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Beschreibung

Die Neue Rechte strebt in Europa an die Macht. Eine ihrer stärksten Strategien: die Instrumentalisierung von Geschichte, um ihre Weltsicht in den Köpfen der Menschen zu verankern. Mythen über die Nation, ihre Helden und Freiheitskämpfe sollen Nationalismus und völkisches Denken wieder gesellschaftsfähig machen. Das zeigt: Wir müssen um die Geschichte kämpfen, auf dass die liberalen Grundwerte unserer Gesellschaft eine Zukunft haben. In Deutschland beschwört die AfD über 1000 Jahre glorreichen Deutschtums. In Italien inszeniert sich Matteo Salvini in der Tradition italienischer Freiheitskämpfer. In Ungarn will Viktor Orbán sein Land zu "historischer Größe" zurückführen. Und auch in der Corona-Krise versucht die Neue Rechte eine Renaissance des Nationalismus als Lösung zu propagieren. Die völkische Illusion "sauberer", homogener Gesellschaften soll zum politischen Konsens der Zukunft werden. Dieses Buch analysiert die Strategie der Neuen Rechten in Europa und ist zugleich eine Aufforderung an Politik und Wissenschaft, Lehrkräfte und Zivilgesellschaft, dem Missbrauch der Geschichte entgegenzutreten. Mit Beiträgen von Andreas Audretsch, Claudia Gatzka, Paul Jürgensen, Jürgen Kocka, Markus Linden, Stephan Ozsváth, Hedwig Richter.

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Seitenzahl: 163

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Andreas Audretsch & Claudia C. Gatzka (Hg.)

Schleichend an dieMACHT

Wie die Neue Rechte Geschichte instrumentalisiert, um Deutungshoheit über unsere Zukunft zu erlangen

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

ISBN 978-3-8012-7023-0 (E-Book)

ISBN 978-3-8012-0582-9 (Printausgabe)

Copyright © 2020

by Verlag J.H.W. Dietz Nachf. GmbH

Dreizehnmorgenweg 24, D-53175 Bonn

Umschlaggestaltung: Birgit Sell, Köln

Satz: Rohtext, Bonn

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, 2020

Alle Rechte vorbehalten

Besuchen Sie uns im Internet: www.dietz-verlag.de

INHALT

Cover

Titel

Impressum

GELEITWORT

Geschichte als Kampffeld (von Jürgen Kocka)

EINLEITUNG

Warum wir um die Geschichte kämpfen müssen, um eine Zukunft zu haben (von Andreas Audretsch & Claudia C. Gatzka)

TEIL I DIE BEISPIELE DEUTSCHLAND, ITALIEN UND UNGARN MACHTSTRATEGIEN RECHTSPOPULISTISCHER GESCHICHTSUMDEUTUNG

1 Deutschland: Neue alte Großmachtfantasien (von Andreas Audretsch)

2 Italien: Das Skript der »Befreiung« (von Claudia C. Gatzka)

3 »Make Hungary great again« (von Stefan Ozsváth)

TEIL II DEMOKRATIE, FRAUENRECHTE, RELIGION UND DIE CORONA-PANDEMIE ZENTRALE THEMEN RECHTSPOPULISTISCHER GESCHICHTSUMDEUTUNG

1 Demokratie: Das rechtspopulistische Verständnis von Demokratie und Volkssouveränität (von Markus Linden)

2 Frauenrechte: Der Antifeminismus der Rechten und die »traditionellen« Geschlechterrollen (von Claudia C. Gatzka)

3 Religion: Instrument der Ideologie der Ungleichwertigkeit (von Andreas Audretsch)

4 Nationalismus und Rassismus: Die Neue Rechte sieht in der Corona-Krise ihre Chance (von Andreas Audretsch, Claudia C. Gatzka & Paul Jürgensen)

EIN AUFRUF

Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft – wir alle tragen Verantwortung für die Geschichte und die Zukunft (von Paul Jürgensen & Hedwig Richter)

DANKSAGUNG

AUTORINNEN UND AUTOREN

ANMERKUNGEN

WEITERE BÜCHER

GELEITWORT

Geschichte als Kampffeld

Jürgen Kocka

40 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai 1985 erklärte der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker im Deutschen Bundestag:

»Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten. Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte. Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen«.

Weizsäckers sofort viel beachtete Rede fiel nicht vom Himmel. Sie war das Zwischenergebnis langwährender, hochkontroverser öffentlicher Debatten über den richtigen Umgang mit den dunkelsten Seiten unserer Geschichte in der nationalsozialistischen Zeit. Vor allem seit den 1960er-Jahren hatten die Befürworter*innen einer vorbehaltlos ehrlichen, selbstkritischen Aufarbeitung dieses drückenden Erbes, gegen die Strategen der Verdrängung, des Entschuldigens und des Vergessens, allmählich an Boden und schließlich die Oberhand gewonnen. Aber nie zuvor hatte ein Bundespräsident den 8. Mai 1945, der ja auch für die deutsche Niederlage, vielfältige Verluste und die Unterwerfung des Landes unter die Besatzungsmächte stand, so eindeutig als Datum der Befreiung vom Nationalsozialismus bezeichnet. Selten war von höchster Stelle so eindringlich für die »Wahrheit ohne Beschönigung und ohne Einseitigkeit« plädiert worden. Mit aller Entschiedenheit, aber ohne Polemik und neue Verletzungen, stellte der Bundespräsident den verbrecherischen Charakter der nationalsozialistischen Diktatur heraus. Er erkannte die Schuld und die Verantwortung der Deutschen (und nicht nur einer kleinen Clique von führenden Nazis) an. Gegen die so oft erhobene Forderung, endlich einen »Schlussstrich« zu ziehen und die Vergangenheit ruhen zu lassen, betonte er den Sinn und die Notwendigkeit von Erinnerung und Gedenken, und zwar nicht nur aus Gründen der historischen Gerechtigkeit, sondern auch im wohlverstandenen Interesse des Gemeinwesens, der Bundesrepublik, der es durch ihre allmählich dezidierter werdende Absetzung vom Nationalsozialismus gelungen war und weiter gelingen sollte, ein neues, besseres, demokratisches und friedliebendes Deutschland zu errichten. Es war nicht unwichtig, dass diese Epoche machende Rede nicht aus dem Mund eines »Linken« kam, sondern von einem Mitglied der CDU in eindeutig parteiübergreifender, den Zusammenhalt des Ganzen beschwörender Absicht geäußert wurde.

In der DDR, dem damals noch existierenden zweiten deutschen Staat, gab es eine solche Festlegung nicht. Dort waren die öffentliche Diskussion, aber auch das Denken vieler Bürger*innen durch eine problematische Variante des Antifaschismus geprägt, gemäß der der deutsche Faschismus und seine verderbliche Herrschaft ein Ergebnis der eigensüchtigen Politik kleiner reaktionärer Eliten – der Finanzkapitalist*innen, Imperialist*innen und Militarist*innen – war, die das Volk und besonders die Arbeiterklasse vergewaltigt und verführt hatten. Diese verzerrte Sicht der Dinge erlaubte es der großen Mehrheit, sich letztlich nicht zuständig zu fühlen, die damaligen Untaten der Deutschen unter der nationalsozialistischen Herrschaft nicht als Gegenstand der eigenen Verantwortung zu begreifen, sondern alles auf die tonangebenden Nutznießer*innen eines politischen und wirtschaftlichen Systems zu schieben, das man ja in der sozialistischen DDR zum Glück losgeworden war, während es in der BRD florierte: eine mehr oder weniger subtile Form der Verdrängung.

Die Rede des Bundespräsidenten markierte kein Ende der Auseinandersetzungen. Der von Medien, Historiker*innen und anderen heftig geführte »Historikerstreit« um den Ort des Holocaust in der deutschen Geschichte und um seine Einzigartigkeit erreichte erst nach Weizsäckers Rede die breite Öffentlichkeit. Nach der Wiedervereinigung wurde heftig über die Ähnlichkeiten und Unterschiede der beiden deutschen Diktaturen, der nationalsozialistischen und der kommunistischen, gestritten, doch damit geriet die Erinnerung an die Opfer und Verantwortlichen der nationalsozialistischen Untaten nicht in den Hintergrund, ganz im Gegenteil. Die Debatte über das »doppelte Unrecht« der faschistischen und kommunistischen Verfolgungs- und Unterdrückungssysteme des 20. Jahrhunderts gewann bald eine gesamteuropäische Dimension. In Deutschland wurde sie beispielsweise im Zusammenhang mit der seit 1990 an Gewicht gewinnenden Gedenkstättenarbeit geführt, denn an Orten wie Buchenwald und Sachsenhausen stand nun nicht nur die Erinnerung an die nationalsozialistischen Konzentrationslager, sondern auch an die von der sowjetischen Besatzungsmacht nach 1945 betriebenen »Speziallager« auf der Tagesordnung. Die Erinnerung an die Opfer und Täter der totalitären Diktaturen blieb schmerzlich und im Einzelnen umstritten. Den einen ging die damit übernommene Verantwortung nicht weit genug. Andere wandten sich, meist im Stillen, gegen Praktiken des öffentlichen Gedenkens, die ihnen übertrieben vorkamen oder die sie als Beeinträchtigung nationaler Selbstanerkennung ablehnten. Viele machten zu Recht darauf aufmerksam, dass die deutsche Geschichte in der Geschichte der Diktaturen und ihrer Verbrechen nicht aufgeht, sondern auch viele Entwicklungen, Leistungen und Ergebnisse enthält, die mit Hochschätzung erinnert zu werden verdienen.

Aber insgesamt hat sich in der Bundesrepublik in den letzten Jahrzehnten ein vergleichsweise offenes, selbstkritisches, verantwortungsbewusstes Verhältnis gegenüber dem großen historischen Gewicht und den zerstörerischen Wirkungen der nationalsozialistischen Diktatur, der damit verbundenen deutschen Schuld und der daraus sich ergebenden Verantwortung partei- und lagerübergreifend durchgesetzt. Die Forschungen der Historiker*innen, der Unterricht der Lehrer*innen in den Schulen, die Medien und öffentlichen Diskussionen, die Selbstdarstellung und die Rituale der Politik, die Einrichtung von Erinnerungsorten und -tagen haben dazu entschieden beigetragen. Zunehmend ist klar geworden, dass durch ehrlichen Umgang mit den dunklen Seiten unserer jüngsten Geschichte, durch Anerkennung von Schuld und Verantwortung und durch die damit verbundene Anstrengung, aus der Geschichte zu lernen und Wiederkehr zu verhindern, nicht nur den Leiden der Opfer ein Stück Gerechtigkeit widerfährt und historische Wahrheit respektiert wird, sondern auch die Politik, Gesellschaft und Kultur der Bundesrepublik gestärkt werden. Denn: Der ehrliche Umgang mit der eigenen Vergangenheit kam der internationalen Anerkennung Deutschlands zugute. Er wirkte für viele als kraftvolles Motiv zum entschiedenen Engagement für die Gestaltung eines freiheitlichen, demokratischen, friedlichen und gerechten Gemeinwesens, das sich von seinen Vorläufern fundamental unterscheiden sollte. Die Erinnerung an die Erblast der nationalsozialistischen Diktatur – und auch an die der kommunistischen in der DDR – ging und geht oft Hand in Hand mit Genugtuung und Stolz, dass uns mit der Bundesrepublik die Errichtung eines neuen, besseren, zukunftsfähigen Gemeinwesens gelungen ist – im durch Erinnerung wach gehaltenen Bewusstsein, dass Freiheit und Demokratie verlorengehen können, Frieden und Vernunft gefährdet sind und die Zivilisation zerbrechlich ist. Die ungeschminkte Erinnerung an die Vergangenheit wirkte und wirkt als gewichtiger Beitrag zum politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Fortschritt in der Bundesrepublik. Sie wurde zu einem zentralen Bestandteil deutscher Identität. Viele positive und manche problematischen Elemente der deutschen Politik nach innen und außen, aber auch in den Haltungen und Stimmungen der Bevölkerung, erklären sich nur mit Blick auf diese Geschichte und ihr Fortwirken in der Gegenwart.

Der Aufstieg nationalistischer, rechtspopulistischer und rechtsextremer Bewegungen und Parteien in den letzten Jahren fordert die demokratischen Rechts- und Verfassungsstaaten Europas in vielen Hinsichten heraus, überall etwas anders. In Deutschland zeigt sich dies unter anderem in Form von Angriffen auf den über die Jahrzehnte entstandenen Geschichtsdeutungskonsens, die aus der AfD und ihrem Umkreis, bisher vereinzelt und nicht in Form einer entwickelten Alternativkonzeption, vorgetragen werden. Dazu gehört es, die Bedeutung des Zivilisationsbruchs, den die nationalsozialistische Vernichtungs- und Zerstörungspolitik darstellte, herunterzuspielen: »Hitler und die Nazis… nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte«, so der Parteivorsitzende Alexander Gauland 2018 in einer seiner wiederholten Attacken auf den deutschen »Schuldkult«. Man wolle sich nicht nur »unser Land, sondern auch unsere Vergangenheit zurückholen«. Und dazu gehöre auch das »Recht, auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen stolz« zu sein. Auf AfD-nahen Kongressen und in entsprechenden Veröffentlichungen wird der einsitzende Holocaust-Leugner Horst Mahler als politischer Gefangener bezeichnet. Viel Applaus findet das Lob für die »heute verfemte, viel geschmähte Wehrmacht, wo auch viel mehr selbstständige Köpfe saßen bis hin zu den Generalen der Waffen-SS«. Der Thüringer AfD-Vorsitzende Björn Höcke verlangte eine 180-Grad-Wende der deutschen Erinnerungskultur und sprach vom Berliner Holocaust-Mahnmal als einem »Denkmal der Schande«, das sich die Deutschen »als einziges Volk der Welt in das Herz ihrer Hauptstadt gepflanzt« hätten. Sprecher*innen der Partei attackieren einen »historisch begründeten Grundpfeiler« unseres Gemeinwesens (Markus Linden), wenn sie die Bundesrepublik mit einer Diktatur gleichsetzen und Widerstand gegen das System fordern.

Soweit der Widerspruch gegen solche Angriffe argumentativ möglich ist, bieten sich mehrere Strategien an: Zum einen können geschichtswissenschaftliche Befunde gegen Verdrehungen und Falschaussagen direkt in Stellung gebracht werden. Wenn etwa ein Mitarbeiter Alexander Gaulands, Michael Klonovski, in seinem Blog von der »unbändigen Provokationslust der Polen« im Jahr 1939 faselt und damit die Schuld Deutschlands am Beginn des Zweiten Weltkriegs zu relativieren versucht, empfiehlt es sich, die leicht zugänglichen Darstellungen des Kriegsausbruchs 1939 heranzuziehen. Dieser ist gründlich erforscht, die Ergebnisse sind eindeutig und widerlegen solche Spekulationen. Zum anderen lässt sich zeigen, dass und wie in rechtsextremen und rechtsradikalen Aussagen Geschichte instrumentalisiert wird, das heißt Aussagen über historische Verläufe und Zusammenhänge einseitig verkürzt und verzerrt benutzt werden, um politische Thesen zu begründen oder zu untermauern. Schließlich ist auf den Zusammenhang zwischen Geschichtsdeutung und Gegenwartsorientierung einzugehen und zu zeigen, welche fundamentale Bedeutung der Umgang mit Geschichte für die Stärkung oder Schwächung der Demokratie, für den Zusammenhalt oder die Spaltung der Gesellschaft und für die Zukunftsfähigkeit des Gemeinwesens besitzt.

In unterschiedlicher Weise stellen sich die folgenden Beiträge dieser drängenden Aufgabe. Dabei werden zu Recht die Ideenpolitik der AfD und die deutschen Entwicklungen überhaupt in breitere Zusammenhänge gerückt. Denn der bedrohliche Aufschwung einer »Neuen Rechten« ist ein internationales Phänomen, das es grenzüberschreitend zu behandeln und zu bekämpfen gilt.

EINLEITUNG

Warum wir um die Geschichte kämpfen müssen, um eine Zukunft zu haben

Andreas Audretsch & Claudia C. Gatzka

Das Jahr 2020 ist geprägt von intensiver gesellschaftlicher Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Zum 75. Mal jährt sich die Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee im Jahr 1945. Und zum 30. Mal feiern wir die Wiedervereinigung, die auch die Überwindung der letzten Diktatur auf deutschem Territorium bedeutete. Es geht um Erinnerung, immer aber auch um Mahnung für Gegenwart und Zukunft – und um die zentrale Frage, welche unerschütterlichen Grundsätze wir als gesellschaftlichen Konsens verstehen. Nie wieder Diktatur, nie wieder Nationalismus, nie wieder Faschismus, nie wieder Auschwitz – Konsens für alle war das nie, und dennoch haben sich diese Grundsätze über viele Jahrzehnte zunehmend gesellschaftlich etabliert und verfestigt.

Das Erstarken neuer rechtsextremer Strömungen in Deutschland, aber auch in anderen Ländern Europas und weltweit, stellt die genannten Grundsätze wieder massiv zur Disposition. Rechtspopulist*innen und Rechtsextreme begehen gezielt Tabubrüche und ernten so mediale Aufmerksamkeit. Über die Massenmedien nimmt die breite Öffentlichkeit dabei nur die Spitze des Eisberges wahr. So Anfang Mai 2020, als sich der Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion anlässlich des Weltkriegsendes vor 75 Jahren zum Tag der Befreiung am 8. Mai äußerte. Man solle diesen Tag Gauland zufolge nicht zum gesetzlichen Feiertag erklären. Das Datum habe nicht das Potenzial dazu. Als Grund führte er an, dass es zwar für Insassen der Konzentrationslager ein Tag der Befreiung gewesen sei. »Aber es war auch ein Tag der absoluten Niederlage, ein Tag des Verlustes von großen Teilen Deutschlands und des Verlustes von Gestaltungsmöglichkeit«, so Gauland.1 Es ist nicht das erste Mal, dass Vertreter*innen der AfD und der Neuen Rechten gezielt versuchen, mit Tabubrüchen den geschichtspolitischen Grundkonsens in Deutschland anzugreifen mit dem Ziel, ihn Stück für Stück zu verschieben. Der »Schuldkult« ist in rechten Kreisen zum geflügelten Wort geworden, das Holocaust-Mahnmal wird als »Denkmal der Schande« in der Mitte der Hauptstadt betitelt, der Vorsitzende der AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag nennt den Nationalsozialismus einen »Vogelschiss« in der Geschichte. Die mediale Empörung über derartige Aussprüche ist zu Recht groß. Die anschließende Debatte bleibt jedoch fast immer an der Oberfläche. Ein Fehler, denn die genannten Provokationen sind nur Ausläufer einer Gesamtstrategie, mit der die neuen rechtspopulistischen und rechtsextremen Bewegungen versuchen, die Gesellschaft in ihren Grundfesten zu erschüttern, ihre basalen Werte in Frage zu stellen und durch neue Werte zu ersetzen. Dazu versuchen sie, Traditionen neu zu erfinden, Geschichte umzudeuten und Vergangenheit zu instrumentalisieren. Die Corona-Krise versteht die Neue Rechte dabei als historischen Moment, ihre Ideologie mehrheitsfähig zu machen. In Ungarn führt Viktor Orbán das Land in der Ausnahmesituation an den Rand einer Diktatur und greift dabei auf über Jahre kultivierte historische Figuren zurück. In Deutschland beschwört die Neue Rechte in ihren Kanälen eine »Renaissance des Nationalstaates« und die Illusion, es könne ein Zurück geben zu nie dagewesenen homogenen, »autarken Einheiten« im globalen »Überlebenskampf«.

Ziel dieses Sammelbandes ist es, diese Gesamtstrategie zu analysieren und die geschichtspolitischen Mechanismen aufzudecken, die dabei wirken. Dabei werfen wir einen konkreten Blick auf die Strategien der Rechten im Umgang mit Geschichte, wie sie sich in Deutschland, Italien und Ungarn zeigen. Außerdem nehmen wir vier Themen genauer unter die Lupe, die überall in Europa zum Standardrepertoire von Rechtspopulist*innen und Rechtsextremen gehören: das Verständnis von Demokratie, den Umgang mit Frauenrechten, die Instrumentalisierung von Religion als politischem Mittel der Spaltung und den Umgang mit der Corona-Pandemie.

Die Rechtspopulist*innen und Rechtsextremist*innen Europas gehen nicht planlos vor. Sie folgen sehr gezielt einer Gesamtstrategie.2 Den gedanklichen Unterbau dafür liefert ein Theoretiker, der selbst im faschistischen Italien verfolgt wurde und trotzdem zum Stichwortgeber der Neuen Rechten geworden ist. Es geht um Antonio Gramsci und seine Thesen zur »kulturellen Hegemonie«. Gramsci wurde 1891 auf Sardinien geboren. Zeit seines Lebens verstand er sich als Anwalt mittelloser Schichten Italiens und als Theoretiker ihrer politischen und gesellschaftlichen Anliegen und verbrachte dafür die letzten Jahre seines Lebens im Gefängnis. Bei den Wahlen 1924 erhielt er für die Kommunistische Partei Italiens ein Abgeordnetenmandat, wurde 1926 jedoch unter Missachtung seiner Immunität von den Faschisten verhaftet und erst ein Jahr später angeklagt. Der Staatsanwalt machte in seiner Anklagerede deutlich, für wie gefährlich man Gramsci als Intellektuellen hielt. Überliefert sind die Worte: »Wir müssen für zwanzig Jahre verhindern, dass dieses Hirn funktioniert«. Das Urteil lautete auf zwanzig Jahre, vier Monate und fünf Tage Haft. Während der Zeit im Gefängnis verfasste Gramsci seine »Gefängnishefte«, in denen er seine Theorie auf der Grundlage der Beobachtungen der italienischen Gesellschaftsstruktur entwickelte. Erst 1935 gewährte der faschistische Staat dem schwerkranken Gramsci einen Klinikaufenthalt. Als er 1937 seine Freiheit zurückerhielt, sollte er nur noch sechs Tage am Leben sein. Er starb im Alter von 46 Jahren.3

Kern der These Antonio Gramscis ist, dass es in einer modernen Gesellschaft nicht möglich ist, durch eine kleine Gruppe von »Herrschenden« die große Mehrheit der Bevölkerung von oben zu regieren. Eine herrschende Ordnung bezieht ihre Stabilität vielmehr daraus, dass die Mehrheit der Bevölkerung an sie glaubt. Sein Grundgedanke ist, »dass sich die Suprematie einer gesellschaftlichen Gruppe auf zweierlei Weise äußert, als ›Herrschaft‹ und als ›intellektuelle und moralische Führung‹. (…) Eine gesellschaftliche Gruppe kann, und muss sogar, bereits führend sein, bevor sie die Regierungsmacht erobert; danach, wenn sie die Macht ausübt und auch fest in Händen hält, wird sie herrschend, muss aber weiterhin auch ›führend‹ sein.«4 Politische Auseinandersetzung ist bei Gramsci Kampf um die Hegemonie der Ideen, Kampf um das unmittelbare Weltverständnis der Vielen: um das, was den Wertekern einer Gesellschaft ausmacht und in der Mehrheit unmittelbar Zustimmung erfährt. Gramsci nennt es den Kampf um »kulturelle Hegemonie«. Moderne Herrschaft ist damit langfristig nicht denkbar auf der reinen Basis »physischer Zwangsgewalt« durch Staat und Polizei. Es bedarf vielmehr eines »hegemonialen Konsens[es]«, der Herrschende und Beherrschte zusammenbindet.5

Diese Thesen Gramscis sind wichtig zum Verständnis der Tiefe der gesellschaftlichen Auseinandersetzung unserer Zeit und um Antworten auf das Erstarken von Kräften zu geben, die die Errungenschaften moderner, westlicher Demokratien schleifen wollen. Der »rechte Gramscismus« gehört zum Standard-Theorie-Gebäude der Neuen Rechten, sie hat sich die Gedanken Gramscis zu eigen gemacht.

Die explizite Bezugnahme der Neuen Rechten auf die »Gramsci-Taktik« ist nicht neu. Parallel zu den »Neuen Sozialen Bewegungen« der 1960er- und 1970er-Jahre, und in Reaktion auf 1968, entwickelten sich neurechte, zum Teil militante Strömungen, die sich von »alten Rechten« lossagten, die als erstarrt und wenig erfolgreich galten. In den 1960er- und 1970er-Jahren mobilisierten sie in Italien und auch in der Bundesrepublik Tausende von Anhänger*innen.6 In den 1980er-Jahren gewannen Strömungen an Einfluss, die sich dezidiert an die französische »Nouvelle Droite« und die Ideen ihres Vordenkers, Alain de Benoist, anlehnten. De Benoist ging es explizit um ein Projekt, das er als gesamteuropäischen Kulturkampf verstand. Es ging um die »Auswanderung« der Politik aus ihrer klassischen staatlichen Domäne in den kulturellen Sektor; damit wollte er der Neuen Linken und ihren Intellektuellen nacheifern, die sich der Kulturrevolution als Weg hin zur Machtübernahme verschrieben hätten. Der Kulturkampf der Neuen Rechten richtete sich gegen den Egalitarismus der Linken, gegen universelle Menschenrechte und hob soziobiologische und ethnische »Essenzen« der Gesellschaft hervor.7

Heute erleben wir das erneute Erstarken der Neuen Rechten: den Aufstieg von Donald Trump in den USA, des Front National (heute Rassemblement National) in Frankreich, der AfD in Deutschland, Viktor Orbáns und der Fidesz-Partei in Ungarn sowie der Lega mit Matteo Salvini in Italien. Sie alle werben nicht nur für politische Vorhaben, sie verfolgen ein größeres Ziel: Der Kampf um die von Gramsci beschriebene »kulturelle Hegemonie« ist in vollem Gange. Ein zentrales Instrument ist dabei die Geschichtspolitik – genauer: die Umdeutung der Geschichte zu politischen Zwecken.

Geschichte wird natürlich ständig umgeschrieben und neu gedeutet, sonst hätte eine akademische Wissenschaft, die sich mit der Vergangenheit beschäftigt, keinen Sinn. Geschichtsschreibung präsentiert immer eine gewisse, in der aktuellen Gegenwart wurzelnde Perspektive auf die Vergangenheit, die bestimmte Aspekte betont und andere ausblendet, manche Erzählungen anbietet und andere nicht. Sie ist immer ein Deutungsangebot, allerdings eines, das sich in der kritischen Fachöffentlichkeit als plausibel erweisen muss. Erst dann setzt sich eine bestimmte Deutung von Vergangenheit durch.

Um ein möglichst realitätsgetreues Bild der Vergangenheit zeichnen zu können, arbeiten Historiker*innen mit einer großen Anzahl unterschiedlicher Quellen, also überlieferten Dokumenten und Dingen, Bildern und Filmaufnahmen, die über die Vergangenheit Zeugnis ablegen. Seitdem sich die Geschichtswissenschaft als moderne empirische Wissenschaft im 19. Jahrhundert entwickelte, wurde Geschichte lange Zeit in erster Linie als die Geschichte des Nationalstaats und der ›großen Männer‹ verstanden, die Innen- und vor allem Außenpolitik betrieben. Historiographie diente bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein vor allem dazu, Nationalstaaten, Völkern, auch »Rassen« oder historischen Räumen als vermeintlich überzeitlichen Einheiten eine Geschichte zu geben. Seit den 1970er-Jahren erst hat sich eine Methode durchgesetzt, die auf Multiperspektivität zielt, also von dem Grundsatz ausgeht, dass wir es in der Vergangenheit (wie in der Gegenwart) mit einer Pluralität an Akteur*innen zu tun haben, die nicht selten im Konflikt miteinander standen. Geschichtswissenschaft begann nun, sozialen Klassen und Schichten zu untersuchen, entdeckte die Geschlechter, aber auch Milieus und Parteien, den Alltag oder die Wirtschaft als spezifische Felder der Gesellschaft, die nun als heterogenes Gebilde eine Geschichte erhielt.