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Es gibt kein Entrinnen vor einem Schattenwolf auf der Jagd... Selbst als Playboy der Schattenwölfe ist Levi nicht gerade ein Softie. Er steht auf Alkohol, Frauen und seine Fotos … aber auch auf scharfe Messer und Krallen. Was als Auftrag beginnt, das Eindringen von Menschen in das Territorium eines Rudels zu untersuchen, entwickelt sich schnell zu etwas Dunklerem, Gefährlicherem und viel Heißerem, als er erwartet hat. Amy möchte ihr Rudel nicht im Stich lassen, aber das Leben in der kleinen Stadt am Fuße ihres Berges bietet ihr ausreichend Freiheit, um sich nicht gefangen zu fühlen. Das gilt auch für das Diner, das ihr gehört und das sie liebt. Aber jemand hat sie ein wenig zu genau im Auge, und das ist nicht etwa der gut aussehende Wolfgestaltwandler, der eines nachts in ihre Küche stürmt und sie anstarrt, als ob sie die letzte Frau auf Erden wäre. Ein Soldat, dem niemals etwas wichtig genug war, um zu bleiben, eine Frau, deren Wurzeln zu tief reichen, um sie abzuschneiden, und ein Stalker, der mehr als nur Spannen im Sinn hat. In der Welt der Schattenwölfe bedeutet eine einfache Mission, sich zu behaupten und bis zum Ende zu kämpfen. Aber dieses Mal reicht ein einziger Blick, um diese Mission aus dem Ruder laufen zu lassen und Levi dazu zu zwingen, zu fliehen, obwohl er lieber bleiben und kämpfen würde … solange seine Gefährtin ihn begleitet. Ein Soldat, ein Kampf... eine Chance auf die Ewigkeit.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
IMPRESSUM
Alle Rechte vorbehalten. Dieses Buch oder Teile davon dürfen ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung des Autors oder Herausgebers nicht vervielfältigt oder in irgendeiner Weise verwendet werden, mit Ausnahme der Verwendung von kurzen Zitaten in kritischen Artikeln oder Rezensionen.
Dies ist ein Werk der Fiktion. Namen, Orte, Unternehmen, Charaktere und Begebenheiten sind entweder das Produkt der Phantasie des Autors oder werden in fiktiver Weise verwendet. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen, tatsächlichen Ereignissen oder Orten ist rein zufällig.
Bearbeitet von Lisa Hollett, Silently Correcting Your Grammar, LLC
Umschlag von Kinship Press
Übersetzt von Stephan Saba
Kinship Press
9 S Elmhurst Rd, Suite 221
Prospect Heights, IL 60070
United States of America
+1 847-485-9272
Selbst als Playboy der Schattenwölfe ist Levi nicht gerade ein Softie. Er steht auf Alkohol, Frauen und seine Fotos … aber auch auf scharfe Messer und Krallen. Was als Auftrag beginnt, das Eindringen von Menschen in das Territorium eines Rudels zu untersuchen, entwickelt sich schnell zu etwas Dunklerem, Gefährlicherem und viel Heißerem, als er erwartet hat.
Amy möchte ihr Rudel nicht im Stich lassen, aber das Leben in der kleinen Stadt am Fuße ihres Berges bietet ihr ausreichend Freiheit, um sich nicht gefangen zu fühlen. Das gilt auch für das Diner, das ihr gehört und das sie liebt. Aber jemand hat sie ein wenig zu genau im Auge, und das ist nicht etwa der gut aussehende Wolfgestaltwandler, der eines nachts in ihre Küche stürmt und sie anstarrt, als ob sie die letzte Frau auf Erden wäre.
Ein Soldat, dem niemals etwas wichtig genug war, um zu bleiben, eine Frau, deren Wurzeln zu tief reichen, um sie abzuschneiden, und ein Stalker, der mehr als nur Spannen im Sinn hat. In der Welt der Schattenwölfe bedeutet eine einfache Mission, sich zu behaupten und bis zum Ende zu kämpfen. Aber dieses Mal reicht ein einziger Blick, um diese Mission aus dem Ruder laufen zu lassen und Levi dazu zu zwingen, zu fliehen, obwohl er lieber bleiben und kämpfen würde … solange seine Gefährtin ihn begleitet.
Ein Soldat, ein Kampf … eine einmalige Gelegenheit.
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Siehst du, wie Nichtstun den trägen Körper verdirbt, wie Wasser, wenn es nicht sich bewegt, schlecht wird?
OVID PONT
„Ein Winter ohne Schnee ist Scheiße. Genau wie diese sogenannte Mission.“ Levi nahm einen Schluck von seinem Bier und knallte dann die Flasche auf den Tisch. Die kalte Flüssigkeit löschte seinen Durst, aber nicht seinen Zorn. Die x-te Nacht in Folge ein gegnerisches Rudel von Gestaltwandlern zu beschatten, war ganz bestimmt nicht seine Vorstellung von einem gelungenen Abend.
Mammons Lachen trug auch nicht gerade zu seiner fröhlichen Stimmung bei. „Du bist so ungeduldig. Wie kann man bloß so alt geworden sein wie du, ohne den Reiz der Vorfreude zu kennen?“
Das sagte gerade der Richtige. Obwohl Levi seinem Rudelbruder entgegenhalten würde, dass er durchaus Geduld besaß, war er es leid, sich mit Mammons persönlicher Besessenheit herumzuschlagen. Er hatte es satt, immer am selben Ort zu bleiben, anstatt sich so auszutoben, wie er es wollte. Wonach er sich sehnte. Aber sie waren nun mal hier. Und Mammon passte auf. Und das langweilte Levi von Sekunde zu Sekunde mehr.
Außerdem war Levi nicht so naiv, Mammon seinen blöden Spruch mit der Vorfreude abzukaufen. Nicht, wenn man bedachte, wo sie sich befanden und was sie gerade taten. Selbst als er Levi über seine eigenen Probleme mit dem Warten und Nichtstun aufgezogen hatte, konnte der mächtige Gestaltwandler nicht anders, als seine Blicke über die Bar schweifen zu lassen, wahrscheinlich auf der Suche nach irgendeinem Anzeichen dafür, dass die Gruppe von Gestaltwandlern auf der anderen Seite des Raumes irgendwas im Schilde führte. Der Typ war ganz scharf auf das neuste Rudel in der Gegend.
Levi hingegen war eher auf eine der heißen Kellnerinnen scharf, die in der Kneipe herumliefen. „Da tut sich nichts, Mann. Sie sitzen einfach nur da und machen gar nichts, so wie jeden Freitagabend.“
„Ach, leck mich doch, Junge.“ Mammon warf Levi einen warnenden Blick zu, bevor er sich wieder dem widmete, was er zuvor getan hatte: eine Gruppe von Gestaltwandlern beim Biertrinken anzustarren. Der Typ war besessen von der Truppe aus New York, seit sie zum ersten Mal in seiner Stadt aufgetaucht war. Zugegeben, ein ganzes Rudel riesiger, lauter, irischer und amerikanischer Gestaltwandler, die aus dem Nichts aufgetaucht waren und das gesamte illegale Geschäft in der Gegend an sich gerissen hatten, war nicht unbedingt etwas Alltägliches, indes unternahmen sie nichts, was die Welt der Gestaltwandler gefährden könnte. Bisweilen nahmen sie ein paar Menschen aus. Es gab Schlimmeres.
„Du musst die Sache auf sich beruhen lassen.“ Normalerweise war Levi nicht so direkt, wenn es um … nun ja, alles ging, was ihm gegen den Strich ging. Aber ein Jahr lang an einem Ort festzusitzen, war etwa elf Monate zu lang – und er war es leid, Mammons Verschwörungstheorien nachzugeben.
„Dir schneidet man noch die Eier ab, Junge“, stellte Thaus fest und überraschte damit wahrscheinlich beide Männer am Tisch, denn die beiden wirbelten herum und starrten ihn an. Thaus war größer als der Rest der Schattenwölfe und auch wehrhafter. In einem Rudel militärisch ausgebildeter Wolfgestaltwandler, die eher ihre Klauen als ihren Mund sprechen ließen, stach Thaus immer noch als stiller, nachdenklicher Typ hervor.
Natürlich waren die Schattenwölfe – eine Rasse von Wolfgestaltwandlern, die in der Bevölkerung schon lange als ausgestorben galt – nie dafür bekannt gewesen, besonders tiefsinnig zu sein. Die Legenden, die sich um sie rankten, handelten eher von Schlachten und Kriegen, von besiegten Feinden und geretteten Leben, wenn sie ihre Art verteidigten.
Aber Levi hatte schon vor langer Zeit festgestellt, dass Thaus mit seiner Persönlichkeit als Schattenwolf auf einem ganz anderen Niveau war. Der Gestaltwandler war einfach … ruhig. Es sei denn, er plapperte über militärische Strategien und Vorgehensweisen – dann konnte der Mistkerl stundenlang labern. Vielleicht war das aber auch nur Levis Wahrnehmung, die auf seiner eigenen Langeweile beruhte, als Thaus mit diesem Thema anfing. Er bezweifelte, dass der Gestaltwandler in seinem ganzen Leben so viele Worte verloren hatte, dass es für einige Stunden gereicht hätte.
Levi hingegen schwatzte ohne Unterlass. „Wenn meine Eier das Einzige sind, worüber du dir Gedanken machst, brauchst du ein bisschen mehr Action in deinem Leben.“
Mammon stieß ein Lachen aus und Thaus zog eine Augenbraue hoch. Eine andere Reaktion hatte Levi nicht erwartet. Verdammt noch mal, die Langeweile brachte ihn um.
Als er sein Bier ausgetrunken hatte, spähte Levi erneut durch die Bar, allerdings nicht nach den anderen Gestaltwandlern wie Mammon. Nein, er war auf der Suche nach einem hübschen Hinterteil. Vorzugsweise das einer Gestaltwandlerin. Es juckte ihn, eine Wölfin mit in sein Hotel zu nehmen oder, noch besser, in eine dunkle Ecke des Clubs zu verschwinden und sie auf die Knie zu zwingen. Vielleicht ein wenig heimlicher Sex im Stehen auf dem Klo. Irgendwas. Fast ein Jahr lang saß er nun mit Mammon im verdammten Fort Worth fest, und ließ sich sein Sozialleben versauen, während sie dabei zusahen, wie ein Rudel Wolfgestaltwandler sich als nichts weiter als Kredithaie und Geldeintreiber verdingte. Er musste dringend hier raus – und dann herausfinden, wie er dieser Stadt entkommen konnte.
Eine Blondine auf der anderen Seite der Bar begegnete seinem umherschweifenden Blick und lächelte. Trotz des Abstands und der Leute, die zwischen ihnen standen, konnte er ihre menschliche Ausstrahlung spüren. Das war zwar nicht gerade sein Ding, aber er kam damit klar. Lange Beine, kurzer Rock, Haare, die über ihren flachen, aber nicht unattraktiven Hintern streiften. Ja, damit konnte er leben.
Er ließ sich tiefer in seinen Sitz sinken, spreizte seine Knie ein wenig und nickte ihr zur Begrüßung zu.
Mammon lachte wieder, dieses Arschloch. „Ist das alles, was du draufhast, Kleiner?“
„Ich bin nicht dein Kleiner, und meine Methode funktioniert einwandfrei, danke.“
„Deine Methode?“ Mammon schlug Thaus auf den Arm. „Hörst du mir überhaupt zu?“
„Ich gebe mir große Mühe, das nicht zu tun, nein.“ Thaus knurrte, als Mammon ihm erneut eine verpasste, und der größere Mann schwenkte von nachdenklich und gelangweilt zu stinksauer über. „Wenn du mir nochmal eine knallst, reiß ich dir den Arm ab.“
Mammon lachte nur noch lauter. Das heißt, bis die Blondine vor ihnen auftauchte.
„Hi“, begrüßte sie die Männer und lehnte sich neben Levi an die Tischkante. Großgewachsen, heiß und offensichtlich ein bisschen beschwipst, war sie genau das, was er für diesen Abend brauchte.
„Hey. Ich bin Levi.“
Sie schaute sich am Tisch um. „Und wer sind deine Freunde?“
„Nicht so wichtig.“ Levi ergriff ihre Hand und strich mit den Fingern über ihren Handrücken. „Möchtest du tanzen?“
„Nein“, erwiderte sie lächelnd und beugte sich zu ihm runter, um ihm ins Ohr zu flüstern – und zwar ziemlich laut: „Ich möchte hier raus.“
Ihre Hand lag auf seinem Oberschenkel, und ihr Atem strich über seinen Nacken. Wenn das kein Zeichen dafür war, dass sie an mehr als nur einem Drink und einer Runde auf der Tanzfläche interessiert war. Er schob ihre Hand etwas nach oben und grinste sie an.
„Ich denke, das lässt sich einrichten.“
Aber ihr Blick war nicht mehr länger auf ihn gerichtet. Sie sah Thaus an. Und das war ein großer Fehler.
„Du kommst mir bekannt vor.“ Sie lehnte sich über den Tisch und streckte sich ihm praktisch entgegen, wobei sie Levis Oberschenkel nutzte, um sich abzustützen. „Kenne ich dich?“
Levi stöhnte auf, und Mammon auch. Thaus mag vieles gewesen sein – ein guter Anführer, ein großartiger Soldat und ein knallharter Waffenexperte, aber er war nicht gerade empfänglich für die Aufmerksamkeit von Menschen. Außerdem hatte er seine Wut nicht unter Kontrolle.
Thaus stieß sich vom Tisch ab und warf dabei seinen Stuhl um. Etwas, das die anderen Schattenwölfe kaum beunruhigte. Sie waren an ihn gewöhnt, andere natürlich nicht. Vor allem nicht Menschen. Das Mädchen sprang mit einem Schrei zurück und kippte fast um, als sie versuchte, vor dem zu flüchten, was sie wohl als Bedrohung ansah.
Aber das war dem aufgebrachten Gestaltwandler nicht genug. „Verpiss dich, verdammt noch mal.“
Die Augen des Mädchens weiteten sich, und ihre Angst hing in der abgestandenen, klimatisierten Luft des Raumes. So deutlich, dass sogar Levi sie riechen konnte. „Tut mir leid. Ich wollte doch nur …“
„Du wolltest gar nichts. Und jetzt verschwinde.“
Also verzog sie sich, wie Levi das erwartet hatte. Niemand konnte es mit Thaus aufnehmen, wenn er einen seiner Wutausbrüche hatte. Niemand, außer vielleicht Levi selbst.
„Vielen Dank auch dafür, Arschloch.“ Levi lehnte sich zurück und funkelte die Barbesucher an, die das Trio anstarrten, aber ansonsten nicht auf Thaus’ lächerliches Getue reagierten. Nicht, dass das Thaus etwas auszumachen schien.
Der größere Gestaltwandler rückte seinen Stuhl zurecht, ließ sich schwerfällig draufplumpsen und lehnte sich zu Levi. Er sah aus, als wäre er bereit gewesen, dem nächsten, der ihm in die Quere kam, die Scheiße aus dem Leib zu prügeln. „Hör zu, Kleiner. Wir alle haben uns deinen Scheiß schon viel zu lange gefallen lassen, aber ich habe die Schnauze voll.“
„Die Schnauze voll von was?“
„Von dir. Dass ich dir jedes Mal den Arsch rette, wenn du eine Mission vermasselst, weil du nicht gut genug aufgepasst hast. Morgens die Stadt nach dir abzusuchen, wenn du wieder mal eine Muschi deinen Brüdern vorziehst.“
„Thaus“, begann Mammon, seine Stimme schwankte zwischen Besorgnis und Ruhe. Aber Levi brauchte keine Ruhe, und er hatte das Gefühl, Thaus auch nicht.
„Meinen Arsch retten? Wann hast du mir jemals den Arsch gerettet? Schließlich habe ich doch Mammon damals in Sri Lanka aus dem eingestürzten Gebäude gezogen. Und ich habe mich auch durch tausend Pfund Schutt gegraben, um zu Phego zu gelangen, nachdem du ihn in eine Höhle geschickt hast, ohne sie auf ihre Standfestigkeit hin zu untersuchen.“ Levi beugte sich nach vorn, sein Knurren unterstrich seine Worte. „Und ich war es auch, der den verdammten Werwolf erledigt hat, der dir fast den verdammten Arm abgerissen hat.“
Mammon seufzte. „Leute, wir erregen Aufmerksamkeit.“
Aber Thaus war zu sehr in Rage, um auf Mammons Warnung zu hören.
„Du hältst dich wohl für einen ganz abgebrühten Kerl, Kleiner? Glaubst, dass du eine Mission im Alleingang stemmen kannst? Denn von uns sieben bist du der Einzige, der das noch nicht geschafft hat, und zwar genau wegen dieser Scheiße. Du hast gerade einen verdammten Menschen herübergerufen, während wir ein Rudel Gestaltwandler beschatten.“ Thaus lehnte sich zurück, als sein Handy klingelte, und starrte Levi immer noch mit Verachtung an. „Hör auf, mit deinem Schwanz zu denken und krieg dich ein, bevor du noch jemanden umbringst.“
„Geh an das verdammte Handy“, forderte Mammon und blickte von einem Mann zum anderen. „Bevor ihr zwei das bisschen Tarnung auffliegen lasst, das wir hier noch haben.“
„Ihr seid schon so weit in dieses Rudel hineingeraten, dass es überhaupt keine Tarnung mehr gibt.“ Levi griff nach seinem Bier und knurrte, bereit, mehr als nur mit Worten zu kämpfen, aber der warnende Blick seines Kameraden ließ ihn innehalten … und die Augen verdrehen. Aber das würde er nicht zugeben.
„Schieß los“, sagte Thaus ins Handy. Der Club war zu laut, als dass Levi die Stimme am anderen Ende hätte hören können. Doch als Thaus aufstand und zur Tür ging, folgten ihm Levi und Mammon. Es schien, als ob sie die Beschattung an den Nagel hängen würden war, um einen richtigen Job zu erledigen.
Jahrhunderte des Kampfes gegen jegliche Form von Übernatürlichem hatten Levi so einiges beigebracht, vor allem, dass er manchmal seinen Stolz zurückstecken und tun musste, was nötig war. In diesem Moment musste er Thaus folgen, um herauszufinden, worum es bei dem neuen Auftrag ging, denn seine steifen Schultern und das dringende Bedürfnis, einen ruhigen Ort aufzusuchen allein, konnten nicht von einer neuen Mission herrühren.
Als sie Thaus schließlich einholten, stand er auf dem Parkplatz und hörte aufmerksam zu. Er blickte auf, während die beiden näherkamen und murmelte das Wort Dante.
Dante war der Kumpel des Präsidenten und im Grunde ihr Boss. Er nahm die Anrufe von Rudeln entgegen, die Hilfe brauchten, verteilte Aufträge und sorgte dafür, dass die nordamerikanischen Wolfgestaltwandler unter Kontrolle und im Verborgenen blieben. Der Typ war wie Charlie in der Serie Charlie’s Angels. Eine Stimme in der Leitung, die allen sagte, was sie zu tun hatten.
„Sind alle da?“ Dantes ruhige Stimme kam durch den Lautsprecher des Geräts, seine sanfte Art zu sprechen, wurde durch die Winzigkeit der Mobilfunktechnologie etwas getrübt.
„Bestätigt.“ Thaus warf einen Blick von Mammon zu Levi, bevor er sich wieder dem Handy zuwandte. „Bitte wiederhole die Befehle.“
„Wir haben einen Anruf von einem Rudel in Hope Ridge, North Carolina, erhalten, das im Westen des Bundesstaates liegt. Wie ihr vielleicht wisst, gibt es in dieser Gegend wegen der Appalachen viele menschliche Reisende. Das Rudel hat zwar geschäftlich mit den ortsansässigen Menschen zu tun, aber das eigentliche Gelände liegt tief genug im Wald, als dass menschliche Wanderer und Passanten dort vorbeikommen würden. Allerdings wurden vor Kurzem Geruchsspuren an den Außengrenzen ihres Gebiets entdeckt. Menschliche Geruchsspuren.“
„Rund um sie herum?“, fragte Mammon.
„Das glauben sie, aber angesichts des Geländes ist es schwer, das mit Sicherheit zu sagen. Sie brauchen Verstärkung, um die Sache zu untersuchen.“
Thaus grummelte. „Warum werden wir wegen eines einfachen menschlichen Übergriffs auf das Territorium eines Rudels gerufen? Könnten das nicht die dort ansässige Gruppe der Wilden Rasse oder ein paar Putzer erledigen?“
Mammon nickte. Levi wäre das in jedem Fall egal gewesen. Die Wilde Rasse war der Motorradclub, mit dem der Präsident der nordamerikanischen Lykaner-Bruderschaft, Blasius Zenne, gegen Nomaden und Rudelwölfe vorging. Für gewöhnlich waren sie coole Typen – ein bisschen wie ein Rudel, ohne zuzugeben, dass sie ein Rudel waren – aber es fehlte ihnen die Ausbildung einer tatsächlichen Militäreinheit. Die Putzer waren deutlich strategischer und geschulter, aber sie neigten dazu, sich eher wie Polizisten zu verhalten … sofern die Polizei besonders gut darin war, Leichen zu verstecken und Tatorte zu säubern, um sicherzustellen, dass die Spurensicherung nie von der Beteiligung von Gestaltwandlern erfuhr.
Die Schattenwölfe waren da ganz anders und überdies auf einem ganz anderen Niveau. Wenn Dante sie für diesen Job ausgewählt hatte, gab es auch einen triftigen Grund dafür.
Und Dante wartete nicht damit, ihnen diesen Grund zu nennen. „Das Rudel hat eine Omega.“
Levis Brustkorb spannte sich an, als sich plötzlich alles zusammenfügte. Omegawölfinnen waren mächtige weibliche Gestaltwandler, die als wahrer Segen für ein Rudel galten. Sie waren selten und begehrt, manchmal so sehr, dass sie geradezu zu einer Besessenheit wurden. Erst im Jahr zuvor hatte seine Mannschaft gegen eine Gruppe von Gestaltwandlern gekämpft, die entschlossen waren, Omegas zu entführen und sie wie Nutztiere zu züchten. Diese kranken Mistkerle.
Aber auch aus persönlicher Sicht waren die Omegas für seine Brüder und ihn von großer Bedeutung. Das rein männliche Rudel glaubte, dass die Omegas Verwandte waren und die weibliche Seite der Schattenwölfe darstellten. Davon war nicht einmal in den Legenden die Rede. Die sieben verbliebenen Schattenwölfe auf der Welt bildeten Levis Rudel und arbeiteten eng mit den politischen Führern der Wolfgestaltwandler zusammen, um die Omegas zu schützen und die dunkleren übernatürlichen Formen zu bekämpfen, gegen die ein normaler Wolfgestaltwandler nicht ankam. Aber das Interesse der Omegawölfinnen stand in ihren Kämpfen immer an erster Stelle.
Wenn eine Omega in Schwierigkeiten war, wollte Levi helfen.
„Wie geht’s jetzt weiter?“, fragte Levi. Thaus hob eine Augenbraue, aber Levi starrte nur zurück. Normalerweise riss er sich nicht gerade um Zusatzarbeit, aber wenn es um Omegas ging, hatte er das Bedürfnis, sich ins Geschehen einzumischen. Mehr noch als bei jeder anderen Art von Mission.
„Ich brauche einen einzelnen Mann, der die Behauptungen des Rudels untersucht und die Omega in Sicherheit bringt“, antwortete Dante ohne Umschweife. „Wenn wir mehr Männer brauchen, um die Bedrohung zu beseitigen, dann ist das eben so.“
Mammon wischte sich mit dem Daumen über die Lippen und sah abgelenkt aus. „Ich könnte das …“
„Nein“, unterbrach Levi ihn und erntete einen weiteren überraschten Blick von Thaus. „Ich schaffe das schon. Ich mache mich noch heute Abend auf den Weg.“
Dante antwortete, bevor seine Brüder zu Wort kamen. „Sehr gut, Leviathan. Ich schicke dir die Koordinaten auf dein Handy. Beeil dich aber. Präsident Blasius will nicht, dass noch eine Omega in Gefahr gerät.“
Das wollte Levi auch nicht. „Verstanden.“
Dante hatte noch keine zwei Sekunden aufgelegt, als Mammon das Wort ergriff.
„Glaubst du wirklich, dass du das allein packst?“
Levi unterdrückte einen Seufzer. Das würde auf keinen Fall als reif und leistungsfähig angesehen werden, auch wenn der nervige alte Sack es verdient hätte, dass man ihn anseufzte. „Ich schaffe das schon.“
Thaus sah ihn scharf an und suchte nach etwas, von dem Levi nicht sicher war, ob er es finden würde. Dennoch zuckte Levi nicht zurück und wandte seinen Blick nicht ab. Sollte der Mistkerl ihm doch ein Loch in den Bauch starren, er würde das schon hinkriegen.
Doch dann meldete sich Thaus zu Wort. „Wenn du Mist baust, sind wir alle dran.“
Der ganze Druck ihrer Abstammung lastete auf ihm wie ein Felsbrocken. Schattenwölfe … die Besten ihrer Rasse, die Stärksten, die am besten Ausgebildeten. Militärisch, zielstrebig und gefährlich. Nur wenige wussten, dass es noch Schattenwölfe auf der Welt gab, und die wenigen, die Bescheid wussten, warteten nur darauf, die sagenumwobenen Bestien ein wenig zurechtzustutzen. Bei den meisten Missionen zog Levi es vor, im Team loszuziehen, um die Verantwortung nicht allein tragen zu müssen. Aber dieses Mal hatte er das Bedürfnis, allein zu gehen.
„Ich schaffe das schon.“ Levi starrte seinen Bruder an und wollte nicht nachgeben.
Thaus warf einen Blick auf Mammon und nickte dann kurz. „Dann mal los.“
Ohne ein weiteres Wort machte er sich auf den Weg zu seinem Truck, doch Mammon wich nicht von seiner Seite.
„Ich schaffe das schon“, wiederholte Levi im Gehen und ließ sich von dem besorgten Gesichtsausdruck seines Bruders nicht beirren.
„Aber dein Geruchssinn …“
Levi unterbrach diesen Satz mit einem Knurren. „Mein Geruchssinn funktioniert einwandfrei. Ich weiß, dass er nach der Vulkansache nicht so stark ist wie bei euch anderen, aber er ist immer noch besser als bei den meisten Gestaltwandlern. Ich bin nicht vollkommen wehrlos.“
„Das weiß ich ja, es ist nur …“ Mammon seufzte und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. „Es ist eine Schwäche, und eine Schwäche im Kampf könnte zu einem Verlust führen, den sich keiner von uns leisten kann.“
Levi hätte am liebsten die Augen verdreht, aber das ging nicht. Vor ein paar Jahrhunderten hatte er sich bei einem Einsatz in der Nähe eines aktiven Vulkans auf Hawaii Nase, Rachen und Lunge verbrannt. Er hatte sich zwar einigermaßen gut erholt, aber seine Brüder hatten ihn nie vergessen lassen, dass er nach diesem Tag nicht mehr ganz derselbe war. Irgendwie konnte er das ja verstehen – er wäre an diesem Tag fast draufgegangen. Aber seine Brüder waren im Laufe der Jahre jeweils hundertmal fast gestorben. Doch an niemandem zweifelten sie so sehr wie an Levi, und das trieb einen tiefen Keil in ihre Mannschaft. Zumindest für ihn.
„Wir reden hier von Menschen und einem Rudel Wandler, die Verstärkung brauchen“, stellte Levi fest und versuchte, den anderen Wandler nicht anzuschnauzen. „Ich bin durchaus in der Lage, das zu erledigen.“
Mammon nickte und sah immer noch unschlüssig aus. „Wie lautet dein Plan?“
„Die Omega schützen, die Geruchsspuren untersuchen, den Grad der Bedrohung bestimmen, wenn nötig, zusätzliche Unterstützung anfordern und die Ziele eliminieren.“
Mammon nickte erneut und seufzte. „Also gut, Junge. Du übernimmst die Führung. Du beschützt sie um jeden Preis und dann haben wir gewonnen.“ Er wandte sich um, um zurück in die Bar zu gehen, bevor er noch einen letzten Spruch von sich gab. „Aber lass deinen Schwanz in der Hose. Das Letzte, was wir brauchen, ist ein angepisster Alpha, der Dante anruft, weil du wieder mit einer Wölfin rumgemacht hast …“
„Das war nur ein einziges Mal“, rief Levi, bevor er mit einem Tritt die Erde aufwirbelte. Das würden die Mistkerle wohl nie vergessen. Dann sprang er in seinen Truck und startete mit einem Knurren den bulligen Motor. Eine Omega steckte in Schwierigkeiten, also hieß es, die Zweifel und die endlosen Erinnerungen seiner Brüder beiseitezuschieben. Jetzt musste er seinen Arsch in Bewegung setzen.
Amy wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab und warf einen letzten Blick durch das Restaurant. Die Stühle standen an ihrem Platz, die Tische waren sauber, die Salz- und Pfefferstreuer waren aufgefüllt und standen neben den Flaschen mit scharfer Soße und Pfefferessig, die Theke funkelte wie eine Kristallkugel und der Duft von frisch gebackenen Broten und Muffins lag in der Luft. Jawohl. Das Hope Springs Diner war bereit, aufzumachen.
„Warum kümmern Sie sich nicht noch um die Blumen und schließen dann die Türen auf, Miss Kelley?“ Sie klopfte ihrer älteren Bedienung auf die Schulter und wandte sich um, um ihr jüngeres Personal zu begutachten. Viel jünger, vor allem für eine Gestaltwandlerin wie sie, die in Erdenjahren siebenundsechzig Jahre alt war. Nicht, dass irgendjemand davon gewusst hätte. Immerhin sah sie keinen Tag älter als fünfundzwanzig aus. Doch selbst wenn die Menschen sie für so jung hielten, waren die Frauen, die für sie arbeiteten, noch jünger.
Sandy war gerade mal zwanzig – neu in der Stadt und auf der Suche nach einer Möglichkeit, über die Runden zu kommen – während Yvonne erst siebzehn war. Sie wäre auf der High-School gewesen anstatt in der Frühschicht im Diner zu arbeiten, wenn ihr riesiger Babybauch ihr Leben nicht so aus der Bahn geworfen hätte,
„Meine Damen, bereit für den morgendlichen Ansturm?“ Amy hätte diese Frage gar nicht stellen müssen, aber das Nicken der beiden jungen Frauen war trotzdem eine Erleichterung. „Gut. Die Sonderangebote hängen an der Tafel aus und die neuen Speisekarten liegen bei den anderen auf dem Stapel. Lächelt, seid freundlich und sagt mir Bescheid, wenn Mr. Klaus eine Bestellung aufgibt, damit ich sein Essen getrennt vom Rest zubereiten kann. Seit drei Monaten hat er keine allergischen Reaktionen mehr gezeigt. Das ist praktisch ein Rekord.“
Sandy, die Stift und Notizblock bereithielt, vibrierte förmlich vor Vorfreude. Das Mädchen hatte unglaublich viel Energie, was ihr und Amy sehr zugutekam. „Schmorbraten-Sandwiches zum Lunch, richtig?“
„Genau.“ Das Grinsen auf den Gesichtern der jungen Frauen ließ ihr Herz höherschlagen und erfüllte sie mit einem Gefühl von Stolz. „Ich weiß. Ihr werdet heute richtig gutes Trinkgeld abstauben.“
„Ich liebe den Bratentag“, erklärte Yvonne mit einem Grinsen.
„Die Kunden auch.“ Sandy zwinkerte und machte sich auf den Weg zu ihrem Abschnitt, wo sie ein letztes Mal die Tische begutachtete. Sie war eine äußerst gewissenhafte Angestellte. Sie achtete auch auf die kleinsten Einzelheiten. Amy hatte ein Riesenglück, dass sie sie bekommen hatte, bevor die anderen Unternehmen in der Gegend mitbekamen, was für ein Juwel sie war. Sandy sprang sogar für Miss Kelley ein und bat die ältere Frau, die Türen zu öffnen, während sie auf jedem Tisch eine einzelne Blume in einer Milchglasvase aufstellte.
Die Blumen auf die Tische zu stellen, war immer der letzte Schritt vor dem Öffnen der Türen und eine Tradition, auf die Amy einfach nicht verzichten wollte.
Als die letzte Blume an ihrem Platz war, verschwand Amy hinter der Theke in Richtung Herdplatte. Zeit, sich an die Arbeit zu machen. „Der Sheriff steht schon an der Tür und wartet auf Miss Kelley. Ich mach ihm schon mal die Eier fertig. Yvonne …“
„Ich weiß, ich weiß.“ Die jüngste Kellnerin verdrehte die Augen und zog einen Bleistift aus dem unordentlichen Knoten auf ihrem Kopf. „Er sitzt in meinem Abschnitt und wird mich endlos ausfragen. Sei nett. Lächle. Und sag ihm nicht, dass er sich verpissen soll.“
„Ganz genau.“ Amy horchte auf, als sie endlich das Glöckchen über der Tür läuten hörte. Miss Kelley war vieles – liebenswert, nett und beliebt in der ganzen Stadt – aber schnell war sie nicht. Das war aber nicht weiter schlimm. Die Frau begrüßte jeden Kunden mit einem Lächeln und einer persönlichen Note, und die Kunden liebten sie dafür. Deshalb kamen sie noch lieber hierher.
„Guten Morgen, Sheriff Rodman. Willkommen in Hope Springs an diesem herrlichen Tag.“ Miss Kelleys sanfte, ruhige Stimme schwebte durch den Speisesaal und brachte Amy zum Grinsen. Diese Frau einzustellen, war die beste Entscheidung, die sie je getroffen hatte. „Ich habe gehört, dass Sie gestern Abend Besuch hatten. Ich bin überrascht, Sie so früh hier zu sehen.“
Amy unterdrückte ein Glucksen und warf einen Blick zu Yvonne hinüber. Das junge Mädchen hatte die Schultern gehoben und ein Lächeln aufgesetzt. Sie war bereit für das, was auf sie zukommen würde. Aber Amy hatte das Gefühl, dass Miss Kelley dem Mädchen in die Quere kam.
„Oh, äh, ja.“ Die normalerweise dröhnende Stimme des Sheriffs wurde leiser, als er über seine Worte stolperte. „Ich hatte einen Gast zum Abendessen.“
„Einen Gast zum Abendessen? Nennt man das heute so? Als ich jünger war, nannten wir so etwas Gelegenheitslover.“ Ihr Südstaatenakzent unterstrich die letzten beiden Worte, und Amy war sich sicher, dass das Absicht war. Sie musste sich ein Lachen verkneifen, als Miss Kelley den Sheriff in Yvonnes Bereich setzte. Sie erkannte ganz genau, was die ältere Dame vorhatte. Sogar Yvonne grinste.
„Bitte sehr, mein Lieber“, sagte Miss Kelley und deutete auf den Lieblingstisch des Sheriffs. „Yvonne ist heute Ihre Kellnerin. Sie erinnern sich doch an Yvonne, oder? Ich kann nicht behaupten, dass sie viel über dieses ganze Thema über Gelegenheitslover wüsste. Sie ist mit dem Enkel meines Cousins zusammen, seit sie quasi noch Babys waren. Yvonne, wann ist Billy mit der Grundausbildung fertig?“
Yvonne stellte ein Glas Eiswasser vor dem Sheriff ab und schenkte dem abschätzigen alten Kauz ein Lächeln. „Einen Monat, zwei Wochen und vier Tage.“
„Es muss schrecklich sein, so lange von deinem Liebsten getrennt zu sein, obwohl ich weiß, wie stolz du auf ihn bist, weil er sich entschieden hat, unser Land zu verteidigen.“
„Ja, Ma’am. Das war schon sein Traum, seit er ein kleiner Junge war.“
„Ich erinnere mich.“ Miss Kelley schüttelte den Kopf. „Und wann ist die Hochzeit?“
Yvonnes Hand glitt zu ihrem Bauch hinunter und ein Grinsen erhellte ihr Gesicht. „In einem Monat, zwei Wochen und fünf Tagen.“
Der Sheriff runzelte die Stirn und blickte von Miss Kelley zu Yvonne und wieder zurück. Ja, da war was dran. Er konnte das arme Mädchen nicht über ihren Freund, ihr Baby und ihre Zukunftspläne ausquetschen, wenn er selbst gerade einen draufmachte. Nun, das konnte er, und das würde er auch wieder tun, aber vielleicht würde er an diesem Tag etwas nachsichtiger mit ihr sein.
Fast jeder in der Stadt verurteilte Yvonne dafür, dass sie schwanger geworden war, bevor sie verheiratet war, und genau ebendarum hatte Amy sie eingestellt. Yvonne und Billy haben sich mit dieser Babysache vielleicht ein wenig in die Nesseln gesetzt, aber sie waren vernünftige junge Leute, die noch einiges im Leben vor sich hatten. Das Mädchen brauchte jedoch Geld und bestimmte Fertigkeiten, wenn sie es außerhalb von Hope Ridge schaffen wollte. Deshalb hatte Amy ihr beigebracht zu kochen, und die Kleine machte sich richtig gut. Wenn sie über entsprechende Fertigkeiten in der Küche verfügte, konnte sie in einem Restaurant arbeiten, anstatt in einer Bar oder einem noch schlimmeren Laden. Die Kleine wollte nicht aufs College gehen, sie wollte nicht weit weg von dem Mann leben, den sie liebte, also musste sie überall dort einen Job finden können, wo seine Karriere sie hinführte. Nicht gerade Amys Vorstellung von einem glücklichen Leben, aber es war Yvonnes Leben und ihre Entscheidung. Amy war einfach froh, dass sie ihr auf ihrem Weg zur Seite stehen konnte.
Sie selbst hatte nicht vor, sich allzu weit von der kleinen Stadt, die sie ihr Zuhause nannte, wegzubewegen. In Hope Ridge war sie umgeben von üppiger Wildnis, zerklüftetem Gelände und der Schönheit der Natur auf Schritt und Tritt. Die Stadt lag in einem tiefen Tal, das am Fuße des Berges lag, in dem ihr Rudel lebte. Dieser Ort vereinte das Beste aus beiden Welten – die Gestaltwandler in den Hügeln und die Menschen unten im Tal. Einfach perfekt. Außerdem führte sie das Hope Springs Diner, das sie für nichts und niemanden aufgeben wollte. Basta.
Erneut klingelte das Glöckchen über der Tür und meldete einen weiteren Gast. Miss Kelley klopfte dem Sheriff auf die Schulter, bevor sie sich zur Tür wandte … aber nicht, ohne noch einen letzten Versuch zu starten. „Seien Sie lieber vorsichtig, Sheriff. Die arme Yvonne wird von der halben Stadt schief angeschaut, weil Billy und sie ein paar unbedachte Ausrutscher hingelegt haben. Ein Erwachsener – noch dazu ein gewählter Beamter – würde wahrscheinlich wesentlich größeren Ärger kriegen.“
Der Sheriff hustete und wurde ziemlich rot im Gesicht. „Ich habe es Ihnen doch gesagt, Miss Kelley. Sie war nur ein Gast zum Abendessen.“
Miss Kelley lächelte den Mann zuckersüß an. Ein sicheres Zeichen dafür, dass sie es darauf ankommen lassen wollte. „Nur ein Dieb ist schlimmer als ein Lügner, Sheriff. Ältere Damen können schlecht schlafen, wissen Sie, und Gäste zum Abendessen bleiben nicht bis nach drei Uhr morgens.“ Und damit schlenderte sie zur Tür. „Guten Morgen, Jackson und Tyler Sanders. Wie geht es denn eurer Momma? Ich habe gehört, dass sie neulich gestürzt ist.“
Amy kicherte vor sich hin, während sie das Frühstück für den Sheriff anrichtete. Miss Kelley konnte sich zwar durchaus behaupten, aber man konnte ihr einfach nicht böse sein. Die Wahrheit tut schließlich weh und so.
„Bestellung fertig.“
Yvonne eilte hinüber, um sich den Teller zu schnappen, bevor sich die Türen öffneten und die Fabrikarbeiter, die gerade Nachtschicht gehabt hatten, hereinspazierten.
„Es ist wohl Feierabend.“ Amy deutete mit einem Nicken in Richtung der Türen. „Zieht euch lieber warm an. Sieht so aus, als würde es eine Menge zu tun geben.“
* * *
Langsam endete das Frühstück, und es wurde Zeit für das Mittagessen. Aber auch zwischen Frühstück und Mittag war der Laden gut besucht. Ein sicheres Zeichen dafür, dass Amy nach sechs Monaten unermüdlicher Schufterei irgendetwas richtiggemacht hat. Zum Glück, denn wenn sie in diesem Diner versagt hätte, hätte ihr Vater ihren Hintern sicher wieder auf den Berg geschleppt und sie dort weggesperrt.
„Viel los heute.“
Amy schaute auf, als ein weiterer Neuankömmling in der Stadt, ein Wolfgestaltwandler namens Zeke, auf einen der Hocker rutschte. Er aß jeden Tag allein an der Theke und hielt immer Small Talk mit ihr. Oder er versuchte es zumindest. Amy konnte sich noch immer keinen Reim auf ihn machen. Als einziger hier ansässiger Gestaltwandler, der nicht zu ihrem Rudel gehörte, war er etwas Besonderes. Aber besonders bedeutete nicht unbedingt besser, und ein nicht sesshafter Gestaltwandler in der Nähe von Menschen konnte leicht zu Problemen führen. Bisher schien er sich zwar gut unter die Menschen mischen zu können, aber wer wusste schon, wie lange das gut gehen würde.
„Heute ist Schmorbraten-Tag, ein beliebtes Gericht in der Gegend. Wie geht es Ihnen, Zeke?“
Sein Lächeln wurde breiter. „Alles in Ordnung, Miss. Danke, dass Sie fragen. Und wie geht es Ihnen an diesem strahlenden Wintertag?“
„Gut, gut.“ Amy warf einen Blick auf Yvonne und nickte ihr zu, um ihr zu bedeuten, dass sie sich um den Gast am Tresen kümmern sollte. „Yvonne nimmt Ihre Bestellung auf, Süßer. Ich muss nach hinten gehen und kochen, wenn wir den Ansturm überleben wollen.“
Sein Lächeln schwand, aber darüber konnte sich Amy keine Gedanken machen. Sie musste noch mehr Kartoffelpüree zubereiten, und zwar schnell. Es schien, als wäre schon die halbe Stadt für ihre Schmorbratensandwiches gekommen, und trotzdem war jeder Tisch voll.
