Scheunentexte -  - E-Book

Scheunentexte E-Book

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Beschreibung

Geschichten wollen erzählt werden. Sie brauchen Zeit, Raum und Hingabe. Die hier versammelten Märchen, Liebesgeschichten und Weihnachtserinnerungen wollten darüber hinaus zwischen zwei Buchdeckel gebettet werden, um ihre Leser zu erfreuen. Weiterhin soll Ihnen dieses Buch Mut machen, ebenfalls Ihre Geschichten aufzuschreiben.

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Seitenzahl: 120

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Vielen Dank an Horst Falker, dem Bibliotheksleiter der Geisenheimer Stadtbücherei, der uns die Türen zum Kulturtreff „Die Scheune“ aufgeschlossen hat, wo wir zum Schreiben zusammenkommen konnten!

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Teil I Märchen

Der Feenquell von Beatrix Gietz

Die Kräuterheide von Gerlinde Emami

Die weite Welt von Katrin Redlich

Eine zauberhafte Freundschaft von Evelyne Bertolotti

Marie, ein Märchen von Annette Weyhofen-Schultheis

Teil II Liebesgeschichten

Fünf Monate Wartezimmer von Katrin Redlich

Liebe braucht Kleider von Beatrix Gietz

Verliebt - Verlor'n - Verteufelt von Claudia Augustini

Wenn der Staub sich legt von Annette Weyhofen-Schultheis

Wenn ein Liebestraum zur Wahrheit wird von Evelyne Bertolotti

Teil III Weihnachts-Erinnerungen

Heilig Abend, eine Weihnachtsgeschichte von Annette Weyhofen-Schultheis

Mich hörte ja keiner von Evelyne Bertolotti

Weihnachten fern von daheim von Gerlinde Emami

Die Autorinnen

Schlusswort und ein Plädoyer fürs Schreiben

Vorwort

Aus der Überzeugung heraus, dass das Schreiben, neben den anderen musischen Disziplinen wie das Musizieren und Malen ein wundervolles Hobby ist, das den Geist stärkt und die Kreativität fördert, finden im schönen Rheingau, genauer gesagt im Geisenheimer Kulturtreff „Die Scheune“ regelmäßig Schreibkurse statt.

Bei diesen Schreibkursen geht es darum, die Geschichten, die in jedem von uns schlummern, mit den Methoden des kreativen Schreibens zu wecken. Im ersten Schritt entsteht die Rohfassung einer Geschichte und die Teilnehmer erleben fern von Leistungsdruck und Wettbewerb das Vertrauen in ihre eigene Schöpferkraft und staunen über die Geschichten, die sie zu Papier bringen.

Im zweiten Schritt werden die Gesetze eines Genres, z.B. die des Märchens oder der Liebesgeschichte erläutert und erklärt, wie Kurzgeschichten funktionieren. Mit diesem Wissen nehmen die Geschichten Formen an. Im nächsten Schritt steht das Überarbeiten der Texte: das Feilen an der Handlung, den Figuren, der

Sprache und der Orthografie.

Auf diese Weise entstand das vorliegende Buch „Scheunentexte“ mit Geschichten aus den Schreibkursen:

Märchen

Liebesgeschichte

Weihnachtserinnerungen

Wir, die Autorinnen und die Kursleiterin Leila Emami wünschen Ihnen viel Freude mit den ersten „Scheunentexten“.

Teil I

Märchen

Der Feenquell

von Beatrix Gietz

Es war einmal eine arme Witwe, die lebte mit ihren beiden Kindern in einer armseligen Hütte mit einem Garten und einem Weinberg weit weg vom Dorf, oben am Hang über dem Fluss. Sie versuchte, mit dem zurechtzukommen, was sie im Garten und im Weinberg erntete und im Wald sammeln konnte. Das war gerade so viel, dass sie und die Kinder nicht verhungerten.

Als es eines Sommers einfach nicht regnen wollte und der Garten zu vertrocknen drohte, erinnerte sich die Witwe, dass im Dorf von einer Quelle erzählt wurde, die nah bei ihrem Haus im Wald sein sollte. Sie beschloss, mit ihren Kindern nach der Quelle zu suchen.

Aber alles, was sie im Wald fanden, war ein mit Gestrüpp umwuchertes, dunkles Loch mit schmutzigem, stinkendem Wasser. Rund um das Wasserloch war die Erde sumpfig, und es wimmelte nur so von Schlangen, Kröten und anderem Ungeziefer.

„Das kann sicher nicht die Quelle sein“, dachte die Witwe, als sie sich über das Loch beugte.

Doch im dunklen Wasser schien sich etwas zu bewegen, und plötzlich schaute sie in das Gesicht einer alten Frau.

„Ich bin die Fee dieser Quelle. Und weil niemand mehr an Feen glaubt, bin ich hier eingeschlossen, und das Wasser wird immer trüber. Bald werden die Quelle und ich ganz verschwunden sein. Nur wenn ein Mensch wieder an mich glaubt und die Quelle reinigt, wird es gutes Wasser geben, und ich bin frei“.

Die Witwe hatte zwar Sorgen genug, aber schon als kleines Mädchen liebte sie die Geschichten von Feen und anderen guten Geistern, die ihre Mutter und Großmutter erzählt hatten. Auch ihre Kinder liebten diese Geschichten, und so beschlossen sie, gemeinsam der Fee zu helfen.

Am nächsten Morgen schon machten sie sich an die Arbeit. Sie verscheuchten das Ungeziefer, hackten die Büsche und Sträucher heraus und schöpften das schlechte Wasser ab. Je mehr sie arbeiteten, desto heller wurde das Wasser, und die Fee auf dem Grund des Beckens wurde immer jünger.

Am Ende des Tages erstrahlte ein helles Steinbecken und darin eine wunderschöne Fee, aber es floss kein Wasser.

Wieder sagte ihnen die Fee, was sie tun sollten: „Hinter der alten Eiche, zweihundert Schritte von hier, liegt ein großer Stein. Den müsst ihr bei Vollmond wegnehmen, dann fließt das Wasser wieder.“

Als der Vollmond schien und die Kinder schliefen, fasste sich die Witwe ein Herz und ging in den Wald. Wie die Fee gesagt hatte, lag hinter der Eiche ein großer Stein. Aber was sie auch versuchte und wie sie sich auch abmühte, der Stein bewegte sich nicht.

Sie weinte bitterlich, dass sie der Fee nicht helfen konnte, dabei fielen einige Tränen auf den Stein. Da wurde er plötzlich durchsichtig wie Glas, und als sie ihn berührte, zersplitterte er in tausend Stücke, und das Wasser begann wieder zu fließen.

Als sie an das Becken trat und hineinschaute, stiegen vom Boden her feine Bläschen auf, wie in einem Sektglas, dann schoss eine Fontäne in die Höhe, und die Fee trat heraus.

„Für deine Hilfe will ich dich reich belohnen! Komm in der nächsten sternenklaren Nacht wieder zur Quelle und du sollst deinen Lohn erhalten“.

Kaum war sie zum befohlenen Zeitpunkt bei der Quelle angekommen, da perlte wieder das Wasser, die Fontäne stieg auf und die Fee trat heraus: „Ich habe gesehen, wie schwer du arbeiten musst und werde dir meinen Diener schicken. Knörzchen ist ein Wingertsgeist, der viel von der Arbeit im Weinberg und im Keller versteht. Er wird dir helfen. Aber von allem, was du mit seiner Hilfe verdienst, musst du ein Viertel an die Armen verschenken.“

Am nächsten Morgen erschien ein kleines, rundes Männchen mit roter Nase, einem Korb voll Weinflaschen, einem Korkenzieher am Gürtel und begann, emsig im Weinberg zu arbeiten.

Im Sommer hackte Knörzchen unter den Reben und pflegte den Garten, sodass das Obst und die Trauben besser und schneller wuchsen als je zuvor und dazu auch besonders vorzüglich schmeckten.

Als der Herbst gekommen war, half der Geist die Trauben zu keltern und den Most zu einem besonderen Wein zu vergären. Diese Arbeit schien dem Knörzchen besonders gut zu gefallen, denn er probierte immer ausgiebig.

Im Sommer des nächsten Jahres kam der Landesherr ins Dorf, weil er hier zur Jagd gehen wollte.

Das Knörzchen sagte der Witwe voraus, dass dieser bei ihrer Hütte vorbeikommen würde und sie deshalb einen Krug mit ihrem Wein bereithalten solle, um ihm davon zu reichen.

Am Tag darauf kam tatsächlich die ganze Jagdgesellschaft an der Hütte der Witwe vorbei, und der Landesherr fragte nach einer Erfrischung. Als er von dem Wein getrunken hatte, lobte er ihn über alle Maßen und gab der Witwe vier Goldstücke für das ganze Fass.

Wie ihr die Fee aufgetragen hatte, gab die Witwe den Armen des Dorfes ein Goldstück davon ab.

Als der Landesherr zu Hause den Wein trank, stellte er fest, dass der Wein immer genau so schmeckte, wie man ihn gerade liebte. Wer gern trocken trank, dem schmeckte er trocken und wer gerne mild trank, dem schmeckte er mild. Man konnte auch davon trinken, so viel man wollte, ohne Kopfschmerzen zu bekommen. Trank man den Wein in Gesellschaft, konnte man spüren, ob der andere die Wahrheit sagte oder log, und wenn Speisen Gift enthielten, konnte man sie trotzdem essen, denn der Wein heilte die Vergiftung sofort.

Er war so gut, dass der Ausdruck „der schmeckt wie der Feenquell“ mit der Zeit das höchste Lob für einen Wein wurde und der Landesherr fortan allen Wein bei der Witwe kaufen ließ.

Und so lebte sie mit ihren Kindern glücklich und zufrieden. Der Geist Knörzchen sorgte für den Weinberg und den Wein und wurde dabei immer runder und seine Nase immer roter.

Aber, wie das so ist, glauben nicht alle Menschen nicht an die Macht der Geister und Feen.

Nachdem die Witwe und ihre Kinder gestorben waren, geriet der Pakt mit der Fee aus der Quelle in Vergessenheit, und auch Knörzchen ließ sich immer seltener blicken.

Ein Urenkel der Witwe war sich sicher, dass nur die richtige Behandlung der Trauben, wie er es an der hohen Akademie gelernt hatte, den Wein so gut mache und nicht irgendein Geist, weshalb er auch keine Spenden an die Armen abgeben müsse.

Doch wie er sich auch bemühte, welche Mittel er auch anwandte, der Wein vom Feenquell verwandelte sich im Glas zu Essig. Er war weder zu trinken, noch zu verkaufen, und die Familie verlor ihr Vermögen.

Der Weinberg am Feenquell wurde mehr und mehr vernachlässigt, bis er eines Tages ganz vergessen wurde. Es blieben nur ein paar verwilderte Rebstöcke, ein paar Obstbäume und ein verlassenes Haus, an dem der Zahn der Zeit nagte.

Vielleicht findet ihr im Wald, nahe einem Weinberg, wo eine verfallene Hütte steht, ein sumpfiges Loch? Dann schickt die Fee ihr kleines, rundes Knörzchen mit der roten Nase und dem Korkenzieher am Gürtel sicher auch zu euch, wenn ihr ihr helft.

Die Kräuterheide

von Gerlinde Emami

Es war einmal eine junge Frau. Sie lebte alleine, abgeschieden vom Dorf. Ihr kleines Haus - schon reparaturbedürftig - stand am Fuße eines bewaldeten Hügels, direkt am Eingang zu einem lieblichen Tal, das von einem klaren Bächlein durchzogen war.

Heidrun, so hieß die junge Frau. Sie war von zierlicher Gestalt, ihre Gesichtszüge waren ebenmäßig. Sie hatte geheimnisvoll glänzende, blaue Augen und glattes, langes, blondes Haar, das sie zu einem Zopf geflochten trug. Über ihrer hübschen, bestickten weißen Bluse trug sie einen grobgewebten, leinenen Überwurf mit Kapuze und einen langen, bunten Rock. Die Füße in den selbstgestrickten Strümpfen steckten in grobem Schuhwerk.

Sie war ganz alleine auf der Welt. Das einzig Wertvolle, das sie besaß, war ein wundersames Kräuterbuch, das sie immer wieder studierte und das ihr half, den Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Kräutern zu verdienen. Im Dorf nannte man sie die Kräuterheide, denn sie kannte alle Kräuter und Kräutlein, ob gut, ob böse, ob zum Nutzen oder auch zum Schaden der Menschen.

Da Heidrun aber fromm war und keinen Arg kannte, half sie mit ihrem Wissen nur zum Nutzen der Menschen. Samstags brachte sie die Kräuter in einem großen Korb, den sie auf dem Rücken trug, auf den Markt. Säuberlich waren die verschiedenen Pflanzen gebündelt. Es gab solche zum Teebereiten, solche zum Würzen der Speisen, aber auch Heilpflanzen für allerlei Gebrechen.

Anselm, ein kauziger Alter mit von Falten zerfurchtem Gesicht und krummer Gestalt, bot neben Heidrun allerlei Plunder feil. Immer wenn Heidrun ihre Kräuter ausbreitete, kam Anselm, begrüßte sie freundlich, begutachtete ihre Ware, roch hier daran und probierte dort ein Blättlein. Dann nickte er Heidrun freundlich zu und hinkte wieder an seinen Platz. Neben Heidrun bot eine Frau Töpferwaren an. Sie hatte ein verkniffenes Gesicht, und sehr gefragt war ihre Ware nicht. Neidisch und zornig wurde sie, wenn die Marktbesucher Heidruns Stand belagerten. Die Leute kamen nicht nur zu Heidrun, weil sie hübsch war und ein offenes Wesen hatte, sondern weil sie auch Ratschläge erteilte, wie dieses oder jenes Kraut am besten seine Wirkung entfalten konnte. Auch dass der alte Anselm mit Heidrun ein so gutes Verhältnis hatte und nicht mit ihr, erboste die Frau mit den Töpferwaren maßlos.

Nun trug es sich zu, dass unter dem Vieh eine Seuche wütete, alle Kälber tötete und die Kühe keine Milch mehr gaben. Darauf schien die Frau nur gewartet zu haben. Überall lief sie herum: „Ich habe die Kräuterheide gesehen, wie sie nachts von Stall zu Stall geschlichen ist!“

Wie ein Lauffeuer ging das Gerücht durch das Dorf, und so erfuhr auch Anselm davon. Er eilte zu Heidruns Hütte so schnell er nur konnte und warnte sie vor den wütenden Dorfbewohnern.

Bevor die aufgebrachte Menge Heidruns Haus erreichte, schnappte sie sich ihr Kräuterbuch und floh in den Wald. Oben vom Hügel aus sah sie, wie junge Burschen ihr Haus in Brand steckten, angefeuert von der johlenden Menge. Voller Entsetzen und wie versteinert verharrte sie hinter einem Baum.

„Heidrun, hier kannst du nicht bleiben“, sprach sie jemand plötzlich von hinten an. Sie erschrak zu Tode. Aber der junge Mann sagte: „Hab keine Angst, ich werde dir helfen!“

„Wer bist du?“, fragte sie. Er antwortete nur kurz: „Anselm.“ Hieß nicht auch der merkwürdige Alte am Nachbarstand so? Aber jetzt konnte sie sich keine Gedanken darüber machen. Und da sie keinen anderen Ausweg sah, beschloss sie, dem Fremden zu folgen. Der junge Mann drängte zur Eile. „Ich weiß ein gutes Versteck für dich. Schnell, folge mir!“ Und auf verschlungenen Wegen ging es wie der Wind vorwärts. Heidrun hatte bereits die Orientierung verloren, als sie an eine Schlucht kamen. Hier war sie noch nie gewesen. Ein Wildwasser tobte über die Steine. Aber wundersamerweise passierten sie die Klamm trockenen Fußes, denn Anselm führte sie durch einen geheimen Gang, der von dem Wasser nicht erreicht werden konnte. Als sie hinaustrat, öffnete sich vor ihren Augen ein weites Tal, von hohen Bergen gesäumt. Sie versank im Anblick der in der Abendsonne schimmernden Landschaft.

Sie drehte sich um, aber ihr Retter war verschwunden. Hilflos stand sie da, sie rief, aber niemand antwortete. Der Tag war schon fortgeschritten und sie musste sehen, wo sie über Nacht ein sicheres Lager fand.

Da sah sie auf einmal einen Fuchs, der sie zutraulich anschaute: „Du bist also Heidrun. Anselm hat mir von dir erzählt und mich gebeten, dir beizustehen.“

Heidrun wusste nicht mehr, ob sie träumte oder wachte.

„Hier kannst du nicht bleiben! Nimm deine Sachen und komm mir nach. Es ist nicht sehr weit“, sprach der Fuchs aufmunternd.

So folgte sie dem Fuchs und bald kamen sie an eine Hütte, die sich an eine Felswand schmiegte. Einladend sah sie aus, und Heidrun musste sich erst einmal auf die Bank vor dem Häuschen setzen.

Sie war sehr erschöpft, aber die Schönheit des Tals, die Stille, das Rauschen des Baches und das Zwitschern der Vögel beruhigten sie immer mehr.