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Eine heiter-humorvolle Satire voller skurriler und abgedrehter Ideen, gemixt mit einer gehörigen Portion Slapstick-Humor. / Da wollte der exzentrische Eremit Hank Johnson bloß seine Digitaluhr reparieren lassen und schon findet er sich in Begleitung eines Beinahe-Rentners sowie eines Weltraumpiraten auf einer intergalaktischen Schatzsuche wieder. Können die drei sich zusammenraufen und tatsächlich den Schatz des "Schlächters" finden, auch wenn der geheimnisvolle Uhrmacher im Hintergrund seine Fäden spinnt? / In seinem comichaften Erzählstil entführt der Autor den Leser in eine Geschichte voller phantasievoller und haarsträubender Abenteuer, bei der er sich für einige Stunden amüsieren kann. Auch wenn die abgedrifteten, aberwitzigen Ideen nicht jedermanns Sache sind, macht es dennoch Spaß Turners' abgehobenen Haupt- und Nebencharakteren zu folgen, die definitiv eines nicht aufkommen lassen: Langeweile. / Für wen Namen wie Douglas Adams, Terry Pratchett, Tom Holt oder Robert Rankin keine böhmischen Dörfer sind, der dürfte hier bestens unterhalten werden. / Teil 1 von 2 / Band 2 ist erschienen.
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Seitenzahl: 338
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Jonathan Turner
Schatzsuche wider Willen
Band 1: Das Küken markiert den Punkt
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
So geht es weiter …
Impressum neobooks
Hank Johnson war auf keinen Fall das, was man als einen normalen Menschen bezeichnen konnte. Er lebte in einem Tal zwischen einer grauen Gebirgskette auf der einen und einem Nationalpark mit Hunderttausenden von Bäumen auf der anderen Seite.
Es gab keinen Supermarkt in der Nähe und auch keine Nachtclubs oder andere Annehmlichkeiten des zivilisierten Lebens. Hank war sowieso nicht der Typ, der gern mal ins Kino ging. Er verzichtete auch gern auf irgendwelche Nachbarn, die auf einen Drink vorbeischauten. Ja, man konnte sogar mit Fug und Recht behaupten, dass Hank andere Menschen hasste und genau deswegen das Leben eines Eremiten lebte.
Er war ein mittelgroßer, schlanker, aber nicht hagerer Mann mittleren Alters. Hank trug ein schmutzig weißes T-Shirt und eine blassblaue Jeans. Er hatte kurzes, braunes Haar, das mangels Pflege kraus in alle Richtungen abstand. Seinen Dreitagebart liebte er über alles und er schien das Einzige an ihm zu sein, das gepflegt war. Seine Devise in Sachen Körperpflege war: Wenn man sich nicht unter Menschen begab, dann sollte man der Natur ihren Lauf lassen.
Er besaß hier im Nichts ein Haus. Es war aus Holz gebaut und machte den Eindruck, dass es jederzeit einstürzen konnte. Sein Haus als spartanisch zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. In ihm gab es einen Raum mit einem Tisch im Erdgeschoss und zwei Räume im Obergeschoss. In dem einen Zimmer oben befand sich sein Bett und im anderen bewahrte er Zeitschriften auf, in denen die neusten Testergebnisse von Digitaluhren standen. Der Lieferjunge hatte von ihm explizite Anweisung bekommen, sie immer am Monatsanfang unter einer großen Zeder am Eingang des Parks zu deponieren, damit Hank niemals auf einen Menschen traf.
Eine Toilette suchte man im ganzen Haus vergeblich, aber Hank machte sich nichts daraus. Im Winter wie im Sommer ging er einfach vor das Haus und verrichtete dort sein Geschäft. Dies hatte er – zumindest gelegentlich – auch schon getan, als er noch in der fernen Stadt gelebt hatte. Zwei Zivilklagen wegen unmoralischen Verhaltens und Nacktheit in der Öffentlichkeit zwangen ihn, mit seinen Mitmenschen anders umzugehen und sein Verhalten ihnen gegenüber zu erklären, wenn sie ihn fragten, warum er immer sein Geschäft im Freien und nicht auf einer Toilette verrichtete. Bis dahin hatte er entweder nur geschwiegen oder ihnen Schimpfwörter an den Kopf geschmissen. Nun antwortete er mit: „Weil im Klo die große, grüne Schlange nur darauf wartet, in meinen Arsch zu beißen!“
Klar, dass seine Verteidiger mit diesem Argument im Laufe weiterer Prozesse – Hank ging ja auch weiterhin nicht aufs Klo! – bei den Richtern kein Land sehen konnten.
Hank verstand dies gar nicht, eine grüne Schlange im Klo schien ihm ein äußerst stichhaltiges Argument zu sein. Und auch sonst entzog sich die Logik seiner Mitmenschen oft seinem Verständnis, so dass er regelmäßig erbärmlich scheiterte, obwohl er es ihnen mit seinem Handeln eigentlich recht machen wollte.
Verzichtete Hank auch sonst auf jede Annehmlichkeit eines zivilisierten Lebens, so hielt er seine extrem sportlich aussehende Digitaluhr von Casio für das Maß aller Dinge. Er saß oft im Yogasitz auf seinem Tisch und sinnierte über das Leben und das Leben der Digitaluhren. Es gab Tage, da stellte er sich vor, etwas anderes zu sein. Zum Beispiel blickte er im Geiste durch die Augen eines anderen Menschen oder gestern hatte er versucht sich vorzustellen, wie hart ein Pinguinleben tatsächlich war. Man kam ja schließlich nicht mehr aus dem Frack heraus! Das musste einen doch komplett wahnsinnig machen. Kein Wunder, dass Pinguine im Allgemeinen bissig waren.
Diese Vorstellung eines anderen Lebens hatte ihn bis gestern Abend komplett in Anspruch genommen und körperlich sowie seelisch ausgelaugt.
Heute hatte er sich den ganzen Tag regeneriert. Aber auch das war anstrengend und deshalb wollte er eine Pause einlegen. Ihm war nicht bewusst, dass Gedanken wie dieser – sich vom Erholen zu erholen – ihm den Ruf eines armen Irren eingebracht hatten. Hätte man es ihm gesagt, hätte er sicher verwundert darauf hingewiesen, dass er keineswegs arm sei. Immerhin hatte er mehrere Milliarden geerbt, eine Summe, die es ihm erlaubt hatte, die Stadt mit einer „Rückfahrkarte“ hinter sich zu lassen und sich ganz seinen wichtigen Betrachtungen über das Universum, das Leben und die Welt der Digitaluhren zu widmen. Hank hielt das für so wichtig, dass er sich mittlerweile mit nahezu nichts anderem mehr beschäftigte und viele Experimente machte, indem er im Geiste eben andere Rollen einnahm.
Hank schaute beiläufig auf die Digitaluhr auf seinem Handgelenk. Um fünf. Er hatte bis zum Essen noch eine Stunde Zeit, die würde er für die Pause nutzen. Er begab sich nach draußen. Auf der Wiese vor seinem Haus konnte er sich entspannen.
In der Ferne hoppelte ein Häschen an ihm vorbei. Hank glaubte, es mit Namen zu kennen, und grüßte es ausgiebig, bevor er an dem nahen kleinen, malerischen See entlanglief und sich Gedanken über den morgigen Tag machte.
Hank legte sich ans Ufer des Sees und imitierte einige der Krötenschreie, die hier an sein Ohr drangen. Aber irgendwie schaffte er es noch nicht, sich mit den Kröten zu unterhalten. Ihm fehlte einfach die Übung.
Nach weiteren, misslungenen Kommunikationsversuchen mit den Kröten glaubte er, dass es nun endlich Zeit war zu essen.
Hank warf einen weiteren Blick auf seine Digitaluhr und bewunderte wieder diese Leichtigkeit des umwerfenden Designs.
Es war genau fünf Uhr.
Hank starrte verdutzt auf die Oberfläche. Es gab keinen Zweifel. Es stand fünf Uhr darauf. Und wenn ihn sein Gedächtnis nicht trog, hatte er die Zahl fünf bereits vor längerer Zeit abgelesen.
Die Batterie konnte nicht leer sein, denn dann wäre auf den Display gar nichts mehr zu sehen gewesen. Sie war hängen geblieben. Sie war kaputt.
Hank packte das nackte Entsetzen wegen der Konsequenzen, die der Vorfall nach sich zog, also lief er zu seinem Lieblingsbaum, der nur wenige Meter von seinem Haus entfernt stand. Es war eine alte Eiche, unter der er immer im Sommer in ihrem Schatten lag. Über all die Jahre hinweg ohne menschliche Gesellschaft war er wunderlich geworden und sprach oft mit Tieren oder Gegenständen, die er als seinen Freundeskreis interpretierte.
„Stell’ dir bloß vor, was ich mit der Uhr machen muss! Zurück in die Stadt!“ Hank war erregt und erwartete ein wenig Trost von der Grünpflanze.
Der Baum entgegnete nichts.
„Das ist das tragischste Schicksal von allen! Ich habe das nicht verdient! Ich will nicht zurück zu diesen ganzen Irren!“
Der Baum blieb ein Baum und sagte nichts.
„Nein, das habe ich nicht verdient. Wie kann eine Uhr einfach nur so kaputt gehen?“, klagte Hank der Eiche weiter sein Leid.
Der Baum blieb stumm.
Wütend stand Hank auf und trat gegen den Baum. Sollte er nur sehen, was geschah, wenn man am Unglück anderer Leute keinen Anteil nahm! Er würde schon einen anderen Gesprächspartner finden!
Hank rannte auf die Wiese. Dort hatte er noch einen Freund. Er fiel auf seine Knie und sah den besonders großen, grünen Grashalm intensiv an. Ihm hatte er schon sehr viele Geschichten erzählt. Er war viel größer als alle anderen hier auf der Wiese.
Hank erzählte ihm von seinem Unglück. Der große, grüne Grashalm wiegte sich sanft im Wind hin und her, blieb aber ansonsten stumm.
„Ist das nicht die größte Katastrophe, die einem im Leben zustoßen kann, wenn die Digitaluhr plötzlich nicht mehr funktioniert?“, fragte er den Grashalm.
Der Grashalm weigerte sich beharrlich, etwas darauf zu entgegnen.
„Antworte gefälligst!“, forderte Hank.
Als ob Hank überhaupt nicht da wäre, ignorierte der Grashalm ihn komplett.
Auf einmal drang ein Geräusch an Hanks Ohren.
„Was? Wie war das?“
Der Grashalm sagte einfach gar nichts.
„Dir und deiner Familie werde ich nie wieder zu Weihnachten etwas schenken!“, jammerte Hank und rannte auf und davon zu einem gut aussehenden Stein, wo er sich wie bei einem Psychiater neben ihn auf den Boden legte. Da auf dem Boden dichtes, buschiges Gras wuchs, fühlte er sich wie auf einer Couch.
Er klagte abermals sein Leid und der Stein antwortete mit „Hmm.“ Jedenfalls erschien es Hank so. Vielleicht mischte sich aber auch der Wind ein, den er eigentlich überhaupt nicht sprechen wollte.
„Du blöder Stein. Du hast mir schon immer auf alles ein ‚Hmm!’ angedreht, aber eine konkrete Lösung hast du niemals parat!“ Hank wollte schon verärgert aufstehen, da hörte er das Wort „Weg!“. Vielleicht täuschte er sich ja auch, deshalb fragte er lieber nach: „Ich soll weg oder mich auf den Weg machen?“
„Hmmhhh.“
„Nun mach’ schon hin. Ich will etwas Konkretes von dir hören!“
„Hmmhh.“
„Was? Was war das?“
„Weg“, flüsterte der Wind oder der Stein.
„Ich soll mich wirklich auf den Weg machen? In die Stadt? Um meine Uhr wieder reparieren zu lassen? Ich soll zu all diesen Trotteln in die Stadt zurückkehren? Aber du weißt doch hoffentlich, dass die dort alle nicht richtig ticken?“
Dieses Mal sagte der Stein rein gar nichts.
„Na, also gut, aber ich hoffe, du weißt, was du mir damit vorgeschlagen hast.“ Hank stand auf und sah den hilfreichen Stein freundlich an.
„Ich muss ein paar Sachen packen und ein bisschen Geld von unter meiner Matratze brauche ich auch. Ich werde eine Weile unterwegs sein, weißt du, es wird nämlich gar nicht so einfach, einen Uhrmacher zu finden, der sich mit Digitaluhren auskennt. Das weiß ich aus meinen Fachzeitschriften. Früher, da kannten sich alle damit aus, aber dann kamen diese Aliens mit ihren Plasmauhren. Die sind so hässlich! Also die Uhren jetzt. Obwohl: Die Aliens auch. Noch hässlicher als Menschen. Wirklich! Aber wir Menschen haben die schöneren Uhren. Leider gehen die manchmal kaputt. Die Plasmauhren sollen ja nie kaputt gehen. Diese ganze Alientechnologie soll ja überhaupt besser sein. Aber weißt du was, Kumpel? Ich darf doch Kumpel zu dir sagen, ja? Irgendwie fühle ich mich nämlich sehr mit dir verbunden. Du bist so schlau und so gut gekleidet wie Sigmund Freud. Und du hast immer eine beruhigende Antwort parat. Dank deiner Therapie bin ich, glaube ich, über vieles im Leben hinweggekommen.“ Hank versank für einige Momente in Erinnerungen. Dann fuhr er fort: „Sei froh, dass du hier draußen bist, Kumpel, weit weg von den Aliens! Seit die da sind, ist die Stadt nur noch ein Irrenhaus, mit all der hypermodernen Alientechnologie und den Plasmauhren und den hässlichen Aliens überall! Es ist nicht zu fassen, aber sie sind noch hässlicher als wir Menschen. Sagte ich das schon mal? Ja, klar, das sagte ich schon mal. Über zehn Jahre, Kumpel, über zehn Jahre sind die schon da mit ihren Plasmauhren und dem ganzen Kram, unglaublich.“
Der Stein war sprachlos und entgegnete Hank nichts.
„Ich weiß, mein Freund. Aber ich werde stark sein und dir etwas Schönes von meiner Reise ins Irrenhaus mitbringen.“
Der Wind oder der Stein flüsterten wieder.
„Ja, ja, ich weiß, ich soll das nicht immer sagen. Aber die Stadt ist ein Irrenhaus, glaub mir!“
Hank ging ins Haus, wusch sein Haar, versprühte massenhaft Parfüm auf seinem Körper, zog sich frische Sachen an, und packte schließlich eine kleine, braune Aktentasche voll mit Papierschnipseln.
Da erinnerte Hank sich daran, dass Papierschnipsel kein offizielles Zahlungsmittel waren. Er ließ den Koffer liegen und ging zu seiner Matratze, die er vorsichtig anhob. Auf dem Lattenrost, worunter Hank sein Geld in einem großen schwarzen Plastiksack aufbewahrte, war ein kleines Schild angebracht, das folgende Aufschrift trug: „Vorsicht! Inhalt fühlt sich an wie ein warmes Stück vom Paradies!“
„Mir ist jetzt schon ganz schlecht!“, murmelte er, als er ein Bündel Geld aus dem Sack fischte und in seine Brieftasche steckte.
Die Haustür verschloss Hank eigentlich so gut wie nie. Jetzt, da die Aliens jedermann Wohlstand gebracht hatten, brauchte niemand mehr auf einen anderen neidisch zu sein, und Hank besaß sowieso nicht viel, was andere Menschen oder Aliens hätten gebrauchen können.
Hank wanderte mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen durch den Nationalpark und erfreute sich des Lebens. Die Natur schaffte es immer wieder, ihn aufzumuntern. Die Vöglein zwitscherten und die Luft roch herrlich würzig nach Zedern und den anderen hier ansässigen Pflanzen. Ab und an konnte er eine Eidechse oder ein Eichhörnchen sehen und Hank blieb solange still stehen, bis es aus seinem Sichtfeld gelaufen war. Hank beobachtete gerne Tiere. Sie benahmen sich komplett anders, als Menschen das taten, und sie waren seiner Meinung nach weniger böse.
Nachdem Hank unter einer alten Tanne übernachtet hatte, kämpfte er sich durch ein feige stechendes Gebüsch und stand dann abrupt vor einer asphaltierten Straße, die das Ende des Parks markierte.
Hank geriet in Panik. Außer seinem Haus gab es nichts in seinem Leben, das ihn noch an die Welt der Menschen erinnert hatte, und nun musste er sich ihnen wieder anpassen.
Hank versuchte sich zu beruhigen und abzulenken, was ganz gut klappte, denn etwas kam des Weges gefahren, das seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.
Es war ein grüner, alter Bus, dessen Marke Hank nicht kannte. Auf den ersten Blick wirkte er nicht gerade verkehrssicher und die grüne Farbe war fast komplett verblasst. Auf der Motorhaube thronte eine kleine Kühlerfigur. Es war ein goldenes Marshmallowmännchen. Diese Figur schien das einzige neue Ding an diesem Bus zu sein.
Auf der langgestreckten Motorhaube und an den Seiten deuteten viele Beulen an, dass er schon einiges in seinem langen Leben ertragen musste.
Mit einem schrillen Quietschen kam der Bus neben ihm zum Stillstand. Hank rieb sich nervös die Hände und starrte verdutzt die Bustür an.
Der Fahrer des Busses hatte mittlerweile umständlich und unter großen Mühen die Vordertür geöffnet und strahlte Hank freundlich an. Hank mochte ihn schon jetzt nicht.
„Guten Tag, guter Mann!“, grüßte der Fahrer. „Wie kommt es denn, dass Sie hier alleine herumstehen? Kann ich Sie vielleicht ein Stück mitnehmen?“
Der Fahrer war ein alter Mann weit jenseits der fünfzig. Er besaß eine nette Art und was er am meisten schätzte, war eine gepflegte und höfliche Konversation mit seinen Mitmenschen. Deswegen hatte er auch schon vor langer Zeit den Beruf eines Shuttlepiloten am Raumhafen angenommen. Tagtäglich sah man neue Leute und konnte sich auf den langen Fahrten gut mit ihnen unterhalten, sofern sie Willens waren, mit ihm zu reden. Unglücklicherweise traf er an diesem Tag auf Hank. Er konnte ja nicht ahnen, dass das noch sein Leben verändern sollte. Oder etwa doch?
Nach etwa einer Minute begann Hank, das erste Mal seit zehn Jahren Worte zu einem Menschen zu sprechen. „Warten Sie kurz hier, ich muss mal ins Gebüsch kacken.“
Hank drehte sich um und verschwand in einem schnellen Sprint im Gebüsch, das ihn so arg gepiesackt hatte. Verdutzt blieb der Fahrer in seinem Bus zurück.
Hank kehrte nach einigen Minuten in einem ebenso schnellen Sprint zum Bus zurück und setzte einen Fuß hinein.
„Ich möch-te … ich mei-ne“, formulierte Hank, als müsse er jedes Wort erst sorgfältig prüfen, „dass ich ganz dring-end ein-mal zu ei-nem Uh-ren-ma-cher muss.“
„OK!“, meinte der Fahrer gelassen.
„Ja und ich muss schnell dahin!“, fügte Hank seinen vorherigen Worten hinzu. Er sprach sie so schnell, als bestünde noch Hoffnung, dass sie die vorangegangenen Worte in einer Art Eilexpress noch einholen würden.
„Na, dann sind Sie bei mir genau richtig, denn ich bin wieder auf dem Weg in die Stadt mit meiner alten Mühle. Immer nur herein! Mein Name ist übrigens Old Bob! So nennt mich jeder meiner Freunde. So können Sie mich auch nennen. Wie heißen Sie denn?“
„Ich bin’s, Hank Johnson. Kennen Sie mich vielleicht?“, ließ Hank nervös verlauten.
„Nein, noch nie gehört. Steigen Sie ein! Auf der Fahrt können wir uns weiter unterhalten. Jetzt, da wir uns kennen, wollen wir uns nicht duzen?“
„Das ist eine verflixt gute Idee von dir!“ Hank schwang sich fröhlich in den Bus hinein und nahm auf dem Sitz Platz, der Old Bob am nächsten war. Er schien durch das freundliche Entgegenkommen gelöster zu sein. „Hast hier ein nettes, altes Fahrzeug!“, sagte Hank plötzlich etwas aufgetauter. So langsam machte ihm das Sprechen mit einer anderen, menschlichen Person keine so großen Probleme mehr.
„Danke, Hank. Ich habe die Mühle günstig ersteigert und fahre damit eigentlich nur aus nostalgischen Gründen privat von Southquarter in die City. Das ist nämlich nicht mein eigentlicher Beruf, weißt du? Diese Aliens haben ganze Arbeit geleistet, was den Umweltschutz angeht, aber von Formen haben sie einfach keine Ahnung. Hast du schon diese neuen Busse gesehen, die in der Stadt verkehren?“
„Nein, denn ich habe knapp zehn Jahren in meiner Hütte im Park gelebt und meditiert! Dort bin ich kurz nach Ankunft der Aliens hingegangen. Ich konnte das alles einfach nicht mehr ertragen. Das moderne Leben und so.“
„Oh“, machte Old Bob erstaunt. Er wusste nicht, wie man mit einem solchen Spinner umgehen sollte, aber auf jeden Fall wollte er höflich bleiben.
„Du bist also nicht Busfahrer?“, platzte es aus Hank heraus.
„Oh, nein! Ich fliege die Nahverkehrsshuttles von der Erde zum Mond. Ist `ne ruhige Strecke und einen Jungspund von der Akademie können sie dafür nicht mehr begeistern, also nehmen sie mich dazu. Aber das passt schon, denn mir macht meine Arbeit Spaß. Ich betrachte das Ganze als eine wichtige Aufgabe, was sie ja auch ist. Den Oldtimer hier hab ich nur gekauft, weil ich mich für alte Fahrzeuge interessiere. Normalerweise nehme ich auch niemanden mit. Ich darf es ja auch per Gesetz gar nicht, aber in deinem Fall wollte ich mal `ne Ausnahme machen. Du siehst so hilfsbedürftig aus.“
„Betrachten das die Aliens nicht als gefährlich, wenn du mit dem Fahrzeug weiterhin die Umwelt verschmutzt?“
Old Bob winkte ab. „Aber nein, Hank. Die Mühle hier schnurrt wie ein Baby, hörst du?“
„Nein, ich kann absolut nichts hören!“
„Richtig. Hätte sie noch ihren alten Motor, wären dir deine Gehörgänge zusammengebrochen, so hat sie gehustet und gespuckt. Nein, Sir, der Bus wurde auf den neusten Stand der Technik gebracht. Plasma-Antrieb und all das. Alles umweltfreundlich.“ Old Bob war so stolz, wie ein Schrottkübelbesitzer nur sein konnte.
„Aha!“, machte Hank. Er sah aus dem Fenster hinaus. Sie fuhren immer noch durch den Nationalpark, der seine Heimat geworden war und den er auch in den letzten zehn Jahren nicht mehr verlassen hatte.
„Mach’s gut. Ich komme bald wieder“, sagte er leise und winkte einem Adler, den er am Himmel fliegen sah.
Old Bob sah zu dem merkwürdigen Kauz hinüber, den er an Bord genommen hatte. Er wirkte recht liebenswürdig und war wohl – so hoffte Old Bob zumindest – nicht gefährlich.
„Du suchst also einen Uhrmacher!“, sagte Old Bob schließlich, um die eingetretene Stille zu brechen.
„Wie?“ Hank musste seine ganze innerliche Kraft bündeln, um sich auf das nächste Gespräch mit dem Alten zu konzentrieren. „Oh ja, das stimmt.“ Hank stand auf und zeigte ihm seine Digitaluhr.
„Sie ist genau bei fünf Uhr stehen geblieben und aus irgendeinem Grund geht sie nicht mehr weiter und …“ Hank staunte. „Heilige Scheiße!“, rief er laut aus.
Old Bob bekam es langsam mit der Angst zu tun. „Äh, was ist denn?“, fragte er vorsichtig.
„Es ist überhaupt nichts mehr zu sehen, siehst du?“ Er hielt Old Bob sein Armgelenk vor die Nase.
„Ich sehe gar nichts!“
„Genau das ist es ja, was du sehen sollst. Siehst du’s?“
„Aber ich sehe doch nichts!“
„Genau, jetzt sieh’ doch schon das Nichts!“, bestand Hank und hielt Old Bob die Uhr genau vor seine Nase, was die Folge hatte, dass dieser die Strecke nicht mehr einsehen konnte. Er ließ das Lenkrad los und ruderte wild mit seinen Armen umher, was wiederum zur Folge hatte, dass der Bus in Schlangenlinien über die Straße fuhr.
Hank konnte sich an einer Metallstange festhalten und hielt Old Bob weiterhin die Uhr unter seine Nase.
„Siehst du es?“, fragte er schrill.
Old Bob sah ein, dass er dem Fremden unterlegen war. „Ja, ich sehe es!“, sagte er laut, kämpfte um seine Fassung und erlangte nach einigen, argen Schlenkern die Kontrolle über den Bus wieder zurück. „Ich sehe es, Mister Johnson!“
„So eine Scheiße!“, fluchte Hank.
„Tja, manchmal gehen von uns geliebte Dinge schon einmal kaputt“, meinte Old Bob beschwichtigend.
„Ja, aber das ist doch eine Katastrophe oder etwa nicht?“
„Ganz recht. Da kann ich dir nur zustimmen.“
„Was mach’ ich jetzt bloß? Kennst du zufälligerweise nicht die Adresse eines guten Uhrmachers?“, fragte Hank aufgeregt.
„Hmm, nicht direkt. Seitdem diese Plasmamodelle auf den Markt kamen, ist dieser Berufszweig bestimmt über Nacht zusammengebrochen, aber in der City gibt es ein riesiges Uhrengeschäft mit einer unheimlich großen Auswahl. Wenn sie die Uhr auch nicht reparieren können, dann helfen sie dir bestimmt weiter. Da bin ich mir sicher.“
„Spitze, Bob! Volldampf voraus!“ Mit der Welt und mit sich selbst zufrieden, ließ sich Hank in seinen Sitz zurückplumpsen und genoss zum ersten Mal seit langem eine Busfahrt.
Wie viele Jahre war es eigentlich her, seitdem er das letzte Mal den Bus benutzt hatte? Er konnte sich nicht daran erinnern, denn er selbst war früher immer nur Jeeps gefahren. Für ein normales Straßenauto hatte er noch nie etwas übrig gehabt. Er mochte es, im Gelände herumzufahren und Berge und Klippen damit zu erstürmen, wo kein PKW hinfahren konnte. Ein Jeep hatte ihm immer eine besondere Art von Freiheit gegeben.
Der weitere Verlauf der Busfahrt entpuppte sich als angenehm entspannend für beide Insassen. Hank nervte weniger und Old Bob belohnte Hanks Verhalten, indem er ihm erzählte, was sich so alles während Hanks Abwesenheit getan hatte.
Als nach einer Fahrtdauer von über einer Stunde endlich die ersten Hochhäuser der Stadt in Sichtweite kamen, wurde Hank jedoch wieder in zunehmenden Maßen unruhiger. Sein Selbstbewusstsein schwand dahin, als er sah, dass die Stadt riesiger war, als er sie in Erinnerung hatte. Das jagte ihm eine Heidenangst ein.
„Warum ist das so groß?“, fragte er ängstlich und leise, gerade so, dass Old Bob es noch verstand.
„Wer? Die Stadt? Nun, dank der Alientechnologie braucht man heute nicht mehr so lange, um Hochhäuser aus dem Erboden zu stampfen.“
„Können wir nicht einen Uhrmacher am Rande der Stadt aufsuchen?“
„Du bist kein Stadtmensch?“
„Ich war einer, aber ich habe die Stadt schon immer gehasst!“
„Tut mir leid, aber am Stadtrand gibt es nichts mehr. Aber du brauchst keine Angst zu haben. Die Menschen in der Stadt haben sich seit der Ankunft der Aliens verändert. Sie sind wesentlich freundlicher und toleranter geworden.“
Hank glotzte ihn aus großen Augen an. „Und diesen Stuss soll ich glauben?“
„Es gibt aber keinen anderen Weg. Du kannst natürlich immer noch akzeptieren, dass deine Uhr kaputt ist, und wieder umkehren. Ich wäre so freundlich, dich wieder dort auszusetzen, wo ich dich eingesammelt habe.“
„Nein, niemals! Ich kann es nicht akzeptieren, ohne eine Uhr auszukommen. Nein, das kann ich nicht! Lieber ringe ich mit einem Hai!“ Hank nahm einen zu allem entschlossenen Gesichtsausdruck an. „Also gut, Bob. Wenn es sein muss, dass ich mich in die Stadt hineinbegebe, dann werde ich auch noch dieses Abenteuer überstehen. Für meine kaputte Digitaluhr mache ich alles!“
Old Bob lachte laut auf. „Das nenne ich Kampfgeist! Du wirst sehen: Es ist längst nicht mehr so schlimm, wie es damals war, als du sie verlassen hast.“
Hank entgegnete nichts darauf, sondern starrte die Stadt an und er wurde das Gefühl nicht los, das die Stadt zurückstarrte.
Die Stadt war wie ein Raubtier, das nur darauf wartete, Hank anzuspringen. Das fand jedenfalls Hank. Vor seinem geistigen Auge beugten sich die Hochhäuser mit ihren grauenhaften Fratzen zu ihm herunter und öffneten fletschend ihre zahnbewehrten Mäuler. Bei der bloßen Vorstellung rann Hank ein Schauer über den Rücken. Er konnte nicht verstehen, warum Old Bob nicht ebenso empfand wie er. Old Bob bereitete die Fahrt in die Stadt sichtlich Vergnügen. Er pfiff sogar ein vergnügtes Lied vor sich hin.
Sie kamen einwandfrei durch den Verkehr, da die wenigen Autos, die ihnen begegneten, von Computern gesteuert wurden, anstatt von menschlicher Hand. So wichen sie einigen gewagteren Manövern von Old Bob problemlos aus.
Im Inneren der zumeist sehr flachen Wagen mit modernen Formen sah man Leute entspannt wie auf einer Couch liegen. Fußgänger gab es immer noch zuhauf auf den Bürgersteigen. Aber auch hier bemerkte Hank einige Neuerungen in der Stadt:
An einigen Ecken standen merkwürdige silberne, ovale Kästen, die im Entferntesten an Telefonhäuschen erinnerten. In regelmäßigen Abständen entstiegen ihnen Personen. Hank staunte nicht schlecht, als er bei einer nahen Vorbeifahrt in einen Kasten hineinsehen konnte und dabei feststellte, dass es sich hierbei um Teleporter handelte.
So konnte man nun auch größere Entfernungen mühelos überwinden. Das erklärte auch das verhältnismäßig geringe Verkehrsaufkommen, vermutete Hank.
„Hier fährt wohl nicht mehr jeder herum, oder?“, hakte er bei Old Bob nach.
„Von wegen. Hier ist doch nur der Verkehr für die Personen, die in der näheren Umgebung Besorgungen machen müssen.“
„Aha“, sagte Hank, schaute weiter den Fahrzeugen zu und runzelte die Stirn. „Ey, wo ist denn der Rest der Leute?“
„Welcher Rest?“
„Tja, die anderen eben! Die, die hier nichts verloren haben. Ich meine: Die Menschen, die nicht hier leben, aber hier durchmüssen“, brachte Hank etwas umständlich heraus.
„Ah, du meinst die Durchreisenden?“ Old Bob deutete zum Himmel hinauf. „Na, sieh’ doch mal nach oben!“
Widerwillig stand Hank von seinem Platz auf und schaute duch die Windschutzscheibe nach außen in Richtung Himmel.
Was er sah, ließ ihn ehrfürchtig staunen. Wie riesige, lange Schlangen aus bunten Metallklötzchen schoben sich am Rande der oberen Wolkenkratzerebene die fliegenden Verkehrsmittel durch die Luft. An schwebenden Kontrollpunkten machten sie Halt, um für kurze Zeit eine weitere Schlange aus bunten Metallklötzchen ihren Weg kreuzen zu lassen. Zwischen ihnen flogen auch noch gigantisch aussehende Transporter durch die Luft, die mit ihren großen Werbelettern die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken versuchten.
„Und da oben fliegst du auch herum?“, staunte Hank.
„Nein, nicht ganz“, schüttelte Old Bob den Kopf. „Ich starte etwas abseits von hier mit meinem Shuttle und fliege dann am äußeren Ende der Stadt von hier zum Mond.“
„Sieh’ dir das da oben an! Ist schon ganz lange her, seitdem ich so ein Spektakel von einem Konvoi gesehen habe.“
„Ja, da fliegen aber nur die normalen Flugautos oder Transporter“, erklärte Old Bob.
„Mir ist schon klar“, unterbrach ihn Hank barsch, „dass ein Shuttle nicht im Straßen-, pardon, Wolkenkratzerverkehr mitfliegt.“
Old Bob sah ihn verlegen an. Er wollte Hank nicht unterstellen, dass er zurückgeblieben wäre. „Klar, entschuldige“, murmelte er deshalb leise.
Hank war aber nicht verletzt. Ihm hatte es immer noch der Konvoi angetan. Er deutete mit dem Zeigefinger nach oben. „Diese Technologie haben uns die Aliens gebracht?“
„Klasse, nicht wahr? Ja, die Technik hat seit dem Eintreffen der Aliens gewaltige Fortschritte gemacht.“
Diese Aussage brachte Hank zurück in die Wirklichkeit. „Apropos. Wo sind denn die Außerirdischen? Ich habe bis jetzt noch keinen von ihnen gesehen.“
„Geduld, mein Freund. Sie haben sich inzwischen sehr gut in unsere Gesellschaft integriert. Klar, wenn man einen sieht, weiß man sofort, dass es ein Alien ist, aber sie sprechen aus Höflichkeit dieselbe Sprache.“
„Was? Das ist ja entsetzlich!“, entrüstete sich Hank.
„Wirklich? Wieso findest du denn das?“
„Noch so ein Pack, das sich wie Insassen einer Irrenanstalt benimmt. Und ich dachte, wenn es irgendwo Aliens gäbe, wären die uns nicht nur technisch um Lichtjahre voraus, sondern auch geistig.“
In diesem Augenblick musste Old Bob den Bus vor einem Zebrastreifen abbremsen. Ein Alien, das aussah wie ein großer, dünner Bär, überquerte die Straße, blieb mitten auf dem Zebrastreifen stehen, kratzte sich an seinem Gesäß, blickte Hank sowie Old Bob müde an und rülpste ihnen entgegen, bevor es seinen Weg fortsetzte.
„So schlimm sind sie doch gar nicht“, sagte Hank erfreut. Wie er schienen die Aliens gegen die komischen Sittenregeln der Menschen offen zu protestieren. Hank öffnete schnell ein Schiebefenster auf seiner Seite und rief hinaus: „Weiter so, Mann!“ Dann setzte er sich wieder kichernd auf seinen Platz.
Old Bob antwortete nicht. Ihm hatte es die Sprache verschlagen.
Durch die verwinkelten Straßen ging es weiter. Allmählich drangen durch die Lüftungsschächte des Fahrzeugs die wunderlichsten Düfte und Gerüche.
„Mann, das riecht aber gut!“, meinte Hank und nahm noch einmal einen tiefen Zug.
„Das kommt von diesem Imbissstand dort drüben.“ Old Bob zeigte zur rechten Fensterseite hinaus.
Ein grünes Alien, das annähernd wie ein aufrecht gehender Alligator aussah, verkaufte dort wohlriechende Snacks, die mit etwas Fantasie an ein Mini-Kanguruh erinnerten.
„Was ist das denn für ein Zeug?“, fragte Hank entsetzt.
„Magellanwolken-Kusskuss“, antwortete Old Bob knapp.
„Ist etwas?“, hakte Hank neugierig nach, den Old Bobs plötzliches Schweigen misstrauisch machte.
„Ach, Magellanwolken-Kusskusse sind eigentlich intelligente Lebewesen so wie du und ich.“ Old Bob seufzte schwermütig und schüttelte den Kopf. „Manche dieser Alienrassen sind eben doch barbarisch. Zum Glück sehen sie uns Menschen nicht als weitere Nahrungsquelle an.“
„So was!“ Hank pflanzte sich wieder auf seinen Platz und genoss den Rest der Fahrt in ehrfürchtigem Schweigen.
Immer wieder liefen einige Aliens auf der Straße herum und Hank stellte fest, dass sie von allen Ecken und Enden der bekannten Galaxien kommen mussten, denn nicht einmal glich ein Alien dem anderen.
Als Hank noch in der Stadt lebte, hatte er nur die Haifisch-ähnlichen Aliens kennengelernt. Heute waren in der Stadt anscheinend alle Rassen und Arten vertreten. Es gab kleine Aliens, die Hank nicht einmal bis zur Hüfte reichten, und neben den etwa menschengroßen Aliens auch noch riesige Muskelberge, die an einen aufrecht gehenden Dinosaurier erinnerten. Ein Rhinozeros-Alien trug sogar einen Hut und als eine alte Dame an ihm vorüberging, zog er ihn genauso zum Gruß, wie es ein Mensch getan hätte.
„Junge, Junge!“, staunte Hank abermals. ,Also haben sich doch einige von ihnen den anderen Irrenhausinsassen angepasst‘, fügte er im Geist hinzu.
Old Bob fuhr seinen Bus in Richtung eines so großen Wolkenkratzers, dass Hank seine Spitze nicht sehen konnte, selbst dann nicht, als der den Kopf aus dem Fenster steckte und direkt nach oben sah. Das Gebäude schien oberhalb der Wolkengrenze zu enden.
„Was ist das hier, Bob?“
„Das ist das ‚Sons of Lewis‘. Ein ziemlich nobler Laden, der so gut wie alles rund um Uhren führt. Ich glaube, dass du bei ihm sehr gut bedient wirst.“
„Das ist aber groß, da drin werden wir bestimmt einige schöne Stunden mit dem Anschauen von Digitaluhren verbringen. In meinen Magazinen stand, dass einige Uhrenläden noch viele Schätze aus der Zeit vor der Ankunft der blöden Plasmauhr auf Lager hätten.“
„Ich glaube“, behauptete Old Bob, „du wirst dich da drin wie zuhause fühlen. Außerdem ist ja alles ausgeschildert.“
„Kommst du nicht mit mir hinein?“, fragte Hank, dem langsam dämmerte, dass es nicht nach seinem Wunsch gehen würde.
„Nein. Ich würde gerne, aber meine Schicht am Raumhafen fängt bald an.“
„Was? Ich soll da alleine rein?“ Hank sah zu dem großen Portal des Uhrenladens hinüber und der Vergleich mit einem Höllenschlund drängte sich ihm wieder unweigerlich auf. „Da … da … da …da drin sind Menschen! Menschen, Mann!“ Hanks Redeweise fiel wieder zurück in die Zeit, bevor er auf Old Bob getroffen war.
Old Bob starrte ihn skeptisch an. „Ja, aber ich bin doch auch ein Mensch.“
„Da drin sind mir zu viele auf einmal. Das halte ich nicht aus!“, beschwerte sich Hank und fuchtelte mit seinen Armen herum.
„Da dürften hauptsächlich Aliens drin sein, da sie ja die Betreiber der Handelskette sind.“
Hank erstarrte. „Das … Ich … Wo…“, stammelte er zusammenhanglos. Dann blickte er Old Bob fragend an. „In deinem Bus gibt es nicht zufälligerweise eine Reisetoilette?“
„Was?“ Old Bob hielt den Wagen kurzzeitig an und sah zu Hank nach hinten. „Nein, das hier ist kein Greyhound Reisebus.“
„Ich muss aber ganz dringend. Immer wenn ich aufgeregt bin, muss ich …“ Hank entdeckte im hinteren Teil des Busses einen Eimer. „Oh, mach’ dir keine Mühe. Ich seh’ da was.“ Hank stand auf und eilte auf den Eimer zu. Noch ehe Old Bob protestieren konnte, ließ Hank die Hosen runter und setzte sich auf den Eimer drauf.
Old Bob drehte sich wieder um und sah nach vorne. Er fuhr langsam los. ,Was soll man da machen?‘, dachte er. Über eine Sache wollte er ihn aber noch aufklären: „Ich kann dich ja ein bisschen verstehen, aber du solltest dir angewöhnen, auf eine richtige Toilette zu gehen, um dein Geschäft zu verrichten. Sonst wirst du sehr bald Ärger mit dem Gesetz bekommen.“
„Oh, nein, nicht schon wieder!“, meinte Hank traurig. „Ich habe mir ja auch schon selbst gesagt: Hank, du musst damit aufhören. Ich werde es versuchen. Ich werde es …“ Er presste fest, bis etwas in den Eimer fiel. „… versuchen.“
Old Bob fuhr an den Straßenrand und hielt an. Er öffnete die Bustür, damit Hank aussteigen konnte, doch der rührte sich nicht vom Fleck, sondern sah Old Bob erwartungsvoll an.
„Na schön“, gab Old Bob nach und stieg aus. Hank hatte sich mit einem Taschentuch sauber gemacht, zog die Hose hoch und folgte ihm. Doch Old Bob drehte sich plötzlich um: „Ach, der Eimer.“ Hank eilte wieder zurück in den Bus, schnappte sich den Eimer und wollte ihn Old Bob geben. Der deutete aber auf einen schwarzen Monolithen, der an einer Häuserecke stand. „Ich will das nicht. Das kommt da rein!“
Hank setzte zu einem Protest an. Er wusste ja gar nicht, wie diese Alientechnik funktionierte, aber er wollte es dann doch einmal selbst ausprobieren. Er näherte sich dem Monolithen und als er dicht vor ihm stand, entstand ein Strudel auf dessen Oberfläche. Hank erschrak und warf den Eimer hinein. Mit einem „WUPP“ verschwand dieser an einen unbekannten Ort. Hank staunte nicht schlecht darüber, auch wenn Old Bob nun keinen Eimer mehr besaß.
„Aber nach dem Ladenbesuch“, griff Old Bob ihr ursprüngliches Gespräch wieder auf, „muss ich wirklich weg, verstehst du?“
„Und wie komme ich dann nach Hause?“
So langsam bereute es Old Bob, dass er diesen Mann einfach von der Straße aufgelesen hatte. „Tja, es gibt gute Taxiunternehmen hier. Dort drüben vor dem Eingang des Geschäftes steht zum Beispiel eines.“ Old Bob zeigte geradeaus nach vorne.
Ein Alien, das wie ein Riesen-Flugsaurier aussah, kreischte in einer fremden Aliensprache nach Kunden, wie es ein alter Marktschreier in vergangenen Zeiten getan hätte.
„Nein, danke!“ Hank schauderte es.
Old Bob bemerkte Hanks Abwehrreaktion auf das Alien. „Dann nimm’ halt ein anderes Taxi!“, schlug er ihm vor.
Hank blickte sich suchend um. „Aber hier gibt es doch gar keine Taxis.“
„Himmelherrgott noch mal! Du musst suchen!“, meinte Old Bob genervt. Er beruhigte sich aber kurz darauf wieder.
Hank sah sich verloren in alle Himmelsrichtungen um. „Und wo soll ich suchen?“
Old Bob seufzte tief und lange. „Also schön, ich komme mit dir mit! Nicht, dass du da drin noch Ärger bekommst.“
Sie gingen auf das mächtige Eingangsportal zu. Da Hank, noch immer beeindruckt von der schieren Größe des Baus, den Hans-Guck-in-die-Luft spielte, trat er Old Bob mehrmals in die Hacken. Old Bob beeilte sich daher, vor Hank in den Laden zu kommen.
Die unterste Abteilung beherbergte so viele Uhren, dass Hank schon nach einer Minute nicht mehr wusste, wo ihm der Kopf stand. Von so vielen Eindrücken, die auf einmal auf ihn einstürmten, war er ganz benommen, drehte sich schnell um und stieß dabei gegen ein Tablett, das ihn ein silbern glänzender Roboter entgegenhielt. Es war voller blinkender Zeitanzeiger, die Hanks Blick magisch anzogen.
„Interessiert an einer Fujikomo 2000, Sir?“, fragte der Roboter hoch motiviert.
„Warum sollte ich das sein?“ Hank begutachtete den komischen Roboter. Als er die Stadt verlassen hatte, gab es nur halbintelligente Roboter in den Autofabriken, aber eine eigene Persönlichkeit konnte bis dahin noch niemand künstlich herstellen.
Dieser eierköpfige Roboter vor ihm schien ebenfalls eine Errungenschaft der Alientechnologie zu sein. Hank fragte sich, warum sie nur so großzügig ihre Technik mit den Menschen geteilt hatten. Irgendeinen Zweck mussten diese Aliens doch damit verfolgen. Vielleicht war er hier einer großen außerirdischen Verschwörung auf der Spur.
„Es könnte für Sie für Interesse sein“, erklärte der Roboter, „dass Sie mit der Fujikomo 2000 über das gegenwärtige Spitzenprodukt der Chronografischen Plasmatechnologie verfügen würden. Diese Uhr kann wartungsfrei bei Arbeiten im Weltraum am Anzug getragen werden. Ebenso bis zu 2000 Meilen unter dem Ozean. Was sagen Sie dazu?“, pfiff der Roboter ihm weiterhin vergnügt zu.
„Ich hasse Plasmatechnologie!“, schnauzte Hank ihn an. „Und wozu sollte ich im All die Uhrzeit wissen wollen?“
Der Roboter schien ein klein wenig verlegen zu sein und machte mit seiner freien, rechten Hand eine abwehrende Geste. „Aber nicht doch! Außer dieser Technologie gibt es doch heute nichts mehr anderes, oder?“
„Na klar doch, hier!“ Hank zeigte dem Roboter seine kaputte Digitaluhr.
Der Roboter staunte nicht schlecht, jedenfalls fand das Hank, weil er sah, wie der Roboter seine beiden Kameraaugen ausfuhr bis auf eine Länge von zwanzig Zentimeter, um Hanks Uhr ungläubig zu begutachten.
„Die ist ja kaputt!“, stellte der Robot nach kurzem Abtastens mit seinen Scannern fest.
„Ja, genau deshalb bin ich ja hier!“ Im Geist fügte Hank hinzu: ,Endlich hat der Schrotthaufen etwas begriffen.‘
„Richtig, Sir!“, sprudelte der Roboter wieder vergnügt hervor. Jetzt hatte er sein Selbstbewusstsein wieder. „Da sind Sie genau am richtigen Platz. Wir haben eine riesige Auswahl an neuen Plasmauhren! Wollen Sie sich einmal die oberen zehn Abteilungen ansehen? Alleine dort gibt es über 80000 verschiedene Modelle und das sind nur die Standardmodelle.“ Der Roboter bewegte seine metallische Augenbraue, als zwinkerte er ihm in einer menschlichen Geste zu. „Na, hab’ ich Ihnen nicht Appetit gemacht?“
„Kann Plasmatechnik nicht ausstehen!“, meinte Hank angeekelt, rümpfte die Nase und ließ den Roboter links stehen, um Old Bob in die nächst höher liegende Abteilung zu folgen. Zuvor hatte dieser sich mit einem Elefanten-ähnlichen Verkäufer mit einem mordsgroßen, schwarzen Jackett unterhalten. Dieses Gespräch schien aber nicht den gewünschten Erfolg gehabt zu haben.
Vor der Rolltreppe holte Hank Old Bob ein und klopfte ihm auf den Rücken. „Und? Wie geht’s nun weiter?“
„Abwarten!“, meinte Old Bob knapp.
Abwarten war nun wirklich nicht Hanks Stärke. Während der gesamten Zeit, die sie brauchten, um mit der Rolltreppe in den 20. Stock zu gelangen, nörgelte er herum. Kein Verkäufer verstand ihn, klagte er, da sie ihm alle Plasmauhren andrehen wollten. Old Bob blieb gelassen. Er hätte nur nie gedacht, dass Hank solch ein Hardcore-Digitaluhren-Fan war.
Oben angekommen, zerrte Old Bob ihn zu einem etwa zwei Meter großen Walross-Alien, das einen grauen Armani-Anzug und einen gepflegt aussehenden, gestutzten Bart trug.
„Sie wünschen, meine Herren?“, sprach das Walross beide in einem einwandfreien, schottischen Akzent an, was Hank etwas verwirrte.
„Nun, äh, ja, äh, ok, äh …“, stotterte er unentschlossen darüber, was er sagen sollte.
„Kann ich jetzt gehen?“, fragte Old Bob dazwischen. „Ich muss heute noch bei meiner eigentlichen Arbeit erscheinen.“
„Nein!“, flammte Hank auf. „Ich muss doch nach der Reparatur meiner Uhr wieder nach Hause!“
„Reparatur?“, fragte das Walross erstaunt.
„Ja, von meiner Digitaluhr!“
„Digi, äh, tal, äh, Uhr?“, versuchte das Walross zu verstehen.
„Ja, was denn sonst? Sie ist kaputt, ich komme zu Ihnen und Sie reparieren sie. So läuft doch der Hase?“, erkundigte sich Hank und gestikulierte wild mit seinen Händen herum.
„Der Hase? Welcher Hase?“, fragte das Walross verblüfft und sah sich aufgeregt um.
Old Bob neigte sich etwas zu Hank und raunte ihm zu: „Du darfst keine Redewendungen benutzen. So gut haben sich die Aliens nun auch nicht in unsere Gesellschaft integriert. Sie missinterpretieren Redewendungen oder Schimpfworte.“
„Achso“, erwiderte Hank und wandte sich wieder dem Walross zu. „Hase nix hier. Weeeit weg! Nicht hier.“ Zur Verdeutlichung machte er eine die nähere Umgebung beschreibende Geste.
„Du musst aber auch nicht gleich mit ihnen reden wie mit einem Zurückgebliebenen, Hank. Sei einfach nur normal“, raunte Old Bob ihm erneut zu.
Das Walross starrte Hank an und sah dann fragend zu Old Bob. Der hob abwehrend die Hände und trat einen Schritt zur Seite.
„Wo willst du hin?“, fragte Hank, der dies sehr wohl aus seinen Augenwinkeln mitbekam.
„Ich muss jetzt los. Ein, äh, Notfall!“, log Old Bob ungeniert.
Während Hank sich mitfühlend nach der Art des Notfalls erkundigte und Old Bob irgendwas über eine dringende medizinische Fracht zu faseln begann, ordnete das blaue Walross per Telefon die Exekution sämtlicher Hasen im und rund um das Gebäude an. Dann unterbrach es erleichtert den Wortwechsel der beiden anderen mit den Worten: „Es hat sich alles geklärt. Das Problem wurde beseitigt.“
„Was? So schnell? Sie haben meine Uhr repariert? Ich habe sie doch noch gar nicht abgenommen. Hey, Sie sind prima!“ Hank glaubte an ein Wunder.
„
