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Gegensätze ziehen sich aus ... Von einem bisher unbekannten Onkel erbt der vermögende Düsseldorfer Geschäftsmann Marcel einen alten Bauernhof in der Eifel. Als er diesen kurz vor seinem Weihnachtsurlaub auf den Malediven mal eben in Augenschein nehmen will, wird sein Porsche vom Schnee begraben – und seine Pläne gleich mit. Dafür sorgt auch die attraktive Nachbarin, die sein Herz im (Schnee-)Sturm erobert. Nicht zum ersten Mal, wie Marcel später herausfindet. Hals über Kopf rutscht und schlittert er in eine Achterbahn der Gefühle. Und in ein Abenteuer, das ihm die Liebe seines Lebens zum Greifen nah bringt. Klingt einfach – ist es aber nicht. So ganz und gar nicht ...
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhaltsverzeichnis
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebtes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Epilog
Impressum
Über die Autorin
Bisher von Regina Raaf erschienen
Leseprobe
„Die Gegend: öde.
Das Haus: baufällig.
Die Einrichtung: schrottreif.
Die Menschen: seltsam.“
Marcel drückte die Pausentaste seines Diktiergeräts und schwieg, während er aus dem Küchenfenster in den verschneiten Hof blickte. Er sah eine kleine Ansammlung von Gebäuden, die er bislang nur von außen betrachtet hatte. Das Land – Wiesen und Weiden, sowie ein kleines Stück Wald, das zum Hof gehörte – hatte er ebenfalls noch nicht begangen. Wie auch, wenn man bis zu den Knien in den Schnee einsank, sobald man es wagte, den Weg zu verlassen. Das kalte Weiß dominierte die Landschaft. Es umhüllte Büsche, Baumkronen und alles, was auf dem heruntergekommenen Anwesen irgendwo stand oder lag. Eine Decke aus unzähligen Kristallen, die grell glitzerten und funkelten, sobald die Sonne sich kurz blicken ließ. Das tat sie allerdings selten, denn meist war der Himmel mit dunklen Wolken verhangen, die dicke Flocken zur Erde schickten. Dort schmolzen sie nicht, wie Marcel es gewohnt war, sondern sie türmten sich auf, immer höher und höher, als wollten sie es auf diese Art bis zurück in den Himmel schaffen.
Es war so ein anderer Anblick als aus den Fenstern seiner Stadtvilla, wo der angrenzende Park selbst im Winter höchstens kurzfristig weiß wurde. Hier dagegen war es richtig kitschig, redete er sich selbst ein, obwohl er es insgesamt doch ziemlich schön fand. Alles war so still – wie in Watte gepackt. Irritierend still für jemanden, der den ständigen Autolärm und das Stimmengewusel der Großstadt gewohnt war. Marcel lauschte, aber außer dem Krächzen einiger Krähen war nichts weiter zu hören. Eine beinahe lautlose Welt – verrückt! Die Flocken, die am Fenster vorbeiglitten, fielen dicht an dicht. Sie ließen ihn sich fast so fühlen, als säße er in der Schneekugel, die ihm sein Vater damals, als Marcel fünf Jahre alt gewesen war, von einer seiner Geschäftsreisen aus der Schweiz mitgebracht hatte. Die Kugel war hübsch gewesen. Mit einem kleinen stilisierten Wald in ihrem Inneren, aus dem ein Reh hervorlugte. Dieses Detail hatte Marcel immer viel mehr fasziniert als der klobige Schneemann mit seiner Möhrennase, der im Vordergrund die Blicke eigentlich auf sich ziehen sollte.
Als kleiner Junge fühlte er sich dem scheuen Reh verbunden, was er jedoch seinen Eltern niemals gestanden hatte. Vielleicht weil er damals schon ahnte, wie unpassend sie es finden würden. Und heute kam es ihm beinahe selbst lächerlich vor, sich jemals so gefühlt zu haben, denn inzwischen hatte er jegliche Zurückhaltung verloren. Er stand seinen Mann im Leben und gab stets den Ton an, wie es sich für den reichen Erben einer Unternehmerfamilie nun mal gehörte. Dumm nur, dass er manchmal trotzdem eher auf andere hörte, statt auf seinen eigenen Instinkt. Ansonsten wäre er garantiert gar nicht erst in die Eifel gefahren. Ein vollkommen unnötiges Unterfangen, wie ihm inzwischen bewusst war. Aber das hatte er natürlich am Tag zuvor noch nicht kommen sehen. Vielleicht hatte er es aber doch geahnt. Zumindest hatte er es nicht für nötig befunden, einen ganzen Tag für die Inspektion seines Erbes zu veranschlagen. Daher war er erst von Düsseldorf aus aufgebrochen, nachdem er sein Büro zur üblichen Zeit verlassen hatte. Das war gegen halb acht Uhr abends gewesen. Und da war es um diese Jahreszeit bereits so dunkel wie in der finstersten Nacht. Im Grunde war ihm das egal gewesen, denn was er sich von dem Besuch versprach, würde er im Inneren des Hauses finden – und Strom war ja wohl hoffentlich kein Problem.
Wie sich herausgestellt hatte, gab es den tatsächlich, wenn es auch an anderen wichtigen Dingen fehlte. Er hatte sich in der Küche nur kurz umgeblickt, um dann ins Wohnzimmer zu gehen. Eine alte Couch, zwei Sessel mit ein paar fadenscheinigen Kissen darauf. Die Möbel sahen altbacken aus. Die Teppiche waren abgetreten und die Tapete vergilbt. Alles war in einem verlotterten Zustand, wie seine Mutter wohl gesagt hätte. Er öffnete den Barschrank, der neben dem Sofa an der Wand stand, und sah sich dessen Inhalt an. Billiger Fusel. Whisky aus dem Supermarkt – die Eigenmarke natürlich. Marcel verzog angewidert das Gesicht. Zwei Flaschen Rotwein, viel zu jung, um gut zu sein. Eine Flasche Rum, die fast leer war. Aber dahinter befand sich ein Karton, dessen Aufmachung Marcel immerhin Hoffnung schöpfen ließ. Er holte ihn ans Licht und flüsterte: „Na, wenigstens etwas!“ Während er den Karton öffnete, fiel ihm ein, dass die Flasche Hibiki, auf die er sich freute, ebenso gut fast leer sein könnte wie der Rum. Aber er hatte Glück – sie war noch gar nicht geöffnet worden. Marcel holte das nun nach und ging in die Küche, um sich eins der Gläser zu nehmen, die auf einem Regal aufgereiht waren. Dann goss er sich den teuren japanischen Whisky ein, hob das Glas und sagte feierlich: „Auf dich, Onkel Edgar – was auch immer für ein Typ du eigentlich warst. Ich hoffe, jetzt hast du deinen sicherlich wohlverdienten Frieden.“ Er trank.
Ja, das tat gut! Der Alkohol ließ ihn einen Moment vergessen, wie ungeheuer kalt es in diesem Haus war. Er nahm das Glas und die Flasche auf seinem weiteren Rundgang durch die Räume mit. Nachdem Marcel sich im unteren Stockwerk umgesehen hatte – und nichts fand, das sein gesteigertes Interesse weckte – hatte er sich ins erste Stockwerk begeben. Die Räume waren wie die im Untergeschoss eher spartanisch eingerichtet. Nichts von Wert befand sich darin. Außerdem roch es muffig, was natürlich nicht verwunderlich war, denn sein Onkel war bereits seit über einem halben Jahr tot, und ganz sicher hatte niemand das verlassene Haus regelmäßig gelüftet. Marcel hatte überlegt, dass er kurz nach Mitternacht wieder zuhause sein könnte, wenn er sofort losfuhr.
Er wollte die Stufen schon hinabsteigen, als er am Ende des dunklen Flurs eine schmale Stiege sah, die zum Dachboden führte. Vielleicht sollte er sichergehen, dass dort keine kostbaren Möbel oder Ölgemälde eingelagert waren. Die paar Minuten konnte er schließlich noch opfern, um sich eine abschließende – und sicherlich vernichtende – Meinung über sein Erbe zu bilden. Also ging er an den Bleistiftzeichnungen von Pferden vorbei, die in Rahmen an der Wand hingen. Keine Kunstwerke, sondern eher die schlechten Übungen eines Möchtegern-Künstlers. Nur der letzte Rahmen enthielt eine Pferde-Zeichnung, die wirklich von Talent zeugte. Die Signatur war jedoch so unleserlich, dass Marcel sich nicht weiter damit aufhielt. Geld brachte sicher keines der Bilder ein. Mit vorsichtigen Schritten betrat er die Treppe.
Unter seinem Gewicht knarzten die Stufen, als wollten sie sich über die Last beschweren, die ihnen auf ihre alten Tage noch zugemutet wurde. Oben war keine Tür. Marcel suchte an der Wand nach einem Lichtschalter. Er fand ihn nach einigem Umhertasten und brachte eine nackte Glühbirne zum Leuchten, die inmitten des Raumes an einem dicken Kabel von der Decke hing. Sicher alles streng nach Vorschrift installiert … Marcel seufzte und blickte sich um. Der Raum war eindeutig die Rumpelkammer des Hauses. Und sein Onkel hatte wohl mehr Gerümpel besessen als Dinge, die es wohnlich machten. Marcel inspizierte Regale mit staubigen Büchern. Er öffnete Kartons mit kaputten Elektrogeräten, die sein Onkel vermutlich gesammelt hatte, um sie irgendwann mal selbst zu reparieren – oder um die Fahrt zur entsprechenden Müllentsorgung zu umgehen. Er fand in einer Kiste eine alte Modelleisenbahn, die leider teilweise beschädigt war. Und er durchwühlte einen billigen Kleiderschrank, der aus Holzbrettern selbst zusammengezimmert worden war. Auch hier fand sich nichts Wertvolles. Ein absoluter Reinfall! Außer einem goldenen Ring – vermutlich ein Ehering, jedoch ohne Gravur – hatte er nicht mal Schmuck in einem der Räume gefunden.
Marcel ging zurück zu dem Bücherregal und sah sich die Titel an. Ein uralter Schinken reihte sich an den anderen. Ben Hur, Der Glöckner von Notre Dame, Die drei Musketiere, Robinson Crusoe … nichts, das er schon dringend immer mal hatte lesen wollen. Wozu gab es schließlich Verfilmungen? Aber auch da hatte er sich schon ewig nichts mehr in der Art angesehen. Was für ein rückständiger Kauz sein Onkel doch gewesen sein musste. Ein Abtrünniger der Familie. Ein schwarzes Schaf. Warum er ausgerechnet ihn in seinem Testament bedacht hatte, war ein Rätsel, das Marcel bislang nicht lösen konnte. Sein Blick fiel auf ein Fotoalbum, das am Ende der Bücherreihe durch sein größeres Format ins Auge stach. Er stellte die Whiskyflasche und das Glas kurzerhand auf die dunkel lackierten Holzdielen des Bodens. Dann zog er das Fotoalbum aus dem Regal und schlug es auf. Ein Briefumschlag rutschte heraus. Marcel beachtete ihn nicht weiter, sondern legte ihn auf das Whiskyglas, bevor er in dem Album zu blättern begann. Er sah alte Kinderbilder. Ein Baby lag in einer pompösen Wiege, in der der kleine Mensch fast unterzugehen schien. Auf einem anderen Foto saß das Baby auf dem Boden und hielt eine Rassel, die es verzückt anblickte. Marcel blätterte gleich mehrere Seiten um. Nun hatte er es mit einem Kind im Grundschulalter zu tun. Oder eher im Volksschulalter, wie es damals wohl korrekt hieß. Allerdings hatte sein Onkel sicher keine einfache Volksschule besucht – stattdessen hatte er wohl Privatunterricht bekommen. Das Foto zeigte ein Kind, das mit großen Augen in die Zukunft blickte, die damals noch vor ihm lag. Es trug einen Anzug, der lächerlich fehl am Platz aussah, da der kleine Junge an einem herrlichen Sommertag an einem Seeufer abgelichtet worden war. Vermutlich hatte das Gewässer nur als Kulisse für das Foto dienen sollen, jedoch nicht als Abkühlung. Zumindest nicht für das Kind im Anzug, denn andere Kinder schwammen durchaus im Hintergrund im See. Marcel konnte die Hitze beinahe selbst spüren, die sein Onkel an diesem Tag in dem dicken Anzugstoff hatte schwitzen lassen müssen. Ein weiteres Bild dieser Art klebte direkt daneben. Darauf war jedoch nicht nur der Junge zu sehen, sondern auch ein älteres Mädchen in einem sittsam bis zum Hals zugeknöpften knöchellangen Kleid, mit Ärmeln, die bis zu den Handgelenken reichten. Die stramm geflochtenen Zöpfe gingen dem Kind bis fast zu den Hüften.
Das Gesicht des Mädchens kam Marcel vertraut vor, und im nächsten Augenblick zog sich sein Magen krampfhaft zusammen: das war seine Mutter! So jung. So lebendig. Sie hielt ihren jüngeren Bruder Edgar an der Hand, beide sahen in die Kamera. Marcel blätterte auf die nächste Seite. Dort waren noch mehr Geschwisterbilder. Die meisten waren wie das an dem See auffällig gestellt. Aber je weiter Marcel blätterte, desto häufiger fand er auch Fotos, auf denen Bruder und Schwester das Spiel der Erwachsenen nicht mitgespielt hatten. Auf einem lachten sie sich sogar gegenseitig an, als hätten sie einen Streich ausgeheckt, der jeden Moment ihre starre Umwelt in ein heiteres Chaos stürzen würde. Auf einigen wenigen Fotos war die ganze Familie zu sehen. Aber je älter die Kinder wurden, desto weniger andere Familienmitglieder waren noch auf den Fotografien präsent. Marcel hatte seine Großeltern gar nicht mehr kennengelernt. Sie waren gestorben, bevor er zur Welt gekommen war. Es gab noch ein paar Verwandte, die in Süddeutschland lebten, mit denen er selbst jedoch keinen Kontakt hatte. Man hatte nach dem Tod seiner Eltern das Familienerbe komplett ihm überlassen, da es zuvor seiner Mutter gehört hatte. Eigenartig, dass Edgar damals nichts abbekommen hatte … Ein paar Fotos zeigten ihn noch als jungen Mann. Aber viele gab es davon nicht. Nur einmal war Marcels Mutter noch neben ihrem Bruder zu sehen – sie wirkten distanziert. Marcel klappte das Album zu und stellte es ins Regal zurück. Als er nach der Flasche und dem Glas greifen wollte, fiel ihm der Brief wieder in die Hände. Er drehte ihn um: der Umschlag war geöffnet. Marcel zog das Briefpapier heraus und begann zu lesen.
Mein lieber Edgar,
so unumstößlich wie dein Entschluss feststeht, nicht in die Fußstapfen von Vater zu treten, so sehr steht er in mir fest, die Rolle zu übernehmen, die eigentlich dir zugedacht war. Und warum auch nicht? Die Zeiten haben sich geändert. Als Frau kann ich das Familienunternehmen ebenso gut weiterführen, wie du es gekonnt hättest. Ja, ich bin fest davon überzeugt, dass du diese Aufgabe gemeistert hättest. Aber du willst es nicht. Und ich bitte dich inständig, dich nun nicht mehr umzuentscheiden. Du hattest genügend Zeit, um darüber nachzudenken. In meinen Augen trittst du alles mit Füßen, was uns – unsere Familie – ausmacht. Was auch immer du dir dabei denkst, in dieser schrecklichen Einöde in der Eifel leben zu wollen, ich hoffe, du wirst glücklich! Geht es um diese Frau? Um Sonja? Ich habe gehört, sie ist verheiratet. Aber du willst trotzdem in ihrer Nähe leben? Nun, viel Glück … was auch immer du vorhast.
Du weißt, dass Vater und Mutter von mir verlangen, den Kontakt zu dir ebenso abzubrechen, wie sie es getan haben. Die Summe, die sie dir überlassen haben, damit du den Hof kaufen kannst, wird vermutlich nicht lange reichen. Doch wenn du Geld brauchst, komm nicht zu uns! Du hattest jede Chance der Welt. Nun ist es vorbei. Du wirst immer mein Bruder bleiben. In meinem Herzen. Aber nicht mehr in meinem Leben. Dafür verabscheust du zu viele Dinge, die mir wichtig sind – die unserer Familie wichtig sind!
Zu guter Letzt schicke ich dir eine Flasche des Whiskys, den du so gerne in den letzten Wochen in dich reingeschüttet hast. Vielleicht wirst du ihn dir weiter leisten können, denn so teuer ist er ja nun auch wieder nicht. Aber ehrlich gesagt, bezweifle ich das. Ich werde niemals begreifen, was dich an diesem einfachen Leben so reizt. Armut ist nicht reizvoll. Ich fürchte, das wirst du noch erkennen. Wenn es soweit ist, dann denke jedoch unbedingt daran, dass es zu spät für eine Rückkehr ist!
Es macht mich traurig. Aber es ist unabwendbar, dass dies nun der Abschied ist.
Lebe wohl! Elisabeth
Marcel konnte es nicht fassen. Niemals hatte er seine Mutter so erlebt. Eiskalt. Denn ganz gleich, welche Emotionen sie auch gehabt haben mochte, ihre Zeilen klangen nach Vorwurf und sprachen von Unversöhnlichkeit. Hatte sie wirklich so wenig Verständnis dafür gehabt, dass ihr Bruder aus den strengen Konventionen der Familie und der Geschäftswelt ausbrechen wollte? Vor allem, wenn er unglücklich verliebt gewesen war? Er war in die Eifel – auf diesen Hof – gezogen, um einer Frau nahe zu sein, die er niemals würde erobern können? Hatte er daher einen Ehering besessen, der keinen Namen und kein Datum in sich trug?
Ja, vielleicht war Edgar im Grunde sogar ein Spinner gewesen. Ein verliebter Trottel, der sich verrannt hatte und damit alles aufgab, was ihm ein Leben in Saus und Braus ermöglicht hätte. Doch dass diese Art von Leben auch dazu führte, dass man von morgens bis abends ständig für Geschäftspartner erreichbar sein musste, dass man die Last des Unternehmens und die Verantwortung für zahlreiche Angestellte auf seinen Schultern trug, davon konnte Marcel ein Lied singen.
Als er in die Eifel gefahren war, hatte er sich regelrecht davongestohlen. Natürlich hatte er zuvor allen gesagt, dass er Urlaub machen würde, doch wann war das je respektiert worden? Es hatte immer Telefonate gegeben und sogar Meetings, denen er nicht entgehen konnte, obwohl er der Chef war – nein, weil er der Chef war! Diesmal sollte es anders sein. Erst die Eifel, dann die Malediven. Ohne Verpflichtungen, denn sonst würde er noch wahnsinnig werden. So wie Edgar vielleicht wahnsinnig geworden war und das Familienerbe hingeschmissen hatte. Erst jetzt wurde Marcel vollends klar, dass er nun davon profitierte, dass seine Mutter damals so rigoros das Ruder in die Hand genommen hatte.
Zu verdanken hatte er seine Rolle im Leben also am ehesten diesem bislang unbekannten Onkel, den seine Mutter tatsächlich absolut aus ihrem Leben gelöscht hatte. Sie hatte kein solches Fotoalbum besessen. Keine Briefe … gar nichts, das auf Edgar hinwies. Das wusste Marcel genau, weil er sich um ihren Nachlass gekümmert hatte. Umso erstaunter war er über das Erbe, in dem er nun saß – und in dem es nichts gab, das sich zu erben lohnte. Außer vielleicht genau diese Einblicke ins Leben seiner Mutter und ihres eigenwilligen Bruders. Marcel hob erneut das Glas.
„Auf dich, Edgar! Was für einen Zwang musst du verspürt haben. Keine Ahnung, vielleicht hätte ich das auch noch deutlicher, wenn ich in Anzug und Krawatte als Kind an einem See hätte stehen müssen, statt reinspringen zu dürfen.“ Er trank. Dann sagte er mit aufgeräumter Stimme: „Aber glaub nicht, dass es mir so viel besser ging. Immerhin war die Frau, die dich abgesägt hat, meine Mutter. Und mein Vater war – nun ja, man soll nicht schlecht über die Toten sprechen. Sagen wir so: Er war vom Charakter her ein würdiger Eingeheirateter, der alle Regeln befolgte. Auch die, die ihn zu einem weniger guten Vater werden ließen. Alles dreht sich nur um Geld, nicht wahr? Hm … okay, bei dir offensichtlich nicht. Der Wahnsinn. Keine Ahnung, wie du es geschafft hast, das durchzuziehen. Aber das hast du offensichtlich. Ich weiß tatsächlich nicht, ob ich dich bewundern soll, oder ob du ein armes Schwein ohne Verstand warst. Wie auch immer … tut mir leid, dass ich jetzt den Whisky trinke, den du so lange aufbewahrt hast. Aber du brauchst ihn nicht mehr, und mir rettet er irgendwie gerade ein wenig das Leben. Denn das Ganze ist wirklich deprimierend. Ich muss das erstmal verarbeiten.“
Und das tat er, indem er sich nachschenkte. Erst als er das zweite Glas geleert hatte, fiel ihm wieder ein, dass er ja noch fahren wollte. Der Whisky entfaltete jedoch seine Wirkung derart heftig, dass Marcel sich stattdessen vorsichtig die Stockwerke wieder hinab begab und sich im Wohnzimmer auf die Couch sinken ließ – wo er einschlief. Als er am nächsten Morgen erwachte, wartete eine böse Überraschung auf ihn. Es hatte in der Nacht angefangen zu schneien. Und es war so viel von dem weißen Zeug heruntergekommen, dass sein Porsche bis gut zur Hälfe darin versank. Wenn er wenigstens in der Nähe der Straße geparkt hätte, würde sicher irgendwann ein Schneepflug auftauchen, der einen kleinen bezahlten Schlenker über das Grundstück machen könnte, damit Marcel sein Auto auf die Landstraße setzen konnte. Aber der Porsche stand im Hof, und der Weg bis dahin war so schmal, dass ein Schneepflug keine Chance hatte, da durchzukommen. Also blieb Marcel wohl nichts anderes übrig, als in stundenlanger und schweißtreibender Arbeit den Weg eigenhändig frei zu schaufeln, sobald der Schneefall nachließ. Davon konnte momentan jedoch absolut keine Rede sein. Es schneite nämlich immer noch, als hätte Frau Holle etliche Sonderschichten aufgebrummt bekommen.
Marcel seufzte, bevor er wieder ins Diktiergerät sprach.
„Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, bei den seltsamen Leuten. Und seltsam ist das richtige Wort für die Menschen hier. Zumindest für die Frau, die auf dem nächsten Hof lebt. Seltsam … das ist fast schon untertrieben. Sie ist vollkommen durchgeknallt! Und das ganz bestimmt nicht in sexueller Hinsicht. Wie eine Furie kam sie aus der Dunkelheit angestapft, kaum dass ich den Wagen geparkt hatte. In lächerlich groben Winterstiefeln, als hätten da schon Berge von Schnee gelegen. Den viel zu großen Mantel, der vermutlich eher ihrem Mann gehört – zumindest sieht er wie ein Herrenmantel aus – hatte sie sich offensichtlich nur schnell übergeworfen. Darunter war ein Kleid zu sehen, das ich jedoch nicht näher erkennen konnte, weil es von einer geblümten Schürze verdeckt war, auf der Blutflecken prangten – okay, vielleicht waren es auch Flecken von Blaubeeren oder ähnlichem Obst. So genau weiß ich das nicht, und die schwache Außenleuchte hat da auch nur schlechte Dienste geleistet. Immerhin hat die Nachbarin sich mir vorgestellt, allerdings nur mit ihrem Vornamen. Vielleicht ist das auf dem Land so üblich. Aber dass sie mich anblaffte, was ich hier zu suchen hätte, und dann auch noch zu so später Stunde, war schon eine echte Frechheit! Das Grundstück ist schließlich schon seit zig Jahren im Besitz meiner Familie, wie ich inzwischen in Erfahrung bringen konnte. Also habe ich wohl allemal mehr hier zu suchen als eine selbsternannte Aufpasserin, auch wenn sie tausendmal die Nachbarin meines Onkels war. Und um die Zeiten meines Hierseins hat sie sich schon dreimal nicht zu kümmern, diese … Dorfhexe. Obwohl die Bezeichnung unfair ist, denn sie ist schon ziemlich attraktiv, wie ich zugeben muss. Vermutlich hat sie etwa mein Alter. Soll heißen, sie wird auch Mitte dreißig sein. Aber sie ist halt ein Landei. So richtig! Das sieht man ihr auf den ersten Blick an. Kein Sinn für Mode, wohl auch nicht für Kultur. Von unterem Bildungsniveau. Zumindest ist das stark anzunehmen. Die weiß wahrscheinlich nicht mal, wo die Malediven liegen. Ja, die Malediven …“
Marcel rieb sich die Stirn. „Wenn dieses nervende Schneechaos nicht herrschen würde, wäre ich in Kürze genau dort – auf den Malediven. Dann wäre alles gut. Aber so … so friert mir mein armes Hirn noch ein. Und ich habe keine Ahnung wie ich ein Feuer im Kamin machen soll. Mit sowas habe ich mich noch nie im Leben beschäftigt. Außerdem habe ich kein Holz, also stellt sich die Frage eigentlich nicht wirklich. Denn dass ich nicht einfach frische Äste aus dem Wald hinter dem Hof nehmen kann, weiß sogar ich. Warum ist der Öltank überhaupt leer? Sonst wäre das mit dem Heizen ja kein Problem. Aber so bleiben die Heizkörper natürlich kalt. Mein Onkel war wohl nicht gerade der Hellste. Andererseits ist er im Frühling gestorben und hätte vermutlich erst später Öl bestellt. Vielleicht im Sommer, wenn die Preise niedrig sind. Der Sommer ist allerdings längst vorbei – der Herbst ebenfalls. Und nun ist tiefster Winter. Warum habe ich nicht vorher jemanden hierhergeschickt, der wenigstens checkt, ob der Öltank gefüllt ist, bevor ich mich auf den Weg gemacht habe?“ Marcel überlegte kurz und gab sich dann selbst die Antwort. „Weil ich nicht dran gedacht habe, dass das ein Problem sein könnte. Und es wäre auch keins gewesen, denn auf den Malediven hätte mich das alles nicht gejuckt. Jetzt aber, wo ich hier festhänge …“ Er verstummte und legte das Diktiergerät auf das Linoleum des Küchentischs, um die Arme um seinen zitternden Körper schlingen zu können.
Dass sich keine Hauchwolken vor seinen Lippen bildeten, war auch alles. Düster fuhr er ohne das Diktiergerät fort: „So kann das nicht weitergehen. Irgendwie muss ich jetzt erst mal klarkommen. Die Frage ist nur, wie? Ohne Hilfe geht es wohl nicht. Ich muss zu dieser durchgeknallten Frau und sie um Feuerholz bitten, sonst erfriere ich am Ende noch in diesem tollen Erbe.“
Er sah erneut zum Fenster hinaus und durchdrang mit seinem Blick den etwas nachlassenden Schneefall, um zum Hof schauen zu können, der etwa dreißig Meter entfernt lag. „Ihr Kamin raucht ganz ordentlich, soweit ich das erkennen kann. Also wird sie wohl Holz haben, um Feuer zu machen. Sie kann mir bestimmt was davon abgeben. Ich werde ihr Geld anbieten. Diese Marie kann sicher welches brauchen, so wie sie aussieht. Ihren Mann wird’s freuen, wenn sie mal was an sich machen lässt. Die war höchstwahrscheinlich schon ewig nicht bei der Maniküre und beim Friseur. So schönes Haar, aber nur mit einem Gummi zusammengebunden. Ein paar Hochsteckfrisuren würden sie vielleicht interessieren. Und eine Kosmetikerin kann aus ihr sicher noch jede Menge rausholen. Gut sieht sie schon aus, aber man kann da ganz bestimmt noch was optimieren. Frauen mögen es doch, sich hübsch zu machen. Nur das kostet halt. Ja, Geld wird sie dazu bringen, mir hier ein wenig unter die Arme zu greifen, solange ich es in diesem Höllenloch aushalten muss. Und wenn ich Glück habe, bekomme ich meinen Flieger ja vielleicht doch noch.“
Marcel griff zum Diktiergerät, stand auf und ging ins Wohnzimmer hinüber. Der Raum war düster, da die rostroten Vorhänge geschlossen waren. Er legte sein Diktiergerät, das er gerne wie ein Tagebuch benutzte, auf den Schrank, der neben dem ausgeleierten Sofa stand. Dann fuhr er mit den Fingerkuppen über das rissige Holz.
„Von wegen Antiquitäten – die gesamte Einrichtung besteht nur aus Zeug, das dringend auf den Sperrmüll gehört. Mensch, Joachim, was hast du dir nur dabei gedacht, mir so einen Unsinn zu erzählen? Als Unternehmensberater bist du einsame Spitze, aber in Erbangelegenheiten solltest du dich demnächst besser zurückhalten. Zu behaupten, ein bislang unbekannter Onkel in der Eifel hätte bestimmt über die Jahre hinweg kostbare Möbel, alte Schmuckstücke und seltenes Geschirr gehortet, war wohl ein absoluter Schuss in den Ofen. Und hätte ich hier Handy-Empfang, würde ich dir jetzt auch genau das um die Ohren knallen. Aber das kommt schon noch – sobald die Tonnen von Schnee weggeräumt wurden, und ich meinen Porsche dazu überreden kann, mich von diesem grauenvollen Ort wieder wegzubringen. Ich werde Gas geben und nie mehr herkommen. Wozu auch? Das Haus kann von mir aus abgerissen werden, und das Grundstück verkaufe ich als Bauland. Dann bin ich diesen Albtraum wieder los. Dass du mich überredet hast, das Erbe anzunehmen, werde ich dir mit etlichen Cocktails berechnen, für die du zahlen musst. Und je länger ich hier festsitze, umso teurer wird es für dich.“
Marcel schnaubte. Jetzt war er schon so weit, dass er vor sich hinredete und nicht mal mehr das Diktiergerät als Ausrede für seine Macke herhalten konnte. Aber was, als Selbstgespräche zu führen, blieb ihm übrig, wenn er nicht vereinsamen wollte? Normalerweise hätte er schon ein oder zwei Dutzend Mal zum Handy gegriffen und verschiedene Bekannte angerufen, um mit ihnen zu sprechen. Als Single war es unerlässlich, viele Kontakte zu haben, auf die man seine Geschichten und Gedanken aufteilen konnte. Schließlich war es nicht gut, nur einem einzigen Menschen zur Last zu fallen. So einem richtig guten Freund vielleicht, aber den hatte er ja verloren – an Veronika, seine letzte große Liebe. Was für eine falsche Schlange!
Hübsch … sehr sogar! Okay, das hatte ihn geblendet. Aber welchem Kerl wäre das nicht passiert? Mit ihren apfelgroßen Brüsten, die sich immer gegen die stets blütenweißen Blusen gedrückt hatten, hatte sie ihn sich geangelt. Inzwischen war er überzeugt davon, dass sie extra dafür gesorgt hatte, dass ihre Nippel immer standen, bevor sie sein Büro betreten hatte. So kalt war es in der Firma ja wohl nicht – schließlich ließ er seine Angestellten nicht frieren. Umso unfairer war es, dass er sich selbst nun hier in der Einöde den Hintern abfrieren musste. Und das nur, weil sein Porsche trotz Allradantrieb unter diesen Umständen nicht mehr vom Fleck kam. Denn bei solchen Massen half einzig ein Schneemobil, da konnte er seinem Auto nun wirklich keinen Vorwurf machen.
Mit seiner Entscheidung, sich den Porsche zuzulegen, war er sehr zufrieden. Er hatte ihn nach seinem Unfall gekauft, als sein heiß geliebter Audi R8 nur noch ein Trümmerhaufen gewesen war – im Grunde so, wie er selbst. Aber als er das Krankenhaus endlich hatte verlassen können, war er bereit gewesen, mit der Geschichte abzuschließen, indem er sich einen neuen Flitzer gönnte. Und diesmal war er sogar gewillt, das Porsche-Klischee zu erfüllen.
Es war anfangs schwierig gewesen, wieder hinter dem Steuer zu sitzen, doch das hatte er keiner Menschenseele erzählt. Er hatte die Zähne zusammengebissen und seine Panik überwunden – so, wie es sich für einen Mann in seiner Position nun mal gehörte. Darauf konnte er stolz sein, auch wenn ihn niemand dafür bewunderte. Und nun, da er nicht nur seine Angst bezwungen, sondern auch ein sehr lukratives Geschäft zum Jahresende hin abgeschlossen hatte, stand ihm wohl endlich etwas Urlaub zu.
Zum Glück war es noch eine knappe Woche bis Heiligabend. Wenn er was drauflegte, würde er ganz bestimmt noch einen Flug und ein Hotel auf den Malediven finden – schließlich gab es da doch genügend Inseln, die Rundumservice für Weihnachtsflüchtlingstouristen boten. Geld war der Schlüssel zu allem. Ihm fiel Marie wieder ein – seine einzige Chance, ein bisschen Wärme in die heruntergekommenen, düsteren Räume seines verstorbenen Onkels zu bringen. Also raffte er sich auf, schlüpfte in seine handgefertigten Slipper aus italienischem Kalbsleder und zog sein dunkelblaues Armani-Sakko über das weiße Businesshemd. Auf eine Krawatte hatte er zum Anlass der Hausbesichtigung verzichtet.
Ein Blick in den halbblinden Spiegel, der im Flur an der Wand hing, zeigte ihm, dass er trotz der Umstände recht gut aussah. Zum Glück hatte er sich vor der Abfahrt noch rasiert, und sein letzter Friseurbesuch war erst zwei Tage her. Er strich über sein kurzes dunkles Haar, das auch ohne diese Maßnahme perfekt in Form lag: gepflegt, aber vom leicht fransigen Schnitt her doch eine Spur verwegen. Ganz so, wie es die meisten Frauen mochten. Er zog seinen Wildledermantel über, der in der Stadt normalerweise ausreichte. Marcel war nur selten längere Strecken zu Fuß unterwegs. Die meiste Zeit verbrachte er – zumindest in der kalten Jahreszeit – eigentlich in Räumen. Mehr als ein paar Flöckchen bekam er selten ab, wenn er in Düsseldorf unterwegs war. Hier könnte sich das Kleidungsstück jedoch als zu dünn erweisen – und als zu anfällig für Feuchtigkeit. Dummerweise ließ sich daran nun aber nichts mehr ändern. Er besaß ausschließlich Designerkleidung von hochwertiger Qualität, die er bei verschiedenen Herrenausstattern in Auftrag gab. In fast jedes der Teile ließ er seinen kompletten Namen einsticken, nicht nur seine Initialen, wie die meisten es taten. Für ihn war es ein Zeichen guten Geschmacks und seiner Persönlichkeit. Und jeder Herrenausstatter, der etwas auf sich hielt, bot diesen Service an, weil es einfach zum guten Stil gehörte. Es gab jedoch auch Männer, die ein Stilbekenntnis nicht gebührend zu schätzen wussten. Sein früherer Freund Mike zum Beispiel, mit dem Veronika durchgebrannt war, hatte mal scherzhaft gemutmaßt, dass Marcel seinen Namen nur einsticken ließ, damit er im Falle einer Amnesie herausfinden konnte, was er anziehen durfte, damit er nicht nackt durch die Weltgeschichte laufen musste. Wie nah er im letzten Jahr mit diesem Scherz die Wahrheit berührt hatte, würde er niemals mit ihm besprechen können, denn dass Veronika ihm den schmerzlichen Laufpass gegeben hatte, und seinen damals besten Freund gleich mitgenommen hatte, war ein halbes Jahr vor seinem Unfall gewesen. Vielleicht hätte er Veronika auch ein Label verpassen sollen – andererseits hätte gerade Mike das ja offensichtlich nicht respektiert. Und so hatte er beide verloren. Wirklich einschneidende Verluste. Aber inzwischen egal … denn das alles war doch längst überwunden. Er hatte gelernt, nach vorne zu blicken und niemals zurück. Das Einzige, was jetzt zählte, war seine augenblickliche Lage. Marcel nahm sich vor, sich nicht allzu sehr zu ärgern, falls seine teure Kleidung in dieser schrecklichen Einöde und unter dem geradezu lächerlich harten Winter der Eifel Schaden nahm. Er würde sich eben neue Sachen gönnen und die Shoppingtour als Teil seines Urlaubs ansehen. Ja, der Plan gefiel ihm.
Als er die Haustür öffnete, fiel prompt eine Ladung Schnee vom Dach und türmte einen gut einen halben Meter hohen Berg vor ihm auf. Abgesehen davon, dass so viel Schneepulver in den Flur stob, dass der Eingangsbereich wie mit Puderzucker überzogen aussah. „Verdammt“, murmelte Marcel. Gelassen zu bleiben, würde doch nicht ganz so leicht werden. Um den Schnee im Haus wollte er sich später kümmern. Vielleicht war es doch ganz gut, dass es dort so kalt war, dass sich in absehbarer Zeit keine Wasserlachen auf den alten Holzdielen bilden würden. Er zog den Schlüssel aus dem Schloss, den er bei seiner Ankunft von innen auf die Haustür gesteckt hatte, und verstaute ihn in seiner Hosentasche. Hätte er doch bloß ausnahmsweise mal eine Jeans angezogen, statt seine Anzüge aus Baumwoll-Satin-Stoff. Die Hose würde im Nu patschnass sein.
Er versuchte mit einem großen Schritt, den Schneeberg so gut wie möglich zu überwinden, doch die glatten Sohlen seiner Slipper boten ihm keinerlei Halt. Statt den Hügel zu meistern, setzte er sich mit dem Hintern unsanft mitten darauf. „AU! VERDAMMTER MIST!“ Marcel wollte aufstehen, aber es ging nicht. Sein Steißbein tat höllisch weh, und sobald er sich ein Stück aufrichtete, rutschten seine Beine sofort wieder weg. Solche Schmerzen hatte er lange nicht gehabt – und dann noch an diesem unrühmlichen Körperteil. An all dem war nur dieser schreckliche Ort schuld! Der schien wirklich wie verhext …
„Brauchen Sie Hilfe?“
Das war Maries Stimme! Na toll, jetzt sah ihn diese Hinterwäldlerin auch noch in solch einer peinlichen Lage.
„Danke, geht schon. Die Schneemassen kamen ja wie aus dem Nichts.“ Marcel versuchte erneut, auf die Beine zu kommen. Das einzige Ergebnis war, dass er wieder schwungvoll auf seinen vier Buchstaben landete, und ihm ein gequältes Stöhnen entfuhr. Sein Hosenboden war inzwischen völlig durchnässt, die Feuchtigkeit fraß sich sogar bis vorne durch. Eiskalt war es im Schritt. Ganz sicher würde er bleibende Schäden davontragen, wenn seine Hoden unterkühlten – am Ende würde er vielleicht noch mit seinen Genitalien an dem Schneeberg festfrieren. Alles andere als eine schöne Vorstellung! Er schnaubte leise, und, wie er sich selbst eingestehen musste, ziemlich verzweifelt. Marie rührte sich nicht, sondern blickte ihn nur mit ihren zugegeben recht smarten grünen Augen an. Wie eine Wildkatze, die sich auf ihn stürzen würde, um ihm das Fleisch von den Knochen zu nagen, sobald er flacher zu atmen begann.
„Sind Sie sicher, dass Sie keine Hilfe brauchen?“, fragte sie mit kritischem Blick. Sie trug wieder den übergroßen Wollmantel, der diesmal jedoch wenigstens ordentlich zugeknöpft war.
Marcel wusste nicht, was er sagen sollte, denn auf ihr Angebot, ihm aufzuhelfen, konnte er wohl kaum ernsthaft eingehen. Sie war so zart … groß zwar, aber unter dem Mantel bestimmt eine schlanke und zierliche Person. Dann streckte sie ungefragt die Hände nach ihm aus, packte seine Schultern und zog ihn beherzt auf die Füße, während er rasch so gut wie möglich mithalf.
Marcel schwankte. Keuchte. Biss die Zähne zusammen, als sein Steißbein protestierte. Wie hatte sie das nur gemacht? Diese Kräfte hätte er ihr niemals zugetraut. Aber er stand – auch wenn er immer noch wackelig auf den Beinen war.
„Danke. Das wäre wirklich nicht nötig gewesen“, sagte er ziemlich kleinlaut.
„Sah mir aber sehr danach aus, als hätten Sie es nötig gehabt.“ Lächelte sie jetzt etwa hintergründig?
„Äh …“, erwiderte Marcel. Das Lächeln war schon wieder verschwunden. Und ganz sicher hatte er es sich nur eingebildet.
