weit, die Tore werden geöffnet und eine alte Dame in zerschlissenen Kleidern wird an den Pfahl gebunden. Ihr Gesicht ist aschgrau vor Angst, sie bettelt die Männer an sie nicht zu opfern, aber sie wird nicht erhört. Als die Männer fertig sind, schliesst sich hinter ihnen das schwere Holztor. Die Schreie der Alten lassen nicht lange auf sich warten. Es muss schrecklich sein von diesen Schattenwesen getötet zu werden.
Gänsehaut überzieht Elis Körper bei jedem Schrei den sie hört. In der Gasse hinter ihr hört sie ein Kind weinen, es muss das Kind der Frau sein, die vorhin unerbittlich gerufen hat. Nun ist die Tür zu, das Licht erloschen und das Kind wird draussen in der Gasse übernachten müssen, so wie sie es tut. Schluchzend setzt sich das kleine Wesen auf die Türschwelle seines Mutternhauses, doch es öffnet niemand. Es ist unerträglich es mitanhören zu müssen, aber niemand kommt um das kleine Wesen zu beruhigen. Das Kind weint immer stärker und als eine Ratte um dessen Beine schleicht schreit es auch noch auf. Die feine helle Stimme schmerzt Eli in den Ohren. Um das Kind endlich zum Schweigen zu bringen, geht sie behutsam auf das zusammengekrümmte weinende Kind zu. Nun kann Eli erkennen, dass es ein Mädchen ist, sie bleibt dicht vor ihr stehen. Gerade als Eli auf sich aufmerksam machen will, entdeckt das Mädchen sie. Sofort beginnt sie panisch zu schreien. Zuerst nach ihrer Mutter, dann nach dem älteren Bruder, aber die Hilferufe bleiben unbeantwortet. Die Gesetzte des Dorfherrn sind klar, sobald die Sonne hinter dem Wald untergeht, werden alle Lichter in den Häusern gelöscht und die Türen werden verbarrikadiert. Bettlern und anderem Gesindel, darf nur gegen Bezahlung Unterschlupf gewährt werden, ansonsten müssen sie draussen in den Gassen schlafen. Dasselbe gilt natürlich auch für die Dorfbewohner, wer zu spät Zuhause ist, der muss die Nacht in den Gassen verbringen. „Wie heisst du?“, fragt Eli leise.
Doch das Mädchen schreit immer noch so laut, dass sie es nicht hören kann. Erst als Eli sich abwendet um einen anderen schlafplatz zu suchen, verstummt das Mädchen. „Gina.“, erwidert das Mädchen ebenso leise wie Eli sie gefragt hat.
„Deine Mutter wird dich nicht ins Haus lassen, aber ich nehme dich mit für diese eine Nacht. Morgen bringe ich dich hierher zurück.“ Tonlos steht das Mädchen auf, sie folgt Eli in ihr versteck, das sie nach diesem Abend nie wieder aufsuchen kann um zu schlafen. Aber solange das Mädchen schreit, konnte sie so oder so nicht schlafen und verstecke gibt es genügend. Es ist eine kleine Höhle, die einst ein Fuchs gegraben hat, die beiden haben kaum zusammen Platz in der Kammer unter der Erde. Das Mädchen ist immer noch aufgewühlt, daher kann es nicht schlafen. „Meine Mutter sagt, du bist eine Hexe. Stimmt das?“, fragt das kleine Mädchen mit zitternder Stimme.
„Nein natürlich nicht! Und jetzt schlaf, sonst werfe ich dich aus meinem Versteck!“, droht Eli. Gina fährt zusammen, dann schliesst sie ihre kleinen Augen, noch ein zwei Mal späht sie zu Eli, dann schläft sie ein. Früh am nächsten Morgen, noch bevor die Sonne aufgeht, weckt Eli Gina auf. Wie sie am Vorabend gesagt hat, bringt sie die Kleine zurück an den Ort, an dem sie Gina gefunden und mitgenommen hat. „Erzähl niemandem, dass du bei mir warst, sonst schauen dich die Leute komisch an und vielleicht wirst du gar das nächste Opfer für die Schatten. Es ist nicht schlau sich mit einer Hexe herumzutreiben.“, mahnt Eli die Kleine bevor sie durch die Gasse davonstürmt. Endlich öffnen sich die Türen, Gina rennt sofort zu ihrer Mutter, die kein Auge zugetan hat vor Sorge. Als die Mutter wissen will, wo sie die Nacht war, sagte Gina nichts.
Sie wich jeder Frage aus und fragte ob sie mit ihrem Bruder spielen dürfe. Natürlich darf sie. Wenige Stunden später, kommt Eli neben Ginas Haus vorbei, sie hört die Kleine lachen und wie sie mit ihrem Bruder herumtollt. Es muss schön sein eine Familie zu haben, denkt sich Eli, aber sie hat keine, daher lebt sie auf der Strasse. Alleine. Ihre Mutter wurde als Hexe vor die Mauern gekettet, sie hatte schwarzes Haar, schneeweisse Haut und unterschiedlich gefärbte Augen genau wie sie selbst. Nur Ihre Haare sind noch dunkler, sie verschmelzen mit der Dunkelheit der Nacht, ihre Haut ist noch heller als die ihrer Mutter und die Augen sind ebenfalls unterschiedlich gefärbt. Die ihrer Mutter waren braun und grün, aber ihre sind blaugrau das eine und beinahe schwarz das andere. Ihr Lebelang wurde sie von anderen Kindern und deren Eltern gemieden. Oft wurden ihr Dinge nachgeworfen oder sie wurde verspottet. Heute haben die Menschen Angst vor ihr, weil sie glauben sie wäre eine mächtige Hexe und würde, wenn sie sie weiterhin so behandelten, die Schatten rufen um sie alle zu fressen. Nur ein Mensch im ganzen Dorf hat keine Angst vor ihr, der Händler. Es gibt viele verschiedene Händler, aber wenn es um den Händler geht, wissen alle, dass es sich um den besten handelt. Er kann alles beschaffen oder entsorgen, je nachdem was der Kunde wünscht. Eli schleicht oft um seinen Laden herum, nur betreten hat sie ihn noch nie. Mit den ersten Sonnenstrahlen öffnet der Laden die Türen, Eli wartet bereits angelehnt an der Wand. Manchmal gibt ihr der Händler einen Auftrag, dafür bekommt sie etwas zu essen oder eine neue Decke für ihren Schlafplatz.
Der Mann, gekleidet in feinster Seide tritt an sie heran. „Ich habe einen Auftrag für dich, aber er ist gefährlich.“, beginnt der Mann mit müder Stimme. „Die Tochter des Herrn ist krank und die Heilerin benötigt Beeren, die aber nur im Wald gedeihen. Hier ist ein Bild, sie sind blauviolett und wachsen an Sträuchern. Sie schmecken säuerlich und lieben nassen, moosigen Boden.“ Eli nimmt das Bild entgegen, dazu einen Beutel, dann macht sie sich auf den Weg. Der Händler hätte niemanden sonst fragen können ausser sie, denn sie ist die einzige, die freiwillig in den Wald geht. Natürlich nur Tagsüber. Um Reisenden Einlass zu gewähren, stehen die Tore den ganzen Tag offen, erst wenn die Sonne untergeht, werden sie geschlossen. Mit dem Beutel in der rechten Hand, macht sich Eli auf den Weg. Der Weg der in den dunklen Wald führt ist schmal. Eine Kutsche passt gerade noch durch, aber alles andere ist zu breit und würde stecken bleiben. Ab und zu macht Eli kleine Ausflüge in den Wald um den Menschen im Dorf aus dem Weg zu gehen. Doch in letzter Zeit kam sie nicht mehr häufig dazu, denn der Händler hat ihr immer wieder einen Auftrag erteilt. Natürlich ist sie froh über das Essen und die Decken, aber es ist nicht das Leben, dass Eli sich wünscht. Sie möchte gerne Frei sein und umherreisen, fremde Städte und Dörfer sehen, aber dazu braucht man ein Pferd. Die Dörfer und Städte liegen zu weit auseinander, als das man sie zu Fuss an einem Tag erreichen würde. Und im Wald übernachten gleicht einem Todesurteil, bisher hat es noch nie jemand überlebt, zumindest nicht jemand den man kennt. Daher bleibt Eli in dem Dorf. In der Ferne sieht sie drei Männer, die auf etwas einschlagen, das am Boden liegt. Sie rennt so schnell sie kann, dabei stolpert sie beinahe über ihre eigenen Füsse. Hinter einem Baum versteckt beobachtet sie die Männer, dabei drückt sie sich die flache Hand auf den Mund, dass sie ihre Atemstösse nicht hören. Etwas weisses liegt auf der Erde, zusammengekauert, die Beinchen schützend an den Leib gepresst. Ein winseln, dann ein knurren. Solche Geräusche hat Eli noch nie zuvor gehört. Was kann das nur sein, ein Raubtier. Ganz bestimmt, aber sie kann es nicht ertragen, wenn Männer auf ein wehrloses Wesen einprügeln. Das Fell ist an manchen Orten blutrot eingefärbt, sie muss diesem Wesen helfen.
Entschlossen greift sie nach einem Stein, der vor ihr auf dem Boden liegt. Mit voller Wucht schlägt der Stein gegen den Kopf des Mannes, der ihr den Rücken zeigt. Er fällt wie ein Baum der geschlagen wurde zu Boden. Sofort schweifen die Blicke der Männer durch den Wald, doch Eli versteckt sich erneut hinter dem Baum. Sie nimmt einen zweiten Stein in die Hand und wirft ihn, diesmal erwischt sie nur ein Bein. Das weisse Wesen, das geschlagen und getreten wurde, steht auf. Es blickt genau in ihre Richtung, dann rennt es weg, tiefer in den Wald hinein. Die Männer steigen auf ihre Pferde und treiben ihnen ihre Sporen in die Flanke. Sie jagen das weisse Tier.
Elis Herz schlägt schnell, als sie die Verfolgung aufnimmt. Endlich bleiben die Reiter stehen, sie lassen ihre Pferde aus einem Fluss trinken, dann reiten sie direkt auf Eli zu. Zurück zum Dorf. Hinter einem Strauch versteckt sie sich, bis die
Reiter nur noch kleine Flecke in der Ferne sind. Suchen schaut Eli um sich, aber das weisse Fell von vorhin ist nirgends zu sehen. Schlaues Tier denkt sich Eli, doch als sie gehen will, hört sie es winseln. Es ist herzzerreissend wie dieses Tier nach Hilfe ruft. Schnell lässt sie ihren Blick noch einmal über das Areal schweifen, aber auch diesmal sieht sie kein weisses Fell. Als sie sich zum Gehen wendet, winselt es wieder. Noch lauter als zuvor. Ihre Nackenhaare stellen sich auf, Gänsehaut bildet sich auf ihren Armen. Ihre Beine wollen sie weg tragen von hier, so schnell es geht, aber ihr Verstand will bleiben und herausfinden was das für eine Kreatur ist. Erneut dreht sie sich, ihre Augen bleiben an einem zusammengerollten weissen Fellbündel hängen. Eli schleicht sich nahezu lautlos an das Wesen an, aber es scheint sie zu bemerken. Bei jeder ihrer Bewegungen, hebt das verletzte Tier seinen Kopf. Nur noch wenige Schritte trennen sie von dem Wesen, das den Kopf in ihre Richtung erhoben hat.
Es schnüffelt. Vorsichtig streckt Eli ihren Arm aus, als es die Zähne fletscht und laut knurrt, schreckt sie zurück. Sie stolpert über eine Wurzel und fällt hin. Das weisse Fell glänzt in den wenigen Sonnenstrahlen, die durch das Blätterdach bis auf den Boden fallen. Bezaubert von seinem Anblick bleibt sie sitzen, erst als das Wesen auf sie zukommt, rutscht sie rückwärts weg. Nach wenigen Metern, fühlt sie die kalte Rinde eines Baumes an ihrem Rücken. Sie zieht ihre Beine an und schlingt ihre Arme darum. Das Tier bleibt direkt vor ihr stehen und schnuppert erneut an ihr. Erst jetzt fällt Eli auf, dass hier kein Schnee am Boden liegt, so wie in ihrem Dorf. Das Knurren des Tieres lässt sie zusammenfahren, trotzdem gibt sie sich mühe nicht verängstigt zu wirken. Erneut streckt sie die Hand nach dem weissen Fell aus, doch sie berührt es nicht. Es setzt sich direkt vor ihre Füsse und beobachtet sie, es scheint nicht zu verstehen, wieso sie es anfassen will. Nach einigen Minuten legt sich das Tier hin, es scheint erschöpft zu sein. Behutsam streckt Eli ihre Beine aus, es hebt nicht einmal den Kopf an als es zu knurren beginnt. Dennoch lässt Eli ihre Beine ausgestreckt auf der kalten Erde liegen. Es dauert nicht lange und das Wesen schläft ein.
Behutsam kriecht Eli an seine Seite, sie sieht sich die Wunden an, die die Männer hinterlassen haben. Lautlos schleicht sie zum Fluss und taucht den Beutel ins Wasser, ebenso lautlos schleicht sie zurück. Behutsam lässt sie einzelne Tropfen des klaren Wassers auf das weisse Fell tropfen. Ihre Hände sind taub von der Kälte, dennoch holt sie noch einmal Wasser aus dem Fluss. Sanft dreht sie das Tier auf die Seite, um sich den Bauch anzusehen. Eli wäscht das blutbefleckte Fell, dabei erwacht das Tier, doch Eli bemerkt es nicht. Erschrocken weicht sie zurück, als sie den erhobenen Kopf des Tieres sieht. Doch es scheint ganz ruhig zu sein, daher rutscht Eli zu ihm hin. Es lässt sich streicheln und schmiegt sich an ihr Bein. Nach einer Weile steht Eli auf und geht ein paar Schritte. Auf der anderen Seite des Flusses sieht sie die Beeren, die sie für den Händler suchen soll. Daher sucht sich Eli eine flache Stelle und überquert den Fluss. Sie füllt den Beutel innert kürzester Zeit und überquert den Fluss erneut. Das Tier beobachtet sie mit wachsamen Augen. Eli streichelt das weisse Fell noch einmal, dann macht sie sich auf den Weg zurück ins Dorf. Doch das vierbeinige Wesen folgt ihr mit etwas abstand. Erst am Waldrand bleibt es zurück. Bald wird es dunkel, Eli war beinahe den ganzen Tag in dem düsteren Wald und merkte nicht wie die Zeit vergangen war. „Ich habe mir bereits Sorgen gemacht, dass du gar nicht mehr kommen würdest!“, sagt der Händler anklagend. Eli zuckt nur mit den Schultern und fragt ob sie heute als Bezahlung ein Stück Fleisch bekommen kann.
Überrascht schaut der Händler sie an, denn normalerweise will sie Früchte oder Gemüse, denn das ist günstiger als Fleisch und somit bekommt sie mehr. „Hier, ich gebe dir ein paar Münzen, damit kannst du beim Metzger Fleisch kaufen gehen.“ Er lässt die Münzen klirrend in Elis Hand fallen. Schnell geht sie zum Geschäft auf der anderen Seite der Strasse. Der Metzger scheint wenig erfreut sie zu sehen, bis sie die Gelbstücke auf den Tresen legt. „Ich möchte gerne so viel von ihrem günstigsten Fleisch kaufen, für diese vier Münzen.“, bittet Eli höflich. „Ich habe noch Metzgereiabfälle hinter dem Haus stehen, wenn du willst, kannst sie alle haben für nur ein Geldstück.“, entgegnet der Metzger. „Für die anderen drei Geldstücke, biete ich dir dieses Fleisch hier an.“, er deutet mit der Hand auf zwei Kisten voller Fleisch. Eli nickt und strahlt übers ganze Gesicht. „Kann ich die Kisten mitnehmen? Ich werde sie auch morgen früh zurückbringen.“, verspricht sie. Zuerst sträubt er sich ihr die Kisten mitzugeben, aber als andere Kunden den Laden betreten, ändert er schnell seine Meinung und stellt sie vor die Tür.
Sie schleppt Kiste für Kiste in ihr Versteck, dann nimmt sie einen Knochen, an dem noch etwas Fleisch hängt und geht damit zum Tor. Die Wachmänner schauen sie verachtend an, lassen sie aber passieren. Das weisse Fell ist kaum zu erkennen auf dem Schnee. Eli hätte das Wesen beinahe nicht mehr gefunden, doch als sich auf einmal zwei Augen auf sie zu bewegen, weiss sie, es muss das Wesen von heute Morgen sein. Sie lockt es schnell mit dem Knochen neben den Wachmännern vorbei hinein in das Dorf. Da sie von den Menschen gemieden wird, fällt ihr vierbeiniger Gefährte nicht auf. Als Eli voran in den Bau kriecht, bleibt das Wesen vornedran stehen. Sie streckt ihm den Knochen hin und versucht ihn nach unten zu locken, aber er kommt nicht. Die Kammer unter der Erde ist grösser, als die Kammer die sie letzte Nacht mit Gina geteilt hat. Daher sollte es kein Problem sein das Wesen hier unten mit ihr schlafen zu lassen. Nach etlichen Fehlversuchen das Tier in den Bau zu locken, kriecht Eli erneut hervor. Sie wirft den Knochen in den Bau und schiebt das Tier in das kleine Loch in der Erde. Endlich ist es unten, nun kriecht Eli auch hinunter. Sie ist erschöpft und schläft sofort ein.
Die ersten Sonnenstrahlen erhellen den Eingang der Höhle, schlaftrunken öffnet Eli die Augen. Das weiche Fell ihres neuen Begleiters wärmt ihre Beine, aber er scheint nicht mehr zu schlafen.
Behutsam legt Eli ihre Hand auf sein Fell, er knurrt leise, lässt sie aber machen. Ihr Magen knurrt, aber sie hat nur rohes Fleisch, daher muss sie sich etwas Essbares suchen gehen. Zum Glück ist das Tor zum Wald wieder geöffnet. Es gibt viele leckere Beeren und Äpfel dort, obwohl es hier im Dorf schneit ist es angenehm warm im Wald. Eli glaubt, dass es an dem riesigen Moor liegt, dass sich unweit der Waldgrenze befindet.
Aber wissen tut sie es nicht. So wie jeden Morgen streckt Eli den Kopf aus ihrem Versteck und schaut ob sie von Jemandem entdeckt werden könnte. Da sie eine Art Bettlerin ist und auf der Strasse lebt, könnte es durchaus vorkommen, dass der Dorfherr sie fangen lässt und an die Schattenwesen des Waldes verfüttert. Niemand zu sehen. Wie ein Fuchs schleicht sie aus ihrem Bau, erneut kontrolliert sie die Umgebung, aber es ist immer noch niemand zu sehen. Eine kalte Schnauze drückt ihr in die Kniekehle, dann drückt sich das Wesen zwischen ihren Beinen hindurch an die Oberfläche. Er setzt sich an ihre Seite und schaut sie auffordernd an. Eli atmet zwei drei Mal tief ein, dann marschiert sie auf das Tor zu.
Das vierbeinige Wesen folgt ihr mit etwas abstand. Als sie am Tor ankommt, ist es noch geschlossen. Sehr ungewöhnlich, denkt sich Eli, aber sie zuckt mit den Schultern und setzt sich auf einen Baumstrunk, der vom Schnee verschont blieb. Nach kurzer Zeit beginnt sie zu frösteln und zu allem Überfluss weht auch noch der Wind.
Die Arme eng um sich geschlungen und die Beine angewinkelt wartet Eli auf die Wächter, die das Tor jeden Morgen öffnen. Aber sie kommen nicht, auch die Nachtwächter sind nirgends zu entdecken.
Nun friert Eli so sehr, dass sie sich entschliesst, zum Händler zu gehen. Vielleicht schenkt er ihr etwas zu essen oder sie bekommt einen Vorschuss für den nächsten Auftrag.
Enttäuscht geht sie zurück ins Dorf. Die Gassen sind Menschenleer, keine Kinder schreien, alle Türen sind geschlossen, keine Kerze brennt. Es muss etwas vorgefallen sein letzte Nacht, aber was? Eli hat so tief geschlafen, dass sie nichts mitbekommen hat und ihr vierbeiniger Begleiter ist so schweigsam wie immer. In Gedanken versunken, bemerkt Eli nicht, dass sie bereits am Haus des Händlers vorbeigegangen ist und nun auf den grossen Dorfplatz zusteuert. Erst als sie über etwas Weiches stolpert, bemerkt sie die Menschenmenge vor sich. Alle sind hier versammelt, das kann nur einen Grund haben. Der Herr spricht zu seinem Dorf. Es kommt selten vor, dass der Mann der hier regiert sein gigantisches Haus verlässt. Wieso auch, die Untertanen kommen zu ihm, wenn sie etwas wollen und wenn er etwas mitteilen will, dann schickt er seine treusten Diener aus. Eli hat den Mann erst zwei Mal in ihrem Leben gesehen. Das erste Mal war, als er alle Männer, ausser seinen Dienern befohlen hatte das Dorf vor Feinden zu schützen, die in der Nähe Stellung bezogen hatten. Elis Vater ist bei einem Schwertkampf getötet worden und das zweite Mal als sie ihn sah, war als ihre Mutter von den Schattenwesen gefressen wurde. Sie war seine Dienerin, um genau zu sein seine Lieblingsdienerin, er wollte sie kurz nach dem Tod ihres Vaters heiraten, aber als ihre Mutter ablehnte wurde er so wütend, dass er sie den Schatten zum Frass vorwarf. Eli war damals erst vierzehn Sommer alt, zu jung um für sich selbst zu sorgen, aber auch zu alt um sich einen neue Familie zu suchen, daher musste sie ab diesem Moment für sich alleine leben. Bevor ihre Mutter dem Herrn seine Heiratsbitte abgeschlagen hatte, lebten Menschen wie sie, die normalerweise als Hexen verfolgt und getötet werden ganz normal mit den Dorfbewohnern. Aber nach diesem Tag, wurden alle hellhäutigen Frauen, mit dunklen Haaren zusammen getrieben. Sie wurden verhört und oft wurden sie dann den Schatten zum Frass vorgeworfen. Zwei der Frauen konnten flüchten, aber die Wahrscheinlichkeit, dass sie noch leben ist gering. Denn sie sind zu Fuss in den Wald gerannt und da das nächste Dorf zu weit weg liegt um es an einem Tag zu erreichen, haben sie eine Nacht im Wald verbringen müssen. Da Eli viele Verstecke kennt und bisher mit allen gut ausgekommen ist, jagten die Dorfbewohner sie nicht so unerbittlich wie ihre Aussehensverwandten. Nun sieht Eli ihn zum dritten Mal und sie weiss, dass es nichts Gutes bringen wird. „Geschätzte Untertanen, wie ihr alle sicherlich wisst, ist meine Tochter schwer krank. Schmerzen durch den ganzen Körper quälen sie Tag für Tag. Kein Heiler konnte helfen. Kein Medikament hielt was es versprach. Es ist hoffnungslos, sagt die Dorfheilerin, aber ich will es nicht glauben, daher rufe ich euch auf mir und meiner Tochter zu helfen! Derjenige der es schafft meiner Tochter die Schmerzen zu nehmen oder zumindest zu lindern, dem schenke ich Reichtum.“, sagt der Mann mit verzweifelter Stimme. Gemurmel erfüllt den Dorfplatz, aber kein Mensch tritt vor um ihrem Herrn mit seiner Tochter zu helfen. Jeder weiss, dass sie unheilbarkrank ist, wenn nicht einmal die Dorfheilerin ihr helfen kann. Eli kann es den Gesichtern ablesen, dass sie am liebsten weglaufen würden, aber keiner wagt es seinem Herrn den Rücken zu zuwenden. Gerade als Eli zum Tor zurückgehen will, erregt ihr vierbeiniges Wesen die Aufmerksamkeit einer jungen Frau. „Ah ein Geist!“, schreit sie so laut, dass sich alle auf dem Platz zu Eli umdrehen und den vierbeinigen Geist neben ihr stehen sehen. Nun schreien auch andere Frauen und die Kinder schreien mit. Die Männer die damals nicht mit ihrem Vater gestorben sind, nähern sich ihr bedrohlich. Einige ziehen ein Messer aus ihren Gurten, bereit zuzustechen. „Das verfluchte Mädchen, der Geist gehört bestimmt zu ihr!“, schreit eine Frau feindselig. Nun haften alle Blicke an ihr und nicht mehr an dem weissen Fell ihres Begleiters. Ihr Leben lang lebte Eli in der Angst, dass genau das eines Tages passieren würde, nur hätte sie nicht gedacht, dass ein vierbeiniges Wesen der Auslöser sein würde. Nun ja, so wie ihre Mutter würde auch sie jung sterben, schiesst Eli durch den Kopf. Eli lässt sich ohne Widerstand zu Boden reissen und Fesseln anlegen, doch ihr weisser Begleiter knurrt, fletscht die Zähne und beisst wild um sich. Doch als er zu Eli schaut und erkennt, dass sie sich wehrlos ergeben hat, legt er sich auf den Boden und lässt sich die Beine zusammenbinden. Eli ist erstaunt, wie sehr sie dieses weisse Fellbündel in ihr Herz geschlossen hat, innert dieser kurzen Zeit. Sie hat ihn erst gestern von diesen Männern gerettet und heute liegt er schon wieder wehrlos auf dem Boden, den Männern ausgeliefert. Doch so ergeben wie sie ihm ist, so ergeben scheint er ihr auch zu sein, denn er hat sich einfach auf den Boden gelegt und es ihr nachgemacht. Eli wird mit ihrem Geist in eine kleine Zelle neben dem Dorftor eingesperrt, der Wind zieht zwischen den Gitterstäben hindurch und Eli beginnt erneut zu frösteln. Der Händler kommt am späteren Nachvormittag vorbei und besucht Eli in der viel zu kleinen Zelle. Er streckt ihr eine Decke durch die Gitterstäbe, da er ein einflussreicher Mann ist, sagen die Wachen nichts dazu. Sein Blick ist vorwurfsvoll, aber dennoch Väterlich. Elis Vater war Früher mit dem Händler gut befreundet, aber als er starb änderte sich alles. Mit zitternden Händen nimmt Eli die Decke dankend an, doch der Vierbeiner knurrt umso lauter. „Er scheint mich nicht zu mögen.“, stellt er betroffen fest. „Ich denke er mag niemanden wirklich.“, entgegnet Eli freundlich. „Weisst du eigentlich was er ist?“, hackt der Händler nach. Ausweichend schüttelt Eli den Kopf, nein sie weiss es nicht und sie will es auch nicht wissen. Es ist ein Wesen, das beschützt werden muss. „Ich habe einst ein Buch gelesen, darin Stand, dass sich Schattenwesen in Tiere wie deines Verwandeln können. Wenn es dunkel wird, lösen sich schwarze Nebelschwanden aus ihrem Fell und werden zu winzigen Todbringenden Kreaturen. Wenn ihr Opfer dann dahin gerafft ist, gehen sie den toten Körper fressen.“, flüstert er verschwörerisch. „Das ist albern, er war letzte Nacht bei mir und mir geht es gut. Zumindest noch solange bis die Menschen mir etwas antun.“, flüstert Eli feindselig zurück. Um zu zeigen, dass das Wesen nicht gefährlich ist, legt Eli ihre Hand vorsichtig auf den Kopf des Tieres. Er legt die Ohren an den Kopf, bleibt aber ruhig neben ihr stehen.
Überrascht und zugleich fasziniert beobachtet der Händler sie. „Ich habe die Diener des Herrn belauscht, sie wollen dich und dieses Wesen noch heute Nacht vor die Tore setzten und die Schatten rufen. Ich hoffe für dich, dass dein Wesen ein Schattenwesen ist und dich vor seinesgleichen beschützt.“, mit diesen Worten verabschiedet er sich. Entmutigt bleibt Eli in ihrer Zelle alleine zurück. Erste vor zwei Tagen wurde eine alte Dame den Schatten als Opfer dargelegt und heute Abend soll sie die nächste sein. Niedergeschlagen von den schlechten Nachrichten, legt sich Eli auf die gefrorene Erde, dann steht sie noch einmal auf und wickelt sich in die Decke ein. Erneut legt sie sich hin. Noch bevor sie eindöst, legt sich das vierbeinige Wesen auf sie, um sie zu wärmen.
Innert kürzester Zeit schläft sie tief und fest, nur der Druck auf ihrem Brustkorb hindert sie daran sich auf die Seite zu drehen.
Gegen Abend erwacht Eli aus ihrem beinahe komatösen Schlaf. Sie reibt sich die Augen, dann drückt sie ihren Kopf gegen das warme weisse Fell, dass sie den ganzen Nachmittag warm gehalten hat. Müde schaut Eli um sich, einige Schaulustige haben sich bereits versammelt. Es kann nicht mehr lange dauern und die Sonne geht unter und damit ist ihr Leben zu ende. Einmal in der Woche, dürfen die Dorfbewohner am Abend, noch nach Sonnenuntergang draussen sein, aber sie müssen zusammenbleiben und sich das Spektakel, wie es der Dorfherr so schön nennt anschauen.
Beinahe alle Dorfbewohner haben schreckliche Angst vor den Schattenwesen, aber zuschauen, wenn jemand gefressen wird, wollen sie trotzdem. Sie klettern auf die Mauer und starren in den immer dunkler werdenden Wald. Eli hat sich dieses Spektakel nur einmal angesehen und das liegt lange zurück. Einige Jahre um genau zu sein, es war die Nacht als ihre Mutter starb, seit jenem Tag erträgt Eli die Schreie der Opfer nicht mehr.
Aber heute Nacht wird es ein Ende haben, endlich wird sie ihrer Mutter an einen besseren Ort folgen. „Hallo Eli.“, sagt der Händler mit freundlicher Stimme. Aus ihren Gedanken gerissen, starrt Eli ihn zuerst fassungslos an, bis sie ihn erkennt dauert es einige Sekunden, dann erwidert sie ebenfalls freundlich ein „Hallo.“ „Ich habe mit dem Dorfherrn gesprochen und er würde dich in meine Dienste stellen, wenn du dein vierbeiniger Freund weg schickst.“, bietet er zuckersüss an.
Doch Eli schüttelt wiederwillig den Kopf, nein, sie will ihren pelzigen Freund nicht opfern um sich das Leben zu retten. Immerhin hat er ihr den ganzen Nachmittag lang wärme gespendet. Auch jetzt schaut er Eli an, als ob er verstehen würde was vor sich geht, als der Händler Eli vorschlägt, ihn zu opfern um ihr Leben zu retten, winselt er laut. Sanft streichelt Eli ihm über die kalte Schnauze, sie zieht in an sich und gibt ihm einen Kuss auf den flachen Schädel. „Nein ich werde ihn nicht einfach den Schatten überlassen.
Auch wenn ich ihn erst seit gestern kenne, habe ich das Gefühl er gehört zu mir. Ich danke dir für dein Angebot, aber ich lehne es ab.“, damit glaubt Eli sei die Unterhaltung zu ende, aber der Händler bittet sie noch einmal darüber nachzudenken und versucht sie mit allen Mittel zu Überzeugen. Die Antwort bleibt dennoch nein. Nun endlich schweigt er, als der Dorfherr zu ihnen tritt. Der Händler schüttelt enttäuscht den Kopf, daraufhin legt der Dorfherr ihm seine Hand auf die Schulter und sagt: „Nun gut, dann sei es so, die Schatten werden sich freuen über ein so junges Ding.“ Zwei grossgewachsene Männer treten vor den Käfig, Eli erkennt sie sofort. Es sind die Beiden, die jeden Abend ihr Dorf bewachen, so dass kein Fremder in der Nacht über die Mauern klettert. „Streck deine Amre zwischen den Gitterstäben hindurch!“, befiehlt der eine mit kratzender Stimme. Wütend, traurig und Angsterfüllt gehorcht sie. Das Seil schneidet ihr ins Fleisch, aber Eli lässt sich nichts anmerken.
Mit hocherhobenem Haupt schreitet sie den Wachmännern nach durch die Menschenmenge. Von allen Seiten her hört sie „Hexe!“, oder „Ein wunder, dass sie solange überlebt hat. Ich hätte sie bereits vor Jahren getötet!“ All diese vertrauten Gesichtern, aber darauf ist nur Hass zu erkennen. Eli kämpft mit den Tränen, sie hat so lange Zeit mit ihnen zusammen gelebt. Einigen hat sie gar geholfen oder Aufträge für sie erledigt. Sogar das kleine Mädchen, das sie erst vor zwei Nächten bei sich schlafen lies, ist hier und sieht sie mit verschwörerisch bösem Blick an.
Nur noch wenige Schritte, dann schreitet sie durch das Tor. Dicht gefolgt von ihrem weissen Begleiter, dem die Zunge entspannt aus der Schnauze hängt. Er scheint nicht beunruhigt zu sein, dass er nun zurück in den Wald muss. Wieso sollte er auch, Eli hat ihn ja in diesem Wald gefunden. Die Männer binden sie an den Pfahl, der nur wenige Meter seitlich neben dem Tor in den Boden gerammt wurde. Als sie dem Vierbeiner zu Elis rechten, ein Seil um den Hals legen wollen, fletscht er so heftig mit den Zähnen, dass sie rückwärts wegstolpern. „Soll er wegrennen, wenn er will!“, ruft der Dorfherr von der Mauer. Das kommt den Wachmännern gerade recht, denn der erste Schatten löst sich aus dem dunklen Wald.
Mit blassen Gesichtern und starren Augen verschwinden sie hinter dem Tor, erst als es geschlossen ist, atmen die Dorfbewohner wieder entspannter. Der Schatten nähert sich zögernd, geht aber immer wieder ein Stück zurück. Es muss wohl daran liegen, dass die Sonne noch nicht ganz hinter dem Wald untergangen ist. Elis Herz rast und bei jedem schlag schmerzt es ihr im Hals. Sie ballt ihre Hände zu Fäusten, ihre Knodel werden weiss und die Adern treten hervor. Desto angespannter Eli wird, desto ruhiger wird ihr Begleiter. Er legt sich auf den Boden und starrt den näherkommenden Schatten an, er scheint auf ihn zu warten. Eli gibt sich alle Mühe nicht ängstlich zu wirken, diese Genugtuung will sie den Dorfbewohnern nicht schenken, vor allem aber dem Dorfherrn nicht. Es dauert nur noch Minuten, dann ist die Schützende Sonne weg. Immer mehr Schattengestallten lösen sich vom Wald und treten auf die Wiese die zwischen Dorf und Wald liegt. Um sich zu beruhigen schliesst Eli ihre Augen.
„Seht!“ „Der ist ja riesig!“ Geschrei und erstaunte „Ah!“, rufe erfüllen die Nacht. Sofort reisst Eli ihre Augen auf. Ein Schatten, mehr als doppelt so gross wie die andern. Mit seinen feurig roten Augen starrt er Eli direkt an, die seinen Blick erwidert. Er bleckt seine rasiermesserscharfen, spitzen Zähne und stösst einen markdurchdringenden Schrei aus. Die kleineren Schatten weichen zurück und der Vierbeinige neben Eli steht auf. Er heult, erneut stösst der Schatten einen Schrei aus, dann kommt er mit grossen Schritten näher. Das Blut in Elis Adern gefriert, die Luft wird ihr abgeschnürt. Er bleibt direkt vor ihr stehen und begutachtet Elis zitternden Körper. Wie erstarrt bleibt er stehen.
Reglos. „Bleib ruhig!“, befiehlt sich Eli flüsternd. Ihre Beine und Hände zittern nicht mehr, sie richtet sich auf und versucht ihn unbeeindruckt anzusehen. Der Schatten kneift seine rotglühenden Augen zusammen, die langen Finger, die an Klauen erinnern, zucken leicht bevor er sie durch die Luft fahren lässt. Kein Schmerz. Nichts. Mit weit aufgerissenen Augen schaut Eli an ihrem Körper nach unten. Kein Blut, der Schatten muss sie verfehlt haben. Schnell kontrolliert sie ob es ihren weissen Begleiter erwischt hat. Aber er steht genau so ruhig neben ihr wie zuvor. Doch er schaut nicht mehr den Schatten an, sondern den Pfahl, an den sie gebunden wurde. Die Dorfbewohner sind wie gebannt von dem Schattenwesen, keiner wagt es etwas zu sagen. Langsam dreht Eli den Kopf in Richtung des Pfahls, doch der eben noch massive Stamm, liegt nun geschnitten wie mit einer Säge am Boden. Die Klauen müssen sehr scharf sein um dieses Holz einfach so zu zerteilen. Da Eli den Knoten um ihre Handgelenke nicht öffnet kann und das Seil nicht vom Pfahl ziehen kann, streckt sie dem Schatten hilfesuchen die Hände entgegen. Doch er schenkt seine Aufmerksamkeit nun nicht mehr ihr, sondern dem weissen Fellwesen neben ihr. Er streckt seine Klauenhand nach ihm aus, Elis Herz wird schwer. Sie will das Fellwesen nicht verlieren, es ist ihr einziger Freund auf der ganzen Welt. Ihre Mutter wurde ihr von einem Schattenwesen geraubt und ihr Vater von Feinden getötet. Noch bevor die Schattenklauen sein weisses Fell berühren, stellt sich Eli dazwischen. Sie fühlt einen sanften Druck auf ihrem Bauch, dann scharfe klingen, die sie zu zerschneiden drohten. Eli folgt den Klauen mit ihrem Blick, doch als sie an sich hinab sieht, dringen die Schatten bereits in sie ein. Sie schreit laut auf vor Schmerz, Tränen rinnen über ihre Wangen, aber das Wesen drückt seine Klaue tiefer in ihr Fleisch. Die längste Klaue durchstösst die Haut ihres Rückens, vor Schmerz gekrümmt hustet sie. Sie schmeckt eine warme, metallische Flüssigkeit in ihr hochsteigen. Blut rinnt über ihr schneeweisses Kinn. Schweratmend greift sie nach dem Schatten, doch ihre Hände gleiten einfach durch ihn durch. Endlich zieht er seine Klaue zurück, Blut tropft von dessen Spitzen auf das Gras. Ihre Knie geben nach, sie sackt zusammen. Mit letzter Kraft dreht sie sich zu ihrem Vierbeinigen Freund um, der sie sanft
