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Als buchstäblich zwischen den Meeren gelegenes Land stand Schleswig-Holstein geografisch, politisch und kulturell oft im Mittelpunkt des historischen Geschehens in Nordeuropa – was sich auch in der Vielfalt der Ethnien widerspiegelt, die dort in seiner langen Geschichte eine Rollen spielten: Deutsche, Dänen, Friesen, Slaven, Schweden, Holländer, Franken, Sachsen usw. Umso bunter sind die diversen Kulturen mit ihren Sprachen und Dialekten, Lebensweisen, Wohnformen, Arbeitstechniken, Denkarten, die innerhalb Schleswig-Holsteins vorkommen. Schleswig-Holstein ist stets mehr als Leuchttürme, Wattenmeer und Deichlämmer – es war und ist ein Land der Vielfalt, der Gegensätze, der Kontinuitäten und der Brüche. Dem renommierten Regionalhistoriker Oliver Auge gelingt es in seinem Buch, die vielseitige Geschichte Schleswig-Holsteins in 100 Kapiteln von A bis Z komprimiert und allgemeinverständlich darzustellen: Schleswig-Holstein – Eine Landesgeschichte von den Anfängen bis zur Zeitenwende.
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Seitenzahl: 438
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Oliver Auge
Geleitwort
Vorwort
1Brückenland Schleswig-Holstein
2Von umherziehenden Jägern und Sammlern zu sesshaften Siedlern
3Die Zeit der Völkerwanderung
4Sachsen, Jüten und Friesen in Schleswig-Holstein
5Die Eider als Grenze 811
6Der hl. Ansgar und die Mission des Nordens von Hamburg aus
7Wagrier und Polaben – Slaven zwischen Ostsee und Elbe
8Haithabu: Welthandel in Schleswig-Holstein um 1000
9Schleswig wird zum Herzogtum
10Adel entsteht – in Holstein und Schleswig unterschiedlich
11Die Grafschaft Holstein kommt an die Schauenburger
12Mission und Landesausbau in Wagrien und Polabien
13Waldemar-Zeit und Albrecht von Orlamünde
14Bornhöved 1227 – ein Ereignis von weltpolitischer Tragweite
15Aus eins mach fünf: Landesteilungen unter den Schauenburgern
16Die Große Pest 1348–1352 und andere Seuchen im Mittelalter
17Pfand und Lehen: Die Grafen von Holstein gewinnen Schleswig
18Lübeck – „Haupt“ der Hanse
19Ein Kampf um Schleswig
20Die Ripener Handfeste 1460 – mehr als „up ewig ungedeelt“
21Der Landesadel formiert sich zur schleswigholsteinischen Ritterschaft
221474: Holstein wird Herzogtum
23Die Schlacht bei Hemmingstedt (1500)
24Landesherrschaft und Reformation in den Herzogtümern
25Die Letzte Fehde 1559
26Die adligen Güter und die Leibeigenschaft
27Das Haus Gottorf
28Ein Rantzau’sches Zeitalter
29Landesteilungen und die „abgeteilten Herren“
30Kapitalmarkt von überregionaler Bedeutung – Der Kieler Umschlag
31Neue Städte zwischen Ökonomie und Toleranz: Altona, Glückstadt, Friedrichstadt
32Sturmfluten – Rungholt 1362 und die Zweite Große Mandränke 1634
33Bewegte Zeiten: Dreißigjähriger Krieg und dänisch-schwedische Konfrontation
34Die Gottorfer Frage
35Die Gründung der Kieler Universität 1665
36Das Zeitalter der Hexenverfolgung
371720/21: Ganz Schleswig fällt an den dänischen König
38Seefahrt und Handel in der frühen Neuzeit
39Reichsfreiheit für Hamburg: Der Gottorfer Vergleich von 1768
40Die Lübecker Fürstbischöfe aus der jüngeren Gottorfer Linie
41Ein Gottorfer wird russischer Zar: Karl Peter Ulrich alias Peter III.
42Der Tauschvertrag von Zarskoje Selo 1773 und die Geburt des dänischen Gesamtstaats
43Schleswig-Holstein und der atlantische Dreieckshandel
44Reformen im Geist der Aufklärung
45Die Schleswig-Holsteinische Ritterschaft – Krise und Reform
46Gleich zweimal „Weimar des Nordens“ in Schleswig-Holstein?
47Das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation 1806
48Der Kieler Frieden von 1814
49Eine Waterloo-Rede vom Juli 1815 und der aufkeimende Nationalismus
50Hegewisch und Harring: Zwei Europäer aus Schleswig-Holstein
51Dampfschiff und Eisenbahn kommen nach Schleswig-Holstein
52Vorboten der Industrialisierung
53Dahlmann, Falck und Lornsen: Vom Absolutismus zum Konstitutionalismus
54„Wanke nicht, mein Vaterland“: Wachsende Frontstellung gegen Dänemark
55Auswanderung nach Übersee
56Die Schleswig-Holsteinische Erhebung 1848–1851
57Der Deutsch-Dänische Krieg 1864
581867: Schleswig-Holstein wird zur preußischen Provinz
59Die Integration des Herzogtums Lauenburg in Preußen
60Deutsche und Dänen im Kaiserreich
61Schleswig-Holstein in Preußen: Modernisierung und Industrialisierung
62Maritimes Wettrüsten und der Nord-Ostsee- oder Kaiser-Wilhelm-Kanal
63Kiel um 1900 – Von der Kleinstadt zur Megacity
64Innenpolitik im Kaiserreich
65Auf der Suche nach einer nordfriesischen Identität
66Der Helgoland-Sansibar-Vertrag 1890
67Die Kieler Woche
68Der Tourismus kommt nach Schleswig-Holstein
69Eine Geburtsstunde der Demokratie in Deutschland: Der Kieler Matrosen- und Arbeiteraufstand 1918
70Demokratische Verhältnisse in der Weimarer Republik
711920: Grenzabstimmung und Teilung Schleswigs
72Kapp-Putsch und Hyperinflation: Die junge Demokratie in der Krise
73Die kurzen „goldenen“ zwanziger Jahre
74Antidemokratismus in Zeiten der Weimarer Republik
75Der Aufstieg des Nationalsozialismus
76Nordschleswig „heim ins Reich“?
77In Zeiten der NS-Diktatur
78Das Groß-Hamburg-Gesetz von 1937
79Im Zweiten Weltkrieg
80Das Ende des „Dritten Reichs“ in Schleswig-Holstein
81Schleswig-Holstein wird Flüchtlingsland Nr. 1
82Von der britischen Besatzung zum neuen Bundesland
83Entnazifizierung als Aufgabe und Problem
84Wiederaufbau und „Wirtschaftswunder“
85Die Minderheitenfrage bis zu den Bonn-Kopenhagener Erklärungen 1955
86Die 68er: Protest an Universität und Schulen
87Zweimal Olympia in Kiel: 1936 und 1972
88Skandinavien und Schleswig-Holstein rücken verkehrstechnisch zusammen
89Gesuchte Gastarbeiter und latente bis offene Fremdenfeindlichkeit
90Die Umwelt- und Friedensbewegung in den 1980er Jahren
91Von Barschel zur Schublade: Ein Affärenkonglomerat an der Förde
92Vom Kalten Krieg zur Wiedervereinigung 1990
93Heide Simonis – die erste Ministerpräsidentin Schleswig-Holsteins und Deutschlands
94Küstenkoalition 2012–2017: Die dänische Minderheit regiert mit
95Verstärkte Zuwanderung und Flüchtlingskrisen 2015 und 2022
96Sønderjylland-Schleswig im Kontext der europäischen Einigung
97Im Würgegriff der Coronapandemie 2020–2022
98Schleswig-Holstein Energiewendeland Nr. 1
99Zeitenwende 2022
100Schleswig-Holstein und sein kulturelles Erbe
Anhang
Grundlagenwerke und Überblicksliteratur zur schleswig-holsteinischen Geschichte
Personenregister
Ortsregister
Impressum
Liebe Leserinnen und Leser,
Schleswig-Holstein hat eine faszinierende und vielfältige Geschichte. Die geografische Lage zwischen Nord- und Ostsee sowie die Nähe zu Skandinavien machen unser Land seit jeher zu einem Treffpunkt verschiedener Kulturen. Von den Wikingern bis zu den heutigen deutsch-dänischen Beziehungen prägen diese Einflüsse unsere Architektur, Sprache, Traditionen und Bräuche.
Der versierte Regionalhistoriker Professor Oliver Auge beleuchtet in diesem Buch die Geschichte Schleswig-Holsteins von den Anfängen bis zur Gegenwart. In 100 Kapiteln präsentiert er die Landesgeschichte fachkundig, komprimiert und verständlich. Schleswig-Holsteins Geschichte wird kompakt und facettenreich vermittelt. Der Autor versteht es, Interesse an der Regionalgeschichte und den Wurzeln des „Echten Nordens“ zu wecken.
Darüber freue ich mich, denn Landesgeschichte ist ein integraler Bestandteil unseres kulturellen Erbes. Sie erzählt von unserer Vergangenheit, prägt unsere Identität und hat Bedeutung für Bildung, Wirtschaft und Gesellschaft. Ein Blick in diese Vergangenheit zeigt: Schleswig-Holstein hat eine reiche und bewegte Geschichte. Bereits in der Steinzeit lebten hier Menschen, wie Großsteingräber und Moorfunde belegen. Die ersten Bewohner waren Jäger und Sammler. Im 9. Jahrhundert wurde Haithabu an der Schlei zu einem wichtigen Handelszentrum der Wikinger. Die mächtigen Wallanlagen zeugen noch heute von dieser Zeit.
Mit der Christianisierung und neu gegründeten Städten wie Lübeck, das später zu einer bedeutenden Hansestadt Europas aufstieg, entwickelte sich die Region zu einem florierenden Handelsplatz. Im 13. Jahrhundert formierte sich das Herzogtum Schleswig, das später mit Holstein vereinigt wurde. Diese Vereinigung unter den Schauenburger Grafen und später unter König Christian I. von Dänemark prägte die Identität nachhaltig. Der Ripener Freiheitsbrief von 1460, der die Unteilbarkeit des Landes betonte, ist bis heute ein bedeutendes Dokument. Die berühmte Passage „ewich tosamende ungedelt“ ist vielen Schleswig-Holsteinerinnen und Schleswig-Holsteinern ein Begriff.
Naturgewalten und Seuchen prägten das Land zwischen den Meeren ebenfalls: Sturmfluten wie die von Rungholt 1362 und die Zweite Große Mandränke 1634 richteten verheerende Schäden an. Die Große Pest von 1348 bis 1352 forderte Tausende Opfer. Das Rantzausche Zeitalter und die anschließenden Landesteilungen brachten politische und territoriale Veränderungen. Im 16. Jahrhundert kam es zur Aufteilung der Herzogtümer unter verschiedenen Herrschern, darunter das Haus Schleswig-Holstein-Gottorf, das kulturell bedeutende Akzente setzte.
Die Geschichte Schleswig-Holsteins ist auch eine der deutschdänischen Beziehungen. Die Zeit des dänischen Gesamtstaats ab 1773 brachte tiefgreifende Veränderungen und wirtschaftlichen Aufschwung. Der Bau des Eiderkanals und die Agrarreformen, die unter anderem die Leibeigenschaft beendeten, sind Meilensteine dieser Periode. Die Schleswig-Holsteinische Erhebung von 1848 bis 1851 und der Deutsch-Dänische Krieg 1864 führten zu territorialen Konflikten, die 1867 die Eingliederung Schleswig-Holsteins als preußische Provinz zur Folge hatten.
Der Bau des Nord-Ostsee-Kanals und das maritime Wettrüsten trieben die Modernisierung und Industrialisierung voran, bevor der Erste Weltkrieg auch Schleswig-Holstein schwer traf. Der Kieler Arbeiter- und Matrosenaufstand 1918 markierte einen bedeutenden Moment für die Demokratie in Deutschland. Die friedliche Grenzabstimmung von 1920 führte zur Teilung Schleswigs und zum heutigen Grenzverlauf. Der Aufstieg des Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg hinterließen tiefe Spuren in der Region. Die „Stunde Null“ und die Landesgründung Schleswig-Holsteins im Jahr 1946 waren ein epochaler Einschnitt. Sie legten den Grundstein für einen humanen und demokratischen Neubeginn und führten zu dem lebenswerten Schleswig-Holstein unserer Gegenwart.
Heute ist der Echte Norden ein lebendiges Land mit vielfältiger Wirtschaft, Industrie und Tourismus. Die kulturellen Wurzeln sind allgegenwärtig, und das Land präsentiert stolz seine reiche Geschichte. Genauso hat das Land die Herausforderungen der Gegenwart im Blick und meistert sie. Das große Fluchtjahr 2015, die Coronapandemie ab 2020 und der Kampf gegen den Klimawandel stellen Schleswig-Holstein vor neue, ungeahnte Aufgaben. Im Februar 2022 änderten sich mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine Deutschlands Außen- und Sicherheitspolitik und die europäische Friedensordnung schlagartig. Seitdem ist Schleswig-Holsteins Rolle als Standort erneuerbarer Energien noch relevanter geworden, ebenso seine Rolle als zentraler Umschlagplatz in der NATO.
Eines ist klar: Tagtäglich schreiben wir Schleswig-Holsteinerinnen und Schleswig-Holsteiner unsere eigene Geschichte weiter. Das Bewusstsein für unsere gemeinsame Vergangenheit stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Es fördert das Gemeinschaftsgefühl und die Verbundenheit der Menschen mit ihrer Region. Der interkulturelle Dialog und das Verständnis für die Vielfalt, die Schleswig-Holstein auszeichnet, werden über unsere Geschichte und unser Erbe vermittelt. Es gilt, dieses Erbe zu pflegen und zu bewahren, damit es auch für zukünftige Generationen eine Quelle des gemeinsamen Erinnerns und der Inspiration bleibt.
Das Buch von Professor Auge ist dafür ein wunderbares Nachschlagewerk und eine hervorragende Lektüre für alle regionalgeschichtlich Interessierten.
Ihr
Daniel Günther
Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein
Das vorliegende Buch hat die Geschichte der Region und des Landes Schleswig-Holstein von den Anfängen in buchstäblich grauer Vorzeit bis heute zum Inhalt. Die wesentlichen Etappen derselben sollen darin auf der Grundlage des aktuellen Forschungsstands allgemeinverständlich auf den Punkt gebracht werden. Wenn von wesentlichen Etappen die Rede ist und mithin in der folgenden Darstellung längst nicht alle Aspekte dieser langen, facettenreichen Geschichte vorkommen, so liegt das einmal rein praktisch daran, dass der zwischen den beiden Buchdeckeln nur begrenzt zur Verfügung stehende Platz von vornherein eine gewisse Fokussierung auf die Kernthemen nahelegte. Pragmatisch wird so aber auch die Absicht verfolgt, die in Teilen durchaus komplizierte Geschichte in appetitgerechten Portionen aufzubereiten, um im Lesepublikum auf diese Weise ein nachhaltiges Interesse und tieferes Verständnis besser zu wecken.
Um den Lesefluss nicht zu beeinträchtigen und die Abschnitte prägnant überblickshaft zu halten, wurde auch absichtlich auf ausgiebige weiterführende Literaturangaben zu den einzelnen Aspekten verzichtet. Zu manchen Themenfeldern gibt es mittlerweile wahre Lawinen an Literatur, die den Leser oder die Leserin fast zu erschlagen drohen. Das Bemühen um eine möglichst vollständige Bibliographie würde eine um Kürze bemühte Gesamtdarstellung jedenfalls schnell unfreiwillig aufblähen. In diesem Buch wird daher jeweils eine relevante Publikation am Ende eines jeden Abschnitts „zum Weiterlesen“ zitiert, mit deren Hilfe sich dann bei gegebenem Interesse nach dem bekannten „Schneeballprinzip“ rasch weitere Literaturangaben, der rezente Forschungsstand sowie damit einhergehende Debatten und Gelehrtenkontroversen problemlos recherchieren lassen. Wo sich die Möglichkeit bot und es Sinn machte, eine eigene Publikation als einen solchen Literaturtipp „zum Weiterlesen“ zu benennen, wurde davon Gebrauch gemacht, auch weil es sich hierbei stets um neuere und neueste Arbeiten handelt. Am Buchende wird zudem eine überschaubare Liste mit hilfreichen Gesamtdarstellungen und Überblickswerken geliefert, die zusätzlich die Option anbieten, sich von dort aus vertiefend weiter in die Thematiken einzulesen und einzuarbeiten.
Die hier vorgelegte Einteilung der schleswig-holsteinischen Geschichte in 100 Kapitel ist übrigens genauso willkürlich wie planvoll vorgenommen. Natürlich entzieht sich diese Geschichte, die letztlich doch nur menschengewollte Sinnschöpfung einer an sich „chaotischen“ Aneinanderreihung von Ereignissen und Entwicklungen ohne den berühmten roten Faden ist, einer Gliederung gerade in 100 Sinnabschnitte. Die Zahl 100 ist aber gewollt, weil sich diese „Regionalgeschichte Schleswig-Holsteins von den Anfängen bis zur Zeitenwende“ gleich zwei 100. Geburtstagen verdankt: Denn sowohl der Wachholtz-Verlag, in dessen Programm dieses Buch erscheint, als auch die Kieler landes- und regionalhistorische Professur, deren aktueller Inhaber Verfasser dieses Werkes ist, wurden im Jahr 1924 aus der Taufe gehoben. Da Lehrstuhl und Verlag seitdem in vielfältig fruchtbarer Art und Weise miteinander zusammenarbeiteten, entstand in Vorbereitung auf beider ehrwürdiges 100-jähriges Jubiläum 2024 die Idee dieses neuen Kooperationsprojekts und seines in genau 100 Kapitel gegliederten Aufbaus.
Am Ende der zwar immer wieder kräftezehrenden, aber stets auch beseelenden Schreibarbeit verbleibt dem Verfasser die angenehme Pflicht, all denjenigen zu danken, die das Zustandekommen des Buches auf ihre Art und Weise ermöglichten oder unterstützten. Da ist zuvorderst der eigenen Familie zu danken, die bereit war, auf gemeinsame Zeit zugunsten der Arbeit am Buch zu verzichten und in der der Familie verbleibenden Restzeit noch über Inhalte des neuen Werks zu diskutieren. Des Weiteren ist der Kreis der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kieler Abteilung für Regionalgeschichte dankend hervorzuheben, die dem Verfasser während der „heißen“ Schreibphase bewusst oder unbewusst in vielerlei Hinsicht den Rücken freihielten. Namentlich gilt dieser aufrichtige Dank dabei insbesondere Hannah Fischer, die bei der Korrektur und Registererstellung tatkräftig mithalf. Drittens ist der Verfasser dem Wachholtz-Verlag, konkret Sven Murmann und Olaf Irlenkäuser, zu Dank verpflichtet. Beide haben das Buchprojekt letztlich angeregt. Last, but not least sei aber allen Leserinnen und Lesern für ihr Interesse an dieser „Regionalgeschichte Schleswig-Holsteins von A bis Z“ gedankt. Dieses Interesse gibt stets den entscheidenden Impuls zu weiteren Forschungen auf dem Gebiet der schleswig-holsteinischen Landes- und Regionalgeschichte.
Gewidmet ist das Buch dem Andenken an meinen Vater Heinz Auge (1934–2023), der 2024 nicht 100, aber 90 Jahre alt geworden wäre.
Oliver Auge, im August 2024
„Schleswig-Holstein, meerumschlungen …“ Als buchstäblich zwischen den Meeren gelegenes Land eignet sich Schleswig-Holstein seit jeher zur Transitregion. Es diente schon immer als unverzichtbare Landbrücke zwischen Nord und Süd und gestattete durch seine besondere Geomorphologie obendrein einen fast ungehinderten Seeverkehr zwischen West und Ost. Auf diese Geomorphologie mit den drei charakteristischen Landschaftsformen Marschland, Geest und Hügelland ist nämlich die Tatsache zurückzuführen, dass die Wasserscheide in Schleswig-Holstein in der Regel weit im Osten verläuft. Nur relativ kurze, wenig Wasser führende und damit eben auch nicht unbedingt schiffbare Auen und Bäche entwässern in die Ostsee, während größere Fließgewässer wie Treene, Eider und Stör auf dem Weg zur Nordsee eine Menge Wasser aufnehmen und ganzjährig bis weit ins Land hinein von Schiffen befahrbar waren. Ausnahmen im Osten sind lediglich die Schwentine und die Trave, die in die Ostsee entwässern und zumindest in Teilen schiffbar waren und sind. Dafür hinterließen die Gletscher der letzten Eiszeit, die aus östlicher Richtung tief ins Landesinnere vorstießen, einige Förden und Buchten bis fast an den Geestrand heran. Verkehrstechnisch eröffneten sie so günstige Zugänge für den Ost-West-Verkehr über Land und boten zugleich einen direkten Anschluss an den auf der Geest verlaufenden Nord-Süd-Verkehr.
Sowohl die schiffbaren Flüsse im Westen als auch die tief ins Land hineinreichenden Buchten und Förden im Osten bewirkten eine Verschiebung der Schnittstelle zwischen See- und Landtransport von den äußeren Küstenlinien weit ins Land hinein. Konkret betrug die Wegstrecke zwischen Nord- und Ostsee, die zu Land zurückzulegen war, an ihrer engsten Stelle zwischen Hollingstedt und der Schlei bei Haithabu-Schleswig gerade einmal 15 Kilometer. Wenn man bedenkt, wie aufwendig und kostenintensiv der Landtransport noch heute gegenüber dem zu Wasser ist – und in früheren Zeiten war dies nicht anders –, versteht man, wie günstig sich eine solche Konstellation auf den Verkehr und Warentransport auswirkte. Der Raum Schleswig-Holsteins eignete sich so als hervorragendes Drehkreuz von Handel und Transitverkehr. Und beides hatte von vornherein immer schon auch einen überregionalen Charakter.
Natürlich stellte die naturgegebene Funktion Schleswig-Holsteins als buchstäbliches Brückenland selbiges auch immer vor neue Herausforderungen bezüglich seiner Infrastruktur – bis heute. Wenn etwa eine der Schleusen des Nord-Ostsee-Kanals defekt ist, kommt die meistbefahrene Schifffahrtsstraße der Welt ins Stottern, mit teilweise globalen Folgen. Wenn die Rader Autobahnhochbrücke als die wichtigste Straßenquerung über selbigen Kanal marode und nur eingeschränkt oder gar nicht befahrbar ist, sorgt das für Probleme im Personen- und Warenverkehr, die weit über Schleswig-Holstein hinausreichen. Wenn eines der zahlreichen und immer größeren Frachtschiffe vor Schleswig-Holsteins Küste havariert, wie die Pallas 1998 unweit der Insel Amrum, bedeutet es umgekehrt eine Katastrophe für die hiesige Umwelt und den sonst florierenden Tourismus. Wie gefährlich die Seefahrt entlang den schleswig-holsteinischen Küsten, insbesondere in der Nordsee, war, verdeutlicht eine große Zahl historischer Schiffswracks, die mittlerweile durch den verstärkten Klimawandel in immer größerer Zahl freigelegt werden.
Mit seiner fortlaufenden Transitfunktion hängt die wichtige Rolle zusammen, die Schleswig-Holstein als Region von Berührung und Vermischung, als Raum eines fortlaufenden Kulturtransfers spielte. Menschen durchzogen immer wieder diesen Raum und richteten sich dabei auch heimisch ein. Sie brachten ihre Lebensweisen und ihre kulturellen Errungenschaften mit, die sich die hier schon lebenden Menschen teilweise oder ganz zum eigenen Vorteil und besseren Auskommen aneigneten. Das Spektrum reicht von Ackerbau und Viehzucht in der Ur- und Frühgeschichte bis zum Islam, der heute nicht nur durch zahlreiche Moscheebauten zu einem sichtbaren Teil Schleswig-Holsteins geworden ist.
Überhaupt stellte Schleswig-Holstein als Brückenland immer auch ein Land der – auch widerspruchsvollen – Vielfalt und der Gegensätze dar, was sich allein in den vielen Ethnien widerspiegelt, die in seiner langen Geschichte eine Rolle spielten und nach wie vor spielen: Deutsche, Dänen, Friesen, Slaven, Schweden, Holländer, Franken, Sachsen usw. Umso bunter sind die diversen Kulturen mit ihren Sprachen und Dialekten, Lebensweisen, Wohnformen, Arbeitstechniken, Denkarten, die innerhalb Schleswig-Holsteins vorkommen. Mit seiner Bedeutung als Brückenland hängt zudem zusammen, dass Schleswig-Holstein nie bloß eine eigene, selbstreferenzielle Entität war, sondern stets zwischen Nord und Süd verortet. Es gehörte nie bloß zum Hier oder Dort, es war stets das „Dazwischen“. Schon Alexander Scharff (1904–1985) schrieb ganz zu Recht: „Unsere Landesgeschichte ist mehr als Landesgeschichte; sie kann nur begriffen werden, wenn sie gesehen wird in ihrer Verknüpfung mit dem Geschehen im Süden und Norden des Landes, als Teilvorgang eines größeren Geschehens, insbesondere in ihrer Verflechtung mit der Geschichte des europäischen Nordens.“
Das bedeutet, dass Schleswig-Holstein immer mehr war und sein wird als Leuchttürme, Wattenmeer und Deichlämmer, wie es heute oft gesehen und dargestellt wird. Das macht die Betrachtung seiner langen Geschichte aber auch so ergiebig und spannend.
Zum Weiterlesen:
Alexander Scharff: Schleswig-Holstein in der europäischen und nordischen Geschichte, in: Ders.: Schleswig-Holstein in der deutschen und nordeuropäischen Geschichte. Gesammelte Aufsätze, hrsg. von Manfred Jessen-Klingenberg (Kieler Historische Studien, 6), Stuttgart 1969, S. 9–42.
Die ersten im Raum Schleswig-Holstein nachweisbaren Menschen waren sprichwörtliche Jäger und Sammler. Sie wurden erst sesshaft, als sich das Klima in der mittleren Steinzeit ab dem 10. Jahrhundert v. Chr. zusehends erwärmte. Die durch archäologische Funde in der Region nachweisbaren Neandertaler sind vor 30.000 bis 27.000 Jahren ausgestorben. Ihnen folgten mit einigem zeitlichen Abstand Gruppen des Homo sapiens nach, die wie die Vorfahren des Neandertalers ursprünglich aus Afrika stammten. Mit den Rentierjägern der sog. Hamburger Kultur (13.700–12.200 v. Chr.) kamen die ersten Vertreter der Homo sapiens in den schleswig-holsteinischen Raum, der damals natürlich noch ein ganz anderes Aussehen aufwies.
Diese frühen Menschen waren überlokalen Kulturen zugehörig – die bekannteste ist die Ertebølle-Kultur von 5100 bis 4100 v. Chr. – und pflegten auch überregionale Kontakte. Ab ca. 4000 v. Chr. brachten Einwanderer aus dem Süden die Ackerbaukultur in den Norden, deren Techniken die hiesigen Menschen rasch übernahmen. Ihrer mit verschiedenen Bandmustern verzierten Keramik wegen werden sie als Bandkeramiker bezeichnet. Einem anderen Kulturkreis gehörten offenbar diejenigen Menschen an, die ihre sozial hervorgehobenen Sippen in Großsteingräbern bestatteten (ab ca. 3500 v. Chr.). Die ältere Forschung hielt sie noch für Einwanderer aus dem Mittelmeerraum und Westeuropa, wohingegen die jüngere Forschung betont, es habe sich um eine Aneignung durch Einheimische gehandelt. Letztlich schließen sich solche Akkulturationsprozesse und eine zeitlich lang gestreckte Immigration aber nicht aus. Die Angehörigen dieser Kultur nutzten für ihre Grabanlagen die zahlreichen Findlinge, die die schleswig-holsteinische Moränenlandschaft als Ergebnis der Eiszeit aufwies. Einst soll es hierzulande über 5000 dieser Großstein- bzw. Megalithgräber gegeben haben; heute sind davon nur noch ca. 300 vorhanden. Besonders eindrucksvolle Grabüberreste stehen auf Sylt. Unter manchen Megalithgräbern fanden sich Pflugspuren – deutliche Hinweise auf landwirtschaftliche Tätigkeit. Auf einem Gräberfeld bei Flintbek stieß man bei Ausgrabungen auch auf Räderspuren. Sie stammen von etwa 4000 v. Chr. und sind die ältesten Hinweise auf den Gebrauch eines zweirädrigen Wagens. Die bestimmende Keramik dieser Menschen waren Trichterbecher, weswegen man auch von Trichterbecherkultur spricht. Abgelöst wurde die Trichterbecherkultur ab ca. 2500 v. Chr. durch die sog. Schnurkeramiker. Sie bestatteten ihre Toten in Einzelgräbern unter der Erde; dabei lagen diese regelmäßig in Hockhaltung auf der Seite. Typische Grabbeigaben waren geschweifte Keramikbecher mit Schnurmuster – daher der Name der Kultur – und eine Steinaxt.
Im zweiten vorchristlichen Jahrtausend lassen sich während der sog. Bronzezeit vermittelst kostbarer Bronzeschwerter und Dolche Kontakte in den Donauraum nachweisen. Bei Flintbek wurden 66 bronzezeitliche Gräber entdeckt, deren Grabbeigaben sich zum Teil auf die Zeit zwischen 1450 und 1250 v. Chr. datieren lassen. Die Toten waren in Baumsärgen unter Grabhügeln bestattet. Bestattungen, die mit reichen Grabbeigaben versehen waren, finden sich auch in Dithmarschen und an der Königsau in Nordschleswig. Auffallend ist die dichte Aneinanderreihung von Grabhügeln der Bronzezeit entlang einer Linie, die in ihrem Verlauf mit dem sich von Nord nach Süd erstreckenden Heerweg, später Ochsenweg, übereinstimmt. Ab dem 13. Jahrhundert v. Chr., also in der mittleren Nordischen Bronzezeit, kam es erneut zu kulturellen Veränderungen. Die Menschen gingen dazu über, ihre Toten nach einer Brandbestattung in Urnengräbern beizusetzen. Grabbeigaben waren nunmehr auf alltägliche Gebrauchsgegenstände beschränkt. Folgerichtig wird von dieser neuen Kultur als Urnenfelder-Kultur gesprochen. Ein wichtiges Zentrum lag ausweislich einer riesigen Nekropole am sog. Brautberg bei Bordesholm. Der Wandel dürfte mit damaligen soziokulturellen Umbrüchen im Mittelmeergebiet zusammenhängen, die sich bis hierher auswirkten.
Ein für Schleswig-Holstein einzigartiger, als „eine Art Schatz des Priamos in Bronze“ charakterisierter Depotfund von Kronshagen, der heute in Hamburg gezeigt wird, spricht für stellenweisen Wohlstand, aber auch für das damalige Bedürfnis nach Recycling, weil man nicht mehr so leicht an Bronzegegenstände kam wie zuvor. Aus diesen Kulturen entwickelte sich jedenfalls bis um die Zeitenwende eine Bevölkerungsgruppe, die man gemeinhin als germanische bezeichnet, auch wenn deren genaue Ethnogenese vielfach im Dunkeln verharrt. Die Forschung betont, dass letztlich Caesar (100–44 v. Chr.) die Germanen in seinem „Gallischen Krieg“ erfunden bzw. erstmalig genauer beschrieben hat. Damit handelt es sich um eine römische Kennzeichnung von nichtrömischen Ethnien, die die nachgehende Geschichtsschreibung übernommen hat und die eine größere kulturelle Einheit derselben suggeriert, als sie in der historischen Realität bestand.
Zum Weiterlesen:
Dirk Meier: Menschen in Bewegung. Schleswig-Holstein als Ein- und Auswanderungsland von der Prähistorie bis zur Gegenwart, Heide 2017, S. 20–57.
Menschen migrieren, seitdem es sie gibt. Umfassende historische Migrationsvorgänge verbinden sich mit der Vorstellung von einer umfassenden Völkerwanderung vor allem germanischer Gruppen im Herzen Europas.
Für den Raum Schleswig-Holsteins wird der Beginn dieser „germanischen“ Völkerwanderung besonders früh markiert: Von hier aus sollen die Kimbern ab etwa 120 v. Chr. durch halb Europa gezogen sein, was durch spätere schriftliche Quellen römischer und griechischer Autoren bezeugt ist. Selbstzeugnisse der Kimbern gibt es nicht. Die ursprünglichen Wohnsitze der Kimbern wurden von den Römern mit Jütland identifiziert, und die moderne Forschung schloss sich dem weitgehend an. Genauso gut könnte Jütland aber nur eine Zwischenstation auf der europaweiten Wanderung der Kimbern gewesen sein. Möglicherweise brachen diese von Skandinavien auf und zogen, nach kürzerem oder längerem Aufenthalt in Jütland, von dort weiter in Richtung Süden, in das Gebiet des heutigen Ungarns und Österreichs, dann weiter in das Rhein-Main-Gebiet und den Bereich der Schweiz und von dort nach Südfrankreich, auf die Iberische Halbinsel und wieder zurück bis nach Norditalien. Wie viele Menschen auf dem Zug der Kimbern dabei waren, kann nicht gesagt werden. Die antiken Quellen gehen mit Zahlen sehr großzügig um. Die wandernden Kimbern wünschten sich offensichtlich eine neue Heimat. Klimatische Bedingungen könnten dabei eine Rolle gespielt haben, womöglich auch eine starke Bevölkerungszunahme bis hin zur Überbevölkerung. Zur Zeit der sog. Jastorf-Kultur (600 v. Chr.–0) nahmen die Gräberfelder im Bereich Schleswig-Holsteins und Jütlands stetig zu, was für einen Bevölkerungszuwachs spricht. Seit etwa 100 v. Chr. endete aber die Belegung auf den Gräberfeldern fast komplett: Die Menschen sind also fortgezogen. Übrigens wird neuerdings sogar die ethnische Verortung der Kimbern als Germanen infrage gestellt und gemutmaßt, dass die betreffenden Menschen erst auf ihrer Wanderung zu Kimbern geworden sind. Der Name der Kimbern weist jedenfalls auf einen keltischen Ursprung hin. Sie stießen 101 v. Chr. bei Vercellae (Vercelli) auf das Heer des römischen Feldherrn Marius (157–86 v. Chr.). Ihre Niederlage war vollständig. Dem antiken Schriftsteller Plutarch (ca. 45–ca. 125) zufolge verloren sie 120.000 Tote und 60.000 Gefangene. Das wären gewaltige Dimensionen. Zersprengte Reste sollen nach Jütland zurückgekehrt sein.
Die Kimbern waren aber nicht die einzigen germanischen „Wanderer“ hierzulande. Vielmehr brachen im 4. und 5. Jahrhundert die Angeln aus ihrem Siedlungsbereich zwischen der Haderslebener Förde und der Eckernförder Bucht auf, um in einem Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte dauernden Prozess in Britannien sesshaft zu werden, das nach ihnen Angelland (England) genannt werden sollte. Die Tatsache, dass Karl der Große (747/48–814) um 800 das Stammesrecht der Angeln und Thüringer aufzeichnen ließ, die Lex Angliorum et Werinorum hoc est Thuringorum, spricht im Übrigen dafür, dass die Angeln nicht nur nach Westen abwanderten, sondern – und dies wohl zeitlich früher – im 2. und 3. Jahrhundert nach Süden in den Mittelelbe-Saale-Raum. Vor allem der große angelsächsische Kirchenhistoriker Beda Venerabilis (um 672–735) schrieb aus geraumer zeitlicher Entfernung über diese Wanderbewegung, sodass seine Darstellung nicht über alle Zweifel erhaben ist. Wo aber die Schriftquellen rar sind oder fehlen, kann die Archäologie weiterhelfen. So wurden im ursprünglichen Siedlungsraum entlang der Ostseeküste große Urnenfriedhöfe entdeckt, deren zeitweilig dichte Belegung im 5. und 6. Jahrhundert abbrach, da die Friedhöfe nicht länger genutzt wurden. Komplementär weisen die Erkenntnisse aus der archäobotanischen Analyse von Bodenablagerungen in Seen, sog. Sedimenten, darauf hin, dass hierzulande just damals der Getreideanbau zurückging und eine Wald-Wiesen-Vegetation vorherrschend wurde: Ungenutztes Ackerland wurde also wieder zu Wald.
Dieser Befund weist sicher nicht auf ein vollständiges Verschwinden, wohl aber auf einen starken Rückgang der Bevölkerung hierzulande hin, die tatsächlich nach England abgewandert sein wird. Die Funde zweier nahezu baugleicher Langschiffe in Nydam, nördlich der heutigen Landschaft Angeln, und von Sutton Hoo in East Anglia nördlich von Harwich belegen auf ihre Weise die Kultur- und Bevölkerungskontakte beiderseits der Nordsee um 400. Das Nydam-Boot ist heute noch eine der Hauptattraktionen des Archäologischen Museums auf Schloss Gottorf.
Zum Weiterlesen:
Oliver Auge: Schleswig-Holstein und die Welt. Globale Bezüge einer Regionalgeschichte, Kiel/Hamburg 2021, S. 37–44.
Warum die Angeln gemeinsam mit den Sachsen und Jüten nach Britannien auswanderten, ist erneut nur mittelbar zu erschließen, weil Selbstzeugnisse, die darüber Auskunft geben könnten, auch für sie fehlen. Die Annahmen reichen von klimatischen und kriegerischen Ereignissen als sog. Push- bis zu ökonomischen Interessen als Pull-Faktoren. Die Angeln brachten jedenfalls nicht bloß ihre Schiffe und, wie man aus anderen Bodenfunden weiß, ihre Keramik und bronzenen Schmuckstücke mit nach England, sondern auch ihre Stammessagen. Von daher erklärt sich, dass ausgerechnet in England eine alte Stammessage wiederbelebt wurde, die davon handelt, dass der stumme Offa sich erfolgreich an der Eider gegen Invasoren aus dem Süden zur Wehr setzte. So berichten sowohl das altenglische, auf das 6. bis 9. Jahrhundert datierte Widsith-Lied als auch um 1200 der englische Mönch Matthäus Paris (um 1200–1259) von Offas heldenhaftem Kampf. Und nicht von ungefähr ließ der König von Mercien namens Offa II. († 796) in seinem Kampf gegen keltische Waliser den sog. Offa-Wall errichten.
1845 fasste der Professor für deutsche Literatur Karl Müllenhoff (1818–1884) die verschiedenen überlieferten Erzählstränge für seine bekannte Märchensammlung zusammen: „Lange Zeit hatte Wermund, mit dem Beinamen der Weise, über die Angeln geherrscht und war schon hoch bejahrt, als ihm erst sein Sohn Offa geboren ward. Aber der Knabe schien keine Stütze seines Reiches werden zu sollen: er blieb blind bis zu seinem siebenten Jahre, und stumm bis zum dreizehnten und war gelähmt und gekrümmt an allen Gliedern. Darum verachtete man ihn und hielt ihn nicht wie andre Königssöhne. … Da nun ein Fürst, der über die Holsteiner herrschte, hörte, daß das Land der Angeln wehrlos sei, sandte er Boten über die Eider und ließ Wermund sagen, entweder solle er Zins geben und sich ihm unterwerfen, oder wenn er einen Sohn habe, diesen zum Kampfe stellen. … Da aber erhub sich Offa, der zufällig im Saale war …; aus dem Lahmen ward ein kräftiger Mann, und der bisher stumm gewesen war, der fing plötzlich an zu reden und gab den Boten zur Antwort, daß er den Kampf bestehen wolle und sein Land werde zu wehren wissen. … Alle, die das Wunder der Verwandlung des Königssohnes sahen, folgten ihm willig und getrost und bald stand Offa mit seinem Heere an der Landesgrenze; an der andern Seite der Eider aber standen die Holsteiner; eine Insel in der Mitte des Flusses war zum Kampfplatz ausersehen. … Beide Söhne des holsteinischen Königs traten Offa auf der Insel entgegen; von beiden zugleich angegriffen, hielt er erst sich ruhig, den günstigen Augenblick erwartend, und fing ihre Schläge mit dem Schilde auf. … Offa aber reizte den ältern Bruder mit höhnischen Worten; und als dieser nun hitziger vordrang, erhub er sein Schwert und spaltete mit einem Hiebe Helm und Haupt des Mannes bis auf den Rumpf. … Offa trat darauf zu dem jüngern und forderte ihn auf, seines Bruders Tod zu rächen. Der lief ihn mutig an; aber Offa wandte sein Schwert und tat ihm mit der andern Schneide einen Schlag, wie er seinem Bruder einen gegeben hatte. … So schützte Offa sein Land gegen die Holsteiner und hat es später ebenso getan gegen einen König der Dänen, der Alewig hieß und damals für den trefflichsten aller Männer galt.“
Der Hinweis auf Müllenhoffs Märchensammlung geschieht nicht ohne Grund, denn im 19. Jahrhundert wurde Offa als Uffe hin Spage zu einem dänischen Nationalhelden stilisiert, wiewohl die Überlieferung ihn als König(ssohn) der Angeln bezeichnet und nicht als Dänen. Er habe sein Land gegen die übermächtigen Feinde aus dem Süden verteidigt – als vermeintliche historische Vorwegnahme der dänischen Abwehr der von Deutschland ausgehenden Gefahr. Unabhängig von dieser nationalpolitischen Vereinnahmung spiegelt sich im Offa-Mythos die Verfestigung der Siedlungsräume im Zeitraum nach der großen Völkerwanderung wider. Reste der Angeln waren noch nördlich der Eider sesshaft, ihre Nachbarn wurden im Süden Sachsen (die Müllenhoff kurzerhand zu Holsteinern erklärte) und Dänen im Norden. Letztere hatten sich von Schonen zunächst nach Seeland und auf die übrigen dänischen Inseln, dann von dort bis zur Mitte des 6. Jahrhunderts auch nach Jütland ausgebreitet. In Jütland verschmolzen sie mit den dort siedelnden Jüten und Angeln.
Die nordelbischen Sachsen waren in die drei Gaue Dithmarschen, Holstein und Stormarn aufgegliedert, wie erstmals Adam von Bremen (vor 1050–1081/85) berichtet. Von Friesland aus erreichten zudem ab etwa 700 in einer ersten Welle auch Friesen die Kimbrische Halbinsel, genauer: den Bereich des an der Nordsee gelegenen heutigen Nordfrieslands, wo sie sich, beginnend mit Eiderstedt und den Nordfriesischen Inseln, dauerhaft niederließen. Ab dem 12. Jahrhundert kam es dann nochmals zu einer zweiten friesischen Einwanderungswelle, die nun die Festlandsbereiche des heutigen Nordfrieslands betraf. Die einzelnen Siedlungsbereiche sollen durch Regionen mit Ödland noch mehr oder minder voneinander getrennt gewesen sein.
Zum Weiterlesen:
Reimer Hansen: Die Nordgrenze Deutschlands im Lauf der Geschichte, in: Grenzfriedenshefte 1 (1990), S. 3–48.
Die fränkischen Reichsannalen berichten zum Jahr 811: „Der zwischen dem Kaiser Karl dem Großen und dem Dänenkönig Hemming ausgemachte Friede war wegen des äußerst kalten Winters, der das Hin- und Herreisen unmöglich machte, nur auf die Waffen beschworen, bis bei der Wiederkehr des Frühlings, als sich die durch den harten Frost geschlossenen Wege öffneten, nun von Seiten beider Völker, der Franken und der Dänen, zwölf vornehme Männer in … an der Eider zusammentraten, nach Recht und Brauch sich gegenseitig den Eid abnahmen und so den Frieden fest abschlossen.“
Nach seinem bis etwa 804 erreichten Sieg über die Sachsen hatte Karl der Große die Grenze seines Reiches offenbar zunächst an der Elbe gezogen und die drei Sachsengaue jenseits der Elbe – Dithmarschen, Holstein und Stormarn – den mit ihm verbündeten slavischen Abodriten als Einflusssphäre überlassen wollen. Alle jenseits der Elbe wohnhaften Sachsen waren laut chronikalischer Überlieferung zuvor mit ihren Frauen und Kindern ins Frankenland überführt worden. Zur selben Zeit, so die Reichsannalen weiter, kam aber der dänische König Godfred (reg. 804–810) mit seiner Flotte und der ganzen Mannschaft seines Reichs nach Haithabu an der Schlei. Von hier aus wollte er Verhandlungen mit dem Kaiser führen, der sich zu Hollenstedt an der Elbe aufhielt. In engem Konnex zu der Angabe, dass damals der Grenzverlauf der von Godfred beanspruchten Einflusssphäre im Bereich Haithabus verlief, ist das sich hauptsächlich im Westen und Süden daran anschließende Danewerk zu sehen. Von dessen Errichtung auf dem Nordufer der Eider mit nur einem Tor als Zu- und Ausgang durch besagten Godfred berichten die Reichsannalen eigens zum Jahr 808. Archäologisch-dendrochronologischen Untersuchungen zufolge ist das Danewerk aber deutlich älter; es lässt sich in seinen baulichen Ursprüngen bis um 500 zurückverfolgen, womit man wieder in der Zeit angekommen ist, in der Offa sein Land und Volk gegen Feinde aus dem Süden verteidigt haben soll.
Dem Bau, oder korrekter dem Ausbau, des Danewerks, das gemäß den Annalen explizit Godfreds Reich nach Süden hin abschirmen sollte, ging dessen Versuch voraus, das sächsische Gebiet nördlich der Elbe anzugreifen, wie wiederum die Reichsannalen vermelden. Nachdem dieser Versuch des ausdrücklich als wahnwitzig bezeichneten Godfred durch den Kaisersohn Karl (772/73–811) zurückgeschlagen worden war, verlangte dieser im Jahr darauf, sich zu Verhandlungen jenseits der Elbe an den Grenzen seines Reichs einzufinden, worin Karl der Große einwilligte. Diese Verhandlungen in Beidenfleth an der Stör verliefen jedoch ergebnislos, schenken wir den Reichsannalen Glauben. Daher beschloss Kaiser Karl, „da ihm so viel von den Anmaßungen und dem Übermut des Dänenkönigs gemeldet wurde, jenseits der Elbe eine Stadt zu gründen und eine fränkische Besatzung hineinzulegen“.
Mit dieser Erwähnung der Errichtung eines fränkischen Kastells zu Esesfeld auf dem Nordufer der Stör fasst man den so insgesamt als Präventivmaßnahme gegen Godfreds Aggression zu charakterisierten fränkischen Ausgriff auf die nordelbischen Sachsengaue. Offenbar sollte zunächst die Stör einen möglichen Grenzverlauf markieren. Zu der offenen Feldschlacht, die sich der „von eitelster Siegeshoffnung trunkene“ Godfred herbeiwünschte, kam es nicht mehr, da er vorher ermordet wurde und sein Neffe Hemming mit den Franken den Frieden schloss, der zu dem für 811 bezeugten Gesandtentreffen wohl in Fockbek an der Eider führte. An Stelle der Stör bildete nun die Eider den Grenzfluss.
So weit die Rekonstruktion der Ereignisse nach den Reichsannalen als einziger schriftlicher Quelle. Diese fungierten generell als Propagandainstrument, um das politische und militärische Vorgehen der karolingischen Herrscher gegen innere und äußere Feinde und damit einhergehende Expansionsbestrebungen zu rechtfertigen. Das karolingische Ausgreifen bis zur Eider erscheint demzufolge als Reaktion auf die aggressive Politik eines unkalkulierbaren dänischen Herrschers. Spätestens seit Horst Zettels Untersuchung zur karolingischen Nordpolitik im 8. und 9. Jahrhundert von 1985 weiß man aber: „Die Bedrohung ging nicht von den Dänenkönigen aus, sondern von Karl dem Großen.“ Dieser wollte die Sphäre seiner Macht letztlich bis zur Eider ausweiten.
Die Eider blieb indes nicht die seit 811 unverrückbare Grenze zwischen der dänischen Machtsphäre und der fränkisch-deutschen, auch wenn dies die sog. Eiderdänen mit ihrem Vordenker Orla Lehmann (1810–1870) im 19. Jahrhundert lautstark postulierten. Vielmehr sind Grenz-„Vibrationen“ im breiten Saum zwischen Eider und Schlei erkennbar, die sich bis 1227 allmählich, auf den Flusslauf der Eider hin einpendelten. Faktisch war ein Jahrhundert später diese Grenzziehung dann schon wieder obsolet. Die in den Quellen genannte Einrichtung einer „regelrechten“ ottonischen Markgrafschaft zwischen Eider und Schlei mit einem Markgrafen an ihrer Spitze während der Phase zwischen 934 und 983 wird freilich angezweifelt. Vielmehr bezeichnete die sog. „marca Danorum“ – Däne(n)mark – zunächst eben das dänische Grenzgebiet, das zeitweilig unter den ottonischen Herrschern zum Schutz der Nordgrenze ihres Reiches besetzt und mit einer Wehranlage gesichert war.
Die Vorstellung von einem breiten und nicht unbedingt linearen Grenzsaum macht allein schon deswegen Sinn, weil etwa der Mündungsbereich der Eider mit seinen ausgedehnten sumpfartigen Uferniederungen gar keine lineare Grenzziehung erlaubte. Migrationsbewegungen, speziell die im 11. und 12. Jahrhundert erfolgende Besiedlung des beiderseitigen Grenzgebiets durch eine sächsisch-deutsche Bevölkerung, machten ohnehin nicht vor irgendwelchen Grenzvorstellungen halt.
Zum Weiterlesen:
Martin Krieger, Frank Lubowitz u. Steen Bo Frandsen (Hrsg.): 1200 Jahre Deutsch-Dänische Grenze. Aspekte einer Nachbarschaft (Zeit + Geschichte, 28), Neumünster 2013.
Dänemark, dessen unmittelbarer Einfluss seinerzeit phasenweise also immer wieder bis zur Eider reichte, und Skandinavien wurden erst im 10. und 11. Jahrhundert durchgreifend missioniert und damit Teil des mittelalterlich-christlichen Europas.
Als erster päpstlicher Missionar kam 823 Ebo von Reims (ca. 778–851) nach Dänemark. Aber die Dänen hielten weiter an ihrem überkommenen nordgermanischen Glauben fest. Mäßiger Erfolg war gleichfalls dem hl. Ansgar (801–865) beschieden, auch wenn er den Ehrentitel „Apostel des Nordens“ erhielt. Von Ansgars Leben weiß man im Wesentlichen aus der Heiligenvita, die sein Nachfolger Rimbert (ca. 830–888) verfasst hat. Ansgar war bereits als kleines Kind dem Kloster Corbie im Bistum Amiens (Frankreich) übergeben worden. Von dort wechselte er 822 als Leiter der Klosterschule in die als „Nova Corbeia“ gegründete Benediktinerniederlassung Corvey. Hier wurde er dazu auserkoren, den dänischen König Harald Klak (785–852), der 826 unter der Patenschaft Kaiser Ludwigs des Frommen (778–840) auf einer Synode zu Ingelheim getauft worden war, zur Mission nach Dänemark zu begleiten. Vom Kaiser ausgestattet mit Kirchengerät, Truhen und Zelten sowie Reiseproviant, bestieg Ansgar also Haralds Schiff und fuhr mit ihm rheinabwärts bis Köln, wo er sich Hilfe suchend an den dortigen Erzbischof wandte, weil es offenbar große interkulturelle Missverständnisse an Bord gegeben hatte. Der Erzbischof lieh Ansgar seine Prunkbarke aus, die König Harald aber so gefiel, dass er nun auch auf dieser in den Norden fahren wollte. Allerdings gelangte die weiterreisende Gesellschaft dann nur bis ins friesische Rüstringen, der Zugang nach Dänemark blieb ihr verwehrt. So drohten die großen Missionspläne schon im Ansatz zu scheitern.
Immerhin bat in dieser Situation im Sommer 829 der schwedische König Björn (um 830) Kaiser Ludwig um die Entsendung von Missionaren nach seinem Herrschaftszentrum Birka. Erneut wurde Ansgar ausgeschickt. 831 kehrte er aus Birka zurück. Angeblich soll ihn Kaiser Ludwig jetzt mit der Leitung des frisch von ihm eingerichteten Bistums Hamburg betraut haben. Zugleich habe er die Vollmacht erhalten, im Norden weitere Bischöfe einzusetzen. 832 soll der Papst dieses neue Bistum gleich zum Erzbistum erhoben haben, was der Kaiser 834 bestätigt habe. Ansgar sei zum päpstlichen Legaten für Skandinavien, Dänemark und das Slavengebiet gemacht worden. Die aktuelle Forschung bezweifelt freilich diesen Bericht Rimberts und geht vielmehr davon aus, dass Hamburg erst 864 zum Erzbistum wurde und dass man Ansgar 834 „nur“ zum Missionsbischof für den Norden erkor. Rimbert könnte sich seine Geschichte von den Anfängen des Erzbistums ausgedacht haben, um den Erz(bischöflichen)rivalen Köln rangmäßig auszustechen und die besondere Stellung Hamburgs zu betonen.
So oder so erlitt die Mission von Hamburg aus einen schweren Rückschlag, als dieses 845 von Wikingern überfallen und geplündert wurde. Der bibliophile Ansgar soll dabei all seine wertvollen Bücher und Schriften verloren haben. In der Folge machte König Ludwig der Deutsche (806–876) ihn zum Bremer Bischof, was den Anfang jener jahrhundertelangen Verbindung der Bremer und Hamburger (Erz-)Bischofswürde markiert. Als solcher unterstand er damals noch dem Kölner Metropoliten, und der Streit um die Loslösung von diesem sollte sich noch bis zu seinem Lebensende hinziehen.
Als königlicher Gesandter machte er sich nun aber wieder in den Norden zu König Horik oder Erik I. († 854) auf, der ihm christliches Predigen und die Errichtung einer Kirche in Haithabu erlaubte. Es handelte sich damit um die erste christliche Kirche nördlich der Eider! Doch anscheinend nur die Wikinger in Haithabu nahmen im Zeitraum von der Mitte des 9. bis zur Mitte des 10. Jahrhunderts den neuen Glauben an. Erst der Hamburg-Bremer Erzbischof Unni (amt. 916–936) und der Missionar Poppo (vor 960 – vor 1029) agierten erfolgreicher: So wurden für Haithabu-Schleswig, Ripen und Aarhus im Jahr 948 Dänemarks erste dauerhafte Bistümer aus der Taufe gehoben, wobei schon wieder diskutiert wird, ob sie anfangs nicht doch bloß auf dem Papier bzw. Pergament existierten. König Harald Blauzahn (ca. 910–985/87) ließ sich zwischen 960 und 968 von Poppo taufen.
Die von Haralds Sohn Sven Gabelbart (963–1014) erstrebte Rückkehr zu den alten Glaubensverhältnissen scheiterte. Sein Sohn Knut der Große (994–1035) holte zu Beginn des 11. Jahrhunderts englische Missionare nach Dänemark. In der Folge wurden die Dänen nachhaltig christianisiert. Knuts Neffe Sven Estridsson (1019–1079) konnte schließlich die englischen Kleriker in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts durch dänische ersetzen. Im Zuge der Gründung eines nordischen Erzbistums in Lund, dessen Sufragan unter anderem das im Süden bis zur Eider reichende Bistum Schleswig wurde, löste sich die dänische Kirche 1104 von Hamburg und Bremen. Die dänischen Könige begannen nun ihrerseits Kriegszüge zur Bekehrung der Slaven an der südwestlichen Ostseeküste. Diese fand 1168 mit der Eroberung Rügens durch König Waldemar I. (1131–1182) einen gewissen Abschluss.
Zum Weiterlesen:
Matthias Hardt: Von Corvey nach Birka. Ansgars Mission im europäischen Norden, in: Christoph Stiegemann u. Christiane Ruhmann (Hrsg.): Credo. Christianisierung Europas im Mittelalter, Bd. 3, Petersberg 2017, S. 96–108.
Seit der Mitte des 6. Jahrhunderts ließen sich ursprünglich aus dem Osten über die Oder bzw. aus dem Südosten die Elbe entlangkommende westslavische Gruppen in mehreren Einwanderungswellen im Gebiet des heutigen Nordostdeutschlands („Germania Slavica“) nieder. Aus den Einwanderern bildeten sich mehrere Stammesverbände heraus, darunter die Wagrier im östlichen Holstein und die Polaben im heutigen Lauenburgischen bzw. im westlichen Mecklenburg. Diese slavischen Verbände werden unter dem Begriff der „Wenden“ zusammengefasst. Man setzt deren weitestes Ausgreifen nach Westen bis nach Ostholstein gemeinhin für die zweite Hälfte des 7. Jahrhunderts an. Allerdings verweisen neuere archäologische Untersuchungen eher auf das 8. Jahrhundert.
Bis zum 9. Jahrhundert rückten die Wagrier und Polaben bis zu einer Linie von der Schwentine an der Kieler Förde bis an die Elbe bei Lauenburg vor. Sie erschlossen das Land über Ringwallanlagen, die offenbar als Mittelpunkte von Burgbezirken mit zugehörigen Siedlungen fungierten. Noch heute sind viele dieser Ringwälle, von denen es hierzulande eine wirklich große Zahl gab, mit geübtem Auge als archäologische Denkmäler auf Feld und Flur zu entdecken. Zuweilen hatten diese Anlagen beeindruckende räumliche und fortifikatorische Dimensionen, wie die Reste des Oldenburger Walls heute noch anschaulich vermitteln. Die Wallanlagen bildeten Siedlungskammern, die meist an Flussläufen gelegen und von großen, mehr oder minder unbesiedelten Wald- und Sumpfgebieten umschlossen waren. Zentrale Orte waren im östlichen Holstein „Aldinburg“ oder „Starigrad“ (Oldenburg), „Olsborg/Plune“ (Plön), Ratzeburg und „Liubice“ (Alt-Lübeck). Von diesen lagen zumindest Oldenburg und Alt-Lübeck an wichtigen Handelswegen und unterhielten enge, archäologisch nachweisbare Handelsbeziehungen zu anderen Wirtschaftszentren des Ostseeraums.
Als sich in spätslavischer Zeit, d. h. im 10. und 11. Jahrhundert, die Herrschaft über die Wagrier in der Hand königsähnlicher Fürsten, namentlich Gottschalk (um 1000–1066), Kruto († um 1090), Heinrich (vor 1066–1127), konzentrierte, legten diese ihren Sitz nach Alt-Lübeck, wo sich nun ein aufstrebender frühstädtischer Komplex entwickelte, der aus einer Burg, einem Hafen, zwei Vorburgsiedlungen und einer Siedlung christlicher Kaufleute – sogar mit eigener Kirche – bestand. Nach Westen grenzte, dem Bericht des Chronisten Adam von Bremen in seiner Geschichte der Hamburgischen Kirche folgend, seit den Tagen Karls des Großen ein „Limes Saxoniae“ den Siedlungsbereich der Wagrier und Polaben von dem ihrer sächsischen Nachbarn ab. Im Unterschied zum Danewerk oder gar zum römerzeitlichen „Limes“ soll es sich beim „Limes Saxoniae“ indes nicht um einen befestigten Wall gehandelt haben, sondern um einen breiten, weitgehend unbesiedelten Grenzsaum, dessen Verlauf sich an Wasserläufen und einzelnen Geländepunkten orientierte und in dessen weiterer Umgebung sich auf beiden Grenzseiten Burganlagen konzentrierten, von denen aus dieser Teil des Landes kontrolliert wurde. Die Einrichtung dieser Ödlandgrenze im Jahr 809 soll eine Folge der herrschaftlichen Einbeziehung der nordelbischen Sachsen in das Karolingerreich im ersten Jahrzehnt des 9. Jahrhunderts gewesen sein.
Nach neueren Thesen existierte dieser „Limes Saxonie“ allerdings zu jener Zeit überhaupt nicht. Er scheint vielmehr das fiktive Produkt einer Geschichtsfälschung Erzbischof Adalberts (um 1000–1072) und seines schon genannten Scholasters Adam von Bremen gewesen zu sein, um den eigenen Einfluss gegenüber den Bischöfen von Ratzeburg und Oldenburg (nachmalig Lübeck) zu sichern. Die sog. Ratzeburg-Urkunde König Heinrichs IV. (1050–1106) von 1062 widerspricht den Zweifeln an Adams „Limes Saxoniae“ nicht, wenn es darin heißt: „… dabei bleibt in jeder Beziehung ausgenommen und unangetastet der ‚Limes Saxoniae‘.“ Denn hier ist wohl nur allgemein die Grenze Sachsens gemeint, nicht aber eine karolingische Grenzziehung. Der König verlieh mit der Urkunde dem sächsischen Herzog Ordulf († 1072) die slavische Burg und das zugehörige Land Ratzeburg „aus dem Recht des Herrschers am eroberten Land“, wie Karl Jordan meinte.
Die Wagrier und Polaben betrieben Landwirtschaft, waren aber auch erfolgreiche Händler zu Land und zur See sowie gefürchtete Seeräuber. Dadurch standen sie zu Wikingern und Dänen in scharfer Konkurrenz. Nicht von ungefähr soll der dänische König Godfred den konkurrierenden slavischen Handelsort Reric in der Nähe des heutigen Wismar zerstört und seine Kaufleute zwangsweise nach Haithabu umgesiedelt haben.
Zum Weiterlesen:
Oliver Auge u. Jens Boye Volquartz (Hrsg.): Der Limes Saxoniae. Fiktion oder Realität? Beiträge des interdisziplinären Symposiums in Oldenburg/Holstein am 21. Oktober 2017 (Kieler Werkstücke Reihe A: Beiträge zur schleswig-holsteinischen und skandinavischen Geschichte, 53), Berlin 2019.
Wahrscheinlich im 8. Jahrhundert unweit des ersten Danewerks von friesischen Händlern gegründet, entwickelte sich Haithabu, auch Hedeby, Sliesthorp oder Schleswig genannt, an der geographisch günstigsten Schnittstelle zwischen Nord- und Ostsee zu einem Fernhandelsort von großer Reichweite und Strahlkraft. Bald stand Haithabu mit anderen Fernhandelsplätzen seiner Zeit in sehr enger Verbindung, wie z. B. mit Dorestad an der Rhein- oder Wollin-Vineta an der Odermündung. Funde, die man bei Ausgrabungen machte, verweisen darüber hinaus auf Handelskontakte von Südspanien und Irland in Westeuropa bis nach Konstantinopel und Bagdad im Vorderen Orient. Münzen, die man hier entdeckte, wurden sogar in Samarkand, im heutigen Usbekistan, geprägt. Verschiedenste Handwerker produzierten in Haithabu sowohl für den Export als auch für den heimischen Markt.
Immer wieder wird Haithabu heutzutage als Siedlung der Wikinger dargestellt, weil die Geschichte der seefahrenden Wikinger Interesse weckt. Tatsächlich hatten hier eine Zeit lang aus Schweden stammende Wikinger das Sagen. Doch stimmt die Charakterisierung als Wikingerstadt nicht ganz. Wenn es damals hierzulande einen Ort gab, an dem Multikulturalismus gelebt und gepflegt wurde, dann war dies Haithabu. Haithabus Einwohner setzten sich aus einer quasi einheimischen Bevölkerung, den sog. „permanentes“, und einer mehr oder minder großen Zahl saisonaler Bewohner, den „frequentantes“, zusammen. Neben den ursprünglich aus Schweden stammenden Wikingern (Warägern) hatten hier auch Dänen, Slaven und Sachsen ihr Zuhause. Letztere Gruppe scheint sogar die zahlenmäßig stärkste oder wichtigste Gruppe gebildet zu haben. Denn Adam von Bremen und in seiner Folge der Annalista Saxo (um die Mitte des 12. Jahrhunderts) bezeichnen Haithabu für das Jahr 1066, und damit rund 50 Jahre nach einem Friedensvertrag des ostfränkischen Königs Konrad II. (um 990–1039) mit dem dänischen König Knut dem Großen, bei dem es um die Abtretung Haithabu-Schleswigs samt „der Mark jenseits der Eider“ an Letzteren ging, als eine Stadt der transelbischen Sachsen, die an der Grenze zum Königreich Dänemark lag.
Zuvor war Haithabu 934 an den siegreichen ostfränkischen König Heinrich I. (876–936) gefallen, 945 vom dänischen König Gorm (vor 900–ca. 958/64) erobert worden und in den 970er und 980er Jahren zwischen der Herrschaft Kaiser Ottos II. (955–983) und Harald Blauzahns hin- und hergewechselt. Das beharrliche Ringen der Herrscher um Haithabu unterstreicht auf seine Weise dessen wirtschaftliche Bedeutung und zeitweiligen Wohlstand.
Und es gab seinerzeit dort ganz exotische Gäste: So suchte bereits in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts der arabische Kaufmann und Chronist Ibrahim ibn Ahmed At Tartȗschi den Fernhandelsort Haithabu auf, den er in seinem Reisebericht als sehr große Stadt am äußersten Ende des Weltmeeres betitelte. Der arabische Weltreisende stammte aus dem heute spanischen Tortosa. Im Auftrag des Kalifen Hakam II. (915–976) reiste er 965 durch das Frankenreich, wobei ihm besonders die trübe Luft und Finsternis sowie die bittere Kälte mit Schnee zusetzten. Schließlich gelangte er eben auch nach Haithabu. Seine „Bewohner sind Siriusanbeter, außer einer kleinen Anzahl, die Christen sind, die dort eine Kirche besitzen“, wusste er über den Ort zu berichten. Und weiter: „Die Hauptnahrung der Bewohner besteht aus Fischen, denn sie sind dort zahlreich.“ Besonders wunderte sich der Berichterstatter über den Gesang der Einwohner: „Nie hörte ich hässlicheren Gesang als den Gesang der Schleswiger, und das ist ein Gebrumm, das aus ihren Kehlen herauskommt, gleich dem Gebell der Hunde, und noch viehischer als dies.“
Wegen seiner günstigen Lage und ökonomischen Rolle wurde Haithabu früh auch schon ein politisches, administratives und kirchliches Zentrum. Hier soll durch den hl. Ansgar die erste christliche Kirche Skandinaviens errichtet worden sein. Immer wieder hielten sich dänische Könige in Haithabu auf und regelten die Belange ihres Reiches von dort aus. Die schriftlichen Quellen des 11. Jahrhunderts behandeln die Ortsnamen Haithabu und Schleswig dabei synonym. In diese Zeit fällt auch die Ablösung Haithabus durch das benachbarte Schleswig. Ob es zeitweise ein Nebeneinander beider Siedlungen gab oder ob Schleswig erst entstand, als Haithabu zerstört war, weiß man nicht. Man vermutet, dass Königshof und Bischofssitz schon vor den beiden Zerstörungen Haithabus 1050 durch den norwegischen König Harald III. den Harten (1015–1066) und 1066 durch ein slawisches Heer auf dem Nordufer der Schlei existierten.
Es folgte jedenfalls die Übernahme der Rolle Haithabus im Fernhandel durch Schleswig. Man weiß aus dem Schleswiger Stadtrecht, dass Kaufleute aus Sachsen und Friesland, von Island, Bornholm und aus dem weiteren Ostseeraum sowie von Gotland in der Stadt verkehrten. Andere Quellen nennen noch Soest und Köln, Schweden, Russland, das Samland, die östliche und südliche Ostseeküste und sogar das Rhonedelta als Herkunftsorte und -regionen. Vom späten 11. bis zum Anfang des 13. Jahrhunderts entwickelte sich Schleswig weiter zu einem administrativen, ökonomischen und sakralen Zentrum von überregionaler Bedeutung. Im Spätmittelalter machte ihm freilich die Konkurrenz Lübecks im Süden und Flensburgs im Norden immer mehr zu schaffen, und die Kaufleute verließen die Stadt, wobei diejenigen aus dem Niederrheingebiet und von der südlichen Nordseeküste Schleswig noch am längsten die Treue hielten.
Zum Weiterlesen:
Birgit Maixner: Haithabu. Fernhandelszentrum zwischen den Welten, 2. Aufl., Schleswig 2012.
Die Eider als Grenze zwischen dem Frankenreich und dem dänischen Einflussbereich war 811 vertraglich festgelegt worden. Schon vorher waren Wallanlagen von den nördlich von Eider und Schlei lebenden Dänen bzw. Jüten gebaut worden, um ihr Gebiet gegen Süden abzusichern. Das wichtigste und ausgeklügeltste Verteidigungswerk war das 20 Kilometer nördlich der Eider gelegene Danewerk, das spätestens im 5. Jahrhundert entstand und dann in mehreren Schritten bis 1168 ausgebaut wurde. Noch 1864 versuchte die dänische Armee – vergeblich –, eine Verteidigungslinie gegen die anrückenden preußischen und österreichischen Verbände am Danewerk einzurichten.
In Verbindung zum Danewerk stand der überregional bedeutsame Handelsort Haithabu, was auf Dänisch Hedeby für Heideort meint. Teilweise wurde es synonym als Schleswig betitelt, was Schleibucht bedeutet. Daraus entwickelte sich nachgehend, wie schon erwähnt, am gegenüberliegenden Schleiufer die Stadt Schleswig. Von der Stadt ist das Territorium zu unterscheiden, das seinen Namen vom Hauptort gleichen Namens übernahm. Im Kern umfasste es die Mark Schleswig oder auch die Mark der Dänen, die in der kurzen Phase einer ostfränkischen Dominanz im 10. Jahrhundert zur Sicherung der Reichsgrenze ins Leben gerufen worden sein soll. 1025 erkannte König Konrad II. Knut den Großen als Herrn dieser Mark an, wofür dieser seine sechs Jahre alte Tochter Gunhild (um 1019–1038) Konrads Sohn Heinrich (1016–1056) als Frau versprach. Die Hochzeit fand Pfingsten 1036 in Nimwegen statt. Die Eidergrenze wurde damit wieder zur Grenze zwischen dem Heiligen Römischen Reich und dem dänischen Machtbereich, zumal auch das Bistum Schleswig, das 1003/1004 dem neuen nordischen Erzstift in Lund als Suffraganbistum zugeschlagen worden war, ebenfalls die Eider als Südgrenze seiner Diözese hatte.
Ende des 11. Jahrhunderts setzten die Könige von Dänemark in den drei südlichen, Sysseln genannten Verwaltungseinheiten Jütlands – im Barvidsyssel, Ellumsyssel und Istedsyssel – Statthalter ein, die zunächst den Titel eines Jarls führten und die Aufgaben eines quasi markgräflichen Herrschaftsvertreters übernahmen. Das Amt wurde vorzugsweise an Mitglieder der Königsfamilie zu deren Versorgung vergeben: Erstmals soll Olaf I. Hunger (1050–1095), ein Sohn Sven Estridssons, seit 1080 den Titel getragen haben; ihm folgte vermutlich um 1100 sein Bruder Björn, der als Gründer von Rendsburg gilt, weil er hier eine Festung errichtet haben soll. Um 1115 erhielt dann der Sohn König Erik I. Ejegods (1056–1103) namens Knud Laward (1096–1131) die süderjütische Jarlschaft. Für diese legte er sich, vermutlich als vom römisch-deutschen König Lothar von Süpplingenburg (vor 1075–1137) Begünstigter, nach deutschem Vorbild den Titel eines Herzogs von Dänemark zu; die herzogliche Amtswürde blieb seither etabliert.
So fungierte der jüngere Bruder König Knuts VI. (1162/63–1202), Waldemar (II. der Sieger, 1170–1241), bis zu seiner Thronbesteigung ebenfalls als Herzog von Schleswig. Auch dessen Sohn Abel (1218–1252) war bis zu seiner Zeit als König Dänemarks Herzog Jütlands bzw. Süderjütlands. Unter Abels Söhnen Waldemar III. (1238–1257) und Erich I. (1242–1272) spaltete sich fortan eine eigene herzogliche Dynastie vom dänischen Königshaus ab, das sog. Abel-Geschlecht. Dieses erstrebte eine machtpolitische Loslösung vom dänischen Königtum, was einen langwierigen Konflikt heraufbeschwor.
Mit dem Tod Herzog Heinrichs (um 1342–1375) starb das Abel-Geschlecht im Mannesstamm aus. Im Zuge des folgenden Herrschaftswechsels kam es zum endgültigen Wechsel der Titulatur zum Herzog Schleswigs. Das jetzt in sog. Harden als Verwaltungseinheiten aufgegliederte Herzogtum, das in seiner Maximalausdehnung von der Königsau im Norden bis zur Eider im Süden reichte, bot einem bunten Bevölkerungsgemisch ein Zuhause. Im Westen lebten – mehr oder minder unabhängig vom König bzw. Jarl oder Herzog – Friesen, im Norden und mittleren Teil bis zur Schlei mit den verbliebenen Resten der Angeln und
