Beschreibung

»Wir müssen langfristig weniger Menschen werden, wenn wir die Biodiversität nicht weiter gefährden wollen.« Hunderte Wale, die vor der Küste von Wales Heringsschwärme jagen; gewaltige Bisonherden in der amerikanischen Prärie; dichte Urwälder auf allen Kontinenten: Pflanzen und Tiere verteilten sich vor gar nicht langer Zeit in unfassbarer Fülle und Vielfalt über die ganze Erde. Heute sind unzählige Arten vom Aussterben bedroht und die wilde Vielfalt ist einer vom Menschen kolonialisierten Landschaft gewichen, die alleine dazu dient, unsere Konsumwünsche zu befriedigen. Weil wir uns selbst eingeredet haben, wir seien die Krone der Schöpfung und die Welt sei unsere Ressourcenmine, haben wir vergessen, dass wir nur ein Teil einer faszinierenden Welt sind, in der alles Lebendige seinen Platz hat. Eileen Crist analysiert, wie es so weit kommen konnte, und zeichnet den Weg in eine neue Zivilisation, die ihrer Mitwelt wieder Platz einräumt. Ein eindringlicher Appell zum Handeln.

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Eileen Crist
SchöpfungohneKrone
Warum wir uns zurückziehen müssen,um die Artenvielfalt zu bewahren
Aus dem Englischen vonJens Hagestedt, Katja Hald und Frieder Pflüger
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Originalausgabe: »Abundant Earth. Toward an Ecological Civilization« Copyright der Originalausgabe: © 2019 by The University of Chicago. All rights reserved.Licensed by The University of Chicago Press, Chicago, Illinois, U.S.A.
Deutsche Erstausgabe © 2020 oekom, Münchenoekom verlag, Gesellschaft für ökologische Kommunikation mbHWaltherstraße 29, 80337 München
Umschlaggestaltung: Büro Jorge Schmidt, MünchenUmschlagabbildung: © Chutima Saion, shutterstock
Lektorat: Laura Kohlrausch, oekom verlagKorrektorat: Maike SpechtSatz: Ines Swoboda, oekom verlag
E-Book: SEUME Publishing Services GmbH, Erfurt
Alle Rechte vorbehaltenISBN 978-3-96238-662-7
Einleitung
Teil IDie Zerstörung des Lebens und der menschliche Überlegenheitskomplex
1  Der weltweite Zusammenbruch der Biodiversität
2  Menschliches Überlegenheitsdenken und die Wurzeln der ökologischen Krise
3  Technologie-Managerialismus und das Konzept der Ressource
Teil IIDiskursive Knoten
4  Liegt es in der Natur des Menschen?
5  Die Entzauberung der Wildnis
6  Freiheit, Anspruch und das Schicksal der nichtmenschlichen Welt
Teil IIIVerkleinerung und Rückzug
7  Die drohende Dystopie
8  Selbstbeschränkung bejahen
9  Den Reichtum der Erde wiederherstellen
NachwortAuf dem Weg zu einer ökologischen Zivilisation
Danksagung
Anmerkungen
Literaturverzeichnis
Über die Autorin
Einleitung
Wie sprechen wir über die biologische Krise, in der wir heute stecken? Der Kosmologe Brian Swimme bezieht sich gelegentlich auf eine persönliche Erfahrung, die die Problematik, die dabei beobachtbar ist, sehr gut zusammenfasst. Nachdem er gehört hatte, wie führende Biowissenschaftler auf einem Kongress verkündeten, der Einfluss des Menschen auf die Biosphäre würde schon bald zu einem Massenaussterben führen, ging er abends zutiefst beunruhigt zu Bett und griff am nächsten Morgen als Erstes nach der New York Times, um zu erfahren, wie die Medien diese erschütternde Nachricht aufgenommen hatten. Er blätterte eine Seite nach der anderen um, aber da war nichts. Erst auf Seite 26 entdeckte er dann doch noch einen knappen Bericht darüber. Für Swimme war die enttäuschend schwache Reaktion der Medien ein Schock: Die New York Times wusste über 25 Seiten Wichtigeres zu berichten, als dass wir es schon bald mit einem durch den Menschen verursachten massenhaften Artensterben zu tun haben könnten.
Der Erde stehen harte Zeiten bevor. Mit einer geschätzt tausendmal höheren Aussterberate als der natürlichen droht ihr tatsächlich ein Massenaussterben. Viele Spezies und Unterspezies sterben aus, noch bevor wir sie überhaupt entdeckt haben. Die Bestände an wilden Tieren und Pflanzen gehen massiv zurück, komplexe Ökosysteme werden zerstört. Phänomene wie die biologische Artenvielfalt, Tierwanderungen oder unberührte Naturlandschaften verschwinden. Zwei aktuelle Erkenntnisse der Wissenschaft sprechen hier Bände: In den letzten fünfzig Jahren verschwand die Hälfte der auf der Erde lebenden Wildtiere. Und in den letzten vierzig Jahren wurden zehn Prozent der ohnehin schon stark geschrumpften Wildnis zerstört. Ohne eine entscheidende Kehrtwende in der Geschichte der Menschheit wird die Biosphäre schon bald von Menschen, Nutztieren, Gebäuden, industrieller Infrastruktur und einigen wenigen global auftretenden Arten, die unter diesen Bedingungen überleben können, vollständig beherrscht werden.
Wirft man einen Blick in die zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen der letzten Jahrzehnte, ist klar, was den rasanten Rückgang der biologischen Vielfalt zu verantworten hat: das anhaltende Expandieren der Volkswirtschaften, der eskalierende Welthandel, eine stetig wachsende Bevölkerung, sich ausdehnende Infrastrukturen und die Verbreitung destruktiver Technologien. Aber obwohl wir wissen, was uns droht und wie es um die Biosphäre bestellt ist, forcieren wir die Übernahme der Natur immer weiter, um Platz für die Nahrungsmittelproduktion zu schaffen, Energie- und Rohstoffe zu gewinnen, Konsumgüter herzustellen und die Infrastruktur immer weiter auszubauen. Jedwede Form der Entwicklung wird ungebremst vorangetrieben.
Dieses Buch thematisiert die Zerstörung der Vielfalt, Komplexität und Fülle des Lebens mit dem Ziel, den weitverbreiteten Glauben an die Überlegenheit des Menschen und dessen Herrschaftsanspruch, die dem destruktiven Expansionismus der Menschheit zugrunde liegen, zu demaskieren. In diesem Sinne reflektiert es Swimmes Fassungslosigkeit: Wie kann es sein, dass das Schwinden der biologischen Artenvielfalt in der Mainstreamkultur nur eine unbedeutende Nebenrolle spielt? Und damit zusammenhängend: Wenn weithin bekannt ist, dass die Ausbreitung des Menschen für die biologische Krise verantwortlich ist, warum werden dann nicht die erforderlichen Schritte unternommen, um diesen Expansionismus einzudämmen? Sich diesen Fragen unter Berücksichtigung wissenschaftlicher Analysen und Kritiken zu stellen bedeutet, den Schleier, den wir über die Zerstörung des Reichtums an Lebensformen ausgebreitet haben, zu lüften. Das wirklich Entscheidende hierbei ist, dass der wissenschaftliche Diskurs die Bühne bereitet für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit einem komplett neuen Verhältnis zwischen Mensch und Erde: für die Entscheidung, zurückzustecken und die Präsenz des Menschen zu verringern, mit dem Ziel einer weltweiten, in die Lebensfülle unseres Planeten integrierten ökologischen Zivilisation.
Teil 1 dieses Buches bildet den aktuellen Kollaps der Biodiversität ab und dokumentiert sowohl dessen direkte Auslöser als auch die zugrunde liegenden Ursachen. Er soll eine Bestandsaufnahme sein, die das Ausmaß der systematischen Zerstörung von Leben aufzeigt. Die Vielfalt an Lebensformen auf der Erde, ihre einzigartigen Naturlandschaften, ihr Reichtum an wilden Tieren und Pflanzen, die Weite ihrer ungezähmten Landstriche und die Komplexität ihrer ökologischen Systeme und Erscheinungen nehmen immer weiter ab und verschwinden. Ohne grundlegende Veränderungen, die dem Ausmaß dieser Katastrophe gerecht werden, wird die heutige Umweltkrise der Vorbote einer fest verankerten Herrschaft des Menschen über die Natur und einer uneingeschränkten Umnutzung des Planeten als Rohstoffkolonie sein.
Die Klärung der direkten und eigentlichen Ursachen der biologischen Krise allein bringt uns der Antwort auf die Frage, weshalb die Menschheit so verschwindend wenig dagegen unternimmt, aber noch nicht näher. Im Gegenteil, die unverhohlene Untätigkeit trotz des weitverbreiteten Wissens um die Ursachen der Zerstörung des Lebens wirft noch weitere Fragen auf. Ich vertrete hier den Standpunkt, dass es die vorherrschende Weltanschauung von der Überlegenheit des Menschen (Anthropozentrismus) ist, die dem dringend notwendigen historischen Wandel unüberwindbar im Wege steht, denn dieses Weltbild lässt den voranschreitenden Expansionismus nicht nur normal erscheinen, sondern bewirbt ihn sogar. Das Überlegenheitsdenken des Menschen gründet in dem gelebten kollektiven Glauben, dass der Mensch über allen anderen Lebensformen steht und somit das Recht hat, sie und ihre Lebensräume für sich zu nutzen.
Dieser Glauben macht die Herrschaft des Menschen über den Planeten zu einer gegebenen, unanfechtbaren Weltordnung. Die soziokulturelle Konditionierung, durch die der Menschen sich als besonders und mit gewissen Vorrechten wahrnimmt, macht eine substanzielle Eindämmung der Ausbreitung des Menschen aus der Sicht der Mehrheit nahezu undenkbar. Die Empfänglichkeit für die Idee einer schrumpfenden Menschheit zugunsten des Erhalts der Artenvielfalt wird durch das Überlegenheitsdenken gänzlich unterdrückt. Jede Überlegung, die Zahl der Menschen auf der Erde zu senken und sich aus der Natur zurückzuziehen, wird von der vorherrschenden Kultur und ihren politischen Systemen, die auf die Besonderheiten, Privilegien und Vorrechte des Menschen pochen, systematisch ignoriert oder bestenfalls verdrängt.
Anstatt zu erkennen, dass wir den Reichtum an Leben nur dann erhalten oder wiederherstellen können, wenn wir unsere Vormachtstellung aufgeben, werden auf einschlägigen Tagungen und Kongressen regelmäßig technologische oder managerialistische Lösungen angepriesen, um den Herausforderungen, die auf uns zukommen, zu begegnen – Lösungen, die es tunlichst vermeiden, die Kolonialisierung der Biosphäre durch den Menschen zu hinterfragen oder sich dieser gar entgegenzustellen. Der Technologie-Managerialismus – ein angesagtes Rahmenkonzept in Politik, Wissenschaft und Forschung – strebt danach, den Status quo der Erde als Planet des Menschen aufrechtzuerhalten, während er gleichzeitig versucht, die Auswirkungen der zivilisationsgefährdenden Katastrophen, die dieser Status quo mit sich bringt, abzumildern oder zu beheben.
Noch erstaunlicher ist, dass das Weltbild vom überlegenen Menschen auch im Umweltschutz nicht ausreichend hinterfragt wird, obwohl es dessen ausdrückliche Mission ist, das ungleiche Machtverhältnis zwischen Mensch und Natur auszugleichen und alternative Wege für die Zukunft aufzuzeigen. Die Frage, weshalb man sich in der Auseinandersetzung mit der Umweltproblematik vom Widerstand gegen den Anthropozentrismus weitgehend verabschiedet hat und sich nicht länger für eine freie Natur und ein Ende des menschlichen Expansionismus einsetzt, verdient in der Tat unsere Aufmerksamkeit. Teil 2 des Buches setzt sich daher mit einigen »diskursiven Knoten« auseinander, die verhindern, dass die Umweltbewegung zu einer ernst zu nehmenden und wegweisenden Macht wird – einer Macht, die sich der Leben zerstörenden Weltanschauung vom Menschen als der Krönung der Schöpfung widersetzt und die Menschheit dazu inspiriert, sich in Richtung einer lebensbejahenden, die Vielfalt des Lebens fördernden Zukunftsvision zu entwickeln.
Die Metapher des diskursiven Knotens leitet sich von Buckminster Fullers Definition des Knotens als »störendes Muster« ab. Jeder weiß, je mehr Knoten man auf einen ersten Knoten knüpft, umso schwieriger wird es, diesen zu lösen. Analog dazu bilden sich diskursive Knoten aus oft wiederholten Argumentationsmustern in Bezug auf die globale Situation und verhindern so ein alternatives Denken und Handeln. Die Folge ist, dass wir den »Trend zu mehr« – die boomende Wirtschaft, den expandierenden Welthandel, die wachsende Weltbevölkerung, die zunehmenden Viehbestände, die explodierende Rohstoffindustrie und die ausufernde Infrastruktur – nicht anfechten, sondern als eine unveränderliche Variable ansehen. Wir passen uns der Situation mithilfe techno-managerialistischen Mitteln an und wappnen uns (als Reaktion auf die Konsequenzen) mit einem verinnerlichten Glauben an unsere Belastbarkeit.
Mit drei dieser diskursiven Knoten und ihren störenden Mustern beschäftige ich mich: zum einen mit der weitverbreiteten Neigung, den menschlichen Einfluss als natürlich anzusehen, dann mit der oft vertretenen Ansicht, »echte« Wildnis existiere nicht mehr und wäre nichts weiter als eine überholte Idee, und schließlich mit der gängigen Meinung, der Expansionismus sei ein Segen, der immer mehr Menschen immer größere Freiheiten bringe. Diese Überzeugungen nehmen in der heutigen Zeit mehr und mehr Raum ein, mit entsprechend weitreichenden Konsequenzen.
Den menschlichen Einfluss für natürlich zu erklären heißt, das Ausschlachten der Umwelt auf die besonderen Eigenarten unserer Spezies zurückzuführen – kurz, auf die »menschliche Natur«. Dass so viele von uns glauben, dass an der ökologischen Krise im Wesentlichen die menschliche Natur schuld sei (egal, ob diese Auffassung nur vage oder radikal formuliert wird), macht die allgemeine Bewertung menschlicher Übergriffe auf die natürliche Umwelt zu einem Knoten gordischen Ausmaßes, der jedes kritische Hinterfragen verhindert. Der oft gehörte Spruch »Wir selbst sind unser schlimmster Feind« fasst diese Überzeugung sehr gut zusammen.
Dass der Einfluss des Menschen auf die Umwelt als ein natürlicher Vorgang akzeptiert wird, blockiert jedes aufkeimende Bewusstsein dafür, dass der einzige Weg aus der ökologischen Krise das Ende der menschlichen Herrschaft über die Biosphäre bedeutet. Ein Denken und Handeln in diese Richtung wird durch das unerbittliche Festhalten an der Natürlichkeit des menschlichen Einflusses vereitelt. Denn liegen Übergriffe auf die Umwelt in der »Natur« des Menschen, dann ist auch die übergriffige Handlung selbst Erweiterung und Ausdruck einer natürlichen Ordnung. Damit werden existenzielle oder ethische Einwände im Keim erstickt, trotz aller Gefahren, die die Übergriffe mit sich bringen. Diese Sichtweise trägt nicht nur entscheidend dazu bei, dass wir den Status quo anerkennen (oder uns ihm beugen), sondern bestärkt uns auch in dem Glauben, die beste Taktik in dieser Situation sei, den Technologiewandel voranzutreiben, Schadensbegrenzung zu betreiben, unangenehme Nebeneffekte zu beheben und uns in der Hoffnung, dass sich alles zum Guten wenden wird, weiterhin durch eine Krise und Herausforderung nach der anderen zu wursteln. Um die Menschen zu einer grundlegenden Veränderung ihrer Lebensweise zu bewegen, ist dies jedoch der falsche Weg.
Der zweite Knoten, den ich betrachten möchte, ist der aktuelle Trend, Wildnis als einen empirisch und ideologisch unzulänglichen Begriff abzutun. »Die Wildnis« ist mittlerweile zu einem so diffusen und banalen Begriff geworden, dass viele sie als eine überholte Idee abtun, die nicht länger unserer kritischen Aufmerksamkeit bedarf. Tatsache ist, dass der Mensch allerorts tief greifende Spuren hinterlassen hat und es nicht das kleinste Fleckchen Erde mehr gibt – von der Stratosphäre bis zum Mariengraben und vom Nordpol bis zum Südpol –, das unberührt geblieben wäre. Die Wildnis vor diesem Hintergrund komplett abzuschreiben hieße jedoch, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Denn die Wildnis als konzeptionelle Idee – als Bezugspunkt zur Natur und Größe in der menschlichen Vorstellungskraft – aufzugeben bedeutet, unseren ursprünglichen Begriff von Natur aufzugeben, was wiederum deren Verarmung durch den grenzenlosen Expansionismus des Menschen widerspiegelt. Wenn wir den ursprünglichen Naturbegriff mit seiner unerschöpflichen Kreativität und seinem überbordenden Reichtum ausrangieren, lassen wir zu, dass er sowohl aus der Realität als auch aus unserem Gedächtnis verbannt wird.
Ich behaupte, wenn wir die Wildnis aufgeben, wozu verschiedene Denkansätze in der Umweltdebatte uns ja ermutigen, erweisen wir der Erde und den Möglichkeiten des Menschen, auf ihr zu leben, damit einen Bärendienst, weil wir dadurch die couragierte Verteidigung der autonomen Natur und ihrer wilden Lebensformen unterminieren. Die Grundvoraussetzung für neue Einsichten in die Bedeutung einer freien Natur und eine Gesellschaftsbewegung, die die unvergleichliche Kreativität und den Reichtum der unberührten Natur verteidigt, ist, dass wir einfache Urteile wie »Die Wildnis existiert nicht mehr« oder »Die Wildnis ist nichts weiter als ein soziokulturelles Konstrukt« beiseiteschieben.
Während die Natur geradezu verzweifelt danach schreit, dass wir ihre Freiheit verteidigen, wird uns der Expansionismus ganz scheinheilig als Garant für die Freiheiten der Menschheit verkauft – Freiheiten, die wir uns sichern, indem wir unsere Mobilität ausweiten, die Annehmlichkeiten des modernen Lebens fördern, das Angebot an Rohstoffen und Lebensmitteln unaufhörlich vergrößern, horizonterweiternde Erfahrungen an weit entfernten, exotischen Orten machen und die Möglichkeiten der virtuellen Vernetzung kontinuierlich steigern. Die Überzeugung, der Expansionismus bringe immer mehr Menschen die Freiheiten des modernen Lebens, ist der dritte diskursive Knoten, den ich hier auflösen möchte. Denn diese Annahme ist die Voraussetzung für einen ideologischen Schub, der Mobilität, Rohstoffmarkt, Welthandel, Kommunikationstechnologien und industrielle Infrastrukturen explosionsartig anwachsen lässt – ein Wachstum auf Kosten der Natur, das nur durch ihre Zerstörung möglich ist.
In einer Welt mit Milliarden von Menschen, deren Zahl und Wohlstand beständig anwachsen, bedeutet ein Ausbreiten der modernen Freiheiten des Menschen automatisch das Ende der Freiheit der nichtmenschlichen Welt. Das Netz des Lebens, das sich über die gesamte Erde spannt, wird zerrissen und herabgestuft, um den Menschen die uneingeschränkte Erfahrung von Mobilität, Zugang, Nutzen, Konsum, Reisen, Unterhaltung und Vernetzung zu erleichtern. Diese scheinbaren Privilegien erfordern jedoch, dass wir nichtmenschliche Freiheiten beschneiden und die freie Natur (Wildnis) zerstören. Diese Inkohärenz führt dazu, dass der Kollaps der biologischen Artenvielfalt und das drohende Massenaussterben in der Mainstreamkultur totgeschwiegen werden. Eine Ignoranz, die nicht zufällig ist: Das Implodieren der Artenvielfalt bleibt im öffentlichen Bewusstsein im Hintergrund, weil die meisten vernünftigen Menschen sich durchaus bewusst sind, dass echte Freiheit nie auf der gestohlenen Freiheit anderer gründen kann. Also wird es tunlichst vermieden, Klarheit über diesen modernen faustischen Pakt zu schaffen. Um den diskursiven Knoten, der Expansionismus und mehr menschliche Freiheiten miteinander verknüpft, zu lösen, gibt es nur einen Weg: Wir müssen das Schweigen brechen, mit dem wir die Schreckensherrschaft verschleiern, die uns unsere »Freiheiten« sichert.
Zerlegt man das grausame Gedankenkonstrukt, das menschliche Freiheiten mit der Zerstörung, Einengung, Ausbeutung und Versklavung anderer Lebensformen (wilder und domestizierter) verquickt, in seine Einzelteile, eröffnet sich eine ganz neue Perspektive. Aus diesem Blickwinkel heraus können wir ernsthaft darüber nachdenken, wie menschliche Freiheiten innerhalb der Biosphäre aussehen könnten, wenn wir unser Freiheitsideal auf alle Bewohner dieser Erde – also im Grunde die Erde selbst – ausdehnen. Dazu muss die Menschheit weder ihre modernen Freiheiten komplett aufgeben, noch muss sie sich in franziskanischer Enthaltsamkeit üben. Im Tausch gegen eine höhere Vision gelebter Freiheit muss der Mensch nur gewisse Einschränkungen akzeptieren. Ein aus Einsicht geborener Entschluss, Einschränkungen hinzunehmen, wird zeigen, dass eine reduzierte Präsenz des Menschen nicht bedeutet, menschliches Potenzial zu opfern. Im Gegenteil, die menschlichen Tugenden und mit ihnen das Leben auf der gesamten Erde werden endlich wieder erblühen.
Teil 3 befasst sich schließlich mit einem vielversprechenden Weg in die Zukunft, der die Voraussetzungen für ein gemeinsames Gedeihen der menschlichen und nichtmenschlichen Welt schafft. Auf dem Weg zu einer globalen ökologischen Gesellschaft auf einem biodiversen Planeten ist eine Kombination aus Reduktion und Rückzug meines Erachtens die richtige Strategie. Reduktion bedeutet, dass wir Konsum und Verschwendung drastisch verringern, was neben anderen zwingend notwendigen Maßnahmen eine Eindämmung der Weltbevölkerung, das Deindustrialisieren der Lebensmittelproduktion, die Rückkehr zu einer lokalen Wirtschaft und eine Beschränkung des Welthandels nötig macht. Rückzug bedeutet, große Land- und Meeresflächen zu renaturieren und neu zu vernetzen, um so dem Plenum des Lebens wieder mehr Raum zu verschaffen.
Um zu erkennen, wie absolut notwendig es ist, am Projekt »Menschheit« Kürzungen vorzunehmen, die anderen Lebensformen der Erde mehr Raum für ihre Kreativität lassen, muss man sich die dystopische Welt vor Augen führen, in die sich die Biosphäre verwandeln wird, sollte sich der »Trend zu mehr« unkontrolliert fortsetzen. Was uns bevorsteht, ist eine von der industriellen Landwirtschaft und Aquakulturen dominierte Erde mit einer fadenscheinigen Biodiversität und ohne »das kleinste Fleckchen Weiß auf der Landkarte«1. Auf einem »vom Menschen dominierten« Planeten werden Unternehmen und Nationalstaaten sich auch noch die letzten Ressourcen an Rohstoffen und Energie aneignen, die irgendwo – an den entlegensten Orten und mithilfe der extremsten Technologien – ausgegraben oder ausgespült werden können. Die Menschheit zwingt die Biosphäre immer mehr unter das Joch einer totalitären Herrschaft. Sie benutzt sie als Plantage, plündert ihre Energievorkommen, holt sich ihre Rohstoffe, überzieht sie mit Infrastruktur, überrollt sie mit Milliarden von Autos und unterwirft sie einem aufgeblähten Konsum, der die Identität des Menschen als Nutzer und Verbraucher immer mehr festigen wird. Dieses totalitäre Regime wird eine Welt schaffen, die wir in allen Bereichen »verbriefen« müssen, weil die conditio humana von tatsächlichen, wahrscheinlichen und möglichen Krisen eines nie da gewesenen und unvorhersehbaren Ausmaßes bedroht sein wird (bzw. es im Grunde bereits ist).
Der Menschheit steht es frei, sich von ihrem historisch verankerten Glauben an die eigene Überlegenheit und ihrem Projekt, die Erde zu kolonialisieren, zu distanzieren (und damit dessen verheerenden Auswirkungen vorzubeugen) und stattdessen einen anderen Weg einzuschlagen – einen, der die faszinierende Vielfalt und Fülle des Lebens auf unserem Planeten bewahrt, die ungestüme Wildheit der unberührten Natur schützt und die helle Flamme kosmischen Lebens am Lodern hält. Eine solche Entscheidung würde bedeuten, die Präsenz des Menschen auf der Erde zurückzufahren – nicht mehr und nicht weniger.
Ich bin der Ansicht, dass der Ariadnefaden für diese historische Richtungsänderung eine Überholung jenes industriellen Systems ist, das auf diesem Planeten die verheerendsten ökologischen Spuren hinterlässt: des Ernährungssystems. Es ist an nahezu jeder menschengemachten Geißel des Planten beteiligt: am Kollaps der Meere, am Artensterben, an der Ausrottung großer Fleisch- und Pflanzenfresser, an der Biodiversitätskrise der Binnengewässer, an der rapiden Klimakrise, am hemmungslosen Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden, an der Plastikverschmutzung der Ozeane, am massenhaften Bienensterben, an der Buschfleischkrise (dem bedrohlichen Rückgang von Waldbewohnern durch Jagd) und an der Zerstörung unzähliger Ökosysteme, angefangen bei winzigen Feuchtgebieten bis hin zu Regenwäldern und Graslandbiomen. Kurz, das industrielle Ernährungssystem – das der Versorgung einer enormen und ständig wachsenden Bevölkerung dient, die sich immer enger zu einer globalen Konsumgesellschaft zusammenschließt – steht mit jeder Katastrophe, die den Planeten heimsucht, irgendwie in Zusammenhang.
Das Ernährungssystem einer ökologischen Zivilisation müsste auf chemische Pestizide und Düngemittel verzichten, die Produktion in großen Monokulturen zurückfahren, die landwirtschaftliche Tierhaltung einschränken, den industriellen Fischfang verbannen und erneut flexible Schnittstellen zur unberührten Natur herstellen. Sie wäre zudem darauf ausgerichtet, die Menschen primär lokal und regional zu versorgen. Eine ökologisch vernünftige Lebensmittelherstellung würde die aktuelle Massenproduktion abschaffen, das heißt die Übernahme und biologische Säuberung weiter Landstriche und Meeresregionen stoppen und sich geografisch einschränken, damit die Fülle des Lebens in alle Ecken des Planeten zurückkehren kann. Eine solche Umwandlung des Ernährungssystems in ein ökologisch verträgliches System, das sich der Erde unterordnet, hätte unweigerlich Auswirkungen auf die Größe der Bevölkerung – zwei Milliarden Menschen (die Weltbevölkerung vor etwa einem Jahrhundert) wären hier eine vertretbare Zahl.
Alternativ dazu würde die Menschheit die Weltbevölkerung auf zehn Milliarden und darüber hinaus anwachsen lassen und damit in der Tretmühle gefangen bleiben, Lebensmittelproduktion, Rohstoffgewinnung und Handel immer weiter steigern und gleichzeitig gegen ein unberechenbares Klima und andere Widrigkeiten ankämpfen zu müssen. Der Mensch würde sich durch eine Pandemie sinnlosen menschlichen und nichtmenschlichen Sterbens und Leidens, verursacht durch Zerstörung, Exil und Ausrottung, immer weiter vorwärtsquälen. Stattdessen könnten wir aber auch die Nahrungsmittelproduktion deindustrialisieren, unsere Zahl schrittweise verringern und stabil halten und lernen, wie wir in einem fürsorglichen Verhältnis mit anderen Lebensformen und -räumen leben können.
Indem sie die Biosphäre komplett für sich vereinnahmt, wird die Menschheit keine Fortschritte machen, im Gegenteil. Sie wird in der entwürdigenden Rolle des Kolonialherrn verharren, sich in eine allein von Konflikten um Ressourcen beherrschte Situation manövrieren und dabei an ihre erbärmliche Vorherrschaft über den Planeten klammern, die sich allein »durch die ewige Verwaltung des eigenen Niedergangs«2 rechtfertigt.
Aber noch gibt es unbeschrittene Wege, die uns aus dieser Situation führen können. Es wird sie immer geben, aber je länger der Mensch an der Illusion der Überlegenheit seiner Spezies festhält, umso irreversibel ärmer wird die von ihm geknechtete Biosphäre sein, der er sich irgendwann wieder demütig zuwenden muss. Anstatt alles auf später zu verschieben, können wir uns jetzt für ein harmonisches Miteinander aller wilden und domestizierten Kohorten auf einer vor Leben pulsierenden Erde entscheiden. Wir können den Menschen wieder einbetten in die Weiten eines vor Vitalität strotzenden Planeten und dafür sorgen, dass das Leben auf dieser Erde seinen ausgelassenen Reigen aus Überfluss, Vielfalt und Evolution weitertanzt.
Teil I
Die Zerstörung des Lebens und der menschliche Überlegenheitskomplex
Kapitel 1
Der weltweite Zusammenbruch der Biodiversität
Die lebende Membran, die wir so rücksichtslos zerstören, ist die Existenz selbst.1
Julia Whitty
Ob in wissenschaftlichen Studien, Veröffentlichungen zum Natur- und Umweltschutz oder im Internet, überall wird über einen biologischen Holocaust berichtet: Tropische Wälder gehen in Flammen auf; Graslandschaften werden zu Monokulturen umgepflügt; aus Wäldern, Korallenriffen, Savannen und Steppen verschwinden die Tiere; Frösche, Schmetterlinge, Fledermäuse, Seepferdchen, Süßwasserfische und Bienen sterben aus; Tierwanderungen versiegen; eine unüberschaubare Zahl von Fischarten fällt der Überfischung zum Opfer; die Populationen von Fleisch- und Pflanzenfressern schrumpfen; Elefanten und Nashörner werden zu Tausenden abgeknallt; die Zahl der Todeszonen an den Küsten steigt; die Meere werden von Plastik überschwemmt.
Obwohl jedes dieser Ereignisse für sich genommen größte Beachtung verdient, können wir Ausmaß und System der Krise, die da auf uns zurollt, nur erkennen, wenn wir die einzelnen Katastrophen vor unserem inneren Auge zusammenführen. Die Menschheit zerstört nach und nach all das, was das Leben auf der Erde ausmacht: die Vielfalt der Arten, die komplexen Wechselbeziehungen der Natur, die Fülle an ursprünglichen Lebensformen und einzigartigen Landschaften sowie die Diversität nichtmenschlicher Bewusstseinsformen. Diese eng miteinander verflochtenen Qualitäten bilden den Schmelztiegel, aus dem die Schönheit und Kreativität der Erde erwächst. Sie sind die Grundlagen der evolutionären Kraft, Fruchtbarkeit und Beständigkeit des Lebens.
Die vielen Facetten der Biodiversität können als »Flamme des Lebens« beschrieben werden, eine Metapher, die für den Reichtum des Lebens an Arten, Unterarten, Populationen, Genen, Verhaltensweisen, Bewusstseinsformen sowie großen und kleinen Ökosystemen steht – für einen Reichtum, der sich selbst erhält und im Laufe der Zeit sogar wächst. Halten die Übergriffe des Menschen auf die Natur jedoch weiter an, wird diese Flamme des Lebens irgendwann erlöschen. In dem Maße, wie der destruktive Einfluss des Menschen die überwältigende Vielfalt der einzigen Begleiter, die wir in diesem Universum haben, reduziert, nimmt auch der Reichtum des Lebens ab. Wir verwandeln die Erde in eine biologisch verarmte menschliche Kolonie und dehnen unsere Einsamkeit dadurch unendlich aus.2
Die Biodiversität verschwindet, weil wir ohne Hemmungen immer weiter in die noch verbliebene unberührte Natur vordringen und vormals weite, miteinander verbundene unberührte Landstriche und Meeresflächen besetzen. Die Wildnis, die den Nährboden bildet, auf dem die Artenvielfalt gedeiht, schrumpft und zersplittert so in winzige Scherben. Zurück bleiben mickrige naturbelassene Inseln in einer feindlichen Umgebung aus Feldern, Weideflächen, Straßen, Autobahnen, Minen, Zäunen, gerodeten Flächen, zersiedelten Landschaften und Anlagen zur Förderung von Öl, Kohle oder Gas.
Wie weit der Mensch sich bereits ausgebreitet hat, veranschaulicht der Umweltanalytiker Vaclav Smil, der vor Kurzem die Biomasse wild lebender Wirbeltiere mit der Biomasse der Menschen und domestizierten Tiere verglichen hat. »Selbst die Zoomasse der größten Spezies wild lebender Landwirbeltiere macht nur einen Bruchteil der globalen Anthropomasse aus«, so Smil, und auch »im Vergleich zur Biomasse von Haustieren ist die Zoomasse der wild lebenden Wirbeltiere heute nur noch verschwindend gering«.3 Kurz, das Gesamtgewicht aller Menschen und Nutztiere übersteigt das Gewicht der wild lebenden Wirbeltiere auf unserem Planeten um ein Vielfaches. Smils Berechnungen unterstreichen die Konsequenzen des menschlichen Expansionismus – also des stetigen Wachstums von Bevölkerung, Wirtschaft, Infrastrukturen und Agrarwirtschaft. Der Mensch und seine domestizierten Tiere überrollen die Biosphäre, während unberührte Landschaften immer kleiner und wilde Kreaturen immer weniger werden.
Die Zerstörung seiner Vielfalt, Komplexität und Fülle setzt das Leben in der Wahrnehmung und Erfahrung des Menschen zusätzlich herab: Je schlimmer die Natur verwüstet und je mehr von ihrem Reichtum verschwendet wird, umso ignoranter zeigt sich der Mensch gegenüber dem faszinierenden Spektrum an Leben auf diesem Planeten.

Die Fülle des Lebens

Stellen Sie sich vor, Sie stehen an einem sonnigen Morgen im 18. Jahrhundert an der Küste von Wales und beobachten die Wellenbewegungen eines riesigen Heringsschwarms, der einer Vielzahl von Angreifern ausweicht:
Die Ankunft des prächtigen Schwarms kündigt sich durch eine große Zahl gierig wartender Feinde an, Tölpel, Möwen, Haie und Schweinswale. Ist die Mitte des Schwarms angekommen, sind dessen Tiefe und Breite solcher Art, dass sie das eigentliche Bild des Ozeans gänzlich wandeln. Er teilt sich in einzelne Säulen von fünf bis sechs Meilen Länge und drei bis vier Meilen Breite, vor denen sich das Wasser kräuselt, als würde es aus seinem Bett gedrängt. Zuweilen sinken [die Heringe] für zehn bis fünfzehn Minuten in die Tiefe, um hernach zurück an die Oberfläche zu steigen; und, bei schönem Wetter, eine Vielzahl leuchtender Farben zu reflektieren, eine funkelnde Fläche aus Violett, Gold und Blau … Das Wasser scheint lebendig und ist schwarz von ihnen bis in weite Ferne, sodass ihre Zahl unendlich groß dünkt … Millionen Feinde tauchen auf, um ihre Schwadronen auszudünnen. Mit einem einzigen Gähnen schlucken Finnwal und Pottwal ganze Fässer von ihnen, Schweinswal, Grampus, Hai und ein ganzer Schwarm Dornfischhaie, die in ihnen eine leichte Beute finden, lassen davon ab, sich untereinander zu bekriegen … Und die Vögel verschlingen sie nach Belieben.4
Dieses faszinierende maritime Spektakel war damals nichts Außergewöhnliches, sondern lediglich ein für den Überfluss der Biosphäre typisches biologisches Phänomen.
Der Begriff »Biodiversität« wird oft fehlinterpretiert als die Anzahl der auf der Erde (oder innerhalb eines bestimmten Ökosystems) lebenden Spezies. Diese Definition wird der Biodiversität jedoch nicht gerecht, denn obwohl die Anzahl der Spezies ein entscheidender Bestandteil ist, umfasst sie noch sehr viel mehr. Die Vielschichtigkeit des Begriffs lässt sich anhand der Beschreibung oben sehr gut aufzeigen. Die Ankunft des »prächtigen Schwarms« wird von einer bunten Mischung unterschiedlichster Spezies begleitet, die noch zahlreiche weitere vermuten lässt. Was hier beschrieben wird, sind eine größere Anzahl von Tieren und ihre wechselseitigen Beziehungen – ein aktives Ökosystem. Die dargestellte Szene verweist aber auch darauf, wie der einstige Überfluss an Lebensformen die Umwelt mitgestaltete. So trägt die enorme Anzahl an Meerestieren, die das Meer vertikal wie horizontal aufwühlen, zur Verteilung von Nährstoffen bei und sorgt für spezifische physikalische und chemische Bedingungen, während die schlemmenden Räuber das Phänomen interagierender Lebensformen verdeutlichen. Der Meeresbiologe Callum Roberts schreibt, dass das Erscheinen der Heringe und ihrer Feinde damals »als eines der bemerkenswertesten Naturphänomene der Welt galt«.5 Bedenkt man, dass hier nur eine einzige Heringspopulation beschrieben wird und der Hering nur eine unter unzähligen anderen kleinen Fischarten ist, bekommen wir zudem einen Eindruck von der Beschaffenheit der Ozeane – von ihren immensen Vorräten an Nährstoffen, die eine scheinbar »unendlich große« Zahl an Heringen ernährt.6
»Das Wasser scheint lebendig«, ruft der Autor aus dem 18. Jahrhundert beim Anblick des Schwarms mit seinen Millionen von wartenden Feinden. Aber die Szenerie lässt eine noch viel größere Wahrheit erahnen: Der ganze Ozean ist lebendig.
Indem sie den Blick auf die Vielschichtigkeit der Biodiversität lenkt, öffnet uns diese Beschreibung aber auch die Augen für die Krise, in der diese heute steckt. Der Schnappschuss aus dem 18. Jahrhundert macht deutlich, wie rasant Biodiversität und Lebensfülle seitdem abgenommen haben. Einer der wichtigsten Aspekte dabei ist das extrem hohe Artensterben, mit dem die Biosphäre derzeit auf ein Massenaussterben zusteuert. (Ich werde das später noch näher ausführen.) Einen ebenso bedeutenden Anteil an der Zerstörung der Biodiversität haben aber auch die sinkenden Zahlen wilder Organismen und wild lebender Tiere sowie der Verlust all jener biologischen Phänomene, die auf sie zurückzuführen sind. Wild lebende Tiere spielen in Nahrungsketten und in der Nährstoffzirkulation eine immer geringere Rolle, wodurch auch ihr Beitrag zum Erhalt komplexer biologischer, physikalischer und chemischer Umgebungen immer kleiner wird.
Das unbemerkte Verschwinden von überwältigenden Naturphänomenen wie dem oben beschriebenen wirft aber auch ein Licht auf die kolossale Ignoranz der Öffentlichkeit, was den Zusammenbruch der Biodiversität angeht. Dieser Umstand wird oft gefasst in Formulierungen wie »das Verschwinden ökologischer Grundlagen«, »das Aussterben von Erfahrung« oder »ökologische Amnesie«, die nicht nur herausstreichen, dass wir kollektiv vergessen, wie reich das Leben einst war, sondern auch, wie ignorant wir gegenüber diesem folgenschweren Verlust sind.7 Während die Menschheit die Verarmung der Biosphäre, das Artensterben, die Ausrottung ganzer Populationen, das Kollabieren der Ökosysteme, die biologische Homogenisierung oder das Verstummen der Polyphonie nichtmenschlicher Lebensformen immer weiter vorantreibt, empfinden es die meisten Menschen bereits als normal, in einer derart verarmten Umwelt zu leben. Das verblassende Wissen um den Reichtum des Planeten Erde und das Schrumpfen der Erfahrungshorizonte zeigen, wie stark auch der menschliche Verstand von der Zerstörung des Lebens betroffen ist.
Durch das massiv fortschreitende Vergessen autochthoner Arten und Lebensformen droht der Menschheit der Verlust eines kosmischen Privilegs, das darin besteht, etwas zu erfahren, das sie weder vollständig begreifen noch, auf lange Sicht gesehen, unterwerfen kann: das innere Wesen der Erde. Das Wesen der Erde ist ein Kosmos, der sich (ausgenommen nach seltenen großen Katastrophen) durch das Wirken seiner unzähligen Bestandteile immer wieder neu erschafft und zu einem Plenum vielfältiger Arten, Lebensformen und Wechselbeziehungen anschwillt – eine Welle der Biodiversität, die sich wie in Zeitlupe über geologische Ären ergießt. Myriaden lebendiger Elemente fügen sich zu einem leuchtenden Mandala zusammen, dem auch wir angehören – der Biosphäre. Die Vielschichtigkeit des Lebens choreografiert selbst die anorganischen Elemente der Erde, aus der diese besteht. In diesem Sinne ist der Planet Erde, der über unvorstellbare Zeiträume hinweg immer wieder neue und wunderbare Kompositionen des Lebens erschafft, der größte Künstler des bekannten Universums.
Vor nicht allzu langer Zeit ernährten Lachs und andere wandernde Fischarten der Alten und der Neuen Welt noch Tiere, Bäume und Böden, und dennoch war ihre Zahl so gigantisch, dass die Flüsse fast über ihre Ufer traten. Bevor wir die Erde zu unserer Oikumene machten – zur vom Menschen beherrschten Welt –, gab es in Griechenland noch Löwen, im Libanon Zedern, im Mittelmeer Wale, in China Elefanten, in Japan Wölfe, in Nordamerika Jaguare, in Europa Auerochsen, in England Bären und in gemäßigten Breiten wie Schottland und Irland Regenwald. Es gab Fisch- und Vogelarten, deren Zahlen in die Milliarden gingen. In der tibetischen Hochebene lebten Herden aus Hunderttausenden von Huftieren, darunter Yaks, Antilopen, Gazellen und wilde Esel. Der Lebensraum der Geparde reichte von Nordafrika bis Indien. Tausende von Tigern streiften durch Gebiete, die vom Kaspischen Meer bis nach China und von Sibirien bis nach Indien, Sumatra und Java reichten. Im Meer wimmelte es von Walen, die Megatonnen von Krillen fraßen, und dennoch wuchs deren Bestand immer weiter an und ernährte noch viele andere Arten, während die Kadaver und Fäkalien der Millionen von Walen einer bizarren, bis vor Kurzem noch völlig unbekannten Tiefseewelt als Nahrung dienten. Und es ist noch nicht lange her, als sich vor Inseln und Meeresküsten bunte Regenbögen aus lebenden Korallen spannten und unzählige Haie, Schwert-, Speer-, Thun- und andere große Fische durch die Ozeane zogen.
Die Flüsse flossen frei und schufen mit und in ihrem Wasser die reichsten Lebensräume der Erde. Die Welt war voll von riesigen Vogelschwärmen – Seevögeln, Zugvögeln, Stelzvögeln, flugunfähigen Vögeln, großen und winzigen Vögeln, bunten und grauen Vögeln, Raubvögeln und Aasfressern mit atemberaubenden Flügelspannen. Gewaltige Tierherden bildeten wandernde Ökosysteme, die das Grasland pflügten und düngten, sodass es prächtig gedieh, und die stets in Bewegung befindlichen Herden im Gegenzug ernährte. Ein Oglala-Siuox-Indianer namens Black Elk berichtet von seiner Verbindung mit der lebendigen Erde: »Ich sah, dass der geheiligte Ring meines Volkes einer von vielen Ringen war, die wiederum einen Kreis bildeten, der so weit war wie das Licht des Tages und das Licht der Sterne, und in der Mitte wuchs ein mächtiger blühender Baum, um allen Kindern einer Mutter und eines Vaters Schutz zu bieten. Und ich sah, dass es heilig war.«8 Eine ausgeweidete Biosphäre, ohne diese überbordende Vielfalt an Leben ist kein Normalzustand. Normal ist eine Biosphäre, angefüllt mit einer endlosen Reihe der schönsten und wundervollsten Formen.9
Wissenschaftler beschreiben die Biodiversität zwar nur selten in epischen Werken, aber auch sie zeichnen ein umfassendes Bild, in dem die Vielfalt des Lebens in zahlreichen Spezies, Genen und Ökosystemen Ausdruck findet. Grob zwei Millionen Arten wurden bereits entdeckt, und sehr viele mehr gilt es noch zu entdecken. Wie viele genau, weiß niemand, aber die Schätzungen liegen bei zwischen 5 und 30 Millionen.10 »Wir leben auf einem fast unbekannten Planeten«, wie der Biowissenschaftler E. O. Wilson bemerkt.11
Ständig findet man neue Arten von Würmern, Insekten, Pilzen, Pflanzen, Säugetieren, Vögeln, Reptilien oder Fischen. So wurden zum Beispiel 10 Prozent aller bekannten Säugetiere und ungefähr 26 Prozent aller bekannten Amphibien erst nach 1993 entdeckt.12 Aber die Vielfalt der Spezies birgt eine noch sehr viel differenziertere Vielfalt, nämlich die üppige Grauzone der Subspezies, Varietäten und einzigartigen Populationen, die eine Spezies ausmachen. Obwohl sich der Begriff »Spezies« auf reale biologische Einheiten bezieht, ist er gleichzeitig auch eine Abstrahierung, denn tatsächlich setzt sich eine Spezies aus einer vielfältigen und dynamischen Mischung unterschiedlicher Lebewesen zusammen. Hier ein paar Beispiele: Im präkolumbischen Nordamerika lebten über den gesamten Kontinent verteilt mehr als eine halbe Million Wölfe, die sich in mindestens drei Subspezies unterteilen lassen und in zahlreichen Populationen (sogenannten Metapopulationen) durch die Lande streiften.13 In Afrika und Asien gab es in Urzeiten noch Millionen von Nashörnern. Die Zahl der Tiere der heute noch existierenden fünf Nashornarten, von denen drei vom Aussterben bedroht sind – das Spitzmaulnashorn, das Sumatra-Nashorn und das Java-Nashorn –, wird auf 3000 geschätzt.14 Ganz ähnlich sieht es bei vielen anderen Arten aus, die in großer Zahl und Vielfalt mit diversen Unterarten und Populationen auftraten, bevor ihr Bestand dezimiert wurde. Die Existenz verschiedener Populationen einer Art stellt eine unverzichtbare Facette der Biodiversität dar, denn die Vielfalt der Metapopulationen weltweit ist, oder besser war, enorm.15
Historische Bestände, Metapopulationen, Subspezies, Varietäten und die Gesamtzahl an Populationen beschrieben eine Spezies aber nur monolithisch und unzureichend. Ein nuancierteres Verständnis davon, wie sich eine Spezies manifestiert, öffnet hingegen den Blick für die außergewöhnliche Phänomenologie des Lebens – für seine Experimentierfreude und üppigen Erscheinungsformen. Auf biologischer Ebene verweisen die oben aufgeführten Kategorien auf etwas, das, wenngleich sehr viel subtiler, von mindestens ebenso großer Bedeutung ist: die genetische Vielfalt. Laut Rodolfo Dirzo und Peter Raven gibt es sowohl innerhalb als auch zwischen den Populationen eine hochgradige (und nur teilweise erforschte) genetische Variation. »Viele Spezies«, so die Biologen, »setzen sich aus Populationen zusammen, die sich genetisch mehr oder weniger unterscheiden.«16 Genetische Vielfalt ist ein unverzichtbarer Bestandteil des Lebens, weil sie die Widerstandsfähigkeit von Lebensformen gegenüber Umwelteinflüssen unterstützt. Genetische Varianten ermöglichen der Natur, Lebensformen neu zusammenzusetzen und so einzelne Arten nicht nur zu erhalten, sondern diese über geologische Zeiträume hinweg auch zu verändern und zu diversifizieren.
Biodiversität schließt aber auch ein großes Spektrum an ökologischen Varianten mit ein. Die Vielfalt sich morphologisch und physiologisch unterscheidender Lebensräume wird auch als »Biodisparität« der Erde beschrieben.17 Kontinente und Inseln (beides Teile von Landmassen, die vor Hunderten von Millionen Jahren getrennt wurden) weisen einzigartige heimische Abstammungslinien auf, die für ökologische Vielfalt und die Entstehung sogenannter Biome sorgen. Unter einem Biom versteht man ein großes, aus voneinander abhängigen Pflanzen, Tieren, Pilzen und anderen Lebensformen bestehendes Ökosystem innerhalb einer bestimmten Region, Klimazone oder Höhenlage. Beispiele hierfür sind feuchte und trockene Tropenwälder, Mischwälder, boreale Wälder, Wüsten und alpine Landschaften, Fluss- und Uferdeltas, Gras- und Strauchlandschaften, die Tundra, Kontinentalplatten oder Hochseegebiete. All diese unterschiedlichen Ökosysteme sind – oder waren – die Heimat einzigartiger Lebensgemeinschaften.
Die Menschheit verursacht auf allen Ebenen der Biodiversität – Arten, Gene (Subspezies, Varietäten, Gesamtvorkommen, Metapopulationen) und Ökosysteme – immense Verluste, sodass sich die Vielfalt des Lebens in vielen Bereichen und Regionen aus diversen Gründen im Sturzflug befindet. Das gegenwärtige Ausschlachten der Natur ist somit ein Vorbote für das Ende der biologischen Vielfalt: Der Mensch wird das schöpferische Füllhorn Erde zerstören, und es wird ein geschwächter, vom Menschen kolonialisierter Planet zurückbleiben. Entschließt sich die Menschheit jedoch, die Flamme des Lebens am Brennen zu halten, wird sie gezwungen sein, das systematische Ausschlachten zu stoppen und dem Zusammenbruch der Biodiversität umfassend und massiv entgegenzuwirken – ein Flickwerk aus punktuellen Lösungen würde viel zu kurz greifen.

Der systematische Angriff auf das Leben

Einer der wichtigsten Aspekte der biologischen Verarmung ist das Artensterben. Dank der evolutionären Kraft, mit der sich das Leben in der gesamten Biosphäre ausbreitet (sprich, seiner Fähigkeit, unablässig neue Formen hervorzubringen), hat die Artenvielfalt im Laufe der Zeit stetig zugenommen. Angefangen vor ungefähr 3,8 Milliarden Jahren, hat die Entstehung der Arten während der kambrischen Artenexplosion vor 550 Millionen Jahren gewaltig an Fahrt aufgenommen. Seitdem hat die Biodiversität praktisch ununterbrochen zugenommen, da tendenziell mehr neue Arten auftauchen als durch das Hintergrundsterben (oder das natürliche Artensterben) verschwinden.18 Dieses typische Wachstum kommt nur dann zum Erliegen, wenn Katastrophen auf oder außerhalb der Erde zu einem sogenannten Massenaussterben führen, bei dem mehr als 75 Prozent der Arten – unabhängig von ihrer Anpassungsfähigkeit oder Zahl – ausgelöscht werden.19
Die heutige Aussterberate, die um ein Tausendfaches höher geschätzt wird als das natürliche Hintergrundsterben (also die Aussterberate ohne den Faktor Mensch oder Katastrophen), ist ein deutliches Zeichen dafür, wie verheerend der Mensch sich derzeit auf die Erde auswirkt.20 Je weiter die Zerstörung des Lebens voranschreitet, umso schneller wird die Aussterberate in diesem Jahrhundert ansteigen. Ohne eine gemeinsame Anstrengung, die Artenvielfalt zu erhalten – letztendlich also eine historische Kehrtwende –, so Wilson, wird Ende dieses Jahrhunderts die Hälfte der Pflanzen und Tiere von unserem Planeten verschwunden sein. Andere schätzen den Verlust sogar auf zwei Drittel sämtlicher Spezies.21
Damit befindet sich die Biosphäre in einer Phase des Massenaussterbens. In den circa 560 Millionen Jahren der geologischen Geschichte der Erde wurden bislang nur fünf solcher Phasen verzeichnet, weshalb man jetzt auch vom sechsten Massenaussterben spricht.22 »Irgendwo zwischen dem Best-Case-Szenario und dem Worst-Case-Szenario sterben auf der Erde Tag für Tag zwischen 2,7 und 270 Arten. Auch heute«, schreibt die Naturforscherin Julia Whitty.23 Das vom Mensch verursachte sechste Massenaussterben vollzieht sich extrem schnell – in geologischen Zeiträumen gemessen, gewissermaßen in Sekunden.
Die weitverbreitete Plattitüde, das anthropogene Artensterben sei ein natürlicher Vorgang – schließlich sei das Aussterben einer Art als solches ja auch natürlich –, basiert auf der Unkenntnis des Unterschieds zwischen einem Massenaussterben und einem sogenannten Hintergrundsterben. Ein Massenaussterben tritt extrem selten und global auf, betrifft die Mehrheit aller Lebensformen und zerstört die Biodiversität als Ganzes. Nichts davon trifft auf ein Hintergrundsterben zu. Ein weiteres Klischee ist die Behauptung, das Aussterben einer Art sei etwas so Alltägliches, dass von allen Arten, die je existiert hätten, die meisten bereits ausgestorben seien. Diesem Allgemeinplatz fehlt in der Regel jedoch der Zusatz, dass die meisten ausgestorbenen Arten nicht wirklich »ausgestorben«, sondern zu neuen Arten mutiert sind. Ein Massenaussterben löscht eine Abstammungslinie komplett aus und bereitet damit allen weiteren möglichen evolutionären Verästelungen ein Ende. Charles Darwin nannte diese Art des Aussterbens, wenn »keine abgeänderten Nachkommen« zurückbleiben, ein »völliges Aussterben«.24
Das Wort »Aussterben« ist irreführenderweise der einzige Begriff für den Tod einer Spezies. Das Wort lässt die Ursachen, Umstände, Größenordnung sowie Art und Weise des Sterbens außer Acht und verschleiert so die Tatsache, dass Aussterben nicht gleich Aussterben ist. Insbesondere das Massenaussterben und das Hintergrundsterben sind zwei völlig unterschiedliche Phänomene. So verheißt ein Hintergrundsterben nicht das Ende allen Lebens, sondern ist vielmehr Vorbote für das Entstehen einer Vielzahl neuer Lebensformen. Während beim Hintergrundsterben die kreative Kraft des Lebens fortbesteht, bedeutet ein Massenaussterben die endgültige Vernichtung. Für die Biosphäre erzeugt ein Massenaussterben einen solchen Rückschlag, dass sie Millionen von Jahren braucht, um eine neue Biodiversität zu erschaffen – ein Zeitraum, den kommende Menschengenerationen nicht erleben werden. Wenn wir nicht jetzt die Gelegenheit ergreifen, das Artensterben abzuwenden, werden wir der zukünftigen Menschheit einen unumkehrbar verkümmerten Planeten hinterlassen. »Wir stehen vor der weitreichendsten ›Entscheidung‹, die eine menschliche Gemeinschaft je ohne Rücksprache für die Gesellschaften der Zukunft treffen musste«, so die Biologen Norman Myers und Andrew Knoll.25
Die Relevanz jeder einzelnen vom Aussterben bedrohten Art kann nicht oft genug betont werden, denn es geht nicht nur um den Tod dieser einen Spezies, sondern auch um das Ende ihrer evolutionären Bestimmung – um den Tod all jener Lebensformen, die aus ihr noch hätten entstehen können, solange die Erde die Sonne als Leben spendender Planet umkreist. Der Umweltethiker Holmes Rolston bezeichnet das menschengemachte Artensterben daher zu Recht als »eine Art Supervernichtung«: »Es vernichtet Lebensformen [Spezies] über das Individuum hinaus. Es vernichtet ›Essenzen‹ jenseits des ›Existierenden‹.«26 Das heutige Artensterben betrifft nicht mehr nur einzelne Spezies, die hier und da verschwinden. Das anthropogene Artensterben ist alles andere als natürlich, und wir müssen die Sophisterei eines »natürlichen Artensterbens« entschieden von uns weisen. In einer Art Blitzkrieg werden derzeit unzählige widerstandsfähige Spezies vernichtet – ein Ereignis, zu dem es, in geologischen Zeitspannen ausgedrückt, nur einmal in hundert Millionen Jahren kommt.
In den letzten paar Jahrhunderten sind dem Artensterben Hunderte von Spezies zum Opfer gefallen – Hunderte, von denen wir wissen.27 Denn in den meisten Fällen (insbesondere in tropischen Regionen, Süßwasserökosystemen und auf Inseln) kennen wir die vom Aussterben bedrohten oder bereits ausgestorbenen Arten noch gar nicht. »Viele Arten«, so der Naturschutzbiologe Stuart Pimm und seine Kollegen, »sind bereits ausgestorben, bevor sie überhaupt erfasst werden.«28 Wilson spricht hier von einem anonymem Artensterben, »keine sichtbaren offenen Wunden, deren Blutung man stillen könnte, sondern unbemerkte innere Verletzungen, ein unsichtbarer Verlust von lebenswichtigem Gewebe«.29
Besonders aus Gebieten mit hohem Endemismus verschwinden stillschweigend Pflanzen und Tiere und mit ihnen komplette Lebensgemeinschaften. Endemische Lebensformen, die mit ihren einzigartigen Merkmalen ausschließlich in begrenzten Gebieten und in geringer Zahl auftreten, sind ein wichtiger Bestandteil der Biodiversität. Orte mit hohem Endemismus sind beispielsweise die Tropen, große und kleine Inseln, Flüsse, Seen, Tiefseeberge und viele andere besondere Topografien wie die Everglades in Nordamerika oder die Cape-Floral-Region in Südafrika, um nur zwei von ihnen zu nennen. Wird der Lebensraum einer solchen Spezies zerstört, stirbt auch die Art, weshalb endemische Arten besonders gefährdet sind und viele von ihnen unentdeckt bleiben. Im Fall der Regenwälder beispielsweise »sind 19 von 20 Spezies noch unbekannt … was die Brandrodung von Regenwäldern zu einer Katastrophe jenseits unserer Vorstellung macht«.30 Gerade in den Tropen sterben oft Spezies aus, die erst wenige Jahre zuvor entdeckt wurden – ein Hinweis darauf, dass unzählige weitere Arten unentdeckt ausgelöscht werden.31 Mit »jeder Spezies, die als gefährdet oder ausgestorben gelistet ist«, so der Biologe Bruce Wilcox, »verschwinden wahrscheinlich 100 weitere, die nie registriert wurden«.32
Das Leben steckt in einer Krise, und das nicht nur in endemischen Gebieten. Je nach Region sind die Verluste unterschiedlich geartet. So werden hochgradig endemische Gebiete vom Artensterben heimgesucht, während gemäßigte, borale und polare Regionen sowie die Ozeane unter der Ausrottung von Populationen leiden, die noch deutlich schneller voranschreitet als das Artensterben. Tatsächlich haben wir es hier mit einer biologischen Sterbewelle zu tun, die weltweit jährlich Millionen von Populationen wilder Lebewesen hinwegfegt.33 Und natürlich ist das Verschwinden der Populationen nur ein Vorbote des Artensterbens.34 Ökosysteme sind überall bedroht – insbesondere an Orten, wo Nutzpflanzen angebaut, Haustiere geweidet, Wildfische gefangen, fossile Brennstoffe gewonnen oder menschliche Siedlungen gebaut werden können, sprich, überall dort, wo eine lukrative Entwicklung vorangetrieben wird.
Arten sind entweder bedroht, weil sie direkt getötet werden oder weil man ihnen den Lebensraum nimmt, in der Regel zu landwirtschaftlichen Zwecken.35 Während wir uns mehr und mehr Landflächen aneignen, schrumpft das ursprüngliche Spektrum an Lebewesen auf der Erde immer weiter zusammen. Eine Population nach der anderen wird ausgelöscht, Subspezies verschwinden, das Artensterben nimmt seinen Lauf. Man denke nur an den Tiger: Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts lebten Tiger in großer Zahl in unterschiedlichen Biomen in ganz Zentral- und Südostasien. Dann nahm die Fläche ihrer Lebensräume (hauptsächlich aufgrund der wachsenden Landwirtschaft) im Laufe des 20. Jahrhunderts so massiv ab, dass es heute weltweit nicht eine große Population von Tigern mehr gibt. Aber nicht nur ihre Lebensräume wurden zerstört, Tiger wurden auch rücksichtslos gejagt. Von acht Arten sind in den letzten Jahrzehnten vier ausgestorben: der Kaspische Tiger, der Bali-Tiger, der Java-Tiger und der Südchinesische Tiger. In nur einem Jahrhundert ist die Zahl der Tiger um 97 Prozent zurückgegangen. Angesichts der zahlreichen Belästigungen bis hin zu groben Verletzungen, unter denen sie zu leiden haben, ist heute kein wild lebender Tiger mehr sicher. Zudem sind hinter den Tigern, wie auch hinter anderen Wildtieren, immer mehr Wilderer her, weshalb sie »überall stark bedroht sind und ihr Aussterben in der Wildnis mit jedem Tag näher rückt«.36
Ein fast identisches Schicksal teilen Geparde, Löwen, Schneeleoparden, Jaguare und andere große Tiere wie Orang-Utans, Gorillas, Lippenbären, Pandas, Wölfe, Wale, Walrösser, Seekühe, Nilpferde, Nashörner, Giraffen und Elefanten. Das Verschwinden der Wildtiere ist eine so augenfällige Katastrophe, dass Wissenschaftler ihr sogar einen eigenen Namen gegeben haben: »Defaunation«.37 Zwischen 1970 und 2012 hat die Welt fast 60 Prozent ihrer Wildtiere eingebüßt, wie eine neuere Studie belegt, und die Zahl der Tierarten in Seen, Flüssen und anderen Süßwassersystemen ist sogar um 81 Prozent zurückgegangen.38 Angesichts des allgemeinen Trends sind diese unheilvollen Erkenntnisse kaum überraschend. Bei Seevögeln, Papageien, Süßwasserschildkröten, Meeresschildkröten, Seepferdchen, Löwen, Primaten, Malaienbären, Schuppentieren, Tasmanischen Teufeln, Rotem Thun, Gibbons, Fröschen, Fledermäusen, Haien und vielen anderen Spezies wurde ein Rückgang zwischen 30 und 90 Prozent vermerkt. Die Liste ist endlos und die Ausrottung einer Art in ihrer Endgültigkeit entsetzlich.
Man kann einer Spezies aber auch schaden, ohne sie komplett auszumerzen, oder eine Landschaft verödet, ohne sie aktiv platt zu walzen, denn bereits das Töten von Wildtieren in größerer Zahl und die Übernahme ihrer Lebensräume führt zu einem Zusammenbruch der Ökosysteme. Die Welt wird ihrer Wildheit und Lebenskraft beraubt, und Lebensweisen, Bewusstseinsformen und Verhaltensmuster, die ganze Topografien prägen, werden vernichtet.39
Die Energie wilder Tiere verleiht der Biosphäre ihre dynamische Kraft, das heißt, durch die systematische Defaunation werden terrestrische und maritime Lebensräume zum Schweigen gebracht, und es veröden ganze Regionen.

Die direkten Ursachen der Zerstörung

Die zunehmende Feindseligkeit der Welt gegenüber der Biodiversität wird in der Regel an zwei Arten von Ursachen festgemacht – direkten und eigentlichen. Die direkten Ursachen – das Töten, die Zerstörung und Fragmentierung von Lebensraum, die Verschmutzung der Umwelt, die Ausbreitung nicht heimischer Arten, der Klimakrise sowie die Synergien dieser Faktoren – sind bereits umfassend dokumentiert. Und auch die eigentlichen Ursachen, also Faktoren, die die direkten Ursachen begünstigen, wie Größe und Wachstum der Bevölkerung, Massenkonsum und die Macht neuer Technologien, sind weithin bekannt. Neben diesen Ursachen existiert meines Erachtens aber eine noch viel grundsätzlichere Kausalität, die ich im Überlegenheitsdenken des Menschen sehe. Dieses Weltbild baut die direkten Angriffe auf die Biosphäre so in ein Narrativ ein, dass gegen die eigentlichen Ursachen nichts unternommen wird. Aus diesem Grund widmet sich dieses Buch der Bloßstellung und Kritik einer Weltanschauung, die die menschliche Vorherrschaft als gegeben ansieht, und setzt sich gleichzeitig für die Wiederherstellung einer Erdengemeinschaft ein, die diese Vorherrschaft abschafft.
In 70 Prozent der Fälle sind für das Aussterben von Tieren und Pflanzen die Vernichtung und Zerstückelung von Lebensraum verantwortlich, was sie zur wichtigsten direkten Ursache für den Zusammenbruch der Biodiversität macht.40 Nüchtern betrachtet, sind dieses »Zerstören und Zerstückeln von Lebensräumen« nichts anderes als die Konsequenzen einer weltweiten Aneignung von geografischem Raum durch den Menschen – einer feindlichen Übernahme, die, sobald es sich um fruchtbare, ertragreiche oder leicht zugängliche Gebiete handelt, eifrig vorangetrieben wird.
Mit jedem Tropenwald, den man für die Viehzucht, Nutzholz, Soja- oder Rohrzuckermonokulturen, Palmölplantagen, Subsistenzwirtschaft, Ölbohrungen oder den Bergbau fällt oder brandrodet, wird auf einen Streich eine Vielzahl an Spezies ausgerottet oder zumindest ihr baldiges Aussterben vorbereitet. Brasilien beispielsweise hat auf diese Weise 20 Prozent seines Amazonasgebiets entwaldet.41 Der atlantische Regenwald, der einst ein Gebiet viermal so groß wie Großbritannien bedeckte, ist Rinderfarmen, Zuckerrohr- oder Kaffeeplantagen gewichen und auf 7 Prozent seiner ursprünglichen (größtenteils fragmentierten) Fläche geschrumpft.42 Viele der noch verbliebenen Arten sind bedroht, und mindestens ein Drittel der Baumarten wird wohl ebenfalls aussterben, sobald die Tiere fehlen, die ihre Samen verbreiten.43 Südostasien, das heute von allen tropischen Regionen weltweit die höchste Entwaldungsrate hat (vor allem aufgrund von Palmölplantagen), könnte, wenn sich dieser Trend fortsetzt, noch in diesem Jahrhundert 75 Prozent seiner Wälder und die Hälfte seiner Arten einbüßen.44 Haiti war einst zu 60 Prozent bewaldet, heute ist nur noch 1 Prozent Wald übrig, und die Küsten sind überfischt.45
Das größte Biom Nordamerikas, die Prärie, ist zu 98 Prozent verschwunden.46 Das auf ihren Ruinen errichtete Landwirtschaftsimperium hat nicht nur der Wanderung der Bisons (und um ein Haar der kompletten Spezies) ein jähes Ende bereitet, sondern auch die natürlichen Graslandschaften zerstört und zahlreiche andere Lebensformen der Prärie auf die Liste der vom Aussterben bedrohten Arten verbannt. Innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte hat der Einsatz von Unkrautvernichtungsmitteln auf dem gesamten Kontinent fast eine Milliarde Monarchfalter dahingerafft, indem er ihnen die Nahrung raubte.47 (»Das Ausmaß der Verluste ist gigantisch«, sagt der Ökologe Chip Taylor, Vorstand der Organisation Monarch Watch.48)
In Australien hat die Umwandlung natürlicher Lebensräume in Weideland und Ackerflächen seit der Besiedlung durch die Europäer zum Aussterben von 27 Säugetierarten beigetragen.49 Die vor Leben strotzenden Mangrovenwälder tropischer und subtropischer Küsten weichen Aquakulturen oder der Entwicklung dieser Regionen und werden zu Bau- und Brennmaterial.50 (Entlang der Küsten Zentralamerikas sind 40 Prozent der in den Mangrovenwäldern lebenden Arten vom Aussterben bedroht.)51 Industrielle Trawler, die ihre riesigen Schleppnetze über die Fischgründe der Kontinentalplatten ziehen, sind dazu übergegangen, auch Unterwassergebirge plattzumachen und die dort angesiedelten Lebensgemeinschaften zu verwüsten.
Eine andere Form der Zerstörung von Lebensräumen ist die Habitatfragmentierung, welche die Auswirkungen auf die Biosphäre noch zusätzlich verstärkt.52 Naturbelassene Gebiete werden von Straßen, Autobahnen, Zäunen, Stromleitungen, Pipelinenetzen, Landwirtschaft, Weideland, Wohngebieten und anderen Infrastrukturen zerstückelt, was den massiven Rückgang der Artenvielfalt in gemäßigten, borealen und tropischen Regionen noch verstärkt. Generalistische Spezies, zu denen nichtheimische Arten und Meso-prädatoren (Prädatoren, selbst wiederum anderen Prädatoren als Nahrung dienen) zählen, können in diese Gebiete vorstoßen und heimische Arten, die ständigen Schutz brauchen, verdrängen oder fressen. Krankheitserreger sowie Menschen mit Kettensägen, Pflügen und Gewehren haben ebenfalls leichten Zugang, und die für viele Arten lebenswichtigen Mikroklimata werden gestört.53 Im Kongo beispielsweise konnten Wilderer erst mit dem Straßenbau weit genug in die Wälder vordringen, um Waldelefanten und andere Tiere zu jagen.54 Und die Rodung und Fragmentierung der mexikanischen Waldgebiete, in denen die Monarchfalter überwintern, lassen kalte Nachtluft in deren Refugien eindringen, die eine weitere lebensbedrohliche Gefahr für diese Art darstellt.55
Fragmente unberührter Natur verlieren im Laufe der Zeit immer mehr Populationen und Spezies. Für große Tiere sind diese »Lebensrauminseln« schlicht zu klein, um zu überleben, und ihre Populationen werden durch den fehlenden Austausch von genetischem Material mit anderen Populationen zusätzlich geschwächt. Auch Pflanzen und kleine Tiere werden weniger, wenn sie sich nicht über größere Flächen ausbreiten können, und laufen Gefahr auszusterben. Um eine Spezies, die auf ein paar wenige isoliert lebende Populationen begrenzt ist, auszurotten, genügt dann ein Waldbrand oder eine Krankheit.
Die offenkundigen Auswirkungen der Zerstörung und Fragmentierung von Lebensräumen hat zu der Erkenntnis geführt, dass wir für den Erhalt der Biodiversität großflächige, miteinander verbundene Naturschutzgebiete brauchen.56 Naturschutzgebiete leisten »einen wesentlichen Beitrag zur Eindämmung des Artensterbens«:57 Ohne die bereits existierenden Naturschutzgebiete wäre die Aussterberate von Säugetieren, Vögeln und Amphibien sogar noch um 20 Prozent höher.58 Aber auch Naturschutzgebiete sind keine absolut sichere Lösung – insbesondere dann nicht, wenn die geschützten Gebiete nur auf dem Papier geschützt sind, wie es bei vielen (wenn auch nicht allen) Naturreservaten Südostasiens der Fall ist. Dort lebt aufgrund der blutigen Jagd nach Buschfleisch in vielen Regionen kein einziges Tier mehr, das größer ist als ein Spitzhörnchen.59
Tatsächlich ist die Zahl an wild lebenden Tieren, die weltweit durch Gewehre, Fallen, Gift, Haken und Netze getötet werden, überwältigend. Neuere Forschungen zeigen, dass das direkte Töten für manche Wirbeltierarten, insbesondere große Land- und Meeressäugetiere, sogar die größte Bedrohung darstellt.60 Um die Schlachtfelder der Erde besser benennen zu können, haben Wissenschaftler zahlreiche Neologismen wie »Rifle Extinction«, »Defaunation« oder »Empty Forest, Empty Landcape und Empty Coral Reef Syndrom« geschaffen. Das legale und illegale Töten von Tieren (oder im Fall von Haustierhandel und Unterhaltungsindustrie deren Einfangen) ist sehr unterschiedlich motiviert. Es geht um die Beschaffung von Nahrung, den Schutz von Nutztierherden, die Schaffung landwirtschaftlicher Nutzflächen, die Herstellung traditioneller Heilmittel, um Profitgier (wenn beispielsweise Tierkörperteile als Möbel verkauft werden) oder um Angst. Der industrielle Fischfang mit seinen verheerenden Auswirkungen auf die Fischbestände und andere maritime Lebensformen ist eine in gleichem Maße legale und illegale Form der Massenvernichtung. Die genauen Zahlen des Beifangs – tote oder sterbende Kreaturen, die einfach zurück ins Meer geworfen werden – kennt zwar niemand, aber er macht wohl ungefähr ein Drittel des an Land gezogenen Fangs aus, in den verheerendsten Fällen bis zu 80 oder 90 Prozent.61
Rund um den Globus werden in Entwicklungsländern jedes Jahr zehnmillionenfach Wildtiere zur Selbstversorgung oder aus Profitgier abgeschlachtet.62 Die sogenannte Buschfleischkrise betrifft ein breites Spektrum an Tierarten, das von Elefanten und Nashörnern bis hin zu Primaten, Schuppentieren und Fledermäusen reicht.63 In Ghana werden beispielsweise jährlich 140 000 Flughunde getötet. Viele Pflanzengemeinschaften brauchen diese Flughunde jedoch zur Verbreitung ihrer Samen, weshalb das ökologische Gleichgewicht dadurch ins Wanken gerät.64 Die früher kaum ins Gewicht fallende Subsistenzjagd hat sich zu einem internationalen (oft kriminellen) Milliardengeschäft entwickelt, weshalb die Buschfleischkrise und die Ausrottung ganzer Populationen (insbesondere der Säugetiere) in Afrika, Asien und Südamerika zur größten Bedrohung für die Zukunft der Wildtiere geworden ist.65 Aktuell sind 301 Säugetierarten, von denen drei wahrscheinlich bereits ausgestorben sind, durch die Jagd bedroht.66 Die Situation gejagter Spezies, von denen nur zwei Prozent stabile oder wachsende Populationen aufweisen, hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten massiv verschlechtert.67 Aus einem vor Kurzem veröffentlichten Überblick über die weltweit kritische Situation folgern der Ökologe William Ripple und seine Co-Autoren, dass »aufgrund wachsender menschlicher Populationen, einem zunehmend mittelständischen Wohlstand, dem Zugriff von Entwicklungsländern auf moderne Jagdtechnologien und der Leichtigkeit, mit der Güter rund um den Globus transportiert werden können, die Nachfrage nach wilden Tieren zum Verzehr oder anderen Zwecken derart steigen wird, dass sie durch die derzeitigen Wildtierpopulationen nicht bedient werden kann«.68 Der Verzehr von Wildfleisch ist zwar der Hauptgrund für das Aussterben dieser Arten, aber bei Weitem nicht der einzige. Das Fangen und Töten wilder Tiere für die Herstellung von Medikamenten, Kleidung und Schmuck oder als Haustiere spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. So stellt beispielsweise der Haustierhandel für die Vogelarten Indonesiens und Südostasiens eine massive Bedrohung dar.69
Neobiotische (invasive, exotische oder fremde) Arten haben ebenfalls einen direkten Einfluss auf die Biodiversität. Es handelt sich dabei um Spezies, die der Mensch absichtlich oder auch zufällig in eine neue Umgebung bringt. Manchmal haben neobiotische Arten keine negativen Auswirkungen auf die neue Umgebung. Sie werden zu etablierten Arten, die sich ihrer neuen Umgebung anpassen und dieser gelegentlich sogar Vorteile bringen (strittige Beispiele sind Honigbienen in Nordamerika und Dingos in Australien). Werden neobiotische Arten aber im wahrsten Sinne des Wortes »invasiv«, hat das verheerende Auswirkungen. Hauskatzen beispielsweise töten jährlich zwischen 1,4 und 3,7 Milliarden Vögel und eine noch größere Zahl an kleinen Säugetieren.70 Die braune Nachtbaumnatter, die zufällig auf die Pazifikinsel Guam eingeschleppt wurde, verschlang dort viele der heimischen Vogel- und Fledermausarten auf Nimmerwiedersehen. Der absichtlich im Viktoriasee ausgesetzte Nilbarsch bedeutete für die Hälfte der endemischen Fischarten dort das Ende, und die Rote Feuerameise hat sich von Südamerika bis nach Nordamerika und in andere Regionen der Welt ausgebreitet, wo sie heimische Insektenarten verdrängt und so die Wildtierpopulationen schrumpfen lässt.71
Die Einführung von Ratten, Ziegen und Schweinen hat insbesondere auf Inseln zahllosen heimischen Tierarten und Pflanzen die Existenz gekostet. Auf der mexikanischen Insel Guadalupe haben neobiotische Arten 26 Pflanzenarten, 11 Vogelarten und riesige Wälder vernichtet.72 Auf Hawaii hat die Vogelgrippe, übertragen durch eine invasive Moskitoart, 60 Vogelarten ausgerottet oder stark dezimiert und bedroht noch weitere.73 Und dem durch den Mensch verbreiteten Cytridpilz fallen rund um den Globus zahlreiche Froscharten zum Opfer. Der Anteil der durch die Einführung fremder Tiere und Pflanzen bedrohten Arten ist mancherorts enorm. So sind auf Hawaii die meisten gefährdeten Spezies aufgrund fremder Arten bedroht und in den Vereinigten Staaten immerhin zwischen 25 und 40 Prozent.74 Ganz allgemein kann man sagen, dass neobiotische Arten »seit 1600 in 20 Prozent der Fälle alleine für das Aussterben einer Art verantwortlich sind und in der Hälfte der Fälle zumindest teilweise«.75
Auch die Umweltverschmutzung ist ein Angriff auf die gesamte Biosphäre. Sie macht viele Lebewesen krank oder tötet sie und radiert ganze Ökosysteme aus. Weltweit existieren beispielsweise rund 400 »Todeszonen« – Flussmündungen, die aufgrund des Abflusses von Dünger und Pestiziden über zu wenig Sauerstoff verfügen.76 Lärmbelastung und die Verschmutzung durch Chemikalien haben zum Aussterben des Chinesischen Flussdelfins beigetragen (und auch die fünf heute noch lebenden Süßwasserdelfinarten werden von verschiedenen Seiten bedroht).77 Die meisten Flüsse und Seen Chinas sind mit landwirtschaftlichen Chemikalien und Industriemüll verschmutzt – Kollateralschaden eines ständig wachsenden wirtschaftlichen Wohlstands und einer riesigen Bevölkerung –, und vielen Flüssen auf der ganzen Welt droht dasselbe Schicksal. In China, wo 20 Prozent der bedrohten Arten der Umweltverschmutzung zuzuschreiben sind,78 kann mittlerweile »in 80 Prozent des 50 000 Kilometer langen Flusssystems keine Fischart mehr überleben«.79
Auf der anderen Seite des Globus stirbt währenddessen im Sankt-Lorenz-Strom laut einer 2014 veröffentlichten wissenschaftlichen Studie »einer von vier Walen an Krebs, in den meisten Fällen Darmkrebs«. »In verschmutzten Süß- und Salzwassergebieten wurden bei 16 Fischarten«, so die Studie weiter, »Epidemien von Leberkrebs festgestellt. Derselben Krebsart, die auch bei bodenfressenden Fischen in Industrie- und Stadtgebieten festgestellt wurde.«80 Toxische Schadstoffe sind überallhin vorgedrungen, selbst in die Arktis, wo gefährliche Chemikalien die Fortpflanzung von Eisbären beeinträchtigen. Delfine und Killerwale haben große Mengen an PCBs (polychlorierten Biphenylen) im Körper, die ebenfalls die Fortpflanzung der Tiere beeinträchtigen, weshalb auch europäische Killerwalpopulationen vom Aussterben bedroht sind.81 In ganz Nordamerika, aber auch andernorts herrscht eine Lichtverschmutzung, die für Millionen von Zugvögeln, die gegen Gebäude oder andere Konstruktionen prallen, zur Todesfalle wird.82
Die Meere füllen sich zudem mit Plastik – angefangen bei den Plastiktüten, Platten, Folien und verlorenen Fischernetzen, die den Great Pacific Garbage Patch (und andere kleine »Kontinente« aus Müll) bilden, bis hin zum für das Auge unsichtbaren Mikroplastik.83 Dieses Plastik tötet Meeressäugetiere, Meeresschildkröten, Fische sowie Seevögel und deren Nachwuchs, von denen jene, die sich wie Sturmvögel, Kurzschwanz-Sturmtaucher und Albatrosse von der Meeresoberfläche ernähren, am stärksten betroffen sind.84 Wenn die Küken sterben, offenbaren ihre in den Nestern verwesenden Körper unter den flauschigen Federn eine groteske Sammlung der bunten Plastikteile, mit denen sie gefüttert wurden.85 Wale und Meeresschildkröten schlucken Plastiktüten, die ihren Verdauungstrakt verstopfen. 2012 fand man im Magen eines gestrandeten Pottwals 30 Quadratmeter Plane, über 4 Meter Schlauch, ein 9 Meter langes Plastikseil und zwei Blumenkübel.86 Alles in allem sterben jährlich eine Million Seevögel, hunderttausend Meeressäugetiere und unzählige Fische, weil sie Plastik fressen oder sich darin verfangen.87 Außerdem gelangt zunehmend mehr Mikroplastik in die Nahrungskette der Meere, mit noch unbekannten Folgen für Tiere, Pflanzen und Menschen. Eine Metaanalyse von 100 Studien zum Plastikmüll ergab, dass die Gefahr, Mikroplastik zu fressen, bei sämtlichen maritimen Arten extrem hoch ist.88
Nachdem die Wissenschaft erkannt hatte, dass Kohlendioxid in der Atmosphäre das Klima verändert und zu einer Versauerung der Meere führt, wurde es weltweit zum Schadstoff erklärt. Tatsächlich sind sowohl der Schadstoff Kohlendioxid als auch Klimaveränderungen natürlich, aber der rasante Anstieg der Treibhausgase und die galoppierende Klimakrise lassen die Natur mit ihrem sehr viel langsameren Tempo weit hinter sich. Pumpen wir die Atmosphäre weiterhin in dieser Geschwindigkeit mit Kohlendioxid voll, steuert die Biosphäre auf einen Temperaturanstieg zu, der in etwa dem von der Eiszeit zur Zwischeneiszeit entspricht – nur dass er sich mit zehnfacher Geschwindigkeit vollzieht. Die Natur wird keine Zeit haben, sich anzupassen, was alle komplexen Lebensformen vor eine ungewisse Zukunft stellt. Studien weisen darauf hin, dass eine von sechs Arten allein aufgrund der Klimakrise aussterben könnte.89 So sind unter anderem alpine Ökosysteme, Tropenwälder, Mangrovenwälder, die Tundra und Korallenriffe bedroht. In den Rocky Mountains sind Millionen Morgen Wald abgestorben, weil das wärmere Klima die Ausbreitung des für Bäume tödlichen Bergkiefernkäfers fördert. Große Bäume – die größten Lebewesen der Erde und auch mit die ältesten – sterben überall. Ihre Dichte hat bereits um 25 Prozent abgenommen.90
Auch das Aussterben vieler Amphibienarten hängt mit der Verbreitung einer Krankheit zusammen, die durch die globale Erderwärmung begünstigt wird – ein weiterer Punkt, der die Erkenntnis stützt, dass »klimaverursachte Epidemien eine direkte Bedrohung für die Biosphäre darstellen«.91
Das größte Massenaussterben der Erde an der Perm-Trias-Grenze, bei dem 90 Prozent aller maritimen und 70 Prozent aller terrestrischen Arten ausstarben, könnte durch eine Periode der globalen Erderwärmung ausgelöst worden sein, während der Methanvorkommen im Meer und in Permafrostzonen freigesetzt wurden und für einen unkontrollierten Temperaturanstieg sorgten. Das zeigt, dass die anthropogene Klimakrise durchaus das Potenzial hat, »die Entstehungsgeschichte der Erde umzukehren«, wie es der Umwelt- und Klimaaktivist Bill McKibben formuliert.92