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Dieser Band enthält eine Auswahl an Gedichten Jascha Dhals, die zwischen 1989 und 2010 entstanden sind. Diese Lyrik spricht ihre eigene Sprache, handelt – wie viele Gedichte – von Liebe und Leid, von Sehnsucht und Gleichgültigkeit, von großem Weltgeschehen und kleinem Glück. Sie gaukelt Erlebtes vor oder berichtet davon, ganz so, wie es für sie typisch ist. Und doch ist das einzelne Gedicht schwer zu bändigen, geht durch den Kopf des Schreibenden hindurch, wird ihm untreu, überlässt sich einer Instanz, die manche das lyrische Ich nennen, und fläzt sich ungehorsam auf ein leeres Blatt Papier. Da lümmelt es nun, man feilt an ihm herum, streicht Körperteile fort, ergänzt sie durch makellosere. Und irgendwann will es sein Eigenleben. Und es will nicht allein sein, wie wir Menschen nicht allein sein wollen, deshalb ist es vereint worden mit den anderen, die dem Kopf eines Einzelnen entstiegen sind und ebenso nach Freiheit rufen. Ob es darüber glücklich ist, entscheidet der Leser.
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Seitenzahl: 48
Veröffentlichungsjahr: 2014
Jascha Dhal
schneezu
Gedichte
Hamburg
2013
©2013 Jascha Dhal
Verlag: tredition GmbH, Hamburg ISBN: 978-3-8495-7508-3
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Für Linde und Joe
Novembernebel
Über der stadt lag der novembernebel: Ein schleier, fortgeworfen Nach dieser brautnacht, doch wo war die braut Doch wo war ich: und wo warst du.
Über der stadt lag der novembernebel: Ich hielt deine hand fest Unter der laterne, unterm geelen licht Unterm ginsterbusch von hiddensee.
Über der stadt lag der novembernebel: Und aus der ROCKY HORROR PICTURE SHOW stieg frank.N.Furter Und dein herz wurde ein stein.
Über der stadt lag der novembernebel: Und mein herz wurde ein vogel
Namloser Winter
Die bäume haben ihr laub lang verlorn ’s auge erinnnrung hängt nicht in den zweigen Wo schneezu und traumlos begierden verdorrn Und spatzen zwitschern zwischen dem schweigen.
Kein daunenblick, der mir, dem liebenden galt In tavernen des südens und hinter den sternen Mein ruf ist verendet im illusionsleeren wald Ein ruf nur zum mond, zum sommer, dem fernen.
Ich träum meine trauer in kälte hinein Und lausche dem klang verwitterter orte
Ludwig
Für Wolfgang
Der knabe am stillen see angelt nahe des kreuzes Während hinter ihm die blätter des herbstes Den spiegel kräuseln: tief in den wassern Die verlognen legenden können nicht schwimmen.
Ich sitz auf der parkbank nah der kapelle Und glaube schon fast, seinen schatten zu sehn Dass er dem wasser entsteigt und dem jungen Den fisch gibt, der noch zappelt am haken.
Zerteilt ein schepperndes lachen die luft Weiß ich, dass meine träume zerplatzt sind
Ruchloses Gedicht
Die verse verklumpen im kopf zu brei Von bäumen und ästen und straßenkehrern Handeln sie noch und dass hoffnung wohl sei Insgeheim schau ich im klo nach verehrern.
Die bäume vorm haus haben männerleiber Und äste werden zu armen und reichen, die roh Kopulieren im hinterhof – kreischende weiber Und nachts im bett find ich den halm stroh.
Wundert’s, wenn früh die straßenkehrer So lächeln, dass ich ihren blick nicht versteh Mein kopf ist leer, mein bauch noch viel leerer
Trocken/–übung
Hab ich Etwas wein noch Im schrank Noch – nach jenem vollmond Ruf in die nebel der seele Immer denselben vers, immer
Schattender Sommer
Vielleicht geht ja doch noch Der tresor auf Mit liebesbriefen Der toten vom friedhof Über den ich flaniere im schnee.
Oder der maskenmann schleicht Durch die dünen zum strand.
Oder ist überall nur stoff drin Aus dem träume gemacht.
Das bild meines freunds Hängt an geheimer stelle Im unruhigen zimmer.
Aber der maskenmann zückt Sein feuerzeug.
Oder das ferne lachen verhallt: ein schrei Aus flammen, die lange schatten ziehn.
Fontänen eisigen wassers Spiegel schatten schwertschwingender Mann ohne unterleib Schwertschwingender sommer In dreiecksbadehose Ohne schatten – ein es.
Ein schreck in verglüh’nden gesichtern. Oder der maskenmann ohne unterleib Wäscht seine dreiecksbadehose im schnee
Des vorjahrs fort. Vielleicht geht ja doch noch Der tresor auf Oder die dreiecksbadehose im schnee.
Oder das bild meines freunds hängt Nicht an geheimer stelle in meinem zimmer.
Oder es hängt vor der wohnungstür. Daneben ein hässlicher aids-spruch Neidischer nachbarn.
Oder der wilde westen wird
Bismarck
Die schmutzigen tauben berlins sitzen Und lachen untern linden unterm asphalt Hin und wieder greifen sie, fliegend, Vom gebrochenen brot der touristen.
Was mach ich hier auf dem kotigen pflaster Springt mir ein broadway-plakat ins aug. Das zigeunermädchen am fuße des königs Hält fordernd die hand mir entgegen.
Der greise kanzler: sein zuckerbrötchen Schlägt das kind aus der verwitterten hand Des komischen alten. und ich kaufe die karten
Für die berühmte revue aus new york.
Erstes sonett für sebastian
DIE AUFERSTEHUNG DER WITWE zur nacht Traumgeboren und blass lächelt sie Über den bettrand hinweg gegen die mauern Im kopf und die drähte im herzen.
WIR GEHEN NEUE WEGE in unseren Sexuellen beziehungen: abwechslung Im bett tut gut unserm ego: leichen Fleddrer stehn schon am tor
Meines friedhofs und lächeln grausam Bei jeder beerdigung meiner gefühle. DER FELS IN DER BRANDUNG wird ausgespült
Mit jeder neuen welle hoffnung.
Der zerbrochene traum
Die halbe nachtlang reden mit den wänden Deren ohren ich nicht mehr sehen kann Die halbe nachtlang schlafen mit dem lächeln Aus dem film von jean-luc godard: Diesem geistabwesenden ängstlichen Verlogenen lächeln des protagonisten ENDLICH FREI: endlich gefangen & er, den ich liebe, wird am freitag Fort sein & am samstag frei & am sonntag gefangen zwischen wänden. & begegnen wir uns am montag Hat eine neue woche begonnen (ein neuer anhaltender traum) Bin ich gefangen zwischen Seinem lächeln & meinem lächeln & dem lächeln aus dem film Von jean-luc godard & habe die halbe nachtlang
Nachtdunkel
Nachtdunkel fliegen mir fledermäuse Ins haar, ins schüttere, und beißen Sich in die kopfhaut und kriechen Durch die windungen meines hirns
