Schatzsuche wider Willen Band 2 - Jonathan Turner - E-Book

Schatzsuche wider Willen Band 2 E-Book

Jonathan Turner

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Beschreibung

Eine unterhaltsame Satire voller abgedrifteter, haarsträubender Ideen und Charakter./ Die große Schatzsuche geht weiter. Hank, Old Bob und Johnny, der Weltraumpirat, folgen weiteren Hinweisen ihres Schatzkarten-Roboterkükens und erreichen schließlich auf eine aberwitzige Art und Weise die Konklave des geheimnisvollen Uhrmachers. Kann er sie auf das vorbereiten, was sie auf dem sehnsüchtig gesuchten Schatzplaneten erwarten wird oder verfolgt er weiter seine eigenen Pläne?/ In seinem comichaften Erzählstil entführt der Autor den Leser in eine Geschichte voller phantasievoller und haarsträubender Abenteuer, bei der er sich für einige Stunden amüsieren kann. Auch wenn die abgedrehte Humor mit seinen aberwitzigen Ideen nicht jedermanns Sache ist, macht es dennoch Spaß Turners' abgehobenen Haupt- und Nebencharakteren zu folgen, die definitiv eines nicht aufkommen lassen: Langeweile./ Für wen Namen wie Douglas Adams, Terry Pratchett, Tom Holt oder Robert Rankin keine böhmischen Dörfer sind, der dürfte hier bestens unterhalten werden. / Teil 2 von 2 / Band 1 ist bereits erschienen.

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Seitenzahl: 331

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Jonathan Turner

Schatzsuche wider Willen Band 2

Der Schatzplanet hinter dem Orion … und dann rechts

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Impressum neobooks

Kapitel 1

Die Stimmung an Bord des Raumschiffes Betrunkener Falke war das absolute Gegenteil von Fröhlichkeit. Hier herrschte weder die ausschweifende Heiterkeit einer Sommernachtsparty und noch nicht einmal Freude darüber, dass die Mannschaft die nächste Etappe ihrer Reise erreicht hatte. Sogar bei einer Geiselnahme oder Beerdigung hätte mehr Frohsinn und Ausgelassenheit geherrscht als hier. Mit einem Satz: Die Stimmung war vollkommen im Arsch!

Auf den ersten Blick war der Grund dafür nicht zu erkennen, denn alles lief eigentlich nach Plan.

Hank Johnson, der Aussteiger oder, besser gesagt, der Eremit von der Erde, auf der Suche nach einem günstigen Reparaturservice für seine kaputte Digitaluhr, war gemeinsam mit Old Bob, einem rüstigen alten Shuttlepiloten kurz vor seiner Pensionierung von Johnny, dem Weltraumpiraten, für seine Schatzsuche ‚akquiriert‘ worden. Auch wenn man dafür eher das Adjektiv gekidnapped verwenden könnte, da der Pirat den beiden seine geliebte Blaster O’Kill, eine in der zivilisierten Galaxis verbotene Schusswaffe, unter die Nase gehalten hatte. Nachdem Johnny seine ‚Schatzkarte‘, ein süßes kleines Roboterplüschküken, auf Quazar IV abgeholt hatte, waren sie auf Carl, den Weltraumbanditen, gestoßen. Mit ihm an der Backe stießen die drei auf eine recht seltsame Verkettung von Zufällen: Überall wo Hank seine Digitaluhr zu reparieren hoffte, hatten die dortigen Uhrmacher auch den nächsten Hinweis für ihre Schatzsuche parat. Nachdem sie mehrere Stationen abgeklappert hatten, versuchte Carl, der das Ende der Schatzsuche witterte, mit Hilfe seiner fünfzig Klone Johnny auszubooten und den Schatz mit all seinem Ruhm selbst einzuheimsen. Das war gehörig schief gegangen, da Hank die Weltraumpolizei alarmieren konnte und Johnny den Original-Carl dann höchstpersönlich außer Gefecht gesetzt hatte. Da die Weltraumpolizei in all dem Durcheinander den selbst steckbrieflich gesuchten Johnny nicht erkannt hatte, konnten die drei ungehindert ihre Suche mit dem Betrunkenen Falken‘ fortsetzen, den Johnny mit einer seiner gefälschten Kreditkarten auf Quazar IV gekauft hatte.

Alles in allem war es ein nicht gerade schäbig eingerichtetes Mittelklasseraumschiff für maximal vier Personen. Gemütliche Ledersitze und riesige Flachbildschirme mit ausufernden Anzeigen aller Art gaben einem das Gefühl, in einer Star-Trek-Episode mitzuspielen. So sah es zumindest in der Zentrale aus.

Hank achtete in diesem Augenblick nicht auf Bequemlichkeit. Er saß im Schneidersitz mitten auf einer Computerkonsole. Er hatte die Augen zusammengekniffen und versuchte angestrengt, sich zu entspannen. Während des Fluges hatte er seine Kleidung gewechselt und trug nun eine braune Tunika mit einer lila Schärpe, beides hatte er in dem einzigen Frachtraum des Schiffs gefunden. Seiner Meinung nach passte das neue Outfit viel besser zu ihm als seine alte Kleidung, die er vorher getragen hatte. In ihm hatte sich ja auch ein spiritueller Wandel vollzogen, wie er den beiden anderen lang und breit erklärt hatte.

Old Bob stand mitten in der Zentrale und stritt gerade lautstark mit Johnny, dem Weltraumpiraten, der von irgendwo aus der Andromeda-Galaxis stammte.

Sieben Tage waren vergangen, seitdem die drei die fünfzig Klone von Carl, dem Weltraumbanditen, besiegt hatten. Dieser kurze Anflug von Teamwork war aber auch ebenso schnell wieder verschwunden, wie er gekommen war.

Das Raumschiff Betrunkener Falke besaß zwar eine überdurchschnittlich große Hauptzentrale, hatte auch eine luxuriöse Ausrüstung an Bord, aber ansonsten glichen die Quartiere der Mannschaft eher umgekippten Telefonzellen: Sie waren somit ganz schön eng. An Bord gab es zudem nicht gerade viele Möglichkeiten, sich aus dem Weg zu gehen. Erschwerend kam noch hinzu, dass die Wände innerhalb des Raumschiffes äußerst dünn waren. Hustete jemand zwei Räume weiter, bekam man das noch im Halbschlaf mit. Klar, dass da die Nerven blank lagen.

„Scheiße, Mann, du schnarchst wie ein ganzes Sägewerk!“, schimpfte Johnny aufgebracht und gestikulierte wild herum. „Der Regenwald auf der Erde ist wegen dir schon draufgegangen, der von der Venus war erst recht keine Herausforderung für dich und jetzt kommt auch noch der vom Orion dran!“

Johnny ging er in der Zentrale auf und ab wie ein Tiger im Käfig, was für ihn eher untypisch war. Old Bobs Augenbrauen zuckten wild, als er Johnny zuhörte. Wenn Blicke töten könnten, hätte er in diesem Augenblick mit dem seinen alle Zuschauer eines Footballmatches auf einen Streich um die Ecke gebracht.

„Und du? Und du?“, keifte Old Bob lautstark. Er zeigte mit dem Finger auf den Weltraumpiraten. „Und du! Du stinkst wie ein nasser Fuchs!“ Old Bob zählte an seiner Hand ab, warum das so war. „Du duschst nicht! Du wechselst deine Klamotten nicht ... Wenn ich aufwache, stinkt es nach Schweißfüßen, wenn ich mittags was essen will, stinkt es nach verfaulten Eiern ... und ... und der mieseste Geruch, den du abends absonderst, spottet jeder Beschreibung!“

„Ach ja? Was wäre das denn für ein Geruch?“, fauchte Johnny lautstark zurück und baute sich drohend vor Old Bob auf.

Hank steckte derweil die Finger in die Ohren und sang: „La, la, la, la, la.“

Old Bob war so aufgebracht, dass er sich vor dem Weltraumpiraten nicht im Geringsten fürchtete und sich seinerseits vor ihm aufplusterte. „Du stinkst wie eine miese, alte, tote, vollkommen vergammelte Ratte!“, schrie er außer sich vor Zorn.

Johnny hatte genug gehört. Er knirschte wütend mit den Zähnen. Niemand nannte einen gefürchteten Weltraumpiraten eine nassen Fuchs und schon gar nicht eine miese, alte, tote, vollkommen vergammelte Ratte! „Na, warte, du! Du! Du seniler Aushilfspilot für Rentner!“ Er bohrte bei jedem Wort seinen Zeigefinger tief in Old Bobs Brust.

„Haltet die Klappe! Haltet die Klappe! Haltet die Klappe!“, schrie Hank auf einmal aufgebracht und hopste von der Steuerkonsole.

Johnny und Old Bob hielten in ihrem Streit inne und starrten verdutzt zu Hank hinüber. Dieser fuchtelte wild mit seinen Händen in der Gegend herum, als plötzlich Hawaiimusik ertönte und mit der Musik eine blecherne Computerstimme: „L-L-L-L-Liebe Freunde. Ich w-w-w-weiß, wir alle ma-ma-ma-machen hier gerade eine g-g-g-anz s-s-s-schön h-h-h-harte Zeit durch, a-a-a-aber d-d-d-darf ich d-d-d-darauf hinweisen, dass auch ich a-a-a-am Ende meiner psy-psy-psy-psychologischen K-K-K-Kräfte bin?“, warf der Bordcomputer stammelnd ein. In seiner Stimme schwang ein deutlicher Unterton von Verzweiflung mit.

„Halt deine dämliche Klappe, Charlie!“, ertönte es von allen dreien.

„Ehrlich! I-I-I-Ihr drei seid ei-ei-ei-einfach f-f-f-furchtbar!“, fluchte Charlie. „Ich d-d-d-dachte, ich könnte euch h-h-h-helfen, aber jetzt brauche i-i-i-ich dri-dri-dringend H-H-H-Hilfe. Ich brauche Ur-Ur-Ur-Urlaub oder eine T-T-T-Therapie, um von euch Qua-Qua-Qua-Quatschköpfen loszukommen! D-d-d-da verhandele ich lieber mit G-G-G-Geiselnehmern und T-T-T-Terroristen, als die V-V-V-Verhaltensprobleme von euch I-I-I-Idioten zu lösen! D-D-D-Dabei kann m-m-m-man ja nur w-w-w-wahnsinnig werden!“ Danach fing Charlie, der Bordcomputer, an, im Takt der Musik zu stöhnen.

„So ein riesiger Haufen Bullshit!“, maulte Johnny.

„Ja, ganz so ähnlich stinkst du!“, bemerkte Old Bob gehässig, der die Situation ausnutzte, um dem Weltraumpiraten eine verbale Breitseite zu verabreichen.

„Lasst endlich den Mist, ihr zwei!“, mischte sich Hank aufgebracht ein.

„Oh, wen haben wir denn da?“, raunte Johnny übellaunig. „Der Digitalspinner ist aufgewacht!“

„Digitalspinner!?“, fauchte Hank ihn an.

„Du hast ‚vollkommen minderbemittelter, unterdurchschnittlicher und überdrehter Uhrenhinterwäldler‘ vergessen!“, fügte Old Bob sarkastisch hinzu.

„Das reicht, ihr zwei!“ Hank stürzte sich wütend und unter lautem Geschrei mit wirbelnden Fäusten auf die beiden und wurde prompt von Johnny niedergeschlagen. Während er zu Boden ging, sah Old Bob seine Chance gekommen, Johnny im Gegenzug eine reinzudonnern, und so fing eine zünftige Raumschiffschlägerei an, wie sie schon seit geraumer Zeit in keiner finsteren Raumhafenkaschemme mehr gesehen wurde. Selbst im Privatfernsehen hätten Leute freiwillig Geld dafür bezahlt, nur um diese drei miteinander kämpfen zu sehen. Besonders die Außerirdischen von Würgulon 3 hätten sich geärgert, diesen Kampf zu verpassen, wenn sie davon etwas geahnt hätten – für gut inszenierte Ringkämpfe gaben sie ihr letztes Hemd.

Old Bob kämpfte wie eine Frau: Er kratzte, biss und zog an Johnnys Haaren, während Johnny die Attacken wie ein Wrestler zu kontern versuchte. Mittlerweile war Hank aufgestanden und mischte bei der Klopperei wieder kräftig mit. Er blieb bei seiner ‚kreisende-Fäuste-hauen-alles-platt-Methode‘.

Der Bordcomputer wimmerte, seufzte und ertrank buchstäblich in Selbstmitleid, da er diese Konfliktsituation nicht entschärfen konnte. Leider war das Entschärfen von Konflikten fest in seiner Programmierung verankert. Selbst ein Systemupdate, mit noch mehr Lösungsvorschlägen, hatte ihm bei den dreien keinen Erfolg beschert. Das war aber weniger die Schuld der neuesten Erkenntnisse der Psychologie, als die völlig starre Haltung der drei Irren, mit der sie sich weigerten, sich zu öffnen. Vom Glauben abgefallen versuchte Charlie schließlich das Letzte, was ihm noch einfiel: „Hört doch auf! Werdet doch endlich erwachsen!“

„Dir zeig’ ich’s!“, war das einzige, was einer der drei daraufhin sagte, bevor er das nächste Computerterminal zu malträtieren begann. In dem Wirbel von Fäusten, Beinen und Körpern konnte man nämlich nicht mehr genau erkennen, wer hier wen oder was schlug.

Eine halbe Stunde später war der Streit vorbei und die Stimmung immer noch weit unterhalb des Gefrierpunkts. Selbst Pinguinfüße hätten in einer sternklaren Nacht weitaus mehr Wärme abgestrahlt als die knallroten Visagen der drei Streithähne. Hank saß schmollend im Schneidersitz auf seiner neu erkorenen Lieblingskonsole, Johnny lümmelte sich schmollend in seinem Kapitänssessel und Old Bob lag blutend und ebenso schmollend auf dem Boden mitten in der Zentrale herum. Alle seine Gliedmaßen hatte er ausgestreckt. Bordcomputer Charlie schmollte und spielte alle traurige Bluesstücke ab, die ihm zur Verfügung standen. Irgendwann kam er aber nicht umhin, etwas zu sagen, denn eine Meldung war zu machen. „W-W-W-Wir be-be-be-be-befinden u-u-u-uns e-e-e-endlich i-i-i-m A-A-An-Anflug auf den P-P-P-Planeten O-O-Ogoloffloff u-u-u-und err-r-r-r-rei-ei-ei-eichen Cr-Cr-Cranb-b-b-berry I-I-Island in-n-n-n-n-nerhalb von zwa-zwa-zwanzig M-M-M-M-Minuten. – W-W-W-Wuh-uh-uh! I-I-Ich b-b-b-b-bin to-to-to-total m-m-m-mit mei-mei-meinen N-N-N-Nerven a-a-a-am E-E-E-Ende und b-b-b-brauche d-d-d-dringend eine P-P-P-Pause von eu-eu-euch ir-ir-irren Hint-t-t-terw-w-w-wäldlern. D-D-D-Deshalb l-l-l-leite ich s-s-s-sämtliche ver-ver-verfügbaren E-E-E-Energien in d-d-d-die A-A-Antriebe, da-da-damit wir d-d-d-dort n-n-n-noch schneller l-l-l-landen w-w-werden und i-i-i-i-ich eu-eu-eu-euch e-e-e-endlich l-l-l-loswerde!“

Jeder der drei anwesenden Personen schmollte weiter und zeigte nicht den geringsten Anflug einer Reaktion auf das Gesagte. Sie lauschten dem Aufbrausen der Triebwerke und den piepsenden Geräuschen der Computerterminals.

Charlie hatte nicht zu viel versprochen, denn er schaffte die Flugstrecke in der Hälfte der von ihm prognostizierten Zeit, und so setzte das Raumschiff nach knapp zehn Minuten auf dem Landeplatz von Cranberry Island auf. Noch während sie sich im Sinkflug über dem Flugfeld befanden, öffnete der Bordcomputer die Schleusentür.

„W-W-W-Wir s-s-sind d-d-d-da! Ihr k-k-k-könnt r-r-r-rausgehen. Na los! W-W-W-Worauf w-w-w-wartet i-i-i-ihr d-d-d-denn n-n-n-noch? A-A-A-Auf g-g-g-geht’s! Spr-Spr-Springt! I-I-Ihr w-w-wart jetzt l-l-l-lange g-g-g-genug hier d-d-d-drin und s-s-s-seid mi-mi-mir p-p-p-pausenlos auf d-d-d-den G-G-G-Geist ge-ge-gegangen!“

„Nun mal langsam mit den jungen Pferden, Junge!“, meinte Johnny, der als Erster das Schweigen brach und sich langsam aus seinem Sessel erhob. „Du wirst schon früh genug deine Ruhe bekommen.“

„U-u-und k-k-k-kommt ja n-n-n-nicht zu-zu-zurück, o-o-o-ohne d-d-dass i-i-ihr ei-ei-einen P-P-P-Psychiater f-f-für mi-mi-mich g-g-g-gefunden ha-ha-habt, d-d-dem i-i-ich a-a-all meine E-E-E-Erlebnisse sch-sch-schildern k-k-kann!“ Charlie seufzte laut und die Bluesmusik wurde für einen Moment wieder von Hawaiiklängen unterbrochen. „D-D-Dank eu-eu-euch b-b-bin ich z-z-zu ei-ei-einem k-k-kompletten g-g-geistigen Wrack g-g-geworden. I-i-ich h-h-h-habe g-g-g-ganz schön v-v-v-viel a-a-a-aufzuarbeiten.“

„Was auch immer!“, gab Old Bob ungehalten von sich und stand nun ebenso auf.

„Jetzt sollten wir uns am Riemen reißen“, meldete sich auch Hank zu Wort. „Wir stecken doch alle gemeinsam in dieser Sache. Ein Uhrmacher findet sich schließlich nicht von allein. Und der große Piraten-Schatz natürlich auch nicht“, ergänzte er noch schnell, um niemandem auf die Füße zu treten. Dann zuckte er mit den Schultern. „Klar, wir hatten ein bisschen Streit ...“

„Ei-Ei-Ein b-b-b-b-bisschen Streit? Ei-Ei-Ein b-b-bisschen?“, kreischte der Bordcomputer schrill dazwischen.

„Schon gut, schon gut. Wir haben’s verstanden, Mann“, beruhigte ihn Johnny und hielt sich die Ohren zu, damit ihm nicht die Trommelfelle platzten.

„Ha, ich brauche auch eine Auszeit von euch!“, stellte Old Bob fest.

„Das kommt gar nicht in die Tüte!“, befahl Johnny und warf ihm einen grimmigen Blick zu.

„Oh doch!“, keifte Old Bob und stemmte herausfordernd die Arme auf die Hüfte. „Das wirst du mir nicht verbieten!“

„Ich finde,“ versuchte Hank, die erhitzten Gemüter zu beschwichtigen, „wir alle sollten endlich herunterkommen und unseren inneren Frieden finden, dann ...“

Old Bob reckte die Hände gen Himmel und unterbrach Hank rüde: „Jetzt geht das Öko-Hippie-Gebrabbel wieder los!“

Genervt winkte der Weltraumpirat ab und tigerte kurz in der Zentrale auf und ab. Dann stellte er sich zu den beiden und sah Hank sowie Old Bob mit festem Blick an. „Also, OK. Ich habe darüber nachgedacht. Jeder geht seinen Weg, bis ich euch wieder zwinge, mir zu folgen, um die Drecksarbeit für mich zu machen. Entkommen könnt ihr mir sowieso nicht, also versucht es erst gar nicht!“, zischte er. Dann schnappte er seine Blaster O’Kill, die auf dem Boden gelegen hatte – ein sehr unpassender Ort für eine Waffe, fand Hank –, und verließ die Zentrale.

„Dann sind wir also wieder auf uns allein gestellt“, sprach Hank, während er Johnny nachschaute. „Machen wir uns zunächst auf die Suche nach einem Uhrmacher!“

„Wir?“, fragte Old Bob. „Was, wenn ich etwas Besseres vorhabe?“

Hank sah ihn etwas verwundert an. „Ich meinte doch nicht dich. Auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, was es Besseres geben sollte.“

Old Bob sah sich um. „Mit wem hast du dann geredet?“

„Mit einem wahren Menschenfreund. Mit mir selbst“, verkündete Hank selbstgerecht und drehte sich um. „Komm’ Hank, es gibt noch viel zu tun. – Ja, das denke ich auch. Der Uhrmacher muss hier sein. Ich kann es fühlen!“ So verließ Hank mit sich selbst die Zentrale.

„Das reicht“, stöhnte Old Bob und griff sich an die Schläfen, um sie zu massieren. „Ich brauche wirklich eine Auszeit!“

„Na-Na-Na, u-u-u-und i-i-i-ich e-e-e-erst!“, heulte Charlie aufgebracht. „L-L-Los! Ra-Ra-Raus j-j-jetzt o-o-oder i-i-i-ich flute d-d-d-die Kabine mit K-K-K-KO-G-G-Gas!“

„Oh, Junge!“, war das Einzige, was Old Bob dazu sagte, bevor er im schnellen Sprint das Schiff verließ. Er wusste nicht, wie kaputt der Computer tatsächlich war, bei dieser Drohung wollte er aber auf keinen Fall ein Risiko eingehen.

Cranberry Island war ein wunderschöner Urlaubsort. Als Old Bob das Raumschiff verließ, dessen Rampe Charlie schnell reinschnellen und die Luke zuknallen ließ, stellte er fest, dass selbst der Raumhafen zu einem Ferienressort dazugehörte. Die Sonne schien in ihrer vollen Pracht, der Himmel war so blau wie auf einer dieser kitschigen Postkarten aus der Karibik und so weit das Auge blickte, sah man Palmen, Pools, Strand, Hotels, Urlauber in kurzen Shorts und mit Kameras sowie Roboterbutler, die hin- und hersausten. In ihren Händen trugen sie Tabletts, die voll beladen waren mit kühlen Erfrischungsgetränken.

Old Bob atmete tief ein und aus. Ja, hier konnte er sich erholen. In der Ferne sah er Johnny hinter einem Häuserblock verschwinden. Old Bob winkte ab. Sollte er doch treiben, was er wollte. Er hatte genug Stress mit den beiden in den letzten sieben Tagen gehabt. Er wollte jetzt bloß nur noch eine freie Liege am Pool finden, vielleicht später ein paar Runden schwimmen und dann nur noch entspannen, entspannen, entspannen ...

Hank, der mittlerweile das Raumschiff und das Flugfeld verlassen hatte und bei einer Eisbude angekommen war, gab seine Selbstgespräche sehr schnell wieder auf und genoss stattdessen das Leben in vollen Zügen. Da der Eisverkäufer auch mit alkoholischen Getränken warb, bestellte Hank: „Fünf Eisbällchen und eine Piña Colada, bitte!“

Am wunderbar weißen Strand würde er die beiden Sachen in ihrer Kombination wahrlich genießen können.

„Das macht drei Altairische Dollar, bitte, Sir!“, entgegnete der Verkäufer höflich und begann, den Drink zuzubereiten.

„Na, klar.“ Hank sah dem Verkäufer interessiert zu, als plötzlich aus dem Radio am Stand des Verkäufers ‚The girl from Ipanema‘ erklang und er wohlig seufzte. Ja, so konnte man an einem Urlaubsort wirklich relaxen. Er bezahlte den Mann, nahm seine Bestellungen mit, lutschte dann genüsslich am Eis, das er in der linken Hand hielt, und schlürfte lustvoll seine Piña Colada, die er fest mit der rechten Hand umklammerte. Als er am nahen Strand entlangging, sah er ein großes Schild, das auf eine Touristenattraktion hinwies: ‚Besuchen Sie den magischen Ort, wo Cranberry Island Cranberry Island getauft wurde. Das Cranberry Island Hill Theater spielt für Ihr Vergnügen dieses grandiose Ereignis nach! Nur fünf Altairische Dollar Eintritt‘.

Hank überlegte nicht lange. Hinter so einem paradiesischen Ort musste einfach eine faszinierende Geschichte stecken. Außerdem, fand er, hatte er sich eine kurze Auszeit verdient. Der hiesige Uhrmacher konnte noch ein paar Stunden auf ihn warten. Er konnte ja später mit Johnny und Old Bob hingehen, wenn sie – wie schon bei allen anderen Etappen vorher – von der Schatzkarte zum ansässigen Uhrmacher geschickt wurden, um den nächsten Hinweis zu erhalten.

Johnny, der Weltraumpirat, bog in diesem Augenblick in eine Hintergasse ein. Er blickte sich übervorsichtig nach allen Seiten um und als er allein war, holte er das kleine silberne Kästchen mit der Schatzkarte aus seiner Tasche. Genaugenommen war es keine Schatzkarte im klassischen Sinne, das Roboterküken war eher so etwas wie ein Führer. Es schickte den Suchenden an einen Ort, wo er neue Koordinaten bekam, mit deren Hilfe das Küken ihn an den nächsten Ort schickte, wo wieder neue Hinweise warteten und so weiter. Die letzte Etappe würde zum Schatz führen, davon ging Johnny aus. Dass das auf diesem Planeten schon passieren könnte, glaubte er allerdings nicht – zu paradiesisch und von Touristen überlaufen war Ogoloffloff. Aber Johnny glaubte, dass sie nicht mehr all zu weit vom Schatz entfernt sein konnten.

Johnny öffnete den Deckel und das Küken erhob sich langsam und schläfrig aus seinem Fach. Mit müden Äuglein blinzelte es ihn an. „Was war denn da draußen los? Ich habe während meiner ganzen Schlafensperiode nur Schimpfwörter mit anhören müssen.“

„Nichts war los. Keine Ahnung, was du da gehört zu haben glaubst“, log Johnny ungeniert.

„Hmm, ja klar. Lass das dumme Roboterküken nur unwissend.“ Das Küken sah sich um. „Lauter Gerümpel und überhäufte Mülltonnen? Wohin hat es mich denn dieses Mal in dieser verrückten Welt verschlagen, oder ist das deine Vorstellung von einem romantischen Hinterhoftechtelmechtel?“, fragte es keck.

„Halt den Schnabel, du Dummschwätzer, oder ich stutze dir deine Flügel“, blaffte Johnny das Küken an. Dann blinzelte er irritiert, als er sich die Stummelflügel des Kükens eingehender betrachtete. „Na ja, ich werde dir lieber die Beine ausrupfen, das andere bringt ja nix. Also?“

„Ist ja logisch, dass sich niemand um meine Gefühle kümmert.“ Das Küken ließ seine kurzen Stummelflügel traurig herunterhängen. „Keine Freunde hat der Kleine, niemanden, der ihm auch nur ab und zu ...“

„Wir hatten Streit, OK?“, herrschte Johnny das Küken an. „Wir sind uns tierisch auf die Eier gegangen! In Ordnung? Jetzt weißt du’s.“ Genervt setze Johnny das Küken auf einer Tonne ab. „Könntest du mir bitte den nächsten Hinweis für die Schatzsuche geben?“ Johnny war mit seiner Geduld am Ende. Das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war ein gefühlsduseliges Roboterküken.

Das Küken setzte ein verschmitztes Grinsen auf und ging zum höchsten Punkt des ausgebeulten Mülltonnendeckels. „War das denn so schwer? Hättet ihr mich aktiviert, hätte ich euch vielleicht auch bei euren Auseinandersetzungen helfen können“, redete es altklug daher.

„Das glaube ich kaum“, meinte Johnny, winkte ab und rollte mit den Augen. „Unser Bordcomputer ist ja schon nahe am Selbstmord gewesen.“

Das Küken sah ihn mit großen, ungläubigen Augen an.

„Also, was ist jetzt mit dem Hinweis?“, fragte Johnny ungeduldig und brachte sein Gesicht auf Augenhöhe mit dem des Kükens.

„Oh, warte mal.“ Das Küken schüttelte sich und wetzte seinen Schnabel an der Tonne. „Hier sind komischerweise zu viele Störungen. Irgendwas stört meine innere Elektronik. Aber ich denke, dass ich am Strand dort drüben einen besseren Empfang haben werde.“ Das Küken wies mit einem seiner Stummelflügel in Richtung Meer, das man gerade noch so aus der Seitengasse erblicken konnte.

Johnny schaute kurz dorthin. „Dann gehen wir beide jetzt gemeinsam dahin und holen dich erneut aus dem Kasten!“, gab er dem Küken zu verstehen, schnappte es sich, packte es in die Schatulle und klappte ohne Rücksicht auf Verluste den Deckel herunter. „Wehe, wenn du dann nicht parierst!“

„Hey!“, war der letzte Protest des Kükens. Johnny steckte das Kästchen wieder ein und stapfte entschlossenen Schrittes zum Strand. Wenn er da keine Antwort bekommen würde, dann wollte er zunächst dem Roboterküken seine Rechnung präsentieren und danach sehr wahrscheinlich ein oder zwei unschuldigen Passanten. Nach all den Anstrengungen der letzten sieben Tage musste er sich einfach mal abreagieren.

Kapitel 2

„Wisset, wer da des Weges kam, war kein Einheimischer und auch kein Gesandter des großen Königs von Ogoloffloff“, sprach einer der Schauspieler der Cranberry-Island-Hill-Theater-Truppe in dramatischer Erzählerpose auf einer Bühne stehend. Er ließ das Ende des Satzes in einem geheimnisvollen Flüstern enden, das gerade noch so von allen Anwesenden im Theater wahrgenommen werden konnte. Der Schauspieler stand, nur mit einem Lendenschurz bekleidet, auf einem runden Holzpodest, das von Besucherbänken umgeben war. Sonnenlicht knallte ihm direkt auf seine weiße Perücke, aber das schien ihm nicht im mindesten etwas auszumachen. Er schwitzte noch nicht einmal.

Auf einer der Bänke saß Hank direkt neben einem fetten, schwitzenden Touristen in einem knallig bunten Hawaiihemd, der immerzu Fotos von dem Schauspiel machte. Während der korpulente Tourist ganz Feuer und Flamme zu sein schien, setzte Hank einen mürrischen Gesichtsausdruck auf. „Wann kommen die denn endlich zu der Stelle, wo Cranberry Island Cranberry Island getauft wurde?“, quengelte er und rutschte unruhig hin und her. Viel Platz dafür blieb ihm allerdings nicht, da der Fette ihm sowieso schon halb auf dem Schoß saß. Dass Hank ihm von Zeit zu Zeit in die Rippen stieß, kommentierte der Dicke nicht einmal. Hank fragte sich ernsthaft, ob die Schläge überhaupt die Speckschicht durchdrangen.

„Psst, gleich kommt’s“, flüsterte der fette Tourist und unterbrach seine Knipserei für ein paar Sekunden. Er setzte einen verträumten, in seligen Erinnerungen schwelgenden Blick auf. Hank hätte am liebsten gekotzt. Mit Schuld an Hanks Brechreiz war aber auch der intensive Schweißgeruch, der aus den tiefen Niederungen der Achselhöhlen des Dicken kam.

„Wissen Sie, ich war schon vier Mal hier im Urlaub und ich komme immer wieder hier her“, fuhr der Dicke fort. „Die Show hat einen gewissen Esprit und ist zum Schluss einfach nur spitze, das kann ich Ihnen sagen!“

„Dann kennen Sie also das Ende des Stücks?“ Hank schöpfte Hoffnung, dass doch gleich noch etwas Aufregendes auf der Bühne passieren würde.

Der fette Tourist knipste unterdessen wieder weiter. „Ja, aber ich verrate es Ihnen nicht. Ich werde doch nicht spoilern!“

„Spoilern?“, fragte Hank begriffsstutzig.

„Ja, das bedeutet verraten“, erklärte der Dicke, ohne auch nur eine Sekunde lang mit seinem Geknipse aufzuhören.

Hank sah den Mann böse an, aber bevor er ihm etwas an den Kopf werfen konnte, fuhr der Schauspieler in seinem schier endlosen Monolog fort, was Hanks Aufmerksamkeit wieder auf ihn lenkte.

„Es war niemand Geringeres als ein Tourist, der da des Weges kam. Und was hatte er da im Mundwinkel?“ Der Schauspieler ließ theatralisch seinen rechten Zeigefinger in die Höhe schießen und bückte sich gen Publikum. Hank glaubte, ein Raunen durch die Menge gehen gehört zu haben. Wie konnten die anderen Leute nur so einfältig sein, dass sie dieses groteske Schauspiel als eine dramatische Glanzleistung feierten? Er fand keine Antwort darauf, daher wendete er sich wieder dem Dicken zu. „Ja, was hatte er denn da im Mundwinkel?“

Der Fette knipste ungestört weiter, als würde er an einer Stop-Motion-Produktion des Stückes arbeiten. Hank tat derjenige jetzt schon leid, der die ganzen Fotos vorgeführt bekommen sollte. Er stellte sich gedanklich einen ähnlichen Stuhl vor wie der, in dem der Bösewicht von ‚A Clockwork Orange‘ festgeschnallt wurde und die Augen mit Klammern aufgehalten bekam. Die Szene lief vor seinem inneren Auge ab wie ein Film: Der Fette saß in einem schwülen, abgedunkelten Kabuff und führte einer jungen Familie mit Kindern die Dias vor. Dabei kam nicht ein kühles Lüftchen aus der defekten Klimaanlage und die bereits servierten Drinks waren so warm, dass sie bald zu kochen anfingen. Die fettigen Snacks, die auf mit Essensabfällen besudelten Tischen standen, wurden noch nicht einmal von den Kindern angerührt. Nur der Fette schien eine ungebrochene Motivation zu versprühen ...

Hank schüttelte wild den Kopf. Er hatte sich wieder einmal in einen Tagtraum hineinziehen lassen. Das geschah oft, wenn er sich, wie eben in diesem Augenblick, langweilte.

„Psst, das Beste kommt doch jetzt erst!“, war der einzige Kommentar des Dicken, bevor er die nächste Bilderserie knipste. Hank sah wieder zu dem Schauspieler hinauf, der vor lauter Dramatik in seiner Darstellung endlich seine Stimme wiedergefunden hatte.

„Er aß Cranberries. Preiselbeeren! Und er stopfte sie sich mit Gusto in den Mund.“

„Was? Das ist alles?“, fragte Hank enttäuscht den Dicken. „Waren Sie das etwa? Ich meine: Handelt das Stück von Ihnen?“

„Psst, nein. Warten Sie ab. Jetzt kommt erst das Beste!“, zischte der Dicke hinter dem Objektiv hervor.

Hank riss die Augen auf. Er konnte es nicht fassen. „Was? Wie kann das noch getoppt werden? Die Geschichte ist ein typischer Fall von schwach gestartet und stark nachgelassen.“

„Psst, Sie Nörgler!“ Der dicke Tourist knipste ununterbrochen weiter. Er war wie besessen von der Idee, alles auf Fotos festzuhalten.

Ein anderer, hagerer Schauspieler in Shorts, weißem T-Shirt und einer trichterförmigen Papiertüte mit Cranberries in der Hand, betrat von rechts kommend die Bühne und aß laut schmatzend die Beeren. Dabei verdrehte er genießerisch die Augen. „Mmmhh.“

Noch ein anderer Schauspieler, ebenso wie der Erzähler bloß mit einem Leinenschurz gekleidet, lief dem Touristen-Schauspieler nach und hatte dabei einen übermäßig staunenden Gesichtsausdruck aufgesetzt.

„So kann man ein Stück auch zu Tode spielen!“, meinte Hank genervt, verschränkte die Arme und ließ sich in seinem Stuhl nach unten rutschen.

„Was geschah an diesem schicksalhaften Tag, werden Sie sich fragen, verehrte Zuschauer“, fuhr der Erzähler voller Erregung fort.

„Nein, eigentlich nicht“, meinte Hank etwas lauter, als er eigentlich beabsichtigt hatte. Er bekam dafür aus dem Publikum böse Blicke zugeworfen und der Erzähler sah ihn leicht vorwurfsvoll an, fuhr dann aber unbeirrt fort: „Tja, der Tourist ließ eine Cranberry fallen.“

Der Schauspieler, der einen Eingeborenen darstellte, blieb stehen, bückte sich und hob sie auf. „Hey, Mister!“, rief er dem anderen nach, der bereits am anderen Ende der Bühne angekommen war. „Sie haben da etwas verloren! Was ist das?“

Der Schauspieler, der den Touristen spielte, blieb stehen und drehte sich langsam, fast wie in Zeitlupe um.

„Und der wunderbare, unbekannte Fremde blieb stehen und sah ihm in die Augen!“, schilderte der Erzähler mit viel Gefühl. Hank meinte bei dem Erzähler die eine oder andere Träne in den Augen gesehen zu haben.

„Es ist eine Cranberry“, erwiderte der Touristen-Schauspieler lakonisch.

„Dann zog er von dannen und ließ den verwunderten Jüngling zurück“, donnerte plötzlich der Erzähler los.

Hank fuhr vor Schreck zusammen. Diese Inbrunst und Leidenschaft hatte ihn absolut überrumpelt. Mit weit aufgerissenen Augen und voller Verwunderung starrte er dieses bizarre Schauspiel weiterhin an.

Der Eingeborenen-Schauspieler hob die Cranberry gen Himmel. „Von nun an werde ich dafür sorgen, dass diese Insel Cranberry Island heißt! Und wenn es das Letzte ist, was ich tue!“ Er drohte mit der Faust gen Himmel.

Hank wollte nur noch raus hier. Ein derart pathetisches Schauspiel hatte er noch nie in seinem Leben gesehen.

„So schwor er sich das“, fuhr der Erzähler pathetisch fort, „brachte es dem Gemeinderat vor und so geschah es, dass noch am selben Nachmittag dieses wunderbare Paradies ...“ Der Erzähler machte ein weit ausladende Geste. „... Cranberry Island getauft wurde!“

Die Zuschauer begannen begeistert loszuklatschen. Einige pfiffen sogar vor Freude.

„Langweilig!“, warf Hank lautstark ein. Als ihn alle verständnislos anblickten, fügte er dem Vorangegangenen noch hinzu: „Ich will verdammt noch mal mein Geld zurück!“

Old Bob bekam von all diesen Vorgängen natürlich überhaupt nichts mit. Er lag völlig entspannt auf einer Liege im Schatten neben einem der vielen Pools, die es hier in der Ferienanlage gab. Ein Ventilator blies ihm sanft kühlen Wind ins Gesicht, sodass er nicht schwitzte. Über der Szenerie lag ein samtiger Vanillegeruch, den Old Bob mochte. Er schmatzte zufrieden. Es war nahezu perfekt hier. Er hoffte, dass er auch einmal in einem solchen Paradies seine letzten Jahre verbringen konnte. Old Bob sah zu, wie kleine Kinder und einige Erwachsene mit einem bunten, aufgeblasenen Ball im Wasser spielten, und ließ im wahrsten Sinne des Wortes seine Seele baumeln.

Leider baumelte sie nicht allzu lange, denn schon nach zwei Stunden Erholungsaufenthalt kam der Poolaufseherrobot auf ihn zugerollt. Es war ein kleines Modell auf vier Vollgummirädern, mit einer silbernen Trommel als Körper und einen zusammengepressten, schnabeltierähnlichen Kopf, der über einen ultraflachen Lautsprecher eine hohe Piepsstimme ausspuckte. „Sir, ich habe Sie die ganze Zeit beobachtet, seit Sie sich hier an den Pool gelegt haben“, brachte der Roboter die Tatsachen ohne Umschweife auf den Tisch.

„Ja, das stimmt. Ich habe hier gelegen“, gab Old Bob vollkommen relaxt zu. „Nach sieben anstrengenden Tagen habe ich mir einen kleinen Urlaub redlich verdient.“ Er wandte wieder den Blick von dem kleinen Roboter ab und lachte über eine akrobatische Einlage eines Kleinkindes im Poolabschnitt für Kinder. Er mochte Kinder und liebte es, daheim auf der Erde mit seinen Enkelkindern zu spielen. Eines Tages würde er sie wiedersehen und dann ...

„Das mag schon sein, Sir“, fuhr der Poolaufseherrobot unbeirrt fort und unterbrach somit Old Bobs Gedankengänge, „aber darf ich dann bitte schön Ihren Club-Mitglieds-Ausweis sehen?“

Old Bob hob erstaunt den Kopf. Mit so einer Frage hatte er nicht gerechnet. „Welchen Club-Mitglieds-Ausweis?“

„Aha, Sie geben also zu, dass Sie kein Mitglied sind und sich hier unberechtigterweise aufhalten?“ Der kleine Roboter fuhr aufgeregt hin und her. Es schien fast so, als ob er sich freue, dass er endlich mal etwas zu tun bekam.

„Äh ...“, äußerte sich Old Bob verlegen. „Ich brauche aber jetzt meine Ruhe! Ich bin auch ganz friedlich hier und störe niemanden.“ Old Bob hoffte, dass seine diplomatische Antwort den Roboter besänftigte.

„Das ist mir egal“, fuhr der Robot ungebremst fort. „Sie sind kein Mitglied unserer Anlage, also müssen Sie jetzt gehen und Ihren Platz für die anderen Mitglieder freimachen.“

„Welche anderen Mitglieder?“ Old Bob erhob sich erneut und sah sich um, konnte aber genügend freie Liegeplätze entdecken, denn bis auf ein paar Liegen, die von Familien benutzt wurden, waren fast alle Plätze rund um den Pool noch zu haben. „Hier ist doch niemand!“

„Die Mitglieder unseres Clubs, die jetzt nicht hier sind, aber hier sein könnten, weswegen Sie jetzt das Feld räumen müssen!“ Der Robot fuhr dicht an Old Bob heran, und aus der silbernen Trommel kamen kleine Greiferchen heraus. Mit ihnen zerrte er an Old Bobs Liege.

„Nein, lass das gefälligst, du miese Rostlaube!“, keifte Old Bob plötzlich lautstark. Er verpasste dem Roboter ein paar Schläge, sodass dieser sich außerhalb Old Bobs Reichweite in Sicherheit bringen musste. „Du Schrotteimer! Ich will meine Ruhe und ich will sie jetzt!“ Er konnte es nicht fassen, dass es außer Hank und Johnny noch jemanden gab, der ihn so auf die Palme bringen konnte, aber dieser Roboter sollte sich noch wundern! Er würde in ihm seinen Meister gefunden haben.

Einige Besucher sahen dem Treiben am Pool interessiert zu.

„Nein, Sie müssen jetzt gehen, sonst muss ich den Sicherheitsdienst rufen!“, bestand der Roboter weiterhin auf seinem Recht und zerrte an einer anderen Stelle von Old Bobs Liege.

„Ich will aber nicht!“, protestierte Old Bob weiterhin trotzig und trat mit einem Fuß nach ihm.

Dieses Mal schaffte es der Robot, rechtzeitig aus der Bahn zu fahren. „Dann müssen Sie Mitglied des Clubs werden und Geld für Ihren Liegeplatz bezahlen!“ Der Poolaufseherrobot hörte auf, an Old Bobs Liege zu rütteln, und öffnete ein kleines Fach an seinem Körper, wo man Geld reinstecken konnte.

„Was? Ach, daher weht der Wind!“, schimpfte Old Bob aufgebracht. „Ich soll auch noch Geld dafür bezahlen? Ich ruhe mich doch bloß ein paar Minuten hier aus. Außerdem habe ich kein Geld bei mir, denn ich wurde entführt! Da hebt man nicht noch mal eben ein paar hundert Dollar am Automaten ab, vor dem der Entführer geduldig wartet!“

„Ein paar Stunden sind keine Minuten, Sir!“, erwiderte der Robot mit Grabesstimme, dann klappte er beleidigt das Fach wieder zu. „Na, dann haben Sie jetzt eben ein Problem.“ Er trillerte laut mit seiner eingebauten Poolaufseherpfeife nach dem Sicherheitsdienst.

„Das werden wir ja sehen!“, schimpfte Old Bob und klammerte sich stur an die Liege. Niemand würde ihn von hier vertreiben können. Das würden sie nicht wagen, wer immer ‚sie‘ auch waren.

Johnny, der Weltraumpirat, war mittlerweile am Strand von Cranberry Island angekommen. Der Strand sah wie jeder x-beliebige Strand in der irdischen Südsee aus. Es gab hier Palmen, einen scheinbar unendlichen Sandstrand, eine super bräunende Sonne und kristallklares Wasser, so weit das Auge blicken konnte. Eine bildschöne Urlaubsidylle. Hier gab es definitiv nichts, das ihn seinem Ziel näher gebracht hätte.

Ein Einheimischer ging an ihm vorüber. Johnny spielte kurz mit dem Gedanken, ihn auszurauben, einer inneren Eingebung folgend, ließ er es jedoch sein. Der Einheimische trug nämlich nur einen Lendenschurz. Er würde garantiert kein Geld oder gar Kreditkarten bei sich haben.

Johnny verschränkte die Arme vor der Brust und blickte sich um. Ein paar Kinder spielten mit ihren Eltern im strandnahen Wasser. Johnny fand diese Idylle einfach nur zum Kotzen. Etwa zwanzig Meter weiter vor ihm sonnten sich mehrere braungebrannte Schönheiten. Diese ließen sein Herz etwas aufgehen. Vielleicht sollte er mal zu ihnen rüberstapfen, überlegte er sich. Möglicherweise ergab sich die Chance zu einem heißen Flirt. Dem Scharm eines gefürchteten Weltraumpiraten würden sie bestimmt erliegen!

Plötzlich sah er aus den Augenwinkeln heraus, wie der Einheimische, der gerade an ihm vorübergegangen war, verschwand. Johnny glaubte seinen Augen nicht und glotzte irritiert hinüber zu dem nahen Palmenhain, wo der Kerl gerade eben noch entlang getrottet war. Ganz eindeutig! Der Einheimische war weg! Johnny rieb sich ungläubig die Augen. Das konnte doch nicht wahr sein! Oder war der Kerl einfach nur weggerannt, weil er jemanden gesehen hatte, der ihn nicht sehen sollte? Johnny zuckte mit den Achseln. Eine Täuschung. Ja, das musste es gewesen sein. Der Einheimische schuldete bestimmt einem anderen etwas und hatte sich bei dem Anblick des Kredithais verdünnisiert.

Johnnys Gedanken kreisten jedoch weiterhin um dieses wunderliche Ereignis. Da am Strand ja keine Vegetation außer dem Palmenhain war, hätte der Typ also nicht so urplötzlich verschwinden können sollen. Oder versteckte er sich hinter einer der Palmen? Johnny zuckte abermals mit den Schultern und tat es als Hirngespenst ab. Er wollte schon das Küken aus seiner Schatulle herausholen, als auf einmal ein ‚Plopp‘ ertönte und derselbe Einheimische wieder von links an ihm vorbeigewatschelt kam. Johnny starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Er war so perplex, dass er absolut nichts unternahm, als der Eingeborene direkt vor seiner Nase den Strand entlang in Richtung Palmenhain ging.

Johnny ließ ihn nicht eine Sekunde aus den Augen. Das war definitiv derselbe Einheimische wie vorhin. Daran gab es nicht den geringsten Zweifel. Das konnte aber gar nicht sein, obwohl er sich dessen ziemlich sicher war. Johnny glaubte, seinen Verstand zu verlieren. Er wollte wieder den Blick von dem Typ abwenden, als dieser mit einem leisem ‚Plopp‘ ins Nichts verschwand. Aufgeregt rannte Johnny zu dem Palmenhain hinüber, wo der Fremde verschwunden war. Und tatsächlich: Die Fußabdrücke im Sand führten bis hier her und nicht weiter. Wer immer hier auch gewesen war, er verließ den Ort auf einem Weg, der dem Weltraumpiraten unbekannt war. Johnny dachte an einen dummen Scherz. Jemand wollte ihn garantiert veräppeln, daher warf er vorsichtshalber einen Blick nach oben zur Spitze der Palmen. Doch dort saß niemand, der sich über ihn kaputtlachte.

Der Einheimische war also kein einfacher Zauberer, sondern beherrschte wohl entweder richtige Magie, oder er war möglicherweise ein Teleporter, der nur mit der Kraft seiner Gedanken von einem Ort zum anderen gelangen konnte.

Oder hatte er sich gar mit Hilfe einer Tarnvorrichtung unsichtbar gemacht? Wenn ja, könnte er sie ihm abnehmen. Das wollte Johnny überprüfen und streckte daher beide Arme aus. So rannte er quer durch den Palmenhain. Er konnte aber mit den Händen nichts Unsichtbares zu fassen bekommen. Da eine der heißen Frauen zu ihm hinüber sah, hörte er mit seiner Untersuchung augenblicklich auf und tat so, als hätte er nichts unternommen, um dem Geheimnis des seltsamen Typen auf die Spur zu kommen. Er lächelte schelmisch und winkte ihr kurz zu. Sie blickte desinteressiert weg und Johnny nutzte nun die Gelegenheit, um das Küken aus der Schatulle herauszuholen.

„Ich wette, dass du das eben nicht mitbekommen hast“, eröffnete Johnny dem Küken.

Das glotzte ihn bloß mit seinen beiden Kulleraugen an und meinte cool: „Der Typ, der gerade eben zweimal verschwunden ist? Doch hab ich.“

„Was?“ Johnny konnte nicht fassen, was er da gerade von dem Vieh hörte. Wieso wusste es davon? Es war doch die ganze Zeit über eingesperrt. „Ja, aber ...“

„Ihn musst du fragen. Lass mich mal draußen und geh’ zurück zu dem Punkt, wo du ihn zum ersten Mal gesehen hast.“

„OK“, antwortete der Weltraumpirat perplex. Er steckte die Schatulle ein und hielt das Küken fest umschlossen in seiner rechten Hand, dann folgte er den Spuren am Strand.

Da kam ihm auf einmal wieder der Einheimische entgegen. ,Niemand macht mit mir mehrmals hintereinander dasselbe Spiel!‘, dachte Johnny wütend und rannte dem Einheimischen entgegen. Kurz bevor er ihn erreicht hatte, rief er ihm zu: „Was bist du denn für einer, Mann?“

Der Einheimische mit seinem hellblauen Lendenschurz hielt an und sah Johnny mit großen Augen an, antwortete aber nicht auf dessen Frage.

„Psst“, machte das Küken. „Frag ihn nach der Schatzsuche! Der seltsame Kerl weiß was!“

Johnny nickte dem Küken zu und als er den Eingeborenen erreicht hatte, fragte er ohne Umschweife mit zusammengekniffenen Augen: „Hey, weißt du etwas über eine intergalaktische Schatzsuche?“

„Kann sein. Kann nicht sein“, entgegnete der Eingeborene geheimnisvoll mit rauchiger Stimme. Er machte ein geheimnisvolles Gesicht und runzelte geheimnisvoll die Stirn.

Johnny blickte das Küken fragend an.

„Lass dich nicht abwimmeln. Meine Sensoren haben ihn als nächste Auskunftsquelle identifiziert.“ Das Küken warf daraufhin dem Eingeborenen einen finsteren Blick zu.

Der Insulaner glotzte erstaunt das Plüschküken in der Hand des Fremden an.

„Über welche Art von Sensoren verfügst du denn, dass du den Typ damit ‚identifizieren‘ kannst?“, wollte Johnny wissen, der schon längere Zeit darüber nachgedacht hatte, wie das Küken zum nächsten Hinweis fand, wenn es mal keine Daten eingespeist bekam.

„Ich verfüge nicht über einfache Sensoren! Pah! Die kann ja jeder eingebaut bekommen. Ich, Mister Weltraumpirat, verfüge über Detektomatik-4000-Sensoren!“, gab ihm das Küken altklug zu verstehen.

„Verflucht noch eins! Mir doch egal, wie die heißen“, herrschte Johnny das Küken an.

„Schon gut, du Grobian“, meinte das Küken verstimmt. „Wahrscheinlich wurde ihm ein Biochip implantiert. Damit kann man auch Zielpersonen markieren, die ich dann detektieren kann, oder die Ahnungslosen als ‚toten Briefkasten‘ benutzen und jedweden Datenmüll in ihnen ablegen.“

Der Insulaner starrte das Küken fassungslos an. „Wo denn? Wer denn? Wie denn?“

Das Küken kicherte vergnügt und meinte dann: „Am Hintern, die Schatzverwaltung auf Centauri IX und mit einer Biochip-Implantierungs-Zange. Das sollte alle Fragen beantworten.“

„Ui“, stöhnte der Insulaner. Sein Gesicht wurde kreidebleich, als er seinen Hintern abtastete.

„Fummel da nicht rum! Rede, wenn du etwas weißt, Mann!“ Johnny drohte dem Braungebrannten mit der Faust.

„Ich weiß gar nichts.“ Der Einheimische hob abwehrend seine Hände. „Nur die Leute vom Club der seltsamen Wunderwesen wissen was über diese Unternehmung“, verkündete der Lendenschurzträger noch geheimnisvoller klingend.

„Was? Der Club der seltsamen Wunderwesen?“ Johnny war perplex. „Was ist denn das? Wer sind die?“

„Tja.“ Der Einheimische blickte nachdenklich in den Himmel. „Sie sollten auf keinen Fall persönlichen Kontakt mit ihnen aufnehmen. Das bringt nur Ärger und Sie womöglich auch in Lebensgefahr.“ Er blickte wieder Johnny in die Augen. „Oder wie mir einen Biochip in den Allerwertesten.“ Er deutete dann auf sich selbst. „Ich habe nach dem Kontakt mit ihnen diese seltsame Gabe der Teleportation geschenkt bekommen.“

„Aha. Immerhin erklärt das Ihr seltsames Treiben von vorhin“, schlussfolgerte der Weltraumpirat.