Schöner als oben -  - E-Book

Schöner als oben E-Book

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Beschreibung

Short Stories, geschrieben vom 17. Lehrgang der Reportageschule Reutlingen

Das E-Book Schöner als oben wird angeboten von Books on Demand und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Kurzgeschichten, Schreibwerkstatt, Geschichten

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Seitenzahl: 84

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Vorwort

Anna Scheld:

Letzter Flügelschlag

Martin Zinggl:

Der Zwilling

Tim Winter:

Unter ärztlicher Aufsicht

Kristina Ratsch:

Die letzte Seite

Florian Bayer:

Der Entschluss

Andrew Müller:

Aufgewacht

David Holzapfel:

Abyssus

Kim Lucia Ruoff:

Lilienthal

Katrin Groth:

Türgeschichten

Martin Hogger:

Jens Jeremies 2004

Vorwort

Ist es ein weiter Schritt von der Reportage zur Short Story? Auf den ersten Blick nicht. Jede Reportage erzählt doch eine Story, oder? In beiden Fällen bauen wir Spannung auf, arbeiten szenisch, feilen an Sätzen. Und hier wie da wollen wir unsere Leser:innen bewegen.

Und doch ist etwas anders, das spüren wir. Ist es die Sprache, der Stil? Muss Literatur eine literarische Sprache bedienen? Ich glaube nicht, aber falls doch, was ist literarische Sprache? Zwischen der Lakonie einer Alice Munroe und der weltumspannenden Prosa eines Thomas Mann liegen Universen, und doch sind sie beide Literatur. Der Stil, die Sprache ist es also nicht.

Wie die Reportage ist Literatur immer Forschung, sie beschreibt, umkreist, versucht zu verstehen. Was also könnte der Unterschied sein? Ich glaube, es ist die Perspektive, mit der wir aufs Leben schauen. Die Reportage, redlich, faktentreu wahr, sprachlich nach der Literatur tastend, ist dem schönen Glauben des Journalismus verhaftet, es lohne sich, die Welt zu beschreiben, um Verbesserung zu bewirken, Ungerechtigkeiten aufzudecken, Härten anzuprangern und Mängel. Journalismus betrachtet das Leben vom Leben her, von einem verbesserbaren Leben her. Auch Literatur kann den Blick von diesen Dingen nicht lassen, aber sie schaut aus anderer Richtung, aus der der Vergänglichkeit. Sind die Dinge, die sie erzählt, nicht deshalb so wichtig, weil sie vergehen? Und nicht, weil es etwas zu verbessern gäbe? Wenn, dann wäre es ja die Vergänglichkeit selbst, die zu verbessern, also abzuschaffen wäre. Aber dann – wäre das Erzählte denn noch wichtig? Würde es nicht jede Bedeutung verlieren?

Einige Geschichten in diesem Band kreisen um das Vergehen. Ein Ort der Freitode. Ein Irrer, den man zu nah heranließ. Ein Mann, dem ein Experiment nicht bekommt. Eine Tochter voll Erinnerung an ihre verstorbene Mutter und eine Ausgemusterte, die nicht mitspielt. Eine endende Liebe und eine Frau, die einen Cut macht. Hart – und gut erzählt. Daneben finden sich leisere Töne: Ein Kind, das aufwacht und allein ist. Ein Wissenschaftler auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten. Ein gestandener Mann, der in den Keller muss – oder ist es ein Abgrund? Und schließlich ein tragikomisches Glanzstück zeitgenössischer Popliteratur: Die Geschichte des Fußballstars Jens Jeremies – hier einmal ganz anders.

Auch dieses Jahr ist im Short Story-Workshop der Reportageschule Reutlingen ein Band entstanden, der jede Seite lohnt. Sie halten ihn in den Händen – lesen Sie los!

Tobias Hülswitt Leipzig, November 2022

Anna Scheld: Letzter Flügelschlag

Plötzlich stehen diese zwei lächerlichen Pinguine in Bernhardines Gaststube. Ein großer und ein kleiner, Männer in schwarzen Anzügen mit weißen Hemden, irgendwie unbeholfen. In der Kachelofenluft schmelzen die Schneeflocken auf ihren Gelfrisuren und fließen ihnen die Stirn herab.

Solche Leute hat Bernhardine in fünfzig Jahren Eulenhof noch nicht gesehen. Gestriegelte Städter. Wanderer in klobigen Schuhen kommen zu ihr und Familien. Von beidem aber immer weniger, seit Hans-Joachim gestorben ist und sie den Gasthof allein führt. Sie schafft es nicht mehr, alle Zimmer frisch herzurichten, manche Türen bleiben Monate lang ungeöffnet. Meere aus toten Fliegen liegen dann auf den Dielen und auf den Betttischchen dicke Schichten aus Staub. Dass überhaupt noch Gäste kommen, verdankt sie wohl der Stille und der Aussicht – nichts als Schwarzwaldtannen mit weißen Hauben. Sie stehen ernst und stramm beisammen, als seien sie die Wächter des Winters. Mystische Sagen aus vergangenen Jahrhunderten wabern als dicker Nebel zwischen den Nadelzweigen. Keine anderen Häuser gibt es weit und breit. Ein schmaler Weg zweigt von der Landstraße ab und führt einen Kilometer lang hier hoch, zum Eulenhof. Über diesen Schleichweg müssen auch die Pinguine angewatschelt sein.

„Was wollen Sie denn hier?“, fragt Bernhardine. Sie greift sich in die drahtigen Haare, glättet sie mit der Hand. Die Pinguinaugen huschen in der Gaststube umher. Drei Gäste sind da, junge Eltern mit einem Baby, Bernhardine hat ihnen gerade zwei Teller mit Tagessuppe auf den Tisch gestellt.

„Wir sind hier, um Frau Leer zu treffen. Wie verabredet“, sagt der kleine Pinguin etwas zu laut. Sein Jackett ist zu groß für die hageren Schultern.

„Ich bin Frau Leer“, sagt Bernhardine. „Aber ich kenne Sie gar nicht.“

„Sie klangen am Telefon auch jünger“, sagt der größere Pinguin. Dabei dreht er sich einmal im Kreis, sieht sich um. Um seine schwarzen Lackschuhe hat sich eine kleine Pfütze gebildet, und es schmatzt beim Drehen.

„Mama? Oh nein, Mama, das sollte nicht – Hallo, Herr Wiehler, ah, und Herr Maibaum!“

Jana Leer schiebt die Tür zum Eulenhof hinter sich zu, sie hat rote Flecken auf den Wangen und einen schneenassen Zopf. Sie zieht hastig einen gelben Wollhandschuh ab, um beiden Pinguinen die Hand zu geben.

Bernhardines Gesicht zeigt keine Regung, während sie beobachtet, wie ihre Tochter und die Pinguine plaudern. Die spitzen Fingernägel an ihren Daumen drückt sie in das Fleisch der Zeigefingerkuppe. Immer tiefer.

Jana dreht sich zu ihr um. „Machst du ihnen eine Suppe?“, fragt sie Bernhardine und führt die Pinguine zu einem Tisch am Fenster. An der Wand darüber tickt eine riesige breite Uhr, die große gelbe Augen aus Holz hat und deren Seiten wie Flügel geschnitzt sind – eine Eulenuhr. Manchmal atmet Bernhardine in deren Takt. Zweimal Ticken: Ein, ein. Dreimal Ticken: Aus, aus, aus. Als sei die Zeit eine alte, gebeugte Frau, die mit zwei Gehstöcken links und rechts voranschreitet, vorausschreitet. Tick, tock. Und Bernhardine folgt.

„Für mich bitte die Suppe vegetarisch“, ruft der kleine Pinguin Bernhardine hinterher, als sie in Richtung Küche läuft.

Sie lacht auf, dreht sich nicht um.

Fünf Minuten später stehen zwei dampfende Teller vor den beiden. In der einen Brühe schwimmen braungraue Fleischstücke, in der anderen nicht.

„Entschuldigen Sie, diese Brühe schmeckt nach Fleisch“, sagt der kleine Pinguin nach zweimal Schlürfen und presst die Lippen zusammen, als müsse er demonstrieren, wie besonders eklig er die Suppe finde.

„Ist ja auch Fleischbrühe“, sagt Bernhardine.

„Aber ich habe doch vegetarisch bestellt. Ich esse kein Fleisch.“

„Die Fleischstückchen habe ich ja rausgefischt.“

„Aber die Brühe ... das Fleisch gibt ja ... Saft ab …“ Der kleine Pinguin stammelt, zuckt mit den Schultern und schiebt den Teller weg.

„Ich seh da drin kein Fleisch.“ Bernhardine greift den Teller, sodass die Suppe überschwappt, und geht damit zurück in die Küche. „Koch dir deinen Fraß doch selber“, ruft sie und stampft auf beim Gehen. „Scheiß vegetarisch, wo sind wir denn hier?“

Jana hat ihre Jacke an die Garderobe neben der Tür gehängt und sitzt bei den Pinguinen am Tisch. Sie entschuldigt sich bei ihnen und hastet zu ihrer Mutter in die Küche.

„Du lässt mich dastehen wie eine Blöde“, sagt Bernhardine, während sie eine Fünf-Minuten-Terrine in einen Kochtopf füllt und Wasser dazugießt. Sie dreht sich nicht um.

„Es tut mir so Leid, Mama. Aber du hättest mir doch nie erlaubt, dass ich mich mit denen hier treffe.“

„Wer sind die, wollen die dir den Hof abkaufen?“

„Die beiden könnten hier was richtig Schönes draus machen. Sie haben viele Ideen.“

„Es ist jetzt dein Hof. Mach doch, was du willst. Aber wehe, ich bin noch nicht tot.“

Janas kleine grüne Augen sind die gleichen wie die von Hans-Joachim, aber ihr stehen sie besser, findet Bernhardine. Sie sind irgendwie schneller und wacher. Was Jana von ihr geerbt hat, weiß sie nicht. Vielleicht die Sorgenfalte in der Mitte der Stirn. Bei Bernhardine eine Furche, die sich vom Scheitel bis zwischen die Augenbrauen gegraben hat. Bei Jana erst die Andeutung einer Linie.

Jana murmelt etwas, das Bernhardine nicht versteht. Stille. Getaktete Stille, die der Eulenwanduhrzeiger träge dirigiert.

„Hast du mich gehört?“, fragt Jana. „Nochmal: Ich will nicht, dass dieses Haus vergammelt, wenn du stirbst.“

Bernhardine rührt klackernd in dem Topf mit der Fünf-Minuten-Terrine, gibt sie mit der Kelle in einen neuen Suppenteller und stellt ihn in der Gaststube klirrend vor den kleinen Pinguin.

Am Nachbartisch fängt das Baby an zu schreien. Schrill und empört, als habe man ihm etwas angetan. Es lässt sich von der Mutter nicht durch sanftes Schaukeln auf dem Arm beruhigen. Es schreit, denkt Bernhardine, als ob es wüsste, was das Leben noch bringt.

In dieser Nacht hat Bernhardine einen Traum, den sie schon einige Male geträumt hat. Alle paar Jahre, seit sie den Eulenhof führt.

Im Traum schläft sie ebenfalls, und sie sieht sich selbst von oben dabei zu. Zusammengekauert, eingerollt und nackt wie ein Baby liegt sie in einem Nest aus stacheligen, gebogenen Ästen. Sie hört den Wind um das Nest sausen. Sie spürt Flügelschläge, die in schwarze Luft peitschen und näher kommen. Ihr Puls geht schneller und schneller, und als sie aufwacht, ist er genau so schnell wie im Traum, und sie liegt lange da und starrt in das Schwarz des kleinen Zimmers im Erdgeschoss. Sie weiß nicht genau, was wirklich ist und was nicht. Trotz der Düsternis in ihr und um sie herum sind ihr das die liebsten Stunden.

Am nächsten Vormittag reisen die Gäste mit dem Baby ab. Dichter Nebel hängt zwischen den Tannen um den Eulenhof und die Sonne scheint. Bernhardine öffnet alle elf Fenster der Gaststube. Sie hat sich zurecht gemacht, hat ihre Drahthaare zu einem Dutt gebunden, keine Kochschürze an und sogar etwas rosa Lippenstift aufgetragen, auf der Oberlippe ist er deutlich übermalt. Sie atmet im Takt der Eulenwanduhr. Zweimal Ticken: Ein, ein. Dreimal ticken: Aus, aus, aus.

Den Ofen hat sie früh morgens beheizt und immer wieder gefüttert. Er brennt gut. Sie öffnet sein Eisentürchen, und die Hitzewolke brennt angenehm auf Bernhardines kalten Wangen. Mit einer Zange nimmt sie vier glühende Holzblöcke aus dem Ofen. In jede Ecke der Gaststube trägt sie, mit Hans-Joachims übergroßen gehäkelten Ofenhandschuhen, einen Holzblock und drapiert ihn auf dem Fußboden. Dann zer