Schon immer schön! - Viola Maybach - E-Book

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Viola Maybach

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Beschreibung

Diese Serie von der Erfolgsschriftstellerin Viola Maybach knüpft an die bereits erschienenen Dr. Laurin-Romane von Patricia Vandenberg an. Die Familiengeschichte des Klinikchefs Dr. Leon Laurin tritt in eine neue Phase, die in die heutige moderne Lebenswelt passt. Da die vier Kinder der Familie Laurin langsam heranwachsen, möchte Dr. Laurins Frau, Dr. Antonia Laurin, endlich wieder als Kinderärztin arbeiten. Somit wird Antonia in der Privatklinik ihres Mannes eine Praxis als Kinderärztin aufmachen. Damit ist der Boden bereitet für eine große, faszinierende Arztserie, die das Spektrum um den charismatischen Dr. Laurin entscheidend erweitert. »Meine Güte, Junge!«, sagte Sean McGregor zu seinem Sohn Valentin, allgemein nur ›Mac‹ genannt – oder, von seinen kleinen Patientinnen und Patienten: ›Dr. Mac‹. Selbst seine Eltern nannten ihn schon lange nicht mehr Valentin. Sean hatte es sogar geschmeichelt, dass sein Sohn nun einen Teil des Familiennamens als Rufnamen trug. ›Mac‹ war kürzer, praktischer und passte zu ihrem Sohn. »Du willst uns doch wohl nicht erzählen, dass du München schon wieder den Rücken kehrst, nach so kurzer Zeit? Nur wegen so einer dummen Geschichte?« »Nur ist gut«, brummte Mac. Er hatte seinen Eltern erst vor zwei Wochen erzählt, was ihm passiert war: Der siebenjährige Friedrich von Langenhain hatte ihn in einem Park im Münchner Südwesten mit Steinen beworfen und wüst beschimpft. Später hatte er seine Tat damit gerechtfertigt, dass Mac ihn habe zu sich nach Hause locken wollen, er habe aber weglaufen können, Mac jedoch wenig später noch einmal gesehen, im Park, in der Nähe des Spielplatzes. Da sei er so zornig geworden, dass er ihn angegriffen habe. Seine Aussage war bei genaueren Nachfragen voller Widersprüche gewesen, und etliche Zeugen hatten für Mac ausgesagt: Er war zum angeblichen Tatzeitpunkt ganz woanders gewesen, und so war ein Verfahren gegen ihn gar nicht erst eröffnet worden, wohl aber gegen die Eltern des Jungen, weil sie ihrer Aufsichtspflicht nicht genügt hatten. Damit hätte der Fall eigentlich erledigt sein müssen, doch es gab immer noch Leute, die dem engelhaft aussehenden Jungen mehr Glauben schenkten als dem eigenwilligen jungen Arzt, der gerne auch mal einen Kilt trug und auf seinem Dudelsack spielte. Dabei hatte der Junge sogar zugegeben, dass er gelogen hatte, aber seine vermögenden Eltern schützten ihn vor der Öffentlichkeit und äußerten sich nicht mehr zu dem, was vorgefallen war, sodass die rührenden Geschichten der bunten Blätter über ›den Jungen mit dem Engelsgesicht‹ immer noch nachwirkten, obwohl alle Medien die Sache schnell fallengelassen hatten, als die Wahrheit ans Licht gekommen war. »Wir haben die Geschichte von dem jungen Arzt, der einen kleinen Jungen mit sich nach Hause locken wollte, natürlich auch gehört und darüber gelesen, was dachtest du denn?«, hatte seine Mutter Ellen gefragt, als Mac sich seinen Eltern endlich anvertraut hatte. »Irgendwann habe ich, nicht ganz ernst gemeint, gesagt: ›Und wenn das nun Mac wäre, dem sie so etwas vorwerfen? ‹ Da hat dein Vater so erschrocken geguckt, dass ich wusste, er hatte diesen Gedanken auch schon gehabt.

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Seitenzahl: 117

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Der neue Dr. Laurin – 84 –Schon immer schön!

Katrin geht durch dick und dünn

Viola Maybach

»Meine Güte, Junge!«, sagte Sean McGregor zu seinem Sohn Valentin, allgemein nur ›Mac‹ genannt – oder, von seinen kleinen Patientinnen und Patienten: ›Dr. Mac‹. Selbst seine Eltern nannten ihn schon lange nicht mehr Valentin. Sean hatte es sogar geschmeichelt, dass sein Sohn nun einen Teil des Familiennamens als Rufnamen trug. ›Mac‹ war kürzer, praktischer und passte zu ihrem Sohn. »Du willst uns doch wohl nicht erzählen, dass du München schon wieder den Rücken kehrst, nach so kurzer Zeit? Nur wegen so einer dummen Geschichte?«

»Nur ist gut«, brummte Mac.

Er hatte seinen Eltern erst vor zwei Wochen erzählt, was ihm passiert war: Der siebenjährige Friedrich von Langenhain hatte ihn in einem Park im Münchner Südwesten mit Steinen beworfen und wüst beschimpft. Später hatte er seine Tat damit gerechtfertigt, dass Mac ihn habe zu sich nach Hause locken wollen, er habe aber weglaufen können, Mac jedoch wenig später noch einmal gesehen, im Park, in der Nähe des Spielplatzes. Da sei er so zornig geworden, dass er ihn angegriffen habe.

Seine Aussage war bei genaueren Nachfragen voller Widersprüche gewesen, und etliche Zeugen hatten für Mac ausgesagt: Er war zum angeblichen Tatzeitpunkt ganz woanders gewesen, und so war ein Verfahren gegen ihn gar nicht erst eröffnet worden, wohl aber gegen die Eltern des Jungen, weil sie ihrer Aufsichtspflicht nicht genügt hatten.

Damit hätte der Fall eigentlich erledigt sein müssen, doch es gab immer noch Leute, die dem engelhaft aussehenden Jungen mehr Glauben schenkten als dem eigenwilligen jungen Arzt, der gerne auch mal einen Kilt trug und auf seinem Dudelsack spielte. Dabei hatte der Junge sogar zugegeben, dass er gelogen hatte, aber seine vermögenden Eltern schützten ihn vor der Öffentlichkeit und äußerten sich nicht mehr zu dem, was vorgefallen war, sodass die rührenden Geschichten der bunten Blätter über ›den Jungen mit dem Engelsgesicht‹ immer noch nachwirkten, obwohl alle Medien die Sache schnell fallengelassen hatten, als die Wahrheit ans Licht gekommen war.

»Wir haben die Geschichte von dem jungen Arzt, der einen kleinen Jungen mit sich nach Hause locken wollte, natürlich auch gehört und darüber gelesen, was dachtest du denn?«, hatte seine Mutter Ellen gefragt, als Mac sich seinen Eltern endlich anvertraut hatte. »Irgendwann habe ich, nicht ganz ernst gemeint, gesagt: ›Und wenn das nun Mac wäre, dem sie so etwas vorwerfen?‹ Da hat dein Vater so erschrocken geguckt, dass ich wusste, er hatte diesen Gedanken auch schon gehabt. Trotzdem haben wir nicht ernsthaft angenommen, es könnte deine Geschichte sein, weil wir uns nicht einmal vorstellen konnten, wie ein solcher Verdacht ausgerechnet auf dich hätte fallen sollen. Du hättest uns viel früher einweihen müssen!« Sie hatte Macs Arm getätschelt und hinzugefügt: »Du hast es wegen Papas schwachem Herzen nicht getan, das ist mir schon klar.«

In diesem Augenblick freilich, da sich Sean mit seinem Sohn unterhielt, war von seinem schwachen Herzen nichts zu spüren. Seine blauen Augen funkelten Mac an, während er mit energischen Schritten vor ihm auf und ab lief. Er hatte hellblonde Haare und Augen von diesem besonderen Blau, in das sich eine gute Prise Grün mischte. »Das lasse ich nicht zu, hörst du? Wir sind so froh, dich endlich wieder in unserer Nähe zu haben, wir werden nicht dulden, dass du dich von einer falschen Beschuldigung vertreiben lässt.« Er blieb direkt vor Mac stehen. »Oder hast du Schwierigkeiten in der Praxis, und das ist der eigentliche Grund dafür, dass du München wieder verlassen willst?«

Die Sache mit dem kleinen Friedrich hatte sich ausgerechnet an dem Tag ereignet, als Mac erfahren hatte, dass er in der Praxis von Antonia Laurin und Maxi Böhler als dritter Arzt würde arbeiten können. Antonia Laurin hatte ihn kurz zuvor angerufen, um ihm diese Entscheidung mitzuteilen. Er war, nicht nur aus diesem Grund, euphorischer Stimmung gewesen: Auf einer Party am Abend zuvor hatte er sich in Salome Rhein verliebt, eine junge Kita-Leiterin. Er war auf dem Weg zu ihr gewesen, als ihn Friedrichs erster Stein in den Rücken traf …

»Es ist eher anders herum«, sagte Mac jetzt müde, »die Praxis hat Schwierigkeiten wegen mir. Schon viele Eltern haben Termine für ihre Kinder abgesagt, weil ich jetzt dort arbeite. Frau Laurin und Frau Böhler reden mit mir nicht darüber, aber ich weiß, dass sie angefangen haben, sich Sorgen zu machen. Sinkende Einnahmen bei steigenden Kosten, das ist keine gesunde Entwicklung für die Praxis.«

»So ist das«, brummte Sean. »Und jetzt meinst du, du bist für sie nicht länger zumutbar.«

»Ich habe ja noch nichts entschieden, Papa. Wenn Patienten zu mir kommen, läuft es wunderbar, ich habe sogar schon eine Art Großeinsatz in der Praxis hinter mir, weil ich einmal allein war, während gleich zwei Personen medizinische Hilfe brauchten: ein verletzter Junge und eine Frau, deren Baby zu früh kam. Alles ist gut gegangen, aber …«

Er unterbrach sich selbst. »Was hilft das alles, wenn es die Eltern nicht erreicht, die mich für jemanden halten, der kleine Jungs missbraucht? Ich meine, die Anzeige ist zurückgezogen worden, die Aussagen des Jungen konnten als Lügen entlarvt werden, er selbst hat mir gesagt, dass ihm leidtut, was er getan hat – aber seine Eltern sorgen nicht dafür, dass die Sache auch öffentlich klargestellt wird. Die Polizei hat nur mitgeteilt, dass die Ermittlungen eingestellt wurden, und die Mutter des Jungen ist eine Anwältin, die weiß, wie sie ihren Sohn schützen kann. Aus den Medien ist der Fall verschwunden, seit klar ist, dass ich mir nichts habe zuschulden kommen lassen, für die ist da nichts mehr zu holen. Ein kleiner, niedlicher Junge, der lügt, ist nichts, was die Leute in Wallung bringt. Ein Arzt dagegen, noch dazu ein halber Ausländer …«

Mac brach ab, als er sah, wie sein Vater den Mund verzog. Sean war ein stolzer Schotte, aber auch ein glücklicher Deutscher geworden, mit seiner deutschen Frau. Er wollte in Schottland Schotte sein und in Deutschland Deutscher, er betrachtete sich nicht als Ausländer. Aber so einfach wie für ihn war die Sache für die meisten anderen leider nicht, das hatte er im Laufe seines Lebens lernen müssen.

»Dann muss man die Eltern dazu bringen, dass sie sich doch noch einmal öffentlich äußern!«, sagte Sean jetzt.

»Und wie, bitteschön, soll ich das anstellen?«

Sean sah seinen Sohn aus blitzenden Augen an, während er beide Hände in die Hüften stemmte. »Du steckst doch sonst immer voller Ideen, also lass dir gefälligst was einfallen! Du bist schließlich mein Sohn, wir McGregors lassen uns nicht in die Flucht schlagen!«

»Streitet ihr etwa?«, fragte Ellen McGregor von der Tür her. »Sean, worüber regst du dich denn so auf? Lass Mac in Ruhe, er hat in letzter Zeit genug durchgemacht, und für dein Herz ist Aufregung auch nicht gut, das weißt du genau.«

»Mein Herz ist zurzeit völlig in Ordnung. Und ich muss mich aufregen, wenn einer meiner Söhne einfach aufgeben will, das werde ich nicht dulden. Er soll sich gefälligst wehren!«, sagte Sean. »Er soll es nicht einfach hinnehmen, dass Leute, die nichts über ihn wissen, ihn beschuldigen, wo er überhaupt nichts getan hat.«

»Er wehrt sich ja«, entgegnete Ellen. »Er arbeitet weiter, behandelt kleine Mädchen und Jungs und macht das so gut, dass es sich irgendwann herumsprechen wird. Wir müssen nur das nächste Thema abwarten, über das sich die Leute aufregen, dann redet niemand mehr über ihn, so ist das doch immer. Die Welt ist sehr vergesslich.«

Seans Augen blitzten noch mehr. »Aber das reicht nicht, Ellen!«, rief er. »Begreifst du das denn nicht? Wenn die Leute einfach nur das Interesse an ihm verlieren, halten sie ihn deshalb noch lange nicht für unschuldig. Es muss unbedingt darüber gesprochen werden, dass dieser Junge gelogen hat!«

Für einen Moment war es still, denn weder Mac noch seiner Mutter fiel eine passende Erwiderung ein, bis Mac schließlich die Frage wiederholte, die er schon einmal gestellt hatte: »Und wie soll ich es anstellen, dass das passiert?«

Sean hatte sich wieder beruhigt. »Darüber reden wir beim Essen«, schlug er vor. »Es wäre doch gelacht, wenn uns dazu nichts einfiele, oder?«

»Da bin ich leider nicht so sicher. Du kannst mir glauben, dass ich schon sehr gründlich darüber nachgedacht habe. Und außerdem möchte ich mir Mamas gutes Essen nicht mit unschönen Erinnerungen vermiesen. Könnten wir nicht jetzt zur Abwechslung mal über etwas anderes reden?«

Aber dieser Wunsch ging noch nicht in Erfüllung, denn nun klingelte es: Macs Brüder Steve und Robert trafen ein. Beide waren jünger als Mac. Steve war in der IT-Branche tätig, Robert, der Jüngste, war gerade dabei, sein Studium der Tiermedizin zu beenden. Sie waren laut, fröhlich und kumpelhaft wie immer, überfielen Mac mit immer neuen Fragen, regten sich über ›diese unsägliche Geschichte mit dem kleinen Lügenbaron‹ auf, kamen schließlich aber doch, zu Macs größter Erleichterung, auf ihre eigenen mehr oder weniger aufregenden Erlebnisse zu sprechen.

Ellen zwinkerte ihrem Ältesten unauffällig zu, und mit einem Mal fühlte Mac sich nur noch wohl: Das hier war seine Familie, die ihn liebte, gleichgültig, was passierte. Noch wussten sie nichts von Salome, diese Überraschung sparte er sich für den nächsten Besuch bei seinen Eltern auf. Da würde er sie nämlich einfach mitbringen. Auf die Gesichter seiner Eltern freute er sich jetzt schon.

*

»Frau Honigmüller, jetzt reicht es aber bald!«, sagte Leon Laurin am nächsten Tag zu seiner jungen Patientin, nachdem er sie noch einmal von oben bis unten betrachtet hatte. Die Untersuchung war beendet, sie stand vollkommen nackt vor ihm.

»Ja«, stimmte sie ihm zu, »das finde ich auch, zumindest beinahe.« Sie eilte in die Umkleidekabine, setzte das Gespräch mit ihm aber von da fort, während er den Abstrich untersuchte, den er gerade genommen hatte.

Leon leitete nicht nur die Kayser-Klinik, er war außerdem weiterhin voller Engagement in seinen beiden medizinischen Fachgebieten, der Gynäkologie und der Chirurgie, tätig. Heute hielt er seine gynäkologische Sprechstunde, Katrin Honigmüller war die letzte Patientin des Tages.

»Drei Kilos noch, Herr Dr. Laurin, dann ist Schluss. Vielleicht auch nur zwei. Ich will schließlich kein Model werden.«

»Ich finde, die drei Kilos, die Sie noch loswerden wollen, könnten Sie ruhig behalten, sie stehen Ihnen gut.«

Er hörte seine Patientin kichern, gleich darauf stand sie fertig angezogen vor ihm. Er wies auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch, während er selbst dahinter Platz nahm.

»Der Abstrich ist in Ordnung«, sagte er. »Alles andere auch. Was macht Ihr Kreislauf?«

»Bestens, das hat sich alles gut eingespielt, und ich fühle mich schon beinahe wohl in meiner Haut.« Sie lächelte ihn vergnügt an.

Er freute sich für sie. Sie hatte im letzten Jahr dreißig Kilo abgespeckt, und er hatte sie dabei begleitet, sie immer wieder gewarnt, nicht ungeduldig zu werden oder gar den Mut zu verlieren, wenn es mal langsamer vorangegangen war. Sie hatte sich, auch das war sein Rat gewesen, keine Diät ausgesucht, sondern ihre Essgewohnheiten insgesamt allmählich verändert und zunächst einfach weniger gegessen als vorher. Sie hatte die Süßigkeiten weggelassen, den Alkohol ebenfalls weitgehend, und sie hatte angefangen, Sport zu treiben. Allmählich war dann ihr Interesse am Kochen erwacht, sie ernährte sich jetzt überwiegend gesund, und wie gut ihr das tat, war nicht zu übersehen.

Sie war nicht dünn geworden, das war auch nie ihr Ziel gewesen. Noch immer hatte sie ›Fleisch auf den Rippen‹, wie sie selbst das nannte, aber niemand hätte heute noch auf die Idee kommen können, sie ›dick‹ zu nennen. Sie hatte eine gut proportionierte Figur, mit einem hübschen vollen Busen und runden Hüften. Ebenfalls rund war ihr Gesicht mit den vielen Sommersprossen und den schönen grünen Augen, es wurde von roten Haaren umrahmt. Katrin Honigmüller strahlte Lebensfreude aus, und sie war endlich das geworden, wonach sie sich schon lange gesehnt hatte: eine attraktive Frau von Ende Zwanzig.

»Wirklich, Sie müssen sich keine Sorgen um mich machen, Herr Dr. Laurin, ich finde spargeldünne Frauen gar nicht schön, deshalb werde ich auf keinen Fall weiter abnehmen. Nur noch diese letzten drei Kilos, dann kneifen die Jeans nicht mehr, und alles ist gut.«

»Oder Sie kaufen die Jeans eine Nummer größer.«

»Zu spät, ich habe sie schon gekauft. Das Kneifen spornt mich für den Endspurt an.« Sie lachte Leon an, wurde aber gleich wieder ernst. »Nur diese Hautfalten am Bauch …«, sagte sie. »Die will ich nicht behalten, und die gehen natürlich auch nicht von selbst weg.«

Er nickte, er hatte schon damit gerechnet, dass sie das Thema auch heute anschneiden würde. Gestreift hatten sie es in den letzten Wochen schon öfter. »Ich habe Ihnen ja gesagt, dass meine Kollegin Dr. Hallmark keine reinen Schönheitsoperationen macht, von daher …«

Katrin unterbrach ihn lebhaft. »Das können Sie doch nicht als reine Schönheitsoperation bezeichnen, Herr Dr. Laurin! Ich hatte starkes Übergewicht, ich war depressiv, ich hatte Rückenprobleme, Gefahr von Diabetes und Bluthochdruck. Alles weg, mein Abspecken hat mich gesund gemacht, aber ich möchte jetzt nicht dafür mit diesen leeren Hautsäcken an meinem Bauch bestraft werden, und die kann ich ja schließlich nicht wegzaubern.«

Er nickte, er verstand sie ja. Sie hatte sich im letzten Jahr in eine völlig neue Frau verwandelt. Allein die Haut an ihrem Bauch, die vorher mit Fett gefüllt und daher stark überdehnt gewesen war, sich jetzt jedoch nur noch leer in hässliche Falten legte, erinnerte noch an die dicke Katrin Honigmüller, die vor etwa anderthalb Jahren zum ersten Mal zu ihm in die Praxis gekommen war und ihm gestanden hatte, sie sei lebensmüde, sie sehe einfach keinen Sinn mehr darin, weiterzuleben. Er hatte ein halbes Jahr gebraucht, um sie davon zu überzeugen, dass sich ein Neuanfang lohnte und dass es nicht ihr Schicksal sein musste, als übergewichtige Frau, die nicht nur keinen Partner fand, sondern sich auch mit Freundschaften schwertat, durchs Leben zu gehen.

»Mit mir wollen nur Dicke befreundet sein«, hatte sie einmal erbittert zu ihm gesagt, »alle anderen denken sofort, wenn sie mich sehen, dass sie mit mir nichts anfangen können. Wenn Sie wüssten, wie leid ich das bin!«

Wenn er sie jetzt ansah, so hübsch und lebensfroh, wie sie nun wirkte, konnte er keine Ähnlichkeit mehr mit der bleichen, übergewichtigen Gestalt entdecken, die sie vor anderthalb Jahren noch gewesen war.