Schönwalder Journal -  - E-Book

Schönwalder Journal E-Book

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Beschreibung

Schönwalder Journal Rund um den Alten Fritz Historische Ereignisse aus Schönwalde - in memoriam Maria Brandt, Heft 4

Das E-Book Schönwalder Journal wird angeboten von Books on Demand und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Geschichte eines Ortes in Brandenburg, Heimatgeschichte, Erinnerung an eine Persönlichkeit des Ortes, Erinnerungen an Ereignisse im Dorfalltag, geschichtliche Ereignisse

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Seitenzahl: 144

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhaltsverzeichnis

in memoriam Maria Brandt

in memoriam Jörg Berchner

Editorial

Grußworte unserer Ortsvorsteherin

Bewegende Worte

Aus uralten Tagen

Aus kaiserlichen Tagen

Aus der Weimarer Republik

Aus den 12 Jahren des Tausendjährigen Reiches

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Siedlung Gorinsee

Symbolischer „Verkauf“ von Kirchenfensterscheiben

Aus 40 Jahren Arbeiter-und-Bauern-Staat

Aus der Tier- und Pflanzenwelt des Dorfes

Tiefe hinterlassene Spuren in Schönwalde

In memoriam Maria Brandt

Sie leitete 30 Jahre die Geschicke Schönwaldes,

wurde am 15. Oktober 1952 in Magdeburg als älteste von drei Töchtern geboren. Die Mutter war alleinerziehend,

Maria Brandt ging dort zur Grundschule,

nahm dann ein Studium in Berlin auf, studierte an der Ingenieurschule für Bauwesen und machte ihren Abschluss als Dipl.-Ing. FH,

1972 lernte sie ihren Mann, Roland Brandt, kennen und zog nach Schönwalde-Gorinsee,

engagierte sich schon vor der Wende im Gemeinderat der damals noch selbständigen Gemeinde Schönwalde,

wurde Mutter von zwei Kindern, einer Tochter und einem Sohn,

leitete als Selbständige ein Ingenieurbüro im Bereich Tief- und Straßenbau, Wasser-Versorgung-Entsorgung und Regenentwässerungsanlagen,

wurde 1993 Bürgermeisterin von Schönwalde und

2008 nach der Gebietsreform Ortsvorsteherin unseres Dorfes,

bei allen Wahlen bestätigten sie die Schönwalderinnen und Schönwalder mit sehr großem Vorsprung in ihrem Amt,

ihr Wirken im Dorf war von so vielen Aktivitäten und Erfolgen gekennzeichnet, dass sie an dieser Stelle nicht umfassend wiedergegeben werden können (wir verweisen hier auf einzelne Beiträge in diesem Heft),

Maria Brandt stirbt nach kurzer schwerer Krankheit am 18.09.2019 in Berlin-Buch.

In memoriam Jörg Berchner

Ein Pfarrer, der als Baupfarrer (?) in Schönwaldes Geschichte eingehen wird

„Wissen Sie, ich glaube, Sie bekommen mit Herrn Berchner einen Betpfarrer“, sagte mir die oberste Denkmalbehörde des Kreises Barnim. Als in meinem Gesicht mein Unverständnis geschrieben stand, ergänzte man: „Wir Denkmalbeauftragten unterscheiden bei der Zusammenarbeit mit kirchlichen Würdenträgern zwischen Bet- und Baupfarrern. Betpfarrer kümmern sich in erster Linie um das Seelenheil der ihnen anvertrauten Gemeinde, Baupfarrer interessiert eigentlich nur die Erhaltung des zugehörigen Gotteshauses.“

Gut, Schönwalde hatte also einen Betpfarrer, der sich aber im Laufe der 14 Jahre, in denen er für das Wohl seiner Gemeinden in Schönwalde und Schönerlinde zuständig war, zumindest in gleichem Maße zu einem Baupfarrer entwickelte, ohne seine seelsorgerischen Aufgaben auch nur zu vernachlässigen. Als er nach vielen Jahren des Wirkens Schönwalde verließ, gaben wir ihm als Förderverein folgende Worte mit auf den Weg:

„Die in einem neuen Glanz erstrahlende Kirche in unserer Dorfmitte beweist es, er war Schönwalde ein guter Baupfarrer. Er war der dreißigste Seelsorger seit der Gründung des Ortes und die beendete Rekonstruktion wird für alle Zeiten mit dem Namen Jörg Berchner verbunden bleiben. Man wird in der Zukunft fragen: Seit wann sieht Schönwaldes Kirche so prächtig aus? Und die Antwort wird lauten: Seit der Zeit, als Jörg Berchner hier in Schönwalde Pfarrer war. So wird es auch in die Geschichtsbücher des Ortes eingehen.“ Und was hat mir Jörg Berchner in einer unserer letzten Diskussionsstunden daraufhin erwidert: „Mag ja alles sein, aber das Wichtigste, was ich in Schönwalde in die Wege geleitet haben dürfte, das erwähnt niemand. Das ist die Tatsache, dass ich die Idee zur Gründung des Männerchores gehabt habe, bei vielen Auftritten mit als Sänger von der Partie war und der Erfolg dieses Ensembles auch ein Stück weit auf mein Wirken zurückgeht.“

Natürlich, Jörg Berchner, auch dieser Teil Ihres Engagements in Schönwalde bleibt unvergessen und darauf sei an dieser Stelle ausdrücklich noch einmal hingewiesen. Schönwalde scheint, wenn man den geschichtlich überlieferten Äußerungen Glauben schenken will, schon immer ein schwieriges Pflaster für seine Pfarrer gewesen zu sein. Die Schönwalder Kolonisten waren durchaus ein selbstbewusstes Völkchen. So mancher Pfarrer wird mit einem eher unguten Gefühl hier sein Amt angetreten oder es verlassen haben. An dieser Stelle soll der dritte Seelsorger Schönwaldes zu Worte kommen, der sich mit folgenden Worten in Schönwaldes Kirchenbuch verewigt hat.

Horror vor Schönwalde

(aus Schönwaldes Kirchen-büchern)

übertragen von Ingeborg Warnow, Schönwalde

Eintrag Geborene 1770 nach Nr. 4

In deinem Namen, mein Herr und mein Gott! Habe ich in Schönewalde Dom: Sexagesima, das Seelsorger Amt bey deiner Gemeinde auf mich genommen, und mich verpflichtet ein Vorbild der Herde zu sein, in dem rechten Vertrauen: du werdest auch deinen geringsten und unwürdigsten Knecht nicht verlaßen, sondern gnädiglich beystehen, damit ich in Kraft und Beweisung deines Geistes, mein ganzes Amt mit wahrer Treue und Klugheit, zum Erweiß deines Nahmens, mir aber und deiner Gemeinde zum Heyl unserer Seelen ausrichten könne. Und in deinem Namen, o Gott! Setze ich auch meine Feder in diesem Buche an mit den innigsten Seufzern meines Hertzens: Laß aller und jeder Namen, die ich in diesem Buche einschreibe, auch von Dir im Buche des Lebens eingeschrieben erfunden werden

Bernau den 16. Februar: 1770. Johann David Rieboldt. Diak: Ecch.Bernau. Pastoryn Schönewalde u. Schönow.

Nein, lieber Herr Pfarrer, eine Anrede, die er gar nicht gern hörte, „ich heiße Jörg Berchner, ich nenne Sie ja auch nicht Herr Dipl.-Ingenieur“, sagte er mir am Anfang unseres Kennenlernens einmal, Schönwalde hat Sie nicht vergessen und wird sich wohl immer an Sie erinnern, seine Einwohnerinnen und Einwohner wissen, was Sie in vielen Jahren bewirkt, was sie an ihrem Pfarrer gehabt haben.

Jörg Berchner weilt nicht mehr unter uns Lebenden. Er musste, noch nicht ganz 60 Jahre alt, nach menschlichen Maßstäben viel zu früh, diese Erde verlassen. Bloß, was sind bei einem Pfarrer schon menschliche Maßstäbe. Sein Todestag war der 16.09.2019. Am 19.09.1960 kam er zur Welt und hat seinen Lebensweg in Berlin beendet. Was werden seine Glaubensschwestern und -brüder und die anderen Einwohnerinnen und Einwohner des Dorfes nun über ihn sagen?

Bei einem Pfarrer darf man wohl die Worte wiederholen, die Kirchenvater Augustinus vor langer Zeit zu Papyrus gebracht hat:

„Aus dem Leben ist er zwar geschieden, aber nicht aus unserem Leben; denn wie vermöchten wir ihn tot zu wähnen, der so lebendig unseren Herzen inne wohnt?“ (Augustinus).

Abb. 1: Juni 2012: Die renovierte Jahreszahl der Herstellung des Bauwerkes ist fertiggestellt. Nun heißt es wieder anno 1843 am Giebel von Schönwaldes Gotteshaus (von links: Jörg Berchner, Clemens Brandt, Rainer Wolf).

Fotos (2): Hanns-Eckard Sternberg

Editorial

Liebe Schönwalderinnen, verehrte Schönwalder, liebe Leserinnen und Leser,

was sich das Leben so manchmal einfallen lässt. Da gab es die Sirene, von der Feuerwehr des Dorfes in Aktion versetzt, da waren die vielen Trauergäste aus Schönwalde, den anderen Gemeinden von Wandlitz, Trauernde aus nah und fern, die sich zu der Gedenkveranstaltung zum gänzlich unerwarteten Ableben unserer Dorfvorsteherin und für viele wohl auch Freundin, Maria Brandt, in Schönwaldes Kirche eingefunden hatten.

Da wurde der Verstorbenen gedacht, ein hörenswertes Programm, dem Ereignis angepasst, um-rahmte die Feierlichkeit, dazu lächelte von einem Foto die Verstorbene im Altarraum. Die Kirche konnte die vielen Besucher nicht fassen. Ein Teil von ihnen stand vor den geöffneten Türen des Gotteshauses. Die Ergriffenheit ließ die Gespräche, das Gemurmel der Teilnehmenden verstummen. Es galt einer Frau zu gedenken, ihr postum zu danken, die das Leben in unserem Dorf in den letzten 30 Jahren wie keine Zweite geprägt hat und wie ein Zweiter schon gar nicht.

Und da kam mir die Idee, erarbeite noch ein Episodenheft und gestalte es Maria zu Ehren als Gedenkausgabe und lass noch einmal viele Ergebnisse ihres Wirkens, ihrer Tätigkeiten in „ihrem Dorf“ vor den Augen der Leserschaft Revue passieren.

Aber es wäre sicher nicht im Sinne der Verstorbenen gewesen, nur die Gedanken und Bekundungen, die ihr zu Ehren geäußert worden sind, in das Heft aufzunehmen. Ich meine, man kann davon ausgehen, dass sie gewollte hätte, dass in der Reihe „Schönwalder Journal“, die sie einst mit viel Engagement und Herzblut ins Leben gerufen hatte, wie bisher alles Vergangene, viel früher Erlebte oder Überlieferte und Erzählte einfließen soll.

Sie werden in dem Episodenheft 4 aus diesem Grunde auch andere Geschichten finden, die Maria sicher gefallen hätten, weil sie ganz im Sinne ihres regionalen Geschichtsbewusstseins gewesen wären.

Doch dann kam Corona und das allgemeine Leben im Dorf erstarrte. Man zog sich in die Einsamkeit seiner vier Wände zurück. Hier in diesem Flecken am Rande der Großstadt war das möglich. Man las erschauernd über die Anzahl der Toten, die die Seuche andernorts forderte, besonders in den vulnerablen Gruppen, wie das so schön hieß. Und einem wurde schnell bewusst, dass man selbst zu dieser Bevölkerungsschicht gehört. Man las kopfschüttelnd über die, die das Ganze nicht so ernst nahmen. (Bloß eine Grippe, wie in jedem Winterhalbjahr, redet da einer drüber? Alles nur eine Masche von denen „da oben“, um uns zu kontrollieren.) Die es noch immer nicht als Gefahr ansehen, obwohl die vierte Welle im Begriff ist, mit voller Wucht zuzuschlagen, und sich besonders die Ungeimpften greift.

Trotzdem muss das Leben ja weitergehen und man denkt an die Zeit im Mittelalter zurück, an das Jahr 1348, da ein gewisser Giovanni Boccaccio sein Dekameron, eine Sammlung von 100 Novellen, während der Pest geschrieben hat. Ganz so zahlreich und lustig werden unsere Geschichten nicht werden, die wir auf gut 100 Seiten platzieren werden, und schon gar nicht so erotisch.

Wir denken, es ist also an der Zeit, Ihnen wieder ein paar Geschichten, Episoden und etwas zum Schmunzeln aus der Geschichte unseres Dorfes zu präsentieren. Man dachte, es wäre schon alles aufgeschrieben oder irgendwie anders festgehalten worden. Doch das ist ein Irrtum. Es sind uns seit dem Erscheinen der ersten drei Hefte unserer Reihe so viele Histörchen, Bilder und Informationen zugeflossen, dass zu befürchten ist, dass sie sich auch dieses Mal nicht alle in einen bezahlbaren Band pressen lassen werden.

Zur Erinnerung: „Nach“ bedeutet, dass sie uns so erzählt worden sind und wir sie aufgeschrieben haben. Das, weil der Gewährsmann sie nicht selbst aufschreiben wollte, nicht in die richtige Form bringen konnte oder nicht die Zeit dafür hatte.

Auch dieses Mal geht ein besonderer Dank an die Anzeigenkunden, die den Druck der Schrift mit ihrem Inserat erst ermöglicht haben. Sind die Geschichten in diesem Büchlein alle wahr, werden Sie sich wieder fragen. Und wir müssen erneut antworten: Viele ja und im Prinzip schon, doch ein jeder von Ihnen kennt das manchmal fehlerbehaftete Erinnerungsvermögen eines Menschen. Ereignisse, die lange zurückliegen, verschönern sich manchmal und das eher Unschöne gerät in Vergessenheit oder wird lieber nicht erwähnt. Aber eines ist sicher, so oder so ähnlich haben sie sich abgespielt und sind nicht der reinen Fantasie ihrer Urheber entsprungen.

Es war still in unserem Dorf geworden. Man vermisste den Elan, suchte nach der Antriebskraft unserer Ortsvorsteherin, ihrer Tatkraft und ihrem Engagement. Dazu Corona … Es wird Zeit, das aktive Leben in Schönwalde wieder zu alter Größe zu erwecken. Schließlich hat unser Dorf den Ruf zu verteidigen, ein besonderes Dorf der Kultur in der Region zu sein. Wie hat Maria doch immer gesagt:

Packen wir es an! Und dabei hat sie ihre Hände noch nicht einmal zu einer Raute geformt.

Für den Förderverein Dorfkirche Schönwalde e. V.

Hanns-Eckard Sternberg

Grußworte unserer Ortsvorsteherin

Liebe Schönwalderinnen, liebe Schönwalder,

viele Jahre hat Maria Brandt unser Dorf vorangebracht, wir haben ihr viel zu verdanken. Die Anzahl der Einwohner hat sich mehr als verdoppelt und doch konnten wir dörflichen Zusammenhalt bewahren. Manchmal frage ich mich, wie wohl Maria mit der derzeitigen Corona-Situation umgegangen wäre, die uns alle mehr oder weniger belastet. Ich denke, auch sie hätte versucht aus der Situation das Beste zu machen und zu organisieren, was machbar ist. Es hätte sie sicher gefreut, die Einweihungsfeier in ihrem Gemeindezentrum zu erleben, das Vereinsleben, Bibliothek, Physiotherapie und Bäckerei. Damit ist auch wieder Leben im Dorfzentrum und das war einer ihrer Träume für Schönwalde. Traditionen unseres Dorfes, über viele Jahre etabliert, wie das Sommerfest oder das Kinder- und Jugendfestival werden weitergeführt, sollen sich weiterentwickeln und neue sollen dazukommen. Und wenn wir wegen Corona die Seniorenweihnachtsfeier ausfallen lassen, wird dies im Frühling nachgeholt.

Nun legt Ihnen der Förderverein Dorfkirche Schönwalde e. V. das Episodenheft 4 des Schönwalder Journals vor. Dieses Format verdanken wir Herrn Hanns-Eckard Sternberg, in den Anfängen gefördert von unserer Bürgermeisterin und nun in ihrem Gedenken, in memoriam Maria Brandt. Aber es soll nicht nur an die unermüdliche, manchmal kämpferische Ortsvorsteherin erinnern. Wieder ist es ihm gelungen, in der kleinen Broschüre Miniaturen und Wissenswertes aus unserer Geschichte zu sammeln und für die Ewigkeit festzuhalten.

Ich möchte Sie besonders auf das Kapitel über die Bullenhaltung in unserem Ort hinweisen, das sich heute fast amüsant liest, das zu der Zeit, als es aktuell war, aber für viel Kopfzerbrechen und wohl auch Ärger im Dorf gesorgt hat. Auch die Auszüge, Aussagen und Belege aus den Brigadetagebüchern von Kollektiven des VEB Heimkunst – sie stammen aus einer Zeit, die noch nicht so lange vergangen ist – stellen ein Stück interessanten Alltags in unserem Dorf dar. Wie so oft in Schönwaldes Historie zu beobachten, ist die Geschichte des VEB Heimkunst auch wieder ein Kapitel des Wirkens der Frauen und ihrer geschickten Hände in Schönwalde.

So freut es mich, dass Ihnen als interessierte Einwohner unseres Dorfes mit diesem neuen Episodenheft ein dauerhaftes Stück Erinnerung sowohl an unsere langjährige Bürgermeisterin bzw. Ortsvorsteherin in die Hand gegeben wird als auch ein Stück fixierter Vergangenheit, das Sie sicher sorgsam in Ihrem Bücherschrank aufbewahren werden und das auch zukünftigen Generationen von der Historie unseres liebenswerten Dorfes erzählen wird.

Ihre

Gabi Bohnebuck Ortsvorsteherin

Bewegende Worte

Ich hoffe, da wo du jetzt bist, ist es schön für dich …von Cornelia Herzig, Gorinsee

Meine Mutter, Maria Brandt, ist am 18.09.2019 im Alter von 66 Jahren verstorben. Zwei Uhr in der Früh hat sie aufgehört zu atmen – fünf Wochen nach der Krebsdiagnose. Sie fehlt mir so sehr … Und die große Anteilnahme hat mir gezeigt, dass sie uns allen fehlen wird. Auf verschiedene Arten … Wenige Tage vor ihrem Tod erhielt ich folgende Nachricht, mit der Bitte ihr diese vorzulesen:

Liebe Maria,

Nie werde ich vergessen, wie du dich für alles und jeden eingesetzt hast. Ich bin dir so dankbar für jede Unterstützung, die du mir gegeben hast, und vor allem für deine Mutsprüche. Für mich bist du nicht einfach nur die Bürgermeisterin von Schönwalde – für mich bist du die ALLERBESTE Bürgermeisterin von Schönwalde. So viel liebe und Aufmerksamkeit kannst nur du in so viele Menschen stecken. Dankbar bin ich dir vor allem, dass ich dich kennenlernen durfte. Dankbar für jede Umarmung und für kleine Schmatzer auf die Wange. Überglücklich, dass du eine wundervolle Tochter auf die Welt gebracht hast, die uns immer beisteht, mir eine super Tante und meiner Mama eine super beste Freundin ist. Niemand wird jemals deinen Platz einnehmen können! Wir alle sind dir so dankbar für alles. Jede Feuerwehrausbildung, die ich machen werde, werde ich für dich bestehen, um dich weiterhin stolz machen zu können. Du bleibst für immer in meinem Herzen! Ich habe dich lieb.

Deine Melissa

Und wenige Tage nach ihrem Tod bekam ich einen Brief:

Der leere Stuhl

Stühle sind etwas Wunderbares. Weit mehr als nur eine Sitzgelegenheit. Stühle erzählen vom Leben. Inmitten unserer Runden gibt es viele solcher Stühle. Sie sind unterschiedlich formatiert. Manche sind höher oder niedriger als andere. Es kann auch vorkommen, dass ein Sitz besser gepolstert ist als der des Nachbarn. Gebrauchsspuren haben sie alle, dafür erweisen sie uns schon zu lange ihren Dienst.

Aber es gibt einen Stuhl, der ist besonders. Er steht in der Mitte unserer Tischgesellschaft. Dieser Stuhl war gefüllt mit Leben und Leidenschaft. Einer solchen Leidenschaft, die man oft sucht und selten findet, denn der Einsatz dieser Leidenschaft erfolgte stets selbstlos. Eine Passion, ausgerichtet auf die Menschen, insbesondere die Kleinsten und Schwächsten unter ihnen. Oft wurde der Stuhl auf eine harte Probe gestellt, wenn bei Debatten die Stuhlbeine an der Oberfläche des Parketts schrubbten und der Lack des Bodens drohte abzuplatzen. Erstaunlich war es anzusehen, wie die Sitzende es immer wieder verstand, den Stuhl in seine Position zu bringen.

Ich erinnere mich gut, dass an dem Stuhl gesägt wurde, aber auch daran, wie fleißige Hände und Herzen ihn wieder flickten. An Standhaftigkeit hatte er nichts eingebüßt. Ideen und Visionen gingen von diesem Stuhl aus. Mehr noch, mit immenser Schaffenskraft und Mut wurden aus Gedanken Taten. In manch stiller, schweigsamer Minute konnte man die zarten Stimmen des Frauenchors, gemischt mit Kinderlachen, Kirchenglocken und den freudigen Rufen der Feuerwehrkameraden aus Schönwalde aus dem Stuhl vernehmen. Was wurde gelacht auf diesem Stuhl, gescherzt, geherzt und ja, auch geweint. Seit einigen Tagen ist dieser Stuhl nun leer. Das Leben, die Leidenschaft, welche von ihm ausgingen, sind dahingeflogen in Sphären, die wir nur erahnen können. Ich weiß, dass dieser Stuhl einen Schatten hat, der unerreicht bleiben wird, einen Schatten, der unsere Gemüter, unsere Gedanken, unsere Seelen trifft und uns in manch schweren Runden erinnern wird, sich einzusetzen für andere, willensstark, klug und vor allem selbstlos, wie Maria es einst tat. In Gedenken an Maria. Sie war für uns alle weit mehr als nur Mitglied und Mitstreiterin. Mit ihr geht die Seele unseres Ortsvereins. In Dankbarkeit und tiefer Trauer an meine Freundin Maria.

In Liebe Assol

Geboren 1952 in Magdeburg war sie die älteste von drei Töchtern, welche von ihrer Mutter alleine großgezogen wurden. Früh im Leben Verantwortung übernehmen und viel entbehren, ich denke, das hat sie sehr geprägt. Zum Studium ging sie nach Berlin, lernte meinen Vater kennen und wurde mit 20 Jahren mit mir schwanger.