Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Nach 2009, 2011, 2013 und 2015 fand am 4. November 2017 in Aachen bereits die fünfte Tagung zu Nahtoderfahrungen (NTE), dem Thema Tod im Allgemeinen und der Frage nach einem möglichen "Danach" statt. Ohne Scheuklappen oder Berührungsängste sollen hier Referenten der verschiedensten Fachrichtungen und Denkansätze ein Forum geboten bekommen: Das gilt für Naturwissenschaftler, Theologen, Philosophen und Mediziner genauso wie für NTE-Betroffene sowie Vertreter sehr unterschiedlicher esoterischer Gruppen. Gerade diese Vielfalt hat die Aachener Seminarreihe bisher ausgezeichnet. Das diesjährige Symposum trug den Untertitel "Sind Religionen religiös und Wissenschaften wissend?" Diese für viele sicher provokante, wenn nicht gar unangebrachte Frage deutet schon im Vorfeld darauf hin, dass wohl offensichtlich vieles von dem, was man heute zum einen glauben und zum anderen als bereits gesichertes Wissen annehmen soll, tatsächlich unverändert kritisch hinterfragt werden muss. Das Seminar sollte wieder dabei helfen, sich einen Überblick über die aktuellen Vorstellungen und die zahlreichen damit verbundenen Probleme, offenen neuen Fragen und nicht selten auch großen Unstimmigkeiten zu machen; denn unsere Welt ist wohl ziemlich sicher anders, als wir sie heute verstehen und verstehen sollen. Nach wie vor sucht man zu Recht nach den Wahrheiten, doch gibt es sie überhaupt und was könnte vielleicht helfen, wenigstens in die richtigen Richtungen zu blicken? Oder ist selbst das zu vermessen? Nicht wenige Forscher fordern längst einen Paradigmenwechsel im wissenschaftlichen Weltbild, unter anderem auch, weil das häufige Phänomen von NTE meist bloß abfällig abgetan und missachtet wird, womöglich aber tatsächlich auf andere Realitäten hinzudeuten scheint.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 199
Veröffentlichungsjahr: 2018
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Herausgeber:
Prof. Dr. med. Walter van Laack
Facharzt für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie, Physikalische Therapie, Sportmedizin, Chirotherapie, Akupunktur, Dozent an der FH Aachen, Campus Jülich, für Medizintechnik und Grenzgebiete der Medizin im Fachbereich Medizintechnik und Technomathematik, Buchautor
Umschlagseite
gestaltet von meinem Sohn Martin van Laack, Master of Science in Architektur (RWTH Aachen)
Vorwort des Herausgebers
Klaus Müller
Prolog
Alois Serwaty
Die Brüche des Lebens sind die Einfallstore des Unendlichen
Rinus van Warven (NL)
Sind Religionen religiös?
Raymond Saerens (B)
Wie wissend sind Naturwissenschaften heute?
Christine Stein
Botschaften meiner eigenen Nahtoderfahrung
Christina Hecke
Meine eigene Nahtoderfahrung
anschl. Christina Hecke im Interview mit Frank Hansen
Die zweite Geburt der Christina Hecke
Jörgen Bruhn
Nahtoderfahrungen als Thema im Unterricht
Willibert Pauels
Tod und Auferstehung im Christentum
Enno E. Popkes
Nahtoderfahrungen als vergessene Quellen des frühen Christentums: Thesen zum Verhältnis von Nahtoderfahrungen, Platonismus und Christentum
Ralf Otte
Physikalische Grundlage des Geistes
Walter van Laack
Nahtoderfahrungen im Spiegel von Wissenschaft und Logik
Das Netzwerk Nahtoderfahrung e.V. (N.NTE)
Aktuelle Bücher des Herausgebers
nach 2009, 2011, 2013 und 2015 fand am 4. November 2017 in Aachen bereits die fünfte Tagung zu Nahtoderfahrungen (NTE), dem Thema Tod im Allgemeinen und der Frage nach einem möglichen „Danach“, statt. Die Seminarreihe dient dazu, Referenten der verschiedensten Fachrichtungen und Denkansätze ohne Scheuklappen oder Berührungsängste ein Forum zu bieten:
Das gilt für Naturwissenschaftler, Theologen, Philosophen, Mediziner genauso wie für NTE-Betroffene und Vertreter sehr unterschiedlicher esoterischer Gruppen. Gerade diese Vielfalt hat die Aachener Seminarreihe bisher ausgezeichnet.
Das diesjährige Symposium trug den Untertitel
„Sind Religionen religiös und Wissenschaften wissend?“
Diese für viele sicher provokante, wenn nicht gar unangebrachte Frage weist bewusst deutlich darauf hin, dass wohl offensichtlich vieles von dem, was man heute zum einen glauben und zum anderen als bereits gesichertes Wissen annehmen soll, tatsächlich unverändert kritisch hinterfragt werden muss.
Die Seminarreihe soll dabei helfen, sich einen Überblick über die aktuellen Vorstellungen und die zahlreichen damit verbundenen Probleme, offenen und neuen Fragen und nicht so selten auch großen Unstimmigkeiten zu machen.
Eines ist wohl sicher: Unsere Welt ist wohl ziemlich anders, als wir sie heute verstehen und verstehen sollen!
Nach wie vor sucht man zu recht nach den Wahrheiten, doch gibt es sie überhaupt und was könnte vielleicht helfen, wenigstens in die richtigen Richtungen zu blicken? Oder ist selbst das vermessen?
Nicht wenige Forscher fordern längst einen Paradigmenwechsel im wissenschaftlichen Weltbild, unter anderem auch, weil das häufige Phänomen von NTE immer noch sehr häufig bloß abfällig abgetan und missachtet wird, womöglich aber tatsächlich auf andere Realitäten hinzudeuten scheint.
Wie bisher jedes Mal nach einer solchen Tagung im Aachener Dreiländereck, erscheint auch diesmal wieder ein Tagungsband. Mit ihm sind Sie nun einmal mehr herzlich eingeladen, sich mit diesem, einen jeden Einzelnen von uns existenziell berührenden Themenkreis intensiv auseinanderzusetzen, sich über den aktuellen Stand der Forschungen zu informieren und gerne auch kritisch mitzudiskutieren.
Dabei können die hier publizierten Beiträge hier und da etwas von den Inhalten der eigentlichen Seminarvorträge abweichen und diese damit noch ergänzen. Das ist so gewollt.
Wie immer, so gibt auch in diesem Band jeder Beitrag stets vor allem die Sichtweise des jeweiligen Autors wieder, die durchaus nicht immer – und zumindest nicht immer vollständig – mit der Sichtweise anderer Autoren oder des Herausgebers übereinstimmen muss.
Die Beitragsanordnung entspricht wie schon in allen letzten Tagungsbänden der Reihenfolge der bei dem Seminar gehaltenen Vorträge, mit einer Ausnahme: Das Seminar moderierte diesmal der Mitbegründer und langjährige Vorsitzende des deutschen Netzwerks Nahtoderfahrung (N.NTE), Alois Serwaty.
Auch ihn habe ich daher eingeladen, für diesen Tagungsband einen Beitrag zu schreiben, der dem Prolog von Klaus Müller folgt.
Aachen, im Januar 2018 Prof. Dr. med. Walter van Laack
Kapitän
Zunächst danke ich Prof. Dr. Walter van Laack und Alois Serwaty für die Initiative und den Mut, zum 5. NTE – Seminar nach Aachen einzuladen. Referenten und Gäste haben wieder die Möglichkeit, Neues über NTE zu hören, zu berichten, es besser zu verstehen und sich Einsichten zu erarbeiten.
NTE gehen in all unsere Sinne und sind kaum zu überschauen. Vielleicht sollte der Titel des Prologs, statt „Nahtoderfahrungen im Spiegel von Religionen und Wissenschaften“, geändert werden in „NTE, ein Spiegel der Wissenschaften“, oder in „Ein Spiegel unserer Sinne“.
Könnte man doch einen besseren Ausdruck als „NTE“ finden.
Vielleicht Grenzerlebnis, Seelenwanderung oder auch Seelenerkenntnis. Etwas, das die Faszination und Bedeutung der NTE kurz und treffend ausdrückt. NTE zu erklären führt zu einer unbewussten Ablehnung, allein wegen des Begriffs Nah-Todes-Erfahrung. Menschen im Hospiz- und Palliativdienst gehen leichter mit dem Begriff „Tod“ um.
NTE – Forschung umfasst unter anderem alle systematisch gesammelten, aufbewahrten, gelehrten und überlieferten Erkenntnisse und Erfahrungen. Das ergibt ein breites Spektrum. Physik, Chemie, Natur, Weltall, Mathematik, Philosophie, Psychologie, Medizin und Religion – NTE fordert und bittet sie alle um vernünftige Erklärungen für ein Phänomen, welches real existiert und bislang keiner umfassend und erfolgreich in eine Schublade stecken konnte.
Wer versucht, NTE aus nur einem der genannten Themenkreise zu erklären, ohne die anderen einzubeziehen, kann auch nicht zum Ziel gelangen.
NTE leben von interdisziplinärer Forschung und Forschungsfreiheit, überprüfbar, offen, frei und neutral. NTE fordern all unser Wissen, wahrlich eine faszinierende Menge und doch längst nicht genug.
Wissenschaftliche Aussagen über NTE sind oft abhängig von der persönlichen Einstellung zu dem Thema.
NTE werden seit etwa 40 Jahren konsequenter als je zuvor erforscht. Klare Ergebnisse der NTE – Forschung liegen durchaus vor.
Doch wir geraten schnell an Grenzen, ob in Naturwissenschaft oder Mystik.
Wer Gott, Metaphysik, Geist, Seele und Bewusstsein grundsätzlich ablehnt, weil nicht im wissenschaftlichen Sinn mit Experimenten beweisbar, sollte lieber schweigen, wenn er um NTE befragt wird.
Wie sagte schon Goethe: Es ist für den denkenden Menschen das schönste Glück, das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren.
Eigenes Wissen, absolut und wie ein Credo zu bewerten, mag in vielen Details richtig sein, dem Ganzen dient es wenig; denn das Ganze ist stets mehr als nur die Summe seiner Bestandteile.
Leben und Tod sind ein unfassbares Ganzes. Wir sind hier einmal mehr in Aachen, um tiefer darin einzudringen.
Wir können zwischen dem, was wahrnimmt, und dem, was wahrgenommen wird, unterscheiden. Wir wissen aber auch, dass schon das Leben selbst ein unfassbares Ganzes ist und bleibt.
Wahres Selbst ist kein Etwas. Es ist eine Metapher für die unfassbare Dimension unseres Lebens, die durch das Körperliche Sein allein nicht erklärt wird. Und Ausdruck dieser Einsicht ist tiefes Vertrauen in das Leben als eine andere Form des Seins, die das Körperliche, ja alles Irdische übersteigt.
Die westliche Kultur und Wissenschaft gibt leider kaum Raum für spirituelle Erfahrungen.
Immer wieder wird die Sicht unserer Welt hinterfragt. Und dabei zeigt sich, die Vorstellungen unserer Welt und von uns selbst, stoßen schon bald an Grenzen. Diese Erkenntnis sollte uns Demut lehren und auch auf die innere Stimme der Weisheit zu hören. Und wir dürfen erkennen; unser Ich und unser Bewusstsein sind weitere große Mysterien.
In Goethes Mephisto im „Faust2“ findet sich, spöttisch im Saal des Thrones:
„Daran erkenn ich den gelehrten Herrn! Was ihr nicht tastet steht euch meilenfern, was ihr nicht fasst, das fehlt euch ganz und gar, was ihr nicht rechnet, glaubt ihr sei nicht wahr. Was ihr nicht wägt, hat für euch kein Gewicht, was ihr nicht münzt, das, meint ihr, gelte nicht.“
Mehr als Essen und Trinken sind nötig um weise zu werden, ja, um erst wirklich Mensch zu sein.
Wer intensiv fragt, wird immer wieder feststellen, dass Dinge anders sind, als sie scheinen. Die Frage ist ebenso wichtig wie die Antwort.
Weisheit ist eine Voraussetzung für erfolgreiche NTE Forschung. Und die Folgen einer NTE gehen in Richtung mehr Weisheit.
Hier einige weitere Zitate, die nachdenklich stimmen:
Albert Einstein sagte: „Ich bin religiös. Gott offenbart sich in harmonischer Ordnung. Die Natur verbirgt ihr Geheimnis durch die Erhabenheit ihres Wissens.“
Immanuel Kant meinte: „Die Wissenschaft kann 3 Probleme nicht lösen: Gott, Freiheit, Unsterblichkeit.“
Und weiter:
„Alle Dinge verändern sich – es gilt das irdische zu übersteigen.
Der Weg zur Weisheit führt am Ende über die Moral!
Das Göttliche im Menschen ist als Weisheit erfahrbar.“
Der bekannte zeitgenössische Quantenphysiker Hans-Peter Dürr war überzeugt: „Wir erleben mehr, als wir begreifen.“ Und auch: „Es gibt nicht die eine Wahrheit, sondern die eine Wirklichkeit hat etwas mit Wahrscheinlichkeiten zu tun.“
Der französische Naturforscher, Philosoph und Theologe Pierre Teilhard Chardin fragte sich treffenderweise: „Sind wir nicht alle zusammen ein Gott im Werden?!“
Seit vielen Tausend Jahren lehren uns Religionsstifter und Philosophen wie Buddha, Sokrates, Jesus und Meister Eckart bereits Konsequenzen, auch aus Nahtoderfahrungen zu ihrer Zeit: Sie forderten Harmonie, Mitgefühl und Gerechtigkeit, aber allem voran, Liebe.
Bei Shakespeare findet sich im berühmten Hamlet, der bekannte Satz: „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als Schulweisheit sich träumen lässt.“
Für viele große Philosophen, für Heilige und Weise existierte keine Trennung zwischen Seele und Körper. Dualismus ist eine Einheit, aber der Körper produziert nicht die Seele, und er ist nicht die Seele. Eine Seele wächst und reift mit ihm heran, aber sie überdauert auch seine Alterung und natürlich auch seinen Tod.
Ethik, Weisheit, Moral und alles auf dem Boden von Liebe: Das ist die Basis der NTE- Wissenschaft.
Viel Wissen muss erarbeitet werden, um auch vertrauen zu können.
Die eigene Erfahrung aus meiner Hospizarbeit ist: Man hilft Sterbenden mit den Erkenntnissen der NTE. Sterbende hören mit großem Interesse über Nahtoderfahrungen.
Die NTE-Welt ist nicht „jenseitig“ und liegt auch nicht „hinter der Alltagswelt“, sondern sie ist deren Basis und eigentliche Struktur, nicht jenseitig und esoterisch, sondern im Gegenteil, auf radikale Weise diesseitig und empirisch.
Dögen Zenji, ein Meister des Zen-Buddhismus im 13. Jahrhundert, meinte einmal: „Weisheit wird hervorgerufen durch hören, nachdenken, üben und verwirklichen.“
Referenten aus mehreren europäischen Ländern befassen sich deshalb hier in Aachen einmal mehr mit dem Thema Nahtoderfahrungen. Das führt zu Fragen nach Leben und Tod im Allgemeinen und natürlich auch zu der Frage nach Vorstellungen zu einem möglichen Leben „Danach“. Das Thema wird diskutiert aus naturwissenschaftlicher, medizinischer, religiöser und philosophischer, aber auch aus esoterischer Sicht. Auch kommen NTE- „Betroffene („Beschenkte“) zu Wort und schildern ihre eigenen Erfahrenen und Empfindungen.
Weisheit ist schwierig zu definieren und zu lehren. Ähnliches gilt auch für NTE. Aber von ihr Beschenkte, sind einen wichtigen Schritt weiter auf dem Weg dorthin.
An Mediziner, Physiker, Theologen, NTE–Erfahrene und an alle interessierten Zuschauer, die wieder hier in Aachen zusammenkamen und kommen, gilt Dank und Anerkennung!
Man kann sich wahrlich freuen, wieder an diesem Seminar teilzunehmen.
Deshalb noch einmal, herzlichen Dank für Sinn und Zweck dieses Beisammenseins, und herzlichen Dank an alle Referenten, die zahlreichen Zuhörer und alle Helfer.
Mitgründer und langjähriger Vorsitzender N.NTE1
www.netzwerk-nahtoderfahrung.org
An einem schönen Septembertag sitze ich noch einmal in den späten Nachmittagsstunden in einem Strandkorb an der Rheinpromenade an meinem Wohnort Emmerich am Rhein. Es ist die letzte Stadt auf deutschem Boden, bevor der Fluss - sich verzweigend nach 1240 km - in die Nordsee mündet. Vor mir der Strom, die Weite der niederrheinischen Landschaft. Es ist bereits etwas anderes zu spüren, eher zu erahnen: Wandlung, Umbruch, Veränderung, Überschreitung. Der Wechsel der Jahreszeit ist bereits angelegt im Gegenwärtigen dieses Spätsommertages. Alles um mich vergessend, habe ich mich in ein politisches Buch vertieft: "In den Fängen von Stb, MfS und CIA" von Nicole Glocke. Sie schildert dort die Lebensgeschichte des Sudetendeutschen Eugen Mühlfeit, der in der Zeit des Kalten Krieges in die Fänge der Geheimdienste in Ost und West gerät. Fast gegen Ende stoße ich auf den Bericht seiner Folterung. Eugen Mühlfeit erwartet sein Ende. Einsam und umgeben von gespenstischen Gemäuern. Ich zitiere etwas länger: „Ich spürte, wie ich dem Tode näherkam. Zuerst war tiefste Dunkelheit in mir und um mich herum, die mich komplett verschlungen hatte. Irgendwann kam ein helles Licht, das mich erfasste und sich warm und gütig anfühlte. Es ließ mich vielerlei Dinge neu betrachten: Zum Beispiel bekam ich im Rahmen einer grundlegenden Katharsis Mitleid mit meinen Peinigern, so dass ihr Schmerz mir noch viel größer und gefährlicher, gar tödlicher vorkam als der Schmerz, der meinen Körper betraf. Das Licht kam immer wieder. Es schenkte mir neuen Mut, Hoffnung und vor allem die Bestätigung, dass ich auf dem richtigen Weg bin und auf gar keinen Fall auch nur einen Millimeter nachgeben darf.“
Das Licht befreit ihn von allen Zweifeln und Ängsten. Es schenkt ihm Ruhe und nimmt Eugen Mühlfeit seine Angst vor dem Tod und bewirkt zugleich einen viel stärkeren und intensiveren Glauben an das Leben, als er jemals zuvor besessen hat. So beschreibt es die Autorin und zitiert Eugen Mühlfeit: „Ich fühlte, dass noch nicht die Zeit gekommen war, mit dem Licht zu gehen, weil die Ernte noch nicht reif genug war. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich diese Erfahrung machen durfte. Denn seitdem stellt das Licht für mich die eigentliche Realität dar, den Ursprung dieser Welt, die Kraft, die das diesseitige und jenseitige Sein, kurz die Ewigkeit, zusammenhält.“
In diesem Augenblick löse ich zum ersten Mal meinen Blick von dem Text und schaue auf. Eine fast surrealistische Szene. Die Sonne steht blutrot über der Rheinbrücke und versinkt hinter der Martinikirche. In einem der Zeit enthobenen Augenblick ist mir, als sei es nur einen Schritt in die Unendlichkeit, nur eine Sekunde in die Ewigkeit. Und zugleich ein intensives Gefühl der Freiheit. Mitten im Getriebe der Promenade.
War dies nur ein flüchtiges, zufälliges Erlebnis, oder war es ein „Gipfelerlebnis“? War es nur ein kitschig-romantischer Augenblick wie in den Romanen von Rosamunde Pilcher? Der weltberühmte Sonnenuntergang in Key West am Mallory Square wenige Monaten zuvor bei einem Floridaurlaub hatte bei mir keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen, obwohl es die gleiche Sonne war, die unterging. Oder war es eine Erfahrung, deren Wirkung sich noch entfaltet? Ich habe alle Freiheit der Welt, diesem Erlebnis eine Bedeutung beizumessen und es damit als Erfahrung weiter wirksam werden zu lassen. Als Erlebnis ist es vergangen, als Erfahrung ist es so etwas geworden wie ein unvergesslicher Augenblick intensiven Gewahrseins von Wirklichkeit und Gegenwart.
Peak-Experience - Gipfelerlebnis - nennt die Wissenschaft solche Erfahrungen. Der Psychologe Abraham Maslow hat den Begriff geprägt und Merkmale dieser Erlebnisse beschrieben. Sie reihen sich ein in das weite Feld religiös-spiritueller Erfahrungen. Wie nach einer anstrengenden Gipfelersteigung die Mühen und Schmerzen des Aufstiegs vergessen sind, so verflüchtigt sich der „Staub und Moder“ des Erdenlebens für einen kurzen Augenblick. Der Blick wird frei und öffnet sich für eine grandiose Rundumschau. Der Weg aus dem Tal, den wir genommen haben, wird nun erkennbar. Auch mit seinen Umwegen und Irrwegen. Wir sehen klarer und erkennen die Zusammenhänge deutlicher. Auch in diesen Augenblicken spüren wir, dass die Grenzen dieser Wirklichkeit weit über das hinausreichen, was Alltagsbewusstsein uns an Wahrnehmung erlaubt.
Spätestens an dieser Stelle wird dem Leser des Essays der Unterschied zu den übrigen Beiträgen in diesem Band - aber auch zu meinen bisherigen Texten in der Reihe „Schnittstelle Tod“ von Walter van Laack als Herausgeber - deutlich geworden sein. Im Mittelpunkt steht nicht die gebührende Distanz des Wissenschaftlers oder des Sachbuchautors zum Thema, sondern die persönliche Auseinandersetzung des Verfassers mit dem Themen Sterben, Tod und außergewöhnlichen spirituellen Erlebnissen. Es ist die Reflexion dieser Erlebnisse und deren Verwandlung in Erfahrungen. Es sind Anmerkungen, gleichsam aufgereiht wie Perlen an einem roten Faden, fragmentarisch und subjektiv.
Wovon reden wir überhaupt?
Es sind Grenzerlebnisse, denen wir - je nach Ausprägung - einen Namen geben: Außerkörpererfahrung, Nahtoderfahrung, Sterbebettvision, terminale Geistesklarheit, Nachtod-Kommunikation, Peak-Experience, mystische Erfahrung, Alleinheits- oder Kundalini-Erfahrung. Mit dieser „Namenstaufe“ glauben wir dann, das Phänomen erfasst, verstanden, erklärt und somit „im Griff“ zu haben.
Diese Erfahrungen legen Zeugnis ab von der Kraft inneren Erlebens und dem Drang des Menschen zum Transzendenten, dem Absoluten, nach dem Streben zum Wahren, Schönen und Guten, nach dem Heiligen und Heilenden, nach unserer wahren Heimat, nach einer letzten Sinndimension. In anderen Worten: nach unserem letzten Bestimmungsort, nach der Liebe und dem Tod als Höhepunkt und dem eigentlichen Ziel des Menschen. Aber ist dies nicht ein verstörender Gedanke, der Tod als Höhepunkt und eigentliches Ziel des Lebens, zumindest in unserer Zeit?
Persönliche Erlebnisse und Lebenserfahrungen
Ich habe zu Beginn ein Erlebnis geschildert, das mit dem nüchternen Bericht der mir persönlich bekannten Autorin über die mystische Erfahrung bzw. das Lichterlebnis eines mir unbekannten Menschen verwoben wird. Ich habe Verständnis dafür, wenn es dem Außenstehenden schwer fallen mag, darin eine besondere Sinndimension zu sehen. Je näher ich auf das Ende des sechzigsten Lebensjahrzehnt zuging, desto deutlicher wurde mir, wie außergewöhnliche Erlebnisse und innere Bedürfnisse mein Leben beeinflusst haben: als Jugendlicher, in der zeitweise exzessiven Ausübung des Fallschirmsportes, in meinem Leben als Ehemann und Familienvater, in meinem Beruf als Offizier und in meinem gesellschaftlichen Engagement. Diese waren mal stärker, mal weniger deutlich spürbar, lange Zeit auch durch die alltäglichen Anforderungen verschüttet. Aber dennoch waren sie unterschwellig immer präsent. Mit dem Beginn des Alters tritt ihre unbewusste Wirkkraft nun stärker ins Bewusstsein. Ich habe sie lange Zeit als Zufälle betrachtet, heute sehe ich sie eher als Fügungen.
Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Diese Grundfragen des Menschen beschäftigten mich bereits als junger Mensch. Und vergleichbar lautete auch der Titel eines Buches, das ich als Vierzehn- oder Fünfzehnjähriger verschlang. Damit ist auch die Frage verbunden: Wer sind wir? Es ist also die Frage nach dem Sinn unseres Lebens. „Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz.“ So heißt es im Psalm 90, Vers 9. Leider ist diese Übersetzung in den neueren Bibelausgaben verloren gegangen. „… wir bringen zu Ende unsere Jahre wie ein Luftholen“. So übersetzt es der Theologe, Judaist und Logotherapeut Bernward Teuwsen. Ich vermag nicht zu sagen, welches die richtige Übersetzung, die angemessenere Interpretation des Urtextes ist. Nein, wie ein Geschwätz wollte ich mein Leben nicht verbringen. Später erfolgte durch eine Fügung die Begegnung und die Auseinandersetzung mit dem Werk von Nicolaus Cusanus (1401-1464). Seine Kern-Erkenntnisse: All unser Wissen ist nur „belehrtes Unwissen“ (de docta ignorantia). Es bleibt fragmentarisch. Erst in Gott fallen alle Gegensätze zusammen (de coincidentia oppositorum). Wir Menschen können die letzten Dinge und Zusammenhänge nicht wissen. Und so kommt Cusanus zu der Überzeugung: Jede bejahende Feststellung über das Wahre ist, wenn sie aus menschlichem Mund kommt, immer nur Mutmaßung. Die Erfassung des Wahren lässt sich stets vermehren, aber nie ausschöpfen.
Diese grundlegenden Einsichten des „Cusaners“ haben wesentlich mein Denken und Weltbild, meine Spiritualität geprägt, eine Spiritualität, die ich als eine „alltagstaugliche“ Spiritualität angesichts der Zerrissenheit des Menschen sowie der Fragwürdigkeit dieser Welt verstanden sehen möchte.
Wirklich bewusst ist mir dies aber erst geworden in einem Erlebnis bei einem medizinischen Eingriff, das wir heute sowohl wissenschaftlich als auch umgangssprachlich als „Außerkörper-Erfahrung“ und „Nahtoderfahrung“ benennen und es in das weite Feld der außergewöhnlichen Bewusstseins- oder spiritueller Erfahrungen einordnen. Es traf mich in der Mitte des Lebens im Alter von dreiundvierzig Jahren, und diese Erfahrung traf die Mitte meiner Person. Dabei war das Erlebnis noch nicht einmal so „spektakulär“, im Grunde war es eine „banale“ außerkörperliche Erfahrung bei einem medizinischen Eingriff, wie sie tausendfach berichtet wird. Aber in einem „transzendentalen“ Erkenntnisprozess fand ich dort die emotionale und spirituelle Bestätigung für das, was bis zu diesem Zeitpunkt nur eine blutleere, intellektuelle Erkenntnis gewesen war. In dieser außergewöhnlichen Bewusstseinsdimension entwickelte sie ihre eigentliche Überzeugungs- und Wirkungskraft.
Hinzu kamen im Laufe der Jahre insbesondere im Zusammenhang mit einer schwerwiegenden kardiologischen Erkrankung Erlebnisse im klinischen Tod und im Koma, die sich deutlich von der vorangegangenen außerkörperlichen Erfahrung bei dem früheren medizinischen Eingriff unterschieden, Erfahrungen, die neue Fragen aufwarfen.
Anfang März 2016 bin ich auf dem Weg zu einer kardiologischen Routineuntersuchung in das Hospital der nahegelegenen Kreisstadt. Ich stelle das Auto in unmittelbarer Nähe des Hospitals ab und bin im Begriff, die Straße zu überqueren. Dies ist die letzte bewusste Erinnerung bis zum langsamen Aufwachen aus dem Koma nach über einer Woche auf der Intensivstation des Hospitals. Die Ärzte und das Pflegepersonal informieren mich häppchenweise über das, was passiert war: Herzkammerflimmern und Herzstillstand außerhalb des Hospitals. Es war folglich zeitweise ein medizinischer Zustand, der in der Regel zum irreversiblen Tod, zumindest zu dauerhaften schwerwiegenden neurophysiologischen Ausfällen führt. Mit viel Glück und medizinischer Kunst konnte noch außerhalb des Hospitals nach ca. fünfzehn Minuten eine erfolgreiche Reanimation durch zufällig vorbeikommende Rettungssanitäter erfolgen. Ich überstand den Vorfall und ebenso schwerwiegende Krisen mit erneutem Herzstillstand und einem epileptischen Schock während des Komas auf der Intensivstation ohne dauerhafte physische oder psychische Schäden, auch wenn die Rehabilitation über zwei Monate dauerte. Ich bin dafür unendlich dankbar.
Ich habe bisher die medizinische Situation geschildert. Aber wie war die Erlebnisdimension im Koma? Ich habe keine Erinnerungen an den unmittelbaren Kollaps, an die Minuten, Stunden und Tage nach dem Vorfall, weder an die weitere medizinische Behandlung, noch an die ersten Besuche meiner Frau und der Familie. Ein absolutes Nichts. Erste Erinnerungen setzen ein mit dem langsamen Aufwachen aus dem Koma nach ca. einer Woche. Es waren „klassische“ Halluzinationen, die der Mediziner als „Durchgangssyndrom“ bezeichnet. Es war die Realisierung des Irrealen und die Irrealisierung des Realen. Ich möchte nicht behaupten, dass diese Halluzinationen ohne jegliche Bedeutung sind. Zumindest im Hinblick auf den Umgang mit Patienten und als Bewusstseinsphänomene im Koma sind sie durchaus beachtenswert. Es fehlte jedoch jeglicher Bezug zu einer transzendentalen Dimension, wie ich sie ca. 25 Jahre zuvor erlebt hatte, obwohl die Nähe zur (biologischen) Todesgrenze diesmal deutlich geringer gewesen war. Was wäre passiert, wenn die medizinischen Bemühungen letztlich doch vergeblich gewesen wären? Ist der Tod doch nur ein Versinken in ein erinnerungsloses, absolutes Nichts?
Reden oder Schweigen? - Die Schwierigkeit der „Übersetzung“
„Nicht alles ist übersetzbar. Die obere Grenze liegt bei Theologie und Gnostik. Es gibt Mysterien, die zwar transkripiert werden können, die zu transportieren oder paraphrasieren aber ein Sakrileg wäre und zudem nur höchst ungenau gelingen würde. In einem solchen Fall belässt man es am besten beim Unbegreiflichen.“ Ich kann diese Feststellung und den Ratschlag des Literaturwissenschaftlers George Steiner sehr gut verstehen. Wer solche Erfahrungen gemacht hat, steht vor der Frage: Darüber reden oder darüber schweigen? Es sind nun einmal außergewöhnliche Erfahrungen, die in ihrer Tiefe und Auswirkungen weit über das hinausgehen, was wir in unserer Alltagsrealität und unserem Alltagsbewusstsein wahrnehmen, Erfahrungen, die in kein wissenschaftliches Raster passen, die selbst im engsten Umfeld der Betroffenen auf Abwehrreaktionen stoßen, eben weil sie nicht verstanden werden können. Sie entziehen sich unmittelbarer Mitteilbarkeit. Es ist kaum möglich mit irdischen Worten von einer überirdischen Realität zu sprechen. Über die Erfahrung kann zwar berichtet werden, auch über den Prozess der Integration in das eigene Leben, der emotionale und spirituelle Gehalt bleibt einem Dritten jedoch unmittelbar verborgen. Es wird nie seine Erfahrung, es bleibt immer die des anderen. Dieses „Übersetzungsproblem“ ist durch die Unzulänglichkeit unserer Sprachbilder nicht zu lösen.
Der Philosoph Ludwig Wittgenstein geht noch einen Schritt weiter als Steiner und fordert: „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Und ein Drittes kommt hinzu: Wer viel über die Dinge redet, läuft Gefahr, sie zu verlieren.
Viele Menschen können in der Tat lange Zeit darüber nicht sprechen, aber schweigen geht irgendwann auch nicht mehr. Und es gibt gute Gründe, das Schweigen über das eigene Erleben zu brechen. Wer nämlich „sein Erleben verschweigt, entzieht sich der kritischen Durchleuchtung seiner Erfahrungen und damit jeder Diskussion. Aber nicht nur das – er verschuldet sich, denn er erzählt nicht von den Möglichkeiten des Menschseins und schließt Erfahrungsbereiche aus, die Leiden mindern können.“ (Werner Zurfluh: Quellen der Nacht, S.95). Dies ist für mich ein überzeugendes Argument. Deshalb habe ich erst nach Jahren des Schweigens über meine Erfahrungen - selbst im engsten Familienkreis - mich geöffnet und damit meine Erlebnisse der Kritik ausgesetzt - auch in der Öffentlichkeit. Aber dies ist eine sehr persönliche Entscheidung. Es wäre unredlich, diese von anderen Menschen zu verlangen. Ein jeder hat das Recht, eine solch persönliche Erfahrung mit ins Grab zu nehmen. Wer sie jedoch erzählt, muss sich über Gefährdungen bewusst sein. Sehr schnell entsteht die Versuchung der Vermarktung der Geschichte, schlimmer noch: die Gefahr einer Überhöhung und Verabsolutierung des persönlichen Erlebnisses.
