Schön hier. Architektur auf dem Land -  - E-Book

Schön hier. Architektur auf dem Land E-Book

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Beschreibung

Wie innovative Architektur das Leben auf dem Land neu definiert Ländliche Architektur hat enormes Potenzial – dieses hochwertige Architektur- und Fachbuch zeigt, wie sie modern interpretiert werden kann. Ob Wohnhäuser, Weingüter, Werkstätten oder öffentliche Gebäude: Schön hier. Architektur auf dem Land präsentiert 70 inspirierende Bauprojekte, die beweisen, wie gut durchdachte Architektur das Leben in ländlichen Regionen bereichert. Neben beeindruckenden Beispielen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz werden auch visionäre Projekte aus anderen europäischen Ländern vorgestellt. Zeitgemäßes Bauen für das Leben auf dem Land - 70 herausragende Projekte renommierter Architekten wie Gion A. Caminada, Florian Nagler und Max Dudler mit eindrucksvollen Fotografien und detaillierten Beschreibungen - Von Wohnhäusern bis zu Weingütern – eine breite Palette an Bauprojekten für nachhaltiges und funktionales Bauen - Fundierte Essays über Bautypologien, Infrastruktur und die Herausforderungen des Bauens in ländlichen Regionen runden diesen inspirierenden Bildband ab. Ein Standardwerk und Inspirationsquelle für Architekten, Bauherren und Designliebhaber und alle, die sich für modernes Bauen auf dem Land interessieren.

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Seitenzahl: 283

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Schön hier.

Architektur auf dem Land

Schön hier.

Architektur auf dem Land

Herausgegeben von Annette Becker, Stefanie Lampe, Lessano Negussie, Peter Cachola Schmal

Impressum

Im Sinne einer besseren Lesbarkeit der Texte wurde entweder die männliche oder weibliche Form von personenbezogenen Hauptwörtern gewählt. Dies impliziert keinesfalls eine Benachteiligung der anderen Geschlechter, sondern soll im Sinne der sprachlichen Vereinfachung als geschlechtsneutral zu verstehen sein.

Katalog

Diese Publikation erscheint anlässlich der Ausstellung Schön hier. Architektur auf dem Land des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt am Main vom 27. März bis 27. November 2022. Herausgegeben von Annette Becker, Stefanie Lampe, Lessano Negussie und Peter Cachola Schmal im Auftrag des Dezernats für Kultur und Wissenschaft, Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main

Buchkonzept

Annette Becker, Stefanie Lampe, Lessano Negussie

Wissenschaftliche Mitarbeit

Rebekka Rass, Alishia Sophie Rühl

Wissenschaftlicher Beirat

Peter Brückner, Brückner & Brückner Architekten, Tirschenreuth

Marta Doehler-Behzadi, Inter­nationale Bauausstellung Thüringen

Kerstin Gothe, Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Fakultät für Architektur

Roland Gruber, nonconform architektur vor Ort in Wien/Kärnten, LandLuft – Verein zur Förderung der Baukultur in ländlichen Räumen

Nadja Häupl, Hochschule Anhalt Dessauer Institut für Architektur und Facility Management (DAF), Städtebau

Martin Müller, Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft

Reiner Nagel, Bundesstiftung Baukultur

Ariane Sept, Kommunikations- und Wissensdynamiken im Raum, Leibniz-Institut für Raum­bezogene Sozialforschung (IRS)

Bibliothekarische Recherche

Christiane Eulig

Gestaltung

Torsten Köchlin, Joana Katte

Projektmanagement

Dorothee Hahn, Hatje Cantz

Lektorat

Ilka Backmeister-Collacott

Übersetzung vom Englischen ins Deutsche

Jeremy Gaines

Übersetzung vom Französischen ins Deutsche

Daniela Heinze

Verlagsherstellung

Stefanie Kruszyk

© 2022 Hatje Cantz, Berlin, und Autoren

Erschienen im

Hatje Cantz Verlag GmbH

Mommsenstraße 27

10629 Berlin

www.hatjecantz.de

Ein Unternehmen der Ganske Verlagsgruppe

ISBN 978-3-7757-5150-6 (Print)

ISBN 978-3-7757-5290-9 (E-Book)

Coverabbildungen

Gemeindebücherei Kressbronn am Bodensee © Brigida González

Frontispiz

Bergkapelle Schnepfau-Wirmboden © Adolf Bereuter

Ausstellung

Museumsleitung

Peter Cachola Schmal, Andrea Jürges

Ausstellungskonzeption

Annette Becker, Stefanie Lampe, Lessano Negussie

Wissenschaftliche Mitarbeit

Rebekka Rass, Alishia Sophie Rühl

Ausstellungsdesign

Feigenbaumpunkt

Arne Ciliox, Jochen Schiffner

unique assemblage

Alex Probst, Ralf Schlachter

Übersetzungen vom Deutschen ins Englische

Jeremy Gaines

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Brita Köhler, Anna Wegmann

Sekretariat und Verwaltung

Inka Plechaty, Nicole Fallert

Architekturvermittlung

Rebekka Kremershof, Flora Ciupke, Brigitte Brautmann, Linda Enseroth, Bettina Gebhardt, Natalie Heger, Ruth Schlögl, Paola Wechs, Michèle Zeuner; Freiwilliges Soziales Jahr: Gabriel Bär, Smilla Wicht

Führungen

Yorck Förster

Registrar

Wolfgang Welker

Produktion der Ausstellungsarchitektur

Design & Technik Klose GmbH

Ausstellungsrealisation

Christian Walter, Marina Barry, Enrico Hirsekorn, Caroline Krause, Ömer Simsek

Freilichtmuseum Hessenpark

Museumsleitung

Jens Scheller

Referat Ehrenamt und Fördermittel

Elke Ungeheuer

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Impressum

Einführung

Annette Becker, Stefanie Lampe, Lessano Negussie, Peter Cachola Schmal

Orte und Regionen

Thüringen, Deutschland

Zukunft braucht Herkunft

Rainer Müller

Valendas, Schweiz

Orte schaffen

Gion A. Caminada

Krumbach, Österreich

Gemeinsam planen, bauen, wohnen

Sonja Bettel

Zu neuer Blüte – Vom Bregenzerwald und dem Allgäu

Florian Aicher

Schwarzwald, Deutschland

Baukultur im Schwarzwald – Chancen und Mehrwert

Ulrike Fischer

Essays

Warum Baukultur auf dem Land immer wichtiger wird

Reiner Nagel

Welche Bauten braucht das Land

Nadja Häupl

Das Abenteuer liegt nebenan

Interview mit Marta Doehler-Behzadi, Roland Gruber und Jonas Merzbacher

Boden für Architektur

Florian Kirfel, Anika Gründer

Regionalplanung für den ländlichen Raum

Hans-Joachim Linke

Entwicklung ländlicher Räume –

Wesentliche Rechtsgrundlagen, Instrumente und Förderwege im Überblick

Ulrike Grabski-Kieron

Stadt, Land und der Fluss zwischen ihnen

Uta Ruge

Projekte

Wohnen

Bruchsteinhaus mit Scheune, Caan, D

Umgestaltung des alten Dorfkerns, Cressier, CH

Mehrfamilienhaus, Berlens, CH

Wohnsiedlung, Batilly, F

Gemeinschaftliches Wohnen, Erdeven, F

Wohnsiedlung, Bludenz, A

Bauhütte, Perlesreut, D

Strohgedämmtes Mehrfamilienhaus, Plainfaing, F

Saniertes Gesindehaus, Kapellendorf, D

Umbau zu einem Einfamilienhaus, Bezau, A

Umgebautes Einfamilienhaus, Oberneukirchen, A

Auszugshaus, Selzach, CH

Öffentliche Bauten

Grundschule mit Kindergarten, Gidy, F

Neues Rathaus, Maitenbeth, D

Kulturhalle, Berching, D

Gemeindezentrum, Reinosa, E

Gemeinschaftshaus, Sagstua, N

Dorfhaus, Steinberg am Rofan, A

Gemeindezentrum, St. Gerold, A

Gestaltung des öffentlichen Raumes, Aabenraa, DK

Primarschule mit Kindergarten, Azmoos, CH

Erweiterung einer Grundschule, Riaz, CH

Hochschule, Tirschenreuth, D

Landwirtschaftliches Zentrum, Sennwald, CH

Umbau Kindergarten, Unterach am Attersee, A

Kindertagesstätte, Wittstock/Dosse, D

Erkläranlage, Berngau, D

Gemeindebücherei, Gundelsheim, D

Gemeindebücherei, Kressbronn am Bodensee, D

Strandbad, Lochau, A

Kegelbahn, Wülknitz, D

Therapiezentrum, Lingenau, A

Gesundheitszentrum, Vézelay, F

Tagespflege, Burghausen, D

Pflegeeinrichtung, Oosterlo, B

Feuerwehr- und Kulturhaus, Hittisau, A

Bergkapelle, Schnepfau-Wirmboden, A

Sanierte Dorfkirche, Hebertshausen, D

Arbeiten

Traktorenhalle, Opatov, CZ

Büro- und Verwaltungsgebäude, Plößberg, D

Alpin Sport Zentrum, Schruns, A

Bürogebäude, Natters, A

Plusenergie-Bürogebäude und Kulturkraftwerk, Thalgau, A

Kuhstall, Thankirchen, D

Ziegenstall, Seubersdorf, D

Biolandhof, Schürdt, D

Weingut und Gästehaus, Kanzem, D

Weingut, Spitz, A

Unternehmens- und Besucherzentrum, Steinfelden, A

Gartenwerkstatt, Bezau, A

Molkerei, Dechow, D

Wiederaufbau Hofensemble, Cadolzburg, D

Landbäckerei, Avricourt, F

Werkraum, Andelsbuch, A

Schneiderei, Schleedorf, A

Wirtschaftsgebäude für einen Forstbezirk, Eibenstock, D

Tourismus

Waldhaus, Groß Köris, D

Campingplatz, Allensbach, D

Umbau und Erweiterung Naturhotel, Bayrischzell, D

Ferienhaus, Druxberge, D

Biergarten, Erbach, D

Gasthaus, Groß Sarau, D

Kultur

Museum Kunst der Westküste, Alkersum, D

Hölderlinhaus, Lauffen am Neckar, D

Kultur- und Begegnungsstätte, Bad Heilbrunn, D

Museum Luthers Elternhaus, Mansfeld, D

Sozial- und Kulturzentrum, Cabourg, F

Museum und Zentrum für Glaskunst, Meisenthal, F

Musikakademie, Hammelburg, D

Theater, Freyming-Merlebach, F

Biografien

Bildnachweis

Weiterführende Literatur

Einführung

Annette Becker, Stefanie Lampe, Lessano Negussie, Peter Cachola Schmal

1

Architekt DI Gerald Anton Steiner, Linz, Nahversorger Kleinzell im Mühlkreis, 2021

2

Gemeindezentrum, St. Gerold (A), Dorfladen (hier)

Die Ausgangslage

„Die ganze Welt spricht vom Prozess der Urbanisierung und dass in Zukunft die Hälfte der Menschen in Städten leben wird. Mein Interesse gilt der anderen Hälfte.“1 Dieser Satz des finnischen Architekten Sami Rintala beschreibt äußerst treffend das Vorhaben, das das Deutsche Architekturmuseum mit dieser Publikation verbindet.

Doch der Reihe nach. Wenn wir vom „Land“ reden, so sei zunächst der Versuch unternommen, diesen Begriff zu bestimmen. Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) beschreibt Stadt- und Gemeindetypen bis zu einer Größe von 20.000 Einwohnern als Landgemeinden und Kleinstädte.2 Ein weiterer Ansatz zur Klassifizierung ist die Bevölkerungsdichte. Das stellt die Grundlage der OECD-Definition dar, die jedoch zu modifizieren ist.3

Diese Klassifizierungen lassen sich durch weitere Kriterien – wie beispielsweise die Prägung durch Land- und Forstwirtschaft – ergänzen. Damit wird den vielfältigen Faktoren bei dieser Frage Rechnung getragen. Auf ein und dasselbe Land angewendet, ergeben sich auf Basis dieser Definitionen allerdings sehr unterschiedliche prozentuale Verteilungen der Einwohnerzahlen und Flächen, die zu ländlichen Räumen gerechnet werden.

Wir haben deshalb zusätzlich zur maximalen Einwohnerzahl nach der Definition des BBSR mit der beschreibenden Definition des Landatlas gearbeitet.4 Danach wird unter Ländlichkeit „eine lockere Wohnbebauung, geringe Siedlungsdichte, ein hoher Anteil an land- und forstwirtschaftlicher Fläche sowie Randlage zu großen Zentren und geringe Einwohnerzahl im Umfeld verstanden. Die Bandbreite reicht von den sehr dünn besiedelten peripheren Räumen (äußerst ländlich) bis zu den hochverdichteten metropolitanen Zentren (kaum ländlich).“5

In Deutschland sind demnach etwa 90 % der Fläche ländlich geprägt, und auch EU-weit liegt der Flächenanteil bei diesem hohen Wert. Über 80 % dieser Fläche werden für die Lebensmittel- und Rohstoffversorgung land- und forstwirtschaftlich genutzt, 47 Millionen Menschen und damit etwas mehr als die Hälfte der Einwohnerinnen und Einwohner Deutschlands, leben hier. Und immerhin 69 Prozent der Deutschen schätzen ländlich geprägte Gegenden wegen ihrer hohen Lebensqualität. Diese gewaltigen Zahlen muss man für die weitere Betrachtung kennen.6

Wenn wir im Titel des Projekts und im Folgenden vom „Land“ im Singular sprechen, so ist uns bewusst, dass dies eine starke Vereinfachung darstellt. Ländliche Regionen sind von verschiedensten Faktoren geprägt, sie reichen von sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen über eher landschaftliche Unterschiede bis hin zu einem diversen architektonischen Erbe. Jenseits dieser Fakten gibt es die subjektive Wahrnehmung von Land. Die Skala reicht von „das Land“ gäbe es nicht mehr und der Aufgabe von Lehrstühlen an Universitäten, die sich mit dem Bauen in ländlichen Regionen befassen, bis hin zur Vermittlung eines speziellen Bildes vom Land, das häufig verklärt und romantisierend ist. Der Erfolg entsprechender Magazine ist inzwischen Forschungsgegenstand.7 Einerseits hat die Berichterstattung und Forschung über ländliche Regionen in den vergangenen Jahren zugenommen, andererseits spielt sie sich im Vergleich zur Berichterstattung über städtische Regionen nach wie vor auf einem geringeren Niveau ab.

Stadt und Land sind seit langer Zeit ein spannendes Begriffspaar. Die Diskussion darum, wo denn das bessere Leben möglich sei, wird eifrig geführt. Eine Möglichkeit der Kooperation zwischen beiden sind sogenannte Stadt-Land-Partnerschaften, die wirtschaftliches Wachstum und gesteigerte Lebensqualität generieren sollen.8 Dazu können Modellregionen oder auch Metropolenregionen definiert werden. Da deutsche Großstädte im internationalen Vergleich eher klein sind, kann der sie umgebende ländliche Raum zu ihrer internationalen Positionierung beitragen. Zu erwähnen ist hier beispielsweise die Bedeutung der „unbekannten Weltmarktführer“ aus kleinen und mittelständischen Unternehmen. Wichtig in diesem Zusammenhang ist die Einsicht, dass es der Kooperation auf Augenhöhe bedarf. Stadt und Land haben ihre jeweils eigenen Qualitäten, benötigen einander aber auch.

Verstärkt durch die Auswirkungen der Pandemie auf die Lebensgestaltung vieler Menschen erfährt das Land als Lebensmittelpunkt neue Aufmerksamkeit. Es ist die veränderte Betrachtung der eigenen Lebensqualität, es sind oft auch finanzielle Aspekte, die eine verstärkte Auseinandersetzung mit dem Standort Dorf bewirken. Er zeichnet sich durch die „unmittelbare Nähe zu Natur und Kulturlandschaft“ aus, und dieses Merkmal gilt es in „neuartigen Verknüpfungen von Wohnen, Wirtschaften und gesellschaftlichem Miteinander“ auszuschöpfen (Nadja Häupl, siehe hier). Dies beginnt bei einer neuen Wertschätzung regionaler Lebensmittel, die bis zur Produktion hochqualitativer Produkte und ganzer Ökosysteme reicht. Es sei aber auch an die grundlegende Versorgungsfunktion mit Lebensmitteln erinnert.

In Frankreich lassen sich steigende Immobilienpreise in kleineren Städten beobachten; es entstehen mit staatlicher Förderung beispielsweise Gesundheitszentren (siehe hier), und die zuständige Ministerin für territorialen Zusammenhalt Jacqueline Gourault wird mit den Worten zitiert: „Wir bringen Leben, Einwohner und Dienstleistungen in diese Gebiete zurück, damit die Franzosen dort leben können, wo sie wollen.“9

Auch in Deutschland sind in den Regionen jenseits der Großstädte die Immobilienpreise kräftig gestiegen.10 Selbst wenn die weitere Entwicklung nicht vorhergesagt werden kann, werden viele ländliche Gegenden etwa in MecklenburgVorpommern als neue Wohnstandorte angenommen. Der Abstand zu den Wohnpreisen in Großstädten ist noch immer signifikant, und im Kontext mit neuen Formen des Arbeitens und einem attraktiven Umland entstehen nachgefragte Alternativen zum Leben in der Stadt. Inwieweit sich die Veränderungen in der Arbeitswelt wie etwa das Homeoffice verstetigen werden, bleibt abzuwarten. Unbestritten eröffnen diese neuen Formen des Arbeitens für ländliche Räume neue Perspektiven. Dass derzeit ein herausfordernder, aber auch spannender Transformationsprozess stattfindet, lässt sich beispielsweise an einem Unternehmen in Nordhessen beobachten, das in einer kleinen Gemeinde Smartphones entwickelt und bewusst nicht in einen städtischen Ballungsraum gezogen ist.11

Was ist wichtig für ländliche Regionen?

Wie für alle Siedlungsräume sind die technische und soziale Infrastruktur von besonderer Bedeutung; zu nennen sind hierbei: Wohnen, Arbeit, Digitalisierung, Mobilität, erneuerbare Energien, Naturschutz, Land- und Forstwirtschaft, öffentliche Daseinsfürsorge wie Feuerwehr, Müllabfuhr und Wasserversorgung, Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs, Gesundheitsversorgung, Bildungs- und Kultureinrichtungen, Freizeitangebote, Erholung.

All diese Nutzungsansprüche wirken auf den ländlichen Raum ein und müssen berücksichtigt und zusammen gedacht werden. Dazu braucht es eine Regionalplanung, die „die Koordinierung einer nachhaltigen räumlichen Entwicklung einer Region bestimmt und so Rahmenbedingungen für die kommunale Planung setzt“ (Hans-Joachim Linke, siehe hier). Blickt man auf die vielen unterschiedlichen Interessen, die in Konkurrenz zueinander treten, so versteht man sehr gut, wie wichtig diese Steuerungsfunktion ist.

Jenseits der Fragen, die EU-weit oder auf Landesebene geregelt werden müssen, ist es jedoch ratsam, sehr behutsam darüber nachzudenken, was tatsächlich vor Ort benötigt wird. Einen lebhaften Einblick gewannen 18 Raumplaner und Raumplanerinnen der TU Wien, die die kleine, 1.277 Einwohner und Einwohnerinnen zählende Gemeinde Lesachtal in Kärnten an der Grenze zu Italien erkundeten. Ihre Erlebnisse fassten sie zu einer bemerkenswerten Dokumentation zusammen. Ein besonders hervorstechender Bericht ist dabei jener zur Mobilität. Hier trafen die studentischen Lebensgewohnheiten und ihre Erfahrungen mit der U-Bahn-Taktung auf das reduzierte Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln in Lesachtal. Als Stadtbewohner machten sie die Erfahrung, wie durch Kreativität und individuelle Mitnahmemöglichkeiten eine verblüffend einfache Mobilität durch gegenseitige Gemeinschaftshilfe entstehen kann.12

So gilt es heute, neue technologische Entwicklungen voranzutreiben sowie Traditionelles und Zeitgenössisches zu verbinden. Der Umnutzung, Sanierung und Erweiterung von Gebäuden muss dabei der Vorzug vor Neubauten gegeben werden. Bauernhöfe oder Hofstellen sind beispielsweise prädestiniert für eine Umnutzung zu Wohnanlagen für mehrere Familien, ganz gleich wie im Inneren das Zusammenleben organisiert ist. Das Kloster Schlehdorf, das mit seiner Nachnutzung als Cohaus eine Nutzung im Sinne seiner ehemaligen Bewohnerinnen gefunden hat, ist ein überzeugendes Beispiel hierfür. Das genossenschaftliche Wohnen im Maierhof bietet einen Beitrag zum kostengünstigen Wohnen (siehe hier), und die Generationenhäuser in Krumbach nehmen das Wohnen im Alter als Thema auf (siehe hier). Das Zusammenfinden, so wie es Uta Ruge beschreibt, muss selbstverständlich auch hier erst gelernt werden.

Es ist ein thematisch extrem weites Feld, und um eine sinnvolle Eingrenzung zu treffen, haben wir uns als Architekturmuseum auf unsere Kernkompetenz – das Beobachten und Bewerten des Bauens – beschränkt.

3

Cohaus Kloster Schlehdorf, Aufbau eines Wohnprojekts mit Coworking-Bereich, Gästehaus und Seminarbetrieb unter der Federführung der WOGENO München eG im ehemaligen Kloster Schlehdorf am Kochelsee in Bayern

4

SHIFT GmbH, Falkenberg, Hauptgebäude mit den Firmengründern Samuel und Carsten Waldeck

Welche Rolle spielt Architektur auf dem Land?

Der Vorstandsvorsitzende der Bundesstiftung Baukultur, Reiner Nagel, konstatiert: „Baukultur […] bildet den […] Rahmen für mehr Lebensqualität“ (siehe hier). Und genau das möchten wir in unserer Publikation zeigen. Architektur kann als ein Ausdruck der Wertschätzung fungieren – ob bei der Errichtung eines Fahrradwegs oder bei einem Gemeindezentrum –, und im besten Falle kann sie Selbstbewusstsein generieren. Deshalb ist es lohnenswert, sich mit Engagement für viele kleine Bauaufgaben ebenso wie für ganze Dorfmitten, für funktionierende und angenommene öffentliche Räume einzusetzen.

Als eines der ersten Vorzeigeprojekte für Entwicklungsstrategien ganzer Regionen gilt der Bregenzerwald im österreichischen Bundesland Vorarlberg. In Deutschland fördern die Bundesländer die Entwicklung ihrer Dorfmitten und vieler einzelner Aufgaben der Daseinsvorsorge, so die ärztliche Versorgung oder Bildungs- und Kultureinrichtungen. Unsere Bauten in diesem Buch zeigen, welche vielfältigen Beiträge Architektur hier leisten kann: Es entstanden Räume, in denen politische Diskussionen stattfinden können, es entstanden sozialer Wohnungsbau und Bibliotheken, Schulen, Kindergärten, um nur einige wichtige Aufgaben für Dorfgemeinschaften zu nennen. Von Genossenschaftsmitgliedern gemeinschaftlich erdacht, geplant und gebaut wurde eine kleine Bergkapelle. Bei all diesen Projekten wurden regionale Identitäten herausgearbeitet, Modelle für Bürgerbeteiligung erprobt und Wissen gemeinsam weiterentwickelt.

Für die Architekten Florian Kirfel und Anika Gründer heißt dies, für die Zukunft müssen Orte gestaltet werden, in denen zeitgemäß gewohnt und einer anspruchsvollen Arbeit nachgegangen werden kann und mit der Landschaft verbunden gelebt wird (siehe hier). In Dänemark wird Architektur weithin als Motor und Inspiration für gesellschaftliche Prozesse und Veränderung genutzt13 – und dies wäre vielleicht als wünschenswertes Ziel zu formulieren.

Das Projekt

Mit diesem „Anforderungsprofil“ haben wir herausragende Architekturbeispiele ausgewählt. In unsere Auswahl fielen so heterogene Beispiele wie Mehrfamilienhäuser, Altenteile, Scheunenumbauten, Hofreiten, Gasthäuser, Hotels, Werkstätten, Bürobauten, Weingüter, Museen, Bibliotheken, Konzerthallen, Kapellen, Sportstätten und öffentliche Bauten wie jene für den Verkehr, Schulen und Rathäuser. Allein siebzig davon werden auf den folgenden Seiten vorgestellt. Unseren geografischen Radius konzentrierten wir dabei im Wesentlichen auf Deutschland, Österreich und die Schweiz und dehnten ihn bisweilen auf europäische Nachbarländer aus.

Darüber hinaus besuchten wir die Regionen Schwarzwald und Thüringen sowie die beiden Orte Krumbach in Österreich und Valendas in der Schweiz, die in besonderer Weise ihre Gesamtentwicklung vorangetrieben haben. Deutlich werden dabei die vielfach unterschiedlichen Situationen der Gemeinden – Wachstum und Schrumpfung sind dabei nur ein Paar der gegensätzlichen Entwicklungen.

Und es schien uns besonders wichtig, die ausgewählten Gebäude zum Sprechen zu bringen. Nicht mit dem Blick von außen, sondern unmittelbarer. Die Beschreibungen stammen also von ihren Bewohnerinnen und Bewohnern, von ihren Bauherren oder ihren Architektinnen und Architekten.

5

Architektin Lina Maria Mentrup, Sommerfrische Haus Döschnitz – ein Projekt der IBA Thüringen. Teilsanierung des Baudenkmals mit Einrichtung einer Sommerfrische-Wohnung, beispielgebend für weitere leerstehende Häuser in der Region

6

In Berngau in der Oberpfalz wird in einer nonconform-Ideenwerkstatt ein Grundstein für die räumliche Umsetzung einer generationenfreundlichen Ortsmitte entwickelt.

Und so versammeln wir hier sehr vielfältige Zugangsweisen; ein Bürgermeister berücksichtigt eben andere Dinge als ein Winzer, die Bibliotheksleiterin sieht ihre Bibliothek mit eigenen Augen, und für die Leiterin eines Kindergartens treten nochmals andere Aspekte in den Vordergrund. Es kommen so die unterschiedlichsten Fragen zum Tragen, ökologische Aspekte und ökonomische, soziale und baukulturelle.

Wir freuen uns, im Anschluss an die Erstpräsentation der Ausstellung eine ganze Reihe von kleinen Gemeinden mit unserem Ausstellungsprojekt besuchen zu dürfen und ins Gespräch zu kommen. Dies ist ein wichtiger Baustein unseres Projekts. Denn es sind nur die dort lebenden Menschen, die die notwendigen Veränderungen bewirken und vorantreiben können (Hans-Joachim Linke, siehe hier). Wie diese Beteiligung dann aussieht, ist im Einzelnen zu entscheiden – von Bürgerräten bis hin zur Bürgerstiftung ist vieles möglich. Wichtig ist es, die vorhandenen Kompetenzen zu berücksichtigen.

Wir haben für unsere Arbeit viel von dem österreichischen Verein LandLuft gelernt, der sich für die Förderung von Baukultur in ländlichen Räumen einsetzt und Wege aufzeigt, wie Kommunen ihre begrenzten Mittel in intelligente und nachhaltige Projekte investieren können.14 Man kann für diese Bewegung in Europa sicher eine Vorreiterrolle konstatieren, und es ist eine Bereicherung, ihren Mitgründer Roland Gruber in unserem Autorenkreis mit dabei zu haben.

Welchen Beitrag möchte dieses Projekt leisten?

Wenn sich ein Architekturmuseum mit dem Thema Land beschäftigt, so stehen naturgemäß besondere Bauten und regionale Entwicklungen im Zentrum der Betrachtung. Sie verweisen immer auf ihren Kontext, auf Fragen der Infrastruktur, Arbeit und Wirtschaft, der Mobilität und der kulturellen Angebote, die alle damit verbunden sind. Nachhaltiger Tourismus wird ebenso thematisiert wie Innenentwicklung für lebendige Ortskerne.

Um die lokale Verwertung der Ausstellung zu befördern, wird auf die jeweiligen Entstehungsprozesse eingegangen, das heißt auch Fragen nach den Akteuren und der Finanzierung beantwortet. Sie reichen vom Engagement einzelner Personen bis zum Einsatz komplexer staatlicher Fördermechanismen. Ulrike Grabski-Kieron gibt einen Überblick, wie diese Programme ineinandergreifen (siehe hier). Diese Ausstellung spricht daher ausdrücklich alle Gemeinden an, gleichgültig, über welchen Etat sie derzeit verfügen.

Marta Doehler-Behzadi geht davon aus, dass ländliche Räume angesichts der Erfordernisse des Klimawandels eine neue Form von Sinnstiftung und Wertschöpfung erlangen werden (siehe hier). Und so möchten wir den Blick lenken auf große und ganz kleine Projekte, vor allem auf beispielhafte Initiativen, die Anregung für weitere Vorhaben sein mögen. Es sind einzelne Schlaglichter, ganz dezidiert handelt es sich nicht um ein vollumfängliches „Bild vom Land“ oder gar eine Bestandsaufnahme beziehungsweise eine Prognose für zukünftige Entwicklungen. Und es ist eine Einladung, von ländlichen Regionen zu lernen. Beispielweise zu lernen, wie Florian Kirfel und Anika Gründer den Umgang mit der knappen Ressource Boden praktizieren; oder wie Dietmar Eberle für sein Therapiezentrum durch einen massiven Baukörper mit gedämmter Gebäudehülle ohne dazu vergleichsweise kurzlebige technische Installationen für Heizung, Lüftung und Kühlung auskommt. Um vielleicht von diesen kleinen, lokalen zu großen, allgemeinen Lösungen zu kommen. Im besten Falle wollen wir das Bewusstsein für die enge Verzahnung von Stadt und Land befördern.

Dank

Das Projekt Schön hier. Architektur auf dem Land konnte nur durch eine Reihe ausgezeichneter Partner realisiert werden. Das Deutsche Architekturmuseum dankt an erster Stelle dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) für seine überaus großzügige Förderung dieses Projekts, welche über das Bundesprogramm Ländliche Entwicklung (BULE) umgesetzt wurde. Wir freuen uns, dass wir mit diesem Katalog und der dazugehörigen Ausstellung eine ganze Reihe von Folgestationen besuchen dürfen und den Diskurs vor Ort fortführen können.

Das Museum dankt ebenso der Bundesstiftung Baukultur, die zum wiederholten Mal das Museum bei der Kommunikation seiner Themen unterstützt und begleitet hat. Und wir bedanken uns in ganz besonderem Maße bei unserem Gastgeber, dem Freilichtmuseum Hessenpark und seinem Direktor Jens Scheller, für die freundliche Aufnahme, während unser Museumsgebäude renoviert wird. Wir haben unendlich profitiert von diesem ganz anderen Umgang mit Architektur, wie er in einem Freilichtmuseum eben möglich ist.

Unsere gezeigten Projekte werden erst lebendig durch die Berichte der Autorinnen und Autoren, die auf unterschiedlichste Weise mit ihnen verbunden sind. Ihnen gilt unser herzlicher Dank. Ein besonderer Dank richtet sich an die Architekturbüros, die uns mit Fotografien, Plänen und wertvollen Hintergrundinformationen zu ihren jeweiligen Projekten unterstützt haben. Ebenso möchten wir unserem wissenschaftlichen Beirat danken, der uns großartige Unterstützung gewährte.

Das Deutsche Architekturmuseum dankt den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Ministeriums, der Bundesstiftung Baukultur, der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) als Projektträger und des Hessenparks für die jederzeit uneingeschränkt gewährte fachliche Unterstützung und überaus freundliche Kooperation.

1 https://www.bauwelt.de/themen/betrifft/Das-Neue-Dorf-Florian-Aicher-2331767.html (2. 1. 2022).

2 https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/forschung/raumbeobachtung/Raumabgrenzungen/deutschland/gemeinden/StadtGemeindetyp/StadtGemeindetyp.html (2. 1. 2022).

3So werden Verwaltungseinheiten unterschiedlicher Größe zugrunde gelegt, was zu Verzerrungen führt, die bereinigt werden müssen. Eine revidierte Stadt-Land-Typologie, (2. 1. 2022).

4 Siehe auch https://www.thuenen.de/de/lr/projekte/monitoring-laendliche-raeume/ (27. 1. 2022) und https://www.landatlas.de/ (7. 1. 2022).

5 https://www.landatlas.de/laendlich/laendlich.html (9. 12. 2021).

6Ländliche Regionen verstehen, Fakten und Hintergründe zum Leben und Arbeiten in ländlichen Regionen, hg. von Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), Berlin 2020, S. 5 und S. 13.

7Der Marktführer Landlust hat eine Auflage von mindestens 1 Mio. Exemplare. „Ihr Geheimnis vollständig erklären lässt sich nicht, aber mit Sicherheit ist die Art, wie sie Sehnsüchte wecken, nicht die falscheste.“ https://www.presseplus.de/blog/was-ist-die-beste-land-zeitschrift/ (7. 1. 2022).

8LR0114 Schwerpunkt Stadt-Land-Beziehungen.pdf (asg-goe.de).

9Záboji, Niklas: Chartres, „Exodus in die Provinz“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. 12. 2021, S. 19.

10 https://www.empirica-institut.de/thema/regionaldatenbank/empirica-immobilienpreisindex/ (7. 1. 2022).

11 https://www.hessisch.de/shiftphone/ (18. 12. 2021).

12„Mehr als Obergail – Das Magazin“, 17. 11. 2019, S. 37ff., https://issuu.com/isa_raum/docs/mehralsobergail_dasmagazin_web (28. 12. 2021).

13 https://marta-blog.de/gesellschaft-mit-architektur-gestalten-mikala-holme-samsoe-bei-stadt-und-vision/ (7. 1. 2022).

14 http://www.landluft.at/ (7. 1. 2022).

Thüringen

7

Her(r)bergskirche: Die Michaeliskirche in Neustadt am Rennsteig

8

9

Horst Brettel, Gastgeber und Betreuer der Michaeliskirche

10

Schlafgelegenheit in der Her(r)bergskirche

11

Klosterkirche (links)

Günther Hornschuh in Planungsgruppe Stieldorf, 1997

Konventgebäude (rechts)

Günther Hornschuh in Planungsgruppe Stieldorf, 1997

Versammlungsraum der Kommunität sowie Gästezimmer (OG)

Wasserbecken

Hinnerk Wehberg (WES) mit Architekt und Bauherrenvertreter Bernward Paulick, Bauhütte Volkenroda, 2001

12

Kloster Volkenroda: Christus-Pavillon von der Expo 2000 in Hannover von gmp International. Dort wurde er zerlegt und in gleicher Gestalt in Volkenroda wiederaufgebaut. Umsetzung (mit gmp) Architekt Bernward Paulick, Bauhütte Volkenroda, 2001.

„Langer Gang“ (rechts im Bild), Gästehaus und Veranstaltungsräume, Außenfassade mit Lärchenholzverschalung, Architekt Bernward Paulick, Bauhütte Volkenroda

13

Blick auf Klosterkirche (Gutshaus) links und Refektorium (Speisesaal), rechts

14

Bauernhof mit u. a. Ziegen, Hasen und Eseln. Von März bis Dezember findet im Klostergut an jedem ersten Samstag im Monat der Bauernmarkt statt. Händler aus der Region bieten je nach Saison vieles rund um Haus, Hof und Garten an.

15

Blick über Bedheim

16

Architekten Florian Kirfel und Anika Gründer, Studio Gründer Kirfel

zukunft braucht herkunft

Rainer Müller

Über die Jahrhunderte haben kleine Fürstentümer, Herzogtümer und freie Reichsstädte in der hügeligen Landschaft Thüringens ein stolzes bauhistorisches Erbe aus über 3.000 Burgen, Schlössern und prächtigen Kirchen hinterlassen. Heute stehen jedoch viele davon leer und verfallen, weil es an Geld oder brauchbaren Konzepten fehlt. Auch dem Barockschloss Bedheim im Landkreis Hildburghausen drohte dieses Schicksal.

Als Glücksfall erwies sich, dass 2013 eine Handvoll junger Architekten und Architektinnen, frisch von der Uni Weimar oder mit ersten Berufserfahrungen, auf das Schloss zogen, mit dem Ziel, den halb verfallenen Bau und den untergenutzten Gutshof wiederzubeleben – etwa durch den Neubau von genossenschaftlichen Wohnungen auf dem Gelände, aber auch durch kulturelle Angebote und ein Gartencafé. Florian Kirfel, ein Nachfahre der Schlossbesitzerfamilie, gehörte ebenso zu der Gruppe wie seine Partnerin Anika Gründer. Als „Studio Gründer Kirfel“ arbeiten sie auch im Schloss – mittlerweile in einem Team von zwölf Architektinnen und Architekten, die in ganz Deutschland „praktische Denkmalpflege, zeitgenössische Architektur und gebaute Kunst“ machen, wie Anika Gründer das Spektrum zusammenfasst.

Zur zeitgenössischen Architektur gehört der Neubau einer Remise, die 2018 neben dem Schloss fertiggestellt wurde. Mustergültig orientiert sich das hölzerne Gebäude an der örtlichen Bautradition und fügt sich in das Ensemble des Wirtschaftshofs mit seinen Scheunen und Nebengebäuden ein. Weil sie auf den Grundmauern eines alten Schafstalls gebaut wurde und über einen großen Schlafsaal verfügt, wird die Remise auch „Sch(l)afstall“ genannt. Das Matratzenlager unter dem Dach, die Küche und den Sanitärbereich im Erdgeschoss nutzen regelmäßig Studierenden- und Jugendgruppen, die zu Baupraktika oder Sommercamps nach Bedheim kommen.

„Wir haben hier bewusst mit dem billigsten Schnittholz gearbeitet, das wir kriegen konnten – also Fichte in Standardabmessung aus dem Sägewerk“, so Florian Kirfel. Die dunkle Fassade wurde mit Kiefernholz ausgeführt, als Fenster dienen elegante Lichtschlitze in den bis zum First hochgezogenen Gauben, die dem Schlafsaal überraschend viel Licht geben. Der Verzicht auf Industrieprodukte gehört zu den Markenzeichen der Architekten. Obwohl Thüringen so waldreich ist, wird heute kaum noch mit Holz gebaut. „Wir wollten mit der Remise zeigen, dass einfaches Bauen mit Holz möglich ist“, erklärt Kirfel.

Einen ähnlich wertschätzenden Umgang der regionalen Baukultur und Ressourcen pflegt der Architekt Bernward Paulick aus Volkenroda (Unstrut-Hainich-Kreis). Das lange Zeit schrumpfende Dorf ist geprägt von Landwirtschaft und einem mittelalterlichen Kloster, von dem in den 1990er-Jahren nur noch eine Ruine stand. 1998 übernahm Paulick im Auftrag der Jesus-Bruderschaft den modernen Wiederaufbau des Klosters samt landwirtschaftlichem Betrieb, Tagungsort und Wohngebäuden. Das erfolgreich wachgeküsste Kloster hat dem gesamten Dorf eine Identität und wirtschaftliche Perspektive zurückgegeben.

In Thüringen gibt es weit über 200 zum Teil aktive, vor allem aber ehemalige Klöster. Häufiger noch als Klosteranlagen prägen jedoch meist die stolz hervorragenden Kirchtürme die Kulturlandschaft des Freistaats. Die Kirchendichte ist enorm. Allein der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) gehören etwa 2.000 Kirchen, von denen jedoch rund 500 nicht mehr oder kaum genutzt und vielfach in schlechtem Zustand sind. Trotz anhaltender Säkularisierung der Gesellschaft: Der bauhistorische, ortsbildprägende und identitätsstiftende Wert vieler Kirchenbauten steht außer Frage.

Hier setzte der gemeinsame Projektaufruf „Thüringen – 2.000 Kirchen“ der EKM und der Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen an, die von 2012 bis 2023 unter anderem Projekte zur Aktivierung leer stehender Bauwerke auf dem Land fördert. Aus dem Aufruf gingen ganz unterschiedliche Ideen zur Umnutzung von Kirchen hervor, von denen einige mittlerweile realisiert wurden – etwa die behutsame Umnutzung der Michaeliskirche in Neustadt am Rennsteig (Ilm-Kreis) zu einer Herberge für Wanderer, der „Her(r)bergskirche“. Dazu wurde im hinteren Bereich der neuromanischen Kirche eine Schlafnische für zwei Gäste eingerichtet. Jährlich nutzen Hunderte Rennsteig-Wanderer das Angebot. Nun plant die Kirchengemeinde weitere Nutzungsmöglichkeiten wie Yogakurse oder eine Bibliothek, um die Kirche zu einer modernen Begegnungsstätte zu machen, zu einem hybriden öffentlichen Raum, in dem weiterhin Hochzeiten oder Gottesdienste gefeiert werden können.

Einen anderen Ansatz verfolgte die kleine Gemeinde Kobritz (Saale-Orla-Kreis) mit ihrer lange Jahre verschlossenen und ungenutzten St. Anna-Kapelle auf einem Hügel oberhalb des Dorfes. Der Künstler Carsten Nicolai errichtete in der romanischen Kapelle eine „Feuerorgel“, die mittels Gasflammen ein von ihm komponiertes Musikstück spielt. Seit ihrer Wiedereröffnung als Kunstprojekt erfreut sich die Kapelle wieder großer Beliebtheit.

Einen ganz praktischen Nutzen erfüllen Umbau und Umnutzung des repräsentativen alten Bahnhofs in Rottenbach, einem Dorf bei Saalfeld. Hier wollten die Bewohnenden dem Ladensterben und Wegfall von sozialen Begegnungsmöglichkeiten nicht länger tatenlos zusehen und gründeten kurzerhand eine Genossenschaft, mieteten das leer stehende Bahnhofgebäude an und eröffneten darin ihren eigenen Nahversorger. Nach einem vom Freistaat und der IBA Thüringen unterstützten Umbau betreibt die Genossenschaft ihren „BahnHofladen“ Rottenbach als Tante-Emma-Laden und Bistro mit Mittagstisch und selbst gebackenen Kuchen. Nun wird der Bahnhof von Einheimischen auch als Treffpunkt und von Besuchenden als Ausflugsziel genutzt.

In Rottenbach, Bedheim, Volkenroda und den anderen Gemeinden hat sich das Engagement lokaler Bürgerinnen und Bürger, Architektinnen und Architekten, Kirchengemeinden und der vielen anderen Akteure aus der Zivilgesellschaft gelohnt. Erfolgreich haben sie wichtige Orte und Zeugnisse der Baukultur gerettet, wiederbelebt und weiterentwickelt. Auf beispielhafte Weise ist es ihnen gelungen, Altes mit Neuem zu verbinden und aufzuzeigen: Zukunft braucht Herkunft.

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Ein Schlafsaal, ein Gästezimmer, mehrere WCs und Duschen, eine große Küche, die auch gleichzeitig Aufenthalts- und Veranstaltungsraum ist, und ein Lager für das Gartencafé befinden sich im Sch(l)afstall. Er entstand in Holzrahmenbauweise und aus regionalen Baustoffen. Bedheim, 2018

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Gutshaus mit Rezeption und Information zum Kloster Volkenroda sowie Architekturbüro (Obergeschoss). Architekt Bernward Paulick, Bauhütte Volkenroda, 2003

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Refektorium, Schlussstein für den 1989 begonnenen Wiederaufbau des Klosters Volkenroda als Jugendbildungs- und Tagungsstätte inkl. Speisessaal, Gästeküche und Verwaltung.

Fertigstellung des Neubaus 2015 durch Architekt Bernward Paulick, Bauhütte Volkenroda. Verwendetes Material: u. a. Naturstein, Stampflehm, Holz und Glas

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Wohnhaus Paulick, Volkenroda, aus Abbruchziegeln und Stampflehm. Architekt Bernward Paulick, Bauhütte Volkenroda, 2004

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Mitlebendenwohnhaus, Wohnhaus für jährlich wechselnde Wohngemeinschaften, Lärchenholzverschalung. Architekt Bernward Paulick, Bauhütte Volkenroda, 2020

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Kapelle Volkenroda, Umbau, bestehend u. a. aus einer Stampflehmwand, Holzböden, Buntglas und Oberlicht. Architekt Bernward Paulick, Bauhütte Volkenroda, 2017

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Kapelle Volkenroda, Umbau, bestehend u. a. aus einer Stampflehmwand, Holzböden, Buntglas und Oberlicht. Architekt Bernward Paulick, Bauhütte Volkenroda, 2017

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Kapelle Volkenroda, Umbau, bestehend u. a. aus einer Stampflehmwand, Holzböden, Buntglas und Oberlicht. Architekt Bernward Paulick, Bauhütte Volkenroda, 2017

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Kapelle Krobitz, Saale-Orla-Kreis

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Die von Carsten Nicolai konzipierte Feuerorgel, Kapelle Krobitz

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Jan David, Mitglied im Freundeskreis Feuerorgel-Kapelle-Krobitz

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Bahnhof Rottenbach. Die Initiatoren auf dem Vorplatz, gestaltet nach einem Entwurf von atelier le balto

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Baubüro Lehninger, Gotha, denkmalgerechte Sanierung des Bahnhofsgebäudes

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BahnHofladen, betrieben von einer lokalen Genossenschaft mit eigenen Produkten aus der Region als einziges Lebensmittelgeschäft vor Ort

Valendas

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Capaul & Blumenthal, Türalihus, 2014

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Türalihus, Ursprungsbau von 1485, 1973 vom Architekten Rudolf Olgiati erstanden, seit 2007 im Besitz der Stiftung Ferien im Baudenkmal

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Blick über Valendas, im Vordergrund links Burggarta und Erlihuus, die Wohnen und Arbeiten verbinden

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Gion A. Caminada, Laubenwohnungen Burggarta und Erlihuus, 2020

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Laubenwohnungen Burggarta und Erlihuus

Orte schaffen

Gion A. Caminada

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Vrin

Das Leben in der Stadt ist einfacher, das denke ich oft, wenn ich vom meinem Dorf Vrin nach Zürich fahre. In der Stadt scheint alles da, was es zum Leben braucht. Und wenn wir von Alltagssorgen geplagt werden, schaffen ständige Ereignisse eine Ablenkung – mag diese Zerstreuung auch nur von kurzer Dauer sein. In diesen Momenten verstehe ich, dass viele, vor allem junge Menschen, aus dem Dorf wegziehen. Das Glitzern der Stadt hat aber auch eine Kehrseite. Diese Flut von Botschaften kann zu einer inneren Leere führen. Darum verstehe ich auch, dass die Menschen aus der Stadt Räume der Langsamkeit und der Ruhe suchen.

Das Begehrenswerte ist oftmals das, was wir nicht besitzen. Diese Sehnsüchte können von Erinnerungen aus der Vergangenheit stammen, sie können aber auch durch absehbare Möglichkeiten initiiert werden. Auch der architektonische Entwurf beginnt mit der Sehnsucht – mit dem Traum einer Bereicherung. Die Sehnsucht bleibt meist offen. Der Grund ihrer Unerfülltheit liegt in der stets neu erwachenden Neigung zu Leidenschaft und in der Zuversicht, Ziele zu erreichen. Andauernde Suche ist die Folge. Sehnsucht ist zwangsläufig die Verbindung zu einem guten Ort, etwas nostalgisch ausgedrückt zur Heimat.

Die Suche nach dem lebenswerten Ort war der Treiber für die Entwicklung des Bergdorfs Vrin. Wir wollten die von außen eintreffenden Tendenzen nicht als gegeben hinnehmen, sondern sie mit Beharrlichkeit für uns selbst umformen. Das geschah in der direkten Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit und mit hoffnungsvollem Blick auf eine bessere Welt. Architektur sollte einen Beitrag leisten, um das Leben erträglicher zu machen. Wir waren uns bewusst, dass Architektur das Leben nicht verändern kann, sie kann aber Qualitäten entfalten, die das Leben stützen und bereichern.

Orte wandeln sich ständig. Auch in Vrin ist vieles anders geworden. Die Landwirtschaft ist nicht mehr die alleinige Existenzform im Dorf. Zudem sind wie überall die sozialen Dorfstrukturen und der Einfluss der Kirche gefallen. Die Befreiung von diesen mächtigen Fesseln war für viele eine Erleichterung. Jedoch hat die gewonnene Freiheit auch eine Kehrseite. Der Wertekanon, der die Kultur des Raumes auszeichnet, ist verschwunden. Leitlinien einer Orientierung sind aber geblieben.

Diese Orientierung fehlt den Mönchen des Klosters Disentis nicht. Mit den Benediktinern zusammen haben wir die Idee eines ganzheitlichen Bildungs- und Erfahrungsraumes entwickelt. Das Kloster vertraut seit jeher auch auf diese Art des Wissens. Im Kloster Disentis habe ich die Kraft gespürt, die durch eine solche Lebensart wirksam wird. Das hat bei mir den Glauben und das Vertrauen für die Kraft von Ideen gestärkt.

Eine wiederum andere Ausgangslage traf ich im Dorf Valendas vor. Die große Entwicklung fand auf der anderen Talseite statt. Dort kam der Tourismus, und die Wirkungen blieben nicht aus. Die Städter bauten im Stil der Bauern und die Bauern haben den universellen Stil übernommen. Valendas blieb von einer solchen Entwicklung verschont. Einige haben sich Gedanken gemacht, wie es mit dem Dorf weitergehen soll. Und die Menschen haben gewirkt. Alte Häuser wurden renoviert, das Gasthaus in Gang gebracht, ein neues Ensemble für die Einheimischen gebaut und weitere Projekte initiiert.

Aus diesen drei Beispielen lässt sich erkennen, wie lebenswerte und wirksame Orte entstehen können. Die Orte sind nicht vergleichbar. Das Gemeinsame ist die innere Kraft. Die Vriner haben den Ort geprägt, der Ort hat sie geprägt. Ich würde aus heutiger Sicht die Vriner als eine „Schicksalsgemeinschaft mit den Möglichkeiten des Ausbrechens“ bezeichnen. Ich selbst gehöre dazu. Das Kloster Disentis wird gestützt von einer großen Idee. Auch diese Idee muss den Wandel zulassen, um weiterhin sinnstiftend zu sein für das Leben. Und Valendas war der Versuch, neue Kraft aus einem freiwilligen Verbund zu aktivieren – von einer Schicksalsgemeinschaft zu einer Interessengemeinschaft.

Viele Menschen sehen die Zukunft in der Stadt. Aus einer ökonomischen Perspektive gesehen haben die Zentren Vorteile gegenüber den Randgebieten. Es stellt sich die Frage nach den Ressourcen und Stärken von abgelegenen Regionen. Erweisen die sich als tatsächlich gegeben und als wertvolle Trümpfe, dann wird das Interesse von außen nicht ausbleiben.

Demnach – Orte schaffen heißt Differenzen stärken. Differenz ist der Träger von Identität. Zu aktivieren sind Wechselbeziehungen zwischen Stadt und Dorf. Aufrichtige Beziehungen funktionieren nur dann, wenn das Gegenüber eine gewisse Autonomie hat. Autonomie ermöglicht einerseits ein selbstbestimmtes Leben und andererseits erzeugt sie eine Wirkung und Aufmerksamkeit. Im Sinne einer wirkenden Differenz ist beim Bauen nicht eine Autonomie von alleiniger Selbstbezogenheit gefordert, sondern eine solche, die vom lokalen Kontext getragen ist. Die These könnte lauten: Differenzen zu anderen Orten werden wirksam durch das Quantum des Fast-Gleichen, das eigenständig ist und aus dem Kontext kommt.

Das Dorf braucht die Stadt und die Stadt braucht das Dorf. Wirkt das Paar komplementär, dann wird das Andere zum Wert für mich. Eine Welt von kulturellen Vielfalten entsteht – eine schöne Welt.

Thesen für starke Orte