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Eine Frau joggt auf einem Küstenpfad und gerät in einen Lauf um ihr Leben. Die Risse im antarktischen Schelfeis werden einem Jungen zu Vorboten drohenden Unheils. Ein Mädchen wird sexuell belästigt und entdeckt die Zerstörungskraft seiner eigenen Wut. Ein Mann droht am Arbeitsdruck zu zerbrechen, bis ein liegengebliebenes Feuerzeug seine Gegenwehr weckt. Die Risse im Leben der Figuren sind mal fast unsichtbar, mal klaffende Abgründe. Immer markieren sie eine Zäsur, nach der nichts mehr ist wie zuvor. Wie sich die Geschichten entfalten, wie man mehr und mehr begreift, das erzeugt einen Sog, der einen nicht so schnell wieder loslässt. Sparsam, hintergründig und mit poetischer Wucht erzählt Ulrike Schäfer von Untergängen und vorläufigen Rettungen, von gesellschaftlichen Bruchstellen und der Fragilität menschlicher Existenz.
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Seitenzahl: 184
Veröffentlichungsjahr: 2025
Ulrike Schäfer, 1965 in München geboren, lebt in Würzburg. Sie schreibt Prosa und Theaterstücke. Uraufführungen u. a. im Mainfranken Theater Würzburg. Bei Klöpfer & Meyer erschien ihr Erzählband Nachts, weit von hier (2015), der bei KrönerEditionKlöpfer neu aufgelegt wurde (2025). Im Daniel Osthoff Verlag erschien das Theaterstück Hannah & Elisabeth (2023; Co-Autor: Boris Wagner). Ulrike Schäfer erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Würth-Literaturpreis und den Leonhard-Frank-Preis für Dramatik. Sie tritt regelmäßig solo und in literarisch-musikalischen Ensembles auf.
ulrike-schaefer.de
ULRIKE SCHÄFER
SCHMALER GRAT
Erzählungen
KRÖNEREDITIONKLÖPFER
Ulrike Schäfer
Schmaler Grat. Erzählungen
1. Auflage
Stuttgart, KrönerEditionKlöpfer 2025
ISBN DRUCK: 978-3-520-77305-0
ISBN E-BOOK: 978-3-520-77395-1
Dieser Erzählband wurde von der Martin Walser Literaturstiftung und der Stiftung Literatur – begründet durch Dieter Lattmann sowie durch Arbeitsstipendien des Freistaats Bayern und der Stadt Würzburg gefördert.
Umschlaggestaltung: Denis Krnjaić
Unter Verwendung eines Fotos von Niklas Ohlrogge (niamoh.de), unsplash.com
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© 2025 Alfred Kröner Verlag, Lenzhalde 20, 70192 Stuttgart, [email protected], www.kroener-verlag.de • Alle Rechte vorbehalten E-Book-Konvertierung: Zeilenwert GmbH Rudolstadt
Meiner Mutter
LAUFEN
BETTY
RISSE
FRAU DORAY TRÄUMT VON SCHNEE
FÜR IMMER
SCHELCH
LANDESAMT FÜR DÄMONEN
FAMILIEN
ÜBERS EIS
HANS
AGENDA
AUFLÖSUNG
GESICHTER
FUND
LORE
ANMERKUNGEN
DANKSAGUNG
Am Badehaus hörte der Weg nicht auf, sondern führte durch das Schilf zum Ufer. Ihr Atem ging schnell, sie war es nicht mehr gewohnt. Früher, mit Paul, war sie zu Hause übern Feldweg zum Bach gelaufen, fast jeden Tag außer freitags.
Sie sah noch einmal zurück, um sich die Abzweigung vor dem Badehaus zu merken. Jemand lief dort, ein junger Mann, und bog ebenfalls zum Ufer ab. Weiter drüben sah sie noch die zwei Frauen mit dem Hund, sie gingen weiter in Richtung Yachthafen. Der Hund sprang an der einen hoch, die etwas hielt und es dann fortwarf in weit ausholender Bewegung.
Neben ihr war jetzt das Wasser. Kleine, sanfte Wellen überspülten die Ufersteine. Das Seitenstechen kam, sie war zu schnell. Tief ausatmen und weiter, nicht stehenbleiben. Du kannst so langsam laufen, wie du willst, nur nicht stehenbleiben, Stehenbleiben ist Aufgeben, hatte Paul immer zu ihr gesagt.
Sie hielt sich rechts, zum Wasser hin, machte Platz im Vorhinein für den jungen Jogger, der sie bald einholen musste, und lief jetzt Schritttempo. Drüben am Hafen konnte sie die Masten der Yachten erkennen. In der Nähe des Ufers lag ein Fischerboot.
Es war Anne gewesen, die sie zur Reise gedrängt hatte. Sie hatten am Esstisch gesessen, und Anne hatte in den Prospekten geblättert und ununterbrochen geredet: Nardevitz oder Buschvitz, es wird Zeit, Lauterbach direkt am Hafen, du musst mal raus hier, das Meer im Spätsommer, das wolltest du doch immer. Du sitzt auf dem falschen Platz, Anne, hatte sie nur gedacht. Du sitzt auf dem falschen Platz. Sie war aufgestanden und im Raum auf- und abgelaufen, zur Couch hinüber, doch Anne war sitzen geblieben.
Der Weg war jetzt sandig und von Wurzeln durchzogen. Links ging es steil nach oben, dort begann schon der Wald. Wind kam auf, sie spürte ihn durch die Jacke, im Rauschen des Wassers hörte sie nur noch gedämpft ihre eigenen Schritte. Der junge Mann hatte kurze Hosen getragen und T-Shirt, schien einer von denen zu sein, die niemals froren.
Paul war immer erst nach ihr losgelaufen. An der Bank hatte er seine Übungen gemacht. Bis zum Bach hatte er sie dennoch eingeholt. Wenn er näher gekommen war, hatte sie manchmal beschleunigt, für kurze Zeit waren seine Schritte im Gleichtakt mit ihren gewesen, dann trennten sie sich wieder.
Annes Prospekte hatte sie auf seinen Nachttisch gelegt und lange vergessen. Einmal hatte sie sie durchgeblättert: die Bodden, die dunklen Alleen, das Meer. Dann hatte sie sich quer aufs Bett gelegt, die Füße auf seiner Seite, den Kopf auf ihrer. Sein Bett bezog sie immer noch mit. Du solltest ein anderes Bett kaufen, hatte Anne gesagt, so geht es nicht weiter. Was weißt du übers Weitergehen, hatte sie nur gedacht.
Der Weg stieg an und verengte sich, der junge Mann würde jetzt Mühe haben, an ihr vorbeizuziehen. Es störte sie, ihn noch immer im Rücken zu haben oder jedenfalls zu vermuten. Im Laufen drehte sie sich um. Da war niemand, doch sie konnte jetzt nur wenige Meter weit blicken bis zur letzten Biegung, die Küste war nicht mehr zu sehen und auch nicht der Yachthafen, das Fischerboot verschwunden. Sie horchte, doch da war kaum mehr als dieses ewig an- und abschwellende Rauschen. Der Wind blies unaufhörlich vom Wasser her, es war nicht auszumachen, ob da Schritte waren außer ihren eigenen. Es ist einsam hier, dachte sie, es sollte nicht so einsam sein. Eine plötzliche Wut stieg in ihr hoch, ich sollte nicht hier sein und ich sollte nicht laufen, sie hatte das Laufen nie gemocht, der Gedanke war hart und kalt und ließ sich nicht abschütteln, die Kälte und Härte schnitten in sie ein, als müsse sie sich selbst bestrafen damit. Ihre Augen tränten vom Wind, von der Anstrengung, von den Abmessungen der Liebe vielleicht, Tag für Tag nebeneinander her. Die Abmessungen der Liebe im Laufen noch jetzt auf dieser Insel mit ihren Bodden und dunklen Alleen, einen Unbekannten im Rücken oder nicht, der sie längst hätte einholen müssen. Zum Wald abgebogen sein konnte er, umgekehrt sein konnte er oder ein Spiel treiben, und wenn nur in ihrem Kopf, ein Spiel, in dem Schilf vorkam und Gelegenheit und die tagsüber kopfunter einbrechende Einsamkeit der Nachsaison-Tage an diesem verdammten, flutlosen Meer.
Sie lief.
Sie war spät nach Hause gekommen damals, es war ein Donnerstag gewesen um kurz nach halb neun. Im Sommer waren sie um halb neun losgelaufen, fast jeden Tag außer freitags. Paul würde bereits im Flur stehen, hatte sie damals gewusst, auch in diesem Wissen hatte Wut gelegen, sie konnte sich sehr gut und würde sich immer gut an diese Wut erinnern, sie war in die Erinnerung an jenen Abend auf ewig hineinverkeilt. Stumm würde er sie ansehen, umgezogen und bereit zum Aufbruch, stumm würde er warten, bis sie fertig war, würde ihr die Trainingsjacke reichen, und sie würden loslaufen. Diese Gewohnheit des Laufs, die irgendwie gekommen war, von ihm zu ihr übergegangen in den Abmessungen der Liebe Tag für Tag oder warum immer, hatte sie damals wütend gemacht.
Tatsächlich war es still im Haus gewesen, doch Paul hatte nicht im Flur gestanden. Sie war nach oben gegangen ins Schlafzimmer, hatte an der Badtür gelauscht, war wieder hinunter in die Küche gegangen und von der Küche ins Wohnzimmer. Er hatte am Tisch gesessen in Straßenkleidung, die Arme auf dem Tisch verschränkt und den Kopf auf den Armen. Sie hatte ihn nie so sitzen sehen. Sie sprach ihn an und er antwortete nicht, sie wollte seine Wange berühren und schrak auf einmal zurück, hielt mitten in der Bewegung inne, wusste in dem Moment, da sie die Hand ausstreckte, wie kalt, von welcher Kälte seine Haut sein würde.
Sie zog den Reißverschluss ihrer Jacke hoch. Der Weg stieg steil an, der Strand lag jetzt unter ihr. Die Farben waren verschwunden, das Wasser mit Grau überzogen, die Wellen schlugen gegen das Ufer, wie wenn endlos etwas zerriss. Sie keuchte. Kehr um, hätte Paul gesagt. Vor ihr der Weg verengte sich weiter und verschwand zwischen Buschwerk. Kehr um, hätte er gesagt. Sie kehrte aber nicht um, es war sie, die jetzt lief, sie und sonst niemand, oder doch, hinter ihr mit quälend langsam sich verringerndem Abstand. Sie lief auf den schmalen Pfad zu. Das Rauschen war jetzt innen und außen und so laut, dass sie die Schritte nicht würde hören können, und wäre er dicht hinter ihr. Sie erreichte den Pfad, der Wald rückte näher, das Dunkel verschluckte sie, Zweige streiften ihr über die Schläfe, dann auf einmal Weite und tief unter ihr das offene Meer. Sie lief jetzt auf ein Plateau zu, eine breite Fläche Sand und Geröll mit Gras durchsetzt, auf der einen Seite der Wald, auf der anderen das Steilufer. Sie lief auf die Kante zu.
Für dieses Tag-für-Tag war es gewesen, für seine Art, sich nach ihr umzudrehen, und die Lautlosigkeit, mit der er in der Tür gestanden hatte, fix und fertig angezogen und bereit zum Lauf, eine Eigenart, die sie hatte auf die Palme bringen können, für die flüchtige Berührung im Bad und überhaupt die Flüchtigkeit der Wiederholung Tag für Tag, und dann Ende. Ungebremst lief sie zu auf die Kante, auf das Grau des Himmels lief sie zu. Unter ihr das Meer, die Wellen drängten gegen die Steilküste, ein unaufhörliches Strömen, die Nächte, die Stunden, das Auf- und Abgehen, vorbei am Schrank, in dem seine Kleider immer noch lagen, die Trainingsjacke, die Hose, die Laufschuhe. Nicht stehenbleiben, Stehenbleiben ist Aufgeben.
Und sie, Fremdes und die Dunkelheit des Pfads im Rücken, das offene Meer unter ihr und vor ihr das gewölbte Grau, endlich, ein für alle Mal, blieb stehen, blieb. Spät, abrupt und hart an der Kante.
Der einzig sichtbare Beleg, dass es sie je gegeben hat in meinem Leben, ist das Konfirmationsfoto. Sie trägt hohe Schuhe, einen ziemlich kurzen Rock und einen engen Blazer über einem weißen Hemd mit Männerkragen. Sie sieht aus wie auf Geschäftsreise, während alle anderen auf weit weniger überzeugende Weise kostümiert sind. Auch wenn ihre Gesichtszüge so jung sind wie die der anderen, wirkt sie dadurch älter.
Vielleicht liegt es auch an dem Lächeln, das mir heute leicht spöttisch vorkommt, aber das kann Einbildung sein, nachträglich hineingelesen in dieses blanke Antlitz. Wie überhaupt Einbildung im Spiel ist, wenn ich dieses Bild betrachte: Fast kommt es mir so vor, als hätte ich Brandgeruch in der Nase.
Ich selbst bin unkenntlich. Mein Kopf ist verwischt, ich muss eine schnelle Bewegung gemacht haben. Aber ich weiß, was in meinem Gesicht zu lesen war, weil ich weiß, was ich empfunden habe in dem Moment. Und das ist es, was mich heute am meisten umtreibt.
Sie war das Mädchen, das im Konfirmandenunterricht neben mir zu sitzen kam, so lernten wir uns kennen. Sie kam spät am ersten Tag, betrat erst nach dem Pfarrer den Raum des Gemeindehauses, in dem der Unterricht stattfand, und da sie es ohne jede Eile tat, dachte ich zunächst, sie gehöre zu ihm, spiele irgendeine assistierende Rolle, vielleicht ein Mädchen aus dem vorigen Jahrgang. Doch sie steuerte unsere Sitzreihen an und fläzte sich neben mich. Ich selbst kauerte verschüchtert in meinem Stuhl und warf scheue Blicke auf die anderen, die einander offenbar teils kannten.
»Hi«, sagte sie zu mir. »Ich bin Betty.«
Ich nannte leise meinen Namen. Sie nickte wissend, eine Geste, die mich verunsicherte, und der Unterricht begann.
Abgesehen von einer Begebenheit in der Kirche, die erst später Bedeutung gewann, und natürlich dem Tag der Konfirmation selbst weiß ich kaum noch etwas von diesem Unterricht und den Gottesdiensten. Die Zumutung des Näselns mit einem Jungen bei einem dieser Kontaktspiele auf einer Wochenendfreizeit. Heute wundere ich mich, dass das ausgerechnet in der Konfirmandengruppe stattgefunden haben soll, denn ich verbinde andererseits die Anweisung an uns Mädchen, nicht breitbeinig in unseren Jeans dazusitzen, sondern die Beine zusammenzunehmen, mit dieser Gruppe. Und ich erinnere mich an ein Tanzverbot – war es dieselbe Freizeit? – wegen eines religiösen Feiertags, gegen das wir aufbegehrten.
An diesem Aufbegehren war Betty übrigens nicht beteiligt, jedenfalls habe ich keinerlei Erinnerung an sie in diesem Zusammenhang. Eigentlich habe ich sie überhaupt nicht als Teil der Gruppe in Erinnerung, sondern nur in Verbindung mit mir – was mich noch heute verblüfft. So selbstbewusst, wie sie war, gehörte sie nicht zu den Mädchen, die sich normalerweise mit mir abgaben.
Wir gingen das größte Stück des Wegs gemeinsam zum Konfirmandenunterricht und den Gottesdiensten. Wenn ich von zu Hause aufbrach, sah ich sie meist schon an der Ecke stehen. Diese gemeinsame Wegstrecke knüpfte unser Band. Ich muss schnell in diese Vertrautheit hineingeglitten sein wie in etwas Unerwartetes und zugleich Ersehntes. Unsere Gespräche wurden zum Ventil für meine Aufgeregtheiten und Empörungen in diesen Zeiten permanenter Aufgeregtheit und permanenter Empörung. Ihr konnte ich mit bebender Stimme davon erzählen.
Ich werde mich über das Näseln beschwert haben, diese herbeigezwungene Berührung mit einem Wildfremden. Was noch? Wer wann wie geschaut hatte. Verdruckstes über den Pfarrer. Er kam in meinen Träumen vor, die nicht eigentlich feucht waren, sondern hitzig. Auch Gespräche über Gott versuchte ich anzuzetteln, teils um über diesen Umweg wieder auf den Pfarrer zurückkommen, teils aus echtem Bedürfnis. Ich war damals durchaus gläubig, wenn auch nicht im Sinne der Kirche. Gott war eher Teil dessen, was vom magischen Denken der Kindheit hinüberwehte in meine nach allen Seiten offene, ungesicherte Existenz.
Zu diesen gefährlich offenen Flanken gehörte natürlich alles, was mit Brüsten, Scheide, Menstruation, Frauenarzt, den unsäglichen Peinlichkeiten des weiblichen Körpers zu tun hatte.
Ich habe Betty von der Begebenheit im Pausenhof erzählt, als ein Junge mir von hinten in den Schritt griff – sein routiniertes Tasten nach der Verdickung in der Hose, der Binde – und schrie: »Sie hat sie!«
Es muss die erste Offenbarung dieser Art gewesen sein, denn ich weiß noch genau, wie Betty reagiert hat und dass ich ihre Reaktion zuerst missdeutete: Sie lächelte spöttisch.
Ich sehe es vor mir – wir gingen durch den Park, den wir zur Abkürzung querten, und waren gerade auf der Höhe der Skateboardbahn. Ich sah die Skateboarder im Hintergrund und Bettys spöttisches Lächeln und wurde von Enttäuschung und Scham überflutet, verfluchte mich dafür, es ihr anvertraut zu haben. Solche Offenbarungen waren riskant, das wusste ich doch. Unter den Mädchen in meiner Klasse konnten sie leicht mit einem Mitleid quittiert werden, das die Schadenfreude nur schlecht verhüllte. Oder auch die Erleichterung, dass es einen nicht selbst getroffen hatte. Oder jemand wiegelte ab – Das ist doch noch gar nichts! – und trumpfte mit der eigenen Abgebrühtheit auf, sodass zur ursprünglichen Beschämung noch ein Gefühl von Wehleidigkeit kam. Die Konkurrenz im Aushalten war groß. Oder man hatte es selbst verschuldet: Was musst du auch da langgehen! Oder, am schlimmsten: Es wurde etwas Unabänderlichem, Persönlichem zugeschrieben, dem eigenen Körper, seinen weiblichen Kurven, die solche Herabsetzungen provozieren mussten. Eine Botschaft, die nicht offen ausgesprochen, sondern über Kleidungstipps subtil, aber unmissverständlich vermittelt wurde.
In diesem Moment dachte ich, Betty wäre genauso.
Doch dann sagte sie: »Sieh mal an, der kleine Scheißer. Den würd ich mir gerne mal vorknöpfen.«
Da begriff ich, dass ihr Spott nicht mir galt, sondern ihm. Einem Jungen, den sie gar nicht kannte.
Ich war beeindruckt.
Den würd ich mir gerne mal vorknöpfen.
Wegen mir.
Ein warmes Gefühl durchströmte mich. Ich fühlte mich bestärkt, mehr noch: erhöht. Auserwählt von jemandem, der so stark war wie sie.
Vieles, was mit ihr zu tun hat, liegt im Dunkeln.
Ich weiß nicht, wo sie wohnte. Sie war das Mädchen, das schon auf mich wartete, wenn ich aufbrach.
Ich weiß nicht, auf welche Schule sie ging.
Ich kann mich an nichts erinnern, das sie mir über sich erzählt hätte, geschweige denn Offenbarungen wie die, die ich ihr anvertraut habe. Es gibt überhaupt nichts, was ich über sie weiß, das nicht mit mir zu tun hätte.
Habe ich es einmal gewusst und später vergessen?
Kann es sein, dass einem jemand so ganz und gar, so ausschließlich zugewandt ist? Ist das nicht etwas, das man sich nur erträumt, als pubertierendes, unsicheres, ängstliches Mädchen?
Unser gemeinsamer Weg führte am Kiosk vorbei, der gegenüber meiner Schule stand. Dort hatte ich oft Lakritz und essbares Papier gekauft, aber nach einem bestimmten Ereignis, das kurz vor der Konfirmandenzeit stattgefunden hatte, mied ich ihn.
Der Kiosk war kein Büdchen, sondern ein sechseckiges Backsteinhäuschen mit begehbarem Verkaufsraum. In einem Anbau auf der Rückseite lag die Wohnung des Kioskverkäufers, und an einem der Sonntage, als Betty und ich zur Kirche gingen, sah ich ihn aus der Haustür treten, mit einem Müllbeutel in der Hand. Nichts weiter geschah. Aber den Gottesdienst über bekam ich ihn nicht aus dem Kopf.
Auf dem Rückweg stoppte ich vor dem Schaufenster und deutete hinein zu den Auslagen mit den Sexheftchen, den aufgepumpt wirkenden Brüsten der Frauen auf den Titelseiten.
Ich erzählte Betty von der Begebenheit im Kiosk.
Es war mir immer unangenehm gewesen, mich dort drinnen an den älteren Jungs vorbeizuzwängen, die in den Heftchen blätterten und kicherten. Auch Freundinnen schützten einen nicht, jede musste einzeln durch den schmalen Gang. Wie es für die anderen war, weiß ich nicht. Wir sprachen nicht über diese Dinge, die vorhanden waren wie Luft, wie das Wetter.
Eines Tages hing wieder ein Pulk Jungs vor der Auslage herum. Als ich mich, von der Kasse kommend, seitlich vorbeizwängte, verstummten sie.
Ich sah sie nicht an, spürte aber ihre Blicke und bekam aus dem Augenwinkel mit, wie einer von ihnen, der eine Zeitschrift in den Händen hielt, den Kopf zum Cover senkte und dann wieder auf mich blickte. Es war klar, was er tat, es war demonstrativ, eine Geste für die anderen. Noch einmal senkte er den Kopf zur Zeitschrift und hob ihn abermals, glich meinen Körper ab mit der nackten Frau auf dem Cover. Wie auf ein Signal hin kicherten alle gleichzeitig los.
»Kommt hin«, sagte er leise.
»Voll!«, erwiderte ein anderer glucksend.
Noch heute steigt dieses Gefühl in mir auf wie ein schaler Geschmack, wenn ich Jungs oder Männer auf diese Weise lachen höre, im Zug, auf der Straße, wo immer: mit dieser leicht heiseren, in die Höhe driftenden Stimme.
Ich machte, dass ich zur Tür kam. Als ich sie öffnete – man musste zur Seite ausweichen, so eng war es –, warf ich einen Blick zum Verkaufstresen. Ich sah in das Gesicht des Kioskverkäufers.
Er zwinkerte den Jungs zu.
Davon erzählte ich Betty.
Im Zentrum meiner Wutrede stand er: der Kioskverkäufer. Mein Ausbruch bildete einen krassen Gegensatz zu meinem Verhalten damals im Kiosk: Abgang mit rotem Gesicht, ein Schweif der Demütigung hinter mir her.
Ich glaube, ich ahnte selbst nicht, was hinter der Beschämung lauerte, zumindest nicht, wie monströs es war, bis zu diesem Sonntagmittag, als ich mich selbst immer weiter anheizte.
Es fällt mir schwer, mich in mein damaliges Ich hineinzuversetzen und – als die, die ich jetzt bin, mit den Worten, die ich heute zur Verfügung habe – Auskunft zu geben über das, was in mir vorging.
Vielleicht, denke ich heute, war es eine angestaute, über Jahre aufgeschichtete Wut.
Vielleicht lag es auch daran, dass mir dieses Zwinkern plötzlich etwas klargemacht hatte, das weit über die Begebenheit hinauswies. Der Kioskverkäufer war der Erwachsene im Raum gewesen, aber es hatte etwas gegeben, das schwerer wog: die Verbindung zwischen ihm und den Jungs. Und die Verbindung zwischen mir und der Frau auf dem Cover. Mit einem Schlag hatte ich begriffen, dass das im Zweifelsfall passieren konnte. Jederzeit.
Aber vielleicht war auch das nicht alles. Vielleicht war die Zeit einfach reif für eine Wut, die kein Maß hielt, alle Grenzen überschritt. Keine zusammengeklemmten Beine mehr.
Wie auch immer: Ich erinnere mich an diese Kraft, die aus mir strömte. Wie ein Tier, das endlich ausbricht.
Manchmal kommt es mir so vor, als hätte ich nie Intimeres preisgegeben, auch nicht mir selbst gegenüber. Als hätte sich für einen Moment die Person gezeigt, die ich wirklich bin.
Betty sah mich an.
Erst jetzt spürte ich, dass mir Tränen über die Wangen liefen. Ich schämte mich, befürchtete, Betty würde sie missdeuten. Doch sie wandte den Blick von mir ab und sah zum Kiosk. Ihre Augen verengten sich.
»Sieh mal an«, sagte sie.
Es klang völlig anders diesmal. Ernst. Sie wirkte entrückt, die Augen konzentriert auf den Kiosk gerichtet.
Dann löste sie sich von dem Anblick, legte den Arm um mich und ging langsam, sehr langsam, los, setzte uns beide in Bewegung. Führte mich davon, weg von diesem Ort.
»Mach dir keine Gedanken«, sagte sie.
Etwas Kraftvolles, Entschlossenes lag in ihrer Stimme.
Ihr Arm auf meiner Schulter, der langsame Gleichtakt unserer Schritte, unserer Körper.
Es machte mich ruhig.
Dann kam der Tag der Konfirmation.
*
Seit ich erwachsen bin, hole ich das Foto hin und wieder hervor und betrachte es. Manchmal im Abstand von Jahren.
Anfangs steckte es in einem der Alben von früher. Irgendwann wanderte es lose in eine Schublade. Später lag es in einem Karton mit alten Jahrgangsheften meiner Schule, dann in einem Briefumschlag, abermals in einer Schublade, zuunterst.
Über weite Strecken denke ich nicht daran. Dann geschieht etwas, oder etwas bewegt sich in meinem Kopf, und ich hole es hervor. Ich weiß immer, wo es ist.
Betty und ich haben keinen Kontakt gehalten. Wir wurden konfirmiert, die Gruppe löste sich auf, wir gingen auseinander. Ich ließ unsere Verbindung zurück in dieser besonderen, einzigartigen Zeit meines Lebens, diesen eineinhalb Jahren, die mit dem Tag der Konfirmation ihren Höhepunkt fanden und endeten, weil der Zauber verwirkt war.
Aber ich begegnete ihr doch noch einmal wieder.
Das war drei Jahre später, vor einer Diskothek. Ich war mit Freunden da, die nicht eigentlich Freunde waren. Irgendwann ging ich raus, um frische Luft zu schnappen.
Draußen standen einige Grüppchen. Sofort befiel mich das übliche mulmige Gefühl, wenn ich allein in solchen Situationen war. Damals hatte ich mir vorgestellt, mich in eine andere Person zu verwandeln, wenn ich älter würde, doch das war nicht geschehen. Noch immer war ich unsicher und verdruckst.
Auf der anderen Straßenseite stand ein Mädchen ebenfalls allein und rauchte. Dort drüben war es dunkler, weil es wenig Straßenlaternen gab und hinter Büschen und einer Mauer der Friedhof lag. Erst auf den dritten Blick erkannte ich, dass das rauchende Mädchen Betty war. Sie sah direkt in meine Richtung und wirkte nicht überrascht.
Habe ich gezögert?
Ich glaube, in meiner Erinnerung hatte ich sie zu irgendeinem normalen Mädchen gemacht, einem Mädchen von früher.
Betty nickte mir zu, und ich ging zu ihr hinüber.
Wie geht’s? Was machst du so? Bist du öfter hier?
Wir knüpften nicht an unsere frühere Vertrautheit an,
